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 Die Funktion des Fernsehens im Alltag der Kinder

Forschungsergebnisse vorgestellt von Claudia Höller

Vortrag für die Veranstaltung ÑDer Kinderkanal von ARD und ZDF kommt nach Erfurtì. 3. Dezember 1996

Die Kinder haben heute morgen von ihren Fernseherfahrungen erzählt und ihre Fernsehhelden vorgestellt. Das was Kinder im Fernsehen sehen hat auch eine bestimmte Funktion für ihr Leben, ihren Lebensalltag. Dazu einige Beobachtungen, die Sie vielleicht auch aus eigener Erfahrung kennen:

An der Bushaltestelle rangeln vier Jungs. Einer betitelt sich als ÑBud Spencerì und ahmt wilde Boxhiebe nach.

Ihr Kind möchte zum Geburtstag unbedingt seinen Lieblingshelden ÑBatmanì mit passendem ÑBatmobilì geschenkt bekommen.

Im Kindergarten bauen drei Kinder einen Rennparkur auf und spielen mit ihren Legoautos eine wilde Verfolgungsszene aus ÑKnight Riderì nach.

Ihr Enkelkind schenkt Ihnen zum Geburtstag ein selbstgemaltes Bild auf dem ein ÑTurtelì zu sehen ist.

Hier könnten noch zahlreiche Beispiele folgen, die zeigen, daß das Fernsehen und die Lieblingshelden eine wesentliche Rolle im Alltag der Kinder einnehmen. Wenn man die Kinder beim Spielen beobachtet und mit ihnen über ihre Lieblingssendungen ins Gespräch kommt, so wird verständlich, welche Funktion das Fernsehen in ihrem Alltag einnimmt.

Befragungen von Kindern zum Thema Fernsehen ( ÑMit zwei Augen sehenì im Auftrag der Zentralstelle Medien der Deutschen Bischofskonferenz und der katholischen Fernseharbeit beim ZDF 1993) und andere Ergebnisse aus der Medienforschung ( Bachmair/ Charlton, H. Sturm au) geben Erklärungsansätze zur Funktion des Fernsehens im Alltag der Kinder.

Hierzu die wichtigsten Ergebnisse:

Fernsehen und das kindliche Weltbild

Jeder Mensch macht sich ein Bild von der Welt und dieses ÑWelt - Bildì erschließt sich durch die Art und Weise wie jeder einzelne die Welt erlebt. Kinder sind von sich aus neugierig und erkunden aktiv ihre Lebensumwelt. Sie setzen sich mit den Gegebenheiten ihrer Umwelt auseinander und bilden ihre eigene Vorstellungen. Über konkrete Erfahrungen aber auch durch Vermittlung von ÑWelt - Ansichtenì in der Familie, später im Kindergarten oder in der Schule macht sich das Kind die Geschehnisse erklärbar und entwickelt ein Ñ Bild Ñ von der Welt in der es lebt. Dies ist an kognitive und emotionale Entwicklungsschritte gebunden. Das Vorschulalter ist noch vom magischen und egozentristischen Welterleben geprägt. In dieser Phase nutzen Kinder phantastische Erzählungen, wie z.B. Märchen ebenso wie die konkreten Erfahrungen als Zugänge ihrer Erklärungen von der Welt.

Die Entwicklung des Weltbildes wird auch von der jeweiligen Kultur und dem sozialen Kontext geprägt. Für die meisten Kinder von heute ist das Fernsehen ein Medium, das selbstverständlich zu den Dingen ihrer Umwelt gehört. Im Fernsehen werden auch ÑWelt-Bilderì vermittelt und Kinder nutzen das Fernsehen als eine ÑQuelleì unter vielen, um ihre Vorstellungen wiederzufinden und zu erweitern. Die Inhalte der Sendungen können als Vorgaben für Vorstellungen von der Welt gesehen werden. Problematisch wird es dann, wenn die Fernsehinhalte für die Kinder zur wichtigsten ÑLebensweltì werden.

Kinder wählen Sendungen thematisch voreingenommen aus

Vielleicht kennen Sie von sich selbst folgende Situation: Sie kommen abends abgespannt von der Arbeit, schalten den Fernseher an und Ñswitchenì erst einmal durch das Programm. Dann bleiben sie an bestimmten Szenen eines Filmes, einer Sendung hängen, weil Sie sich irgendwie davon angesprochen fühlen. Oder am Samstag abend schauen Sie in der Fernsehzeitung nach und entscheiden sich für z.B. für eine Beziehungskomödie, weil ihnen nach Spaß und Entspannung zumute ist. Eine bestimmte Stimmung, ein Interesse oder eine Situation leitet Sie bei der Auswahl einer Sendung. Auch Kinder greifen aus dem Programmangebot nicht zufällig bestimmte Sendungen heraus. Sie wählen bewußt und unbewußt die Sendungen und Inhalte, die in einem Zusammenhang mit ihrem Alltag stehen. Die Medienforschung (Charlton/Neumann) erklärt dies mit der Theorie der Ñthemengeleiteten Rezeptionì. Der Zuschauer wird dabei nicht als ein passives Wesen gesehen, sondern als ein Individuum, das sich aktiv mit den Medieninhalten auseinandersetzt. Diese Auseinandersetzung erfolgt auf dem Hintergrund der persönlichen Lebenssituation und den Themen mit denen sich ein Mensch gerade innerlich auseinandersetzt. Die Themen an denen Kinder arbeiten, können entwicklungspsychologisch bedingt sein, sie stehen in einem Zusammenhang mit ihrem sozialen Kontext oder mit einer aktuellen Situation.

Hierzu ein Beispiel:

Lisa ist 4 Jahre alt und lebt mit ihren Eltern und zwei älteren Brüdern in einer Kleinstadt. Seit einem Jahr geht sie in den Kindergarten. Lisa schaut gerne Pipi Langstrumpf. Sie mag besonders die Szenen, in denen Pipi Langstrumpf den Erwachsenen Paroli bietet und ihre Freunde Anika und Tom durch aufregende Abenteuer begleitet.

Lisa selbst ist eher schüchtern. Zu Hause fällt es ihr schwer sich gegen die älteren Brüder durchzusetzen und im Kindergarten orientiert sie sich gerne an den älteren Mädchen der Gruppe, die sie jedoch nicht immer in ihr Spiel einbeziehen wollen.

Die vierjährige Lisa erlebt, daß es nicht immer leicht ist, sich gegen die Eltern aber auch gegen ihre Brüder durchzusetzen. In den Geschichten von Pipi Langstrumpf findet Lisa Modelle wie Kinder autonom handeln. Die Rolle der eher ängstlichen Anika spiegelt Lisas eigene ƒngste wieder. An den Handlungen von Pipi Langstrumpf erlebt Lisa, wie es gelingen kann, ƒngste zu überwinden und eigene Bedürfnisse gegen die Anforderungen der Erwachsenen durchzusetzen.

Lisa findet in der Geschichte von Pipi Langstrumpf Situationen aus ihrem Alltag wieder. Erwachsene oder andere Kinder setzen ihr Grenzen, mit denen sie umgehen lernen muß. Wie die Kinder im Film ist auch Lisa dabei, ihre Umwelt zu erkunden und trifft dabei auf spannende Situationen. Sie muß sich mit ihrer Rolle als Mädchen auseinandersetzen und sucht Modelle, die ihr dabei Orientierung bieten.

So wie Lisa, schauen Kinder die Sendungen und Szenen thematisch voreingenommen an. Dabei lassen sich entwicklungsbedingte Themen erkennen, die für Kinder im Vorschulalter charakteristisch sind:

Einige Beispiele:

Kinder brauchen Helden und Heldinnen mit denen sie sich identifizieren können

Kinder nutzen das angebotene Material des Fernsehens, um sich mit ihren eigenen Themen auseinanderzusetzen. Sie nutzen das symbolische Potential der angebotenen Sendungen als Projektionsfläche. Dabei spielt es eine wichtige Rolle, wie die Helden und Heldinnen in den Sendungen gezeichnet sind. Kinder achten darauf, wie ihr ƒußeres gestaltet ist, welche Fähigkeiten und Eigenschaften eine Heldenfigur aufweist. Wundersame Kräfte, Magie, Witz oder Stärke sind Eigenschaften die Kinder entsprechend ihrer Entwicklungsphase faszinieren. Hiernach richtet es sich, ob ein Kind eine bestimmte Vorliebe oder Bindung zu einer Sendung entwickelt.

Wichtig ist, daß der Held, die Heldin im Verlauf der Handlung ein Abenteuer heil und unbeschadet besteht oder eine gestellte Aufgabe meistert. Starke Helden entsprechen dem Wunsch der Kinder nach Stärke, Sicherheit und Orientierung für die eigene Lebensbewältigung. Da vor allem jüngere Kinder noch nicht so stark abstrahieren können muß der Held, die Heldin die Eigenschaften durch körperliche Überlegenheit, durch Taten und Handlungen ausdrücken.

ƒhnlich wie bei den Märchen, die Kinder immer wieder hören wollen, ist das regelmäßige Erscheinen des Helden und der gleiche Ablauf einer Handlung nötig, damit sich die Sicherheit festigen kann. Die Helden werden häufig zu einem imaginären Begleiter des Kindes im Alltag. Sie versetzen sich im Spiel in die Rolle des Helden und durchleben und verarbeiteten so ihre individuellen Themen.

Hierzu ein Beispiel:
Felix ist fünf Jahre. Im Vergleich zu gleichalterigen Jungen ist er noch recht klein. Im Kindergarten findet er nicht den Anschluß an die Jungen seines Alters. Zu Hause hört er von seinen Eltern, das Ñman sich nicht mit anderen schlagen sollì. Im Kindergarten beobachtet er nur aus der Distanz die oftmals wilden Spiele der anderen und weiß nicht recht wie er sich ins Spiel einbringen soll. Sein Lieblingsheld ist ÑObelixì. Den hat er auf Video und auch die Comichefte schaut er sich gerne an. Außerdem sammelt er die Figuren aus ÑAsterix und Obelixì. Mit seinem Freund aus der Nachbarschaft spielt er am liebsten die Szenen aus dem Film nach, in denen Obelix die Römer vertreibt. In seiner Rolle fühlt er sich stark und mutig. Wenn er abends ins Bett geht, dann schläft er mit seinem ÑObelixì aus Plüsch im Arm ein. Im Interview erzählt er: Ñ Wenn ich so einen Zaubertrank hätte wie der Obelix, dann könnte ich alles so peng, peng, peng verdreschen. Und im Kindergarten,wenn da so viele dicke Steine wären, könnte ich die einfach so alle hochheben.ì

Hier noch einige Beispiele zu den Lieblingshelden der Kinder, die in der Untersuchung von Helga Theunert 1992 durch Befragung von Kindern ermittelt wurden:

Die unterschiedlichen Medienvorlieben von Jungen und Mädchen

Stefan, 9 Jahre antwortet auf die Frage was er gerne im Fernsehen ansieht: Natürlich Krimis, so spannende Filme. Auf keinen Fall mit Heirat oder so, daß ist langweilig.ì

Sabine 8 Jahre, erzählt: Ñ Ich gucke fast jeden Tag die Bill Cosby Show. Da ist immer was los. Der Vater ist lustig.Manchmal streng, aber auch gerecht. Mein Vater ist nicht so viel zu Hause.ì

Jungen und Mädchen unterscheiden sich in ihren Programmvorlieben deutlich. Jungen bevorzugen Actionfilme, Western-/Indianerfilme, Science -fiction-Sendungen aber auch Sendungen über Sport, Technik und Wissenschaft. Mädchen interessieren sich mehr für Unterhaltungsserien, Familienserien und Popmusiksendungen. Wie lassen sich diese Programmvorlieben erklären?

Kinder brauchen zur Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität Rollenvorbilder, in denen sie sich wiederfinden und für den eigenen Identifikationsprozeß orientieren können.

Jungen werden fast bis zum Ende des Grundschulalters von Frauen versorgt und erzogen, sei es von der Mutter, von der Kindergarten- oder Horterzieherin oder von der Grundschullehrerin. Für Jungen bedeutet dies, daß sie für die Bewältigung eines in dieser Zeit wichtigen Entwicklungsschrittes, der Festigung der männlichen Geschlechtsidentität schlechte Voraussetzungen vorfinden. In Fernsehsendungen finden sie Identifikationsmöglichkeiten. Bei den Lieblingshelden richten sie ihr Augenmerk auf Eigenschaften und Verhaltensweisen, die explizit Ñmännlichì erscheinen. Dies sind vor allem körperliche Stärke, Mut, technische Vorlieben oder ein Interesse für Autos. Dies alles wird in Actionserien mit ihren männlichen Protagonisten geboten. Dies ist natürlich eine recht einseitige Darstellung. Hier wäre es wichtig, Jungen auch andere Figuren und Geschichten anzubieten, die zwar spannend sind, jedoch auch sensible Seiten ansprechen.

Mädchen finden eher die weiblichen Vorbilder in ihrem Alltag. Sie erleben die Mütter, Erzieherinnen und Lehrerinnen, die sich um die Erziehung kümmern, Beziehungen gestalten und die Kinder versorgen. In Familienserien finden sie dies wieder. Sie orientieren sich an Eigenschaften die explizit Ñweiblichì erscheinen. Das kann die Mutter aus ÑIch heirate eine Familieì sein, die für die Kinder sorgt oder die Popsängerin, die modisch gekleidet, tanzend im Musikvideo auftritt. Ansonsten werden für Mädchen nur wenig Sendungen angeboten, in denen ein Mädchen, eine Frau eine Identifikationsmöglichkeit bietet. In den Actionserien treten Frauen nur im Hintergrund auf. Sie geben in der Rahmenhandlung den ÑBeischmuckì. Dabei werden die Bedürfnisse der Mädchen nur selten aufgegriffen. Sie sind schön aber schwach und müssen vom Helden beschützt und gerettet werden. Mädchen brauchen Geschichten, die sie dazu ermutigen stark und schlau zu sein. Dabei sollte auch die manchmal zögerliche Seite der Mädchen angesprochen werden.

Abschließend kann man sagen, daß sicherlich auch die Fernsehvorlieben der Eltern bei der Entwicklung der Programmvorlieben von Jungen und Mädchen eine Rolle spielen. In der Regel sind es auch die Väter, die lieber Actionfilme und Western anschauen und sich für Technik interessieren. Und auch die Mütter sehen oftmals lieber eine Familienserie oder einen Film mit Beziehungsthemen als einen Western.

November 1996, Claudia Höller


Quelle: http://www.kath.de/kfa/hoeller.htm (98-09-23)