Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/LEHRTEXTE/Lehrtexte.html
Der download dieses Textes und die Spiegelung auf dem server http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/ erfolgte ausschließlich zu Lehr- und Dokumentationszwecken bzw. zur Gewährleistung einer gewissen Stabilität der Informationen und berührt nicht das Copyright der jeweiligen AutorInnen! Damit soll den userInnen (StudentInnen, SchülerInnen) die Nachprüfbareit der Originalquellen ermöglicht werden, die im internet aufgrund der Dynamik des Entstehens und Vergehens von pages selten gegeben ist.
Falls sich AutorInnen durch diese Form der Dokumentation in ihrem Urheberrecht verletzt fühlen, bitte eine mail an den webmaster: werner.stangl@jku.at
Diese Seite gehört zu "Werner Stangls homepage der internetunterstützen Lehre": http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/default.html

 

Gewaltfilme als Angsttraining. 
Kontrollierbare Angstreize simulieren den Umgang mit realen Ängsten. 
Gespräch mit Prof. Dr. Peter Vitouch, Universität Wien:

In bestimmten Entwicklungsphasen setzen sich manche Jugendliche freiwillig extremen Angstsituationen aus: Actionfilme, Horrorfilme sind vor allem bei männlichen Jugendlichen während und kurz nach der Pubertät gefragt, Kinder gruseln sich mit Vorliebe bei Märchenfilmen, die aber auch so manchem Erwachsenen einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Über die Gründe sprach tv diskurs mit Peter Vitouch, Professor für Psychologie an der Universität Wien und Leiter des Ludwig-Bolzmann-Instituts für empirische Medienforschung.

Filme, die Brutalität zeigen, werden in der Öffentlichkeit vor allem unter dem Aspekt der Gewaltwirkung diskutiert. Sie haben sich stärker mit der Frage beschäftigt, warum Menschen solche Filme sehen.

Mich hat als Sozialwissenschaftler der Nutzen und die Belohnung interessiert, die hinter dem Konsum von Gewaltdarstellungen stecken, denn es wird ja niemand gezwungen, sich diese Filme anzuschauen. Mit anderen Worten: Es herrscht ein breiter Konsens in unserer Gesellschaft, daß Gewalt in den Medien abzulehnen ist, es werden auch immer wieder aus politisch motivierten Gründen Kampagnen und Aktionen gestartet, um dagegen etwas zu unternehmen. Eltern, Lehrer, alle sind der Meinung, daß das ein ganz wichtiger Aspekt ist - bei den Kindern ist das schon ein bißchen anders möglicherweise -, und dann gehen alle nach Hause, setzen sich vor den Fernseher und schauen sich die Gewaltprogramme an. Anders wären die Quoten, die die Sender erreichen, nicht zu erklären. Meine grundsätzliche Frage ist: Wie kommt es zu dieser schizophrenen Haltung in unserer Gesellschaft?

Es gibt ein Erklärungsmodell, das einen ganz interessanten Effekt beschreibt, der schon während des 2. Weltkrieges im Rahmen der Propagandaforschung in Amerika untersucht wurde. Das ist der sogenannte "third-person-effect", der in dieser Form nicht einfach als Dritte-Person-Effekt übersetzt werden kann. Der "third-person-effect meint", daß wir beide überzeugt sind, daß zuviel Gewalt im Fernsehen schlecht ist und daß wir andererseits der Meinung sind, daß wir uns selbst solche Programme ohne Probleme anschauen können. Uns macht das ja nicht so viel aus, denn wir sind ja nicht blöd. Wir werden sicher nicht über jemanden herfallen, wenn wir uns einen - möglicherweise auch künstlerisch sehr wertvollen und interessanten - Film anschauen, der Gewalt darstellt. Das heißt, die anderen sind gefährdet, wir selbst sind nicht gefährdet. Das sagt aber jeder, und aufgrund dessen gehen alle nach Hause und schauen sich diese Filme an. Das ist schon mal eine sehr triftige Erklärung dafür, daß es nicht die pure Unanständigkeit der Menschen ist, die hier mit gespaltener Zunge sprechen. Sondern es handelt sich um einen Effekt, der auch in der Werbung zu beobachten ist, bei der immer darüber gesprochen wird, daß man darauf achten muß, daß sie nicht zu sehr manipuliert und daß vor allem die Kinder nicht zu Konsumsklaven werden. Andererseits äußern die allerwenigsten Leute in persönlichen Gesprächen die Meinung, daß sie selbst durch Werbung schwer gefährdet sind. Auch da sagen die meisten Menschen: `Wir kaufen uns nicht grundsätzlich etwas, was wir nicht brauchen, nur weil die Werbung uns etwas einredet, bei uns funktioniert die Gehirnwäsche nicht.´ Andere Menschen, Kinder vor allem, die ja nach unseren Vorstellungen besonders bewahrt werden müssen, sind natürlich viel gefährdeter als wir selbst.
Das ist aber noch immer keine hinreichende Erklärung, was der Nutzen und die dahinterstehende Belohnung beim Konsum von Gewaltdarstellungen ist, die uns zu diesem widersprüchlichen Verhalten veranlassen. Ich habe in diesem Zusammenhang schon seit Jahren eine relativ umfangreiche Forschung betrieben. Das, was mich auf die allererste Spur gebracht hat, waren die Ergebnisse, die ich mit Kindern, die in bezug auf Angst Probleme hatten, erhalten habe. Der Ausgangspunkt war, daß ich mir aus methodischen Gründen anschauen wollte, wie Kinder mit Gewaltfilmen umgehen, die eindeutig definierte Angstprobleme haben, bei denen man auch sicher sein kann, daß nicht unmittelbar der Medienkonsum der Auslöser dieser Angstprobleme ist. Wir haben mit einer Klinik zusammengearbeitet, es wurden zwei Gruppen definiert. Eine Gruppe der Kinder hatten angstneurotische Probleme, die Kinder  leugneten aber diese Angst. Die Kinder der zweiten Gruppe hatten einen Sterbefall in der Familie  und sind offensichtlich darüber nicht hinweggekommen, aus welchen Gründen auch immer, sie sind verhaltensauffällig geworden und über Schulpsychologen an die Klinik überwiesen worden. In die Kontrollgruppe haben wir Kindern gleichen Alters genommen, die völlig unauffällig waren. Da haben wir neben vielen anderen Dingen, die mit der Angstabwehr zusammenhängen, erhoben, wie diese Kinder mit Angstinhalten in Massenmedien umgehen, welche Affinität sie dazu haben, also wie gerne sie sich so etwas ansehen und ob sie noch mehr davon sehen wollen. 

Es hat sich dabei herausgestellt, daß die beiden "Angstgruppen" in signifikanter Weise mehr davon sehen, auch mehr sehen wollen, wenn sie können, und eine starke Affinität zu den dargestellten Inhalten haben.
 
 

Das heißt, die " normale" Überlegung, ein Mensch, der Angst bei einem Film entwickelt, müßte ähnlichen Filmen aus dem Weg gehen, erweist sich als falsch; genau das Gegenteil ist der Fall. Sehen sich möglicherweise gar nicht gewaltorientierte Menschen Gewaltfilme an, sondern eher ängstliche?

Das ist richtig. Es sind nicht die Tapferen, die sich Gewaltfilme anschauen, sondern -  das kann man natürlich nicht generalisieren - die, die sich immer wieder solche Filme anschauen und eine ganz starke Affinität dazu haben und für die das sehr wichtig ist, haben vermutlich mit ihren Angstbewältigungsstrategien gewisse Schwierigkeiten.
 
 

In der Praxis habe ich häufig festgestellt, daß Kinder sich den gleichen gewalthaltigen Film immer wieder ansehen. Ist das auch eine Art Angstbewältigungsstrategie?

Absolut, das ist eigentlich ein weiterer Hinweis und korrespondiert mit der uns bekannten Situation, daß Kinder von Erwachsenen immer wieder das gleiche Märchen erzählt bekommen wollen. Ich kann mich noch selbst an meine Jugend erinnern, ich hatte einen Onkel, von dem ich, wenn ich ihn hin und wieder gesehen habe, die Bremer Stadtmusikanten hören wollte und zwar möglichst so, wie ich es vor ein, zwei Monaten gehört hatte. Ich habe das auch eingefordert, wenn dabei Stellen gefehlt haben.  Das war natürlich auch schon gruselig. Ich wollte die Geschichte immer wieder hören. Der Grund dafür ist wohl, daß Kinder durch diese Vorhersagbarkeit Sicherheit erhalten und so in gewissem Maße eine Kontrolle über den Ablauf der Gechichte bekommen. 

Ein zweiter Aspekt, der die Medien so interessant macht, ist, daß neben dieser immer wieder probeweisen Annäherung an die Angstinhalte die Kontrollmöglichkeit sehr groß ist. Man kann jederzeit ausschalten und flüchten, man kann an etwas anderes denken oder die Augen schließen, man kann sich notfalls einreden, daß so etwas nur im Film vorkommt und daß alles nur erfunden ist. Nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene ist es eine ideale Möglichkeit, sich in spielerischer Weise immer wieder stärkeren Angstinhalten anzunähern und den Umgang damit zu probieren.
 
 

Das ist ja zunächst einmal ein ganz positiver Aspekt. Die Frage ist natürlich: Leisten Medien das, was der Zuschauer sich davon verspricht?

Man muß zwischen Altersgruppen, Filmarten und den Rezeptionssituationen unterscheiden. Das, was Sie ansprechen, zeigt, daß man nicht in Richtung der alten Interpretation der Kartharsishypothese gehen sollte, indem man sagt: "Je mehr Gewalt ich mir anschaue, desto eher kann ich meinen Ängsten begegnen." Es müssen einige Aspekte dazukommen. Der eine Punkt ist, daß der Angstreiz nicht zu groß und zu stark sein darf, also die Angstdimension muß zu bewältigen sein...
 
 

Aber ist das nicht bei jedem Menschen unterschiedlich?

Genau, das ist bei jedem Mensch unterschiedlich und hängt sehr stark auch vom Entwicklungsalter ab.

Der nächste Aspekt ist die Frage, wie diese Inhalte dramaturgisch gestrickt sind. Das möchte ich hervorheben, weil das mit der Angstbewältigungsstrategie zu tun hat. Aber nehmen wir mal den Aspekt der Rezeptionssituation heraus, das ist wieder vergleichbar mit den Märchen, über die wir vorher gesprochen haben. Kinder lieben es, Märchen erzählt zu bekommen. Das hat den großen Vorteil, daß der Onkel oder die Großmutter gleichzeitig ein sogenannter angstinkompatibler Reiz ist, das heißt, eine Beruhigung für das Kind. Die vorlesende Person kann sich beim Erzählen auf die jeweilige Erregungssituation des Kindes einstellen, kann unterbrechen, kann die Situation abschwächen, je nach dem, was das Kind verträgt. Gleichzeitig hat das Kind das Gefühl, geborgen zu sein. Es handelt sich im Grunde genommen um eine systematische Desensibilisierungssituation, man gibt ein bißchen Angstreiz und gibt gleichzeitig einen angstinkompatiblen Reiz, der hilft, die Angst zu ertragen. 

Das ist nun in der Rezeption der Medien nicht mehr so automatisch gegeben, schon gar nicht für das Kind, das alleine vor dem Fernseher sitzt. Schon besser ist es, wenn das Kind in einer Gruppe von Gleichaltrigen sitzt. Deshalb ist es oft so, daß sich die Kinder in Gruppen zusammenfinden, um sich gegenseitig zu stützen, auch um sich gegenseitig ein wenig zu puschen oder um Mutproben durchzuführen, aber in erster Linie ist es schon eine Stützsituation, die das Gefühl vermittelt, nicht ganz alleine zu sein. Die idealere Situation wäre, wenn die Eltern dabei sind und hier entsprechend eingreifen können, erklärend und relativierend, und die das Kind aus seiner Situation herausholen können, wenn sie merken, daß die Situation für das Kind zu unangenehm wird.

Jetzt zurück zu dem Punkt der Kontrollmöglichkeiten. Die Basis dessen, was wir angesprochen haben - ständige beziehungsweise intensive oder extreme Auseinandersetzung mit Gewaltinhalten - ist in Verbindung zu setzen mit dem Angstbewältigungsstil des Individuums. Dieser Angstbewältigungsstil ist etwas, was ein Individuum erlernt in seiner Sozialisation, um mit Bedrohungen adäquat umgehen zu können. Eine adäquate Art und Weise, mit Bedrohungen umgehen zu können, ist, sich frühzeitig gedanklich damit auseinanderzusetzen, so daß man durch diese gedankliche Auseinandersetzung vermeidet, erst unmittelbar vor der Angstsituation sogenannte übertriebene "alles-oder-nichts-Reaktionen" zu setzen. 
Angstsituationen werden so antizipiert, man lernt, schon frühzeitig damit umzugehen. Das erlaubt einem dann, in der Angstsituation mit weniger Aktivierung zu reagieren, entspannter zu reagieren und dadurch die Situation auch eher zu bewältigen. Und beim nächsten Mal kann man schon mit diesem Erfolgserlebnis mit vergleichbaren Situationen besser umgehen.
 
 

Spielt nicht auch die Erwartung bei der Angstbewältigung eine große Rolle? Wenn mir Filme Angst machen und ich weiß, daß mir im Grunde nichts passieren kann, wenn ich gleichzeitig lerne, daß ausweglose Situationen in der Filmhandlung doch noch gut ausgehen, macht mir das in Angstsituationen nicht Hoffnung?

Das ist ohne Zweifel ein Aspekt, aber nicht nur das Happy-End, sondern noch ein anderer Punkt erscheint besonders wichtig, wenn es nicht zu inadäquaten Angstbewältigungsstrategien kommen soll. Die nicht adäquate Form wäre jene, wenn sich der Zuschauer nicht gedanklich mit der Angst auseinandersetzt, weil er aufgrund von negativen Sozialisationsentwicklungen inadäquate Strategien gelernt hat. Diese inadäquaten Strategien wären entweder Abwehr oder extreme Sensibilisierung, die aber immer erst ad hoc einsetzt. Bei der Angstabwehr wird versucht - als sogenannter Represser - Angst überhaupt zu vermeiden. Alles, was mit Angst zu tun hat, wird  weggeschoben, es wird versucht,  sich nur dort zu bewegen, wo man nicht durch diese Angstreize belästigt wird. Dadurch kann sich der Mensch nie damit auseinandersetzen, er wird nie lernen, mit Angst adäquat umzugehen. 

Die Desensibilisierer, das genaue Gegenteil, sind ständig auf der Suche nach Angstreizen. Die Vermutung ist, daß diese Menschen es nicht ertragen können, daß es noch etwas gibt, was sie erschrecken könnte. Sie sind schon auf einem so hohen Niveau, daß sie ständig versuchen abzuchecken, welche Bedrohung es noch geben könnte, die sie noch nicht beherrschen. Das sind die sogenannten Sensationseakers, die aber auch eine unproduktive Art haben, mit diesen Angstinhalten umzugehen. 

Sozial- und Entwicklungspsychologen meinen, daß das mit dem Erziehungs- und dem Familienklima und damit zu tun hat, daß Kinder, auch Erwachsene, die diese Angstentwicklungsstile haben, kein Kontrollbewußtsein und Kontrollerleben in ihrer Erziehung und ihrer Familiensituation erlernt haben. Sie haben nicht die positive Erfahrung gemacht, daß Situationen bewältigbar sind, daß ihre Verhaltensweisen vorhersehbare und vorhersagbare Konsequenzen haben. Der Münchner Entwicklungspsychologe Schneewind hat das auch "Erziehung zur Selbstverantwortlichkeit" genannt, was ein sehr plakativer und guter Ausdruck ist. Die Möglichkeit, auch für kleine Kinder schon frühzeitig ein Kontrollerleben zu erlernen,  indem sie erfahren, daß Umwelt kontrolliert und bewältigt werden kann, ist ganz wichtig. Das spielt bei der Dramaturgie von  Filmen mit angsterregenden Inhalten eine wichtige Rolle. Es wäre ein wesentlicher Punkt, daß in den Angstdramaturgien dieser Bewältigungsmechanismus enthalten ist, und zwar durch die Filmfiguren, die hier als Modelle fungieren. Es ist nicht nur entscheidend, daß der Film gut ausgeht, sondern auch, daß Personen vorkommen, die in der Lage sind, mit Situationen fertig zu werden, Situationen zu bewältigen, die etwas bewirken können, um sich selbst aus Bedrohungen herauszuarbeiten. 

Das mag zum Beispiel auch der große Erfolg von Dramaturgien à la "Rambo" sein. Also, einer allein gegen den Rest der Welt, der sich nur auf sich selbst verlassen kann und dann dennoch in der Lage ist, sich aus eigener Kraft heraus aus den jeweiligen Situationen zu befreien, diese Situationen zu bewältigen.

Das sind ja Dramaturgien, die nicht neu sind. Zum Beispiel Robin Hood oder Siegfried, all diese Geschichten, in denen sich eine Person durch ihre eigene Kompetenz und Stärke aus allen  Gefahrensituationen befreit. Und es ist offensichtlich ein Bedürfnis, das vorgeführt zu bekommen. 
 
 

Sie meinen also, daß Rambo, bei aller Problematik hinsichtlich einer möglichen gewalt- oder aggressionssteigernden Wirkung, zumindest zu einer adäquaten Angstbewältigungsstrategie führen könnte?

Da würde ich noch vorsichtig sein, weil es jetzt noch auf die Mittel ankommt, mit der diese Situationen bewältigt werden. Da würde man mittlerweile schon Rambo in den Märchenbereich übertragen, weil auch Jugendliche mit Medienerfahrung sich klar darüber sein dürften, daß es so nicht geht. Noch ein wenig netter sind in dieser Hinsicht die Bud-Spencer-Filme, bei denen man auch vordergründig beanstanden könnte, daß sich die Leute ständig prügeln und daß das aber so aussieht, als würde niemandem etwas passieren. Aber man kann mittlerweile nachweisen, daß Jugendliche in der Lage sind, das als modernes Märchen anzusehen, weil ihnen auch klar ist, daß so auf keinen eingeschlagen werden kann, ohne daß es zu gefährlichen Konsequenzen führt. 

Es gibt nun sicherlich auch Randbereiche von Jugendlichen, bei denen solche Dinge zum Auslöser für bestimmte gewaltsame Reaktionen werden. Aber auch da ist es ganz wichtig, daß sich die Gesellschaft nicht selbst belügt und versucht zu glauben, daß die Medien allein verantwortlich wären und daß solche Gewalthandlungen nicht mehr vorkommen, wenn man solche Darstellungen nur verbieten könnte. Das wäre genau der falsche Weg, deshalb bin ich auch sehr skeptisch, was den V-Chip betrifft, weil ich mir denke, das ist eine periphere Bewältigung des Problems. In den verschiedensten Bereichen wird man sich dann gar nicht mehr mit dem Gewaltproblem beschäftigen wollen. Die Eltern werden sagen, wir brauchen uns nicht mehr um den Medienkonsum der Kinder zu kümmern, es gibt ja den V-Chip. Manche Produzenten sagen, wir können jetzt Gewalt produzieren - so viel wir wollen, weil diejenigen, die es nicht sehen oder ihren Kindern zumuten wollen, den V-Chip haben. Die Politiker werden sagen, wir brauchen uns nichts mehr in bezug auf Medienpädagogik oder auf die Förderung der Medienforschung zu überlegen, denn es gibt den V-Chip.
 
 

Kommen wir noch einmal zu den Differenzierungen zwischen Filmen, die geeignete Bewältigungsstrategien anbieten und solchen, die eher zu einer inadäquaten Strategie führen.

Ich würde Rambo nicht als pädagogisches Programm empfehlen, weil viele dieser Bewältigungsformen gewaltsame und auf Gewalt beschränkte Bewältigungsformen sind. Man kann sich auch vorstellen, daß Filme Angstbewältigung in einer konstruktiven psychologischen Art und Weise anbieten, so daß man auch sieht, wie diese Person Rückfälle hat, wie diese Person selbst mit sich kämpft und wann diese Person Fortschritte machen. Das wäre schon eine sehr differenzierte Dramaturgie und ein sehr differenziertes Skript. Es ist sicherlich nicht ideal, wenn sich Bewältigung alleine auf Ausübung von Gewalt konzentriert. Andererseits ist es sicherlich interessant, und das macht dann auch die Lust an der Sache aus, daß man sich eben der Spannung, der Bedrohung hingibt und so immer ein wenig in sich hineinhorcht und das Gesehene mit realen Erlebnissen vergleicht. Das ist ja die Affinität, die jeder von uns dazu hat, ohne daß man dann gleich sagen muß, es stimmt etwas mit den Angstbewältigungsstrategien nicht. 

Wichtig ist mir noch, daß man sich klarmacht, daß das eine breite Skala ist, auf der Probleme mit der Angstbewältigungsstrategie auftreten und daß sicherlich Menschen erst dann zu beobachten sind, wenn sie von diesen Angstreizen nicht loskommen, sie so eine Art neurotischen Wiederholungszwang haben, weil sie sich davon nicht lösen können und immer wieder eine stärkere Dosis brauchen. Da muß man vermuten, daß diese Menschen dadurch nicht weiterkommen, sondern sich eher in einer immer mehr aufschaukelnden Schleife befinden, die letztendlich durch diese Bearbeitung allein nicht durchbrochen werden kann. Hier müßte man von außen intervenieren. 
 
 

Horrorfilme zeichnen sich gegenüber Filmen wie Rambo dadurch aus, daß der Protagonist häufig in Situationen kommt, die sehr stark mystischen Charakter haben. Die Angst oder die Gefahr ist mit rationalen Methoden nicht in den Griff zu bekommen. Die handelnde Person  ist einem Dämonen oder einem Serienkiller ausgeliefert, der nach nicht nachvollziehbaren Verhaltensrastern operiert. Eine rational nachvollziehbare Strategie, Gefahr zu bewältigen, ist kaum ersichtlich.

Das ist absolut richtig. Wenn man sich anschaut, welche Leute sich so etwas gerne ansehen, so sind dies in den meisten Fällen Filmfreaks. Denen geht es gar nicht mehr so sehr um diesen in die Realität zu holenden Inhalt, sondern die schauen sich eher den Schnitt und die Machart an und vergleichen die verschiedenen Genres, die es in dem Bereich gibt. Sie distanzieren sich dadurch schon vor dem tatsächlichen Erleben.
 
 

Aber ist das nicht eine intellektuelle Form von Angstbewältigungsstrategie? Viele Jugendliche haben in einem bestimmten Alter solche Filme gesehen, zum Beispiel aufgrund von Gruppenzwang. Sie kamen mit der Angst nicht zurecht und haben dann immer wieder diesen oder ähnliche Filme angeschaut, um die Angst, wenn schon nicht auf der inhaltliche Ebene, so zumindest auf der formalen Ebene zu beherrschen.

Damit können sie auch kognitiv aussteigen aus dieser unmittelbaren Bedrohung, weil sie das Ganze ja ohnehin nur als ein artifizielles Produkt ansehen, als Zitate, also nicht als etwas, was tatsächlich in der Realität als Bedrohung geschehen könnte. Das ist sicher eine kognitive Bewältigungsform.

Ich wollte noch auf die Slasher-Filme zurückkommen Da gibt es ganz interessante Untersuchungen aus den Staaten. Es hat sich nämlich gezeigt, daß diese Filme einerseits eine ganz bestimmte Dramaturgie, aber auch ganz bestimmte Protagonisten haben. Die Opferrolle haben meist junge, attraktive und sexuell aktive Frauen und Mädchen. Der sexuell aktive Aspekt ist ganz wichtig. Daneben agiert aber in den meisten Fällen eine Heldin, die nicht dieses Opferimage hat, die viel kompetenter ist und die Situation eher bewältigt, die aber nicht diese sexuelle Komponente besitzt. Sie ist nicht in dem Maße das Sexualsymbol, sie ist eher dazwischen. Angeschaut werden solche Filme sehr gerne von jungen Männern, die sich in der Pubertät oder unmittelbar nach der Pubertät befinden, etwa zwischen 13 bis 17 Jahren. Das sind ziemliche Fans, die sich das auch in Gruppen ansehen. Diese Jugendlichen sehen sich durch offensive weibliche Sexualität bedroht, die in diesem Falle ja bestraft wird. Sie fühlen sich beruhigt durch die andere Weiblichkeit, die kompetent, burschikos oder mütterlich ist und nicht diesen sexuellen Anspruch zu bieten hat. Das sind jedenfalls Erklärungsstränge, die den Nutzen für den Zuschauer erklären könnten. Der andere Nutzen bleibt natürlich auch der Grusel- und Angstkontrollaspekt, der mit Sicherheit auch eine Rolle spielt.
 
 

Gibt es Filmdramaturgien oder Filmgenres, die besonders geeignet sind, adäquate oder inadäquate Angstbewältigungsstrategien anzubieten?

Ich möchte das etwas relativieren. Es gibt nicht den oder die adäquaten Filme für die Angstbewältigung, sondern es funktioniert andersherum: Im positiven Fall werden, welche Filme auch immer, von den Rezipienten adäquat eingesetzt. Wenn diese Person auf dem richtigen Weg ist und wenn die Randbedingungen stimmen, die wir vorhin besprochen haben, und wenn die Sozialisationsaspekte in Ordnung sind, dann würde ich die Hypothese aufstellen, daß sich jeder Jugendliche jeden Film anschauen kann, ohne daß er ihm schadet. Aber wenn das nicht stimmt, dann kann man gar nicht vorsichtig genug sein, denn der Jugendliche kann dann mit dem Film nicht umgehen. Deshalb ist Jugendschutz eine prophylaktische Maßnahme für die Schwachen. Im Umweltschutz gibt es auch normative Kriterien, die bestimmen, wieviel Dreck oder wieviele Giftstoffe in der Luft sein dürfen. Es werden Grenzwerte festgelegt, um die Schwachen zu schützen, man setzt die Werte niedriger an, damit auch Asthmatiker oder Allergiker nicht erkranken, obwohl Leute, die keine Asthmatiker oder Allergiker sind, kurzzeitig und hin und wieder so eine höhere Dosis verkraften würden. Und wenn wir das auf die Filme beziehen, dann ist das genauso. Die Frage ist, wo der Grenzwert angesetzt werden muß, so daß der Film dem bedrohten Angstasthmatiker und Angstallergiker nicht Probleme macht. Das gilt, obwohl hin und wieder jeder Jugendliche solche Filme aushalten würde. 
 
 

Kommen wir noch einmal auf die entwicklungspsychologischen Momente. Sie haben angedeutet, daß die Verstehbarkeit, die Nachvollziehbarkeit, das Erlernen von Angstbewältigungsstrategien sehr stark altersabhängig ist. Das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, welche Konflikte gerade in welcher Altersstufe durchlebt werden. Es gibt Märchenfilme wie "Taran und der Zauberkessel", "Hexen hexen", "The Land of Oz" und andere, in denen geschildert wird, wie Menschen, Wesen, Tiere, Kinder in Gefahr geraten. Es gibt eine klassische Struktur von Gut und Böse, die Kinder durchschauen. Mediengewohnte Kinder wissen auch, daß die Filme gut ausgehen. Nun sind Kinder spontane Wesen, es gibt häufig Filmszenen, bei denen Kinder etwa im Kino nicht mehr in der Lage sind, sich zu beherrschen, sie fangen an zu weinen, sie zeigen direkte Reaktionen. Wie ist das zu bewerten? Ist das eine Überforderung? Aber auch die Wirklichkeit des Kindes ist keineswegs angstfrei. Helfen solche Filme nicht auch, Angst zu empfinden, diese aber zu bewältigen?

Ja, wenn gesichert ist, daß die Kontroll- und Bewältigungssituation stimmt. Es wäre natürlich von Übel, wenn  man ein Kind alleine in ein Zimmer einsperrt und über ein Video angsterregende Inhalte transportiert und das Kind jetzt irgendwie damit fertig werden muß. Das Kind, das ins Kino geht oder vorm Fernsehschirm sitzt und hoffentlich auch begleitet wird, kann sich viel kontrollierter mit diesen Inhalten auseinandersetzen. Und das, was Sie an Märchendramaturgie angesprochen haben, ist ganz wichtig. Das ist etwas, was heutzutage adaptiert werden muß, was  zum Beispiel ein Spielberg perfekt macht. Es macht den Erfolg dieser Skripts aus, daß sie auf diese alten und offenbar bewährten Muster zurückgreifen, die vom Menschen benutzt und gebraucht werden, um sich eben mit diesen Ängsten auseinanderzusetzen. Das ist auch ein Punkt, der klar sein muß. Angst, Bedrohung, Gewalt und Auseinandersetzung mit Gewalt ist ja nicht durch die elektronischen Massenmedien an die Menschheit herangebracht worden, sondern hat es ja immer gegeben. Schon bei den Tragödien der alten Griechen, über Shakespeare-Dramen bis zur heutigen Zeit ging es vorwiegend um gewalttätige Auseinandersetzungen. Es wäre von Übel, wenn wir meinten, wir könnten diese Dinge unter den Teppich kehren und glauben, wenn wir in bewahrpädagogischer Art und Weise Kinder von jeglicher Angst und Gewalt fernhalten, dann würden wir diese Probleme in unserer Gesellschaft bewältigen.
 
 

Wenn Sie dazu aufgefordert würden, Eltern Tips zu geben im Umgang mit Fernsehgewalt, würden Sie es für richtig halten, sie darauf hinzuweisen, daß es nicht nur um den Inhalt des Fernsehens geht, sondern daß das ganze Umfeld so angeordnet sein müßte, daß Möglichkeiten gegeben werden müssen, daß Kinder in Selbstbestimmung und in kontrollierten Situationen lernen, mit Angst umzugehen?

Richtig. Was ich noch für ganz wesentlich halte, ist eine entspannte Situation, um an die Sache heranzugehen. Das, was für meine Begriffe viel zu sehr in der Öffentlichkeit immer wieder geschieht, sind diese verkrampften Haltungen, sich an dieses Thema anzunähern. Solange wir da in einer verkrampften Art und Weise herangehen, indem wir uns einbilden, daß die Mediengewalt der Hauptfaktor der Gewalt in der Gesellschaft ist und wir uns deswegen extrem davor fürchten müssen, solange wird es nicht zu einem vernünftigen Gebrauch und zur Bewältigung dieser Mediengewalt kommen. Auf der anderen Seite muß aber aufmerksam beobachtet werden, was es da für Angebote und für Auswüchse in der Massenberieselung gibt, weil das natürlich schon einen Unterschied zur bisherigen Verfügbarkeit von Literatur darstellt.
 
 

Wenn man von dem Ansatz "Nutzen und Belohnung" ausgeht, so ist die Angstbewältigung eine Form der Belohnung. Hängt nicht die Bereitschaft, sich mit sehr starken Bildern von Gewalt auseinanderzusetzen, vielleicht auch damit zusammen, daß wir Gewaltbilder in uns haben, daß wir sie aus den Geschichtsbüchern und aus Nachrichten kennen, daß wir aber in einer Gesellschaft leben, die relativ friedfertig ist  und wir insofern versuchen, für die Gewaltbilder unserer Phantasie konkrete Formen zu finden?

Das ist ein ganz wesentlicher und wichtiger Hinweis, der auch in der öffentlichen Diskussion  immer wieder zu kurz kommt. Es wird ja fälschliche Weise die 2. Hälfte des Jahrhunderts in Zusammenhang mit der Entwicklung der elektronischen Medien von den Eltern und von den Lehrern als enorm gewaltbesetzt angesehen. Man ist sich gar nicht klar darüber, daß das gar nicht stimmt, sondern, daß wir in einer relativ friedfertigen Epoche leben. Ich arbeite gerade mit Jo Groebel und Peter Winterhoff-Spurk an einem Projekt über Nachrichten und emotionale Reaktionen. In Deutschland sind die ersten Inhaltsanalysen fertig, und ich sollte einmal schätzen, wieviel Prozent Gewaltanteil die Nachrichten beinhalten. Es sind nur zwischen 5 und 15 Prozent, die meisten Leute schätzen aber 60 Prozent. Die Gewaltbilder sind anscheinend so dominant, so unsere Vermutung, daß sie die übrigen Aspekte überdecken und sich die Zuschauer an diese Inhalte stärker erinnern. Gewaltbilder emotionalisieren stärker, und Emotionen haben etwas mit Reproduktion und Erinnerung zu tun. Wenn Sie sich an Ihre Kindheit erinnern, fallen Ihnen die Situationen ein, die mit Emotionen verbunden sind. Das führt dazu, daß - auch im Hinblick auf die Medien - heute die Omnipräsenz von Gewalt vermutet wird, auch wenn das gar nicht so stimmt.

Aber um noch einmal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich halte es durchaus für möglich, daß die Mediengewalt eine Art Kompensation dafür sein könnte, daß die Menschen zwar über Gewalt viel wissen und sich von der Möglichkeit, in Gewaltsituationen zu geraten, bedroht fühlen, in ihrer Realität aber wenig physische Gewalt erleben.
 
 

Ein anderer Erklärungsversuch, worin der Nutzen von Mediengewalt liegt, ist die Simulation von Abenteuer, von Bewährungsmöglichkeit, von Tapferkeit, was in der zivilisierten Wohlstandsgesellschaft nicht mehr erlebt wird.

Auch das halte ich für plausibel. Dafür, daß hier ein Bedürfnis besteht, gibt es ja verschiedene Belege, wenn Sie nur an manche Angebote der Tourismusbranche denken, die Abenteuerurlaub und Überlebenstraining anbieten. Es gibt eine individuell unterschiedliche Risikobereitschaft, und manche Leute begeben sich freiwillig auch in Situationen, die für sie nicht mehr wirklich kontrollierbar sind. Aber die große Mehrheit der Menschen will soviel Risiko nicht auf sich nehmen, und sie benutzen die Medien. Hier geht es um Simulation. Das gilt auch für immer wildere Risikosportarten, die möglichst gut beherrschbar sind, oder für das Bauen von immer riskanteren Bahnen auf Rummelplätzen, in denen die Menschen einerseits sicher sind, die auf der anderen Seite aber zu möglichst großem Grusel und Entsetzen führen. Es geht um "sicheres Risiko". 
 
 

Abschließend möchte ich noch auf das Verhältnis von Motiven und Wirkungen zu sprechen kommen. Daß Menschen plausible Motive für den Gewaltkonsum haben, bedeutet ja nicht, daß nicht doch die Aggressionsbereitschaft durch den Gewaltkonsum steigt. 

Über diese Problematik wird weder die Gesellschaft noch die Wissenschaft hinwegkommen. Hin und wieder kann etwas passieren. Für mich ist immer wieder erstaunlich, wie sensibel die Gesellschaft mit dieser Problematik umgeht, was ich grundsätzlich durchaus gut finde, wie wenig sensibel man aber andererseits mit den Gefahren zum Beispiel des Straßenverkehrs umgeht. Wenn man sich da die nachweisbaren Opferquoten anschaut, vor allem auch bei Kindern, und wenn man dann mit derselben Konsequenz vorgehen würde, müßte man sofort das Verbot der Autos fordern. 

Es kann Medienwirkungen geben, es kann Imitationen geben. Es ist bewiesen, daß es nach Berichten über Selbstmorde zu einer erhöhten Selbstmordrate kommt. Es gibt vernünftige Abmachungen, daß möglichst wenig plakativ über Selbstmorde berichtet wird. Aber niemand wird sagen: Weil über Selbstmord berichtet wurde, haben sich vernünftige, gesunde und normale Menschen umgebracht. Sondern so ein Bericht ist vielleicht der letzte Anstoß für einen Menschen, der schon vorher einige Probleme hatte. Und wenn man das auf Gewaltwirkungen überträgt, dann gibt es diese Fälle, in denen Menschen zu Imitationstätern werden, nur: Die Warnsignale, die Probleme, die es vorher gab, waren so deutlich, daß den Medien nicht die Schuld dafür in die Schuhe geschoben werden kann, indem man sagt: Weil dieser eine Film gelaufen ist, ist es zu dieser Tat gekommen. Vielmehr muß man sagen: Weil rund um diesen Menschen niemand darauf geachtet hat, weil die ganzen Hilferufe von Eltern, Schule und Umwelt nicht wahrgenommen wurden, hat der Film zum Auslöser werden können. Der Film kann aber der Tropfen sein, der das Faß zum Überlaufen bringt. Aber oft sind die Fälle, die in der Öffentlichkeit als Nachahmungstaten hingestellt werden, bei näherem Hinsehen keine wirklichen Imitationen, aber das wird dann so konstruiert. In Österreich hat es einen Fall gegeben, in dem ein Jugendlicher seine Lehrerin umgebracht hat. Das war auch keine Imitationstat. Aber das wurde so konstruiert, daß man gefragt hat: "Wie konnte der Bub mit einer Waffe so gut umgehen? Das kann er doch nur im Fernsehen gelernt haben." Und warum ist er auf die Idee gekommen, mit Menschen so umzugehen, doch wohl nur deshalb, weil es Modelle im Fernsehen gegeben hat. Niemand ist der Frage nachgegangen, in welcher Situation sich der Bub befunden hat, der unter dem großen psychischen Druck seiner krebskranken Mutter in einer materiell elenden Situation gestanden hat, und das ohne gesellschaftliche Hilfen. Der Bub, der sich gerade in der Pubertät befand, kam mit der Welt überhaupt nicht mehr zurecht. Wenn man das auf die Medien abschiebt, ist das ein Verdrängen der wahren Probleme. Die wahren Probleme sind immer komplexer, schmerzhafter und schwieriger als die vordergründigen, die man mit einem Chip oder durch Medienverbote glaubt, auf Knopfdruck ausschalten zu können.

(Das Gespräch führte Joachim von Gottberg)

 

Quelle: http://www.fsf.de/Texte/Gewalt/Vitouch1/body_vitouch1.htm (99-07-26)