Kognitives Lernen nach Gagné


Lernen als Informationsverarbeitung

Bereits die Gestaltpsychologie hatte die Bedeutung der Wahrnehmung, der Einsicht, des produktiven Denkens und Problemlösens beim Lernen betont (Bower/Hilgard 1984). In der Gestaltpsychologie liegt eine der Wurzeln der kognitiven Lerntheorien, die weniger die äußeren Bedingungen (wie Reize, Verstärkungen) als vielmehr die innere Repräsentation und Verarbeitung der Umwelt in Wissenstrukturen und Handlungsplänen betonen. Hatte schon Tolman Ende der 40er Jahre eine Integration beider Denkrichtungen versucht, so gilt die Arbeit Robert M. Gagnés    (1969) in neuerer Zeit als besonders für schulisches Lernen wichtigster Versuch.

Lernstufen

Gagné entwickelt acht Lerntypen:

1. Signallernen (zum Beispiel Glocke – Speichelfluß ,

2. Reiz-Reaktions-Lernen (durch positive Verstärkung lernt das Kleinkind beim Anblick des Vaters, "Papa" zu sagen),

3. motorische und

4. sprachliche Kettenbildung (das Kind lernt das Zu-Bettgehen als Folge von: "Puppe" sagen, die Puppe in den Arm nehmen, sich hinlegen etc.),

5. Lernen von Unterscheidungen/Diskrimination (ein Junge – natürlich(!) – lernt die jährlich erscheinenden neuen Automarken und Typen mit allen Details zu unterscheiden),

6. Begriffslernen (ein Kind lernt angesichts der Vielfalt spezifischer physikalischer Konstellationen den Begriff "mittlerer" als ein Ding zwischen zwei anderen),

7. Regellernen (das dehnt sich bei Erhitzung aus: diese Regel als allgemeines Prinzip anwenden können) und

8. Problemlösen (das Ausdenken einer abgewandelten oder neuen Regel für bisher unbekannte Probleme).

Diese Lernarten bauen nach Gagné hierarchisch aufeinander auf. Die voraufgehende einfachere muß jeweils beherrscht werden, bevor man eine komplexere angehen kann. Gagné hat daraus für schulisches Lernen eine Art Karte des zu lernenden Stoffes entwickelt, wobei der Lehrer die Teilaufgaben in einer hierarchischen Sequenz anordnet (Lernstruktur). Das hat für die Curriculumentwicklung eine große Rolle gespielt.

Das Gehirn – ein Computer?

Mit Gagnés Arbeit war die "kognitive Wende" endgültig eingeläutet (aktueller Überblick über die kognitive Psychologie bei Wessels 1990). Neuere Theorien begreifen Lernen (vom Wissenschaftserwerb bis zur Begriffsbildung und zum Problemlösen) als Informationsverarbeitung in Analogie zum "Elektronengehirn", dem Computer. Grundlage dafür sind sowohl mathematische Lerntheorien als auch Theorien zum Sprachlernen oder zur Computersimulation intelligenten Verhaltens. Doch Vorsicht: Bei der Analogie Gehirn-Computer muß grundlegend bedacht werden, daß das Gehirn der Produzent, der Computer aber immer nur ein Produkt ist. Insofern darf man vom Produkt nicht einfach auf den Produzenten zurückschließen, denn wir wissen aus der Neurobiologie, daß unsere Vorstellungen von den Funktionsweisen des Gehirns äußerst bescheiden und zumal überwiegend Konstrukte sind!

(Diese Textstelle ist aus:

Gudjons, Herbert; Pädagogisches Grundwissen; Verlag Julius Klinkhardt; Bad Heilbrunn; 19954, Seite 218 f. .)


Die von Gagné vertretene Aufassung des Lernens

Gagné faßt lernen nicht als ein Phänomen auf, das sich mit einfachen Theorien erklären läßt. Er ist überzeugt, daß es - obwohl viele Leute es jahrelang versucht haben - nicht zu leisten ist, konkrete Beispiele von Lernen auf Grund weniger Prinzipien zu erklären.

Er ist der Meinung, daß die Einsicht, daß Lernen weitgehend von Ereignissen in der Umwelt (mit der ein Individuum in Wechselbeziehungen steht) abhängt, es möglich macht, Lernen als ein Phänomen aufzufassen, das genauer untersucht und tiefer verstanden werden kann. Lernen ist nicht einfach das Ereignis, das naturnotwendig geschieht; es ist ebenso ein Vorgang der unter gewissen beobachtbaren Bedingungen abläuft.

Diese Bedingungen hat Gagné untersucht. Er erörtert, welche Ordnungen von Umständen be-stehen, wenn Lernen geschieht, das heißt, wenn gewisse beobachtbare Veränderungen im menschlichen Verhalten stattfinden, die den Schluß auf Lernen rechtfertigen. Er beschäftigt sich mit einer Reihe verschiedenartiger Veränderungen und entsprechend mit einer Reihe von Beziehungen zwischen diesen und den Situationen, in denen sie auftreten.

Für Gagné ist Lernen eine „Änderung in menschlichen Dispositionen oder Fähigkeiten, die erhalten bleibt und nicht einfach dem Reifungsprozeß zuzuschreiben ist." Die Art des Wandels, die man Lernen nennt, zeigt sich als eine Verhaltensänderung, und man zieht den Schluß auf Lernen, indem man vergleicht, welches Verhalten möglich war, bevor das Individuum in eine Lernsituation gebracht wurde, und welches Verhalten nach einer solchen Behandlung gezeigt wird. Die Änderung kann in einer verbesserten Fähigkeit für eine bestimmte Leistung bestehen, und so ist es tatsächlich oft. Es kann auch eine veränderte Verhaltensbereitschaft von der Art sein, die man Einstellung, Interesse oder Wert nennt. Die Veränderung muß den Augenblick überdauern; sie muß über eine gewisse Zeitspanne erhalten bleiben können. Schließlich muß sie von jener Art der Veränderung unterscheidbar sein, die der Reife zuzuschreiben ist, wie z.B. das Größenwachstum oder die Entwicklung von Muskeln durch Training.

Bei jedem Lernvorgang gibt es drei wesentliche Elemente:

1. Es gibt einen Lernenden, ein menschliches Wesen. Seine wichtigsten Teile sind in diesem Fall seine Sinnesorgane, sein ZNS und seine Muskeln. Ereignisse in der Umwelt wirken auf die Sinne des Lernenden und setzen Ketten nervöser Impulse in Gang die durch sein ZNS, besonders das Hirn, organisiert werden. Diese Nerventätigkeit läuft in bestimmten Sequen-zen und Mustern ab, welche die Natur des organisierenden Prozesses selbst verändern, und diese Wirkung zeigt sich als Lernen. Schließlich wird diese Nerventätigkeit in Handlung übersetzt, die vielleicht als Muskelbewegung in ausführenden Reaktionen verschiedener Art zu beobachten ist.

2. Die Ereignisse, welche die Sinne des Lernenden reizen, werden zusammengefaßt als die „Reizsituation" bezeichnet. Wenn ein einzelnes Ereignis zu unterscheiden ist,, wird es häufig als Reiz benannt.

3. Die Handlung, die aus der Reizung und der nachfolgenden Nerventätigkeit hervorgeht, wird als Reaktion bezeichnet

Ein Lernvorgang findet also statt, wenn die Reizsituation auf den Lernenden in einer Weise wirkt, daß sich seine Leistung von einem Zeitpunkt vor dieser Situation zu einem Zeitpunkt nach dieser Situation ändert. Es ist die Änderung der Leistung, die zu dem Schluß führt, daß Lernen stattgefunden hat.

(aus Robert M. Gagné „Die Bedingungen des menschlichen Lernens")



Diese Seite wurde erstellt von

Janine Dieckmann und

Edith Tenfelde