Werner Stangls Lehrtext.Sammlung
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Eltern und Kinder.
Zeit, Werte und Beziehungen zu
Kindern1
1. Der Verfall des kulturellen Kapitals durch Individualisierung
Seit den 50- bzw. 60er Jahren investieren Familien unendlich viel Zeit und Geld in die Erziehung und Ausbildung ihrer Kinder. Die Erfolge sind unübersehbar. Noch nie in der Geschichte Deutschlands blieben so viele Kinder und Jugendliche so lange auf der Schule und gleichzeitig im Elternhaus. Zu keinem Zeitpunkt gab es auch eine so hochqualifizierte junge Generation. Dabei ist nicht nur der Anteil der höchstqualifizierten Jugendlichen gewachsen, sondern auch die Zahl der nichtausgebildeten Jugendlichen ohne Hauptschulabschluß und Lehre hat sich deutlich vermindert. Wer erinnert sich noch daran, daß Mitte der 60er Jahre mehr als ein Drittel aller Jugendlichen als un- und angelernte Arbeiter direkt nach der Schule ihren Lebensunterhalt verdienten.* Diese hohen Investitionen der Eltern in die Bildung und Erziehung ihrer Kinder hat zu einer immensen Kumulation des kulturellen Kapitals in der Bundesrepublik beigetragen. Dies war aber auch notwendig, weil die Bundesrepublik als ein rohstoffarmes Land nur auf der Basis der Schaffung kulturellen Kapitals zusätzliches ökonomisches Kapital erlangen konnte. Nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern Europas ist in gleicher Weise eine Erhöhung des kulturellen Kapitals zu beobachten, was nun aber - und das ist die Paradoxie dieser Entwicklung - für die nachfolgenden Generationen die weitere Kumulation kulturellen Kapitals gefährdet. Es ist das unbestreitbare Verdienst von James COLEMAN2 als einer der ersten auf diesen Widerspruch zwischen Kumulation kulturellen Kapitals und gleichzeitiger Gefährdung weiterer Kumulation hingewiesen zu haben. COLEMAN, der selbst in den 60er Jahren zu den wichtigsten Verfechtern einer weiteren Investition in das Bildungs- und Erziehungssystem gehörte, sieht heute eine Reihe von möglichen Gefährdungen.
Die immensen Anstrengungen und Investitionen in diesem Bereich haben dazu geführt, daß die nun Erwachsenen nicht nur über ein Höchstmaß an Qualifikation und Bildung verfügen, sondern auch gleichzeitig in einem ganz extremen Maße individualistische Persönlichkeiten geworden sind. Und genau hier liegt jene Paradoxie der Investitionen in kulturelles Kapital, die auch andere, beispielsweise MIEGEL und WAHL3, kritisch beschreiben. Investitionen der Elternhäuser in Bildung und Erziehung ihrer Kinder führen notwendigerweise zu einer Entwicklung der individuellen Kompetenzen der Kinder. Die individuelle Entfaltung von Persönlichkeit führt aber notwendigerweise auch dazu, daß solche Individuen traditionale Vorgegebenheiten, die eine der Voraussetzungen für die Investitionen in kulturelles Kapital gewesen sind, nicht so ohne weiteres akzeptieren, sondern nun eigenständige Wege und Perspektiven entwickeln, die zwar mit den eigenen Vorstellungen übereinstimmen, aber nicht mehr unbedingt mit den gesellschaftlichen Vorgegebenheiten. Individualismus ist zumindestens in unseren europäischen Kulturen eine Folge dieser Investitionen in die individuelle Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit. Die Konsequenzen für die gesellschaftliche Entwicklung und die weitere Kumulation kulturellen Kapitals wird in den Vereinigten Staaten gegenwärtig von Autoren wie ETZIONI4 , COLEMAN5 , BERGER und LUCKMANN6 oder PUTMAN7 eindrücklich beschrieben. Die deutsche theoretische Diskussion beschäftigt sich bisher kaum mit den gesellschaftlichen Konsequenzen des Individualisierungsprozesses, sondern allenfalls mit denen für die Individuen. Dennoch lassen sich in den meisten Aussagen auch in der deutschen Diskussion überraschende Parallelen zu den Diskussionen in den Vereinigten Staaten feststellen.
Eine durchgängige These findet sich bei fast allen Autoren, die sich mit den Konsequenzen des Individualisierungsprozesses auseinandersetzen, nämlich, daß Individuen in individualisierten Gesellschaften zunehmend weniger Zeit in die dauerhaften Beziehungen zu ihren eigenen Familienmitgliedern, Verwandten und Nachbarn investieren. Dies hat eine ganze Reihe von Ursachen.
In dem Umfang, in dem das Individuum die eigenen Lebensvorstellungen, die eigenen Lebensbedürfnisse, die eigenen Freiheitsbedürfnisse zum Maßstab des Handelns macht, sind traditionelle Verpflichtungen gegenüber den Eltern, der Ehefrau oder dem Ehemann und auch den Kindern gegenüber weniger bedeutungsvoll als Beziehungen, die den eigenen individuellen Bedürfnissen und Perspektiven entsprechen. Traditionelle Verbindlichkeiten werden durch subjektiv individuelle Entscheidungen ersetzt. In dem Maße, in dem Individuen aufgrund ihrer individualistischen Erziehung und eigenständigen Persönlichkeit jene traditionellen Vorgegebenheiten der eigenen sozialen Herkunft in Frage stellen können, kulturelle Muster nicht mehr ohne weiteres akzeptiert werden, sondern eigene Bedürfnisse, eigene Lebens- und Wertvorstellungen zum Maßstab des Handelns gemacht werden, vermindert sich notwendigerweise die Orientierung an traditionalen Wertmustern, an traditionalen Sinnkonstrukten, d.h. insgesamt an traditional kulturellen Vorgegebenheiten. Selbst die persönlichen Beziehungen, die Individuen aufgebaut haben und an denen sie selbst möglicherweise sogar ein großes Interesse haben, werden zunehmend prekär. Denn Individuen in einer individualisierten Kultur interagieren mit anderen Personen, die einen gleichen individualistischen Hintergrund haben, mit der Konsequenz, daß auch die anderen den Verpflichtungscharakter von Beziehungen nun unter einer subjektiven Perspektive interpretieren. Das hat zur Folge, daß das Individuum sich nicht sicher sein kann, ob die von ihm gerade aufgebauten Beziehungen nun stabile Beziehungen sind oder ob sie nicht von anderen, mit denen man gerade interagiert, in Frage gestellt werden. Eine geringere Bereitschaft, Zeit kontinuierlich in vorgegebene Beziehungen der eigenen Familie und Verwandtschaft zu investieren, die abnehmender Bereitschaft, sich an kulturellen Mustern einer Gesellschaft zu orientieren und die zunehmend Flüchtigkeit sozialer Beziehungen hat nun für die weiteren Investitionen in kulturelles Kapital geradezu desaströse Konsequenzen. Kinder, die mit Eltern aufwachsen, die für sie keine Zeit mehr haben, werden ebensowenig mit kulturellen Mustern einer Gesellschaft vertraut gemacht werden, wie Kinder, deren Eltern bei der Wertvermittlung ein hohes Maß an Beliebigkeit zeigen, oder aber auch nur eine geringere Bereitschaft aufweisen, mit ihren Kindern dauerhaft stabile Beziehungen aufzubauen. Selbst wenn man nicht soweit geht wie MIEGEL und WAHL8 , die mehr oder minder das Vergehen der europäischen Kultur vorhersehen, sind die Konsequenzen einer solchen Gesellschaftsdiagnose, wie sie von COLEMAN, ETZIONI und PUTMAN vorgelegt werden, auch für die nahe vorhersehbare Zukunft alles andere als positiv einzuschätzen.
Die Autoren, die diese sehr pessimistische Interpretation der gegenwärtigen Entwicklung und der zukünftigen Chancen weiterer Investitionen in kulturelles Kapital abgeben, können eine ganze Reihe von Belegen anführen, die ihre Interpretationen stützen. So können COLEMAN, ETZIONI und PUTMAN ganz zurecht darauf verweisen, daß die Investitionen in die höhere Bildung von jungen Frauen eben auch dazu geführt haben, daß diese jungen Frauen nun nicht mehr jene traditionalen Rollen der Hausfrau und Mutter übernehmen wollen, sondern die ihnen individuell zugewachsenen Kompetenzen auch beruflich so nutzen wollen, wie dies für die jungen Männer schon lange selbstverständlich ist. Die zunehmende außerhäusliche Erwerbstätigkeit von Frauen - so scheint es zumindestens - führt notwendigerweise zu einer Reduktion der Zeit, die sie mit ihren Kindern gemeinsam zu Hause verbringen können. Jene Formen der Vermittlung kulturellen Kapitals, die unbewußt durch die alltägliche Interaktion in der Familie vermittelt wurden, müssen dann einfach entfallen. ELSCHENBROICH9 prägt dafür den sehr schönen Begriff der verlorenen Elternzeit. Kinder, so führt sie aus, haben seit den 60er Jahren wöchentlich 10 bis 12 Stunden Elternzeit in den Vereinigten Staaten verloren. Es gibt weniger gemeinsame Mahlzeiten, Verwandtenbesuche und Kirchgänge, Anlässe, bei denen sich die Familie als Ganzes erlebte und anderen zeigt. Sie geht sogar soweit, sich zu fragen, ob insbesondere in den Vereinigten Staaten die Eltern ihren Sinn für die Verantwortung gegenüber der nächsten Generation verloren haben. Seit INGLEHART10 auf einer inzwischen doch sehr breiten empirischen Basis nachgewiesen hat, daß traditionsgebundene Werte an Bedeutung verloren haben und heute Werte wie Selbstverwirklichung und persönliche Freiheit eine sehr viele größere Bedeutung gewonnen haben, ist es eigentlich in der Literatur unstrittig, daß traditionsgebundene Werte auch in der Erziehung zunehmend an Relevanz einbüßen. So weist beispielsweise LüBBE11 darauf hin, daß die traditionellen Tugenden der Industriegesellschaft wie Fleiß, Disziplin und Ordnungsvorstellungen aufgegeben worden sind zugunsten individualisierter Autonomieansprüche des einzelnen, die teilweise durchaus auch in postindustriellen Gesellschaften funktional sein können. Solche individualisierten Wertmuster - darauf haben BERGER und LUCKMANN12 hingewiesen, führen natürlich in der Erziehung dazu, daß es für Kinder immer schwerer wird, von ihren Eltern klare und eindeutige Verhaltensregeln zu übernehmen. Eine Pluralität von Werten und Verhaltensmustern in einer Gesellschaft kann eben nicht zu einer Eindeutigkeit in der Erziehung führen. Solche Selbstverständlichkeiten und Eindeutigkeiten sind aber für die kindliche Erziehung eine Grundvoraussetzung, weil Erziehung und kindliche Entwicklung ohne Alltagsroutinen und ohne klare Orientierungsmuster seitens der Eltern für die kindliche Persönlichkeit außerordentlich problematisch sind. Aber auch die Unverbindlichkeit und Flüchtigkeit von Beziehungen, die möglicherweise für Erwachsene erträglich ist, wird für Kinder höchst problematisch, weil die Sicherheit und das Vertrauen darauf, daß die erwachsene Bezugsperson immer zur Verfügung steht und man sich immer auf sie verlassen kann, eine der Grundvoraussetzungen des Urvertrauens von Kindern ist. Die Unbedingtheit der Eltern-Kind-Beziehungen ist eine der wesentlichsten Grundvoraussetzungen, um Vertrauen in sich selbst und später auch in andere entwickeln zu können. COLEMAN und ETZIONI verwerfen auch ganz explizit die heute angebotenen Alternativen zur familiären Erziehung durch institutionelle Agenten. Institutionelle Agenten sind für sie jene Einrichtungen der Kommune oder des Staates wie Krippe, Kindergarten und Hort, in denen professionelle Erzieher gegen Entlohnung im Auftrage des Staates oder der Kommune Erziehungsaufgaben übernehmen, die traditionellerweise in der Familie liegen.
Der Haupteinwand der Autoren gegen diese Art von Familienersatz besteht darin, daß professionelle Erzieher und die Institutionen, in denen sie arbeiten, Eigeninteressen haben und einer Eigenlogik folgen, die nicht notwendigerweise den Erfordernissen der kindlichen Entwicklung zu einer reifen erwachsenen Persönlichkeit folgen. Das beginnt mit so kleinen Alltäglichkeiten wie Dienstplänen, die die Arbeitszeitregelungen der in den Institutionen Angestellten berücksichtigen müssen und sehr häufig dazu führen können, daß sich stabile Beziehungen zwischen erwachsenen Bezugspersonen und Kindern nicht entwickeln können. In solchen Institutionen ist eben auch gar nicht auszuschließen, daß nicht die Interessen an der kindlichen Entwicklung, sondern die Interessen der Organisation, beispielsweise an ihrem ökonomischen Fortbestand - aus welchen Gründen auch immer - eine größere Bedeutung bekommen könnten, als dies der kindlichen Entwicklung wirklich zuträglich wäre. Vor allen Dingen aber fehlt solchen Institutionen aufgrund ihrer Struktur die Möglichkeit, jenes personalisierte Vertrauen, das die Grundlage jeder Erziehung sein muß und das nicht zwischen beliebig vielen Personen hergestellt werden kann, zwischen den dort tätigen Agenten und den Kindern herzustellen. Diese Formen höchst intimer personalisierter Beziehungen lassen sich eben nicht in formalen Organisationen - so sehr man sich auch bemühen mag - herstellen, weil diese Beziehungsmuster eben nicht formalen Regeln gehorchen, sondern nur der individuellen Interaktion zwischen dem Kind und dem Erwachsenen, die nicht an institutionelle Regeln gebunden sein kann. Es sei dahingestellt, ob die skeptische Einschätzung professionalisierter Erziehung in familienergänzenden und familienersetzenden Einrichtung richtig ist. Aber es gibt sicherlich eine Fülle von Belegen, die deutlich machen, daß solche Institutionen sehr viel stärker die Organisationsregeln und die Eigenlogiken befolgen, als die Interessen der Kinder und der Eltern zu berücksichtigen.
2. Die Unabhängigkeit und Stärke der Familie in individualisierten Gesellschaften
Viele Entwicklungen, die COLEMAN, ETZIONI, PUTMAN u.a.
beschreiben, sind uns allen geläufig und könnten durch eine
Vielzahl eigener Beobachtungen ergänzt werden. Auch die damit
verbundenen Deutungsmuster - beziehen sie sich nun auf Kinder, auf
die Individuen oder die gesamte Familie - haben insgesamt einen hohen
Evidenzgehalt. Solche Phänomene muß man aber nicht in
Abrede stellen, um sich die Frage vorzulegen, ob diese Beschreibungen
und Deutungen tatsächlich die empirische Realität
familialen Lebens in Deutschland beschreiben und auch die
Entwicklungen in individualisierten Gesellschaften in angemessener
Weise erklären können. Denn die Aussagen von COLEMAN,
ETZIONI, BERGER und LUCKMANN u.a. können überhaupt nur dann
einen Geltungsanspruch als valide Hypothesen beanspruchen, wenn
dahinterliegenden Annahmen über den Zusammenhang
gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen und Entwicklungen innerhalb
der Familie richtig sind. In all diesen Diskussionen wird mehr oder
minder unterstellt, daß die familiären Entwicklungen in
den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen den
Generationen sowie zwischen Eltern und Schule ausschließlich
der Logik gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen folgen. Wenn sich in
einer Gesellschaft Werte pluralisieren, so die implizite Annahme,
pluralisieren sich auch die Mechanismen der Wertvermittlung innerhalb
der Familie. Wenn Beziehungen in einer Gesellschaft zunehmend
flüchtiger werden, weil eine Gesellschaft zunehmend mobil wird,
so werden auch die Beziehungen innerhalb der Familie flüchtig.
Wenn Väter und Mütter zunehmend außerhäuslich
erwerbstätig werden, so wird ihr Zeitkontingent zunehmend
geringer für die Familie.
Hier wird nicht bestritten, daß familiäre Entwicklungen
von gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflußt werden
können, aber dieser lineare Zusammenhang zwischen
gesellschaftlichen und Entwicklungen familiären Lebens, der
Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und zwischen Generationen
folgt mit Sicherheit auch einer Logik des familiären
Zusammenlebens. Die Beziehungen zwischen den Generationen mag zwar
teilweise auch von gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflußt
sein, aber sie folgt mit Sicherheit sehr viel stärker den sich
ändernden Lebenserwartungen von Generationen, weil dies etwa die
Rahmenbedingungen für Beziehungen zwischen den Generationen
abgibt. Es ist einer der großen Irrtümer der meisten
Sozialwissenschaftler seit DURKHEIM13
und PARSONS14 , ungeprüft
zu glauben, daß die Interaktionsbeziehungen zwischen Eltern und
Kindern notwendigerweise irgendwelchen gesellschaftlichen
Entwicklungen folgen müssen. Wir wissen heute durch die
historische Familienforschung, daß beispielsweise Kernfamilien,
d.h. Eltern-Kind-Beziehungen als eine dominante Familienform in
vielen Ländern Nordwesteuropas lange vor der industriellen
Revolution und lange vor der Trennung von Familien und Erwerbsarbeit
existierte. Natürlich sind Familienbeziehungen und
Familienentwicklungen in erheblichem Umfang vom gesellschaftlichen
Umfeld abhängig, aber Beziehungen innerhalb der Familie und die
Ausgestaltung der Familienbeziehungen hängen von den
Interaktionsstrukturen der Institution Familie sehr viel stärker
ab, als uns dies die Theoretiker des Verfalls familiären Lebens
in unserer Gesellschaft glauben machen wollen. Paare, die sich
für ein dauerhaftes Zusammenleben entscheiden, kommen aus diesem
Beziehungsmuster selbst dann nicht so einfach heraus, wenn in einer
Gesellschaft extrem hohe Scheidungsraten und liberalisiertes
Scheidungsrecht vorherrschend sind. Wir wissen spätestens seit
Rene KÖNIG15 , daß
die Individualisierungsprozesse, die ja schon seit Mitte des vorigen
Jahrhunderts in Westeuropa zu beobachten sind, eine der notwendigen
Voraussetzungen für die Liebesheirat gewesen sind, weil nun
Individuen entsprechend ihres Gefühls und nicht entsprechend
gesellschaftlicher Vorgegebenheiten sich einen Partner aussuchen
konnten und in diese Partnerschaft einen Teil der eigenen
Persönlichkeit investieren konnten. Wenn Ehepaare sich für
Kinder entscheiden, dann kommen sie aus dieser Beziehung zu den
eigenen Kindern so leicht auch nicht mehr heraus, weil sie wiederum
einen Teil der eigenen Persönlichkeit zunächst in diese
investiert haben. Gerade, wenn man wie COLEMAN mit einer sehr stark
ökonomischen Terminologie gesellschaftliche Entwicklungen
beschreibt, müßte einem deutlich werden, daß die
Investitionen auf der individuellen Ebene zwischen Partnern und
zwischen Eltern und Kindern einen eigenständigen Wert
darstellen, der die Individuen, die in dieser Weise investiert haben,
daran hindert, sich allgemein gesellschaftlichen Entwicklungen
anzupassen. Wenn Partner einen Großteil ihrer Emotionen,
Gefühle und Vorstellungen in einen anderen Partner investiert
haben, und dies eine wechselseitige Investition ist, dann wird eine
solche Beziehung selbst dann stabil bleiben, wenn drum herum alle
anderen anders investiert haben, weil solche Investitionen ja nicht
beliebig verfügbar sind. Das gleiche gilt für die
Investitionen der Eltern in ihre Kinder. Wenn Eltern in den ersten
Lebensjahren mit ihren Kindern Beziehungen aufgebaut haben, dann ist
die Wahrscheinlichkeit, daß sie aus diesen Beziehungen so ohne
weiteres wieder herauskommen, außerordentlich gering. Es
entstehen wechselseitige Abhängigkeiten, Verpflichtungen,
emotionale Unterstützungen, ein dichtes Geflecht von
Beziehungen, die nicht notwendigerweise allgemein gesellschaftlichen
Trends folgen müssen. Geht man von einer solchen, durchaus in
einer ökonomischen Sprache formulierten, Vorstellung von
Investitionen der Partner in die Beziehungen zum anderen bzw. zum
Kind aus und erhält daraus eine positive Verstärkung,
können Familienbeziehungen, wie beispielsweise der 2. Weltkrieg
gezeigt hat, eine Vielzahl von Stürmen und Entwicklungen
überstehen. In der Bundesrepublik sind wir nun in der historisch
einmaligen Situation, empirisch überprüfen zu können,
welche Bedeutung gesamtgesellschaftliche Entwicklungen für
Eltern-Kind-Beziehungen, für die Bereitschaft der Eltern, Zeit
in ihre Kinder zu investieren und für die Stabilität dieser
Beziehungen haben.
40 Jahre DDR und 40 Jahre Bundesrepublik haben in diesem Punkt zu einem quasi naturalistischen experimentellen Design beigetragen. Zwei Systeme, politisch vollständig unterschiedlich hinsichtlich ihrer Erziehungskonzeptionen, in den Vorstellung der Verantwortlichkeit der Eltern für ihre Kinder scheinbar diametral entgegengesetzt, bieten nun nach der Wiedervereinigung die Möglichkeit, zu prüfen, ob die Thesen, daß in individualisierten Gesellschaften Investitionen der Eltern in ihre Kinder zunehmend schwieriger werden, weil die Eltern immer weniger Zeit für die Kinder aufwenden, weil die Eltern keine eindeutigen Verhaltensregeln, Werte und Sinnkonstrukte als Basis ihrer Erziehung heranziehen können und weil Beziehungen in solchen Gesellschaften höchst flüchtig geworden sind, sich halten lassen.
Das Familien- und Erziehungssystem der DDR kannte ab dem 1.
Lebensjahr eine vollständige Betreuung der Kinder in Krippe,
Kindergarten und Hort und eine vollständige Integration der
jungen Frauen in das Erwerbsleben. Wie wir aus den Unterlagen des
statistischen Zentralamtes der früheren DDR wissen, wurden sogar
seit 1972 systematisch die vorhandenen Teilzeitarbeitsplätze
für Frauen vermindert. Eltern hatten faktisch kaum Zeit für
ihre Kinder, weil beide 40 Stunden arbeiten mußten und ein
vollständig ausgebautes Betreuungssystem zur Verfügung
stand.
Auf der anderen Seite die Bundesrepublik, mit der auch von der
Gesellschaft damals noch weithin geteilten Vorstellung, daß in
den ersten Lebensjahren die Mutter sich ausschließlich der
Kinderbetreuung zu widmen habe, was sich auch daran dokumentierte,
daß die Erwerbsquoten von Müttern mit Kindern unter 3
Jahren, einschließlich aller Teilzeitplätze, kaum 30%
ausmachte. Verstärkt würde dieses Bild durch ein weitgehend
fehlendes Betreuungssystem und ein weithin auch gesellschaftlich
akzeptiertes Familienmodell, in dem der Vater als Haupternährer
die ökonomische Basis der Familie sicherte und die Mutter,
entsprechend dem traditionellen Rollenmodell, sich
ausschließlich der Kindererziehung widmen konnte. Dieses quasi
experimentelle Design können wir nun nutzen, weil der
Familiensurvey 116 1988, d.h.
kurze Zeit vor dem Mauerfall durchgeführt werden konnte und wir
dann die Möglichkeit hatten, zur Jahreswende 1990/91 in den
neuen Bundesländern eine Vergleichserhebung durchzuführen.
Zur Jahreswende 1990/91 waren zwar die politischen Veränderungen
in den neuen Bundesländern in vollem Gange, aber sowohl die
wirtschaftliche Entwicklung, d.h. beispielsweise die Arbeitslosigkeit
wie aber auch das Vorhandensein von Betreuungseinrichtungen,
entsprach noch in vielen Punkten der alten DDR. So waren
eben* in dieser Erhebung lediglich knapp 5% der Frauen
arbeitslos. Wohingegen später die Arbeitslosigkeit von Frauen
bis auf 16 - 17% emporschnellte. Zu diesem Zeitpunkt funktionierte
auch noch vollständig das Krippen- und Kindergartensystem, weil
die Kommunalverwaltungen zu dieser Zeit die Umstellung auf ein eher
westdeutsches System noch nicht geleistet hatten. Diese eher
zeitnahen Erhebungen zum gesellschaftlichen Umbruch in der
Bundesrepublik ermöglichen nun, zu überprüfen, ob in
einem System - wie der DDR - jene Phänomene zu beobachten sind,
die COLEMAN, ETZIONI u.a. beschreiben, weil dort zumindestens die
Voraussetzungen der individuellen Befreiung von Männern und
Frauen aus ihrer traditionellen Vater- und Mutterrolle aufgrund des
ausgebauten Betreuungssystems in deutscher Gründlichkeit perfekt
organisiert war, weil staatlich reglementiert die Zeit für die
Familie deutlich reduziert war, da beide vollerwerbstätig sein
mußten und zudem die DDR auch eine Gesellschaft war, die
zumindestens seit Anfang der 80er Jahre hinsichtlich eines geteilten
und einheitlichen Wertsystems keine sehr einheitliche Gesellschaft
mehr darstellte. Wir werden diese empirische Überprüfung
und den Vergleich zwischen West und Ost auf folgenden drei
Dimensionen: Zeit für die Familie, Werte und Einstellungen im
Erziehungsprozeß sowie der Stetigkeit und Festigkeit der
Beziehungen zwischen Eltern und Kindern durchführen.
3. Zeit für Kinder
Will man überprüfen, ob und in welchem Umfang Kinder
berufstätige Mütter haben bzw. wieviel Zeit Mütter
für ihre Kinder haben, wird man sinnvollerweise als
Analyseeinheit nicht die befragten Mütter heranziehen, sondern
die betroffenen Kinder. Dies ist schon allein deswegen sinnvoll, weil
insbesondere im Falle der Mehrkinder-Familien die Perspektive aus der
Sicht der Mütter die Zahl der betroffenen Kinder falsch
einschätzen läßt, denn bei zwei oder drei Kindern ist
zwar nur eine Mutter berufstätig, aber drei Kinder sind von der
Berufstätigkeit der Mutter betroffen. Daher wird in der
folgenden Analyse der Weg gewählt, von der Zahl der betroffenen
Kinder auszugehen und nicht von der Zahl der betroffenen Mütter
und Väter17. Neben dieser
Kinderperspektive werden aber auch alle folgenden Analysen immer in
Abhängigkeit vom Lebensalter des jüngsten Kindes
durchgeführt. Der Vergleich von Berufstätigkeit und
Nichtberufstätigkeit, der Zeitaufwand für Kinder, für
den Haushalt und den Ehemann ist mit Sicherheit auch in erheblichem
Umfang vom Lebensalter der Kinder abhängig. Aber noch
bedeutungsvoller ist natürlich, daß sich alle
theoretischen Aussagen über die mögliche zeitliche
Vernachlässigung von Kindern durch berufstätige Mütter
sicher im wesentlichen auf kleine Kinder beziehen und daher auch die
Kinder im Alter von 0 bis 2, 3 bis 5, 6 bis 14, 15 bis 18 Jahren hier
als Differenzierungskriterien herangezogen werden.
Prüft man zunächst einfach den beruflichen Status der
Mütter in Abhängigkeit vom Alter des jüngsten Kindes,
dann ergibt sich für die neuen Bundesländer 1991, daß
80% der Mütter mit Kindern unter 3 Jahren erwerbstätig
waren, bei den Kindern unter 6 Jahren waren es 76% und in den
höheren Altersgruppen der Kinder immer zwischen 82 und 87%.
Allerdings setzte auch schon 1991 die Frauenerwerbslosigkeit in den
neuen Bundesländern ein, weil bei den jüngeren Frauen mit
den kleineren Kindern schon zwischen 11 und 13% Arbeitslosigkeit bzw.
Umschulung festzustellen war, während bei den älteren
Kindern dann auch schon Vorruhestandsregelungen neben die
Arbeitslosigkeit dieser Gruppe traten.
Vergleicht man nun die berufliche Situtation der Mütter in
den neuen Bundesländern 1991 mit denjenigen in den
süddeutsch-katholisch ländlichen Regionen in den alten
Bundesländern bzw. mit der beruflichen Situation der Mütter
in den urbanen Zentren der Bundesrepublik 1988, so kann das Bild
nicht unterschiedlicher sein.
73% der unter 3jährigen Kinder haben Mütter, die
Hausfrauen sind und nur 21% der Kinder haben Mütter, die
erwerbstätig sind. Bei den unter 6jährigen haben immerhin
noch 53% der Kinder Mütter, die sich überwiegend dem
Haushalt und den Kindern widmen. Und erst bei den 15- bis
18jährigen Kindern haben ca. die Hälfte der Kinder
erwerbstätige Mütter. Dieses Bild der ländlichen
katholisch-süddeutschen Regionen differiert nur unwesentlich von
dem der urbanen Zentren.
So haben bei den unter 3jährigen 61% der Kinder (gegenüber 73%) Mütter, die Hausfrauen sind. Aber immerhin auch 5% der Kinder haben Mütter, die noch in der Ausbildung sind. Bei den unter 6jährigen haben 58% der Kinder Mütter, die Hausfrauen sind. Bei den 6- bis 14jährigen sind das 41% und bei den über 18jährigen sinkt der Anteil auf 31%, gegenüber einer Erwerbsquote von 65%. Die Betrachtungsweise nur des beruflichen Status der Mütter in den urbanen Zentren in der Bundesrepublik sowie in den ländlich-katholischen Regionen 1988 im Vergleich zu den neuen Bundesländern 1991 macht deutlich, daß in den alten Bundesländern, insbesondere bei den unter 6jährigen Kindern sowohl in den städtischen wie in den ländlichen Regionen die überwiegende Mehrzahl der Kinder von Müttern betreut wird, die Hausfrauen sind, während nur eine Minderzahl erwerbstätig ist. Aber selbst in den höheren Altersgruppen errreichen die Anteile der Erwerbstätigkeit niemals jene 80 oder 85%, die die Mütter aus den neuen Bundesländern berichten.
Diese Betrachtungsweise bestätigt natürlich zunächst die These, daß ein gut ausgebautes Betreuungssystem und berufliche Entfaltungsmöglichkeiten auch dazu führen, daß Frauen aller Altersgruppen dieses nutzen und somit aufgrund der Umorientierung vom häuslichen Bereich auf den beruflichen Bereich die Möglichkeiten der Kumulation kulturellen Kapitals im Haushalt und damit auch bei der Erziehung der Kinder signifikant abnehmen, weil die volle Integration der Frau in das Erwerbsleben diese Kumulation kulturellen Kapitals im häuslichen Bereich zunehmend in Frage stellt. Betrachtet man aber nun nicht den beruflichen Status, der eine solche Schlußfolgerung nahelegt, sondern die zeitliche Belastung, die Haushalt und Beruf bei erwerbstätigen Müttern sowie den Hausfrauen in den alten und neuen Bundesländern in Abhängigkeit vom Lebensalter der Kinder bedeuten, ändert sich dieses zunächst diametral entgegengesetzte Bild zu einer sehr vergleichbaren zeitlichen Belastung in den alten und neuen Bundesländern.

Wie die Graphik zeitliche Belastung der Mütter in Abhängigkeit vom Alter der Kinder 1988/91 aufweist, werden im Lebensalter der Kinder bis unter drei Jahren von den Müttern, wenn sie berufstätig sind, in Westdeutschland eine Zeitbelastung von ca. 60 - 63 Stunden genannt und in den neuen Bundesländern eine zeitliche Belastung von knapp 68 - 70 Stunden. Berufstätige Mütter in den alten Bundesländern, obwohl sie überwiegend in Teilzeit tätig sind, erreichen ähnlich hohe zeitliche Belastungen wie die berufstätigen Mütter in den neuen Bundesländern, die vollerwerbstätig sind, aber auf ein vollausgebautes Krippen- und Kindergartensystem zurückgreifen konnten. Die zeitliche Belastung der Mütter, wenn sie berufstätig sind, läuft in Ost wie in West dann ab dem 3. Lebensjahr bis hin zum Auszug des jüngsten Kindes aus dem Elternhaus völlig parallel. Beide Müttergruppen geben gleichviele Stunden pro Woche an, mit denen sie zeitlich belastet sind. Dabei sieht man eine eindeutige Tendenz der Abnahme der zeitlichen Belastung von jenen 65 - 68 Stunden auf ca. 55 Stunden bei Auszug des jüngsten Kindes. Vergleicht man diese Entwicklung mit der der zeitlichen Belastung bei den Hausfrauen in den alten und neuen Bundesländern, findet man zunächst die gleiche Parallelentwicklung, nur auf einem etwas niedrigeren Niveau, weil diese Frauen angeben, zwischen 53 und 55 Stunden wöchentlich zu arbeiten, wenn die Kinder bis zu 3 Jahren alt sind. Eine zeitliche Belastung, die dann auf etwa 35 Stunden absinkt, wenn die Kinder das Elternhaus verlassen haben. Die zeitliche Belastung von Müttern - und dieses Ergebnis kennt im Grunde genommen jede Mutter - ist - unabhängig von der Berufssituation - zunächst mal vor allem vom Lebensalter der Kinder abhängig. Kleine Kinder, unabhängig davon, ob nun außerhäusliche Betreuungseinrichtungen zur Verfügung stehen oder nicht, führen zu erheblichen Zeitaufwendungen bei den jungen Müttern, die diese auch ganz offenkundig bereit sind, zu erbringen. Dabei ist es eigentlich nicht überraschend, daß sich die zeitlichen Belastungen in West wie Ost so wenig unterscheiden, weil in Westdeutschland die jungen Mütter sehr viel stärker auf Teilzeittätigkeiten ausweichen konnten, als dies in den neuen Bundesländern der Fall war, weil dort die Norm der Vollerwerbstätigkeit auch gegenüber Frauen politisch durchgesetzt wurde, da beispielsweise seit 1972 systematisch die Teilzeitarbeitsplätze in der DDR eliminiert wurden.18 Die Bereitschaft jedenfalls der jungen Mütter, in West wie in Ost, auch wenn sie berufstätig sind, die notwendigen zeitlichen Aufwendungen für ihre Kinder zusätzlich zu ihrer Berufstätigkeit zu erbringen, macht unseres Erachtens deutlich, daß ein Aufbau von Beziehung zwischen Eltern und Kindern in den ersten Lebensjahren erfolgt, daß Mütter dann eben doch diese zeitlichen Aufwendungen auf sich nehmen und damit zumindestens durch ihr Verhalten die These von COLEMAN u.a. in Frage gestellt wird, ob denn tatsächlich die Möglichkeiten der Kumulation kulturellen Kapitals in der Familie durch Formen der außerhäuslichen Erwerbstätigkeit beeinträchtigt werden müssen. Möglicherweise führt die Eigenlogik der Eltern-Kind-Beziehung dazu, daß die dem Haushalt und den Kindern zur Verfügung gestellte Zeit nicht gegen die Berufsarbeitszeit aufgerechnet wird, sondern von seiten der Mütter dazuaddiert wird, so daß es zu extrem hohen wöchentlichen zeitlichen Belastungen kommt. Auch wenn man die Zeitangaben im einzelnen, weil es sich hier nur um Schätzungen der Befragten handelt, mit äußerster Vorsicht behandeln und sicherlich Zeitbudgetstudien, wie sie jetzt vom Statistischen Bundesamt19 durchgeführt werden, abwarten muß, um die genauen zeitlichen Kontingente von Müttern und Vätern vorlegen zu können, scheinen uns doch diese Tendenzen relativ überzeugend zu sein. Kleine Kinder erwarten aufgrund ihrer Hilflosigkeit ein hohes Maß an Unterstützung durch ihre Eltern. Diese Unterstützung wird im wesentlichen durch die Haushaltsführung der Mütter den Kindern gegeben, selbst dann, wenn die Kinder einen großen Teil des Tages fremd betreut werden.
Auch die jungen Väter sind bereit, einen größeren Teil ihres zeitlichen Kontingents, nämlich 15 bis etwa 20 Stunden, zusätzlich zur Berufsarbeit für die Betreuung der Kinder und den Haushalt zur Verfügung zu stellen. Eine zeitliche Belastung, die addiert mit der zeitlichen Belastung im Beruf bei jungen Vätern nur geringe Differenzen zu der der jungen Frauen aufweist. Wobei bei den Vätern, ähnlich wie bei den Müttern, zeitliche Entlastungen im höheren Lebensalter der Kinder eintreten und hier die Väter gegenüber den Müttern doch erheblich weniger arbeiten, ihre Mitwirkung im Hausbereich dann auf 5 bis 7 Stunden absinkt. Die hohen zeitlichen Belastungen, die nun die Hausfrauen angeben, sind aber nicht allein auf die Hausarbeit zurückzuführen, sondern, ohne, daß das hier im einzelnen analysiert werden konnte, geben auch Hausfrauen zwischen 6 und 12 Stunden durchschnittlich Arbeitszeit an. Ob sich dahinter die Arbeitszeit als mithelfende Familienangehörige bei kleineren, selbständigen geringwertige Beschäftigung, etwa als Putzhilfe oder im Handel verbirgt, kann hier nicht im einzelnen untersucht werden. Doch deuten diese Angaben auch darauf hin, daß die rigorose Trennung zwischen Hausfrau und Berufsfrau unter einer zeitlichen Perspektive, die zudem noch das Lebensalter der Kinder berücksichtigt, kaum aufrechterhalten werden kann. Dominant für die zeitliche Belastung von Frauen ist das Vorhandensein kleiner Kinder. In Westdeutschland haben die meisten Mütter versucht, diese dadurch aufzufangen, daß sie sich zumindestens bei den bis zu 6jährigen überwiegend der Kindererziehung und dem Haushalt widmen und erst nach dem 6. Lebensjahr der Kinder in größerem Umfang - und dies gilt insbesondere für die urbanen Zentren - erwerbstätig werden. Hausfrauen- und Mutterschaft reduziert sich hier also zunehmend auf eine Sequenz im Lebensverlauf, die ein hohes Maß an zeitlicher, teilweise extremer zeitlicher Beanspruchung, mit sich bringt. Mit zunehmender zeitlicher Entlastung durch das älterwerden der Kinder treten in Westdeutschland dann zunehmend wieder außerhäusliche Arbeitstätigkeiten stärker in den Vordergrund. Eine solche sequentielle Form der Hausfrauen- und Mutterschaft ist sicherlich auch schon deswegen sinnvoll, weil diese jungen Frauen in der Regel das 18. Lebensjahr des zweiten und meisten dann auch letztgeborenen Kindes mit spätestens 46 bis 48 Jahren erleben und danach mit der verbleibenden Tätigkeit im Haushalt möglicherweise auch gar nicht mehr zufrieden sein können. Nachdem hier vorgelegten Vergleich kann man jedenfalls zunächst sagen, daß das Modell, das die frühere DDR propagiert hat, mit einer vollen Erwerbstätigkeit der Frau von 40 Stunden mit gleichzeitig voller Betreuung der Kinder, weder zu einem zeitlich unterschiedlichen Belastungskonzept für junge Frauen geführt hat, noch insgesamt zu einem erheblich unterschiedlichen Zeitbudget im Lebensverlauf gegenüber den Frauen, die in Westdeutschland berufstätig sind. Die hohe Akzeptanz allerdings des sequentiellen Modells - wie es sich in Westdeutschland zunehmend herausentwickelt hat - wird aber nicht nur daran deutlich, daß heute auch in den neuen Bundesländern die Möglichkeiten des Erziehungsurlaubs- und -geldgesetzes voll genutzt werden, sondern daß schon in den früheren DDR-Zeiten das Babyjahr von fast allen Frauen in Anspruch genommen wurde. Auch dies spricht dafür, daß die jungen Frauen auch unter den Bedingungen der DDR sehr wohl ihre Verantwortlichkeit gegenüber ihren Kindern nicht nur voll wahrgenommen haben, sondern damit auch die Möglichkeit gehabt haben, jene Grundlagen für die Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit zu legen, die COLEMAN u.a. heute gefährdet sehen.
überprüft man abschließend diese bivariaten Ergebnisse zusätzlich noch mit Hilfe multivariater Verfahren, so kann man immerhin bei der Arbeitszeit ca. 37% der Kovarianz und bei der Hausarbeitszeit sogar 46% der Kovarianz durch die Variablen Geschlecht, Anzahl der Kinder, Alter des jüngsten Kindes, Schichtung, Geburtsjahrgang der Mütter und die Differenzierung alte und neue Bundesländer erklären. Bei der Arbeitszeit ist natürlich die wichtigste Variable das Geschlecht, weil die Unterschiede zwischen Männern und Frauen hinsichtlich der Arbeitszeit in Westdeutschland evident sind und in bezug auf die Hausarbeitszeit gilt das gleiche sowohl für West wie für Ost. Die Anzahl der Kinder spielt bei der Hausarbeitszeit eine ganz erhebliche Rolle, wohingegen das Alter des jüngsten Kindes für die Arbeitszeit bedeutungslos ist, dafür aber - wie wir hier im einzelnen dargelegt haben - sehr wohl für die Hausarbeitszeit eine ganz überragende Bedeutung hat. Es verdient allerdings auch hervorgehoben zu werden, daß die Schichtungszugehörigkeit neben der Zugehörigkeit zu den alten oder neuen Bundesländern sowohl für die Hausarbeitszeit wie aber auch für die Arbeitszeit nicht ohne Bedeutung ist. Bei der Arbeitszeit zeigt sich natürlich, daß die kleineren Selbständigen und Gewerbetreibenden mit über 63 Stunden Arbeitszeit sich deutlich von dem Rest der Bevölkerung unterscheiden. Wohingegen bei der Hausarbeitszeit die Schichtung den merkwürdigen Effekt hat, daß sowohl Männer wie Frauen mit zunehmendem Status weniger Arbeit im Haushalt verbringen als Mütter und Väter der unteren Schichtungsgruppen. Wir konnten hier nicht prüfen, ob diese Entlastungseffekte durch Hilfskräfte oder technische Geräte eintreten. Sie sind aber teilweise bei den Frauen ganz erheblich, weil die Mütter in den obersten Schichtungsgruppen bis zu 15 Arbeitsstunden im Haushalt weniger angeben als die Mütter in den unteren Schichtungsgruppen. Väter der obersten Berufspositionen beteiligen sich an der Hausarbeit äußerst selten. Hier scheinen alle jenen traditionalen Muster wieder auf, die schon in den 20er Jahren von WESTERKAMP und BAUM20 nachgewiesen wurden und zeigen, welch immense Stabilität die Arbeitsteilung im Haushalt zwischen Schichten, Männern und Frauen im Zeitverlauf doch nachzuweisen ist. Dennoch bleibt auch nach den Ergebnissen der multivariaten Analyse festzuhalten, daß kleine Kinder ein extrem hohes Maß an zeitlicher Zuwendung und Unterstützung bedürfen, die nach unseren Daten überwiegend von den Frauen gegeben wird, unabhängig davon, ob sie nun erwerbstätig sind oder nicht und zu einem geringeren Umfang, aber doch signifikant höheren als bei älteren Kindern und Jugendlichen auch von den Männern. Es ist natürlich schwierig, jetzt festzulegen, wie groß der Aufwand in einer Familie zu sein hat, um im angemessenen Umfang kulturelles Kapital durch Interaktion und Erziehung zwischen Eltern und Kindern zu erzeugen. Man kann aber doch zumindestens davon ausgehen, daß auch unter den Bedingungen der früheren DDR ein so erhebliches Kontingent an Zeit zur Verfügung gestellt wurde, daß die Vermittlung kultureller Werte und Normen hinreichend gewährleistet werden konnte. Die zeitliche Verfügbarkeit von Müttern - und im begrenzten Umfang auch von Vätern - ist eben nicht an starre Statuszuschreibungen, wie berufstätig, nicht berufstätig gebunden, sondern zunächst einmal an die Bereitschaft der Eltern, ihre Zeitkontingente, die ihnen täglich zur Verfügung stehen, so einzuteilen, daß auch noch für die Kinder hinreichend Zeit bleibt. Diese Bereitschaft scheint jedenfalls in den alten wie in den neuen Bundesländern im extrem hohen Umfang bei den jüngeren Eltern vorhanden zu sein.
4. Werte individualisierter Eltern
Vergleicht man die individualisierten Lebensvorstellungen von
Eltern zwischen den neuen und den alten Bundesländern so
bestätigt sich zunächst ganz eindeutig die von
INGLEHART21, MIEGEL und
WAHL22 , ETZIONI23
, BELLAH u.a.24 formulierte
These, daß in individualisierten Gesellschaften Werte, die die
persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums,
seine Freiheiten und seine subjektiven Lebensziele in den Mittelpunkt
stellen, heute als wichtiger eingestuft werden als ökonomische
Sicherheit und Orientierungen an traditionellen Vorgegebenheiten. In
den alten Bundesländern haben von den hier untersuchten Kindern
ca. 28% Eltern, die ganz eindeutig postmateriell, d.h. extrem
individualistisch orientiert sind und weitere 16%, die
überwiegend postmateriell orientiert sind. In Westdeutschland
kann man also davon ausgehen, daß mehr als 40% der Kinder bei
Eltern aufwachsen, die in bezug auf diese individualistischen Werte
jenen von INGLHART u.a. beschriebenen Wertwandel auch subjektiv
für sich persönlich vollzogen haben. In diesem Punkt
unterscheiden sich die westdeutschen Eltern deutlich von Eltern in
den neuen Bundesländern, weil hier nur 17% (gegenüber 28%)
der Kinder Eltern haben, die eindeutig postmateriell orientiert sind.
Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß es auch in den
alten Bundesländern - und hierin unterscheiden sich dann die
alten Bundesländern sehr viel weniger von den neuen
Bundesländern - einen hohen Prozentsatz von Eltern, nämlich
immerhin etwas mehr als 26% gibt, die eher auf ökonomische und
äußere Sicherheit und tradionelle Vorgegebenheiten Wert
legen und in dem Sinne nicht als individualistisch bezeichnet werden
können. In den neuen Bundesländern leben 32% der Kindern
bei solchen Eltern. Diese Unterschiede zwischen West- und
Ostdeutschland zeigen sich auch bei anderen Wert- und
Einstellungsmustern wie beispielsweise bei der Erziehung zu Pflicht
und Leistung. Während in Westdeutschland die Mehrzahl der Kinder
bei Eltern aufwächst, die Erziehungswerten wie Pflicht,
Leistung, Gehorsam und gute Schulleistungen eher skeptisch
gegenüberstehen, finden sich in den neuen Bundesländern
mehr Kinder, die bei Eltern aufwachsen, die diese Werte stärker
betonen. In den alten Bundesländern weisen mehr als 50% der
Eltern auf dieser Dimension eher negative Werte auf, während in
den neuen Bundesländern mehr als 50% der Eltern auf diesen
Werten eher positive Werte aufweisen.
Aber auch hier gilt wiederum, daß sowohl in West- wie in
Ostdeutschland nicht alle Eltern in die eine oder andere Richtung
tendieren, sondern deutliche Differenzierungen zu beobachten sind.
Diese Wertunterschiede zwischen West und Ost sind zwar auch bei
vielen anderen Werten, die wir untersucht haben, deutlich erkennbar.
Die erklärte Kovarianz aufgrund der Differenzierung nach alten
und neuen Bundesländern in bezug auf die Werte, die wir
untersucht haben, ist bei den meisten Skalen sehr gering und bewegt
sich in der Regel unter 5%. Interpretationen zwischen West- und
Ostdeutschland, was diese Werte im Bereich der Erziehung angeht,
können zwar West-Ost-Unterschiede signifikant nachweisen, und
damit jene Individualisierungshypothesen bestätigen, aber doch
nicht so, daß man nun gesichert die Vermutung äußern
könnten, daß Westdeutschland als Teil der
westeuropäischen und nordamerikanischen Kulturentwicklung so
extrem individualisiert worden sei, daß Kinder hier nur noch
bei Eltern aufwachsen, die postmaterielle und individualisierte
Lebensvorstellungen entwickeln, während die Eltern in den neuen
Bundesländern aufgrund eines anderen politischen Systems mit
anderen Wertvorgaben völlig andere Wertmuster und -vorstellungen
entwickelt haben.
Angesicht der sehr geringen Erklärungskraft der Differenzierung
zwischen alten und neuen Bundesländern erschien es daher
sinnvoll zu sein, neben dem Vergleich alte und neue Bundesländer
zusätzliche Variablen zu berücksichtigen. Im Rahmen
multivariater Analysen wollten wir herausfinden, ob und inwieweit
diese hier beobachteten Individualisierungstendenzen sowohl in West
wie in Ost möglicherweise durch ganz andere Faktoren als durch
die einfache Unterscheidung West- und Ostdeutschland erklärt
werden kann.
Untersucht man nun im Rahmen multivariater Analysen zunächst wiederum jene Postmaterialismus-Skala25, die seit INGLEHART in der sozialwissenschaftlichen Forschung eine hohe Verbreitung gefunden hat, so kann man zunächst nur feststellen, daß die wichtigste differenzierende Variable für dieses Einstellungsmuster der Schulabschluß der Eltern ist. Je höher der elterliche Schulabschluß, gemessen als Hauptschulabschluß, Realschulabschluß, Abitur und Hochschulabschluß, bei den Eltern ist, um so wahrscheinlicher ist es, daß Kinder auch mit Eltern aufwachsen, die postmaterielle Orientierungen zeigen. Alle anderen zusätzlich berücksichtigten Faktoren hatten in den Ergebnissen der multivariaten Analyse eine sehr viel geringere Bedeutung als diese Variable. Dieses ist nun wiederum auch kein besondere überraschung, weil dieses Ergebnis von INGLEHART u.a. auch immer wieder nachgewiesen worden ist, so daß man zunächst einfach nur festhalten kann, daß ein Teil der diskutierten Individualisierungstendenzen in unserer Gesellschaft eben auch das Ergebnis der zunehmenden Investitionen der Eltern und der Gesellschaft in die individuelle Entwicklung der einzelnen ist. In dem Umfang, in dem Individuen dann entsprechend über höhere Bildungsabschlüsse verfügen, entwickeln sie auch zunehmend individualistische Lebensvorstellungen und -entwürfe. Dieser Zusammenhang gilt in gleicher Weise für West wie Ost und muß eben als eine notwendige Konsequenz zusätzlicher Investitionen der jetzigen Großelterngeneration in die jetzige Elterngeneration und deren kulturelles Kapital auch so akzeptiert werden. Denn es kann wiederum kein Zweifel daran bestehen, daß diese Investitionen in das kulturelle Kapital der jetzigen Elterngeneration eine notwendige Voraussetzung für die ökonomische Entwicklung, d.h. die Kumulation des ökonomischen Kapitals in unserer Gesellschaft in den letzten 20 bis 25 Jahren gewesen ist. In diesem Zusammenhang verdient auch hervorgehoben zu werden, daß beispielsweise die Frage der Berufstätigkeit der Mutter sowohl in West wie in Ost keinerlei Bedeutung hat, weil sich berufstätige Mütter bzw. nichtberufstätige Mütter weniger in bezug auf diese Einstellungsmuster unterscheiden als Mütter mit Umschulabschluß bzw. geringerem Schulabschluß. Dieses Muster, daß der Schulabschluß für individualistische Wertorientierungen eine große Bedeutung hat, zeigt sich auch bei den Erziehungsorientierungen26, die in diesem Punkt eine Replikation der Forschungsarbeiten von Melvin KOHN27 darstellen, der nun seit etwa 25 Jahren national wie international immer wieder nachweisen kann, und das nicht nur für Westeuropa und Nordamerika, sondern genauso für Japan, Polen und die UdSSR, daß jene Erwachsene - und in unserem Fall sind es eben Eltern, - die über eine qualifizierte Bildung und auch über einen qualifizierten Beruf verfügen, hinsichtlich ihrer Erziehungsorientierung sehr viel individualistischer orientiert sind als Eltern bzw. Erwachsene, die keine solche qualifizierte Schulbildung und entsprechend qualifizierte Berufsposition haben. Eltern erziehen ihre Kinder tendenziell eher zu individualistischen Orientierungen, wenn sie selbst qualifizierte Bildungsabschlüsse aufweisen. Die sogenannten Sekundärtugenden wie Gehorsam, Pflicht, Leistung und gute Schulnoten werden in West- wie in Ostdeutschland von jenen Eltern als weniger wichtiger eingestuft, die selbst ein extrem hohes Maß an Schulbildung genossen haben. Die Tendenzen zur Ablehnung solcher Wertmuster sind bei den Eltern in den alten Bundesländern sehr viel deutlicher ausgeprägt , als dieses in den neuen Bundesländern der Fall ist. Man wird in Zeitvergleichen zu prüfen haben, ob sich hier nun zwischen West und Ost in den letzten Jahren Angleichungstendenzen ergeben haben.
Wie auch immer man die Unterschiede zwischen West und Ost hier interpretieren will, sei hier dahingestellt. Aber es kann kein Zweifel daran bestehen, daß Investitionen in kulturelles Kapital, d.h. Bildung der Kinder in der Regel mit einer zunehmenden Ablehnung von Sekundärtugenden einhergeht. Stützt man sich nun auf die Diskussionen um den autoritären Charakter - wie sie beispielsweise in den 50- und 60er Jahren der alten Bundesrepublik geführt wurden - aber auch auf jene Forschungsergebnisse, die Melvin KOHN über den Zusammenhang von Bildung, beruflicher Differenzierung, Schichtung und Sekundärtugenden vorgelegt hat, so kann man diesen Wandel, wie er sich hier zumindestens doch sehr deutlich ausdrückt, nur positiv interpretieren. In den meisten familiensoziologischen und familienpsychologischen Studien der 30er-, 40er- und 50er Jahre dieses Jahrhunderts wurden die autoritären Familienstrukturen der deutschen bürgerlichen Familie zumindestens als eine der zentralen Ursachen autoritärer Charakterstrukturen in Deutschland interpretiert. HORKHEIMER28 aber auch Erich FROMM29 haben ebenso wie spätere Autoren immer wieder darauf hingewiesen, daß die väterliche Autorität Ausdruck gesellschaftlicher Autoritätsstrukturen sei, so daß das Kind durch seine Unterwerfung unter die väterliche Autorität gleichzeitig jene institutionellen Autoritäten anzuerkennen lernt, die später auf der Basis von Pflichterfüllung und Gewissen Anerkennung und Unterordnung erwarten. Die hier vorgelegten Daten zeigen zunächst, daß in der westdeutschen Gesellschaft der Gegenwart wie aber auch in der ostdeutschen Gesellschaft bis etwa 1991 Werte und Einstellungsmuster, die traditionellerweise mit der väterlichen Autorität verbunden waren, nun von den Eltern zunehmend weniger wichtig eingestuft werden. Dabei ist der entscheidende Faktor, der zum Verschwinden dieser Einstellungsmuster geführt hat, die zunehmende Bildung der nachwachsenden Elterngeneration. Während jene klassischen Autoren wie HORKHEIMER oder FROMM davon ausgingen, daß das Verschwinden solcher autoritären Einstellungen auch zum Verschwinden bürgerlicher Familienstrukturen führen müssen, zeigen unsere Daten - ähnlich wie Rene KÖNIG30 argumentiert hat - daß solche Einstellungsmuster in einer Gesellschaft verschwinden können, ohne daß damit auch die klassische bürgerliche Familie gleichzeitig mit verschwinden muß. Möglicherweise zeigen solche Veränderungen eher an, daß auch Eltern heute von ihren Kindern nicht mehr erwarten, daß sie sich der elterlichen, d.h. insbesondere der väterlichen Autorität so ohne weiteres unterwerfen, sondern daß sich die Eltern sehr viel stärker der Förderung der eigenständigen Persönlichkeit des Kindes stellen.
Für diese These spricht zumindestens, daß Eltern mit höherer Schulbildung auf der einen Seite dazu tendieren, jene klassischen Autoritätswerte gering zu achten, sie aber andererseits individualistische Wertorientierungen für ihre Kinder als außerordentlich wichtig einstufen. Die Werte der Eltern in den neuen und alten Bundesländern sind, bis auf eine Ausnahme, bei den Eltern der alten Bundesländer im Bereich des Hauptschulabschlusses eine zwischen den neuen und alten Bundesländern relativ gleich. Insbesondere Eltern, die über den höchsten Bildungsabschluß, d.h. Abitur, verfügen, zeigen in West wie in Ost auch in bezug auf ihre Kinder eine extreme Neigung zu individualistischen Wertorientierungen, und zwar als Erziehungswerte für ihre Kinder. Die Eltern, die für sich selbst postmaterielle Werte, d.h. Selbstverwirklichung und persönliche Freiheit, als wichtig eintstufen, artikulieren auch solche Erziehungswerte für ihre Kinder.
Diese stark positive Korrelation zwischen Schulbildung und individualistischen Werten kann aber für eine Gesellschaft nur dann als problematisch angesehen werden und zu einer Forderung führen, daß wiederum stärker jene traditonellen Sekundärtugenden eine Rolle spielen, wenn man sich nicht etwas genauer mit jenen Werten auseinandersetzt, die sich hinter dem Begriff des Individualismus verbergen. In die Dimension des Individualismus, die in dieser Studie gemessen wurde - und darauf wurde schon häufiger hingewiesen - ohne, daß das bisher hinreichend in der Diskussion rezipiert wurde, gehen Werte und Einstellungsmuster ein, die zwar auf der einen Seite die Selbständigkeit des Kindes betonen, aber auf der anderen Seite eben auch die Verantwortlichkeit von Kindern für andere. Solange man immer nur ganz undifferenziert von individualistischen Werten spricht und nicht die schon von DURKHEIM31 eingeführte Differenzierung zwischen utilitaristischem Individualismus und kooperativem Individualismus zur Grundlage seiner empirischen Analysen macht, solange wird man auch mit den Effekten der Investitionen der Großeltern-Generation in das kulturelle Kapital der jetzigen Elterngeneration kaum angemessen umgehen können. Die Investitionen der Großeltern in die jetzige Elterngeneration und die heute von der jetzigen Elterngeneration vertretenen individualistischen Wertmuster betonen eben nicht nur die eigene persönliche Freiheit und die Notwendigkeit sich selbst zu verwirklichen, sondern betonen in bezug auf die Erziehung ihrer Kinder neben der kindlichen Selbständigkeit die Fähigkeit der Kinder, mit anderen kooperieren zu können, sowie die Fähigkeit der Kinder Verantwortung für andere zu übernehmen und auch Kritik an sich selbst ertragen zu können. Kritikfähigkeit, Verantwortlichkeit für andere und Selbständigkeit des Individuums sind zwar im hohen Maße individualisierte Wertmuster, sie entsprechen aber genau jener Konzeption des kooperativen Individualismus, die DURKHEIM als ein zentrales Element moderner Gesellschaften interpretiert hat. DURKHEIMs These war, daß in hochdifferenzierten industriellen Gesellschaften nicht mehr die Anpassung an Vorgegebenheiten, d.h. vorgegebene elterliche oder staatliche Autoritäten, die Grundlagen des Handelns des Individuums sein können, sondern Individuen notwendigerweise mit anderen in einer differenzierten Gesellschaft nur noch dann zusammenarbeiten können, wenn sie dieses aus eigener intellektueller Einsicht auch für sinnvoll und richtig erachten. Selbständigkeit ja, aber keine Selbständigkeit nur um sich selbst zu verwirklichen, sondern Selbständigkeit, um unabhängig und selbständig gemeinsam mit anderen zu kooperieren, bereit zu sein, für andere Verantwortung zu übernehmen, und Kritik von anderen zu ertragen.
Dieser kooperative Individualismus, der von DURKHEIM deutlich von jenem utilitaristischen Individualismus, der nur den Eigennutz betont, thematisiert wurde, findet sich nun besonders ausgeprägt als Erziehungsleitbild bei jenen Eltern, die über einen besonders hohen Bildungsabschluß verfügen. Diese drei hier vorgetragenen Ergebnisse, nämlich auf der einen Seite der klare Zusammenhang zwischen Schulbildung, alten und neuen Bundesländern und zunehmendem Postmaterialismus, der Zusammenhang zwischen zunehmender Schulbildung und abnehmender Förderung der Eltern nach Sekundärtugenden wie Gehorsam, Pflicht und Leistung sowie der zunehmenden positiven Einschätzung solcher Eltern für kindliche Selbständigkeit, verbunden mit Verantwortlichkeit für andere und Kritikfähigkeit werden nun zu einem ganz anderen Interpretationsmuster der Konsequenzen von Individualisierungsprozessen in modernen Gesellschaften.
Sind die hier vorgetragenen Ergebnisse richtig und plausibel, wofür die doch sehr großen Fallzahlen von immerhin 22 000 Kindern und ca. 12 000 Eltern sprechen und lassen sie sich auch noch in zukünftigen Studien bestätigen, dann kann man eigentlich davon ausgehen, daß die Investitionen der heutigen Großeltern-Generation in das kulturelle Kapital der heutigen Elterngeneration dazu geführt haben, daß die heutige Elterngeneration, insbesondere dann, wenn sie ein besonders hohes Maß an individuellen Entwicklungsmöglichkeiten in der Schule bekommen hat, auch ein extrem hohes Maß an individualistischen Lebensorientierungen entwickelt hat. Diese individualistischen Lebensorientierungen sowohl in West wie in Ost können aber nicht ohne weiteres als Ausdruck einer vollständig an dem eigenen Lebensglück orientierten, nutzenorientierten Elterngeneration interpretiert werden, sondern müßten als Ausdruck von individualisierten Erziehungsvorstellungen gewertet werden, die in hochdifferenzierten Gesellschaften auch notwendig sind, in denen einfache Orientierungen an gesellschaftlichen Vorgegebenheiten aufgrund der gesellschaftlichen Differenzierungsprozesse zunehmend in Frage gestellt werden. Die von Eltern, insbesondere mit höherer Schulbildung, vertretene Konzeption eines kooperativen Individualismus findet aber nun möglicherweise in jenen Institutionen wie Kindergarten, -hort und Schule, die von ETZIONI u.a. so kritisch betrachtet werden, noch nicht jene Beachtung, die möglicherweise notwendig ist, um die Entwicklungstendenzen innerhalb der Familie auch innerhalb dieser Institutionen so zu verstärken, daß auch diese Kindergeneration, dann, wenn sie als Erwachsene in dieser Gesellschaft verantwortlich zu handeln haben, auch überwiegend über stabile Orientierungsmuster eines kooperativen Individualismus verfügt. Der beobachtbare Wertwandel innerhalb der Familie, der das weitgehende Verblassen des Ideals des bürgerlich-autoritären Vaters, der die Unterwerfung der Kinder unter Pflicht und Gehorsam erwartet und das zunehmende Aufkommen von liberalen Erziehungsvorstellungen begleitet, die sich an einem kooperativen Individualismus orientieren, bietet zumindestens die Chance, in den Institutionen des Bildungssystems, aber auch in anderen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft diese Entwicklungstendenzen der bürgerlichen Familie zu verstärken, um bei zukünftigen Generationen Werte und Einstellungsmuster zu stabilisieren, die für hochdifferenzierte Gesellschaften erforderlich sind. Wir müssen uns aber fragen, ob denn die Schulsysteme in den Bundesländern tatsächlich Bildung und Ausbildung so organisiert haben, daß solche Einstellungsmuster verstärkt werden oder ob nicht gerade die Institutionen des Bildungssystems so organisiert sind, daß sie in geradezu extremer Weise Formen eines kooperativen Individualismus verhindern. Wir können dies nur für das Universitätssystem - soweit wir es kennen - beurteilen. Das Universitätssystem ist in seinen Bildungszielen wie aber auch in der Organisation seiner Ausbildung einzig und allein darauf angelegt, die individuelle Einzelleistung des Studenten zu erfassen. Alle Formen von Kooperation, alle Formen von gemeinschaftlichem Arbeiten finden in dem universitären Bewertungssystem nicht die geringste Berücksichtigung. Das Universitätssystem ist auf jeden Fall ausgerichtet auf einen utilitaristischen Individualismus, d.h. auf die Maximierung individueller, der Einzelperson zurechenbarer, Leistung. Möglicherweise liegt der Konflikt eben nicht - wie viele der Kommunitarier in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik meinen - in einer problematischen Individualisierung familiärer Erziehung, sondern mehr darin, daß es bis heute weder in der Bundesrepublik noch in anderen Bildungssystemen gelungen ist, von jenem extremen utilitarischen Individualismus zu einer stärker kooperativ-individualistischen Erziehung zu gelangen.
5. Beziehung der Eltern zu ihren Kindern
Wenn schon der Zeitaufwand im ersten Abschnitt darauf hingedeutet hat, daß Eltern relativ unabhängig davon, wie sie in das Erwerbsleben integriert sind, ein hohes Maß an Zeit für die Familie aufwenden, so sagt dies allerdings noch nichts darüber aus, ob sie diese Zeit, die sie insgesamt für den Haushalt und die Famlie aufwenden, auch tatsächlich mit den Kindern gemeinsam verbringen.
Wenn man auch die Zeit, die Eltern mit Kindern gemeinsam verbringen, nur sehr schwer im Rahmen einer Befragung erfassen kann, so hat man doch zumindestens die Möglichkeit, zu überprüfen, ob bestimmte typische familienbezogene Aktivitäten nun überwiegend mit den Kindern oder aber mit anderen Personen verbracht werden.
Im Rahmen eines netzwerktheoretischen Zugangs32 kann man Eltern, aber natürlich auch Kinder danach befragen, mit wem sie beispielsweise ihre Freizeit verbringen, mit wem sie gemeinsame Mahlzeiten einnehmen, mit wem sie enge persönliche Beziehungen haben und mit wem sie intime persönliche Dinge besprechen.
Um hier normativen Vorstellungen entgegenzuwirken, die möglicherweise dazu führen, daß man bei solchen Fragen vor allen Dingen die eigenen Eltern, die eigenen Kinder und die eigenen Verwandten nennt, kann man die Befragten bitten, zunächst eine Liste von Namen, die ihnen einfallen und mit denen man in Kontakt steht, aufzuschreiben, um dann im zweiten Schritt zu erfragen, was man denn mit diesen Personen nun im einzelnen tut und erst im dritten Schritt dann nachzufragen, in welcher persönlichen Beziehung man zu diesen genannten Namen, mit denen man bestimmte Aktivitäten gemeinsam ausübt, denn steht. Auf diese Weise wird vermieden, daß bestimmte normative Vorstellungen über das, was man mit jemandem zu tun hat, bereits bei der Antwort auf diese Frage mitformuliert wird.
Auf diese Weise erhält man nun ein sehr differenziertes Beziehungsmuster der befragten Personen mit durchschnittlich 12 bis 15 Personen, die Befragten bei einer solchen Fragestellung spontan einfallen.
Bei allen Aktivitäten, die von uns abgefragt wurden, werden nach den Partnern, bei manchen Aktivitäten sogar vor den Partnern, immer die Kinder genannt. Kinder spielen in familienbezogenen Aktivitäten wie Freizeit, Mahlzeiten, persönliches Besprechen und enge persönliche Gefühle eine ganz außerordentlich bedeutungsvolle Rolle. Dabei gibt es - wie die folgende Tabelle zeigt - so gut wie keine Unterschiede zwischen Ost und West, sondern es gibt ganz eindeutig altersabhängige Beziehungsmuster zwischen Eltern und Kindern, die in West- wie in Ostdeutschland weitgehend parallel verlaufen.
Es verwundert nicht, daß bei sehr kleinen Kindern bis zu 5 Jahren diese Kinder von den Befragten bis zu 95 Prozent genannt werden, wenn es um das gemeinsame Freizeitverbringen geht. Nicht die Freunde, nicht die Eltern, die Geschwister oder Verwandten, nicht einmal die Ehepartner bekommen in den ersten Lebensjahren eines Kindes so hohe Nennungen wie Kinder. Kinder beherrschen in den ersten fünf Lebensjahren ganz eindeutig das Leben und die Freizeit der Befragten. Diese Nennungen sinken mit zunehmendem Alter, um dann bei den 18jährigen bzw. denjenigen, die nicht mehr im Elternhaus leben, auf 20 Prozent gemeinsame Freizeit abzusinken. Dieses Muster, daß das Lebensalter der Kinder die gemeinsame Freizeit mit den Eltern bestimmt, spricht jedenfalls dafür, daß Eltern und Kinder in West wie in Ost entsprechend der kindlichen Entwicklung miteinander ihre Freizeit verbringen und mit zunehmendem Alter die Kinder aus dem Elternhaus sich nach außen orientieren. Dabei verdient hervorgehoben zu werden, daß diese Lösungsprozeß bei den Eltern in den alten Bundesländern früher und deutlicher einsetzt als in den neuen Bundesländern. Dies macht auch sehr deutlich, daß Eltern - selbst wenn sie, wie in den neuen Bundesländern, voll berufstätig sind oder waren - diese Zeit, die sie im Beruf verbringen, dennoch in ihrer verbleibenden Freizeit mit den Kindern mehr als kompensieren. Die zurückgehende gemeinsame Freizeit zwischen Eltern und Kindern bedeutet aber eben nicht, daß damit auch die Bindungen zwischen Eltern und Kindern verlorengehen, sondern mit zunehmendem Alter der Kinder - auch dieses ist sehr gut nachvollziehbar - bekommen die Kinder eine immer größere Bedeutung auch bei intimen und persönlichen Gesprächen für die Eltern. Bei den über 18jährigen nennen in West wie Ost 40- 50 Prozent der befragten Eltern die Kinder als Partner, mit denen man auch Persönliches bespricht. Auch dieses zeigt, daß der kindliche Reifung- und Entwicklungsprozeß die Eltern-Kind-Beziehungen in erheblichem Umfang beeinflußt.
Angesichts dieser sehr klaren Struktur ist es dann eigentlich nicht verwunderlich, daß auch bei den gemeinsamen Mahlzeiten ein altersabhängiger Effekt zu beobachten ist, der allerdings nicht ganz so ausgeprägt ist, weil die gemeinsamen Mahlzeiten doch solange eine große Bedeutung für Eltern und Kinder haben, solange die Kinder im Elternhaus leben. Der Bruch vollzieht sich hier mit dem Auszug der Kinder aus dem Elternhaus. Die gemeinsamen Mahlzeiten gehen in der empty-Nestphase fast auf 12 bis 9 Prozent zurück. Aber auch dieses bedeutet eben nicht, daß die Beziehungen, die Eltern zu Kindern aufgebaut haben, hier in gleicher Weise zurückgehen, sondern die engen emotionalen Gefühle, die Eltern zu ihren Kindern in der frühen Kindheit aufgebaut haben, bleiben, zumindestens aus der Sicht der Eltern, ein Leben lang bestehen. Anders, als jene Kritiker eines individualisierten Zeitalters behaupten, bedeuten eben individualisierte Werte und Einstellungsmuster sowie eine zunehmend außerhäusliche Erwerbstätigkeit von Müttern nicht notwendigerweise, daß man die Beziehungen zu den Kindern zur Disposition stellt und sich als Eltern aus dem Beziehungsgefüge zu den Kindern heraus zurückzieht. Wir haben keine Daten aus früheren Zeiten, um hier nun zu vergleichen, wie Eltern in früheren Jahrzehnten mit ihren Kindern Freizeit verbrachten, Persönliches besprachen, gemeinsame Mahlzeiten hatten und in einer engen persönlichen Beziehung standen. Wir können nur für die Eltern heute konstatieren, daß Eltern zu ihren Kindern in Abhängigkeit vom Lebensalter der Kinder, d.h. die individuelle Entwicklung der Kinder berücksichtigend, ihre freie Zeit mit den Kindern verbringen, mit ihnen Persönliches besprechen und mit ihnen gemeinsame Mahlzeiten haben. Persönliche, enge Gefühle zu den Kindern sind altersunabhängig und auch unabhängig davon, ob die Kinder mit den Eltern zusammen wohnen. Dieses scheinen jedenfalls aus der Wahrnehmung der Eltern lebenslange stabile Beziehungen zu sein. Spekulativ könnte man sogar formulieren, daß möglicherweise erst die Individualisierungsprozesse es möglich gemacht haben, daß solche engen Gefühle zwischen Eltern und Kindern ein Leben lang bestehen. Denn, wer die Beschreibung von ADORNO33 und HORKHEIMER über den autoritären Charakter und die autoritäre Familie noch einmal reflektiert, weiß, daß eines der wesentlichsten Elemente der autoritären Familie der Lösungskonflikt zwischen Vätern und Söhnen bzw. Müttern und Töchtern war, der in der Regel auch mit tiefgreifenden persönlichen Frustrationen auf beiden Seiten verbunden war. Möglicherweise bedeutet die stärkere Reflektion der Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit auch die Chance, solche Verwerfungen und Konflikte zwischen Eltern und Kindern zunehmend zu vermeiden. Dazu kann man gegenwärtig nichts sagen, weil uns die Daten im historischen Vergleich fehlen. Aber diese Interpretation fügt sich zumindestens gut in die meisten Ergebnisse von Jugendstudien ein, die wie die SHELL-Jugendstudie34, aber auch die Studie von ALLERBECK und HOAG33, immer wieder nachgewiesen haben, daß Jugendliche und junge Erwachsene heute das Verhältnis zu den eigenen Eltern in der Regel positiver bewerten als Jugendliche und junge Erwachsene in den 50- und 60er Jahren. Wenn aber Individualisierungsprozesse innerhalb der Familie nicht notwendigerweise bedeuten, daß die Eltern sich zunehmend weniger um ihre Kinder kümmern, sondern offenkundig zunehmend eher bereit sind, die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder zum Maßstab des eigenen erzieherischen Handelns zu nehmen, dann lassen sich diese Forschungsergebnisse der Jugendforschung relativ konsistent im Rahmen der hier vorgetragenen Ergebnisse interpretieren.
Individualisierung bedeutet hier also nicht Selbstverwirklichung
um jeden Preis, sondern Individualisierung bedeutet hier, daß
Eltern, die sich für Kinder entschieden haben, die Verantwortung
gegenüber ihren Kindern ernst nehmen und versuchen, die
unterschiedlichen Anforderungen und Ansprüche der eigenen
persönlichen Entwicklung, der beruflichen Anforderungen, der
Entwicklung des Partners und der Entwicklung der Kinder
mitzureflektieren und miteinander zu vereinbaren. Eine solche Form
des Individualismus, der die wechselseitigen Bedürfnisse aller
Beteiligten mitreflektiert und den wir hier als eine Form des
kooperativen Individualismus gekennzeichnet haben, ist natürlich
mehr als eine traditionale Konzeption von Ehe und Familie mit dem
Risiko des Scheiterns behaftet. Aushandlungsprozesse, die
unterschiedliche, teilweise höchst widersprüchliche
Anforderungen, seien es zeitlicher, seien es emotionaler oder
persönlicher Art, miteinander in Beziehung setzen müssen,
führen notwendigerweise zu einer sehr viel höheren, auch
persönlichen Herausforderung an die Interaktionskompetenz der
Individuen. Aushandlungsprozesse, die sich nicht notwendigerweise an
traditionellen Vorgegebenheiten orientieren können, sondern an
die Persönlichkeiten der Interaktionspartner gebunden sind,
implizieren immer auch das Risiko des Scheiterns. Dennoch scheinen
die Beziehungsmuster zwischen allen Beteiligten doch so stabil zu
sein, daß die Zahl derjenigen, die in dieser Komplexität
scheitern, in Relation zu denjenigen, die zumindestens bis zum 18.
Lebensjahr ihrer Kinder diese Interaktionsprozesse entwickeln und
steuern können, eine verschwindende Minderheit ist. Wenn auch
heute noch mehr als 80% der Kinder -sowohl auf der Basis der Daten
des Mikrozensus wie aber auch auf der Basis der Daten des
Familiensurveys35 - bei ihren
Eltern leben, dann muß man doch davon ausgehen, daß ganz
offenkundig innerhalb der Familienbeziehungen ein so hohes Maß
an Eigenlogik und positiver Verstärkung vorhanden ist, daß
alle Beteiligten in der Lage sind, diese Prozesse über einen so
langen Zeitraum individuell zu steuern. Daher wird auch hier die
These vertreten, daß Individualisierungsprozesse nicht
notwendigerweise aufgrund einer rigorosen
Selbstverwirklichungs-Ideologie der Erwachsenen zu einer
Vernachlässigung der Bedürfnisse der Kinder, zu einer
Vernichtung des kulturellen Kapitals in unserer Gesellschaft und zu
ganz egozentrischen Beziehungsmustern führen, sondern eher dazu,
daß individuelle Aushandlungsprozesse an die Stelle
gesellschaftlicher Vorgegebenheiten treten. Ganz im Sinne Rene
KÖNIGs36 ist das als ein
Argument zu werten, daß möglicherweise auf Dauer eine der
wesentlichsten Voraussetzungen der Stabilität von
Eltern-Kind-Beziehungen und Ehepartner-Beziehungen genau in diesen
Individualisierungsprozessen zu suchen ist.
Genauso wie die Individualisierung der Eheschließung und die
damit verbunde Möglichkeit der Individuen unabhängig von
den ökonomischen und ständischen Vorgegebenheiten einer
Gesellschaft sich individuell für einen Partner zu entscheiden
und damit auch die Voraussetzung für eine stabile, dauerhafte
Beziehung zu schaffen, bedeuten möglicherweise
Individualisierungsprozesse in bezug auf die Eltern-Kind-Beziehungen
ganz ähnlich die Möglichkeit der Eltern, d.h. die
Möglichkeiten der Mutter und des Vaters entsprechend ihrer
eigenen Lebensentwürfe und Lebensvorstellungen die eigenen
Bedürfnisse und die des Kindes miteinander so in Beziehung zu
setzen, daß man für eine relativ lange Zeit dauerhafte und
stabilie Beziehungen miteinander entwickeln kann. In diesem Sinne
interpretieren wir - ganz in Anlehnung an Rene KÖNIG -
Individualisierungsprozesse auf der einen Seite als Befreiung des
Individuums aus den traditionalen Vorgegebenheiten autoritärer
Gesellschaften, die den Individuen individuelle
Freiheitsspielräume nicht zutrauten, aber gleichzeitig auch als
eine der wesentlichen Bedingungen, um in individualisierten
Gesellschaften diese Freiheiten nun verantwortlich - in bezug auf den
Ehepartner wie aber auch in bezug auf die eigenen Kinder - zu
benutzen.
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1 Dieser
Aufsatz basiert auf dem Manuskript eines Vortrages "Kulturelles
Kapital in
individualisierten Gesellschaften", den der erstgenannte Autor am
6.April 1995 in
Stuttgart gehalten hat.
19 In
diesem Teil des Textes wurden die Analysen auf der Basis des von
Prof. Nauck in
diesem Buch beschriebenen Datensatzes durchgeführt.
20 Statistisches Jahrbuch (1992)
34
Für diese Analysen haben wir auf den genannten Datensatz der
für das Buch "Das
Indivdiuum und seine Familie.Lebensformen, Familienbeziehungen und
Lebensergnisse
im Erwachsenalter" erstellt wurde, zurückgegriffen, da uns hier
67.000 Genannte zur
Verfügung standen. Eine genaue Beschreibung findet sich dazu im
o.g. Buch unter dem
Titel: "Methodische Informationen zu den verwendeten
Datensätze".
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zuletzt aktualisiert: 11.Juni.1998
Quelle:
http://www2.hu-berlin.de/inside/mikrosoz/themen/lit/Eltern_Zeit_Kinder/ElternZeitundKinder.html