Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
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ZIMMERMANN, K. W.
(1996). Wirkt "psychomotorisches" Training ? - Eine Meta-Analyse
neuerer Forschungsarbeiten. In Hessisches Institut für
Bildungsplanung und Bildungsentwicklung (Hg.), Schule und Beratung,
Nr. 6. (redaktionell modifiziert als
WWW-Dokument)
Über Konzepte und Programme zum psychomotorischen Training existiert eine schier unübersehbare Flut von Veröffentlichungen. Deutlich eingeschränkter wird die Fachliteratur, wenn man sich auf die Suche nach Veröffentlichungen begibt, die Aussagen über die Effektivität psychomotorischen Trainings zum Inhalt haben. Für den deutschsprachigen Raum sollen hier exemplarisch die Arbeiten von BAUER, PELLENS und VAN DER SCHOOT (1981), KIPHARD (1990) und vor allem von EGGERT (1994) genannt sein. Bei der Durchsicht der Arbeiten fällt auf, daß deutschprachige Veröffentlichungen eine gar nicht mehr so "frische" Arbeit von KAVALE und MATTSON aus dem Jahre 1983 offensichtlich nicht rezipiert haben (vgl. ZIMMERMANN & KAUL, 1992).
In einer umfangreichen Studie haben KAVALE und MATTSON (1983) den Effekt von sensumotorischen Programmen auf Merkmale der Persönlichkeit unter Verwendung der Methode der Meta-Analyse untersucht. Die wesentlichen Befunde der Arbeit sollen im folgenden in knapper Form dargestellt werden.
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Einige Bemerkungen zur Meta-Analyse |
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Gelegentlich (natürlich nicht immer) haben die im Forschungsbetrieb Arbeitenden Mühe, den Stand der Forschung zu überblicken, denn ein Zeichen heutiger Forschung besteht darin, daß die Flut von Forschungsergebnissen in exponentieller Form zunimmt. Einen Ausweg aus diesem Dilemma stellen Sammelreferate/Reviews dar, in denen die zu ausgewählten Themen erschienenen Arbeiten möglichst komplett zusammenfassend und vergleichend dargestellt werden. Im Rahmen derartiger Arbeiten spielt eine Methode eine Rolle, die in zunehmendem Maße als Arbeitsbasis verwendet wird - die Meta-Analyse. Mit Meta-Analysen wird versucht - um mit einem Bild zu sprechen -, aus vielen (möglichst sämtlichen) zu einem Thema veröffentlichten Arbeiten durch eine einheitliche, standardisierte Neu-Auswertung als Quintessenz des Forschungsstandes eine Gesamtauswertung zustande zu bringen. Dabei wird der Grad der Effektivität der jeweiligen unabhängigen Variablen (z.ÝB. "Angst im Sport", "Therapieerfolg", "Psycholinguistisches Training" oder "mentales Training" ...) für jede Untersuchung als Effektgröße als entscheidendem Maß der Metanalyse erfaßt bzw. berechnet. Je größer dieser Wert von Null (Basiswert: Keine Wirkung der unabhängigen Variablen) abweicht, umso größer ist die Effektivität der untersuchten unabhängigen Variablen. Das Maß der Effektgröße könnte man als "gemeinsamen Nenner" aller veröffentlichten Untersuchungsergebnisse zu einem Thema bezeichnen. - Die Methode der Meta-Analyse ist zwar nicht unumstritten (vgl. etwa THOMAS & NELSON, 1990), sie stellt jedoch anerkannterweise einen Schritt in Richtung auf die Objektivierung bzw. Standardisierung von Sammelreferaten dar. |
Die Durchsicht der Literatur durch KAVALE und MATTSON führte zu vier Hauptgruppen von unabhängigen Variablen, nach denen differenziert ausgewertet werden konnte: Motorik/ Wahrnehmung, Kulturtechniken, Intelligenz und adaptives Verhalten. Abbildung 1 gibt die Ergebnisse wieder, unterschieden nach Motorik/Wahrnehmung, Kulturtechniken, Intelligenz und adaptives Verhalten. Die Ergebnisse scheinen optisch zu differenzieren, und zwar zugunsten der motorischen und adaptiven Variablen, insgesamt jedoch festzuhalten, daß die Effektgrößen lediglich dem Zufall folgen.

Abb. 1: Die
Wirkung psychomotorischer Programme auf die Bereiche
MotorikWahrnehmung, Kulturtechniken, Intelligenz und adaptives
Verhalten
Begeben wir uns auf die Suche nach Befunden, die im Rahmen einer weiteren Ausdifferenzierung der unabhängigen Variablen gewonnen wurden. In Abbildung 2 sind die feinanalytischen Resultate zu den Merkmalen Grobmotorik, visuelle Wahrnehmung und Leseleistungen enthalten. Das adaptive Verhalten ist von den Autoren nicht weiter differenziert worden. Die Ergebnisse lassen erkennen, daß durch eine weitere Differenzierung keine Hinweise auf unabhängige Variablen gefunden wurden, deren Effektgrößen über den Zufall hinausgehen.

Abb. 2: Die Wirkung psychomotorischer Programme auf Grobmotorik, visuelle Wahrnehmung und Leseleistung
Der nächste Schritt ist relativ spannend, versucht er doch, die unterschiedlichen theoretischen Ansätze - die "Schulen" - in Richtung auf ihre möglicherweise unterschiedliche Effektivität und somit Gültigkeit abzuklopfen. Bei uns am bekanntesten sind aus dem anglo-amerikanischen Bereich die Ansätze von CRATTY (1979), DELCATO (1966), FROSTIG (1969) und KEPHART (1971) (nicht zu verwechseln mit KIPHARD, dem deutschen Vertreter).
Auch hier ist festzuhalten (vgl. Abbildung 3), daß die Befunde insgesamt im Bereich des Zufalls liegen.

Abb. 3: Die
Effektivität psychomotorischer Programme für
unterschiedliche "Schulen"
Die Analyse in Abhängigkeit von unterschiedlichen Schulleistungsgruppen (Abbildung 4) führt ebenfalls zu Effektgrößen im Zufallsbereich.

Abb. 4: Die Effektivität psychomotorischer Programme für verschiedene Schulleistungsgruppen
Schließlich zeigt sich, daß keine der unterschiedlichen Altersgruppen (vgl. Abbildung 5) einen bedeutsamen Effekt aufweisen kann.

Abb. 5: Die Effektivität psychomotorischer Programme in verschiedene Altersgruppen.
Es ist davon auszugehen, wie Diskussionen zeigen, daß eine Diskrepanz zwischen den dargestellten Ergebnissen und den Erfahrungen aus der Praxis reklamiert wird. Ein Teil dieser Diskrepanzerlebnisse bezieht sich auf Persönlichkeitsmerkmale "im engeren Sinne", die nur in einem einzigen nicht weiter differenzierten Punkt ("adaptive behavior") Gegenstand der Analyse von KAVALE und MATTSON waren. Eine differenzierte Analyse für den komplexen Bereich des sozialen und emotionalen Erlebens und Verhaltens steht somit aus. Diese allerdings ist nur durchführbar, wenn experimentelle Untersuchungen hierzu vorliegen. Im Moment scheint dies nicht der Fall zu sein.
Für den Augenblick ist zusammenfassend festzuhalten, daß im Rahmen der Untersuchung von KAVALE und MATTSON für kein einziges der "Perceptual-motor"-Programme die meta-analytischen Feinanalysen einen bedeutsamen Nachweis ihrer Effektivität und somit ihrer Validität erbringen konnten. Die Formulierung der Autoren "The wide acceptance of perceptual-motor intervention techniques has been based, for the most part, on informal subjective evidence rather than formal, experimental investigations" (KAVALE & MATTSON, 1983, S. 165) gilt nach wie vor; sie sollte aufgefaßt werden als Aufforderung zu einer weiteren positiv-kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema (vgl. etwa FEDIUK, 1995).
Literatur
BAUER, Annette, PELLENS, C. & VAN DER SCHOOT, P. (1981). Dokumentation und Bericht zum Stand der Forschung im Bereich Motorik und Sport bei geistig Retardierten. In K.-A. JOCHHEIM & P. VAN DER SCHOOT (Hrsg.), Behindertensport und Rehabilitation, Teil 1: Psychisch Behinderte, Geistig Retardierte (S. 455-466). Schorndorf: Hofmann.
CRATTY, B.ÝJ. (1979). Perceptual and motor development in infants and children. Englewood Cliffs, NJ: Prentice-Hall (2. Aufl.).
DELCATO, C.ÝH. (1966). Neurological organization and reading. Springfield, IL: Charles C. Thomas.
EGGERT, D. & LÜTJE-KLOSE, Birgit (1994). Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung (Textband). Dortmund: borgmann.
FEDIUK, F. (1995). Erziehung durch Bewegung: Ja? Wie?. Kassel (Vortragsmanuskr., unveröff.).
FROSTIG, Marianne (1969). Move, grow, and learn. Chicago, IL: Follett.
KAVALE, K. & MATTSON, P.ÝD. (1983). One jumped off the balance beam: Meta analysis of perceptual-motor training. Journal of learning disabilities, 16, 165-173.
KEPHART, N.ÝC. (1971). The slow learner in the classroom. Columbus, OH: Charles E. Merrill.
KIPHARD, E.ÝJ. (1990). Entwicklung und Perspektiven der Psychomotorik. In G. HUBER, H. RIEDER & G. NEUHUSER (Hrsg.), Psychomotorik in Therapie und Pädagogik (S. 173-201). Dortmund: modernes lernen.
THOMAS, J.R. & NELSON, J.K. (1990, 2. Aufl.). Research methods in physical activity. Champaign, IL: Human Kinetics.
ZIMMERMANN, K.ÝW. & KAUL, P. (1992). Einführung in die Psychomotorik - Teil V. Bewegung und Persönlichkeit - Differentielle Psychomotorik. Kassel: Vorlesungs-Manuskript (unveröff.).
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. Klaus W.
Zimmermann
Universität
Gesamthochschule Kassel
Fachbereich 03 - FR
Psychologie
Holländische Str.
36-38
D-34109 K a s s e
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