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Suchtprävention in der Schule

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Diplomarbeit im Fach Erziehungswissenschaft

vorgelegt für die Diplomprüfung

von

Walter Knopf

aus

Gummersbach

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Angefertigt bei Professor Dr. Bodo Januszewski

an der Universität zu Köln

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Philosophische Fakultät

Erziehungswissenschaftliche Fakultät

Heilpädagogische Fakultät

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Abgabetermin

25.9.2000

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Inhalt

0.Einleitung 
I. Teil
1.Sucht und Gesellschaft
  1.1 Drogen als Teil der Kultur
  1.2 Geschichte der Sucht 
  1.3 Sucht in der Moderne
  1.4 Die Suchtgesellschaft?
2.Definitionen der Sucht
  2.1 Soziologische Definition der Sucht 
  2.2 Medizinische Definition der Sucht
  2.3 Psychosoziale Definiton der Sucht 
    2.3.1 Zeitliche Dimension der Sucht
    2.3.2 Sucht als entwicklungshemmender Faktor
    2.3.3 Ökologische Perspektive der Sucht
3.Individuelle Pathologie der Sucht 
4.Ätiologien der Sucht 
  4.1 Genetische Ursachen
  4.2 Psychoanalytische Theorien 
  4.3 Lerntheorien
  4.4 Sozialpsychologische Theorien
  4.5 Biologisch-phylogenetische Theorien
  4.6 Mythologisch-existentielle Theorien
5.Zusammenfassung des ersten Teils
II. Teil
6.Jugend und Drogen
  6.1 Jugendkultur und Drogen
  6.2 Epidemiologie des Drogenkonsums bei Kindern und Jugendlichen
  6.3 Funktionalität verschiedener Drogen
  6.4 Grundstörungen als Voraussetzung schulischer Suchtprävention
    6.4.1 Problemstellung
    6.4.2 Adoleszenz als Initialstadium
  6.5 Suchtbegünstigende Faktoren in der Familie
    6.5.1 Elterliches Modellverhalten?
    6.5.2 Broken-home-Sitution?
    6.5.3 Erziehungs- und Interaktionsstil
    6.5.4 Erfahrungen aus der klinischen Suchttherapie
    6.5.5 Resümee
  6.6 Personale Auslösefaktoren des Konsums von Drogen
    6.6.1 Persönlichkeitsmerkmale
    6.6.2 Entwicklungsstörungen
  6.7 Zusammenfassung des zweiten Teils
III. Teil
7.Suchtprävention 
  7.1 Allgemeines
  7.2 Sexualerziehung 
    7.2.1 Begründung 
    7.2.2 Konsequenzen 
  7.3 Sensorische Erziehung, Körpererleben
  7.4 Bildung
  7.5 Elternarbeit 
  7.6 Kommunikation
8.Zusammenfassung und abschließende Bemerkungen
Verwendete Literatur

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                                                           Die Spitze an Sinn, man spürt es, ist das Rätsel.

                                                                                                               Jacques Lacan1

0. Einleitung

Sucht ist ein weltweit verbreitetes Phänomen, das vor allem in den Industriegesellschaften als Problem mit epidemischem Ausmaß begriffen wird. Viele Institutionen in den modernen Gesellschaften sind mit den Auswirkungen der Sucht beschäftigt: Gesundheitswesen, kommunale Verwaltungen, Politik und Justiz. Ebenso werden viele Maßnahmen ergriffen, die der Sucht Einhalt gebieten sollen. Da Sucht eng an die Einnahme psychotroper Substanzen gebunden ist, ist ihr Konsum gesetzlich geregelt, es wird in legale und illegale Suchtstoffe unterschieden, die von Land zu Land unterschiedlich definiert werden. In der Bundesrepublik gilt das Betäubungsmittelgesetz (BtMG), das Besitz und Handel psychotroper Substanzen strengen Richtlinien unterwirft.

Polizei und Justiz sind mit der Überwachung dieses Gesetzes beauftragt, ein erheblicher Teil der Inhaftierten in Vollzugsanstalten rekrutiert sich aus Delikten gegen das BtMG; ein Drittel der Inhaftierten sind drogensüchtig, darunter überproportional viele Frauen und Kurzzeitinhaftierte ("Aktuelle Stunde" im WDR-Fernsehen vom 17.4.00). Darüberhinaus wird Sucht in unserer Gesellschaft vor allem in wirtschaftlichen Zahlen erfaßt, d.h. im Gesundheitswesen werden Therapieplätze und -kosten errechnet, die Wirtschaft stellt Statistiken zu Arbeitsausfällen und Produktivitätseinbußen auf.

Das Thema Sucht erfährt aber auch in der Öffentlichkeit eine breite Aufmerksamkeit. Die Angst, mit Sucht konfrontiert zu werden, trifft vor allem Eltern, die fürchten, daß ihre Kinder angesichts des großen und leicht zugänglichen Angebots an Suchtstoffen süchtig werden. Dies führt zu verschiedenartigsten Bemühungen, sich davor zu schützen, z.B. versuchen Eltern, Einfluß auf das Schulgeschehen zu nehmen, um dort den Drogenhandel zu unterbinden. In Irland, mit der europaweit derzeit höchsten Rate an Heroinkonsumenten, haben sich in besonders betroffenen Gegenden Bürgerwehren gebildet (Reportage im Öff.-Rechtl. Fernsehen 1999, näheres nicht rekonstruierbar). Abgesehen von solchen spektakulären Maßnahmen wird aber auch erkannt, daß Sucht ein weit verbreitetes Phänomen ist und gravierende Auswirkungen im gesellschaftlichen Umfeld der Betroffenen hat. Von daher wird Sucht auf vielen Ebenen in der Gesellschaft thematisiert und es bilden sich z.B. Betroffenen- und Angehörigengruppen, die neben Selbsthilfe auch Öffentlichkeitsarbeit leisten.

Sucht hat aber auch - und das macht den Kampf gegen sie schwierig - eine faszinierende Seite. Das Thema findet nicht nur vielfältigen Niederschlag in Kunst und Literatur - Fallada, Hemingway u.a. sind vielgelesene Autoren (vgl. Schwertl 19981) -, Sucht nimmt auch in der Literatur einen breiten Raum ein (vgl. Rau 1993). In der Musikszene ist ihr Einfluß noch offensichtlicher, populäre Rockmusik galt schon als Wegbereiter für Drogenkonsum (Tretter 1998). Letztlich scheint der gesamte Kreativbereich ohne Suchtstoffe nicht denkbar (vgl. Pfeiffer 1987). Ein weiteres Beispiel ist das Buch "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", das 1979, auf dem Höhepunkt der bundesdeutschen Opiatwelle, Eingang in weite Kreise der Bevölkerung fand (Bockhofer 1988) - das aber auch aufschreckte und verstärkt die Frage nach den Ursachen stellen ließ. Seither scheint das Bild der Sucht in den Massenmedien durch das Extrem des verelendenden jungen bis minderjährigen Fixers bzw. der Fixerin gekennzeichnet zu sein - Sucht haftet offenbar der Effekt des Nervenkitzels an (Dammer 1991).

Sucht ist damit bei weitem nicht die homogene Erscheinung, als die sie oft hingestellt wird, wenn es um Maßnahmen zur Eindämmung des Problems geht (vgl. Nissen 19941). Spätestens hier - bei Vorschlägen zur Prävention - zeigt sich, mit wieviel Emotionalität die Suchtthematik behaftet ist und mit wieviel Ideologisierung die Diskussion um sie geführt wird - wenn z.B., wie in etlichen Diskussionsbeiträgen zur Prävention, der Konsum von Tabak und Alkohol verteufelt wird (z.B. Hesse 1993).

Wenn daher, wie in dieser Arbeit, Suchtprävention - Prävention der Sucht oder Prävention von Sucht - das Thema ist, scheint es sinnvoll, etwas weiter auszuholen und das Phänomen Sucht mit seinen Insignien, den Drogen, in einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen, um daraus Schlüsse auf die Möglichkeiten von Prävention zu ziehen. Prävention (lat.: praevenire = zuvorkommen, überholen) bedeutet Vorbeugen, Verhüten, einem unerwünschten Geschehen, in diesem Fall der Sucht, zuvorkommen, z.B. durch Erziehung. Inwiefern Schule hierzu einen Beitrag leisten kann, gilt es zu untersuchen und darzustellen.

Nachdem daher im ersten Teil die Bereiche Sucht und Drogen thematisiert werden, wird anschließend auf die Suchtproblematik, wie sie sich für Kinder und Jugendliche darstellt, eingegangen, wobei der Schwerpunkt auf einer entwicklungspsychologischen Sichtweise liegt. Im dritten Teil stehen die Bedingungen der Schule, und wie hier Suchtprophylaxe betrieben werden kann, zur Diskussion. Dabei komme ich zu dem Ergebnis, daß Suchtprävention im Sinne eigens hierfür konzipierter Unterrichtseinheiten eher wenig sinnvoll ist, stattdessen süchtigem Verhalten vorbeugendes Lernen in das alltägliche Unterrichtsgeschehen integriert werden sollte. Zum Schluß geht es um die Bedeutung für Lehrerinnen und Lehrer, sich fortzubilden bzw. durch eigene Schulungen und kollegiale Gruppen die Handlungskompetenz und Unterrichtsqualität zu erhöhen und dadurch die eigene Tätigkeit befriedigender zu erleben.

I. Teil

1. Sucht und Gesellschaft

1.1 Drogen als Teil der Kultur

Drogen sind keine Erfindung der Neuzeit, auch wenn einige von ihnen wie z.B. das seit Anfang der 80er Jahre auf dem Markt befindliche Ecstasy - das genaugenommen eine Sammelbezeichnung für verschiedene Substanzen ist - erst im letzten Jahrhundert entdeckt wurden (Fromberg 1997). Stattdessen gehören Drogen, also Stoffe, die die Wahrnehmung beeinflussen, vermutlich seit jeher zum menschlichen Leben und fanden früher bei religiösen Ritualen Verwendung.

Bereits die Sumerer wußten vor über 4000 Jahren von der berauschenden Wirkung des Mohns, die Antike befaßte sich ausführlich mit seiner psychotropen Wirkung, seit Paracelsus galt eine Opium-Alkohol-Mixtur namens Laudanum als Allround-Medizin (Tretter 1998). Hildegard von Bingen warnte dagegen in ihrem Kräuterbuch vor den gefährlichen Wirkungen des Mohnsaftes, und so dokumentiert der Basler Stadtarzt Felix Platter 1614 den ersten Fall einer Überdosierung, den ein "unwissender Quacksalber" zu verantworten hatte (Gastpar 1996).

Noch älter als die des Opiums ist die Geschichte des Alkohols (Tretter 1998). Die Germanen sollen dem Met in einem Maße zugesprochen haben, daß Tacitus meinte, sie eher durch genügend zu trinken als durch Kriege vernichten zu können (Nissen 1994). Die Griechen kannten den Dionysoskult, die Römer den Bacchuskult, bei denen unter gewissen Spielregeln gemeinsam gezecht wurde und die quasireligiösen Charakter hatten. Man denke außerdem an die Bedeutung des Weins im christlichen Glauben. Auch andere Drogen wie Koka, Cannabis, Psylocibin und viele andere haben eine jahrtausendealte Geschichte.

Ursprünglich scheint der Gebrauch von Drogen an bestimmte Anlässe wie z.B. Totenfeiern gebunden und in feste Rituale eingebunden gewesen zu sein. Der gemeinsame Genuß von Rauschmitteln stellte einen Höhepunkt im Leben der jeweiligen Gemeinschaft dar, von dem wichtige Impulse ausgingen und der - denkt man an die Friedenspfeife der Indianer oder heutige Staatsbankette - vermutlich häufiger über die Geschicke der Menschheit entschieden hat. Mißbrauch scheint aber ebenfalls schon früher ein Thema gewesen zu sein, darauf weisen warnende Stimmen in der Antike hin (Cicero, Seneka) (vgl. Tretter). Darüberhinaus unterstreicht die Tatsache, daß alle Drogen auch als Heilmittel verwendet wurden und werden, die Nähe der berauschenden zur heilenden Wirkung (vgl. Legnaro 1995).

Drogen stellten offenbar auch immer schon einen politischen Faktor in dem Sinne dar, daß ihr Gebrauch zu reglementieren versucht wurde. Bei den Ägyptern war Wein im Gegensatz zu Bier den gehobenen Gesellschaftskreisen vorbehalten, bei den Römern Frauen der Alkohol offiziell verboten (Tretter). Nachdem in China der Genuß von Opium ab ca. 1500 n.Chr. völlig normal war, zwischendurch auch als Appetitzügler in Notzeiten diente, verbot der Kaiser 1729 das Rauchen von Opium, als die Probleme im Zusammenhang mit süchtigem Verhalten überhand nahmen - freilich ohne Erfolg (ebd.). Die Problematik eskalierte in den Opiumkriegen mit England zwischen 1834 und 1856, in denen die Briten das Recht erzwangen, weiterhin Opium und andere Waren nach China einzuführen (Gastpar 1996). In Preusen ist Opium ab 1725 rezeptpflichtig (ebd.).

Der Kampf um die Drogen zieht sich bis in die Gegenwart, bekannt ist die Alkoholprohibition in den USA von 1917 bis 1933, die Diskussion um die Legalisierung von Haschisch, auf subtilerer Ebene auch die Diskussion um die Methadonsubstitution (vgl. z.B. Becker 1993). Drogen gehörten somit zu allen Zeiten zum Leben der Menschen, wenngleich in unterschiedlichem Maß und mit wechselnden Bedeutungen. Da ihr Konsum an kulturelle Anlässe gebunden war und in gemeinschaftsfördernder Absicht praktiziert wurde, läßt sich von einer kulturtragenden Funktion der Drogen sprechen.

1.2 Geschichte der Sucht

Die historischen Beispiele der Reglementierung zeigen, daß auch in früheren Zeiten der Konsum von Drogen an bestimmte Regeln gebunden war, einige Stimmen warnten bereits damals vor übermäßigem Gebrauch (siehe 1.1). Allgemein galt schwerer Rausch aber bis ins 15. Jhrdt. als normales und nicht besorgniserregendes Phänomen und erregte keinerlei Anstoß (Emlein 1998). Im Extremfall kontinuierlichen exzessiven Konsums wurde darin ein individuelles Problem gesehen, für das je nach Kultur Geister oder Krankheit verantwortlich gemacht wurden (ebd.).

Dies ändert sich im ausgehenden Mittelalter (16. Jhrdt.). Die Feudalherrschaft bröckelt, ein aufstrebendes Bürgertum läßt eine Ideologie entstehen, die lustfeindlich ist und exzessiven Konsum als Versagen im Kampf um wirtschaftlichen Aufstieg sieht (ebd.). Streben nach Erfolg ist nun wichtig, Leistung gilt als gottgefällig. Rausch und Genuß dagegen sind schlecht - "was früher Lust gewesen ist, wird jetzt zu [Laster und (W.K.)] Sucht" (ebd.). Von da an begleitet das Motiv persönlicher Schuld den nicht tolerierten Konsum, das Phänomen Sucht ist geboren (ebd.). Sucht besitzt damit deutlich eine soziologische Dimension als Mechanismus der Ausgrenzung gesellschaftlicher Gruppen (ebd.). Drei Konstituentien der Sucht lassen sich bestimmen:

(1) sozial auffälliger Konsum

(2) der herrschenden Ideologie entgegenstehender Konsum (z.B. sind heute Kokain-, Arbeits- oder Kaufsucht weniger geächtet als Abhängigkeit von sedierenden Stoffen, vgl. Legnaro 1995)

(3) Erfindung des Phänomens Sucht als Ausgrenzungsmechanismus, daher ihr epidemiologischer Charakter (vgl. Emlein 1998)

Trotz dieses Umschwungs bleibt neben dem Motiv der Schuld auch der Krankheitscharakter der Sucht erhalten. Das folgende Zeitalter der Aufklärung verstärkt diese Ambiguität im Suchtverständnis: Einerseits gilt übermäßiger Konsum als vernunftfeindlich und damit verwerflich, andererseits versucht eine erstarkende Medizin, auch die Sucht als Krankheit zu erfassen (Rodegra 1993). Diese divergierende Sicht auf die Sucht zieht sich bis heute durch die Suchtforschung, die zwar Erfolge in der Erforschung der Neurobiologie der Sucht vorweisen kann, die Therapie aber nach wie vor weitgehend Pädagogik und Psychologie überlassen muß (Topel 1991).

1.3 Sucht in der Moderne

Entwicklungen im 19. Jhrdt. führen schließlich zu einem Verständnis der Sucht, das sie als im Verantwortungsbereich der Gesellschaft liegend begreift, die ihr mit den Mitteln der Erziehung, Medizin und Restriktion zu begegnen hat (Gastpar 1996). Diese Entwicklungen sind:

Technologie: Im Zuge der Industrialisierung werden ebenso wie andere Güter auch Drogen - zu medizinischen Zwecken - industriell hergestellt, mit gegenüber den Rohstoffen potenzierter Wirkung. 1827 bringt die Firma Merck das aus Opium gewonnene Morphium auf den Markt, das als Hausmittel ähnlich dem heutigen Aspirin Verwendung in der Mittelschicht findet, außerdem als Schmerzmittel (ebd.). Um 1850 wird die subkutane Injektion entdeckt, die die Wirkungsweise des Morphiums nochmals potenziert und präzisiert (ebd.). Um dieselbe Zeit kommen mit neuen Transportmitteln auch bisher ungebräuchliche Drogen wie Haschisch und Koka in die Industrieländer (Tretter). 1860 wird aus Koka Kokain gewonnen und 1862 von Merck auf den Markt gebracht (ebd.). 1891 werden zum erstenmal Amphetamine im Labor hergestellt und kommen als Appetitzügler zum Einsatz (Fromberg 1997), 1898 bringt Bayer das ursprünglich gegen Morphiumsucht entwickelte Heroin auf den Markt, das als Hustenmittel eingesetzt wird mit dem Argument, nicht süchtig zu machen (Dammer 1991).

Militärische Konflikte: In den Kriegen des 19. Jhrdts., u.a. im amerikanischen Bürgerkrieg 1861 - 1865 und dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, kommt Morphium massenhaft als Schmerzmittel zum Einsatz (Gastpar). Dadurch gelangt es in breitere Kreise der Bevölkerung, die Morphium vorher nicht kannten und deren Konsummuster andere als die der Mittelschicht sind. Die heimkehrenden süchtigen Soldaten wirken zudem als Multiplikatoren, da nun auch Pflegepersonen und Angehörige mit Morphium konfrontiert sind - Sucht breitet sich aus (ebd.).

Gesellschaftlicher Wandel: Mit der zunehmenden Industrialisierung gegen Ende des 19. Jhrdts. ändern sich auch die Lebensverhältnisse der Menschen und die Gesellschaft insgesamt. Traditionelle Strukturen treten zurück zugunsten neuer Formen des Zusammenlebens, der Sippenverband löst sich zugunsten kleinerer Lebensgemeinschaften auf. Gleichzeitig wird Gemeinschaft auf anderen Ebenen gesucht, man organisiert sich in Clubs und Interessengemeinschaften, der gesellschaftliche Status, den eine Person einnimmt, wird zum wichtigen Bestandteil der Identität. Gleichzeitig setzen gewaltige Menschenströme zwischen den Erdteilen ein und bringen einheimische Drogen und Konsummuster mit, z.B. Chinesen an der amerikanischen Westküste (Gastpar). Andererseits treffen sie auf in den Einwanderungsländern gebräuchliche Drogen, vor allem Alkohol (Tretter). Die Einwanderungsländer wiederum exportieren Drogen und Drogentechnologie, führend ist bis zum ersten Weltkrieg die deutsche Chemieindustrie (Dammer 1991). Ein weltweiter Drogentransfer setzt ein, kulturell desintegrierter Konsum ist die Folge (Tretter).

Auf der Suche nach neuen Gemeinschaften gilt auch der Vorzug einer bestimmten Droge als identitätsstiftend, in Paris gibt es bereits um 1850 einen Club der Haschischesser, dessen Protagonist der Schriftsteller Baudelaire ist (vgl. Rauh 1993). Gleichzeitig entsteht aber ausgehend von den USA auch eine starke Abstinenzbewegung, auf deren Grundlage schließlich die Einsicht wächst, daß die Staaten durch gesetzliche Regelungen dem ungehinderten Drogenkonsum Einhalt gebieten müssen (Gastpar). Diese Bestrebungen münden 1912 im "Haager Abkommen", das weltweit den Handel mit Drogen zwischen den Unterzeichnerstaaten regelt (Dammer 1991).

1.4 Die Suchtgesellschaft?

Das 20. Jhrdt. ist gekennzeichnet durch umfassende Industrialisierung, die wegen der damit verbundenen Umweltzerstörung an ihre Grenzen stößt, wie der "Club of Rome" in den 70er Jahren erstmals artikulierte. Außerdem prägen fortschreitende Technisierung und Globalisierung dieses Jahrhundert. Gesellschaftlich läßt es sich als durch Zersplitterung geprägt bezeichnen, d.h. die Gesellschaft zerfällt in eine Vielzahl von Gruppen, die ihre jeweils eigenen Interessen verfolgen, sich oft gegenseitig nicht wahrnehmen und zwischen denen oftmals keine Kommunikation stattfindet. Gleichzeitig formieren sich die Gruppen der Gesellschaft ständig neu, ein unübersehbarer Prozeß der Agglomeration und Auflösung findet statt, Luhmann spricht von Kontingenz (Luhmann 1987).

Das Leben der Individuen ist ebenfalls durch Segregation gekennzeichnet. Die Menschen gehen vielfältigen Aktivitäten nach, die jeweils ihren eigenen Kontext besitzen und voneinander getrennt sind: das Berufs- vom Privatleben, das Hobby vom Familienleben, der Alltag vom Urlaub, die Konsum- von der Arbeitswelt, der Freundeskreis A vom Freundeskreis B, die Bilder- von der realen Welt, Schule vom Zuhause, der Sportverein vom Diskobesuch, der Einpersonenhaushalt vom Beziehungs-, das politische vom privaten Leben. In jedem dieser Bereiche gelten andere Regeln, jede dieser Aktivitäten fordert ihre oftmals ausschließliche Aufmerksamkeit, Tretter spricht von "Parallelwelten" als "geschlossene[n] Sinnsysteme[n] [...], die aus aufeinander bezogenen Inhalten und Werten bestehen, sich jedoch stark voneinander abgrenzen" (Tretter 1998). Für "das Ich, das die Grenze zu allem Außerhalb, zur Gegenständlichkeit bildet" (Niebling 1997), bedeutet das, daß es sich in vielen Welten bewegen muß.

"Die Geschichte des Menschen als einem gesellschaftlichen Wesen begann damit, daß er aus einem Zustand des Einsseins mit der Natur heraustrat und sich seiner selbst als einer von der ihn umgebenden Natur und seinen Mitmenschen abgesonderten Größe bewußt wurde. Allerdings blieb dieses Bewußtsein während langer Geschichtsperioden sehr vage und unbestimmt (Hervorhebung W.K.)" (Fromm 1983, zitiert nach Niebling 1997).

In der Formulierung von Fromm bedeutet die moderne Welt eine neue Qualität in der Geschichte der Menschheit. Mehr als in früheren Zeiten unterliegt der Mensch dem Zwang zur Selbststeuerung (vgl. Elias 1990). Nicht mehr größere menschliche Einheiten wie Familie, Sippe, Volksgruppe etc. bestimmen die Lebensführung, sondern der Einzelne muß von Situation zu Situation entscheiden, wie er sich verhält. Nach Niebling ist der Mensch in der modernen Welt auf sich selbst geworfen (Niebling 1997). Einher mit Individualisierung und Freiheit gehen Gefühle der Ohnmacht, Angst, Einsamkeit und Sinnlosigkeit.

"Die Fähigkeiten [des Menschen], sich Welt anzueignen und zu seinem eigenen Raum zu gestalten, werden ob der Vielfalt an Angeboten bei gleichzeitigem Mangel an qualitativen Entscheidungskriterien immer geringer. [...] Der Verlust von Grenzen, von Qualität, von Tranzendenzen hat den Effekt, daß der einzelne den Hintergrund, vor dem er existiert und woraufhin er sein Leben entfaltet, tendenziell aus dem Blick verliert. [...] Was gestern noch Struktur verleihen konnte, kann heute schon obsolet sein" (ebd., S.39).

Die Antwort der bürgerlichen Gesellschaft auf diese Situation der Orientierungslosigkeit und Auf-sich-selbst-Geworfenheit der Menschen besteht nach Niebling im Streben nach Konsum und dem Anhäufen materieller Werte, mit denen die Menschen versuchen, sich Sicherheit und Orientierung zu verschaffen. Sie verhalten sich damit gemäß einer "bürgerlichen Rationalität" (ebd.), die in der Akkumulation ihr höchstes Ziel sieht, also der Quantität verhaftet ist. Konsum und Akkumulation ersetzen die Transzendenzen früherer Zeiten und bekommen quasireligiösen Charakter (ebd.).

Auch der moderne Drogenkonsum ist nach Niebling dem Gesetz der Menge unterworfen. Einhergehend mit dem Zwang zu Rationalität und Produktivität steigt das Bedürfnis nach Entspannung, Glück und Gemeinschaft - und damit auch das Bedürfnis nach Rausch und Ekstase. Im Unterschied zu früher wird aber auch der Rausch heute effektiv zu gestalten versucht, d.h. es werden Drogen zu Entlastungszwecken konsumiert, der Gebrauch geschieht individuell, die Wirkung wird antizipiert; Drogenkonsum wird damit unter rationalen Gesichtspunkten gehandhabt, oberstes Ziel ist das Funktionieren des Individuums in der Gesellschaft (ebd.). Damit ist der Rausch seiner Qualität, der Nichtrationalität, beraubt - das Bedürfnis der Menschen nach Transzendenz, nach übermenschlicher Struktur, nach Einheit mit dem Universum bleibt ungestillt (ebd.).

Nach Niebling ist der echte und reuelose Rausch als gemeinschaftliches Erleben einer jenseitigen Welt daher in der bürgerlichen Gesellschaft unwiderbringlich verloren - Waren- wie Drogenkonsum schließen als "hedonistische Variante der bürgerlichen Rationalität Freude, Rausch und Ekstase [...] aus" (ebd., S.102). Konsequenz ist ein Drogenkonsum, der sich allein an Art und Menge ausrichtet, dem aber die rekreierende Funktion des Rausches fehlt, und der daher maßlos wird. Dies konstituiert nach Niebling Sucht (Niebling 1997).

Es wird deutlich, daß Niebling auch die Vernunft, die Ratio, für verselbständigt hält, die ihren Bezug zur Ganzheit des Lebens verloren hat: "In ihrer freudlosen Exzessivität aber wird die instrumentelle Vernunft zur Sucht" (ebd., S. 102). In der bürgerlichen Gesellschaft hat sich laut Niebling auch die Vernunft in den Dienst der Akkumulation gestellt und ist dem Gesetz der Menge unterworfen; damit verliert sie ihre Qualität als Instrument zur Erkennung dessen, was dem Gemein- wie dem individuellen Wohl dient (Niebling 1997).

Nach Niebling leben wir daher in einer Gesellschaft, die insgesamt als süchtig charakterisiert werden kann - aus marxistischer Sicht ist Sucht Struktur und Ausdruck der Industriegesellschaft zugleich. Drogensucht als gesellschaftliches Thema stellt in dieser Perspektive vor allem ein Symptom dar, in dem sich der Disziplinierungswille der Gesellschaft äußert (ebd.). Gleichwohl sieht Niebling Drogensucht auch als individuelles Problem, dem er allerdings nur mit Blick auf die Gesellschaft Heilung verspricht.

Ähnlich aussichtslos wie Niebling aus marxistischer Sicht sieht Schaef das Suchtgeschehen aus feministischer Sicht: Sucht sei Ausdruck und Symptom des "Männlichen Systems" (Schaef 1989). Einher mit diesen universalen Entwürfen geht eine Tendenz in den 80er Jahren, den Begriff "Sucht" inflationär auszudehnen. Plötzlich war von Sex-, Arbeits-, Kauf-, Ich-, Fernseh-, Reise-, Rekord-, Tanz-, Autofahr-, Computer-, Abenteuersucht etc. die Rede (vgl. Winter 1993). Auch wenn dies teilweise Umbenennungen bzw. Umdeutungen alter psychopathologischer Zustandsbilder sind (z.B. Poriomanie = Wandersucht, vgl. Nissen 1994), teilweise Modeerscheinung (Heim 1993), zeigt sich darin dennoch, daß süchtige Verhaltensweisen auf viele Lebensbereiche übergreifen und als durchgängiges Merkmal der heutigen Gesellschaft aufgefaßt werden können. In neuerer Zeit machen vor allem Risiko - Sportarten von sich reden, denen ebenfalls Suchtpotential unterstellt werden kann (Winter 1993).

2. Definitionen der Sucht

2.1 Soziologische Definition

Nachdem bisher deutlich geworden ist, daß Sucht ein vielschichtiger Komplex ist, stellt sich die Frage, wie Sucht in unserer Gesellschaft definiert und damit kommuniziert wird. Eine erste, soziologische Definition wurde bereits unter 1.2 gegeben, die hier aus Gründen der Gegenüberstellung noch einmal wiederholt werden soll:

Sucht wird konstituiert durch

(1) sozial auffälligen Konsum

(2) der herrschenden Ideologie entgegenstehender Konsum (z.B. sind heute Kokain-, Arbeits- oder Kaufsucht weniger geächtet als Abhängigkeit von sedierenden Stoffen, vgl. Legnaro 1995)

(3) Erfindung des Phänomens Sucht als Ausgrenzungsmechanismus, daher ihr epidemiologischer Charakter (vgl. Emlein 1998)

2.2 Medizinische Definition

In der individualisierten Gesellschaft dominieren freilich auch individualisierende Definitionen der Sucht, maßgebend sind hier ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Disorders, 10th Revision) der Weltgesundheitsorganisation von 1992 und DSM-IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 4th Edition) der American Psychiatric Association von 1994, die als standardisierte Diagnosekriterien in der medizinischen Welt Anwendung finden. Sie heben vor allem auf eine Unterscheidung des Drogenmißbrauchs von der -abhängigkeit ab. Die Kriterien nach ICD-10 (ICD-10 1996) sind:

(1) Drogenmißbrauch: - gelegentlicher Konsum

- Gesundheitsschädigung durch Konsum, z.B. "Kater" nach Alkohol

(2) Drogenabhängigkeit: - starkes Bedürfnis nach Konsum

- anhaltender Konsum trotz Gesundheitsschädigung

- Vorrang des Konsums vor anderen Aktivitäten und Verpflichtungen

- Toleranzentwicklung, d.h. gegenüber Nichtabhängigen höhere Dosis für gleiche Wirkung

- manchmal körperliches Entzugssyndrom

In der Praxis bereitet die Anwendung dieser Definitionen Schwierigkeiten. Wie bei allen psychiatrischen Kategorien fällt eine zuverlässige Zuordnung des Einzelfalls oft schwer (Nissen 1994). So eröffnet das Kriterium der Gesundheitsschädigung ein weites Feld, über das vermeintlich harte Kriterium der Toleranzentwicklung liegen widersprüchliche Ergebnisse vor (vgl. Wolffgramm 1996). Dies vor dem Hintergrund, daß es bereits im Kapitel über "Störungen durch Einnahme psychotroper Substanzen" in DSM-III (Vorgänger von DSM-IV) heißt:

"In unserer Gesellschaft wird die Einnahme bestimmter Substanzen zur Beeinflussung der Stimmung oder des Verhaltens in einem gewissen Rahmen allgemein als normal und angemessen angesehen" (DSM-III 1980, Übersetzung W.K.).

Der Wert der medizinischen Definitionen der Sucht liegt daher eher in einer öffentlichkeitswirksamen Verständigung über das Vorhandensein des Phänomens Sucht als in wirklich stichhaltigen Kriterien. Aus systemischer Sicht ließe sich behaupten, daß damit ein umfassendes System professioneller Hilfe sprich "Sozialkontrolleure" (Heim 1993) rechtfertigt wird (z.B. Emlein 1998). Sie sind außerdem Ausdruck dafür, daß psychosoziale Probleme aus Gründen der Handhabbarkeit nach Möglichkeit medizinisch zu fassen versucht werden (ebd.).

Darüberhinaus zeigt sich in den medizinischen Definitionen auch die Zuschreibungsfunktion der Sucht: alle aufgeführten Kriterien beschreiben lediglich äußerlich sichtbares menschliches Verhalten. Sie teilt damit das Schicksal jeglicher psychiatrischen Kategorisierung, die einem Verhalten immer eine bestimmte Motivation unterstellt (Foucault 1968). Erheblich differenzierter geben dagegen psychologische Tests Auskunft über das Vorliegen einer Sucht, z.B. der von Feuerlein entwickelte und vielzitierte MALT (Münchener Alkoholismustest) (Heimann 1994). Die Verbreitung der obengenannten medizinischen Definition der Sucht rührt daher aus ihrer vermeintlichen Stichhaltigkeit, für Therapie und Prävention der Sucht ergeben sich daraus kaum Anhaltspunkte.

2.3 Psychosoziale Definition

Eine weitere Definition der Sucht besagt, daß

jedes menschliche Verhalten süchtig ausarten kann, wenn dafür soviel Zeit aufgewendet wird, daß die weitere psychosoziale Entwicklung der Person beeinträchtigt ist (vgl. Waibel 1992).

Mit dieser Formulierung sind mehrere Perspektiven auf die Sucht impliziert, denen die folgenden Unterkapitel gelten und die ein psychosoziales Verständnis der Sucht als dem Problem am ehesten angemessen erscheinen lassen.

2.3.1 Zeitliche Dimension der Sucht

Mit der in 2.3 genannten Definiton wird zum erstenmal der zeitlichen Dimension der Sucht entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt. Die Verknüpfung gegenwärtiger mit in die Zukunft gerichteter Perspektive scheint ein Schlüssel zum Verständnis der Sucht zu sein. Von Gebsattel (Gebsattel 1954, zitiert nach Heimann 1994):

"Der Sucht verfallen tritt der Mensch auf der Stelle, und das buchstäblich: Er scheidet aus der lebensimmanenten Zeit aus, aus der Zeit, die das Zeitigungselement der Persönlichkeit und ihrer Gestaltwerdung ist. Sie ist, die Sucht, dem Selbstverwirklichungsdrang der Persönlichkeit konträr und hebt ihn auf."

Aus Sicht der Umwelt klinkt sich die süchtige Person also auf gewisse Weise aus der Zeit aus. Andererseits spricht einiges dafür, daß das zeitliche Erleben im süchtigen Verhalten gegenüber dem nüchternen Zustand verändert ist (vgl. Kuhn 1994). Mit der Dimension der Zeit ist daher auch die fundamentale ontologische Dimension der Sucht als besonderer Form des Zeiterlebens angesprochen (vgl. Thiel 1993).

2.3.2 Sucht als entwicklungshemmender Faktor

Außerdem greift obengenannte Definition der Sucht in der Formulierung "psychosoziale Entwicklung" die Bedingtheit von Entwicklung und Beziehungen des Individuums zu seiner Umwelt auf. Der Mensch befindet sich zeitlebens in Entwicklung, er ist ein Lebewesen, das sich in Austauschprozessen mit seiner Umwelt befindet, diese prägt und von ihr geprägt wird. Als Ideal gilt das mündige, selbstbestimmte und -verantwortliche Individuum, das in befriedigenden Beziehungen mit seiner Umwelt lebt (Hallmann 1991). Sucht wird in dieser Definition daher als - die Entwicklung des Individuums zu befriedigenden Beziehungen - beeinträchtigendes Verhalten bzw. destruktive Entwicklung gesehen (Heimann 1994). Sucht entspricht damit einem Zustand der Endostase, d.h. Erstarrung, statt dem - Lebewesen angemessenen - Zustand der Homöostase, d.h. einem dynamischen Gleichgewicht.

2.3.3 Ökologische Perspektive der Sucht

Drittens eröffnet obige Definition der Sucht eine ökologische Sichtweise, insofern sie eine Unterscheidung von süchtigem Verhalten ("...soviel Zeit aufgewendet...") und süchtigem Individuum ("...Entwicklung der Person...") trifft und beide in Beziehung zur Umwelt ("...psychosozial...") setzt (vgl. Tretter 1998). Sie lenkt damit den Blick weg vom süchtigen Individuum hin zu Austauschprozessen zwischen Individuum, süchtigem Verhalten und Umwelt, womit Sucht als Wechsel- und Zusammenwirkung vieler Faktoren erkennbar wird. Das Schema (folgende Seite) verdeutlicht folgende Beziehungen:

süchtiges Verhalten - Umwelt, deren Wechselwirkung und Konsequenzen für die Person.

Individuum - Umwelt, deren Wechselbeziehung und evtl. Förderung süchtigen Verhaltens.

Indivduum - süchtiges Verhalten, also Wechselwirkung von individueller Disposition und süchtigem Verhalten, außerdem deren Auswirkungen auf die Außen- (Um-)Welt.

Sucht als Zusammenspiel aller drei Komponenten in personal und temporal wechselnder Konstellation.

Der Vorteil dieser Aufspaltung und anschließenden Integration des Suchtkomplexes liegt vor allem in seiner entemotionalisierenden Wirkung, die oftmals fehlt, wenn das süchtige Individuum fokussiert wird. Damit ist die genannte Definition der Sucht die umfassendste, aber auch weitestgehende und am ehesten weiterführende, weshalb sie dem Folgenden zugrundegelegt wird.

3. Individuelle Pathologie der Sucht

Wie aus 2.3.3 hervorgeht, kann süchtiges Verhalten als Ergebnis unterschiedlicher personaler und umweltlicher Faktoren gesehen werden. Daraus erwächst auch ihr Krankheitswert: Die individuelle Disposition - mit für die Süchtigen jeweils ganz unterschiedlicher Bedeutung und Stellung des süchtigen Verhaltens im Lebenszusammenhang - macht Sucht zu einem Phänomen, das äußerst schwer zu erfassen ist und es in die Nähe der "Unsagbarkeit" und "Namenlosigkeit" der Depression rückt (Kuhn 1994). Einige Autoren bezeichnen die Droge daher auch als eine Art Klebstoff, der das von divergierenden Kräften - z.B. den unter 1.4 genannten verschiedenen Lebenswelten - zerrissene Individuum zu einer integren Ganzheit zusammenschweißt (vgl. Rauh 1993).

Die daraus resultierende Sprachlosigkeit gilt sowohl für die gesellschaftliche Kommunikation über Sucht als auch für Äußerungen und Erklärungsversuche der Suchtkranken zu ihrem Verhalten selber (ebd.). Bekannt ist auch, daß viele Suchtkranke nur eingeschränkten Zugang zu ihrer Emotionalität besitzen (Nissen 1994). Abgesehen von konsumbegleitenden Beschwerden (z.B. Abszesse nach Injektionen) scheint es vor allem diese isolierte, nur schwer kommunizierbare Situation des Süchtigen zu sein, die in Verbindung mit der Ablehnung süchtigen Verhaltens durch die Gesellschaft den Leidensdruck der Sucht erzeugt. Dieser Komplex wird auch als Stigmatisierung beschrieben. Sucht ließe sich so gesehen sowohl aus individueller als auch aus gesellschaftlicher Sicht als pathologische Form der Beziehungen eines Individuums zu seiner Umwelt begreifen.

In Annäherung an die intrapsychische Dimension der Sucht präzisiert Waibel die psychosoziale Definition daher dahingehend, daß süchtiges Verhalten durch folgende Merkmale gekennzeichnet sei (Waibel 1992):

o Es wird zwanghaft wiederholt und gewinnt für den Süchtigen immer mehr an Bedeutung.

o Es führt zu einer zunehmenden Einengung der sozialen Bezüge und zum Verlust an Interessen oder Selbstkontrolle.

o Es treten bei ausbleibender Befriedigung psychische, manchmal auch physische Entzugserscheinungen auf.

o Der Süchtige versucht, sein Verhalten zu rechtfertigen, auch wenn gesundheitliche Folgen zu befürchten sind.

Damit sind zwar wiederum nur Symptome genannt, sie weisen aber mehr als z.B. die in 2.2 genannten Kriterien Bezüge zum individuellen Suchterleben auf. Darüberhinaus wird süchtiges Verhalten vielfach als Symptom tieferliegender Psychopathologien, vor allem der Depression, gesehen (z.B. Kuhn 1994).

Die individuelle Ausprägung einer Sucht verläuft dabei schleichend, d.h. anfänglicher Konsum führte über Gewöhnung zur Abhängigkeit und kann in völligem Zerfall der Persönlichkeit enden (Waibel 1992). Allerdings kann diese Entwicklung auch auf jeder Stufe stagnieren, inwieweit sie rückgängig gemacht werden kann, ist umstritten (Rommelspacher 1996). Rätsel bereitet bisher die Terminierung des Zeitpunktes, ab dem gewohnheitsmäßiges in süchtiges Verhalten übergegangen ist (Wolffgramm 1996).

4. Ätiologien der Sucht

4.1 Genetische Ursachen

Viele Untersuchungen, u.a. an eineiigen Zwillingen und Adoptivkindern, legen nahe, daß eine Disposition zu süchtigem Verhalten mit näher zu bestimmender Wahrscheinlichkeit vererbbar ist (z.B. Fritze 1994). Es wird aber auch darauf hingewiesen, daß jede Disposition auf entsprechende Umweltbedingungen angewiesen ist, um sich zu äußern. Außerdem konnte bisher nicht der Nachweis spezieller "Suchtgene" erbracht werden - wahrscheinlicher ist, daß ein Zusammenspiel mehrerer Gene möglicherweise eine Disposition zur Sucht erzeugt (Topel 1991).

4.2 Psychoanalytische Theorien

Neuere psychoanalytische Theorien gehen davon aus, daß die Grundlage zu süchtigem Verhalten in der präödipalen Phase des Menschen gelegt wird (Krystal 1983). In dieser Phase ist das Kind völlig von der Mutter abhängig, seine Lebensbedürfnisse werden allein von der Mutter befriedigt. Ausgehend von der Geburt befindet sich der Säugling zunächst in einem Zustand totaler Symbiose mit der Mutter, die er als solche noch gar nicht wahrnimmt. Erst allmählich entwickelt er atavistische Vorstellungen seiner Umwelt, zunächst der mütterlichen Brust. Mit zunehmender Wahrnehmungsfähigkeit und steigenden Bedürfnissen entwickelt er differenziertere Vorstellungen seiner Umwelt und nimmt schließlich die Mutter, dann auch eigene Körperorgane als Objekte wahr, die sogenannten Objektrepräsentanzen bilden sich. In der weiteren Entwicklung verdichten sich diese schließlich zu einer Selbstrepräsentanz, d.h. das Kleinkind entwickelt eine Vorstellung von sich selbst.

Treten in dieser Entwicklung tiefgreifende Störungen in Form von Nahrungsentzug oder Versagung anderer elementarer Bedürfnisse auf, kommt es zum Trauma, das sich letztlich beinahe unwiderruflich durch das gesamte zukünftige Leben der betreffenden Person zieht und sich in gestörten Umweltbeziehungen manifestiert, z.B. stark gesteigerter Furchtsamkeit, Reizbarkeit, Mißtrauen, Aggressivität etc. (ebd.).

Die einzige Möglichkeit des Betreffenden, diese ihn angehenden Affekte unter Kontrolle zu bringen, liegt darin, sich mit Drogen oder neurotischem Verhalten zu betäuben bzw. in die Phantasie zu flüchten (Böhle 1993). Zum Problem wird diese Sucht nach Krystal allerdings erst dann,

"wenn sie mit dem Phänomen der Dosiserhöhung und der Fixierung auf das Beschaffungsproblem gekoppelt ist und sich dadurch der Lebensstil und die Zielsetzungen des Patienten erheblich verändern" (Krystal 1983).

Aufgrund der psychoanalytischen Sichtweise, die Sucht als letztlich nicht vollständig zu heilendes und ihre Auswüchse nur mit äußerster Anstrengung einzudämmendes Problem begreift (Wernado 1993), wurde ihr häufig der Vorwurf gemacht, die Therapie Suchtkranker zu vernachlässigen (Heigl-Evers 1993). Erst unter Einbeziehung verhaltenstherapeutischer und systemischer Sequenzen gelang es ihr, sich auf diesem Gebiet zu etablieren (ebd.)

4.3 Lerntheorien

Laut Lerntheorien wird süchtiges Verhalten durch bestimmte Schlüsselsituationen ausgelöst und durch Wiederholung erworben. Schlüsselsituationen sind dabei vor allem die Beobachtung des Verhaltens von Vorbildern und Modellen und deren Nachahmung, wie z.B. der rauchenden Eltern, drogenkonsumierenden Gleichaltrigen, Werbung etc. Wird aus dem nachahmenden Verhalten Genuß gezogen, spricht einiges dafür, daß es in ähnlichen Situationen wiederholt wird. Der Gebrauch kann allmählich zur Gewöhnung und schließlich zur Abhängigkeit führen. Sucht ist in dieser Lesart die Fixierung auf ein Verhaltensmuster und damit Ausdruck unbefriedigter elementarerer materieller und psychosozialer Lebensbedürfnisse (Perlwitz 1995).

Bedeutung kommt den Lerntheorien außer beim Vorbildlernen vor allem im Zusammenhang mit dem Erziehungsstil der Eltern zu, der als Ursache für süchtiges Verhalten der Heranwachsenden diskutiert wird, wenn Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder nach Liebe und Zuwendung mit materieller Zuwendung beantworten, z.B. Süßigkeiten, und damit eine Verschiebung in der Bedürfnisstruktur hervorrufen. Die Befürchtung ist, daß Kindern sozusagen "mit der Flasche" die Veranlagung zu süchtigem Verhalten in die Wiege gelegt wird, sie also auch später zu jedwedem süchtigen Verhalten prädestiniert sind (ebd.).

4.4 Sozialpsychologische Theorien

Sozialpsychologische Theorien betonen vor allem die Einflüsse der Umgebung auf die Ausprägung süchtigen Verhaltens. Viele Faktoren wurden auf ihre Wirksamkeit bzgl. einer Suchtentwicklung untersucht, z.B. häusliches Milieu, sozioökonomische Bedingungen, Sozialisation, Schichtzugehörigkeit, Schulleistungen, Zukunftsperspektiven, gesellschaftliche Strukturen etc. Für die soziale Schichtzugehörigkeit wurde z.B. festgestellt, daß Opiatkonsum im Gegensatz zu Cannabiskonsum häufiger bei Angehörigen der Unterschicht zu beobachten sei. Als Erklärung wird vermutet, daß hier eine niedrigere Frustrationstoleranz herrscht, bei gleichzeitig stärkerer Gegenwartsorientierung und Neigung zu sofortiger Bedürfnisbefriedigung im Gegensatz zu aufgeschobener, zukünftiger Bedürfnisbefriedigung (Wöbcke 1995).

Insgesamt divergieren die Ergebnisse solcher Studien aber stark und scheinen eher die Erwartungen ihrer Initiatoren widerzuspiegeln (vgl. Wöbcke 1995). Sucht präsentiert sich als komplexes Feld, in dem etliche Prozesse zusammenwirken, die zirkulär-kausal verlaufen und erst ex post extrahiert werden können (Löcherbach 1992). Das Schaubild (nächste Seite) soll einen Eindruck davon vermitteln (aus Wöbcke 1995).

Weitgehende Übereinstimmung scheint in der Bedeutung folgender Faktoren zu bestehen:

o Persönlichkeitsmerkmale; vor allem Depressivität wird durchgehend genannt (vgl. Schwab 1994).

o Vulnerabilitätsmerkmale der Herkunftsfamilien, die allerdings schwer zu spezifizieren sind (Wöbcke 1995). Genannt werden u.a. rigide Werthaltungen und Rollenverteilungen, aber auch diffuse interne Grenzen bei gleichzeitiger Abschottung von der Umwelt; außerdem ein konfliktvermeidender Kommunikationsstil (Rösch 1992, vgl. 6.5.4).

o Peer Group

o gesellschaftliche Struktur mit einseitigen Normierungs- und Wertsetzungsprozessen (Wöbcke 1995); andere Autoren nennen die Divergenz von Leistungs- und Konsumorientierung (Niebling 1997).

Die Prävalenz dieser Faktoren für ein späteres Suchtverhalten ist aber je nach Person verschieden und und verhält sich nicht additiv, d.h. es kommt nicht darauf an, wieviele Faktoren in einer Person zusammentreffen, sondern in welcher Konstellation. Nachdem in Tierversuchen festgestellt wurde, daß auch Ratten süchtiges Verhalten entwickeln, wurden dort folgende Persönlichkeits- und Umgebungsvariablen eruiert, die Korrelationen mit süchtigem Verhalten aufweisen (Wolffgramm 1995):

Merkmal       

dominant/

aggressiv

subordinat/

unterordnend

Einzel-

Gruppen-

haltung

1=suchtfördernd, 0= -hemmend

0

1

1

0

gleiche Gruppe unter Belastung

1

0

-

-

Ebenfalls hierher, aber bisher wenig erforscht, gehört die spezifische Wirkungsweise einer Droge; entsprechende Zusammenhänge mit Persönlichkeitsmerkmalen werden vermutet, d.h. es bestünde eine Prävalenz bestimmter Personen für den Gebrauch bestimmter Drogen (vgl. Hurrelmann 1992), ebenso wie Drogen unterschiedliches Suchtpotential besitzen.

4.5 Biologisch-phylogenetische Theorien

Interessant scheinen mir biologische Theorien zur Suchtgenese zu sein, die der neurobiologischen Forschung entspringen und das mesolimbische System des Gehirns als Sitz des süchtigen Verlangens ausmachen (Topel 1991). Dieses System besitzt enge Verbindungen zum Lustempfinden und wird auch als körpereigenes Belohnungssystem apostrophiert (ebd.). Es befindet sich in dieser Form außer beim Menschen auch bei anderen höheren Wirbeltieren (vgl. 4.4). So entwickeln auch Ratten und Mäuse in Versuchsanordnungen eine Alkohol- bzw. Opiatsucht, d.h. sie ziehen Alkohol- bzw. Opiatlösungen normalem Trinkwasser vor und behalten dieses Verhalten auch nach einer zwangsweisen Abstinenz von mehreren Monaten bei (Wolffgramm 1995).

Faszinierend an dieser Sicht ist, daß das limbische System in der Evolution sehr alt ist, ihm darum auch zumindest von einigen Forschern eine relativ zentrale Stellung im Nervensystem zugesprochen wird (Linke 1999). Winter (1993) apostrophiert denn auch Sucht nicht allein negativ, sondern sieht sie als Aspekt des phylogenetisch wichtigen Forscher- und Entdeckerdrangs des Menschen - wie aller Lebewesen, die sich in der Evolution behaupteten. Sie argumentiert, daß in der Jäger- und Sammlergesellschaft die Fähigkeit des Menschen, sich ganz auf die Nahrungssuche mit dazugehörigem Lebenskampf - z.B. gegen starke Tiere - zu konzentrieren, überlebenswichtig war, und daß in Verbindung mit der Befriedigung, die im Falle des Erfolgs daraus resultierte, diese Menschen durchaus als süchtig nach den Tätigkeiten des Sammelns und Jagens bezeichnet werden konnten. Auf diese Weise habe sich die Veranlagung bis heute vererbt, nur daß die Kultur keine Gelegenheit zu solchen Situationen und der daraus resultierenden Befriedigung biete, weshalb sie auf andere Weise gesucht würden (ebd.). Gross (1990), zitiert nach Winter (1993):

"Die Suche nach Extremsituationen ist so alt wie die Menschheit. Sich selbst überwinden, die eigenen Grenzen überschreiten, Neues erforschen, es genauer wissen wollen, experimentieren mit riskanten Situationen - all das gehört zur Evolution der Menschheit."

Süchtiges Verhalten sei Ausdruck dieses ursprünglich arterhaltenden Drangs nach Grenzüberschreitung, Erfahrung, Selbstwirksamkeit, letztlich nach Erkenntnis - augenfälligster Ausdruck dafür der Boom der Extremsportarten (Winter 1993). Etwas anders sieht es Konrad Lorenz, der vom "Wärmetod des Gefühls" (Lorenz 1973, zitiert nach Waibel 1993) in der Zivilisation spricht; der moderne Mensch ist es nicht mehr gewohnt, Spannungen auszuhalten - muß er es doch, gelingt dies oftmals nur mit Hilfe von Drogen.

4.6 Mythologisch-existentielle Theorien

Ähnlich wie die aus der biologischen Theorie abgeleiteten Implikationen rekurrieren diese Theorien auf den Zusammenhang von Sucht und Suchen, wobei die etymologische Verwandtschaft eher zwischen Sucht und Siechen liegt (Waibel 1992), das aber wiederum auf Suchen im Sinne einer Entwicklung verweist. Sucht wird hier beschrieben als Suche nach sich selbst, nach dem Sinn des Lebens (ebd.), nach Wiedergeburt (Vogt 1993), aber auch nach dem Tod.

Interessant daran ist die Nähe dieser Suchprozesse zu Initiationsriten, mit denen bei vielen Völkern - in den technisierten Ländern in rudimentärer Form - die Jugendlichen in die Gesellschaft eingeführt bzw. in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen werden. Vogt (ebd.) erwähnt den "Jungianer" Zoja, der in der Suche nach Initiation - hin zu einem neuen Leben - ein Grundmotiv für Drogenkonsum und letztlich Sucht vermutet. Ähnlich Niebling (Kapitel 1.4 "Die Suchtgesellschaft?") argumentiert er, daß Drogenkonsum als Weg zu einem neuen Leben untauglich sei (Vogt 1993). Der Wunsch nach Erneuerung, nach neuer Qualität des Lebens, sei aber fundamental:

"[...] Ich meine daher, daß eine Tendenz zur Drogeneinnahme existiert, die völlig unabhängig von besonderen milieubedingten Umständen und nur als archetypisches Bedürfnis erklärbar ist. [...] Wie sich der Jüngling der primitiven Gesellschaft der Initiation anvertraute, um dieser Bedeutungslosigkeit zu entkommen und endlich eine vollkommene und erwachsene Identität zu erringen, so träumt der Mensch unserer Gesellschaft, der verloren, passiv, nur zum Konsum und zur Wiederholung millionenfach ausgeführter Gesten fähig ist, insgeheim von einer Veränderung, die ihn erwachsen, unverwechselbar, zum Protagonisten und Schöpfer macht und ihn nicht nur puren Konsumenten sein läßt" (Zoja 1986, zitiert nach Vogt).

Gleichwohl sei Depressivität unabhängig von der gesellschaftlichen Ordnung eine Grundform menschlicher Existenz, dem Menschen eine manisch-depressive Struktur immanent (Vogt 1993). Dem angemessen wäre eine Lebenshaltung, die sich durch ein Gleichgewicht aus handelnd aneignender Hinwendung zur Welt und passiv erduldender Ergebenheit ihr gegenüber auszeichnen würde; dieses Gleichgewicht werde in religiösen Ritualen angestrebt und sei auch Ziel von Initiationsriten. Die depressive Seite menschlicher Existenz werde dagegen in unserer Kultur verdrängt, dem Rechnung tragende Rituale fehlten. "Mangels strukturgebender Rituale" (ebd.) wird versucht, die ursprüngliche Bedeutung des Lebens als Gleichgewicht aus Erdulden und aktivem Tun mittels Drogenkonsum zurückzugewinnen bzw. zu erschließen. Dieser Versuch ist freilich durch die individuelle Herangehensweise, der die gesellschaftliche Autorität (und damit Struktur, W.K.) fehlt, zum Scheitern verurteilt (ebd.):

"[...] zeigt er, daß er schon von vornherein vergiftet ist. Nicht durch eine Substanz, sondern gerade durch jene Konsumabhängigkeit, gegen die er protestieren wollte und die keine Verzichtleistungen, keine Depressionen, keine leeren psychischen Räume zuläßt. Er verfügt demnach nicht über den inneren Raum, der, in Verbindung mit äußeren Ritualen, als Gefäß für die Erneuerung dient" (Zoja 1986, zitiert nach Vogt).

Ähnlich wie bei Niebling (vgl. 1.4) wird Sucht hier also als strukturelles Phänomen moderner Gesellschaften aufgefaßt.

5. Zusammenfassung des ersten Teils

Sucht und Drogen wurden unter allgemeinen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet. Es sollte gezeigt werden, daß Sucht ein komplexes Gebilde ist, das sich in unterschiedlichsten Lebensbereichen manifestiert und aus ebensolchen Perspektiven betrachtet werden kann. Ein geschlossener theoretischer Ansatz zur Erklärung der Sucht liegt bisher nicht vor (Rist 1991).

Drogenkonsum und -sucht wurden dabei nicht explizit voneinander geschieden: wo auf eine solche Unterscheidung in der Literatur streng abgehoben wird, scheint sie mir recht willkürlich und eher justizieller Natur denn auf Erkenntnisgewinn angelegt (vgl. Kleber 1993, Nöcker 1990). Der rein genießende Konsum und die konsequent zu Tode führende Sucht sind dagegen vermutlich eher zwei Pole eines Kontinuums, die in ihrer Reinform höchst selten anzutreffen sind - im Extrem also der genießende Kiffer und der sich konsequent zu Tode fixende Junkie.

Es sollte weiterhin gezeigt werden, daß alle Erklärungsansätze zur Sucht untereinander Verbindungen aufweisen - psychoanalytische mit mythologischen, lerntheoretische und sozialpsychologische mit biologisch-phylogenetischen, diese wiederum mit mythologischen -, dennoch nur Aspekte beleuchten können und unvollständig sind, da Sucht offenbar Dimensionen menschlicher Existenz berührt, die auf einen Drang des Menschen - immer auf etwas anderes hin, auch als Sehnsucht thematisiert (vgl. Vogt 1993) - verweisen; Sucht besitzt eine religiöse Dimension (Josuttis 1987). Im zweiten Teil soll es um die spezielle Drogen- und Suchtproblematik bei Kindern und Jugendlichen gehen.

II. Teil

6. Jugend und Drogen

6.1 Jugendkultur und Drogen

In den USA waren Opiate bereits in den 50er Jahren des 20. Jhrdts. als gesellschaftlich diskutiertes Thema relevant (vgl. Burroughs 1953). In Europa spielten illegale Drogen dagegen bis Mitte der sechziger Jahre keine nennenswerte Rolle, betroffen waren höchstens sehr kleine Randgruppen (vgl. die in 1.3 angesprochenen Apotheker). In den Niederlanden wurden beispielsweise von 1950 - ´55 36 Personen wegen illegalen Marihuana-Konsums an eine Beratungsstelle verwiesen (Mulder 1985). Fünfzehn Jahre später, 1970, sind es dagegen bei einer repräsentativen Stichprobe schon 22% der über 16 Jahre alten Niederländer, die illegale Drogen probiert hatten (ebd.). Wie kam es zu einem solch drastischen Anstieg des Drogenkonsums?

In den gleichen Zeitraum fallen grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, die mit "flower power", Studentenunruhen, Demokratisierung und dem Aufstand gegen überkommene autoritäre Strukturen in der westlichen Welt in Zusammenhang gebracht werden. Mulder (1985) sieht in dieser Entwicklung den Ausdruck eines Generationenkonflikts, der durch das Festhalten an einer "Arbeit, Leistung, Konkurrenzkampf" verpflichteten, "materialistischen, gefühlsarmen" Kultur der Älteren einerseits, dem Entstehen einer "Ideologie [...] der Zusammenarbeit, Kreativität und tiefgehenden menschlichen Beziehungen" (ebd.) der jungen Generation andererseits gekennzeichnet sei.

Diese Ideologie der Jüngeren, die ausgehend von der Protestbewegung Ende der 60er Jahre schließlich auch Eingang in die Politik fand, zog eine Jugend-Subkultur nach sich, in der der Konsum illegaler Drogen eine wichtige Rolle spielte. Bewußtseinserweiterung, Halluzinationen, psychedelische Eindrücke sind Schlagworte, die seinerzeit überall propagiert wurden - die damals neue Droge LSD, von Psychologie-Professor Timothy Leary angepriesen und 1967 100.000-fach über den Besuchern eines Konzertes an der amerikanischen Westküste vom Flugzeug aus abgeworfen (Tretter 1998), steht stellvertretend für diese Begriffe und kann im Nachhinein als Symbol dieser Zeit begriffen werden.

Eine ähnliche Rolle wie damals LSD dürfte heute Ecstasy für die Rave-Bewegung spielen. Von den Benutzern wird es vor allem wegen seiner "entaktogenen" Wirkung geschätzt - ein Gefühl der Zugewandheit, ähnlich dem bei tatsächlicher, physischer Berührung, auch "Herzöffnereffekt" genannt (Holterhoff-Schulte 1998). Viele sehen in der Rave-Bewegung die legitime Nachfolgerin der Hippie-Bewegung (vgl. Rabes 1995), die Love-Parade in Berlin, z.B. am 8.7.2000 in Berlin, wird von vielen ihrer Kommentatoren, auch im Öfftl.-Rechtl. Fernsehen, so interpretiert (vgl. Phoenix-Fernsehen vom 9.7.00, 4.50 Uhr). Gemeinsam ist beiden, daß sie wesentliche Einstellungen und Grundhaltungen der jungen Bevölkerung repräsentieren (Walder 1995). Drogenkonsum ist somit eng - wenn auch nicht zwangsläufig - an Jugendkultur gebunden (Kurz-Adam 1995), der Konsum illegaler Drogen zum allergrößten Teil eine Verhaltensweise junger Menschen (Mulder 1985).

6.2 Epidemiologie des Drogenkonsums bei Kindern und Jugendlichen

Tabak und Alkohol sind nach wie vor die Drogen, die Kinder und Jugendliche zuerst konsumieren. Im Gebiet der alten Bundesrepublik ist der Konsum jedoch gegenüber den 70er Jahren zurückgegangen (Vogel 1999), was auf zunehmendes Problembewußtsein der Bevölkerung zurückgeführt wird (Hesse 1993). Für 1983 wird ein durchschnittliches Alter der ersten Rauchversuche für Jungen mit 9,7 Jahren, für Mädchen mit 12,2 Jahren angegeben (Lopez 1991), d.h. 40% der Jungen und 20,5% der Mädchen rauchten in der Grundschule die erste Zigarette (Brauner 1995). Dagegen wird für 1994 ein durchschnittliches Erstkonsumalter für Jungen und Mädchen jeweils knapp unter 14 Jahren angegeben (Vogel 1999).

Zur Entwicklung des Anteils der RaucherInnen vom 12./13. bis zum 16./17. Lebensjahr kommt eine Longitudinalstudie von Hurrelmann et al., die zwischen 1989 und 1992 durchgeführt wurde, zu folgenden Zahlen (Anteil RaucherInnen in % gemessen an der Zahl der SchülerInnen im jeweiligen Schuljahrgang, RaucherIn = mindestens eine Zigarette pro Woche) (nach Engel 1993):

Jahrgangstufe

7

8

9

10

Jungen

6,4

14,3

17,7

25,2

Mädchen

7,6

13,8

16,9

28

Entgegen dem allgemeinen Trend steigt der Anteil der jugendlichen Raucherinnen, sodaß seit einigen Jahren von den 12- bis 17-Jährigen mehr Mädchen als Jungen rauchen (Fromm 1998); die Jungen konsumieren allerdings intensiver (Vogel 1999). In NRW rauchen in derselben Altersgruppe 20% täglich, 4,4% mehr als 15 Zigaretten pro Tag (Hesse 1993). Die Wahrscheinlichkeit, mit dem Rauchen zu beginnen, ist in einem Alter von 16 Jahren am größten, d.h. danach sinkt das Risiko des Einstiegs in einen langfristigen Konsum (Kastner 1988).

Die Zahlen sind insofern von Bedeutung, als folgende Zusammenhänge vermutet werden können:

o früher Konsum ist besonders gesundheitsschädlich

o Konsumbeginn in der Prägephase der Adoleszenz kann ein Verhaltensmuster darstellen, das später beibehalten wird, damit langfristigen Konsum begünstigt und möglicherweise Abstinenzbemühungen im Erwachsenenalter erschwert

o die schädlichen Auswirkungen des Rauchens auf das Allgemeinbefinden werden zunehmend erkannt (Hesse 1993)

o Hurrelmann et al. (Engel 1993) äußern darüberhinaus die Vermutung, daß Tabak- und Alkoholkonsum den Konsum illegaler Drogen befördern.

Etwas später als der Tabakkonsum setzt der Konsum von Alkohol ein. Anfang der 90er Jahre hatten Jungen mit durchschnittlich 15,3 Jahren, Mädchen mit 16 Jahren den ersten Alkoholrausch (Vogel 1999). Mit 15 Jahren trinken 18% der Jungen und 13% der Mädchen regelmäßig Alkohol (Künzel-Böhmer 1993). In der Altersgruppe 12 bis 17 Jahre trinken 50% gelegentlich bis regelmäßig Alkohol (Hesse 1993). Von den 16- bis 17-Jährigen gelten 4% als alkoholabhängig, 9% als alkoholmißbrauchend (Schmidt 1999); Jungen sind davon dreimal häufiger betroffen als Mädchen (ebd.). Sowohl für Alkohol wie für Tabak gilt, daß der Übergang vnn gelegentlichem zu regelmäßigem Konsum am häufigsten zwischen der 9. und 10. Schuljahrgangsstufe stattfindet (Engel 1993).

Wiederum etwas später setzt der Konsum illegaler Drogen ein, wobei Haschisch den weitaus größten Teil ausmacht (96%), gefolgt von Ecstasy (Vogel 1999). Verschiedene Gründe lassen den Konsum illegaler Drogen nur schwer ermitteln (Tossmann 1991), dennoch seien hier folgende Zahlen genannt: Das durchschnittliche Erstkonsumalter derjenigen, die illegale Drogen benutzen, lag Anfang der 90er Jahre bei 17,3 Jahren; Mädchen beginnen früher mit dem Konsum als Jungen (Vogel 1999). Von den 14- bis 24-Jährigen haben 4% der Männer und 2,3% der Frauen Erfahrung mit Ecstasy (ebd.) Bis zum Alter von 19 Jahren konsumieren mehr Mädchen als Jungen Ecstasy (Fromm 1998). Haschisch wird von 7% der 15-Jährigen und 15% der 17-Jährigen regelmäßig konsumiert (Petermann 1997).

Quantitativ vernachlässigbar ist das Interesse von Schülern an Heroin (Kollehn 19911). Es spielt aber insofern eine Rolle, als ihm der Ruf des "Tödlichen und Mächtigen" vorausgeht (Dammer 1991), tatsächlich wohl gravierende Auswirkungen auf Lebensführung und psychische Gesundheit der Konsumenten hat, und von daher meiner Meinung nach in der Prävention berücksichtigt werden sollte. Ähnliches, was potentielle Auswirkungen auf die psychische Gesundheit angeht, gilt meiner Erfahrung nach für Lysergsäurediäthylamid (LSD), wo bereits einmalige Überdosierungen irreversible seelisch-geistige Schäden hinterlassen können; mir sind mehrere Fälle bekannt, in denen Überdosierungen von LSD vermutlich auf einen Schlag Wesensveränderungen auslösten, die eine selbständige Lebensführung dieser Personen nachhaltig behindern. - Für Schüler weitgehend unbedeutend ist Kokain (Kollehn 19911), evtl. wegen seines hohen Preises. Für die Verbreitung von Amphetaminen ("Speed") und LSD, also Ecstasy-verwandten Substanzen, werden ähnliche Zahlen wie für Ecstasy genannt (Vogel 1999).

Eine Sonderrolle nehmen Medikamente und Schnüffelstoffe ein. Medikamente - hier solche mit psychotroper Wirkung -, weil ihr Gebrauch gesellschaftlich sanktioniert ist und bereits Kindern verordnet werden (Voß 1995). Es fehlt daher bei Mißbrauch leicht die Einsicht, sich gesundheitsschädigend zu verhalten. Darüberhinaus fällt der Mißbrauch oft jahrelang nicht auf, da die Medikamente zunächst der Leistungsfähigkeit dienen (ebd.). 32% der 12- bis 17-Jährigen nehmen wöchentlich Medikamente ein, davon sind 8% Kopfschmerzmittel, 2% Beruhigungs- bzw. Schlafmittel und 1% Anregungsmittel (Hesse 1993). Ab dem 16. Lebensjahr nehmen Mädchen doppelt soviele Medikamente ein wie Jungen (Vogel 1999).

Schnüffelstoffe spielen gegenüber den illegalen Drogen insofern eine besondere Rolle, als sie wenig beachtet werden (Hesse 1993), zumindest früher "ärmsten sozialen Schichten" (Altenkirch 1995) vorbehalten waren und eine erhebliche Gesundheitsgefahr darstellen, wenn z.B. Plastiktüten mit Klebstoff über den Kopf gezogen werden und im Zusammenspiel mit der Drogenwirkung Erstickungsgefahr droht (ebd.). Bei den 12- und 13-Jährigen sind es 3%, die Schnüffelstoffe gebrauchen (Hesse 1993).

Die Zahlen mögen einen ungefähren Eindruck davon vermitteln, wie verbreitet Drogenkonsum im Kindes- und Jugendalter ist. Es zeigt sich, daß der Anteil derjenigen, die einen besorgniserregenden Drogenkonsum pflegen, zwischen ca. 4% (Tabak, Alkohol) und 8% (Schmerzmittel) liegt. Damit ist freilich nicht gesagt, daß der Konsum der übrigen Jugendlichen unproblematisch ist. Die größte Gesundheitsgefahr in epidemischer Hinsicht dürfte wegen ihrer weiten Verbreitung und ihres exzessiven Konsums von Tabak und Alkohol ausgehen (Hesse 1993). Den illegalen Drogen kommt insofern Bedeutung zu, als sie außer dem Bedürfnis nach Rausch auch die Bereitschaft zur Devianz signalisieren und damit weitere, die Entwicklung behindernde Prozesse in Gang setzen können.

Dem jugendlichen Drogenkonsum wird aber nicht nur aus Gründen potentieller Gesundheitsschädigung Aufmerksamkeit geschenkt, sondern auch wegen des damit einhergehenden Sozialverhaltens (Engel 1993). Insbesondere der Verbindung von Alkoholkonsum und aggressivem Verhalten bzw. Kriminalität wurden schon etliche Untersuchungen gewidmet (vgl. ebd.). Es sollte daher nicht außer acht gelassen werden, daß auch aus diesem Grunde ein gesellschaftliches Bedürfnis nach Kontrolle des Drogenkonsums Jugendlicher besteht.

6.3 Funktionalität verschiedener Drogen

Unterschiede zwischen den einzelnen Drogen bestehen außer in ihrer Verbreitung auch hinsichtlich der persönlichen Motive, die den Konsum begleiten, und der Situationen, in denen er stattfindet. Während das Tabakrauchen, zumindest am Anfang, eher heimlich, "in relativ strikter Abgeschiedenheit von Erwachsenen und deren Kontrollmöglichkeiten" (Sieber 1993) geschieht, ist der Alkoholkonsum häufig "in der Öffentlichkeit von Konfirmation und Familienfesten [...] mit dem Eintritt in die Erwachsenenwelt" (ebd.) verbunden. Tabakkonsum ist "stark mit Selbstwertproblemen [...], Verhaltensunsicherheit in der Pubertät, mangelnde[r] Anerkennung in der Gleichaltrigengruppe, Mißerfolgserlebnissen in der Schule und andere[n] als ungünstig erlebte[n] soziale[n] Vergleichsprozesse[n]" (Hurrelmann 1992) verbunden, der Konsum von Alkohol dagegen häufiger mit Gruppengeschehen und einhergehendem Zwang zu sozialer Konformität (Sieber 1993). "Störungen der normalen Beziehungsabläufe in der Familie und die dadurch verursachten Beeinträchtigungen der Identitätsbildung sind für den Alkoholkonsum [...] tiefer in der Persönlichkeitsstruktur der Konsumenten verankert als beim Tabakkonsum" (Hurrelmann 1992).

Ebenso dient Heroin dem Rückzug, rein chemische Drogen dagegen eher der Leistungssteigerung und Anregung:

"Diese Drogen sind gerade nicht in erster Linie Substanzen der sozial Randständigen und Desintegrierten, der Leistungs- und Sozialschwachen, sondern der mittleren Leistungsschichten, die sich ihres Berufs- und Sozialstatus sicher wähnen, gleichwohl aber den hohen Leistungs- und Funktionsdruck spüren, der täglich auf ihnen lastet" (Hurrelmann 1995, zitiert nach Petermann 1997).

Welche Funktion Haschisch in diesem System zugeordnet werden soll, ist umstritten (vgl. Hurrelmann 1992 vs. Heckmann 1995). Solche Zuweisungen können ohnehin nur Tendenzen wiedergeben - die Wahl einer Droge hängt neben der Motivation von vielen weiteren Faktoren ab und läßt nicht eindeutig auf bestimmte Problemlagen der Konsumenten schließen.

6.4 Grundstörungen als Voraussetzung schulischer Suchtprävention

6.4.1 Problemstellung

Ähnlich dem Drogenkonsum in der Bevölkerung werden für den Konsum bei Kindern und Jugendlichen eine Vielzahl von Faktoren genannt, die als Auslöser fungieren können und die sich gemäß dem vielzitierten Trias-Modell drei Bereichen zuordnen lassen: Droge, Person und Umwelt (vgl. Waibel 1993). Verschiedentlich wird der Bereich Umwelt auch in eine weitere und nähere Umgebung bzw. gesellschaftliche Rahmenbedingungen und soziales Umfeld aufgegliedert (vgl. Schaubild in 4.4). Um es zum Drogenkonsum kommen zu lassen, müssen verschiedene Faktoren in diesen drei Bereichen zusammentreffen, es müssen bestimmte Faktorenkonstellationen gegeben sein (vgl. 4.4; Kaufmann 1997). Diese können allerdings bisher nur sehr vage spezifiziert werden, Aufklärung erhofft man sich von zukünftiger Forschung in dieser Richtung (vgl. Künzel-Böhmer 1993).

Was den Faktor Droge angeht, so wird er im Hinblick auf die Prävention vor allem unter dem Aspekt der Verfügbarkeit gesehen; über die Wechselwirkung spezifischer Drogen mit speziellen Persönlichkeits- und Situationsprofilen ist bisher wenig bekannt (vgl. 4.4). Aus den vorangegangenen Kapiteln dürfte deutlich geworden sein, daß es ein Bedürfnis nach Drogenkonsum zu allen Zeiten gegeben hat, diese daher auch immer in mehr oder minder größerem Maß zur Verfügung standen. In der freiheitlich-marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft sind auch Drogen weitgehend den Marktgesetzen unterworfen - Polizei und Justiz können daran nur wenig ändern. Das Geschäft mit Drogen ermöglicht enorme Gewinnspannen, es verwundert daher nicht, daß sie einigermaßen leicht zugänglich sind und auch in die Hände von Kindern und Jugendlichen gelangen. Bezüglich der Prävention scheint es mir daher müßig, allzu große Hoffnung in restriktive Maßnahmen zur Regulierung der Zufuhr von Drogen zu setzen (vgl. Hurrelmann 1992). Stattdessen sollte davon ausgegangen werden, daß Drogen immer zugänglich sein werden und letztlich jedes Kind und jeder Jugendliche irgendwann in die Situation kommen wird, mit Drogen konfrontiert zu sein.

Für die schulische Prävention des Drogengebrauchs bleiben daher die Bereiche Person und Umwelt eines Schülers von Bedeutung. Die Frage ist dann, welche umweltlichen und personalen Faktoren den Drogenkonsum bei Kindern und Jugendlichen auslösen bzw. begünstigen. Selbstverständlich gelten für Kinder und Jugendliche die gleichen Bedingungen für den Konsum von Drogen, wie sie in Teil I in allgemeiner und die Gesamtpopulation betreffender Hinsicht dargelegt wurden. Nur lautete das Credo dort, daß Sucht jeden treffen kann, einheitliche Bedingungen für die Ausprägung einer Sucht nicht festgestellt werden können und Sucht somit eher schicksalhaften Charakter hat. Für die Prävention hieße das, daß es sie entweder nicht gibt oder daß sie sich auf kurative Aufgaben bei bereits Betroffenen beschränken müßte, die sogenannte Sekundär- bzw. Tertiärprävention.

6.4.2 Adoleszenz als Initialstadium

Für die hier zur Diskussion stehende schulische Prävention der Sucht, die in erster Linie als Primärprävention bzw. Prävention im eigentlichen Sinne gedacht ist, kommt es daher darauf an, Kriterien zu finden, die charakteristisch für den Drogenkonsum im Kindes- und Jugendalter sind. Ein erster Hinweis auf ein solches Kriterium ist die Tatsache, daß fast jeder Konsum, auch der von Erwachsenen, in der Phase der Adoleszenz einsetzt bzw. dort eingesetzt hat. Das Risiko, mit dem Konsum von Drogen zu beginnen, ist hier am höchsten (vgl. Kastner 1988), das Jugendalter ist offenbar auch in Bezug auf den Drogenkonsum eine Phase der Initialisierung (vgl. 6.2). Nicht zuletzt deshalb erhofft man sich aus Erkenntnissen zum Konsum bei Kindern und Jugendlichen auch Erkenntnisse in Bezug auf die allgemeine Suchtproblematik.

Wenn also in der Adoleszenz fast alle der späteren Konsumenten ihre ersten Erfahrungen mit Drogen gemacht haben, liegt es nahe, den Konsum von Drogen mit den besonderen Bedingungen dieser Entwicklungsstufe in Verbindung zu bringen. Es zeichnet sich ab, daß dem Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter offenbar ein bedeutsamer Einfluß zukommt, was eventuellen Konsum und spätere Konsummuster und -gewohnheiten angeht.

Welches sind nun die besonderen Bedingungen, die viele Kinder und Jugendliche zu Drogen greifen lassen? Denn auch wenn das Jugendalter Drogenkonsum indiziert, gilt dies dennoch nicht automatisch für alle Jugendlichen. Darüberhinaus gibt es natürlich auch unterschiedliche Konsummuster, und auch diese spielen für eine eventuelle Prävention eine Rolle, da es z.B. durchaus zu den Entwicklungsaufgaben eines Jugendlichen gehören kann, mit Drogen umgehen zu können und sich auf diese Weise in die Welt der Erwachsenen einzufinden (Kastner 1988).

Die Beantwortung der Frage, welche speziellen Umstände Kinder und Jugendliche zum Drogenkonsum verführen, fällt nicht ganz leicht und wird in der Literatur oftmals mit dem Hinweis auf das Trias-Modell (vgl. 6.4.1) abgekürzt wiedergegeben. Auf nähere Ausführungen im Sinne dieses Modells wird hier jedoch verzichtet, da Teil I und insbesondere Kapitel 4.4 in diesem Sinne gehalten sind, für die Prävention, zumal die schulische, sich daraus jedoch zuwenig Anhaltspunkte ergeben. Stattdessen scheinen mir zwei Felder für die Suchtprophylaxe in der Schule - vorausgesetzt es gibt sie - von entscheidender Bedeutung zu sein: das Elternhaus und die Person des Schülers bzw. der Schülerin.

Zwei Gründe lassen die Wahl auf diese beiden Bereiche fallen: zum einen dürfte das Elternhaus bzw. der elterliche Haushalt oder die Familie bis zur Schule die hauptsächliche Sozialisationsinstanz eines Kindes sein, insofern prägend und für eine eventuelle Suchtneigung von daher gegebenenfalls mitverantwortlich. Zum anderen gilt es, die Möglichkeiten der Schule im Auge zu behalten, und da scheinen mir beide Bereiche, also auch die Familie eines Kindes, Felder zu sein, in denen Schule ihr Potential entfalten kann.

Denn sollte es so etwas wie eine schulische Prävention der Sucht geben, sprechen die vielfältigen und tiefgreifenden Beziehungen, die der Drogenkonsum zum Leben der Konsumenten aufweist (vgl. 3.), dafür, sich bei der Prävention nicht allein auf rein belehrenden Unterricht im Sinne vorgeschriebener Curricula zu konzentrieren, sondern den Bildungsauftrag der Schule wieder etwas weiter zu fassen und den Erziehungsauftrag der Schule, wie er aus verschiedenen Gesetzen, u.a. Artikel 6 (Ehe, Familie) und 7 (Schulwesen) GG (Grundgesetz 1991) abgeleitet werden kann, mit einzubeziehen. Dazu gehört dann meines Erachtens auch, über den einzelnen Schüler bzw. die einzelne Schülerin hinaus deren Umfeld in den Blick zu nehmen und mit den Schülerinnen und Schülern gemeinsam nach Möglichkeiten der Gestaltung oder Beeinflussung dieses Umfelds zu suchen. Entgegen einer diversifizierenden Betrachtungsweise süchtigen Verhaltens im ersten Teil der Arbeit wird daher bei der schulischen Suchtprävention der Fokus wieder auf jugendspezifische, und das heißt hier entwicklungs- und individualpsychologische Faktoren zu richten sein. Dabei dient die Betrachtung der Person des Schülers aber auch als Ausgangspunkt für eher periphere, die Schule nicht unmittelbar berührende Auslösefaktoren. Unberücksichtigt bleibt hingegen die zweifellos wichtige, vielleicht wichtigste Einflußgröße jugendlichen Drogenkonsums, die Peer-group, da Schule kaum Möglichkeiten hat, Einfluß auf die Gruppe, der sich ein Jugendlicher anschließt, zu nehmen.

6.5 Suchtbegünstigende Faktoren in der Familie

6.5.1 Elterliches Modellverhalten?

Das Elternhaus bzw. der elterliche Haushalt oder die Familie sind die erste Sozialisationsinstanz eines Menschen. In der Familie werden grundlegende, basale Fertigkeiten und Verhaltensmuster erworben, die auch später praktisch nicht erschüttert werden können (vgl. 4.2, 4.3). Grundlegend sind die Art und Weise, wie elementare Bedürfnisse nach Kommunikation und solche materieller Natur befriedigt werden. Einige Untersuchungen deuten darauf hin, daß es Zusammenhänge zwischen der Art und Weise, wie diese Bedürfnisse befriedigt werden, und einer späteren Ausprägung süchtigen Verhaltens gibt (z.B. Hornung 1983).

Eine häufig geäußerte Vermutung im Zusammenhang mit den familiären Bedingungen einer Suchtausprägung ist, daß im Sinne der Lerntheorien das Konsumverhalten der Eltern den Kindern als Modell dient (vgl. 4.3). Untersuchungen diesbezüglich kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen (vgl. Sieber 1993). Sieber (ebd.) kommt bei seiner Analyse von 22 Längsschnittstudien zu dem Ergebnis, daß dies nur für Tabakkonsum gelte, nicht dagegen für andere Drogen. Kinder rauchender Eltern würden 1,5mal häufiger mit dem Rauchen beginnen als Kinder nichtrauchender Eltern.

Hornung et al. (Hornung 1983) kommen dagegen zu dem Schluß, daß "alle Konsumgewohnheiten der Eltern mit Ausnahme des Zigarettenkonsums des Vaters einen Bezug zum Drogenkonsum des Jugendlichen aufweisen" (ebd.). Vor allem Mütter dienten mit ihrem Konsumverhalten den Kindern als Modell, hier besonders durch den Konsum von Schmerz- und Schlafmitteln (ebd.). Kinder lernten dadurch, daß psychische Konflikte pharmakologisch reguliert werden können (Gassmann 1985). Hornung et al. fanden darüberhinaus, daß ein erheblicher Einfluß von drogenkonsumierenden Geschwistern ausgeht, die u.U. oftmals gewichtigere Vorbilder sein können als Eltern (Hornung 1983).

6.5.2 Broken-home-Situation?

Die solcherart im vorigen Kapitel gefundenen Zusammenhänge zwischen dem Drogenkonsum von Eltern und Kindern sind allerdings nicht zwingend auf das Modellernen zurückzuführen, weshalb sie mit Vorsicht zu betrachten sind (vgl. Waibel 1993). Vorstellbar ist auch, daß sich die intergenerative Weitergabe bestimmter Verhaltensmuster auf ganz anderen Wegen vermittelt als hier zunächst unterstellt.

Ähnliches gilt für die ebenfalls immer wieder zur Begründung des Drogenkonsums von Kindern und Jugendlichen vorgebrachte "broken-home"-Theorie. Damit ist gesagt, daß Kinder und Jugendliche aus unvollständigen Familien, also vor allem solche mit einem alleinerziehenden Elternteil, häufiger Drogen konsumierten als andere Kinder.

Sieber (1993) bestätigt diese Theorie aufgrund seiner Metaanalyse ausschließlich für den Alkoholkonsum. Hornung et al. (1983) finden Zusammenhänge zwischen broken-home-Situation und dem Konsum illegaler Drogen, weisen aber darauf hin, daß es besonders auf das Alter der Kinder ankomme, in dem die broken-home-Situation eintritt. In ihrer Studie stieg der Konsum illegaler Drogen gegenüber Kindern aus kompletten Familien, wenn diese zum Zeitpunkt des Auseinanderbrechens der Familie zwischen sieben und vierzehn Jahre alt waren, und war dort am stärksten, wo die Kinder älter als vierzehn Jahre waren. Sie vermuten, daß Kinder in diesem Alter die Familie bereits als Ganzes wahrnehmen und von daher ein Auseinanderbrechen eher als Verlust an Orientierung und emotionaler Sicherheit empfinden als jüngere Kinder, die noch stärker auf die Mutter fixiert sind.

Die unvollständige Familiensituation wirkt sich in erster Linie für den Fall der Trennung oder Scheidung der Eltern aus, für den Fall des Todes eines Elternteils waren die gefundenen Zusammenhänge weniger eindeutig (ebd.). Darüberhinaus fanden sie genannte Zusammenhänge nur dort, wo die leibliche Mutter fehlte; bei alleinerziehenden Müttern konnten sie keine erhöhte Drogengefährdung der Kinder feststellen. Ebenso seien Kinder, die durchgehend im Heim aufwachsen, keinem erhöhten Risiko, illegale Drogen zu konsumieren, ausgesetzt. Problematisch sei die Situation dagegen dort, wo ein Wechsel zwischen Heim und Rest- oder Ersatzfamilie stattfinde, die höchste Drogenkontaktquote fanden sie dort, wo Verwandte die Erziehung der Kinder übernahmen (ebd.).

Hornung et al. weisen darauf hin, daß der broken-home-Theorie aufgrund der von ihnen gefundenen Zahlen nur begrenzter Wert zur Erklärung jugendlichen Drogenkonsums zukomme, da der Einfluß der untersuchten familiären Bedingungen vermutlich eher indirekter Natur sei, "indem die Strukturen einen Rahmen für mögliche Interaktionen und Beziehungsmuster zwischen den Familienmitgliedern darstellen" (Hornung 1983). Entscheidend seien die Umstände der Scheidung, die familiäre Situation im Vorfeld und im Anschluß daran (ebd.). Dies wird unterstützt durch ihre Untersuchungen bezüglich des Erziehungsstils der Eltern (ebd.).

6.5.3 Erziehungs- und Interaktionsstil

Als besonders riskant für späteren Drogenkonsum der Kinder fanden sie für die Väter eine wenig verständnis- und liebevolle, eher kalte, ablehnende und launische, aber auch überbesorgte Haltung den Kindern gegenüber, für die Mütter eine wenig verständnisvolle, überbesorgte, wenig kameradschaftliche, legere, inkonsequente, ablehnende und gleichgültige (jeweils in dieser Reihenfolge) Haltung den Kindern gegenüber (ebd.). Besonders verhängnisvoll sei eine ablehnende Haltung des Vaters und eine überbesorgte bei gleichzeitig wenig verständnisvoller Haltung der Mutter. Demgegenüber trete auch "Schaukelerziehung" (Waibel 1993), die ebenfalls häufig als Ursache genannt wird, mit für die Kinder nicht einsichtigen Wechseln im Erziehungsstil oder mangelnder Übereinstimmung zwischen den Eltern, an Bedeutung zurück (Hornung 1983).

"[...] hatten Eltern derer, die Mißbrauch zeigten, ihre Kinder in einer Kombination von geringer Konventionalität, wenig Aufsicht und Herausforderung, geringer Einflußnahme und wenig Unterstützung erzogen; kurzum das häusliche Milieu war durch Desinteresse und Instabilität gekennzeichnet. Jugendliche, die Alkohol wenig und/ oder Cannabis höchstens gelegentlich zu sich nehmen, hatten hingegen während der Kindheit Erfahrungen gemacht, in denen Wärme und Zuwendung mit klaren Erwartungen verbunden waren" (Silbereisen 1995).

Hornung et al. schließen daraus, daß eine häusliche "Atmosphäre des Verständnisses, des Akzeptierens und der Offenheit" (Hornung 1983), in der den Familienmitgliedern Eigenverantwortlichkeit zugestanden werde und Kinder klare Orientierungsmaßstäbe entwickeln könnten, am ehesten geeignet sei, dem Drogenkonsum vorzubeugen.

Daß es nicht so sehr auf äußere Umstände wie broken-home-Situation oder elterliches Modellverhalten ankommt, sondern mehr auf innerfamiliäre Interaktionsprozesse, wird durch die Studie von Hurrelmann et al. (Engel 1993) bestätigt, die Streß bei Kindern und Jugendlichen als erheblichen konsumauslösenden Faktor identifizierten und als in dieser Hinsicht bedeutende Streßfaktoren außer den Anforderungen, die die Schule stellt, auch ein durch Streit geprägtes Verhältnis zu einem Elternteil oder zu beiden Eltern fanden. Als Streit bezeichnen Hurrelmann et al. dabei ein Verhältnis, das nicht durch "Meinungsverschiedenheiten in der Sache" (ebd.), sondern durch überdauernde persönliche Konflikte zwischen den Beteiligten gekennzeichnet ist.

Als häufigste Anlässe, an denen sich die langanhaltenden Konflikte mit den Eltern entzündeten, stellten sich dabei für die Mädchen Streit um die Mithilfe im Haushalt, abendlicher Ausgang und die Schulleistungen, bei den Jungen Streit um die Mithilfe im Haushalt, Unordentlichkeit und abendlichen Ausgang (jeweils in dieser Reihenfolge) heraus. Es zeigte sich, daß die schulischen Leistungen auch dann Anlaß für Auseinandersetzungen waren, wenn sie den Anforderungen der Schule durchaus genügten (in über 50% der untersuchten Kohorte). Vielfach haben offenbar vor allem Mädchen den Eindruck, den Erwartungen der Eltern diesbezüglich nicht zu entsprechen, obwohl sie häufiger als die Jungen in diesen Fällen den Anforderungen der Schule tatsächlich gerecht wurden (ebd.). Junge Menschen sind offenbar laut Hurrelmann et al. im Hinblick auf ihre schulischen Leistungen einem hohen Erwartungsdruck seitens der Eltern ausgesetzt, nicht zuletzt mit der Konsequenz, die eigene Leistungsfähigkeit nur unzureichend einschätzen zu können (ebd.). Dies wiederum bedeutet enormen Streß für Kinder, die ja gerade ihre Fähigkeiten und Grenzen kennenlernen müssen.

In vielen Familien resultiert aus diesem Dilemma eine angespannte Situation, die Hurrelmann et al. darauf zurückführen, daß Eltern in einer Gesellschaft mit "hoher sozialer Mobilität" (ebd.), in der aber gleichzeitig der zukünftige Status wesentlich durch die besuchte Schulform und dadurch erreichte Bildungszertifikate determiniert wird, Druck auf ihre Kinder ausübten, um sie zu guten Schulnoten und möglichst hochgradigen Schulabschlüssen zu bewegen. Sie vermuten diese Mechanismen vor allem dort, wo Kinder einen höheren Ausbildungsstatus als ihre Eltern erreichen sollen bzw. dort, wo ein Abstieg gegenüber dem Ausbildungsniveau der Eltern droht.

"Hinsichtlich [...] der psychosozialen Risiken ist weniger die soziale Herkunft als solche als relevanter Bestimmungsfaktor anzusehen als vielmehr die Wechselwirkung dieses Statusfaktors mit der institutionalisierten Struktur des Schulsystems und die dadurch etablierten Mobilitätstrajektorien bzw. Bildungskarrieren" (ebd.).

Sie stellen nicht in Abrede, daß Druck seitens der Eltern vielen Kindern hohe Schulabschlüsse und im Endeffekt eine befriedigende Lebensführung ermöglicht, fragen aber, um welchen Preis dies zu haben sei (ebd.).

Besonders das Verhältnis zum gegengeschlechtlichen Elternteil ist in der untersuchten Altersgruppe durch solche Konflikte belastet (ebd.). Für viele Jungen und Mädchen ist die angespannte familiäre Atmosphäre aus Anlaß auch der schulischen Leistungen ein massiver und langfristiger Streßfaktor, der in Verbindung mit anderen Faktoren, insbesondere dem Anschluß an eine Clique, hohe Korrelationen mit dem Konsum von Zigaretten, Alkohol und Medikamenten, letztere vor allem bei Mädchen, aufweist (ebd.). Sie kommen zu dem Ergebnis, daß das Verhältnis der Väter zu den Töchtern durch solche Auseinandersetzungen stärker belastet ist als das der Söhne zu Mutter und Vater, Mädchen seien insgesamt häufiger mit einem schwierigen Verhältnis zu den Eltern belastet als Jungen (ebd., vgl. Schmidt 1999).

Wie verschieden Jungen und Mädchen auf die familiäre Konstellation reagieren, zeigen Aussagen von Glöckner (1998) und Schmidt (1999). Schmidt (ebd.): "Während für Mädchen eine kompetente, gut ausgebildete und entsprechend ihrer Qualifikation berufstätige (evtl. alleinerziehende) Mutter als protektiver Faktor gilt, sind Jungen besonders gut gegen Drogenmißbrauch geschützt, wenn sie in einer nahezu umgekehrten Familiensituation heranwachsen. Traditionelle Familienstrukturen und ein behütender Erziehungsstil, der geprägt ist von festen Strukturen und verbindlichen Regeln, wirkt sich bei Jungen positiv aus." Glöckner (1998) verweist auf das Ergebnis einer Studie, nach der allem Anschein nach für Mädchen ein eher älterer Vater suchtprotektiv wirke, während dies für Jungen eine eher jüngere Mutter sei.

Ich interpretiere die Aussagen von Hurrelmann et al. (ebd.) dahingehend, daß nach wie vor eine geschlechtsstereotype Erziehung an der Tagesordnung ist, die Jungen per se größere Eigenständigkeit und Selbständigkeit zubilligt (vgl. Fromm 1998). Darin könnte ein weiterer Grund für geschlechtsspezifische Konsumgewohnheiten gesehen werden, was von Hurrelmann et al. (Engel 1993) dadurch bestätigt wird, daß sie Mädchen eher internalisierende Konfliktverarbeitungsstrategien, wozu auch Drogenkonsum gezählt werden kann, bescheinigen, während Jungen eher mit nach außen gerichtetem Verhalten reagierten (vgl. Schmidt 1999).

Der scheinbare Widerspruch, der daraus entsteht, daß Jungen insgesamt mehr Drogen konsumieren, könnte dadurch aufgelöst werden, daß für Jungen viel eher als für Mädchen der Konsum von Drogen Ausdruckscharakter hat, also z.B. an Geselligkeit und Ansehen geknüpft ist, während er für Mädchen eher unmittelbar spannunglösende Funktion hat (Meier 1995). Dies wird vor allem von Autorinnen unterstrichen und dürfte für die Prävention interessant sein.

6.5.4 Erfahrungen aus der klinischen Suchttherapie

Als letztes Indiz für die Bedeutung der Familie in Bezug auf Suchtmittelkonsum möchte ich auf Darstellungen von Suchttherapeuten zu sprechen kommen, die das familiäre Umfeld von Suchtkranken betreffen. Sie thematisieren ebenfalls die innerfamiliären Interaktionsmuster, der Schwerpunkt liegt auf den Rollenzuweisungen, die innerhalb des familiären Systems getroffen werden. Obwohl die Darstellungen aus dem klinischen Bereich stammen und sich meistenteils auf Familien mit einem alkoholkranken Elternteil beziehen, die Suchterkrankung als Symptom also bereits Wirkung auf die Familie ausübt, werden daraus Schlußfolgerungen gezogen, die auch auf Familien zutreffen können, die noch nicht von Sucht betroffen sind, also hier interessierende gefährdete Familien (Rösch 1992). Da diese Beschreibungen von "Suchtfamilien" (Roeb 1992) bzw. suchtgefährdeten Familien außerdem Parallelen mit Vermutungen aufweisen, die andernorts in Verbindung mit dem Präventionsgedanken geäußert werden, scheint es mir legitim, sie hier zur Sprache zu bringen.

Gemeinsam ist den genannten Darstellungen, daß sie den Familien Suchtkranker, hier wie gesagt meist ein Elternteil, große Kohäsion attestieren, d.h. dem Zusammenhalt der Familie wird von den übrigen Familienmitgliedern große Aufmerksamkeit geschenkt, es wird eine Harmonie gepflegt, die den tatsächlich vorhandenen Konflikten in diesen Familien nicht entspricht (Roeb 1992). In "Suchtfamilien" hat dies häufig die Funktion, die Suchterkrankung nach außen hin zu verbergen und offenen Konflikten innerhalb der Familie aus dem Weg zu gehen. Oppl bezeichnet solche Familien als "bindungsorientiert" (Oppl 1992), Rösch spricht von "Familienangst" (Rösch 1992) im Sinne großer Angstbesetztheit der Familienmitglieder, in der sich individuelle und kollektive Ängste mischen und bedingen. Das führt dazu, daß in diesen Familien Einstellungen wie "es ist nicht gut, Gefühle zu zeigen" oder "mir darf es nur gut gehen, wenn es allen anderen auch gut geht" (Oppl 1992) gehegt werden. Oppl spricht in diesen Fällen von "Glaubenssystemen" (ebd.), die in diesen Familien herrschen und die die Familienmitglieder an der Entfaltung ihrer persönlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten hindern. Solche Verhältnisse werden auch mit dem Begriff der Co-Abhängigkeit belegt, die als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt ist (vgl. Vogel 1999)

Systemisch orientierte Therapeuten gehen nun davon aus, daß solche innerfamiliären Beziehungs- und Interaktionsmuster nicht unbedingt als Reaktion auf die Erkrankung eines Familienangehörigen zu verstehen sind, sondern die Beziehungen innerhalb einer Familie auch dergestalt sein können, daß sie die Sucht oder eine andere psychische Erkrankung eines Familienangehörigen als Symptom erst auf den Plan rufen, z.B. um Hilfsbedürftigkeit oder das Bedürfnis des betroffenen Familienmitglieds nach Aufmerksamkeit und Zuwendung zu signalisieren. Für anorexia nervosa (Magersucht) und Bulimie hält Fromm (1998) beispielsweise fest:

"Wenn Mädchen in einer übertrieben harmonischen oder stark reglementierten Familienatmosphäre aufwachsen, und sie keine Chance haben, sich selbst auszuprobieren, eigene Vorstellungen und eine eigene Identität zu entwickeln, bleibt ihnen ihr Körper als einzige Möglichkeit, über die sie selbst bestimmen können."

Ursachen solcher Binnenorientierung von Familien können dabei außer der Sucht- oder einer anderen Erkrankung eines Familienmitglieds auch alle anderen Faktoren sein, die diese Familien von ihrer Umgebung abheben, also z.B. wirtschaftliche Situation, ethnische Herkunft, Religion, Behinderung, Weltanschauung, private Angelegenheiten, Kriminalität und unzählige andere Faktoren, die diesen Familien ein Bewußtsein der Besonderheit, Eigenartigkeit, Herausgehobenheit, Abgegrenztheit von der Umwelt verleihen und besonders dann problematisch werden, wenn sie mit Gefühlen der Minderwertigkeit oder des Fremdseins gegenüber der Umgebung gekoppelt sind (vgl. Schwab 1994). Es wird dann häufig eine "harte" (Rösch 1992) Realität konstruiert, mit für die Familienmitglieder verbindlicher Anschauung der Außenwelt, oftmals einhergehend mit starken Bedürfnissen gegenseitiger Kontrolle innerhalb der Familie (Roeb 1992) und Abschottung von der Umwelt.

In Anlehnung an die von Stierlin (1978) vertretene systemische Familientherapie gelangt Rösch (1992) daher zu folgenden Hypothesen:

o Suchtkranke kommen oft aus Familien mit rigiden Werthaltungen, z.B. gut - böse, erfolgreich - versagend, gläubig - ungläubig, gesund - ungesund etc., mit der Konsequenz, daß die Familie zur rettenden Insel inmitten einer feindlichen Umwelt stilisiert wird.

o Einher mit rigiden Werthaltungen und harter Wirklichkeitskonstruktion können starre Rollenzuweisungen innerhalb der Familie gehen, den Kindern wird ähnlich wie in Schulklassen die Rolle des Clowns, des Überlegenen, des Vermittlers, des Helden, des Sündenbocks, des Verlorenen, des Maskottchens etc. zugedacht, die zu verlassen oder zu erweitern ihnen nur schwer ermöglicht wird (ebd., vgl. Küfner 1992, Vogel 1999).

o Um das familiale System bei Priorität der externen Grenzen aufrechtzuerhalten, müssen die vermeintlich strengen internen Grenzen - z.B. bzgl. Rolle, Geschlecht, Generation - überschritten werden, sodaß z.B. Konflikte der Eltern über die Kinder ausgetragen, Koalitionen gebildet, Kinder entmündigt, verletzt, im Extrem sexuell mißbraucht werden und das familiäre System durch starre externe bei gleichzeitig diffusen internen Grenzen gekennzeichnet ist (Rösch 1992).

o es wird ein konfliktvermeidender Kommunikationsstil gepflegt, z.B. mit Befehlen oder aber Vermittlung von Botschaften über Dritte, Leugnung, Unterdrückung und Bagatellisierung von Meinungsverschiedenheiten, Blockierung direkter und offener Kommunikation, Uneindeutigkeit und Umleitung auf andere Themen (ebd.).

Kinder, die in solcherart geprägten häuslichen Milieus aufwachsen - mit rigider Rollenzuweisung, Nichtbeachtung personaler Grenzen, subtiler Instrumentalisierung, verzerrter Wahrnehmung -, haben es unter Umständen schwer, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden, Beziehungen zu anderen Kindern einzugehen, ihre Umwelt angstfrei wahrzunehmen und eine konsistente Vorstellung von sich zu entwickeln. Allerdings schaffen es auch viele Kinder, sich ihrer Umgebung anzupassen und Defizite zu kompensieren, sodaß sie nicht auffallen.

Problematisch wird es dagegen dann, wenn in der Pubertät tiefgreifende Veränderungen anstehen, mit der einsetzenden Geschlechtsreife auch die zugehörige Geschlechtsrolle übernommen werden soll, die allmähliche Loslösung vom Elternhaus ansteht, tragfähige Beziehungen zu Gleichaltrigen eingegangen werden wollen und eine eigene Identität samt Geschlechtsidentität entwickelt werden muß (Kastner 1988). In dieser Phase haben viele Jugendliche Schwierigkeiten, neue soziale Positionen zu finden, ihre Geschlechtsrolle zu leben, angemessen auf die Erwartungen der Gesellschaft zu reagieren und sich gegen Widerstände seitens dieser durchzusetzen. Vor allem Mädchen müssen die Veränderungen ihres Körpers akzeptieren (Meier 1995). Gleichzeitig werden in dieser Phase wesentliche Grundlagen für das Erwachsenenalter geschaffen, die erfolgreiche Bewältigung der Konflikte ist für das weitere Leben entscheidend.

Für Jugendliche, die in ihrer Kindheit kein stabiles Selbstbild und Selbstwertgefühl entwickeln konnten, z.B. aufgrund obengenannter häuslicher Bedingungen, können dies Herausforderungen darstellen, die sie nur schwer oder unzureichend bewältigen (Hurrelmann 1992). Drogenkonsum kann dann z.B. die Funktion haben, diesen Anforderungen auszuweichen, indem für den Fall, daß die Jugendlichen in der Familie verbleiben, sie dort als "Kranke" die ersehnte Aufmerksamkeit erfahren, aber auch die Familienkohäsion weiter verstärken und so eine wichtige Funktion übernehmen, oder aber - für den Fall der Abwendung von der Familie - in einer drogenkonsumierenden Peer-group eine Subkultur finden, die ihrem Bedürfnis nach Abschottung von der als feindlich empfundenen Umwelt entgegenkommt (Küfner 1992).

Ebenso kann Drogenkonsum aber auch einer demonstrativen und sozusagen künstlich erzeugten Vorwegnahme des Erwachsenenalters dienen, unter Umgehung der damit verbundenen Aufgaben wie Finden neuer sozialer Positionen, vorzugsweise im Berufsleben, angemessenen Beziehungen zum anderen Geschlecht, Aneignung eines gesellschaftlichen Status oder eine befriedigende Lebensführung mit angemessenen Wechseln zwischen Leistung und Entspannung. Indem ein Jugendlicher sich z.B. einer drogenkonsumierenden Peer-group mit meist älteren Mitgliedern anschließt, deren Umgangsformen und Rituale übernimmt und dort eine Position in der Gruppenhierarchie findet, übernimmt er Verhaltensweisen - die in diesem Fall gleichzeitig Statussymbole sind - des Erwachsenenalters und kann sich älter fühlen als er wirklich ist (Dammer 1991).

In diesen Fällen hätte Drogenkonsum die Funktion einer Flucht nach vorne statt der Flucht in die Zurückgezogenheit, ausgelöst durch die gleiche Ausgangssituation, daß der Jugendliche in seiner Selbst- und Verhaltensunsicherheit den Anforderungen, die die Pubertät stellt, nicht begegnen kann. Ob der Jugendliche sich den Anforderungen, die auf ihn eindringen, verweigert und einen eher zurückgezogenen Konsum in geschützter Umgebung pflegt, oder das Erwachsensein in untauglicher Weise vorwegnimmt, indem er z.B. einen mehr extrovertierten Konsum mit vielen Begleitaktivitäten pflegt, hängt von den persönlichen Motiven des Konsumenten ab, dem Ziel, das er mit seinem Konsum anstrebt.

Auf diese Weise werden die Anforderungen, die die Pubertät an die Jugendlichen stellt, immer wieder mit jugendlichem Drogenkonsum, ihre unzureichende Bewältigung auch mit schwerer Sucht im Erwachsenenalter in Zusammenhang gebracht (letzteres vor allem von der frauenspezifischen Suchtforschung, vgl. Schmidt 1999, Meier 1995, Fromm 1998). Jugendliche entziehen sich durch den Drogenkonsum einer Umwelt, die ihnen schon in der Familie und von dieser, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, als abweisend vermittelt wurde, bzw. besitzen nicht die nötigen Fähigkeiten, sich mit ihrer Umwelt angemessen auseinanderzussetzen.

6.5.5 Resümee

In gewisser Weise stellen die in den Kapiteln 6.5.3 und 6.5.4 geschilderten Situationen Gegensätze dar, insofern es in Kapitel 6.5.4 vor allem um "enge", also stark bindungsorientierte Familien geht, während es in Kapitel 6.5.3 eher um durch Streit und mangelndes Verständnis gekennzeichnete Familiensituationen ging. Dabei können aber auch Streit und scheinbare Verständnislosigkeit Ausdruck starker emotionaler Bindungen zwischen den Familienmitgliedern sein, evtl. sogar eine angemessene und hilfreiche Ausdrucksform sein. Da die Familie als kleinste soziale Einheit der Gesellschaft immer durch eine gewisse Bindung charakterisiert ist und irgendein "Glaubenssystem" letztlich in jeder Familie eine Rolle spielen dürfte, kann für die Suchtprotektion ein Gleichgewicht als optimal angesehen werden, das den Familienmitgliedern einerseits Schutz und Sicherheit bietet, ihnen andererseits aber auch Gelegenheit gibt, sich auf die Außenwelt hin zu orientieren.

Wo dies nicht der Fall ist, können Kinder sich nicht angemessen und förderlich entwickeln, Vertrauen in ihre Selbstwirksamkeit setzen, sich selber und ihre Umwelt differenziert wahrnehmen und zu selbständiger Lebensführung befähigt werden. Insofern kann die Familie als ein Ort der Entstehung süchtigen Verhaltens angesehen werden, der besonders dann zum Tragen kommt, wenn weitere ungünstige Einflüsse wie schlechte Schulnoten, mangelnde berufliche Zukunftsperspektiven oder bestimmte Peer-Gruppen hinzutreten (Engel 1993), die aber ihrerseits wiederum Reaktionen auf mangelnde erworbene Fähigkeiten sein können.

Die unter 6.5.4 genannten Punkte decken sich meiner Ansicht nach stark mit Aussagen Hurrelmanns (1992), der ebenfalls in innerfamiliären Beziehungsstörungen, oftmals resultierend aus einer ungünstigen sozialen Situation der Familie, z.B. Arbeitslosigkeit, ein vorrangiges Motiv für Alkoholkonsum sieht und "ängstliche, verschlossene, sensitive, leicht verletzliche Persönlichkeiten mit einer geringen Frustrationstoleranz überdurchschnittlich häufig zu den Alkoholkonsumenten" zählt (vgl. 6.3).

Heroinkonsumenten hält Waibel (1993) dagegen als eher durch eine permissive Laissez-faire-Erziehung mit geringer Bindung zwischen Eltern und Kindern gekennzeichnet. Andererseits werden in vielen Publikationen, vor allem aus der neurobiologischen Forschung, Heroin- und Alkoholkonsum ähnliche Motivationen unterstellt (z.B. Topel 1991, Rommelspacher 1996). Dies zeigt, wie schwierig es ist, die spezifischen Effekte von Drogen zu beobachten, zu beschreiben, ihnen bestimmte Motivationen der Konsumenten zuzuordnen und auch, sie mit Problemlagen allgemein, mit speziellen Situationen der Konsumenten in Besonderheit, in Verbindung zu bringen.

Daraus ergibt sich als Konsequenz, daß alle in diesem Kapitel genannten Zusammenhänge zwischen familiärer Situation in der Kinder- und Jugendzeit und Drogenkonsum sehr vorsichtig und zurückhaltend bewertet werden müssen. Davon ausgehend, daß es zwischen Drogenkonsum und Situation eines Menschen Zusammenhänge gibt, sind diese äußerst diffiziler Natur und sehr sensibel in ihrer Konstellation, dennoch wirksam. Insofern dürfte, was Oppl mit Blick auf die therapeutische Beziehung sagt, auch für die Motivforschung des Drogenkonsums gelten: "Diese Welt der Sinngebung, des Glaubens, der Bedeutung, der Illusionen, Meinungen, Konventionen, Regeln, Phantasien sind die allerintangibelsten und doch hochwirksamsten Dinge, die man sich denken kann" (Oppl 1992). Gleiches gilt auch für die im folgenden Kapitel dargestellten, in der Person gründenden Wirkmomente des Konsums von Drogen.

6.6 Personale Auslösefaktoren des Konsums von Drogen

Zunächst ist in diesem Zusammenhang mit Waibel (1993) zu sagen, daß es "ein Unterschied [ist], ob man sich ständig müde und abgekämpft fühlt oder vor Aktivität und Tatendrang strotzt, [...] ob man häufig krank ist [...] oder ob eine robuste Gesundheit vorliegt, [...] ob man beinahe ohne Einschränkung durch körperliche Gegebenheiten alle gewünschten Dinge in Angriff nehmen kann oder ob einem diesbezüglich Grenzen gesetzt sind". Mit anderen Worten, die individuelle physische Konstitution übt einen bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung der Persönlichkeit und die Lebenseinstellung eines Menschen aus und ist damit auch für den Konsum von Drogen bedeutsam (ebd.). So sind Kinder, die schon früh daran gewöhnt sind, Medikamente gegen chronische Krankheiten zu nehmen, z.B. Insulin bei diabetes mellitus zu spritzen oder Asthmasprays bei asthma bronchiale zu inhalieren, sicher eher damit vertraut, chemische Stoffe und deren Applikationswerkzeuge zur Regulierung des persönlichen Wohlbefindens einzusetzen.

Ansonsten tut sich die Wissenschaft aber abgesehen von psychoanalytischen Theorien und entwicklungspsychologischer Forschung schwer, in der Person angelegte Auslösefaktoren für den Konsum von Drogen zu eruieren (vgl. 4.4). Dennoch soll hier der Versuch unternommen werden, ebensolche Faktoren in der Literatur zu finden, auf ihre Bedeutung hin zu untersuchen und in einen Zusammenhang zu stellen. Dabei besitzen auch diese rein personalen Faktoren große Nähe zu von der Entwicklungspsychologie aufgegriffenen Themen, weshalb sie auch hier weitgehend gemeinsam dargestellt werden.

6.6.1 Persönlichkeitsmerkmale

Charakterliche Eigenschaften wurden schon sehr früh in der Suchtforschung auf ihre Bedeutung für die spätere Ausprägung einer Sucht hin untersucht (Sieber 1993), vermutlich spätestens, seit Sucht als gesellschaftliches Phänomen in Erscheinung trat (vgl. 1.2). Die zahlreichen Untersuchungen, die diesbezüglich angelegt wurden, weisen allerdings bis heute keine eindeutigen Ergebnisse aus, u.a. weil die hier zur Diskussion stehenden Variablen nur schwer in Untersuchungen zu operationalisieren sind und es schwer fällt, die Person von umweltlichen Bedingungen, z.B. bereits vorhandenem Drogenkonsum, zu trennen (Sieber 1993). In Langzeituntersuchungen, in denen Neugeborene über einen Zeitraum von zwanzig Jahren beobachtet wurden, konnte aber späterer Drogenkonsum anhand von Persönlichkeitsmerkmalen zum Teil recht zuverlässig vorhergesagt werden (ebd.).

Die solcherart in Untersuchungen gewonnenen, naturgemäß recht vagen Erkenntnisse werden aber darüberhinaus von einem großen Teil der Literatur zur Suchtprävention weitgehend ignoriert, wohl auch wegen des damit einhergehenden Eindrucks der Unvermeidbarkeit süchtigen Verhaltens. Dennoch soll hier auf einige Ergebnisse solcher Untersuchungen zu sprechen gekommen werden, da sie zeigen, daß bei aller Bedeutung ungünstiger umweltlicher Einflüsse, z.B. seitens der Familie, durchaus auch in der Person gründende Merkmale als potentielle Mitverursacher einer späteren Sucht in Betracht gezogen werden können und dies Auswirkungen auf präventive Maßnahmen hat.

Ins Visier genommen wurden bei den erwähnten Studien solche Eigenschaften wie Nervosität, Aggressivität, Depressivität, Erregbarkeit, Geselligkeit, Gelassenheit, Dominanzstreben, Gehemmtheit, Offenheit, Extraversion, Neurotizität (emotionale Labilität), Maskulinität, (verbale) Intelligenz, Konzentrationsvermögen, Unkonventionalität etc. einer Person (Hornung 1983, Sieber 1993). Diese Eigenschaften sind aber in den verschiedenen Untersuchungen nicht einheitlich definiert, ein häufig benutzter Standard ist das Freiburger Persönlichkeitsinventar FPI (ebd.) - auf weitere testpsychologische Einzelheiten kann hier nicht näher eingegangen werden.

Eine der am häufigsten in diesem Zusammenhang genannten Persönlichkeitsmerkmale ist die Extraversion, die als nach außen gewendete psychische Energie beschrieben (Hornung 1983) und mit Neugier, Spontanität, Risikobereitschaft und Geselligkeit assoziiert wird (Sieber 1993). Sieber hält einen Zusammenhang mit der Extraversion "zu den sichersten psychologischen Ergebnissen über das Raucherverhalten" (ebd.). Hornung et al. (1983) finden ebenfalls für die Extraversion, die sie als "entgegenkommendes Wesen, [...] sich leicht in jeder gegebenen Situation zurecht[finden], [...] rasch Bziehungen an[knüpfen], [...] sich unbekümmert in unbekannte Situationen hinaus[wagen]" definieren, einen Zusammenhang mit Drogenkonsum. Extravertierte könnten möglicherweise eher ihrer Neugier nachgeben, außerdem leichter Kontakt zu Personen aus der "Szene" aufnehmen (ebd.).

Einher mit diesen positiv konnotierten Eigenschaften geht aber auch das Bedürfnis nach stärkerer sensorischer Stimulation, das bekannte "sensation-seeking" (Künzel-Böhmer 1993) von Drogenkonsumenten, sowie mit der verstärkten Reiz- auch eine größere Risikoorientierung im Verhalten dieser Personen und eine geringere Konditionierbarkeit, sodaß z.B. weniger Hemmungen bestehen, sich der Drogen, zumal der illegalen, zu bedienen (Hornung 1983).

Etwas ähnlich und als wichtige Größe hinsichtlich jugendlichen Konsums, insbesondere illegaler Drogen, wurde weiterhin eine unkonventionelle und nonkonforme Lebensweise gefunden, einhergehend mit dem Streben nach Unabhängigkeit, sozialkritischer Einstellung und eher lockerer sozialer Integration der Betreffenden (Sieber 1993). Dieses Kriterium bezieht sich insbesondere auf den jugendlichen Cannabiskonsum (ebd.), zeigt aber auch die Abhängigkeit solcher Variablen von kulturellen Gegebenheiten. Als Maß für die soziale Integration dienten hier Religiosität und Teilnahme am kirchlichen Geschehen, was mit der Herkunft dieser Studien aus den USA der 70er Jahre verständlich wird. Es erinnert darüberhinaus an den wenig konventionellen und gering beaufsichtigenden Erziehungsstil der Eltern, der schon unter 6.5.3 als für Drogenkonsum verantwortlich beschrieben wurde.

Desweiteren wurde auch Intelligenz auf ihre Bedeutung für späteren Drogenkonsum hin untersucht. Sieber (ebd.) zeigt, daß in der Mehrzahl diesbezüglicher Untersuchungen Zusammenhänge zwischen Intelligenz und Drogenkonsum gefunden wurden derart, daß Schüler mit überdurchschnittlicher Intelligenz früher Drogen probierten als ihre Klassenkameraden. "Schüler, die gute Leistungen erbringen, keine Lernschwierigkeiten haben und nicht schüchtern sind, [...] getrauen sich frühzeitiger, neue Verhaltensweisen auszuprobieren" (ebd.). Im Laufe der Entwicklungsphase glichen sich die Unterschiede zu den Klassenkameraden zwar aus, Kreativität und Experimentierfreude seien aber wichtige Determinanten jugendlichen Konsums (ebd.). Dazu nicht unbedingt im Widerspruch korrelieren auch Schulabneigung und geringe Leistungsorientierung in der Schule mit dem Konsum von Drogen (ebd.).

Für eine neurotizistische Tendenz, deren negative Seite mit emotionaler Labilität, Reizbarkeit, Schuldgefühlen, depressiven Verstimmungen und psychischen Spannungen umschrieben und die ebenfalls häufig mit Drogenkonsum in Zusammenhang gebracht wird (Hornung 1983), sind die Ergebnisse widersprüchlich. Sieber (1993) hebt auf die jeweilige Definition dieser Variablen ab und betont die Bedeutung von Depressivität und geringem Selbstwertgefühl. Ursprünglich Inbegriff einer vermuteten "prämorbiden" Persönlichkeit, wird dem Konzept des Neurotizismus, der zum Drogenkonsum prädestiniert, heute weitgehend übereinstimmend eine Abfuhr erteilt, die Mehrzahl der Untersuchungen konnte dafür keine Belege liefern (ebd.).

Als relevant für späteren Drogenkonsum wurden dagegen abweichendes und aggressives Verhalten gefunden (ebd.). Suchtverhalten kann begünstigt werden durch

"... Probleme mit der Selbststeuerung während der Kindheit (Aufmerksamkeitsstörungen, mangelnde Impulskontrolle und, insbesondere bei Jungen, Aggressivität). So konsumierten solche Jugendlichen häufiger Drogen anfangs der Adoleszenz, die sich als Dreijährige durch geringe Ich-Kontrolle (Belohnungen können nicht aufgeschoben werden, impulsiv, emotional labil, leicht frustriert) auszeichneten" (Silbereisen 1995).

Dies gelte auch für verhaltene Aggressivität, wenn Schüchternheit mit Aggressivität gepaart auftritt (Sieber 1993). Interessant ein Befund, daß Schüler der ersten Klasse mit Lernschwierigkeiten, die außerdem aggressiv waren, in der Entwicklungsphase keinen erhöhten Drogenkonsum aufwiesen (ebd.).

Nervosität wird mehr mit psychosomatischen Störungen wie Händezittern, Schweißausbrüchen, Unruhe, Schlafstörungen sowie "starker körperlicher Affektresonanz" (Hornung 1983) in Verbindung gebracht und weitgehend übereinstimmend als starker Prädiktor für Drogenkonsum gesehen (ebd.).

Offenheit als Fähigkeit, sich selber kritisch zu sehen und Schwächen zuzugeben, wird von Hornung et al. ebenfalls als mit Drogenkonsum korrelierend erkannt - Menschen, die Drogen konsumierten, seien sich selber gegenüber kritischer eingestellt als solche, die keine Drogen konsumierten (Hornung 1983). Aufgrund ihrer Studie mutmaßen sie, daß Offenheit bereits vor Aufnahme des Drogenkonsums ein Merkmal der von ihnen untersuchten jugendlichen Konsumenten war (ebd.). Sie vermuten die Gefährdung dieses Personenkreises darin, daß diesen Menschen Probleme und Konflikte stärker im Bewußtsein präsent seien, und stellen gewisse Parallelen dieser Variablen mit dem Neurotizismus fest (ebd.).

Die genannten Merkmale können in dieser allgemeinen Form nur recht vage definiert werden und weisen daher meines Erachtens auch starke Parallelen untereinander auf. Auch wenn einzelne Konsumenten durch Extraversion, Unkonventionalität, Nervosität, Neurotizität, Offenheit, Intelligenz, Devianz charakterisiert sein mögen, können die hier gelieferten Beschreibungen doch nur als allgemeine Anhaltspunkte dienen, daß personelle Faktoren für späteren Drogenkonsum unter Umständen eine Rolle spielen. Ich halte sie vor allem für geeignet, den Blick über die Diskussion um das soziale Umfeld und die Anforderungen der Pubertät hinaus auch auf die Person zu lenken.

Inwiefern persönliche Konstitution und Drogenkonsum interagieren können, zeigt Sieber (1993) anhand des Befunds einer Studie: "Der Cannabiskonsum hatte einen signifikant positiven Effekt auf die spätere Selbstakzeptanz [...]. Häufiger Cannabiskonsum ist demnach mit einer verbesserten, später angestiegenen Selbstakzeptanz verknüpft." Zur Begründung führt er die Theorie der Selbstbeeinträchtigung von H. Kaplan (1983) an, die dahin geht, daß Drogenkonsum gerade in seiner Qualität als deviantem Verhalten das Selbstwertgefühl stärkt und eine "unangemessene Reaktion auf Gefühle der Selbstentwertung und Selbstbeeinträchtigung darstellt, die im Zusammenhang mit den Eltern oder Repräsentanten der sozial integrierten Gesellschaft entstanden sind" (Sieber 1993). Hier bieten sich also gewisse Parallelen zum Merkmal Nonkonformität bzw. Unkonventionalität an. Es zeigt außerdem den selbstregulierenden Charakter, den Drogenkonsum annehmen kann, wenn im Verlauf der Entwicklung - freilich abhängig von weiteren Einflußgrößen - mit der gestiegenen Selbstakzeptanz auch der Drogenkonsum abnimmt (ebd.).

Unterstützt wird diese Perspektive durch Hornung et al. (1983), die in ihrer Studie zu dem Ergebnis kommen, daß Konsumenten illegaler Drogen durchaus kein negativeres Selbstbild haben als Nichtkonsumenten. Vielmehr waren es die an illegalen Drogen interessierten (Noch-)Nichtkonsumenten, die sich selber im Vergleich zu allen anderen befragten Gruppen am negativsten einschätzten (ebd.). Für Jugendliche bestehe somit "die Gefahr, daß die Droge zum Hilfsmittel wird für die Erfüllung der elementaren Bedürfnisse nach sozialer Integration, Selbstsicherheit und Wohlbefinden" (ebd.). Für die Prävention folgern sie, daß Aktivitäten gefunden werden müßten, die ebendiese Bedürfnisse befriedigen.

Hinsichtlich der Bedeutung der genannten Persönlichkeitsmerkmale kommt Sieber zu folgender Einschätzung: In alle genannten Merkmale fließen auch umweltliche Faktoren mit ein, was sich insbesondere am Merkmal "Unkonventionalität" deutlich zeigt. Insofern kommt es immer auch auf die Umgebung der Betreffenden an, die darüber entscheidet, wie jemand charakterisiert wird, sich selber sieht und letztlich verhält. Persönlichkeit und soziales Umfeld stehen somit in einem engen Austauschprozeß miteinander und könnten auch als getrennte Perspektiven auf die gleiche Lebenswirklichkeit gesehen werden. Drogenkonsum und Sucht sind von daher nicht als Ergebnis einer zur Sucht disponierten "Suchtpersönlichkeit" zu betrachten, vielmehr könnte man von einem "Milieu" sprechen, in dem sich Sucht bzw. Drogenkonsum entfalten. Ausgeprägten Merkmalen der Person, die suchtfördernd wirken, erteilt Sieber denn auch eine Absage und hält ihnen die Vorstellung von "Persönlichkeitsaspekte[n] auf der Ebene der Einstellungen, die deutlich vom Sozialisierungsprozeß mitbeeinflußt werden" (ebd.), entgegen und hält diese für Drogenkonsum und eventuelle Sucht für mitverantwortlich.

Wieder mehr auf der Ebene der Merkmale führt er aber auch aus, daß diese wie z.B. Extraversion sehr differenzierte Wirkung entfalten können, insofern z.B. Dominanz und Ehrgeiz, die ebenfalls als Aspekte der Extraversion gelten, in der Phase der Konsumveränderung - wenn sich nach den Phasen der Initiation und Progression die Konsumgewohnheiten in Richtung Steigerung bzw. Permanenz verschieben - konsumhemmend wirken, wohingegen Extraversion als Gesamtkomplex auf Dauer als konsumfördernd gilt (ebd.). Insofern dürften hier aber auch Merkmale und Einstellungen einer Person ineinander übergehen, womit die Bedeutung in der Person gründender Faktoren analog des Schaubilds in 2.3.3 angemessen gewürdigt ist.

6.6.2 Entwicklungsstörungen

Unter Entwicklungsstörungen werden hier zeitliche Verschiebungen der pubertären Entwicklung verstanden, also Frühreife und Spätentwicklung. Wie unter 6.4.2 und 6.5.4 dargelegt wurde, ist die Pubertät eine Durchgangs- und Statuspassage (ebd.), verbunden mit einer "wenig stabilisierten Persönlichkeitsstruktur" (Hornung 1983). Da auch der Körper in dieser Phase mit Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale (Schambehaarung, Brustbildung bei Mädchen, körperliche Statur) massiven Veränderungen unterworfen ist, müssen Jugendliche außerdem in der Pubertät ein neues Verhältnis zum eigenen Körper gewinnen, sie müssen ein neues Körperselbstbild, auch Körperschema genannt, entwerfen.

Das Körperschema ist dabei eine wichtige Größe im Umgang mit Drogen; Drogen werden dem Körper zugeführt und führen dort zu Konsequenzen, Drogenkonsum stellt, wenn er süchtige Züge annimmt, ein respektloses und schädigendes Verhalten zum eigenen Körper dar. Ein positives Körperselbstbild, also die Bejahung des eigenen Körpers, ist daher als suchtprotektiver Faktor anzusehen. Mädchen erfahren dabei in der Pubertät erheblich massivere Veränderungen ihres Körpers als Jungen und scheinen insgesamt ein erheblich komplizierteres Verhältnis zum eigenen Körper zu besitzen (vgl. Fromm 1998), "Mädchen weisen insgesamt viel häufiger ein negatives Körperselbstbild als Jungen auf" (Glöckner 1998).

Besondere Schwierigkeiten können sich aus akzelerierter und retardierter Entwicklung ergeben, da dann die Orientierung an der Gleichaltrigengruppe wegfällt, außerdem die Umgebung in besonderer Weise auf Früh- und Spätentwicklung reagiert, was sich auf das Körperselbstbild auswirken kann. Da das Körperschema als Teil der Identität auch Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl und damit die Art und Weise, wie sich jemand gegenüber der Umwelt behauptet, hat, können sich daraus vielfältige Komplikationen ergeben.

Merkwürdigerweise wird ein negatives Körperselbstbild aber eher Spätentwicklern zugeschrieben, wohingegen die Gefahren der Frühentwicklung mehr in zu frühem Kontakt zu älteren, möglicherweise devianten Peer-Gruppen gesehen werden (Silbereisen 1991). Frühentwickelte Jugendliche hätten weniger Zeit, Strategien zur Bewältigung mit der Pubertät verbundener Anforderungen (auch Copingstrategien genannt) zu entwickeln (Glöckner 1998). In beiden Fällen könnte sich Drogenkonsum als Scheinlösung anbieten, um sich z.B. älter zu fühlen oder Akzeptanzprobleme zu kompensieren.

Dennoch wird einer akzelerierten Entwicklung sogar potentiell suchtprotektive Wirkung zugeschrieben (z.B. ebd., Kastner 1988, Sieber 1993). Glöckner (1998) ist der Auffassung, daß vor allem frühentwickelte Jungen "im allgemeinen positive Reaktionen aus der Umwelt auf ihr körperliches Wachstum" (ebd.) erfahren und es ihnen daher leichter falle, "sich über ihren Körper zu identifizieren" (ebd.). Frühentwickelte Mädchen erführen dagegen weit weniger positive Resonanz seitens der Umwelt, dennoch wurde auch bei ihnen ein erhöhtes Selbstwertgefühl gegenüber ihren Altersgenossinnen festgestellt (ebd.). Es wird vermutet, daß dies mit dem anderen Körpererleben von Frauen zu tun hat und "daß eine frühe körperliche Entwicklung bei Mädchen die Identitätsfindung, unabhängig von sozialer Bestätigung, erleichtern kann" (ebd.).

In gewisser Weise bestätigt wird dies von Kastner und Silbereisen (Kastner 1988), die darüberhinaus am Beispiel akzelerierter Entwicklung zeigen, daß Drogenkonsum nicht zwangsläufig eine problematische Form der Entwicklungsbewältigung sein muß, sondern sich durchaus sinnvoll in den Prozeß der Entwicklung einfügen kann. Sie zitieren eine schwedische Längsschnittstudie (Magnusson 1985), die fand, daß Mädchen in der mittleren Adoleszenz um so mehr Haschisch rauchten, je eher die Menarche eingetreten war, insbesondere wenn sie mit älteren Jungen befreundet waren. Gleichzeitig hörten sie aber im Erwachsenenalter früher mit dem Konsum auf, wohingegen normal entwickelte Jugendliche bekanntlich um so länger das Konsumverhalten beibehalten, je eher damit begonnen wurde (Kastner 1988). Entgegen der Annahme, daß die Mädchen die Gewohnheiten ihrer älteren Freunde übernommen hätten, gelangen Magnusson et al. (Magnusson 1985) laut Kastner und Silbereisen (Kastner 1988) zu der Auffassung, daß der relativ intensive Konsum frühentwickelter Mädchen auf das Bemühen zurückzuführen sei, die körperliche Entwicklung nach außen darzustellen und auf diese Weise Anspruch auf den damit verbundenen gesellschaftlichen Status zu erheben, der ihnen sonst aufgrund ihres Alters verwehrt bliebe.

"Sie verfolgen also eine wirklichkeitsnahe Strategie, um dem Problem mangelnder Passung zwischen neuem körperlichem Erscheinungsbild und alterstypisch psychosozialer Entwicklung beizukommen durch den Versuch, die Selbständigkeit, die der neuen Erscheinung entspricht, auf jugendtypische Weise nach außen darzustellen. Mit zunehmendem Alter und Ausgleich dieses Mißverhältnisses verliert sich die Grundlage des Problemverhaltens, es läßt sich in diesem Sinne vom "Ausreifen" [...] des Drogengebrauches sprechen" (ebd.).

Drogenkonsum als Demonstration des Erwachsenseins kann hier also, wenn er auf entsprechende Resonanz in der Umgebung stößt, positiv auf die Person rückwirken und dort weitere Entwicklung ermöglichen. Mir erscheint dieser Gedankengang auch deswegen nicht unplausibel, weil er Parallelen zu anderen Erklärungen jugendlichen Drogenkonsums wie z.B. der Selbstmedikation, der Subkultur oder der demonstrativen Vorwegnahme des Erwachsenenalters (Hurrelmann 1992) erlaubt, und scheint mir in anderen Situationen ähnlich vorstellbar. Der Grat zu anderen, mit frühem Konsum verbundenen Beeinträchtigungen - als Pseudoemanzipation mit früher Übernahme von Erwachsenenrollen, Verlassen von Elternhaus und Schule, früher Elternschaft und Ehe und fehlender Berufsausbildung in Verbindung gebracht (Sieber 1993) - dürfte freilich schmal sein, womit sich hier zum wiederholten Mal zeigt, wie schmal der Grat ist, auf dem Drogenkonsum seine Wirkung entfaltet und beurteilt wird (vgl. 1.1).

6.7 Zusammenfassung des zweiten Teils

Stellvertretend für potentielle Auslösefaktoren einer Sucht respektive bedenklichen Drogenkonsums wurden familiale und personale Komponenten dargestellt; außer acht blieben andere Faktoren des sozialen Umfelds, insbesondere die Peer-group, der übereinstimmend die größte Bedeutung für jugendlichen Drogenkonsum zugemessen wird (z.B. Engel 1993). Ausgehend von diesen beiden Ausschnitten der Lebenswelt junger Menschen wurden die vielfältigen Verästelungen, die das Drogenproblem im Leben Jugendlicher aufweist, und die vielfältigen Interaktionen, die die einzelnen Auslösefaktoren miteinander eingehen können, aufgezeigt, es wurde versucht zu zeigen, daß einzelne Faktoren sich gegenseitig verstärken, relativieren, günstigenfalls egalisieren, aber auch im zeitlichen Verlauf die Person letztlich stabilisierend wirken können. Besonderes Augenmerk wurde den bei Jungen und Mädchen verschiedenen Aspekten des Drogenkonsums geschenkt.

Meine Recherchen lassen mich zu der Auffassung gelangen, daß es sich bei der Sucht um ein cirkulär kausales Problem handelt, bei dem die Konsequenzen eines Faktors als Ursache wieder auf das Ergebnis, hier den Drogenkonsum, rückwirken können, einzelnen Faktoren somit höchstens noch eine gewisse Wahrscheinlichkeit für die Herbeiführung des Ergebnisses zugesprochen werden kann und die Chaostheorie greift (Löcherbach 1992). Spannend daher die Frage, wie sich Suchtprävention unter diesen Bedingungen zu gestalten hat.

III. Teil

7. Suchtprävention

7.1 Allgemeines

Die bisherigen Ausführungen sollten gezeigt haben, daß Sucht und Drogenkonsum komplexe Phänomene sind, die vielfältige Verstrickungen mit verschiedensten Lebensbereichen aufweisen. Gleichzeitig halte ich Sucht für ein tief in der Seele eines Menschen verwurzeltes Problem. Es stellt sich dann die Frage, wie Suchtprävention - zumal in der Schule, die als erhebliches Mitauslösemoment diskutiert wird (vgl. Engel 1993) - stattfinden soll; inwiefern darüberhinaus jeglichem Drogenkonsum vorzubeugen versucht und totale Abstinenz angestrebt werden sollte, wird wohl umstritten bleiben.

Die bisherigen Ausführungen weisen meines Erachtens auf zwei zentrale, für die Suchtprävention relevante Perspektiven hin: erstens auf die besondere Bedeutung der Adoleszenz, im engeren der Pubertät, als Initialstadium auch des Drogenkonsums (vgl. 6.4.2); zweitens auf die engen Beziehungen des Drogenkonsums, späterhin der Sucht, zu Sexualität (vgl. 6.1), Körperselbstbild (vgl. 6.6.2), intellektuell-emotionalen Fähigkeiten (vgl. 6.6.1) und zum Interaktionsverhalten mit der sozialen Umwelt (vgl. 6.5.5) - Felder, auf denen Sucht sich manifestiert, in denen aber auch die tiefliegenden Ursachen süchtigen Verhaltens ausgemacht werden und zu denen in der Pubertät wesentliche Grundlagen gelegt werden (Glöckner 1998). Von daher kommt den genannten Feldern für die Suchtprävention größte Bedeutung zu, meiner Meinung nach haben alle Präventionsbemühungen hauptsächlich an diesen elementaren Lebensäußerungen anzusetzen. Wie das in der Schule geschehen kann, bleibt zu beantworten.

7.2 Sexualerziehung

7.2.1 Begründung

Drogenkonsum setzt regelmäßig in der Adoleszenz (laut WHO 11. - 20. Lebensjahr; Sieber 1993), vielfach bereits in der Pubertät ein (vgl. 6.2, 6.4.2); Pubertät und Adoleszenz sind durch sexuelle und psychosoziale Entwicklung im Gefolge mit Identitätsfindung und Hineinwachsen in die Erwachsenenwelt gekennzeichnet. Meines Erachtens deutet einiges darauf, daß nicht nur die damit verbundenen Anforderungen Drogenkonsum auslösen, sondern Drogenkonsum auch in einem unmittelbareren Zusammenhang mit Sexualität steht.

Wenn Frauen häufig ihrem drogensüchtigen Partner zuliebe mit dem Konsum von Drogen beginnen (Meier 1995, Fromm 1998), Süchtige in der Therapie oft in eine Beziehung flüchten (Missel 1992), die Rate heroinsüchtiger Frauen mit Mißhandlungs- und Mißbrauchserfahrung besonders hoch ist (Schätzungen 70 - 95%; Fromm 1998), Mädchen das Rauchen "häufig mit sexuellen und erotischen Symbolen verknüpfen" (ebd.), Partner in der Co-Abhängigkeit besondere Formen des Zusammenlebens eingehen (Roeb 1992), Drogenkonsum als geselligkeitsfördernd gilt, Jungen und Mädchen sich mit der Zigarette zu imponieren und die eigene Unsicherheit zu verbergen suchen, Ecstasy gerade wegen seiner "entaktogenen" (Holterhoff-Schulte 1998) Wirkung geschätzt wird (vgl. 6.1) - was man im übrigen sicher auch anderen Drogen andichten kann -, Junkies gelegentlich äußern "Ein Schuß Heroin ist geiler als jeder Orgasmus", an Sex- und Liebessucht denkt (Gaßmann 1988), außerdem die psychoanalytische Deutung des süchtigen als unreifen, narzißtischen Verhaltens (Rost 1992) oder die Lokalisierung des Drogenerlebens im Lustzentrum des Gehirns (Topel 1991, vgl. 4.5), halte ich das für hinreichende Hinweise, daß Drogenkonsum - abgesehen von vielen anderen Gründen - auch sehr direkt mit sexuellen Bedürfnissen in Verbindung steht, und es fällt die kreisende Bewegung der wissenschaftlichen Literatur um das Tabu auf (vgl. Freud 1994).

Glöckner (1998) ist denn auch der Auffassung, daß die sexuelle Entwicklung, die ja bereits im Kindesalter einsetzt, großen Einfluß auf die Einstellung zu Drogen hat und eine befriedigende sexuelle Entwicklung die Person widerstandsfähig gegen Drogen macht. In Anlehnung an Erikson versteht sie Sexualität als Grunddimension des Lebens, die weit über die Fortpflanzungsfunktion hinaus allgemein die menschlichen Beziehungen mitgestaltet und unter den Aspekten der Aggressionsregulierung, Kommunikation, Hinwendung zum Leben und zum Mitmenschen eine Grundlage der Kultur bildet (ebd.); Sexualität ist aus dieser Sicht eine Basis unseres Zugangs zur Welt, "die Selbstverortung als Junge oder Mädchen ist einer der grundlegenden Aspekte der Art und Weise, sich zur Welt zu verhalten" (Helfferich 1995).

Nach Glöckner (1998) bezeichnet Sexualität das Feld, auf dem die auf persönliches Wachstum und Gemeinschaft gerichteten Beziehungen eines Menschen mit seiner Umwelt realisiert werden, Sexualität ist der Impuls, der uns überhaupt erst in neugierigen, nicht unmittelbar eigennützigen Kontakt zur Umwelt treten läßt. Bedenkt man die Charakterisierung der Sucht als endostatischen Zustand (vgl. 2.3.2), außerdem die tiefe Verwurzelung des Drogenkonsums im Leben der Konsumenten oder den Charakter der Sucht als pathologische Form der Beziehungen eines Individuums zu seiner Umwelt (vgl. 3.), scheint es mir einleuchtend, der Sexualität eine herausragende Rolle für die Stellung von Drogen im Leben der Gemeinschaft und des Einzelnen zukommen zu lassen. Hier könnten möglicherweise auch die engen Beziehungen zwischen süchtigem Verhalten und Sehnsucht verortet werden (vgl. 5., Vogt 1993).

Ausgangsbasis der Sexualität ist die sexuelle Identität (Glöckner 1998), also die Bejahung des eigenen Geschlechts und der eigenen Geschlechtlichkeit, als Teil der Identität, also des Eindrucks der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit der eigenen Person, woraus bei befriedigenden Beziehungen die Übernahme einer adäquaten Geschlechtsrolle resultiert. Die Herausbildung einer sexuellen Identität ist dabei nach Erikson lebenslange Aufgabe, in der Pubertät kommt ihr mit dem Einsetzen der Geschlechtsreife freilich besondere Bedeutung zu (ebd.). Dennoch findet auch im Kindesalter sexuelle Entwicklung statt, Glöckner ist der Auffassung, daß bereits Kleinkinder eine "selbständig erworbene Ahnung geschlechtsgebundener Identität" (ebd.) besitzen und Personen und Objekte danach auswählen, ob sie zum eigenen Geschlecht passen oder nicht (ebd.). Von dieser Basis ausgehend wird die Umgebung zunehmend exploriert, in Beziehung zur eigenen Person gesetzt und dadurch eine zunehmend konsistente (Geschlechts-)Identität herausgebildet, sodaß Kinder zu Schulbeginn weitreichende Vorstellungen von den sozialen Bezügen und Aufgaben der Menschen beiderlei Geschlechts besitzen und die Fähigkeit, eigene Wünsche der Kontaktaufnahme und Gestaltung dieser Kontakte zu entwerfen. Das heißt, daß die Geschlechtsidentität zum Zeitpunkt der Einschulung zu einem erheblichen Teil festgelegt ist und die Pubertät in dieser Hinsicht eine zwar sensible, keineswegs aber grundlegende Phase darstellt (ebd.).

Da es Charakter der Sexualität ist, die Beziehungen der Menschen zu gestalten (siehe oben), bildet sie sich auch im Austausch mit der Umgebung und wird von dieser beeinflußt, indem sie abhängig ist von Erfahrungen, die die Kinder machen, und Modellen, mit denen sie konfrontiert sind, z.B. in den Medien (ebd.). Sie ist also zu einem gewissen Grad steuerbar - "aus der Entwicklungsbedürftigkeit und Entwicklungsfähigkeit der menschlichen Sexualität ergibt sich die Notwendigkeit von Sexualerziehung" (ebd.). Dies ist seit Einführung sexualkundlichen Unterrichts an Schulen anerkannt. Da geschlechtliche Identität als Teil personeller Identität in erheblichem Maß in der Kindheit geprägt wird und wesentliche Voraussetzungen für die Bewältigung der Pubertät hier gelegt werden, hat Sexualerziehung als Teil institutioneller Erziehung zur Persönlichkeit auch früh einzusetzen, eventuell schon im Kindergarten (ebd.). Auf jeden Fall aber hat die Grundschule Schülerinnen und Schüler bei ihrer zunehmend selbstinitiierten - auch geschlechtlichen - Identitätsfindung zu unterstützen (ebd.).

"Grundschulkinder haben eine gesunde Neugier und wollen frühzeitig eine Menge über sexuelle Phänomene und Probleme wissen [...]. Kinder im Grundschulalter erleben Sexualität u.a. als Gefühl der zärtlichen Hinwendung zu einem Partner. Sie erleben auf diese Weise persönliche Beziehung und erfahren die Tragfähigkeit von Bindungen [...]. Das Erleben wohltuender Beziehungen stellt eine für den Identitätsfindungsprozeß unentbehrliche Erfahrung dar, denn das Gefühl des Angenommenseins um seiner selbst willen prägt in entscheidendem Maße die Ausbildung des Selbstkonzeptes" (ebd.).

Allerdings kann ein sexualerziehender Unterricht analog den derzeit gültigen Richtlinien für den Sexualkundeunterricht in der Grundschule, der (ebd.)

sich weitgehend auf biologische Themen konzentriert

emotionale, soziale, gesellschaftskritische, politische, ethische Aspekte menschlichen Sexuallebens lediglich anreißt

Schwangerschaft, Zeugung, Geburt erst gegen Ende der Grundschulzeit thematisiert

sich als einmalige Aufklärungsaktion versteht

Lust ausklammert und auf den genitalen Orgasmus ausgerichtet ist

vorwiegend auf kognitive Vermittlung setzt

weder kind- noch sachgemäß ist

Sexualität als eine bestimmten Lebensaltern vorbehaltene Lebensform vermittelt

Verhütungsmittel, sexuellen Mißbrauch, AIDS verschweigt

körperliche Entwicklung auch von Grundschulkindern außer acht läßt

Sexualität von seelischem Erleben trennt,

gerade nicht die Entwicklung geschlechtlicher Identität und ein umfassendes Verständnis menschlicher Sexualität bei den Schülerinnen und Schülern fördern. "Schule, die Sexualerziehung als Lebenshilfe begreift, verstößt dadurch gegen ihr eigenes Prinzip der Lebensnähe und läßt ihre Adressaten bei entscheidenden Fragen der körperlichen und seelischen Entwicklung im Stich" (Kluge 1996, zitiert nach Glöckner 1998).

7.2.2 Konsequenzen

Angesichts einer stark auf Konsumcharakter und Pornographie verkürzten Darstellung der Sexualität in den Medien fordert Glöckner für die Schule als gemeinschaft- und kulturstiftender Institution daher ein "Gegenangebot" (ebd.) in Form eines sexualerziehenden Unterrichts, der/ Sexualität begreift als (ebd.)

Teil der Identität

eine entscheidende Lebensenergie des Menschen und deshalb von einem positiven Sexualitätsverständnis auszugehen hat

Emotionalität und Lust nicht ausklammert

von einem weiten Verständnis von Sexualität ausgeht, das nicht final auf den genitalen Orgasmus gerichtet ist, sondern vielfältige Formen erotischer Erlebnisse einbezieht und zu kultivieren hilft

schuldentlastend wirkt und Angstgefühle abbaut

nicht nur kognitiv orientiert im Sinne der herkömmlichen Aufklärung veranstaltet wird

das Recht auf Intimität bewußt macht und Strategien zu deren Durchsetzung erarbeitet und einübt

Sensibilität für Nähe und Distanz schafft

wie in jedem anderen Unterricht die Fragen und Probleme der Kinder ernstnimmt und zum Unterrichtsgegenstand macht.

Als Beispiele so verstandener Sexualerziehung werden genannt (Geißendörfer 1997):

o  Rollenspiele, z.B. Begrüßungsrituale darstellen und einüben, dabei (non)verbale Ausdrucksmittel erfahren und einsetzen lernen; z.B. kann man jemanden herzlich oder unterkühlt, überschwenglich, hochnäsig, arrogant, belanglos, gelangweilt, den Lehrer oder den Kumpel, den tollen Typen/ das nette Mädchen, das man gerne kennenlernen möchte, jemanden verliebt, lasziv, aufdringlich begrüßen.

o Aktivitäten mit Körperkontakt, z.B. "Gipfelstürmer" (ebd.), wo sich die Personen auf wenige Tische oder Stühle verteilen müssen und möglichst niemand mehr den Boden berühren darf; auf diese Weise kann die natürliche Scheu überwunden und Hemmungen oder Ängste abgebaut werden. Solche Aktivitäten sind außerdem deshalb wichtig, weil Kinder hier lernen, Vertrauen in die Gruppe oder Einzelne zu erfahren, wozu sich vor allem Aufgaben wie Blind-Führen, Hochlebenlassen und taktile Reize, z.B. Massieren, eignen.

o  Spiele, bei denen die Aufmerksamkeit auf bestimmte Merkmale des Gegenübers gelenkt wird, z.B. Stimme, Körperhaltung, Bewegung, die Art, Gefühle zu zeigen, Gestik, Mimik, besondere Vorlieben; damit wird die Wahrnehmung für persönliche, individuelle Eigenschaften und damit des Menschen als Person geschärft.

Das heißt, daß Sexualerziehung sich nicht in erster Linie auf das Geschlecht konzentriert, sondern soziale Interaktion thematisiert, indem sie diese erzeugt und Regeln für den Umgang miteinander entwirft. Situationen, in denen die vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Körpers entdeckt, unterschiedliche Umgangs- und Ausdrucksformen ausprobiert und Selbstwirksamkeit erfahren werden können, erweitern das Verhaltensrepertoire von Kindern und Jugendlichen und stärken ihr Selbstbewußtsein; Sexualerziehung schafft die Bedingungen dafür, bringt die Erlebnisse zur Sprache, reflektiert diese und ermöglicht Jungen und Mädchen so, Gefühle und Stimmungen bei sich und anderen differenziert wahrzunehmen, sich selber kennenzulernen, den eigenen Körper souverän zu gebrauchen, ein Bewußtsein für Integrität und Intimität zu entwickeln, Autonomie geltend zu machen und sich vor Übergriffen zu schützen. Sexualerziehung bereitet Kinder und Jugendliche auf die angemessene Gestaltung von Situationen des täglichen Lebens vor und vermittelt so Fähigkeiten, die als kulturelles Basiswissen gelten können.

Sexualerziehung lebt dabei von der Körperlichkeit des Menschen, der Körper ist unbestreitbar ein wichtiger Teil des Lebens. Den eigenen Körper auch in taktiler Wahrnehmung durch andere zu erfahren und zu erleben, ist eine elementare Erfahrung für die Entwicklung von Identität und eine wesentliche Voraussetzung für Vertrauen zu sich und zur Welt. Somit kommt körperzentrierten Aktivitäten wie den oben unter "Beispiele" genannten große Bedeutung zu; der Körper als Repräsentanz des Selbst, als Mittel, Gefühle und Stimmungen auszudrücken und Kontakt zur Umwelt aufzunehmen, verdient, im schulischen Unterricht seiner Funktion entsprechend gewürdigt zu werden.

Erfahrungen mit Körperkontakt allein der Familie, den Sportvereinen oder späteren Partnerschaften vorzubehalten und darauf zu vertrauen, daß selbstgesteuerte Erfahrung schon zum Ziel befriedigender Identität führen werde, wie es die ausschließlich auf kognitive Vermittlung angelegten Richtlinien zur Sexualerziehung unter Hinweis auf Art. 6 GG (Schutz von Ehe und Familie) erkennen lassen (vgl. Entwurf vom 30.4.98 der Richtlinien für die Sexualerziehung in NRW), könnte dagegen meines Erachtens Ursache vieler Fehlentwicklungen sein, darunter auch süchtiges Verhalten. Daß ein sexualerziehender Unterricht, der auch körperliche Interaktion als methodisches Element mit einbezieht, große Sensibilität und Verantwortungsbewußtsein der beteiligten LehrerInnen erfordert, um die individuellen Bedürfnisse der SchülerInnen nach Nähe und Distanz zu wahren, ist allerdings unbestritten und wird von der Öffentlichkeit zu Recht kritisch beobachtet.

7.3 Sensorische Erziehung, Körpererleben

Sensorische Reize aller Art, u.a. taktile, akustische, visuelle, olfaktorische, gustatorische und Körpersinn, fördern die Ausbildung der Persönlichkeit und eröffnen ihr einen vielfältigen Weltbezug. Zudem weisen sensorische Erfahrungen einen engen Bezug zum Körper auf und sind an der Ausprägung des Körperschemas beteiligt. Von daher ist ein Unterricht, der verschiedene Sinnesorgane anspricht und vielfältige Sinneseindrücke ermöglicht, identitätsfördernd und wirkt gestörten Umweltbeziehungen, die ja die Sucht sowohl kausal wie symptomatisch charakterisieren (vgl. 3., 6.5.4.), entgegen. Schulfächern wie Kunst, Musik und Textilgestaltung kommt daher unter suchtpräventivem Aspekt besondere Bedeutung zu; gerade die Arbeit mit textilen Stoffen kann z.B. zahlreiche sinnliche Erfahrungen auslösen (taktil, optisch) und erlaubt darüberhinaus vielfältige Bezüge zum Leben der Schülerinnen und Schüler (vgl. Waibel 1993). Sensorische Erfahrung als Methode ist aber auch spätestens seit der Reformpädagogik Allgemeingut der Pädagogik und kommt zur Anwendung, deshalb soll hier, was den traditionellen Unterricht angeht, nicht näher darauf eingegangen werden.

Wichtig unter suchtpräventivem Aspekt scheinen dagegen Aktivitäten zu sein, die den Rahmen traditionellen Unterrichts verlassen. Vorstellbar ist dann zum Beispiel, im Unterricht gelegentlich (einfache) Mahlzeiten zuzubereiten und gemeinsam einzunehmen oder andere Aktivitäten zu veranstalten, bei denen Genuß kultiviert wird (Konzerte, Modenschauen, Parfümproben etc.) - ein weiterer wichtiger Aspekt suchtpräventiver Maßnahmen (Nöcker 1990), der außerdem Anklang an Initiationsrituale bietet (vgl. 4.6). Wünschenswert ist so gesehen ein Unterricht, der nicht nur sensorische Erfahrung ermöglicht, sondern diese auch in eine entsprechende Atmosphäre einzubetten versteht und auf diese Weise das Erlebnis sensorischer Erfahrung und den Genußcharakter, den sensorische Reize bieten können, hervorhebt. Gemeinsamer Genuß stellt dabei ein Moment dar, das das Bewußtsein für Gemeinschaft äußerst effektiv hervorbringt, damit ein wichtiges Stück sozialer Kompetenz schafft und als wirkungsvolle Alternative zum Drogenkonsum suchtpräventiv sein kann (vgl. Nöcker 1990). Selbstverständlich kommt es aber auch hier darauf an, die Bedürfnisse der SchülerInnen zu berücksichtigen; Genuß kann nicht erzwungen werden und hängt eng von den Beziehungen der Beteiligten untereinander ab.

Desweiteren gehört zu einer sensorischen Erziehung auch die Gestaltung des Lernumfelds, also z.B. der Schulräumlichkeiten, die ansprechend, vielfältige Sinneseindrücke ermöglichend und letztlich "bewohnbar" sein sollten, z.B. durch Pflanzen, Gemälde, Kunstobjekte und die Verwendung verschiedener Materialien, auch "weicher" wie Textilien, Plastik oder Schaumstoffe, die zu Erkundung und Exploration herausfordern (vgl. Hallmann 1991). Zum Lernumfeld gehören auch Aktivitäten, die um den schulischen Unterricht herum gruppiert sind, wie Klassenfahrten, Feiern oder Projekte, die von der Schule ausgehen und Engagement auf verschiedenen Gebieten, z.B. lokale Biotop-Pflege oder politische Anliegen wie den Einsatz für amnesty international, zum Gegenstand haben können. Solche Aktivitäten ermöglichen vielfältige sinnliche Eindrücke und sind vor allem durch ihre Integration von Sensorik und Kognition sinnvoll.

Auch der Sportunterricht mit seiner direkten körperlichen Betätigung dient dem Ziel, ein authentisches Körpergefühl und damit Identität auszubilden. Gleichzeitig wird dadurch der Körpersinn entwickelt, d.h. das fast unbewußte Gespür für den eigenen Körper, die inneren Vorgänge und die Koordination der Bewegungsabläufe (vgl. Gardner 1991). Ob allerdings ein wöchentlicher Sportunterricht - wovon die derzeitige Praxis ausgeht - diesem Anliegen in ausreichendem Maß gerecht wird, ist die Frage. Stattdessen wäre auch vorstellbar, in den Unterricht kurze Phasen mit Entspannungsübungen, Atemtechniken (dazu sehr gut: Kutscher 1995), Muskellockerung, Yogaübungen etc. einzuflechten, wodurch der Unterricht aufgelockert, strukturiert, Konzentration und Konzentrationsfähigkeit möglicherweise gesteigert und der Forderung nach Ganzheitlichkeit des Unterrichts Genüge getan würde. Gleichzeitig würde durch regelmäßige Übung ein Bewußtsein für Gesundheit geschaffen, die als schützenswertes und kulturelles Gut anerkannt ist (vgl. Hemme 1995).

(aus: Bartsch 1995)

7.4 Bildung

Intellektuelle Fähigkeiten dürften die Selbstreflexivität begünstigen und damit einem selbstschädigenden Verhalten wie der Sucht entgegenstehen - von daher hat Schule schon immer das Ihre zur Suchtprävention beigetragen. Andererseits sind Drogenkonsum und Sucht eng an Grenzerfahrung, also eine Form von Wissen, gebunden (vgl. 4.6); gerade in der Pubertät mit ihrem unsicheren Status und ihrer Dynamik streben Jugendliche nach Orientierungspunkten, müssen ihre Grenzen austesten und wollen Selbstwirksamkeit erfahren:

"Heroin mit seinem [...] tendenziell asozialen und, gerade in der aktuellen Dedifferenzierung des Ich, ichzentrierten Rausch ist in diesem Sinne eine sehr ´erwachsene´ Droge, was sich u.a. in der kulturellen Rede über Heroin als der ´härtesten´ Droge [...] äußert. [...] Zweitens aber, und hier schließt sich der Kreis zum öffentlichen Interesse an jugendlichen Fixern, bringt fortgesetzter Heroinkonsum die Jugendlichen regelmäßig in die Situation des Goetheschen Zauberlehrlings (oder besser: bringt diese Situation klar zum Ausdruck). [...] Aber Heroin ´paßt´ von der spezifischen Wirkung und vom kulturellen Bild her genau zu der beschriebenen Ungleichzeitigkeit von Wollen und Können [der Pubertät, W.K.] mitsamt ihrer sozialen Konsequenzen. [...] solange Pädagogik sich freiwillig unter den Anspruch stellt, ein Problem zu lösen, dessen Horizont weit jenseits jeder pädagogischen Einflußnahme liegt. Umgekehrt - und etwas freundlicher - formuliert, hat die Schule immer schon das ihr Mögliche dazu beigetragen, Heroinsucht unter den Schülern zu verhindern" (Dammer 1991).

Mit anderen Worten: Jugendliche wollen Kompetenz erlangen; Schule kann allerdings nicht verhindern, daß einige dieses Ziel auf einfacheren bzw. anderen Wegen zu erreichen suchen. Auch theoretisches Wissen ist eine Kompetenz, die gemeinsam mit lebenspraktischem Wissen dazu beiträgt, sich in der etablierten Welt zurechtzufinden und sie mitzugestalten (vgl. Hallmann 1994). Den natürlichen Wissensdurst der SchülerInnen zu befriedigen, dürfte daher gute Suchtprävention sein - ein spannender und interessanter Lehrunterricht suchtpräventive Wirkung haben, und es ist nicht einzusehen, warum viele Fragen, die die moderne Gesellschaft aufwirft, nicht auch jungen Menschen gestellt werden sollen - z.B. der Medizinethik, die sich folgenden, täglich relevanten Fragen gegenübergestellt sieht (vgl. Otte 1995):

Wem soll eine passende Spenderniere implantiert werden?

einer 68-jährigen russischen Nobelpreisträgerin, die vor dem Abschluß einer weiteren wichtigen medizinischen Arbeiten steht, an Krebs leidet und vermutlich nicht mehr lange leben wird?

einer 40-jährigen Hausfrau, die drei Kinder zwischen 8 und 15 Jahren zu versorgen hat?

einem 29-jährigen drogensüchtigen Sozialhilfeempfänger?

Hier wird also die Frage nach Moral gestellt, und auch der moralischen Urteilsfähigkeit als Fähigkeit, "Entscheidungen zu treffen und umzusetzen und diese auch als richtig bemessen zu können [...]" (Hallmann 1994) dient Bildung, indem Kenntnisse und Fertigkeiten Voraussetzungen moralisch begründeter Urteile sind (ebd.). Eine Verbindung traditionell wissenvermittelnden (Frontal-)Unterrichts mit der Diskussion aktueller Fragen wie der von Otte (1995) genannten dürfte daher erfolgversprechend sein und auch strengen Lehrplänen abzuringen. Hallmann (1994) nennt außerdem folgende Kompetenzen, die ein suchtpräventiver Umgang mit Kindern und Jugendlichen vermitteln muß bzw. die allgemeine Aufgaben der Schule sind:

kommunikative

kognitive

Sach-

Methoden-

soziale

moralische

Genußkompetenz,

wobei er noch ergänzt, daß Askese als Fähigkeit zum Verzicht Voraussetzung für Genuß ist. Es gilt also Unterrichtsformen zu finden, die all diesen, sicher nicht immer unter einen Hut zu bringenden Erfordernissen gerecht werden.

7.5 Elternarbeit

Die Kleinfamilie ist durch einen Verlust traditioneller sozialer, ökonomischer und gesellschaftlicher Funktionen gekennzeichnet (vgl. 1.4), ihre Aufgabe reduziert sich heute meist auf "die organische und psychische Wiederherstellung der Arbeitskraft ihrer arbeitenden Mitglieder" (Schobert 1993) und "die Erzeugung und Erziehung von Kindern" (ebd.). Das heißt, daß viele Familien, ebenso wie Einzelne, durch Isolation und wenig Beziehungen zur Außenwelt gekennzeichnet sind, ja, die Familie wird von Politik und öffentlicher Meinung zum einzigen, überhaupt noch möglichen Ort von Liebe und Geborgenheit hochstilisiert. Gleichzeitig bietet die dynamische, partialisierte Gesellschaft Familien wie Kindern die Möglichkeit, sich in isolierten Spezialwelten und Steckenpferden (Computer, Gameboys, Fernsehen, Arbeit, Hobbies, vgl. 6.5.4) zu verlieren, mit der Konsequenz zunehmend eingeengten Weltbezuges bzw. Kontakten zur Umwelt, aber auch gestörter Kommunikation innerhalb der Familie.

Viele Kinder und Jugendliche reagieren auf schwierige Verhältnisse mit Verhaltensauffälligkeit oder riskantem Gesundheitsverhalten, u.a. Drogenkonsum, Ernährungsstörungen, Kriminalität und gefährlichem Verhalten im Straßenverkehr (Hesse 1993); Kinder und Jugendliche sind keineswegs als durchgängig gesunde Bevölkerungsgruppe zu betrachten, vielmehr bietet die moderne Gesellschaft etliche Risiken, die die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen behindern können (ebd.). Auch Schwierigkeiten mit der Erziehung dürften unter diesen Umständen eher die Regel denn die Ausnahme sein (vgl. Schobert 1993).

Da viele Probleme von Kindern und Jugendlichen, darunter süchtiges Verhalten und Drogenkonsum, aus der relativen Isolation der Kinder wie der Familien resultieren, scheint mir eine enge Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule geboten. Lehrern und Lehrerinnen kommt von Gesetzes wegen die Aufgabe zu, Kontakt zu den Eltern herzustellen und zu pflegen, hinsichtlich des Sexualkundeunterrichts müssen Eltern sogar in die schulische Erziehung mit einbezogen werden (vgl. Entwurf vom 30.4.98 der Richtlinien für die Sexualerziehung in NRW). Nicht nur unter suchtpräventivem Aspekt dürfte aber eine weitaus engere Zusammenarbeit von Eltern und Schule sinnvoll sein, als es die Schulgesetze zur Elternmitwirkung vorschreiben.

Wenn beispielsweise eine Ursache für Drogenkonsum in überzogenen Leistungserwartungen der Eltern liegt (vgl. 6.5.3) und schlechte Schulleistungen sich auf das Befinden der ganzen Familie auswirken (Petzold 1999), dürften vereinzelte Auskünfte an die Eltern über den Leistungsstand ihrer Kinder nicht ausreichen. Stattdessen muß sich Schule den Eltern öffnen, indem diese eingeladen werden, am Unterricht teilzunehmen, möglicherweise als Hilfslehrer bei der Hausaufgabenbetreuung mitwirken, eigene Dinge vorstellen, z.B. besondere Hobbies oder Berufe, auf jeden Fall aber kontinuierlich über Entwicklungen in der Schule auf dem Laufenden gehalten und damit in das Schulgeschehen mit einbezogen werden. Vorstellbar wäre sogar, daß die Schule Fortbildungen für Eltern zu aktuellen Fragen wie familiäre Erziehung, "Aggression und Gewalt unter Kindern" (ebd.), "Auswirkungen des Fernsehens und neuer Medien" (ebd.) und dergleichen mehr anbietet und damit das von Autoritätsgläubigkeit und Respekt geprägte Verhältnis der Eltern zur Schule aufheben (ebd.) und die Eltern ihrem Phlegma der Schule gegenüber entheben würde. Dadurch würde auch das Verhältnis der Kinder zur Schule entkrampft und es könnte idealerweise ein schulisches Milieu entstehen, in dem sich die Schüler sicher, geborgen und wohl fühlen und das Drogenkonsum überflüssig erscheinen läßt.

Schule als akzeptierte und autorisierte Institution der Gesellschaft besitzt daher das Potential, gesellschaftliche Mißstände zu mildern und neue Entwicklungen in Gang zu setzen. Die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Schulprogramme (vgl. § 3, 1 SchulG Schl.-Holst.), die sich jede Schule zu geben hat, bieten dafür einen Ansatz, der ausgestaltet werden kann. Lehrern und Lehrerinnen kommt somit in ihren Klassen die Aufgabe zu, über den Unterricht und über außerschulische Aktivitäten Eltern und Schüler näher aneinander zu bringen, Gemeinschaft herzustellen und Schule so zum Treffpunkt werden zu lassen. Ein solches Klima würde Drogenkonsum weitgehend unattraktiv erscheinen lassen, Drogenkonsum würde aber aufgrund der sozialen Kontrolle auch sehr schnell auffallen.

7.6 Kommunikation

Sprache ist das differenzierteste Mittel des Menschen, Kontakt zu seiner Umwelt aufzunehmen, die Förderung sprachlicher Fähigkeiten daher auch unter suchtpräventiver Ägide eine vorrangige Aufgabe der Schule. Sprachliche Fähigkeiten werden dabei vor allem durch Vorbilder (Medien) und im Gespräch gebildet. Dem Unterrichtsgespräch, also jeder Art von gesprochenem Wort im Unterricht, kommt daher große Bedeutung für die Ausbildung der Kommunikationsfähigkeit zu. Dabei spielen viele Parameter eine Rolle, z.B. Mimik und Gestik beim Sprechen. Aus der Art, wie etwas gesagt wird, ergibt sich dessen Bedeutung. Bedenkenswert ist, daß in jedem Moment, in dem etwas gesagt wird, sich die Situation ändert, auch durch das Gesagte. Jedes Wort bestimmt darüber, welches Verhältnis ich gerade zum Gegenüber einnehme. Lehrer und Lehrerinnen besitzen daher die Möglichkeit, ihren Schülern volles Sprechen vorzuleben, d.h. das ganze Gewicht des Gesagten auch in die Sprache hineinzulegen und sich kongruent dazu zu verhalten. Damit lernen auch SchülerInnen, Körpersprache und Sprechen in Übereinstimmung zu bringen, sich echt und authentisch mitzuteilen und die eigene Person unmißverständlich darzustellen. Die Beherrschung von Sprache trägt wesentlich zur Identität bei.

8. Zusammenfassung und abschließende Bemerkungen

Nachdem im ersten und zweiten Teil der Arbeit gestörte Beziehungen zur Umwelt für Sucht verantwortlich gemacht wurden, konzentrierten sich die Präventionsvorschläge auf die Person, und hier besonders auf den Körper als Träger der Person. Dabei wurde die sexuelle Identität als diejenige Instanz benannt, die für die Außenbeziehungen einer Person zuständig ist. Es wurde daher für eine Sexualerziehung plädiert, die die Körperlichkeit und Geschlechtlichkeit des Menschen bejaht und kultiviert. Sexualerziehung beinhaltet dabei Maßnahmen, die in der Pädagogik, meist unter anderem Namen, als allgemein wichtig für die Entwicklung der Person gesehen werden und vor allem Spiele mit Körperkontakt, Übungen zur Wahrnehmung des Gegenübers und Rollenspiele umfassen.

Auch die übrigen Präventionsvorschläge nehmen starken Bezug auf den Körper, vor allem sensorische Erziehung und Kommunikation. Das Körperschema scheint mir eine grundlegende Größe im Zusammenhang mit der Sucht zu sein. Auf Körperschema und sexueller Identität wurde eine Argumentation aufgebaut, die befriedigende Beziehungen, Gemeinschaft und Kommunikation für Voraussetzungen suchtfreien Lebens und grundlegende Elemente der Suchtprävention in der Schule hält. Besondere Bedeutung wurde einem authentischen Lehrerverhalten beigemessen. Es zeigte sich, daß die traditionellen Inhalte der Pädagogik, also die Vermittlung kognitiver, emotionaler, sozialer und moralischer Kompetenz, ebenfalls süchtigem Verhalten vorbeugen, indem sie Voraussetzung für befriedigende Beziehungen, Gemeinschaft und Kommunikation sind.

In dieser Arbeit habe ich eine streng personale Sicht der Sucht vertreten. Andere Autoren richten ihr Augenmerk eher auf defizitäre umweltliche Bedingungen, z.B. Jugendarbeitslosigkeit. Sucht scheint ein Thema zu sein, das niemanden unberührt läßt, sondern zu entschiedener Stellungnahme herausfordert, ein Zeichen, daß Sucht sehr tiefe seelische Wurzeln hat.

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