|
Die
Universitäten ticken nicht mehr
richtig
Stefan
Krempl
25.01.99
Interview mit dem
Teleteaching-Veteran Jacques Dubois über die
Scheu vor dem Wandel im traditionellen
Bildungswesen
F¸r Jacques
Dubois, Projektleiter des Going
the Distance Public Broadcasting
Service in
Florida, sind die Uhren der Hochschulen noch auf
die Agrargesellschaft eingestellt; das
traditionelle Bildungssystem ist daher nicht mit
der Informationskonomie kompatibel, in der
"Learning Power" mit "Earning Power" gleichzusetzen
ist.
Teleteaching, das für Dubois
"Learning-on-Demand" ermöglicht und mehr
Flexibilität bietet, soll Abhilfe schaffen -
vor allem für die Hälfte aller Studenten,
die zumindest in den USA bereits über 26 Jahre
alt sind, im Berufsleben stehen und keine Chance
mehr haben, einen Campus zu besuchen. Stefan Krempl
sprach mit dem Südstaatler während
der Online
Educa Berlin 1998 (siehe auch Die
Wissenskämpfe haben bereits begonnen )
über die Potentiale des
technologieunterstützten Lernens für die
weltweite Wissensvermittlung.
Welche Möglichkeiten bietet
Teleteaching?
|
|
Jacques
Dubois: Meiner Meinung nach
bringt Teleteaching die Möglichkeit
mit sich, Life-Long-Learning
tatsächlich zu verwirklichen. Denn
das traditionelle Klassenzimmer, das
für einen normalen Studenten noch
ausreichen mag, hat nur noch einen
beschränkten Wert, wenn man erst
einmal im Arbeitsleben steht, eine Familie
hat oder sozial engagiert ist. Aber es ist
heute nötig, berufsbezogen immer auf
dem aktuellen Informationsstand zu sein
und neue Fähigkeiten zu entwickeln.
Wir müssen also der Tatsache ins
Gesicht sehen, daß wir alle in
unserem Beruf lebenslang lernen
müssen. Und um das überhaupt zu
ermöglichen, benötigen wir ein
flexibles Lernumfeld, brauchen wir
Learning on Demand. Denn global gesehen
gibt es einen echten Markt für
Angebote für Interessenten, die
während ihres Arbeitsalltags ihre
Ausbildung fortführen wollen - sei es
aus beruflichen Gründen oder um einen
akademischen Abschluß zu
erzielen.
|
Bringt Teleteaching auch eine
Verbesserung des Lehrprozesses mit sich?
|
|
Jacques
Dubois: Unsere Lehrer, die sich
auf Teleteaching eingelassen haben, machen
die Erfahrung, daß sie mit Hilfe der
neuen Lehrmethoden auch ihre
traditionellen Seminare verbessern
können. Beispielsweise lernen sie,
ihre Kurse stärker zu strukturieren.
Es bestehen also durchaus Synergieeffekte
für das normale
Ausbildungssystem.
|
Was halten Sie davon, Teleteaching mit
Präsenzunterricht zu mischen, wie es hier in
Europa oft gemacht wird?
|
|
Jacques
Dubois: Beide Formen werden
meiner Ansicht nach immer stärker
miteinander verschmelzen: Einige Studenten
werden ganz normal ins Klassenzimmer
gehen, einige im Studentenwohnheim oder
Zuhause bleiben, andere werden nie an die
Universität kommen, weil sie Meilen
entfernt oder sogar auf einem anderen
Kontinent leben, wieder andere
könnten gerade auf Reisen sein. Den
Dozent wird es dann gar nicht
interessieren, wo seine Studenten sind -
vorausgesetzt, sie haben Zugang zur
Unterrichtsdiskussion und beteiligen sich
am Geschehen.
Aber natürlich wird momentan im
Universitätsbereich die Debatte
geführt, ob diese Lehrform
integrativer Teil des gesamten
Universitätsbetriebs sein soll oder
nur eine spezielle Aufgabe für eine
gesonderte Abteilung. Die meisten
Hochschulen sehen Teleteaching nach wie
vor als Aufgabe eines speziellen Instituts
an, weil dann ihrer Logik nach insgesamt
nicht so viele zusätzliche Leistungen
zu erbringen sind und zunächst Kosten
gespart werden können. Aber
langfristig werden Institutionen mit einer
gewissen Weitsicht erkennen, daß sie
die Technologie in ihr System integrieren
müssen und auch die Studenten
ansprechen müssen, die nicht auf den
Campus kommen können. Aber
international gesehen ist die Anzahl der
Hochschulen, die sich dazu entschieden
hat, noch recht klein.
|
Was vermissen Sie im traditionellen
Hochschulsystem?
|
|
Jacques
Dubois: Viele Hochschulen
mußten nie auf irgendwelche
Produktivitätsfaktoren achten. Dort
ist also die Meinung weit verbreitet,
daß man selbst ein öffentliches
Gut sei. Und was das Ganze kostet, kostet
es eben, egal ob etwas gut und effizient
ist oder nicht. Aber jemand muß
für das System bezahlen, und so sind
die Studiengebühren in den
Vereinigten Staaten nur noch am Steigen.
Ich bin mir daher nicht sicher, wie lange
unsere Gesellschaft sich diesen Ansatz
noch leisten kann. Viele aus dem
Hochschulbereich sehen ja gar nicht,
daß die Regierung keine Stipendien
mehr für Studiengebühren
vergibt, sondern nur noch Darlehen.
Deswegen zahlen viele Studenten, die diese
Hilfe in Anspruch nehmen, jahrelang ihre
Schulden ab. Ich fürchte also,
daß wir eine Nation von Schuldnern
schaffen. Professoren wollen aber fast nie
darüber diskutieren, ob sie
überhaupt wirtschaftlich produktiv
sein können. Produktivität ist
in akademischen Kreisen ein Unwort. Auf
der anderen Seite spielte sich im Bereich
Teleteaching fast alles auf
selbstfinanzierender Basis ab. Die
Teleteaching-Community war schon immer
viel mehr auf den Markt und auf
Produktivitätsfaktoren ausgerichtet
und sich viel mehr der Tatsache
bewußt, daß man sinnvoll mit
seinen Ressourcen umgehen und dies auch
zeigen muß.
Letztendlich kann man auch nicht immer
neue Universitäten aus Beton bauen,
das wird ja viel zu teuer. Immer dann,
wenn man an einem Ort eine Hochschule
errichtet, verändert sich die Zahl
der Studenten, verändern sich die
Bevölkerungszahlen. Der
Gesellschaftswandel führt also dazu,
daß man flexiblere Ansätze
parat haben muß.
|
Kann Teleteaching den Zugang zum Wissen
sichern?
|
|
Jacques
Dubois: Eigentlich denke ich,
daß sich der Begriff Teleteaching
nicht mehr lange halten wird, weil er
falsche Betonungen setzt. Natürlich
geht es auch darum, Entfernungen zu
überbrücken, aber die Leute
nutzen virtuelle Seminare immer mehr aus
Zeitgründen. Wir sehen also, wie eine
Learning-on-Demand-Umwelt entsteht, da
jeder so stark in seinem Alltagsleben
beschäftigt ist, daß er einfach
nicht einen ganzen Sommer freimachen kann
wie an der Universität heutzutage
noch. Der Hochschulbereich richtet sich ja
noch nach dem "Bauernkalender", der
Zeitrechnung der Agrargesellschaft.
Gleichzeitig will er aber eine
Wissensbastion für das
Informationszeitalter sein. Aber die
Menschen, die die Dienste einer
Wissensinstitution in Anspruch nehmen
wollen, brauchen Informationen und Hilfe
zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie
können nicht bis zum nächsten
Semesterbeginn warten. Und die
Anforderungen kommen ja von den
Arbeitgebern, die von heute auf morgen
beispielsweise auf neue Produkte
umstellen. Das Leben von Studenten im
Berufsalltag wird also ständig durch
alle möglichen Herausforderungen und
Aufgabenstellungen unterbrochen, so
daß sie dem normalen Lehrbetrieb gar
nicht folgen können.
Auch von den Dozenten und Professoren
hängt vieles ab: Normalerweise
arbeitet ein Lehrer als Alleinunterhalter.
Einmal "berufen", entwirft er den Kurs,
wählt Texte aus und unterrichtet dann
im Klassenzimmer. Durch den
Technologieeinsatz wird es nun nötig,
daß ein Dozent Teil eines Teams
werden muß. Denn um eine gewisse
Qualität der "Courseware"
sicherzustellen, muß man
höchstwahrscheinlich einen Didaktiker
mit technologischem Background an der
Seite haben, einen Graphiker, der
Lehrmaterial visualisiert etc. Das ist
eine echte Herausforderung für die
gesamte Kultur des Bildungsbereichs, da
sich die Rolle der Beteiligten vollkommen
verändert.
|
Immer wieder wird befürchtet,
daß die Entwicklungsländer in ihrer
Entwicklung noch weiter zurückfallen und sich
das Knowledge Gap weiter ausdehnt. Könnte
Teleteaching Abhilfe schaffen?
|
|
Jacques
Dubois: Es ist ein echtes
Problem, daß die neue Lerntechnik
eigentlich genau die Länder
begünstigt, in denen Technologie
dominant und überall präsent
ist. Andererseits werden viele
Anstrengungen unternommen, um das Netzwerk
global auszudehnen - und das würde es
ermöglichen, die Lernangebote etwa
über bestimmte Lerneinrichtungen an
ein größeres Publikum in den
Entwicklungsländern zu bringen. Wenn
man sich die Technologieentwicklung
ansieht, erwarten einen ja immer wieder
Überraschungen. Die Vereinigten
Staaten sind ein gutes Beispiel. In den
50ern baute die Regierung mit viel Geld
und Aufwand eine
Elektrifizierungsbehörde auf, die
dafür sorgen sollte, daß auch
die ländlichen Gegenden mit Strom und
Telefon versorgt werden. Dazu mußte
man sehr viele Kabel verlegen, was die USA
zunächst in der allgemeinen
technologischen Entwicklung
zurückgeworfen hat.
In den norwegischen Ländern gab es
ebenfalls weite ländliche Regionen.
Aber es gab kein Geld, um sie ans
Telefonnetz anzuschließen. Jetzt
gibt es dort überall Handys und
vielleicht sogar einen besseren
Telefondienst als in den USA, da die
Technologie sich in Quantensprüngen
fortentwickelt. Wenn ein Land also einmal
eine Spitzenposition in der
technologischen Entwicklung einnimmt,
heißt das noch lange nicht,
daß es dabei immer bleiben wird.
Haben Länder beispielsweise schon
eine intakte Infrastruktur, werden sie
nicht so schnell auf andere Technologien
umsteigen - selbst wenn diese besser sind.
Es läßt sich also kaum
vorhersagen, wer in der Zukunft die Haves
und die Have Nots sein werden.
Aber momentan müssen wir und die
Telefongesellschaften eh' der Tatsache ins
Auge sehen, daß der Großteil
der Weltbevölkerung noch nie ein
Telefon benutzt hat. Das große Ziel
ist also erst einmal, globalen Zugang
für alle zu den grundlegenden
Telefondiensten zu schaffen. Haben die
Leute diesen Zugang zum Telefon, haben sie
auch Zugang zur Information.
|
|
|
|
|
Copyright
© 1996-99 All Rights Reserved. Alle
Rechte vorbehalten
Verlag Heinz Heise, Hannover
last modified: 25.01.99
|
|
|
|
|