Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/LEHRTEXTE/Lehrtexte.html
Der download dieses Textes und die Spiegelung auf dem server
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/
erfolgte ausschließlich zu Lehr- und
Dokumentationszwecken bzw. zur Gewährleistung einer
gewissen Stabilität der Informationen und berührt
nicht das Copyright der jeweiligen AutorInnen! Damit soll den
userInnen (StudentInnen, SchülerInnen) die
Nachprüfbareit der Originalquellen ermöglicht werden,
die im internet aufgrund der Dynamik des Entstehens und Vergehens
von pages selten gegeben ist.
Falls sich AutorInnen durch diese Form der Dokumentation in ihrem
Urheberrecht verletzt fühlen, bitte eine mail an den
webmaster: werner.stangl@jku.at
Diese Seite gehört zu "Werner Stangls homepage der
internetunterstützen Lehre": http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/default.html
Schiefele, H. (1994). Lehrerbildung. Wissenschaft
für die Praxis (Forschungsbericht Nr. 37). München:
Ludwig-Maximilians-Universität, Lehrstuhl für Empirische
Pädagogik und Pädagogische Psychologie.
Vortrag, gehalten vor der Fakultät für Psychologie und
Pädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München
in der Carl Friedrich von Siemens-Stiftung in
München-Nymphenburg am 4. Juni 1994
Lehrerbildung
Wissenschaft für die Praxis
Man kann nicht sagen, die Universität in ihrer
überwiegenden Mehrheit sei auf die ihr anvertraute Lehrerbildung
besonders stolz. Im Gegenteil: Nicht wenigen Personen und
Fakultäten erscheint sie als untergeschobenes Kind, der
Fürsorge einer widerwilligen alma mater aufgenötigt. Ich
vermute, diese etwas genierliche Mutterschaft entspringt der Sorge,
sich auf Kinderkram und Klaßzimmerbanalitäten einzulassen,
beschädige den Glanz der Wissenschaft und den Ruhm der
Wissenschaftler. Es erscheint unangenehm, wenn nicht bedrohlich,
einer vermeintlich unwegsamen Praxis zuliebe das Niveau
wissenschaftlichen Denkens und Lehrens zu verlassen, vom Turm zu
steigen und sich auf Feldwegen und Trampelpfaden zu verstolpern.
Unterrichten sei eben keine Wissenschaft, vielleicht eine Kunst,
wahrscheinlich aber bloß ein mehr oder weniger erlernbares
Handwerk.
Am schönsten wäre es, Frauen und Männer der
Wissenschaft könnten durch Vermittlung von Wissenschaft und
Einführung in wissenschaftliches Arbeiten wiederum Frauen und
Männer heranbilden, die mit ihrem Lebenswerk die Wissenschaft
weiterhin voranbringen. Ich bestreite nicht, daß das eine
Vorstellung ist, die auch mir gefällt, aber so ist die
Universität nicht, nicht mehr, falls sie es je gewesen sein
sollte. Die Idee einer Hohen Schule von Wissenschaftlern für
Wissenschaftler machte den kleineren Teil der Aufgabe zum Ganzen. So
wenig das heutige Gymnasium noch eine Schule von Studienräten
für Studienräte genannt werden kann, wenn auch nur
ironischerweise, so wenig kann die Universität die
Handlungsfolgen ihrer Lehre außer Betracht lassen. Das ist zwar
je nach Fach und Fakultät verschieden - Geisteswissenschaftler
sehen das anders als etwa Mediziner oder Elektrotechniker - aber ich
denke, niemand zweifelt daran, daß Lehrerbildung die
Vorbereitung auf eine Praxis ist.
Aus dieser Konstellation "Pflicht und Abneigung" resultiert die
Praxisferne unserer Lehrerbildung. Bei der Neuordnung vor 20 Jahren
wurde sie für alle Lehrämter nach dem Muster des
gymnasialen gestaltet - aus welchen Gründen auch immer - und das
Studium dieser Lehrergruppe war noch nie berufsfeldorientiert. Von
der Universität sind bisher auch keine Initiativen ausgegangen,
die Distanz zu verringern. Ich halte das für ein Manko des
derzeitigen Zustandes mit all seinen Konsequenzen für
Studienanteile und Stellenpläne in den praxisnäheren
Fächern: Pädagogik, Pädagogische Psychologie,
Didaktik. Wenn man sie denn so betreibt. Es ist uns deshalb auch nur
zum Teil gelungen, die Schulpraxis zu einem Gegenstand der Forschung
und der wissenschaftlich betriebenen Optimierung zu machen. Ich werde
darauf noch zurückkommen.
In den bestehenden Studienordnungen hat sich ein überkommenes
und überholtes Verständnis von Lehrerbildung durchgesetzt,
nämlich die Auffassung, sie bestünde hauptsächlich in
der Kenntnis der Unterrichtsfächer. Je mehr an
Lehrfach-Wissenschaft, desto qualifizierter und höher das
Lehramt! Daher auch der neuerdings wieder propagierte Vorschlag,
Grund-, Haupt- und Berufsschullehrer zukünftig an der
Fachhochschule auszubilden. Und das auch noch mit dem
heimtückischen Argument, Fachhochschulen seien besonders
praxisorientiert. Das Bemühen, die Tätigkeit dieser
Lehrergruppen durch gezielte wissenschaftliche Arbeit besser zu
fundieren, erscheint wohl als Zumutung und Verschwendung an Geist und
Geld. Abgesehen davon verrät der Vorschlag einen
größeren Mangel an Sachkenntnis und mehr
pädagogisch-psychologische Ignoranz, als seinen Verkündern
recht sein kann. Als ob der Unterricht immer einfacher würde, je
jünger die Schüler sind! Nicht vom Stoff, aber von der
Aufgabe der Lehre her betrachtet gilt schon eher die Umkehrung. Je
älter, erfahrener, intelligenter, kultivierter die Schüler,
desto eher sind sie in der Lage, auch aus einem schlechten Unterricht
Nutzen zu ziehen. Außerdem können sie lesen, auch
schwierigere Texte. Weil das so ist, kann es sich die
Universität ja auch leisten, die Prüfung der
Lehrfähigkeit ihrer Dozenten bei Habilitation und Berufung zu
vernachlässigen. Irgendwie schaffen es die Studenten schon.
Wie auch immer: die Fächer dieser Fakultät sind für
Lehrer aller Art unverzichtbar, und zwar nicht als Aufguß aus
zweiter Hand, sondern von der Quelle. Ich achte die Fachhochschulen
gewiß nicht gering, aber man muß sich schon
überlegen, welche Anforderungen einzelne Studiengänge
stellen und wie man ihnen institutionell gerecht wird, ehe man seine
bildungs-, finanz- und standespolitischen Luftballone steigen
läßt.
Wie wir alle wissen, gibt es Studienrichtungen, in denen der
ständige Praxisbezug dem Ansehen nicht schadet, sondern es eher
steigert. Bekannt sind die Bemühungen der medizinischen
Fakultäten, den Praxisbezug zu verstärken. Dabei sind sie
in einer besseren Situation als die Lehrerbildung, denn sie haben
eigene Kliniken für Forschung und Lehre.
Universitätsschulen dagegen gibt es nicht, und der Zugang der
Universitäten zu den Schulen ist reglementiert. Das hat einige
gute Gründe, aber auch schlechte. Der Zugang zu einer
studienbegleitenden Praxis ließe sich wesentlich
verbessern.
"Studium unter Ausschluß der Wirklichkeit" titelte die SZ vor
einigen Wochen, bezogen auf das Medizinstudium. Für das
Lehrerstudium gilt das noch viel mehr. Ich will die derzeit
stattfindenden Praktika keineswegs als wertlos ansehen. Die
dafür Verantwortlichen tun sicher, was in ihren Kräften
steht, aber studienbegleitend im engeren Sinn sind diese Praktika
nicht, weil sich nämlich die übrigen Fächer kaum darum
kümmern, es aus Personalmangel auch nicht können. Und die
Ausbildungslehrer können nicht wissen, wovon in Vorlesungen und
Seminaren derzeit die Rede ist.
Die Sorge, allzugroße Praxisnähe der akademischen
Lehrerbildung beschädige ihr Renommee, hat womöglich
historische Gründe. Von Anfang an erfolgte die Ausbildung der
Volksschullehrer außerhalb der Universitäten. Die
Seminare, Lehrerbildungsanstalten, Akademien, wie immer sie
hießen, bedienten sich zwar wissenschaftlicher Erkenntnisse,
aber sie taten es nicht systematisch und schon gar nicht gab es eine
systematische Lehrerbildungsforschung. Die geschah an den
Universitäten, sofern sich überhaupt Professoren darauf
einließen, wie z. B. Aloys Fischer in München. Die
Vorbereitung für die höheren Lehrer war eigentlich - ist es
immer noch - ein Lehrfachstudium. Von Unterrichtswissenschaft keine
Rede, auch nicht von lehrfachspezifischer, wie sie heute mit der
Fachdidaktik wenigstens benannt wird.
Obwohl in der Theorie und in programmatischen Äußerungen
verpönt, gilt unausgesprochen immer noch der Grundsatz "Aus der
Praxis für die Praxis". Das ist nicht einmal falsch, denn vor
aller Lehrerbildung gibt es immer schon die Schule, und es wäre
töricht anzunehmen, wissenschaftliche Einsicht wäre der
dort gespeicherten Erfahrung von vornherein überlegen. Aber es
fehlt dem Satz "Aus der Praxis für die Praxis" das entscheidende
Mittelstück. Für unseren Gebrauch muß es
heißen: Aus der Praxis durch kritische Aufklärung der
Sachverhalte, durch Analyse und methodische Prüfung der Effekte
für die Praxis. In diesem Satz steckt die Herausforderung,
überlieferte in geprüfte und wissenschaftlich
gestützte Praxis zu überführen. Ein Transferproblem
also, genau genommen ein doppeltes: Wie bearbeitet man in der Praxis
entstehende Probleme wissenschaftlich? Wie überträgt man so
gewonnene Einsichten zurück in Handeln? Das ist die Provokation,
mit der sich die Lehrerbildung herumschlägt, sofern sie sich
selbst ernst nimmt.
Eine erste Aufgabe haben die Lehrerbildungsfächer mit allen
anderen gemeinsam: Es geht um Forschung und Lehre. Bleiben wir
zunächst bei der Forschung. Sollen Lehrer zu Forschern gebildet
werden? Nein. Aber sie müssen in den Stand gesetzt werden zu
verstehen, wie Forschung betrieben wird und welcherart Ergebnisse zu
erwarten sind, um abzuschätzen, was bestimmte Befunde für
ihre Praxis bedeuten. Oder eben auch nicht.
Forschungsverständnis anzubahnen, ist ein Teil der Aufgabe, der
größere ist die Lehrerbildungsforschung selbst. Die
Forschungsfragen ergeben sich zum einen aus der Eigenentwicklung der
Fächer, die immer neue Fragen aufwirft. Das gilt vor allem
für die Grundlagenforschung, die unabhängig von allen
Brauchbarkeitsüberlegungen dem Erkenntnisfortschritt
verpflichtet ist. Auf Grundlagenwissen kann die Lehrerbildung nicht
verzichten, wie es auch keine andere akademische Disziplin kann. Aber
in der Lehrerbildung ist auch noch anderes Wissen gefordert. Dort
sind nämlich Probleme zu bearbeiten, die sich in der Praxis
stellen: die Erforschung von Lehr-Lern- und Unterrichtsprozessen, des
Textverstehens, der Menschenführung in Lerngruppen, von
Verfahren und Konsequenzen der Leistungsfeststellung und anderer
Diagnostik, von Entwicklungsprozessen unter dem Einfluß der
Institutionen, von Formen der Schulorganisation und vielem anderen
mehr. Dazu muß man aber die Praxis kennen, sie eindringlich zur
Kenntnis nehmen. Erst wenn das geschehen ist, kann aus dem
Problemwust, der einem üblicherweise begegnet, die
Forschungsfrage herausgelöst und so definiert werden, daß
sie der Untersuchung zugänglich ist und für die Praxis
aussagekräftig bleibt. Damit erzähle ich den Mitgliedern
dieser Fakultät bestimmt nichts Neues, aber es gilt auch
für diejenigen Universitätsfächer, die scheinbar mit
der Schule unmittelbar nichts zu tun haben.
Man übersieht ja leicht, daß der weitaus
größere Teil der Lehrerbildung nicht in unserer
Fakultät stattfindet, sondern in den Disziplinen, die das Wissen
für die verschiedenen Unterrichtsfächer abgeben. Das ist
von Lehramt zu Lehramt verschieden. Am wenigsten trifft es für
die Grundschullehrer zu und - ihrer anderen Schwerpunkte wegen - die
Sonderpädagogen. Nach meiner Meinung sind sie denn auch die
pädagogisch-psychologisch am besten ausgebildeten Lehrer und
nicht diejenigen, die sich landläufig dafür halten. Es ist
eben falsch, wie in vielen Schulfach-Fächern üblich,
Diplom-, Magister- und Lehramtsstudiengänge nicht voneinander zu
unterscheiden und innerhalb der Lehrämter bloß nach mehr
oder weniger. Und das alles nach überladenen Studienplänen.
Eine Durchforstung nach didaktischen Grundsätzen wird zwar seit
Jahrzehnten gefordert, stattgefunden hat sie nie.
Die Schulfach-Fächer betrachten die Vermittlung ihrer
Fachwissenschaft als ihre Aufgabe und nicht auch noch die Anleitung,
wie dieses Wissen zu lehren sei. Möglichst umfassende Kenntnisse
der Mathematik, Geschichte, Physik, Biologie usw. werden immer noch
als hinreichende Lehrerbildung angesehen, wenigstens soweit es die
Aufgaben der Universität betrifft. Sie liefert
gewissermaßen das Auto, je nach Schulart von der Luxuslimousine
zum Kleinwagen, fahren lernt man im Referendariat, abgesehen von ein
paar unverbindlichen Versuchen vorher. Für Fahrfehler haftet die
Firma nicht. Was immer an Unfällen und Verletzungen sich
einstellt: Desinteresse, Entmutigung, Schulversagen, Fehlhaltungen,
Neurosen, Psychosomatosen, braucht die Universität nicht zu
verantworten. Natürlich denke ich nicht, universitäre
Lehrerbildung könnte all die Unfälle vermeiden. Aber ihre
Zahl verringern könnte sie.
Die Forschung in den Schulfach-Fächern ist nur ausnahmsweise
fachspezifische Unterrichtsforschung. Das sei, sagt man, auch nicht
Aufgabe der Fächer, sondern der Fachdidaktiken. Das ist
prinzipiell richtig, kommt aber nicht zur Geltung, weil die
Studienordnungen die Fachdidaktik als kleine Fächer neben der
eigentlichen Wissenschaft etabliert haben. Per Gesetz den Instituten
oktroyiert, erfüllen sie ihre Aufgabe nur mangelhaft. Aber
nicht, weil die Fachdidaktiker nicht können, was sie sollen -
das gibt es auch, vor allem, wenn man freiwerdende Stellen
benützt, um bisher nicht zum Zug gekommene Fachwissenschaftler
unterzubringen - sondern weil die Didaktiken als bloße
Anhängsel der Fächer betrachtet werden, zuständig
für die Gebrauchsanweisungen, nicht für das Produkt
selbst.
Sicher, es gibt eine fachdidaktische Forschung, die den Unterricht
ihres Faches als Forschungsgegenstand begreift. Unter den an vielen
Universitäten gegebenen institutionellen Bedingungen kann die
erforderliche Arbeit nur sporadisch geleistet werden. Die Forschung
in eigens errichteten Instituten, dem Institut für die
Pädagogik der Naturwissenschaften oder dem Deutschen Institut
für Fernstudien beispielsweise, erfüllt zwar durchaus
internationale Standards, kann aber nicht kompensieren, was an den
Universitäten nicht geleistet wird.
Ich bin bestimmt nicht der Meinung, Didaktik sei die Kunst, etwas zu
lehren, wovon man nichts versteht, bin also sehr wohl für
gründliche fachwissenschaftliche Studien. Ich halte allerdings
auch Leute für jämmerliche Lehrer, die nicht verstehen zu
lehren, was sie wissen. Solche wird es immer geben, gute Leute und
schlechte Musikanten, aber man muß an der Universität
nicht auch noch mithelfen, immer mehr davon zu haben als selbst eine
widerstandsfähige Schülerschaft aushalten kann. Fachwissen
ist eine Sache, Unterrichts- bzw. Instruktionskompetenz keine
mindere, wie übrigens auch nicht die Fähigkeit, eine
Schulklasse oder Lerngruppe in der Lernarbeit anzuleiten. Daß
der Frontalunterricht immer noch die Standardsituation im
Schulunterricht ist, halte ich für ein Armutszeugnis der
Profession.
In diesem Zusammenhang ist übrigens nicht nur an die Schule zu
denken, sondern auch an die Lehraufgaben in der Erwachsenenbildung,
der beruflichen Aus- und Weiterbildung, die ja immer wichtiger wird
und auch kompetente Lehrer braucht. Und natürlich an die
Universität selbst. Sie ist zwar eine hohe Schule, aber eine
Schule dennoch. Man tritt ihr wohl als Bildungs- und
Ausbildungsstätte nicht zu nahe, wenn man behauptet, die Lehre
dort sei - nicht ihren Inhalten nach, aber in ihren Verfahren -
gelegentlich oder auch nicht so gelegentlich einfallslos,
unreflektiert pragmatisch. Den Lehrenden bequemer als den Lernenden
hilfreich. Ich möchte auf meine alten Tage nicht noch einmal den
Streit um die Hochschuldidaktik vom Zaun brechen, stünde es aber
der Universität nicht gut an, auch für ihre eigene Lehre
unterrichtswissenschaftliche Forschung nicht nur beiläufig zu
betreiben, sie kritisch zu entwickeln und in ihren Auswirkungen zu
überprüfen? Das Versagen nicht immer bloß den
Studenten in die Schuhe zu schieben? Obwohl es das natürlich
gibt.
Was ich bisher über Lehrerbildungsforschung im Hinblick auf eine
Praxis gesagt habe, gilt natürlich erst recht für die
Lehrerbildungslehre. Auch die Vermittlung von relevanten
Wissensbeständen muß sich an den Erfordernissen der Praxis
orientieren. Die Schulwirklichkeit richtet sich nicht nach dem
Hörsaal. Ich will jetzt nur auf einige Folgerungen eingehen, die
sich nicht ohnehin aus dem Vorigen ergeben.
Das übliche Verfahren unterstellt, daß das System einer
Disziplin bereits vorgibt, wie die Studierenden die vermittelten
Wissensbestände aufnehmen und die Zusammenhänge in ihren
Köpfen herstellen. Ein Irrtum, wie man nicht erst seit gestern
weiß. Abgesehen von den indidviduellen Voraussetzungen, die
jeder ohnehin mitbringt, ist es wichtig, das Wissen mit Situationen
oder wenigstens vorgestellten Problemlagen in Zusammenhang zu
bringen, in denen es später angewendet werden soll. Demnach sind
Wissensbestände der allgemeinen Pädagogik und Psychologie,
Ergebnisse der Lehr-Lern-Forschung, der Kognitions-, Motivations-,
und Entwicklungspsychologie, Einsichten der Erziehungsphilosophie,
der Schultheorie, der vergleichenden und historischen Pädagogik
u.a. für die Lehrerbildung nicht von vornherein fruchtbar. Schon
gar nicht so, wie sie in den üblichen Lehrbüchern stehen.
Lehrerstudenten mit dieser Art von abgehobener Wissenschaft zu
konfrontieren, in der Annahme, sie würden sich bei passender
Gelegenheit schon an das Richtige erinnern, ist allzu einfach.
Natürlich brauchen Lehrer eine allgemeine pädagogische und
psychologische Grundbildung, die nicht nur anwendungsbezogen zu
vermitteln ist. Aber zu meinen, damit wäre auch eine Basis
für professionelles Handeln in vielerlei Problemlagen
hergestellt, ist falsch. Eine anwendungsorientierte Lehre erfordert
vom Dozenten über das Fachwissen hinaus Handlungserfahrung,
Kontextkenntnisse und die Fähigkeit, die Kontexte zu variieren,
kurz: Expertise im Feld. Ich meine nun freilich nicht, man müsse
als Lehrerbildner unbedingt Schullehrer gewesen sein, obwohl es in
der Regel nicht schadet. Aber die Schule von innen kennen sollte man
schon - nicht bloß als ehemaliger Schüler - wenigstens aus
gründlicher Beobachtung. Akademischer Lehrer ist man ja
ohnehin.
Ebenso einfach wäre die Annahme, wer ein Fach studiert habe,
könne es auch lehren. Sie scheint weit verbreitet. Deshalb
werden die Fächer ja nicht im Hinblick auf ihr Gelehrtwerden
vermittelt. Die Übertragung von Wissen-wissen in Wissen-lehren,
kann während der Ausbildung nicht dadurch vorbereitet werden,
daß man den Studierenden ein meist gegenstandsbeliebiges
Methodenrepertoire an die Hand gibt. Was hier zu ändern und zu
bedenken ist, davon handeln beispielsweise, mehr oder weniger
erschlossen, die Schriften von Jean Piaget, Martin Wagenschein, Hans
Aebli. Und es findet sich in ganz anderer Form in neueren
Auffassungen der kognitionspsychologischen Lernforschung mit ihren
verschiedenen konstruktivistischen Varianten.
Gestatten Sie mir an dieser Stelle einen etwas persönlich
gehaltenen Exkurs. Die gelben Forschungsberichte aus meinem
ehemaligen Institut lassen mich über neuere Entwicklungen der
Kognitionspsychologie nicht im unklaren. Wofür ich mich auch an
dieser Stelle gerne bedanke. Außerdem lese ich ja nicht
bloß die Zeitung und bekomme so immer wieder Hinweise, wohin
der Kognitionshase läuft und kann beobachten, wie er seine
konstruktivistischen Haken schlägt.
Einem, der 1946 sein Lehrerleben in den Fußstapfen von Gaudig,
Scheibner, Reichwein, Dewey, Kerschensteiner begonnen hat, fällt
natürlich die Verwandtschaft neuer instruktionstheoretischer
Einsichten mit Ideen der Reformpädagogik auf. Wie den
Beleseneren unter den Konstruktivisten übrigens auch. Um auf den
Hasen zurückzukommen: Es handelt sich also um einen schon etwas
älteren Hasen, so eine Art pädagogisch-psychologischen
Mümmelmann, falls Ihnen dieses Exemplar aus Ihrer
Jugendlektüre noch bekannt ist. Mit aufgestellten Löffeln
hellhörig und mit allen Wassern gewaschen. Von Zeit zu Zeit
verschwindet er, kehrt aber immer wieder in die Szene zurück,
neu im Fell und noch schlauer als vorher, die personifizierte, besser
hasifizierte, Lehr-Lerntheorie sozusagen. Und irgendwie
unsterblich.
Die heute nicht nur von der Kognitions-, sondern auch von der
intrinsischen Motivations- und Interessentheorie geforderte
gegenstands- und anwendungsbezogene Aktivität des Lernenden,
seine Selbsttätigkeit also, ist ein, wenn nicht das Grundprinzip
reformpädagogischen Denkens: freie geistige Schularbeit,
Schaffendes Schulvolk, learning by doing, Arbeitsschule.
Durchgängig gilt den Reformern dieser Richtung Lernen als eine
von Handlungen abhängige Funktion, so daß alles darauf
ankommt, Handlungserfahrungen zu ermöglichen. Das bedeutet
keineswegs nur Handarbeit, wie Kerschensteiner oft verkürzend
verstanden wird. In den Konzepten freier geistiger Schularbeit ist
durchaus auch die Modellierung von Erkenntnisprozessen intendiert,
etwa durch entsprechende Unterrichtsarrangements und
Aufgabenstellung: Projektunterricht, Entdekungslernen, freie
Lernarbeit nach Arbeitsanweisungen mit Lösungshilfen, die
freilich einige Kenntnis der Denkweisen der Lernenden
voraussetzen.
Selbstverständlich sind die heutigen Entwürfe
geläutert, differenziert, um theoretische Erträge anderer
Herkunft bereichert, mit den Merkmalen wissenschaftlicher
Seriosität ausgestattet, work in progress. Daß jetzt am
Ende des Jahrhunderts schulpädagogische und
pädagogisch-psychologische Ideen des Jahrhundertanfangs wieder
aufgegriffen und neu entdeckt werden und nun auch Geltung für
die höheren und hohen Schulen beanspruchen, gehört zu den
besseren Erfahrungen des Alters. Ich finde es schön zu sehen,
wie in der Wissenschaft aus dem Alten noch einmal etwas ganz Neues
entstehen kann. Ich meine das Alte, nicht die Alten, um keinen
falschen Verdacht zu erwecken. - Zurück zum Thema! -
Der Einwand liegt nahe, anwendungsorientiertes, handlungsbezogenes
Lernen ließe sich im Massenbetrieb nicht verwirklichen. Das ist
nicht von der Hand zu weisen. Die Arbeitsschule in Leipzig und
München, Deweys laboratory school in Chicago, die
Jena-Plan-Schule fanden alle unter günstigeren Umständen
ein frühes Ende. Andererseits stehen heute Medienarrangements
zur Verfügung oder lassen sich in absehbarer Zeit erwarten, die
sehr wohl Anknüpfungspunkte für anwendungsbezogenes Lernen
abgeben können. Mit ihrer Hilfe lassen sich vielerlei
Situationen vorgeben und Handlungsperspektiven provozieren. Diese
Entwicklung fängt gerade erst an. Zuzugeben ist auch, daß
es im Bereich von Erziehung und Unterricht besonders schwierig ist,
authentische Situationen zu modellieren. Aber unmöglich
erscheint es nicht. Lehrer-Schüler-Gespräche,
Unterrichtsinteraktionen, Lehr-Lern-Sequenzen, didaktische Phasen
lassen sich aufzeichnen, wie praktische Versuche von Experten und
Novizen usw.
Üblicherweise wird in diesem Zusammenhang auf die zweite Phase
verwiesen. Die Universität ist ein wichtiges Problem der
Lehrerbildung los und man kann sich leicht über die Praktiker
mokieren, die mit ihrem zusammenstudierten Wissen nichts Rechtes
anfangen können. Die wiederum revanchieren sich mit der
Feststellung, das Uniwissen tauge nicht für die Praxis. Im
Lehrerstudium lernt man zwar nicht, Lehrer zu sein, aber man ist
wenigstens Akademiker und hat seine Fächer drauf,
einigermaßen.
Die Studienseminare der 2. Phase halte ich keineswegs für
überflüssig, möchte aber meiner Überzeugung
Ausdruck verleihen, daß sie nicht so abgelöst von der 1.
Phase betrieben werden dürfen. Und zwar beider Seiten wegen. Das
im Studium erworbene Niveau an Einsichten und theoretischem
Rüstzeug verflacht nur allzu rasch unter dem Einfluß der
Alltagsroutine des Schulehaltens. Überkommene Unterrichts- und
Diziplinierungsverfahren setzen sich durch, auch wenn sie längst
überfällige Vorurteile transportieren. Im Trend der
Tradition sind sie sogar erfolgreich und lassen in der Tat
pädagogisch-psychologische Bildung und Innovation als obsolet
erscheinen.
Die Dozenten der 1. Phase gehören auch in die zweite, wie
diejenigen aus der zweiten an der ersten beteiligt sein sollten.
Nicht erst im Referendariat dürfen die angehenden Lehrerinnen
und Lehrer erfahren, was die ihnen vermittelte Wissenschaft mit dem
Können zu tun hat, das von ihnen erwartet wird. Im konkreten
Vollzug kann man am besten zeigen, in welchem Zusammenhang das
wissenschaftliche Wissen mit den Problemen des beruflichen Handelns
steht. Aus diesem Engagement können sich die
Lehrerbildungsfächer nicht heraushalten, sie müssen zeigen,
was ihr Wissen bedeutet. Auch deshalb bedauere ich das Fehlen von
Universitätsschulen. Es fehlt der Lehrerbildung, was die
Ärztebildung auszeichnet: das klinische Arbeitsfeld und die
Herausforderung, sich darin zu bewähren.
Die Last, aus dem ständig wachsenden Fundus an
wissenschaftlicher Erkenntnis Folgerungen für die Praxis in
Erziehung und Unterricht zu ziehen, darf nicht einfach den
Lehrerinnen und Lehrern aufgebürdet werden. Wir alle wissen
doch, wie schwer das ist, sofern wir unsere theoretischen Einsichten
auf die eigene Lehre anzuwenden versuchen. Die Personen auf der
unmittelbaren Handlungsebene müssen die Zusammenhänge
mindestens verstanden haben, die forschend aufgedeckt und lehrend
vermittelt werden. Das heißt aber noch lange nicht, daß
Verstehen schon ausreicht, angemessen zu handeln. Es ist eine
notwendige Voraussetzung, zureichend ist sie nicht. Soviel zur
Forschung und Lehre.
Lehrerbildung ist eingebettet in das viel weitere Feld des
Bildungssystems und der Bildungspolitik, und sie bleibt nicht
unberührt von Reformmaßnahmen. Auch um diesen
äußeren Kreis von Bedingungen muß sich die
Lehrerbildung kümmern. Ihr kann nicht jede Art von
Bildungspolitik und Schulreform einfach recht sein, oder
gleichgültig. Wir bilden nicht bloß aus, wie die Erlasse
es befehlen. Die Frage ist, mit welchen Kompetenzen sich
Wissenschaftler in diesen Bereichen engagieren und besondere
Glaubwürdigkeit beanspruchen können.
Wenn ich das recht sehe, wurden die Möglichkeiten der
Wissenschaft für die Begründung bildungspolitischer
Maßnahmen und für die Evaluierung von großangelegten
Reformversuchen überschätzt. Die einschlägigen
Disziplinen selbst, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, haben
sich überschätzt, und das hat ihnen keine Ehre eingetragen.
Weil ich diesen ganzen Komplex auch als Lehrerbildungsproblem
betrachte, möchte ich etwas ausführlicher darauf
eingehen.
Die Zukunft, der das Bildungssystem Rechnung tragen soll, ist
unbestimmt. Gewiß, es gibt Prognosen, Trendschätzungen. Je
mehr sich aber die Entwicklung unserer gesellschaftlichen,
wirtschaftlichen, politischen Lebensbedingungen beschleunigt, desto
weniger weit reichen die Vorhersagen. Und schon gar nicht
läßt sich vorhersehen, was bestimmte
großräumige Entwicklungen für die Menschen in
verschiedenen Regionen und unter den jeweiligen Lebensbedingungen
bedeuten. Aber Entwicklungen solcher Art sind es, auf die sich das
Bildungswesen einstellen muß, solche und andere. Und das hat
mit Veränderungen zu tun.
Sobald man ans Gewohnte rührt, entsteht endloser Streit, der
sich trefflich führen läßt und mit zuweilen schwer
erträglicher Präpotenz. Weil ja das Neue unbekannt ist, das
Herkömmliche aber gewohnt. Je unsicherer die Tatbestände,
desto unerbittlicher die Vorurteile. Wegen der Unsicherheit über
die Folgen bildungspolitischer Entscheidungen oder auch bloß
als Kompromiß im politischen Streit werden Regelungen
versuchsweise eingeführt. Das erscheint vernünftig, denn
empirisch untersuchen kann man schließlich nur Sachverhalte,
die es gibt. Die Akteure in Bildungspolitik und Verwaltung erhoffen
sich von wissenschaftlicher Objektivität Entscheidungshilfe,
wenn nicht überhaupt die Beseitigung der Kontroversen. Es kann
ja nur eines richtig sein, denkt man.
Experimentalprogamme, in ihren Effekten wissenschaftlich
kontrolliert, sollten und sollen Fragen entscheiden wie: Können
sich die Leistungen der Gesamtschule mit denen des gegliederten
Schulsystems messen? Führt die Ganztagsschule zu mehr
Chancengleichheit? Ist es sinnvoll, in der Hauptschule Informatik
einzuführen? Sind große Schulen besser oder kleine und
für wen? Was hat den größeren Förderungseffekt:
homogene oder heterogene Lerngruppenbildung? Nach welchen Kriterien:
Intelligenz, Geschlecht, Alter? Benachteiligt die Koedukation die
Mädchen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht? Eine
Fremdsprache für die Grundschule? Die Aufzählung
ließe sich noch lange weiterführen.
Welche Leistungen der Erziehungswissenschaft im Reformprozeß
zugetraut wurden, mag folgendes Zitat illustrieren. "Zum erstenmal in
der Geschichte des Schulwesens sollen Innovationen bis ins einzelne
geplant, schulorganisatorische Änderungen unter
Berücksichtigung aller Bedingungsfaktoren und Nebenwirkungen
berechnet, sollen neue Unterrichtsgebiete durch vorgängige
Theorie, gesichert durch Experiment und Erfolgskontrolle,
eingeführt werden" (Blankertz, 1971, S. 8ff). Solche
Sätze würde der Autor heute freilich auch nicht mehr
schreiben.
Bis Neuerungen des angesprochenen Umfangs überhaupt wirksam und
damit auch untersuchbar werden, vergehen Jahre. Das ist eine
Zeitperspektive, die die Bildungspolitik in aller Regel nicht teilt.
Sie drängt auf Entscheidungen in kürzeren Fristen, will
raschere Erfolge, allein schon wegen der Wahltermine.
Einmal abgesehen von den Schwierigkeiten, entscheidungstaugliche
Daten in der stets zu knappen Zeiz zu beschaffen, sind die Daten
selbst noch keine Gründe. So ist es beim Vergleich von
Leistungsergebnissen zwischen verschiedenen Schulen, z. B.
gegliederten und Gesamtschulen, kaum möglich, "festzustellen,
welche schulsystemspezifischen Strukturen und/ oder welche besonderen
Randbedingungen für welche Resultate verantwortlich zu machen
sind, wie das methodisch diffizile Problem der Konfundierung von
Variablen (wie z. B. Ganztagscharakter, Lehrerrekrutrierung,
Schülerrekrutierung, Hawthorne-Effekt etc.) zu bewältigen
ist" (Drerup, 1987, S. 147).
Ist nämlich ein Schulversuch einmal in Gang gesetzt,
bemühen sich alle Beteiligten zurecht, erkennbare
Fehlentwicklungen zu korrigieren, Mängel zu beseitigen, Schaden
abzuwenden. Aber gerade auch die Schäden müßte eine
objektivistische Begleitforschung ja auftreten lassen, und zwar mit
signifikanter Deutlichkeit, um zu zeigen, wozu eine Maßnahme
führt (Schiefele, 1993).
Der bekannte Befund, daß die Unterschiede zwischen den Schulen
innerhalb eines Schultyps, eigenständigen Gymnasien z. B.,
größer sein können als die Unterschiede zwischen
einem Gymnasium und der Oberstufe einer integrierten Gesamtschule
(Fend, 1982), läßt nahezu jede beliebige
Schlußfolgerung zu. Man kann empfehlen, die Schulversuche
aufzugeben oder sie noch viel gründlicher durchzuführen, je
nachdem, ob man die überlegene Leistungsfähigkeit des
Schultyps Gymnasium oder seine Vergleichbarkeit mit der Gesamtschule
bewiesen sehen möchte.
In den komplexen Bedingungsfeldern, in denen sich Bildung ereignet,
kommen logischerweise auch komplexe und widersprüchliche
Ergebnisse zustande. Das fängt schon mit den Kriterien an, nach
denen Befunde erhoben werden. Die Mathematiknote ist ein anderer
Maßstab als die Kooperationsfähigkeit im Gruppenunterricht
und der Einfallsreichtum in verschiedenen Formen der
Ausdrucksgestaltung ein anderer als die Reproduktion von
Faktenwissen. Was die Lateinnote bedeutet, hängt vom
Lateinunterricht ab und so fort. So gibt es Befunde dafür und
Befunde dagegen. Kein Gutachten ohne Gegengutachten.
Nimmt man die Bewertung der Befunde hinzu, der ja von vornherein
bildungspolitische Optionen zugrunde liegen: Chancengleichheit,
Leistungsgerechtigkeit, Elitenbildung, Integration, Vorgaben der
Ordnungspolitik und des Arbeitsmarktes, dann lassen sich umfassende
Maßnahmen durch erziehungswissenschaftliche Forschung allein
weder rechtfertigen noch widerlegen. Selbst bei der schönsten
Datenlage kann kein Mensch auf Grund empirischer Forschung
begründen, warum es z. B. eine integrierte berufliche und
gymnasiale Schulbildung mit Abitur und Universitätszugangsrecht
geben soll. Für Orientierungs- und Kollegstufen, die
sechsklassige Grundschule, die Integration Behinderter, neuerdings
wieder die Frage der Koedukation, stehen die Befunde im Dienst nahezu
beliebiger Relevanzannahmen. Die Forschungsergebnisse dienen dann
nicht der Aufklärung, sondern der Polemik im Dienst
unterschiedlicher Meinungen und Überzeugungen. Was dabei an
Mißbildungen und Pleiten zustandekommt, wird der
pädagogischen Forschung oder der Pädagogik ganz allgemein
in die Schuhe geschoben.
So unangenehm und oft auch ungerecht das sein mag, kann man doch
deswegen nicht sagen, pädagogisch-psychologische Kontroll- und
Begleitforschung sei überflüssig. Bedingungen und Effekte
der verschiedenen Arten von Schul- und Unterrichtsorganisation, der
Lehr-Lernformen, der Interaktionsstrukturen u.v.a. können nun
einmal nicht im unsystematischen Zusehen und nach subjektivem
Gutdünken beurteilt werden. Einflüsse, Wirkungen,
Nebenwirkungen, erwartete und unerwünschte, müssen
methodisch erfaßt werden. Nur so liefern sie Hinweise auf
Holzwege, nötige Korrekturen und Bewährung. Das ist kein
Widerspruch zu dem eben Gesagten, aber die Begleitforschung bewegt
sich auf schmalem Pfad. Sie unterliegt Beschränkungen, man
könnte auch von Qualitäts- und Sicherheitsvorschriften
sprechen, die sehr sorgfältig einzuhalten sind. Um zu validen
Ergebnissen zu kommen, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt
sind: präzise, und das heißt immer begrenzte
Fragestellungen, überschaubare Einflußfaktoren,
adäquate Methoden und problemgerechte Untersuchungspläne,
und vor allem eindeutige Kriterien für die Bewertung der
Befunde. In ihren methodischen Grenzen eingesetzt, ist die empirische
Kontrolle bildungspolitischer Maßnahmen unverzichtbar.
Aber pädagogisch-psychologische Forschung soll nicht mehr wollen
oder versprechen, als sie kann. Sie kann analysieren,
Erfahrungsbestände in Theorien ordnen und weitergehende
Fragestellungen entwikeln, anregen, beraten, wie gesagt: alles in
Grenzen. Unmittelbar reformmächtig ist sie nicht. Lehrerbildner,
Schul- und Bildungsforscher tun deshalb gut daran, ihren
Einfluß auf die Bildungspolitik nicht zu
überschätzen. Ob uns das gefällt oder nicht, spielt
keine Rolle, es ist so. In einschlägigen planenden oder
beratenden Gremien ist das Gewicht der Wissenschaft nicht
größer als das der Vertreter von Wirtschaft, Verwaltung,
der Parteien und Kirchen. Auch durch ihre Hauptaufgabe, die
Begleitforschung, wirkt sie nur indirekt.
Mit dieser Feststellung will ich auch sagen, daß die Orte, an
denen unsere Wissenschaft Handlungsrelevanz gewinnen kann, Studium
und Weiterbildung sind. Gerade in der Weiterbildung, die ja auch eine
Form der Lehrerbildung ist, spielt der Umgang von, vereinfacht
gesagt, Theoretikern und Praktikern eine wesentliche Rolle. Ich rede
jetzt nicht vom Verhältnis von Theorie und Praxis, es geht mir
bloß um den Austausch professioneller Kompetenzen. Dieser
Austausch beginnt bereits mit der Einsicht, daß eine
theoretisch-systematische Pädagogik oder Psychologie keine
bessere Wissenschaft ist als eine, die praktisches Handeln zu
optimieren versucht.
Davon abgesehen denken und handeln Theoretiker und Praktiker in
unterschiedlichen Bezugsrahmen, die sich nicht ohne zusätzliche
Übersetzungs- und Interpretationsleistung aufeinander abstimmen
lassen. Die Bereitschaft und die Fähigkeit dazu ist von beiden
Seiten zu verlangen. Das Wissen der Wissenschaft ist ausschnitthaft,
dafür differenziert und präziser im Detail. Sie liefert
Befunde, keine Verhaltensregeln und ist nicht unmittelbar
nützlich. Daß sie aber Nutzen bringt, darum muß sich
auch der Wissenschaftler kümmern. Er kann nicht einfach die
Hände auf den Rücken legen, wenn es darum geht, daß
aus seinen Erkenntnissen Handlung wird.
Lehrpersonen gleich welcher Schulart sind nicht die ausführenden
Organe einer überlegenen Wissenschaft. Ebensowenig sind sie, was
ihre Verantwortung im unmittelbaren pädagogischen Umgang
betrifft, weisungsabhängige Vollzugsbeamte. Pädagogische
Lehre und Erziehung lassen sich nur in einem sehr
oberflächlichen Sinn anordnen. Mehr als formale Vorschriften
sind nicht möglich, nur die direkt Beteiligten können sie
mit Sinn erfüllen. Und das geht nicht gegen deren
Überzeugungen, professionelle Kompetenzen und Erfahrungen und
das resultierende Selbstverständnis. Da mag die Wissenschaft
noch so klug und die Regierung noch so souverän sein, beide sind
sie auf die innere Zustimmung und die berufliche Kompetenz der im
Feld Handelnden angewiesen.
Und Lehrer müssen in der Lage sein, ihr Handlungsrepertoire so
zu verändern, daß es mit wissenschaftlicher Erkenntnis in
Einklang steht. Von einem behandelnden Arzt erwarten wir das
schließlich auch. Um die nötige Kooperation zwischen
Theoretikern und Praktikern herzustellen, halte ich allerdings die
Lehrerbildung für wichtiger als die Regierung.
Ein letzter Gedanke: In unserem demokratischen Verfassungsstaat ist
das Bildungswesen durch eigene Prinzipien geregelt. Sie bestimmen,
mehr oder weniger konkret, die Rechte und Aufgaben aller Beteiligten.
Der Staat trägt die Verantwortung für die Ordnung des
öffentlichen Schulwesens, auch Privatschulen unterliegen seiner
Kontrolle. Aber de facto ist das schulische Bildungsmonopol des
Staates bereits an vielen Stellen durchbrochen.
Andere Mächte haben das Feld betreten, diffusere, aber nicht
weniger wirksam: die allgegenwärtigen Medien, die
Maßnahmen innerbetrieblicher Aus- und Weiterbildung,
Bildungseinrichtungen kleinerer Gruppen, kulturell-religiöser
Minderheiten, deren Einfluß mit den Wanderbewegungen zunehmen
wird, die europäische Integration. Je mehr das Korsett aus
Rechts- und Verfahrensvorschriften über Schul- und
Unterrichtsorganisation, Laufbahnbestimmungen, Curriculumvorgaben
seine formende Kraft verliert, desto höher steigen die
Anforderungen an die Professionalität der Lehrerinnen und
Lehrer. Und diese Professionalität wird, analog der
medizinischen, juristischen, technischen, ökonomischen, und
zureichendes Lehrfachwissen vorausgesetzt, vor allem eine
pädagogisch-psychologische sein. Auch wenn die Bildungspolitik
das immer noch nicht begriffen hat. Und die
Universitätsöffentlichkeit nur zum Teil (Richter,
1994).
Die pädagogische Dienstleistung in unterschiedlichen
Korporationen, privat oder mit dem Staat vertraglich geregelt,
braucht dann neben dem professionellen Wissen und Können auch
ein professionelles Ethos, das dann nicht mehr im Schulmonopol des
Verfassungsstaates aufgehoben wäre. Ähnlich dem
hippokratischen Eid könnte man an einen sokratischen denken. Ich
will diesem Gedanken aber jetzt nicht weiter nachgehen.
Manchmal stelle ich mir vor, die Fakultät dürfte einmal
wieder eine neue Professur besetzen, vielleicht sogar eine
pädagogische, Sokrates hätte sich beworben und stände
primo loco. Das Ministerium wäre über seinen Schatten
gesprungen und hätte ihn trotz seiner staatsfeindlichen Umtriebe
und der lebensgefährlichen Vorstrafe berufen. Zugegeben, das
sind ziemlich starke Annahmen. Für einige, durchaus moderne
Thematiken wäre Sokrates kein schlechter Professor, man
müßte ihn ja nicht in die integrierte Videoanlage stecken.
Trotz seines Alters würde er vielleicht einiges von der
Leichtigkeit und fruchtbaren Frische seines heimischen Windgottes in
unseren Betrieb bringen, des Windes mit dem beziehungsreichen Namen
C4, nein: Zephir, Zephyros genau genommen. In anderen Bereichen
würde er solange fragen, bis er begriffen hätte, was in den
vergangenen zweieinhalbtausend Jahren aus seinen Ideen geworden ist.
An guten Tagen kann ich mir denken, er wäre mit uns und dieser
Fakultät zufrieden, manchmal vielleicht sogar begeistert. Aber
wer hat schon immer gute Tage?
Literaturverzeichnis
Blankertz, H. (1971). Curriculumforschung - Strategien,
Strukturierung, Konstruktion. Essen: Neue Deutsche Schule
Verlagsgesellschaft.
Drerup, H. (1987). Wissenschaftliche Erkenntnis und
gesellschaftliche Praxis. Weinheim: Deutscher Studienverlag.
Fend, H. (1982). Gesamtschule im Vergleich. Weinheim:
Beltz.
Richter, I. (1994). Entscheidungsstrukturen für Bildungsfragen
in offenen Gesellschaften. Zeitschrift für
Pädagogik, 40, 181-191.
Schiefele, H. (1993). Erfahrungen mit der Schulreform. Neue
Sammlung, 33, 215-227.