Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/LEHRTEXTE/Lehrtexte.html
Der download dieses Textes und die Spiegelung auf dem server http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/ erfolgte ausschließlich zu Lehr- und Dokumentationszwecken bzw. zur Gewährleistung einer gewissen Stabilität der Informationen und berührt nicht das Copyright der jeweiligen AutorInnen! Damit soll den userInnen (StudentInnen, SchülerInnen) die Nachprüfbareit der Originalquellen ermöglicht werden, die im internet aufgrund der Dynamik des Entstehens und Vergehens von pages selten gegeben ist.
Falls sich AutorInnen durch diese Form der Dokumentation in ihrem Urheberrecht verletzt fühlen, bitte eine mail an den webmaster: werner.stangl@jku.at
Diese Seite gehört zu "Werner Stangls homepage der internetunterstützen Lehre": http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at:4711/default.html

 

Die Universitäten ticken nicht mehr richtig
Stefan Krempl   25.01.99

Interview mit dem Teleteaching-Veteran Jacques Dubois über die Scheu vor dem Wandel im traditionellen Bildungswesen

F¸r Jacques Dubois, Projektleiter des Going the Distance Public Broadcasting Service in Florida, sind die Uhren der Hochschulen noch auf die Agrargesellschaft eingestellt; das traditionelle Bildungssystem ist daher nicht mit der Informationsˆkonomie kompatibel, in der "Learning Power" mit "Earning Power" gleichzusetzen ist.

 

Teleteaching, das für Dubois "Learning-on-Demand" ermöglicht und mehr Flexibilität bietet, soll Abhilfe schaffen - vor allem für die Hälfte aller Studenten, die zumindest in den USA bereits über 26 Jahre alt sind, im Berufsleben stehen und keine Chance mehr haben, einen Campus zu besuchen. Stefan Krempl sprach mit dem Südstaatler während der Online Educa Berlin 1998 (siehe auch Die Wissenskämpfe haben bereits begonnen ) über die Potentiale des technologieunterstützten Lernens für die weltweite Wissensvermittlung.

 

 

  Welche Möglichkeiten bietet Teleteaching?

 

Jacques Dubois: Meiner Meinung nach bringt Teleteaching die Möglichkeit mit sich, Life-Long-Learning tatsächlich zu verwirklichen. Denn das traditionelle Klassenzimmer, das für einen normalen Studenten noch ausreichen mag, hat nur noch einen beschränkten Wert, wenn man erst einmal im Arbeitsleben steht, eine Familie hat oder sozial engagiert ist. Aber es ist heute nötig, berufsbezogen immer auf dem aktuellen Informationsstand zu sein und neue Fähigkeiten zu entwickeln. Wir müssen also der Tatsache ins Gesicht sehen, daß wir alle in unserem Beruf lebenslang lernen müssen. Und um das überhaupt zu ermöglichen, benötigen wir ein flexibles Lernumfeld, brauchen wir Learning on Demand. Denn global gesehen gibt es einen echten Markt für Angebote für Interessenten, die während ihres Arbeitsalltags ihre Ausbildung fortführen wollen - sei es aus beruflichen Gründen oder um einen akademischen Abschluß zu erzielen.

  Bringt Teleteaching auch eine Verbesserung des Lehrprozesses mit sich?

 

Jacques Dubois: Unsere Lehrer, die sich auf Teleteaching eingelassen haben, machen die Erfahrung, daß sie mit Hilfe der neuen Lehrmethoden auch ihre traditionellen Seminare verbessern können. Beispielsweise lernen sie, ihre Kurse stärker zu strukturieren. Es bestehen also durchaus Synergieeffekte für das normale Ausbildungssystem.

  Was halten Sie davon, Teleteaching mit Präsenzunterricht zu mischen, wie es hier in Europa oft gemacht wird?

 

Jacques Dubois: Beide Formen werden meiner Ansicht nach immer stärker miteinander verschmelzen: Einige Studenten werden ganz normal ins Klassenzimmer gehen, einige im Studentenwohnheim oder Zuhause bleiben, andere werden nie an die Universität kommen, weil sie Meilen entfernt oder sogar auf einem anderen Kontinent leben, wieder andere könnten gerade auf Reisen sein. Den Dozent wird es dann gar nicht interessieren, wo seine Studenten sind - vorausgesetzt, sie haben Zugang zur Unterrichtsdiskussion und beteiligen sich am Geschehen.

Aber natürlich wird momentan im Universitätsbereich die Debatte geführt, ob diese Lehrform integrativer Teil des gesamten Universitätsbetriebs sein soll oder nur eine spezielle Aufgabe für eine gesonderte Abteilung. Die meisten Hochschulen sehen Teleteaching nach wie vor als Aufgabe eines speziellen Instituts an, weil dann ihrer Logik nach insgesamt nicht so viele zusätzliche Leistungen zu erbringen sind und zunächst Kosten gespart werden können. Aber langfristig werden Institutionen mit einer gewissen Weitsicht erkennen, daß sie die Technologie in ihr System integrieren müssen und auch die Studenten ansprechen müssen, die nicht auf den Campus kommen können. Aber international gesehen ist die Anzahl der Hochschulen, die sich dazu entschieden hat, noch recht klein.

  Was vermissen Sie im traditionellen Hochschulsystem?

 

Jacques Dubois: Viele Hochschulen mußten nie auf irgendwelche Produktivitätsfaktoren achten. Dort ist also die Meinung weit verbreitet, daß man selbst ein öffentliches Gut sei. Und was das Ganze kostet, kostet es eben, egal ob etwas gut und effizient ist oder nicht. Aber jemand muß für das System bezahlen, und so sind die Studiengebühren in den Vereinigten Staaten nur noch am Steigen. Ich bin mir daher nicht sicher, wie lange unsere Gesellschaft sich diesen Ansatz noch leisten kann. Viele aus dem Hochschulbereich sehen ja gar nicht, daß die Regierung keine Stipendien mehr für Studiengebühren vergibt, sondern nur noch Darlehen. Deswegen zahlen viele Studenten, die diese Hilfe in Anspruch nehmen, jahrelang ihre Schulden ab. Ich fürchte also, daß wir eine Nation von Schuldnern schaffen. Professoren wollen aber fast nie darüber diskutieren, ob sie überhaupt wirtschaftlich produktiv sein können. Produktivität ist in akademischen Kreisen ein Unwort. Auf der anderen Seite spielte sich im Bereich Teleteaching fast alles auf selbstfinanzierender Basis ab. Die Teleteaching-Community war schon immer viel mehr auf den Markt und auf Produktivitätsfaktoren ausgerichtet und sich viel mehr der Tatsache bewußt, daß man sinnvoll mit seinen Ressourcen umgehen und dies auch zeigen muß.

Letztendlich kann man auch nicht immer neue Universitäten aus Beton bauen, das wird ja viel zu teuer. Immer dann, wenn man an einem Ort eine Hochschule errichtet, verändert sich die Zahl der Studenten, verändern sich die Bevölkerungszahlen. Der Gesellschaftswandel führt also dazu, daß man flexiblere Ansätze parat haben muß.

  Kann Teleteaching den Zugang zum Wissen sichern?

 

Jacques Dubois: Eigentlich denke ich, daß sich der Begriff Teleteaching nicht mehr lange halten wird, weil er falsche Betonungen setzt. Natürlich geht es auch darum, Entfernungen zu überbrücken, aber die Leute nutzen virtuelle Seminare immer mehr aus Zeitgründen. Wir sehen also, wie eine Learning-on-Demand-Umwelt entsteht, da jeder so stark in seinem Alltagsleben beschäftigt ist, daß er einfach nicht einen ganzen Sommer freimachen kann wie an der Universität heutzutage noch. Der Hochschulbereich richtet sich ja noch nach dem "Bauernkalender", der Zeitrechnung der Agrargesellschaft. Gleichzeitig will er aber eine Wissensbastion für das Informationszeitalter sein. Aber die Menschen, die die Dienste einer Wissensinstitution in Anspruch nehmen wollen, brauchen Informationen und Hilfe zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie können nicht bis zum nächsten Semesterbeginn warten. Und die Anforderungen kommen ja von den Arbeitgebern, die von heute auf morgen beispielsweise auf neue Produkte umstellen. Das Leben von Studenten im Berufsalltag wird also ständig durch alle möglichen Herausforderungen und Aufgabenstellungen unterbrochen, so daß sie dem normalen Lehrbetrieb gar nicht folgen können.

Auch von den Dozenten und Professoren hängt vieles ab: Normalerweise arbeitet ein Lehrer als Alleinunterhalter. Einmal "berufen", entwirft er den Kurs, wählt Texte aus und unterrichtet dann im Klassenzimmer. Durch den Technologieeinsatz wird es nun nötig, daß ein Dozent Teil eines Teams werden muß. Denn um eine gewisse Qualität der "Courseware" sicherzustellen, muß man höchstwahrscheinlich einen Didaktiker mit technologischem Background an der Seite haben, einen Graphiker, der Lehrmaterial visualisiert etc. Das ist eine echte Herausforderung für die gesamte Kultur des Bildungsbereichs, da sich die Rolle der Beteiligten vollkommen verändert.

  Immer wieder wird befürchtet, daß die Entwicklungsländer in ihrer Entwicklung noch weiter zurückfallen und sich das Knowledge Gap weiter ausdehnt. Könnte Teleteaching Abhilfe schaffen?

 

Jacques Dubois: Es ist ein echtes Problem, daß die neue Lerntechnik eigentlich genau die Länder begünstigt, in denen Technologie dominant und überall präsent ist. Andererseits werden viele Anstrengungen unternommen, um das Netzwerk global auszudehnen - und das würde es ermöglichen, die Lernangebote etwa über bestimmte Lerneinrichtungen an ein größeres Publikum in den Entwicklungsländern zu bringen. Wenn man sich die Technologieentwicklung ansieht, erwarten einen ja immer wieder Überraschungen. Die Vereinigten Staaten sind ein gutes Beispiel. In den 50ern baute die Regierung mit viel Geld und Aufwand eine Elektrifizierungsbehörde auf, die dafür sorgen sollte, daß auch die ländlichen Gegenden mit Strom und Telefon versorgt werden. Dazu mußte man sehr viele Kabel verlegen, was die USA zunächst in der allgemeinen technologischen Entwicklung zurückgeworfen hat.

In den norwegischen Ländern gab es ebenfalls weite ländliche Regionen. Aber es gab kein Geld, um sie ans Telefonnetz anzuschließen. Jetzt gibt es dort überall Handys und vielleicht sogar einen besseren Telefondienst als in den USA, da die Technologie sich in Quantensprüngen fortentwickelt. Wenn ein Land also einmal eine Spitzenposition in der technologischen Entwicklung einnimmt, heißt das noch lange nicht, daß es dabei immer bleiben wird. Haben Länder beispielsweise schon eine intakte Infrastruktur, werden sie nicht so schnell auf andere Technologien umsteigen - selbst wenn diese besser sind. Es läßt sich also kaum vorhersagen, wer in der Zukunft die Haves und die Have Nots sein werden.

Aber momentan müssen wir und die Telefongesellschaften eh' der Tatsache ins Auge sehen, daß der Großteil der Weltbevölkerung noch nie ein Telefon benutzt hat. Das große Ziel ist also erst einmal, globalen Zugang für alle zu den grundlegenden Telefondiensten zu schaffen. Haben die Leute diesen Zugang zum Telefon, haben sie auch Zugang zur Information.

 


Copyright © 1996-99 All Rights Reserved. Alle Rechte vorbehalten
Verlag Heinz Heise, Hannover
last modified: 25.01.99