|
Gewaltfilme
als Angsttraining.
Kontrollierbare
Angstreize simulieren den Umgang mit realen
Ängsten.
Gespräch
mit Prof. Dr. Peter Vitouch, Universität
Wien:
In
bestimmten Entwicklungsphasen setzen sich manche
Jugendliche freiwillig extremen Angstsituationen
aus: Actionfilme, Horrorfilme sind vor allem bei
männlichen Jugendlichen während und kurz
nach der Pubertät gefragt, Kinder gruseln sich
mit Vorliebe bei Märchenfilmen, die aber auch
so manchem Erwachsenen einen Schauer über den
Rücken laufen lassen. Über die
Gründe sprach tv diskurs mit Peter Vitouch,
Professor für Psychologie an der
Universität Wien und Leiter des
Ludwig-Bolzmann-Instituts für empirische
Medienforschung.
Filme,
die Brutalität zeigen, werden in der
Öffentlichkeit vor allem unter dem Aspekt der
Gewaltwirkung diskutiert. Sie haben sich
stärker mit der Frage beschäftigt, warum
Menschen solche Filme sehen.
Mich
hat als Sozialwissenschaftler der Nutzen und die
Belohnung interessiert, die hinter dem Konsum von
Gewaltdarstellungen stecken, denn es wird ja
niemand gezwungen, sich diese Filme anzuschauen.
Mit anderen Worten: Es herrscht ein breiter Konsens
in unserer Gesellschaft, daß Gewalt in den
Medien abzulehnen ist, es werden auch immer wieder
aus politisch motivierten Gründen Kampagnen
und Aktionen gestartet, um dagegen etwas zu
unternehmen. Eltern, Lehrer, alle sind der Meinung,
daß das ein ganz wichtiger Aspekt ist - bei
den Kindern ist das schon ein bißchen anders
möglicherweise -, und dann gehen alle nach
Hause, setzen sich vor den Fernseher und schauen
sich die Gewaltprogramme an. Anders wären die
Quoten, die die Sender erreichen, nicht zu
erklären. Meine grundsätzliche Frage ist:
Wie kommt es zu dieser schizophrenen Haltung in
unserer Gesellschaft?
Es
gibt ein Erklärungsmodell, das einen ganz
interessanten Effekt beschreibt, der schon
während des 2. Weltkrieges im Rahmen der
Propagandaforschung in Amerika untersucht wurde.
Das ist der sogenannte "third-person-effect", der
in dieser Form nicht einfach als
Dritte-Person-Effekt übersetzt werden kann.
Der "third-person-effect meint", daß wir
beide überzeugt sind, daß zuviel Gewalt
im Fernsehen schlecht ist und daß wir
andererseits der Meinung sind, daß wir uns
selbst solche Programme ohne Probleme anschauen
können. Uns macht das ja nicht so viel aus,
denn wir sind ja nicht blöd. Wir werden sicher
nicht über jemanden herfallen, wenn wir uns
einen - möglicherweise auch künstlerisch
sehr wertvollen und interessanten - Film anschauen,
der Gewalt darstellt. Das heißt, die anderen
sind gefährdet, wir selbst sind nicht
gefährdet. Das sagt aber jeder, und aufgrund
dessen gehen alle nach Hause und schauen sich diese
Filme an. Das ist schon mal eine sehr triftige
Erklärung dafür, daß es nicht die
pure Unanständigkeit der Menschen ist, die
hier mit gespaltener Zunge sprechen. Sondern es
handelt sich um einen Effekt, der auch in der
Werbung zu beobachten ist, bei der immer
darüber gesprochen wird, daß man darauf
achten muß, daß sie nicht zu sehr
manipuliert und daß vor allem die Kinder
nicht zu Konsumsklaven werden. Andererseits
äußern die allerwenigsten Leute in
persönlichen Gesprächen die Meinung,
daß sie selbst durch Werbung schwer
gefährdet sind. Auch da sagen die meisten
Menschen: `Wir kaufen uns nicht grundsätzlich
etwas, was wir nicht brauchen, nur weil die Werbung
uns etwas einredet, bei uns funktioniert die
Gehirnwäsche nicht.´ Andere Menschen,
Kinder vor allem, die ja nach unseren Vorstellungen
besonders bewahrt werden müssen, sind
natürlich viel gefährdeter als wir
selbst.
Das
ist aber noch immer keine hinreichende
Erklärung, was der Nutzen und die
dahinterstehende Belohnung beim Konsum von
Gewaltdarstellungen ist, die uns zu diesem
widersprüchlichen Verhalten veranlassen. Ich
habe in diesem Zusammenhang schon seit Jahren eine
relativ umfangreiche Forschung betrieben. Das, was
mich auf die allererste Spur gebracht hat, waren
die Ergebnisse, die ich mit Kindern, die in bezug
auf Angst Probleme hatten, erhalten habe. Der
Ausgangspunkt war, daß ich mir aus
methodischen Gründen anschauen wollte, wie
Kinder mit Gewaltfilmen umgehen, die eindeutig
definierte Angstprobleme haben, bei denen man auch
sicher sein kann, daß nicht unmittelbar der
Medienkonsum der Auslöser dieser Angstprobleme
ist. Wir haben mit einer Klinik zusammengearbeitet,
es wurden zwei Gruppen definiert. Eine Gruppe der
Kinder hatten angstneurotische Probleme, die
Kinder leugneten aber diese Angst. Die Kinder
der zweiten Gruppe hatten einen Sterbefall in der
Familie und sind offensichtlich darüber
nicht hinweggekommen, aus welchen Gründen auch
immer, sie sind verhaltensauffällig geworden
und über Schulpsychologen an die Klinik
überwiesen worden. In die Kontrollgruppe haben
wir Kindern gleichen Alters genommen, die
völlig unauffällig waren. Da haben wir
neben vielen anderen Dingen, die mit der
Angstabwehr zusammenhängen, erhoben, wie diese
Kinder mit Angstinhalten in Massenmedien umgehen,
welche Affinität sie dazu haben, also wie
gerne sie sich so etwas ansehen und ob sie noch
mehr davon sehen wollen.
Es
hat sich dabei herausgestellt, daß die beiden
"Angstgruppen" in signifikanter Weise mehr davon
sehen, auch mehr sehen wollen, wenn sie
können, und eine starke Affinität zu den
dargestellten Inhalten haben.
Das
heißt, die " normale" Überlegung, ein
Mensch, der Angst bei einem Film entwickelt,
müßte ähnlichen Filmen aus dem Weg
gehen, erweist sich als falsch; genau das Gegenteil
ist der Fall. Sehen sich möglicherweise gar
nicht gewaltorientierte Menschen Gewaltfilme an,
sondern eher ängstliche?
Das
ist richtig. Es sind nicht die Tapferen, die sich
Gewaltfilme anschauen, sondern - das kann man
natürlich nicht generalisieren - die, die sich
immer wieder solche Filme anschauen und eine ganz
starke Affinität dazu haben und für die
das sehr wichtig ist, haben vermutlich mit ihren
Angstbewältigungsstrategien gewisse
Schwierigkeiten.
In
der Praxis habe ich häufig festgestellt,
daß Kinder sich den gleichen gewalthaltigen
Film immer wieder ansehen. Ist das auch eine Art
Angstbewältigungsstrategie?
Absolut,
das ist eigentlich ein weiterer Hinweis und
korrespondiert mit der uns bekannten Situation,
daß Kinder von Erwachsenen immer wieder das
gleiche Märchen erzählt bekommen wollen.
Ich kann mich noch selbst an meine Jugend erinnern,
ich hatte einen Onkel, von dem ich, wenn ich ihn
hin und wieder gesehen habe, die Bremer
Stadtmusikanten hören wollte und zwar
möglichst so, wie ich es vor ein, zwei Monaten
gehört hatte. Ich habe das auch eingefordert,
wenn dabei Stellen gefehlt haben. Das war
natürlich auch schon gruselig. Ich wollte die
Geschichte immer wieder hören. Der Grund
dafür ist wohl, daß Kinder durch diese
Vorhersagbarkeit Sicherheit erhalten und so in
gewissem Maße eine Kontrolle über den
Ablauf der Gechichte bekommen.
Ein
zweiter Aspekt, der die Medien so interessant
macht, ist, daß neben dieser immer wieder
probeweisen Annäherung an die Angstinhalte die
Kontrollmöglichkeit sehr groß ist. Man
kann jederzeit ausschalten und flüchten, man
kann an etwas anderes denken oder die Augen
schließen, man kann sich notfalls einreden,
daß so etwas nur im Film vorkommt und
daß alles nur erfunden ist. Nicht nur
für Kinder, sondern auch für Erwachsene
ist es eine ideale Möglichkeit, sich in
spielerischer Weise immer wieder stärkeren
Angstinhalten anzunähern und den Umgang damit
zu probieren.
Das
ist ja zunächst einmal ein ganz positiver
Aspekt. Die Frage ist natürlich: Leisten
Medien das, was der Zuschauer sich davon
verspricht?
Man
muß zwischen Altersgruppen, Filmarten und den
Rezeptionssituationen unterscheiden. Das, was Sie
ansprechen, zeigt, daß man nicht in Richtung
der alten Interpretation der Kartharsishypothese
gehen sollte, indem man sagt: "Je mehr Gewalt ich
mir anschaue, desto eher kann ich meinen
Ängsten begegnen." Es müssen einige
Aspekte dazukommen. Der eine Punkt ist, daß
der Angstreiz nicht zu groß und zu stark sein
darf, also die Angstdimension muß zu
bewältigen sein...
Aber
ist das nicht bei jedem Menschen
unterschiedlich?
Genau,
das ist bei jedem Mensch unterschiedlich und
hängt sehr stark auch vom Entwicklungsalter
ab.
Der
nächste Aspekt ist die Frage, wie diese
Inhalte dramaturgisch gestrickt sind. Das
möchte ich hervorheben, weil das mit der
Angstbewältigungsstrategie zu tun hat. Aber
nehmen wir mal den Aspekt der Rezeptionssituation
heraus, das ist wieder vergleichbar mit den
Märchen, über die wir vorher gesprochen
haben. Kinder lieben es, Märchen erzählt
zu bekommen. Das hat den großen Vorteil,
daß der Onkel oder die Großmutter
gleichzeitig ein sogenannter angstinkompatibler
Reiz ist, das heißt, eine Beruhigung für
das Kind. Die vorlesende Person kann sich beim
Erzählen auf die jeweilige Erregungssituation
des Kindes einstellen, kann unterbrechen, kann die
Situation abschwächen, je nach dem, was das
Kind verträgt. Gleichzeitig hat das Kind das
Gefühl, geborgen zu sein. Es handelt sich im
Grunde genommen um eine systematische
Desensibilisierungssituation, man gibt ein
bißchen Angstreiz und gibt gleichzeitig einen
angstinkompatiblen Reiz, der hilft, die Angst zu
ertragen.
Das
ist nun in der Rezeption der Medien nicht mehr so
automatisch gegeben, schon gar nicht für das
Kind, das alleine vor dem Fernseher sitzt. Schon
besser ist es, wenn das Kind in einer Gruppe von
Gleichaltrigen sitzt. Deshalb ist es oft so,
daß sich die Kinder in Gruppen
zusammenfinden, um sich gegenseitig zu
stützen, auch um sich gegenseitig ein wenig zu
puschen oder um Mutproben durchzuführen, aber
in erster Linie ist es schon eine
Stützsituation, die das Gefühl
vermittelt, nicht ganz alleine zu sein. Die
idealere Situation wäre, wenn die Eltern dabei
sind und hier entsprechend eingreifen können,
erklärend und relativierend, und die das Kind
aus seiner Situation herausholen können, wenn
sie merken, daß die Situation für das
Kind zu unangenehm wird.
Jetzt
zurück zu dem Punkt der
Kontrollmöglichkeiten. Die Basis dessen, was
wir angesprochen haben - ständige
beziehungsweise intensive oder extreme
Auseinandersetzung mit Gewaltinhalten - ist in
Verbindung zu setzen mit dem
Angstbewältigungsstil des Individuums. Dieser
Angstbewältigungsstil ist etwas, was ein
Individuum erlernt in seiner Sozialisation, um mit
Bedrohungen adäquat umgehen zu können.
Eine adäquate Art und Weise, mit Bedrohungen
umgehen zu können, ist, sich frühzeitig
gedanklich damit auseinanderzusetzen, so daß
man durch diese gedankliche Auseinandersetzung
vermeidet, erst unmittelbar vor der Angstsituation
sogenannte übertriebene
"alles-oder-nichts-Reaktionen" zu
setzen.
Angstsituationen
werden so antizipiert, man lernt, schon
frühzeitig damit umzugehen. Das erlaubt einem
dann, in der Angstsituation mit weniger Aktivierung
zu reagieren, entspannter zu reagieren und dadurch
die Situation auch eher zu bewältigen. Und
beim nächsten Mal kann man schon mit diesem
Erfolgserlebnis mit vergleichbaren Situationen
besser umgehen.
Spielt
nicht auch die Erwartung bei der
Angstbewältigung eine große Rolle? Wenn
mir Filme Angst machen und ich weiß,
daß mir im Grunde nichts passieren kann, wenn
ich gleichzeitig lerne, daß ausweglose
Situationen in der Filmhandlung doch noch gut
ausgehen, macht mir das in Angstsituationen nicht
Hoffnung?
Das
ist ohne Zweifel ein Aspekt, aber nicht nur das
Happy-End, sondern noch ein anderer Punkt erscheint
besonders wichtig, wenn es nicht zu
inadäquaten Angstbewältigungsstrategien
kommen soll. Die nicht adäquate Form wäre
jene, wenn sich der Zuschauer nicht gedanklich mit
der Angst auseinandersetzt, weil er aufgrund von
negativen Sozialisationsentwicklungen
inadäquate Strategien gelernt hat. Diese
inadäquaten Strategien wären entweder
Abwehr oder extreme Sensibilisierung, die aber
immer erst ad hoc einsetzt. Bei der Angstabwehr
wird versucht - als sogenannter Represser - Angst
überhaupt zu vermeiden. Alles, was mit Angst
zu tun hat, wird weggeschoben, es wird
versucht, sich nur dort zu bewegen, wo man
nicht durch diese Angstreize belästigt wird.
Dadurch kann sich der Mensch nie damit
auseinandersetzen, er wird nie lernen, mit Angst
adäquat umzugehen.
Die
Desensibilisierer, das genaue Gegenteil, sind
ständig auf der Suche nach Angstreizen. Die
Vermutung ist, daß diese Menschen es nicht
ertragen können, daß es noch etwas gibt,
was sie erschrecken könnte. Sie sind schon auf
einem so hohen Niveau, daß sie ständig
versuchen abzuchecken, welche Bedrohung es noch
geben könnte, die sie noch nicht beherrschen.
Das sind die sogenannten Sensationseakers, die aber
auch eine unproduktive Art haben, mit diesen
Angstinhalten umzugehen.
Sozial-
und Entwicklungspsychologen meinen, daß das
mit dem Erziehungs- und dem Familienklima und damit
zu tun hat, daß Kinder, auch Erwachsene, die
diese Angstentwicklungsstile haben, kein
Kontrollbewußtsein und Kontrollerleben in
ihrer Erziehung und ihrer Familiensituation erlernt
haben. Sie haben nicht die positive Erfahrung
gemacht, daß Situationen bewältigbar
sind, daß ihre Verhaltensweisen vorhersehbare
und vorhersagbare Konsequenzen haben. Der
Münchner Entwicklungspsychologe Schneewind hat
das auch "Erziehung zur Selbstverantwortlichkeit"
genannt, was ein sehr plakativer und guter Ausdruck
ist. Die Möglichkeit, auch für kleine
Kinder schon frühzeitig ein Kontrollerleben zu
erlernen, indem sie erfahren, daß
Umwelt kontrolliert und bewältigt werden kann,
ist ganz wichtig. Das spielt bei der Dramaturgie
von Filmen mit angsterregenden Inhalten eine
wichtige Rolle. Es wäre ein wesentlicher
Punkt, daß in den Angstdramaturgien dieser
Bewältigungsmechanismus enthalten ist, und
zwar durch die Filmfiguren, die hier als Modelle
fungieren. Es ist nicht nur entscheidend, daß
der Film gut ausgeht, sondern auch, daß
Personen vorkommen, die in der Lage sind, mit
Situationen fertig zu werden, Situationen zu
bewältigen, die etwas bewirken können, um
sich selbst aus Bedrohungen
herauszuarbeiten.
Das
mag zum Beispiel auch der große Erfolg von
Dramaturgien à la "Rambo" sein. Also, einer
allein gegen den Rest der Welt, der sich nur auf
sich selbst verlassen kann und dann dennoch in der
Lage ist, sich aus eigener Kraft heraus aus den
jeweiligen Situationen zu befreien, diese
Situationen zu bewältigen.
Das
sind ja Dramaturgien, die nicht neu sind. Zum
Beispiel Robin Hood oder Siegfried, all diese
Geschichten, in denen sich eine Person durch ihre
eigene Kompetenz und Stärke aus allen
Gefahrensituationen befreit. Und es ist
offensichtlich ein Bedürfnis, das
vorgeführt zu bekommen.
Sie
meinen also, daß Rambo, bei aller Problematik
hinsichtlich einer möglichen gewalt- oder
aggressionssteigernden Wirkung, zumindest zu einer
adäquaten Angstbewältigungsstrategie
führen könnte?
Da
würde ich noch vorsichtig sein, weil es jetzt
noch auf die Mittel ankommt, mit der diese
Situationen bewältigt werden. Da würde
man mittlerweile schon Rambo in den
Märchenbereich übertragen, weil auch
Jugendliche mit Medienerfahrung sich klar
darüber sein dürften, daß es so
nicht geht. Noch ein wenig netter sind in dieser
Hinsicht die Bud-Spencer-Filme, bei denen man auch
vordergründig beanstanden könnte,
daß sich die Leute ständig prügeln
und daß das aber so aussieht, als würde
niemandem etwas passieren. Aber man kann
mittlerweile nachweisen, daß Jugendliche in
der Lage sind, das als modernes Märchen
anzusehen, weil ihnen auch klar ist, daß so
auf keinen eingeschlagen werden kann, ohne
daß es zu gefährlichen Konsequenzen
führt.
Es
gibt nun sicherlich auch Randbereiche von
Jugendlichen, bei denen solche Dinge zum
Auslöser für bestimmte gewaltsame
Reaktionen werden. Aber auch da ist es ganz
wichtig, daß sich die Gesellschaft nicht
selbst belügt und versucht zu glauben,
daß die Medien allein verantwortlich
wären und daß solche Gewalthandlungen
nicht mehr vorkommen, wenn man solche Darstellungen
nur verbieten könnte. Das wäre genau der
falsche Weg, deshalb bin ich auch sehr skeptisch,
was den V-Chip betrifft, weil ich mir denke, das
ist eine periphere Bewältigung des Problems.
In den verschiedensten Bereichen wird man sich dann
gar nicht mehr mit dem Gewaltproblem
beschäftigen wollen. Die Eltern werden sagen,
wir brauchen uns nicht mehr um den Medienkonsum der
Kinder zu kümmern, es gibt ja den V-Chip.
Manche Produzenten sagen, wir können jetzt
Gewalt produzieren - so viel wir wollen, weil
diejenigen, die es nicht sehen oder ihren Kindern
zumuten wollen, den V-Chip haben. Die Politiker
werden sagen, wir brauchen uns nichts mehr in bezug
auf Medienpädagogik oder auf die
Förderung der Medienforschung zu
überlegen, denn es gibt den V-Chip.
Kommen
wir noch einmal zu den Differenzierungen zwischen
Filmen, die geeignete Bewältigungsstrategien
anbieten und solchen, die eher zu einer
inadäquaten Strategie
führen.
Ich
würde Rambo nicht als pädagogisches
Programm empfehlen, weil viele dieser
Bewältigungsformen gewaltsame und auf Gewalt
beschränkte Bewältigungsformen sind. Man
kann sich auch vorstellen, daß Filme
Angstbewältigung in einer konstruktiven
psychologischen Art und Weise anbieten, so
daß man auch sieht, wie diese Person
Rückfälle hat, wie diese Person selbst
mit sich kämpft und wann diese Person
Fortschritte machen. Das wäre schon eine sehr
differenzierte Dramaturgie und ein sehr
differenziertes Skript. Es ist sicherlich nicht
ideal, wenn sich Bewältigung alleine auf
Ausübung von Gewalt konzentriert. Andererseits
ist es sicherlich interessant, und das macht dann
auch die Lust an der Sache aus, daß man sich
eben der Spannung, der Bedrohung hingibt und so
immer ein wenig in sich hineinhorcht und das
Gesehene mit realen Erlebnissen vergleicht. Das ist
ja die Affinität, die jeder von uns dazu hat,
ohne daß man dann gleich sagen muß, es
stimmt etwas mit den
Angstbewältigungsstrategien
nicht.
Wichtig
ist mir noch, daß man sich klarmacht,
daß das eine breite Skala ist, auf der
Probleme mit der Angstbewältigungsstrategie
auftreten und daß sicherlich Menschen erst
dann zu beobachten sind, wenn sie von diesen
Angstreizen nicht loskommen, sie so eine Art
neurotischen Wiederholungszwang haben, weil sie
sich davon nicht lösen können und immer
wieder eine stärkere Dosis brauchen. Da
muß man vermuten, daß diese Menschen
dadurch nicht weiterkommen, sondern sich eher in
einer immer mehr aufschaukelnden Schleife befinden,
die letztendlich durch diese Bearbeitung allein
nicht durchbrochen werden kann. Hier
müßte man von außen
intervenieren.
Horrorfilme
zeichnen sich gegenüber Filmen wie Rambo
dadurch aus, daß der Protagonist häufig
in Situationen kommt, die sehr stark mystischen
Charakter haben. Die Angst oder die Gefahr ist mit
rationalen Methoden nicht in den Griff zu bekommen.
Die handelnde Person ist einem Dämonen
oder einem Serienkiller ausgeliefert, der nach
nicht nachvollziehbaren Verhaltensrastern operiert.
Eine rational nachvollziehbare Strategie, Gefahr zu
bewältigen, ist kaum
ersichtlich.
Das
ist absolut richtig. Wenn man sich anschaut, welche
Leute sich so etwas gerne ansehen, so sind dies in
den meisten Fällen Filmfreaks. Denen geht es
gar nicht mehr so sehr um diesen in die
Realität zu holenden Inhalt, sondern die
schauen sich eher den Schnitt und die Machart an
und vergleichen die verschiedenen Genres, die es in
dem Bereich gibt. Sie distanzieren sich dadurch
schon vor dem tatsächlichen
Erleben.
Aber
ist das nicht eine intellektuelle Form von
Angstbewältigungsstrategie? Viele Jugendliche
haben in einem bestimmten Alter solche Filme
gesehen, zum Beispiel aufgrund von Gruppenzwang.
Sie kamen mit der Angst nicht zurecht und haben
dann immer wieder diesen oder ähnliche Filme
angeschaut, um die Angst, wenn schon nicht auf der
inhaltliche Ebene, so zumindest auf der formalen
Ebene zu beherrschen.
Damit
können sie auch kognitiv aussteigen aus dieser
unmittelbaren Bedrohung, weil sie das Ganze ja
ohnehin nur als ein artifizielles Produkt ansehen,
als Zitate, also nicht als etwas, was
tatsächlich in der Realität als Bedrohung
geschehen könnte. Das ist sicher eine
kognitive Bewältigungsform.
Ich
wollte noch auf die Slasher-Filme zurückkommen
Da gibt es ganz interessante Untersuchungen aus den
Staaten. Es hat sich nämlich gezeigt,
daß diese Filme einerseits eine ganz
bestimmte Dramaturgie, aber auch ganz bestimmte
Protagonisten haben. Die Opferrolle haben meist
junge, attraktive und sexuell aktive Frauen und
Mädchen. Der sexuell aktive Aspekt ist ganz
wichtig. Daneben agiert aber in den meisten
Fällen eine Heldin, die nicht dieses
Opferimage hat, die viel kompetenter ist und die
Situation eher bewältigt, die aber nicht diese
sexuelle Komponente besitzt. Sie ist nicht in dem
Maße das Sexualsymbol, sie ist eher
dazwischen. Angeschaut werden solche Filme sehr
gerne von jungen Männern, die sich in der
Pubertät oder unmittelbar nach der
Pubertät befinden, etwa zwischen 13 bis 17
Jahren. Das sind ziemliche Fans, die sich das auch
in Gruppen ansehen. Diese Jugendlichen sehen sich
durch offensive weibliche Sexualität bedroht,
die in diesem Falle ja bestraft wird. Sie
fühlen sich beruhigt durch die andere
Weiblichkeit, die kompetent, burschikos oder
mütterlich ist und nicht diesen sexuellen
Anspruch zu bieten hat. Das sind jedenfalls
Erklärungsstränge, die den Nutzen
für den Zuschauer erklären könnten.
Der andere Nutzen bleibt natürlich auch der
Grusel- und Angstkontrollaspekt, der mit Sicherheit
auch eine Rolle spielt.
Gibt
es Filmdramaturgien oder Filmgenres, die besonders
geeignet sind, adäquate oder inadäquate
Angstbewältigungsstrategien
anzubieten?
Ich
möchte das etwas relativieren. Es gibt nicht
den oder die adäquaten Filme für die
Angstbewältigung, sondern es funktioniert
andersherum: Im positiven Fall werden, welche Filme
auch immer, von den Rezipienten adäquat
eingesetzt. Wenn diese Person auf dem richtigen Weg
ist und wenn die Randbedingungen stimmen, die wir
vorhin besprochen haben, und wenn die
Sozialisationsaspekte in Ordnung sind, dann
würde ich die Hypothese aufstellen, daß
sich jeder Jugendliche jeden Film anschauen kann,
ohne daß er ihm schadet. Aber wenn das nicht
stimmt, dann kann man gar nicht vorsichtig genug
sein, denn der Jugendliche kann dann mit dem Film
nicht umgehen. Deshalb ist Jugendschutz eine
prophylaktische Maßnahme für die
Schwachen. Im Umweltschutz gibt es auch normative
Kriterien, die bestimmen, wieviel Dreck oder
wieviele Giftstoffe in der Luft sein dürfen.
Es werden Grenzwerte festgelegt, um die Schwachen
zu schützen, man setzt die Werte niedriger an,
damit auch Asthmatiker oder Allergiker nicht
erkranken, obwohl Leute, die keine Asthmatiker oder
Allergiker sind, kurzzeitig und hin und wieder so
eine höhere Dosis verkraften würden. Und
wenn wir das auf die Filme beziehen, dann ist das
genauso. Die Frage ist, wo der Grenzwert angesetzt
werden muß, so daß der Film dem
bedrohten Angstasthmatiker und Angstallergiker
nicht Probleme macht. Das gilt, obwohl hin und
wieder jeder Jugendliche solche Filme aushalten
würde.
Kommen
wir noch einmal auf die entwicklungspsychologischen
Momente. Sie haben angedeutet, daß die
Verstehbarkeit, die Nachvollziehbarkeit, das
Erlernen von Angstbewältigungsstrategien sehr
stark altersabhängig ist. Das hängt
wahrscheinlich auch damit zusammen, welche
Konflikte gerade in welcher Altersstufe durchlebt
werden. Es gibt Märchenfilme wie "Taran und
der Zauberkessel", "Hexen hexen", "The Land of Oz"
und andere, in denen geschildert wird, wie
Menschen, Wesen, Tiere, Kinder in Gefahr geraten.
Es gibt eine klassische Struktur von Gut und
Böse, die Kinder durchschauen. Mediengewohnte
Kinder wissen auch, daß die Filme gut
ausgehen. Nun sind Kinder spontane Wesen, es gibt
häufig Filmszenen, bei denen Kinder etwa im
Kino nicht mehr in der Lage sind, sich zu
beherrschen, sie fangen an zu weinen, sie zeigen
direkte Reaktionen. Wie ist das zu bewerten? Ist
das eine Überforderung? Aber auch die
Wirklichkeit des Kindes ist keineswegs angstfrei.
Helfen solche Filme nicht auch, Angst zu empfinden,
diese aber zu bewältigen?
Ja,
wenn gesichert ist, daß die Kontroll- und
Bewältigungssituation stimmt. Es wäre
natürlich von Übel, wenn man ein
Kind alleine in ein Zimmer einsperrt und über
ein Video angsterregende Inhalte transportiert und
das Kind jetzt irgendwie damit fertig werden
muß. Das Kind, das ins Kino geht oder vorm
Fernsehschirm sitzt und hoffentlich auch begleitet
wird, kann sich viel kontrollierter mit diesen
Inhalten auseinandersetzen. Und das, was Sie an
Märchendramaturgie angesprochen haben, ist
ganz wichtig. Das ist etwas, was heutzutage
adaptiert werden muß, was zum Beispiel
ein Spielberg perfekt macht. Es macht den Erfolg
dieser Skripts aus, daß sie auf diese alten
und offenbar bewährten Muster
zurückgreifen, die vom Menschen benutzt und
gebraucht werden, um sich eben mit diesen
Ängsten auseinanderzusetzen. Das ist auch ein
Punkt, der klar sein muß. Angst, Bedrohung,
Gewalt und Auseinandersetzung mit Gewalt ist ja
nicht durch die elektronischen Massenmedien an die
Menschheit herangebracht worden, sondern hat es ja
immer gegeben. Schon bei den Tragödien der
alten Griechen, über Shakespeare-Dramen bis
zur heutigen Zeit ging es vorwiegend um
gewalttätige Auseinandersetzungen. Es
wäre von Übel, wenn wir meinten, wir
könnten diese Dinge unter den Teppich kehren
und glauben, wenn wir in bewahrpädagogischer
Art und Weise Kinder von jeglicher Angst und Gewalt
fernhalten, dann würden wir diese Probleme in
unserer Gesellschaft bewältigen.
Wenn
Sie dazu aufgefordert würden, Eltern Tips zu
geben im Umgang mit Fernsehgewalt, würden Sie
es für richtig halten, sie darauf hinzuweisen,
daß es nicht nur um den Inhalt des Fernsehens
geht, sondern daß das ganze Umfeld so
angeordnet sein müßte, daß
Möglichkeiten gegeben werden müssen,
daß Kinder in Selbstbestimmung und in
kontrollierten Situationen lernen, mit Angst
umzugehen?
Richtig.
Was ich noch für ganz wesentlich halte, ist
eine entspannte Situation, um an die Sache
heranzugehen. Das, was für meine Begriffe viel
zu sehr in der Öffentlichkeit immer wieder
geschieht, sind diese verkrampften Haltungen, sich
an dieses Thema anzunähern. Solange wir da in
einer verkrampften Art und Weise herangehen, indem
wir uns einbilden, daß die Mediengewalt der
Hauptfaktor der Gewalt in der Gesellschaft ist und
wir uns deswegen extrem davor fürchten
müssen, solange wird es nicht zu einem
vernünftigen Gebrauch und zur Bewältigung
dieser Mediengewalt kommen. Auf der anderen Seite
muß aber aufmerksam beobachtet werden, was es
da für Angebote und für Auswüchse in
der Massenberieselung gibt, weil das natürlich
schon einen Unterschied zur bisherigen
Verfügbarkeit von Literatur
darstellt.
Wenn
man von dem Ansatz "Nutzen und Belohnung" ausgeht,
so ist die Angstbewältigung eine Form der
Belohnung. Hängt nicht die Bereitschaft, sich
mit sehr starken Bildern von Gewalt
auseinanderzusetzen, vielleicht auch damit
zusammen, daß wir Gewaltbilder in uns haben,
daß wir sie aus den Geschichtsbüchern
und aus Nachrichten kennen, daß wir aber in
einer Gesellschaft leben, die relativ friedfertig
ist und wir insofern versuchen, für die
Gewaltbilder unserer Phantasie konkrete Formen zu
finden?
Das
ist ein ganz wesentlicher und wichtiger Hinweis,
der auch in der öffentlichen Diskussion
immer wieder zu kurz kommt. Es wird ja
fälschliche Weise die 2. Hälfte des
Jahrhunderts in Zusammenhang mit der Entwicklung
der elektronischen Medien von den Eltern und von
den Lehrern als enorm gewaltbesetzt angesehen. Man
ist sich gar nicht klar darüber, daß das
gar nicht stimmt, sondern, daß wir in einer
relativ friedfertigen Epoche leben. Ich arbeite
gerade mit Jo Groebel und Peter Winterhoff-Spurk an
einem Projekt über Nachrichten und emotionale
Reaktionen. In Deutschland sind die ersten
Inhaltsanalysen fertig, und ich sollte einmal
schätzen, wieviel Prozent Gewaltanteil die
Nachrichten beinhalten. Es sind nur zwischen 5 und
15 Prozent, die meisten Leute schätzen aber 60
Prozent. Die Gewaltbilder sind anscheinend so
dominant, so unsere Vermutung, daß sie die
übrigen Aspekte überdecken und sich die
Zuschauer an diese Inhalte stärker erinnern.
Gewaltbilder emotionalisieren stärker, und
Emotionen haben etwas mit Reproduktion und
Erinnerung zu tun. Wenn Sie sich an Ihre Kindheit
erinnern, fallen Ihnen die Situationen ein, die mit
Emotionen verbunden sind. Das führt dazu,
daß - auch im Hinblick auf die Medien - heute
die Omnipräsenz von Gewalt vermutet wird, auch
wenn das gar nicht so stimmt.
Aber
um noch einmal auf die Ausgangsfrage
zurückzukommen: Ich halte es durchaus für
möglich, daß die Mediengewalt eine Art
Kompensation dafür sein könnte, daß
die Menschen zwar über Gewalt viel wissen und
sich von der Möglichkeit, in Gewaltsituationen
zu geraten, bedroht fühlen, in ihrer
Realität aber wenig physische Gewalt
erleben.
Ein
anderer Erklärungsversuch, worin der Nutzen
von Mediengewalt liegt, ist die Simulation von
Abenteuer, von Bewährungsmöglichkeit, von
Tapferkeit, was in der zivilisierten
Wohlstandsgesellschaft nicht mehr erlebt
wird.
Auch
das halte ich für plausibel. Dafür,
daß hier ein Bedürfnis besteht, gibt es
ja verschiedene Belege, wenn Sie nur an manche
Angebote der Tourismusbranche denken, die
Abenteuerurlaub und Überlebenstraining
anbieten. Es gibt eine individuell unterschiedliche
Risikobereitschaft, und manche Leute begeben sich
freiwillig auch in Situationen, die für sie
nicht mehr wirklich kontrollierbar sind. Aber die
große Mehrheit der Menschen will soviel
Risiko nicht auf sich nehmen, und sie benutzen die
Medien. Hier geht es um Simulation. Das gilt auch
für immer wildere Risikosportarten, die
möglichst gut beherrschbar sind, oder für
das Bauen von immer riskanteren Bahnen auf
Rummelplätzen, in denen die Menschen
einerseits sicher sind, die auf der anderen Seite
aber zu möglichst großem Grusel und
Entsetzen führen. Es geht um "sicheres
Risiko".
Abschließend
möchte ich noch auf das Verhältnis von
Motiven und Wirkungen zu sprechen kommen. Daß
Menschen plausible Motive für den Gewaltkonsum
haben, bedeutet ja nicht, daß nicht doch die
Aggressionsbereitschaft durch den Gewaltkonsum
steigt.
Über
diese Problematik wird weder die Gesellschaft noch
die Wissenschaft hinwegkommen. Hin und wieder kann
etwas passieren. Für mich ist immer wieder
erstaunlich, wie sensibel die Gesellschaft mit
dieser Problematik umgeht, was ich
grundsätzlich durchaus gut finde, wie wenig
sensibel man aber andererseits mit den Gefahren zum
Beispiel des Straßenverkehrs umgeht. Wenn man
sich da die nachweisbaren Opferquoten anschaut, vor
allem auch bei Kindern, und wenn man dann mit
derselben Konsequenz vorgehen würde,
müßte man sofort das Verbot der Autos
fordern.
Es
kann Medienwirkungen geben, es kann Imitationen
geben. Es ist bewiesen, daß es nach Berichten
über Selbstmorde zu einer erhöhten
Selbstmordrate kommt. Es gibt vernünftige
Abmachungen, daß möglichst wenig
plakativ über Selbstmorde berichtet wird. Aber
niemand wird sagen: Weil über Selbstmord
berichtet wurde, haben sich vernünftige,
gesunde und normale Menschen umgebracht. Sondern so
ein Bericht ist vielleicht der letzte Anstoß
für einen Menschen, der schon vorher einige
Probleme hatte. Und wenn man das auf
Gewaltwirkungen überträgt, dann gibt es
diese Fälle, in denen Menschen zu
Imitationstätern werden, nur: Die Warnsignale,
die Probleme, die es vorher gab, waren so deutlich,
daß den Medien nicht die Schuld dafür in
die Schuhe geschoben werden kann, indem man sagt:
Weil dieser eine Film gelaufen ist, ist es zu
dieser Tat gekommen. Vielmehr muß man sagen:
Weil rund um diesen Menschen niemand darauf
geachtet hat, weil die ganzen Hilferufe von Eltern,
Schule und Umwelt nicht wahrgenommen wurden, hat
der Film zum Auslöser werden können. Der
Film kann aber der Tropfen sein, der das Faß
zum Überlaufen bringt. Aber oft sind die
Fälle, die in der Öffentlichkeit als
Nachahmungstaten hingestellt werden, bei
näherem Hinsehen keine wirklichen Imitationen,
aber das wird dann so konstruiert. In
Österreich hat es einen Fall gegeben, in dem
ein Jugendlicher seine Lehrerin umgebracht hat. Das
war auch keine Imitationstat. Aber das wurde so
konstruiert, daß man gefragt hat: "Wie konnte
der Bub mit einer Waffe so gut umgehen? Das kann er
doch nur im Fernsehen gelernt haben." Und warum ist
er auf die Idee gekommen, mit Menschen so
umzugehen, doch wohl nur deshalb, weil es Modelle
im Fernsehen gegeben hat. Niemand ist der Frage
nachgegangen, in welcher Situation sich der Bub
befunden hat, der unter dem großen
psychischen Druck seiner krebskranken Mutter in
einer materiell elenden Situation gestanden hat,
und das ohne gesellschaftliche Hilfen. Der Bub, der
sich gerade in der Pubertät befand, kam mit
der Welt überhaupt nicht mehr zurecht. Wenn
man das auf die Medien abschiebt, ist das ein
Verdrängen der wahren Probleme. Die wahren
Probleme sind immer komplexer, schmerzhafter und
schwieriger als die vordergründigen, die man
mit einem Chip oder durch Medienverbote glaubt, auf
Knopfdruck ausschalten zu können.
(Das
Gespräch führte Joachim von
Gottberg)
|