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Biologie,
Evolution und das globale Gehirn
Howard
Bloom
17.01.97
Geschichte des globalen Gehirns
I
Viele Anhnger der
Vision eines globalen Gehirns gehen davon aus,
daþ eine kollektive Intelligenz erst aus der
engen Verkn¸pfung der Menschen durch die
Medien und Computernetze hervorgeht. Der
Palopsychologe Howard Bloom zeigt aber,
daþ viele Tiere und die Menschen schon immer
in einem "Superorganismus" leben, dessen Strukturen
sich in ihrer Physiologie mit teilweise
erschreckenden Folgen eingeprgt haben. Aus
dieser biologischen Perspektive ergibt sich auch
eine neue Bewertung der bislang verfemten
Evolutionstheorie der "Gruppenselektion", die das
beherrschende Dogma der meisten
Evolutionstheoretiker verletzt. M¸ssen wir in
den Gesellschaftswissenschaften und in der
Evolutionstheorie radikal umdenken?
Howard Bloom hat seine Perspektive der
menschlichen Geschichte und der biologischen Natur
des Menschen in seinem letzten Buch "The Lucifer's
Principle" dargestellt. Einige Auszüge findet
man hier.
Die erste Hälfte der Geschichte des globalen
Gehirns bis einschließlich Kapitel XI
erscheint als Buch beim Bollmann Verlag. Telepolis
wird auch die weiteren Kapitel online
veröffentlichen.
Das globale
Gehirn und das Dogma der individuellen
Selektion
Unlängst wurde in Telepolis ein Kapitel aus
dem Buch "The Global Brain Awakens" von Peter
Russell veröffentlicht. Peter Russell
kündigte hier die Entstehung einer weltweiten,
durch Computernetze verbundenen Intelligenz an.
Für den britischen Computerwissenschaftler,
Experimentalbiologen und Physiker könnte die
Entdeckung überraschend sein, daß
Forscher und Theoretiker, die auf Evolution
spezialisiert sind, die grundlegenden
Voraussetzungen dieser Vision in Frage stellen
würden. Der Grund für die Skepsis der
Evolutionswissenschaftler ist das sogenannte
Konzept der individuellen Selektion. Diese Idee hat
gewinnbringende neue Perspektiven auf das
menschliche Verhalten eröffnet, nachdem sie
vor ungefähr 30 Jahren erstmals gefaßt
wurde. Aber seitdem ist dieses Konzept teilweise
von einer intellektuellen Brille zu einem
blindmachenden Instrument geworden.
Dieser Beitrag wird die wackeligen Wurzeln der
individuellen Selektion herausarbeiten und ein
Modell - das meine - vorstellen, das die fehlende
Verbindung zwischen den Skeptikern - den
Evolutionswissenschaftlern - und den Gläubigen
herstellen könnte, die man unter den
Computerfachleuten findet, welche einen von
gemeinsamer Information pulsierenden Planeten
erträumen, dem, wie Peter Russell es sagt, ein
globales Nervensystem gewachsen ist.
Der wissenschaftliche Hintergrund derjenigen,
die eine weltweite Intelligenz vorhersagen, ist
makellos. Peter Russell studierte Mathematik und
theoretische Physik in Cambridge, arbeitete mit
Stephen Hawking, erhielt (noch einmal in Cambridge)
einen akamdemischen Titel und promovierte in
Experimentalpsychologie. Joel de Rosnay , der
Autor des Buches "Das globale Gehirn" (1986), war
Direktor für Forschungsanwendungen am Institut
Pasteur, Wissenschaftler für Biologie und
Computergrafik am MIT und wirkte an der Einrichtung
des französischen Zentrums für
Systemtheorien und neue Technologien mit. Valentin
Turchin, ein zentrales Mitglied der internationalen
"Global Brain Study Group" hat eine dreifache
Doktorwürde in theoretischer Physik. Gottfried
Mayer-Kress, Autor von "The Emergence of Global
Brains in Cyberspace", hat in theoretischer Physik
an der Universität Stuttgart promoviert und
war mit solchen berühmten Institutionen wie
dem CERN, dem Los Alamos National Lab oder dem
Santa Fe Institute verbunden. Francis
Heylighen , ein weiteres Gründungsmitglied der
Global Brain Study Group, promovierte in Physik in
Brüssel und ist unter anderem ein Direktor des
multidisziplinären Center Leo Apostel in
Brüssel.
Warum also würde eine internationale Gruppe
ebenso hehrer Spezialisten den Begriff der
Intelligenz eines Superorganismus belächeln?
Die individuellen Selektionisten, die heute die
"neodarwinistische" Überzeugung beherrschen,
glauben, daß jedes tierische und menschliche
Verhalten das Ergebnis der genetischen Habgier ist.
Selbst die offensichtlichste selbstaufopfernde Tat
ist das Ergebnis einer verborgenen Berechnung der
genetischen Kosten und Gewinne. Ein Gen, das
genügend nach der Garantie giert, daß
zwei seiner Kopien auf die nächste Generation
übergehen, wird sich schnell vermehren. Gene,
die Selbstverleugnung programmieren, werden Mittel
aufgeben, anderen zu helfen. Folglich werden einige
dieser Gruppenspieler keine Kopien von sich
verbreiten. Die Population der nicht-egoistischen
Gene werden von Generation zu Generation
dahinschwinden, bis sich die Unterstützer des
allgemeineren Guten aus dem Leben philanthropisiert
haben. Und die für lange Zeit
Überlebenden werden so vorprogrammiert sein,
daß sie nur kooperieren, wenn der Preis von
dem, was sie aufzugeben genötigt sind, sich in
einem genetischen Profit auszahlt.
Die verfemte
Alternative der Gruppenselektion
In der Zwischenzeit ist untergründig eine
andere Schule evolutionären Denkens
entstanden, die man die der Gruppenselektion nennt.
Die wenigen Evolutionswissenschaftler, die bereit
sind, ihren Glauben an die Gruppenselektion
einzugestehen, behaupten, daß die Individuen
ihre einzigartige genetische Erbschaft für das
Interesse eines größeren Ganzen zu
opfern. Ein derartiges Bedürfnis nach
Kooperation und Konvergenz müßte
vorhanden sein, um das globale Gehirn und das
planetare Nervensystem zu ermöglichen.
Andererseits werden Menschen, wenn die
individuellen Selektionisten Recht behalten, ihr
Wissen nicht mit anderen teilen wollen, weil das
ihnen einen Vorteil verschaffen könnte. Das
Cybermeer des WWW und seiner technischen Nachfolger
wird eher der Schlund eines Barracuta als ein
Metaintellekt sein.
Zahlreiche Wissenschaftler haben in
Zeitschriften, die eine emotional getönte
Sprache meiden, die Gruppenselektion als
"Häresie" bezeichnet. Robert Wright, der
Chronist der auf individueller Selektion beruhenden
Evolutionspsychologie, ist in seiner Verdammung
gnädiger. Gruppenselektion, so sagt er, ist
nur eine verführerische "Versuchung".
Robert Wright bezeichnet die auf der
individuellen Selektion aufbauende Psychologie als
das "das neue Paradigma", doch der Begriff der
individuellen Selektion zeigt bereits die
Erstarrung des Alters. Die Ansicht, daß jedes
Verhalten letztlich auf Selbstinteresse
zurückgehe, setzte sich früh im 20.
Jahrhundert durch. Als "Überlebensinstinkt"
verschleiert, beherrschte sie eine weitere
hinterfragbare Orthodoxie: das Flucht- oder
Kampfsyndrom, das von William McDougall 1908
aufgespürt und von Walter Cannon 1929 bekannt
gemacht wurde. Als Experimentalpsychologe meint
jedoch Robert E. Thayer, daß "bestimmte
Aspekte des Flucht- und Kampfmodells zu keiner Zeit
durch wissenschaftlicher Evidenz unterstützt
wurden." Überdies kann dieses Modell nur
teilweise richtig sein. Wenn Tiere mit einer
überwältigenden Bedrohung konfrontiert
sind, dann erstarren sie häufig aufgrund von
Angst, Resignation und einer Reihe miteinander
verbundener physiologischer Mechanismen. Anstatt zu
kämpfen oder wegzurennen, um ihr Leben zu
retten, überlassen sie sich den Klauen des
Jägers. Soviel also zur Allgegenwart des
Überlebensinstinkts! Dennoch gilt das Prinzip
Kampf oder Flucht bis heute als absolute Wahrheit.
Über 30 Jahre nach Cannon hatten aber W. D.
Hamilton und andere den Mut, zumindest ein Haar in
der Suppe des Selbstinteresses zu erkennen. Wenn
das individuelle Überleben das ein und alles
jeder Existenz ist, wie kann man dann Altruismus
erklären?
Während der frühen 60er Jahre
konzentrierte sich Hamilton auf das selbstlose
Verhalten von weiblichen Arbeitsbienen, die ihre
Reproduktionsansprüche opfern und keusch ihrer
Königin dienen. Sein Triumph war eine
mathematische Beweisführung, daß die
Arbeiterinnen im wesentlichen dieselben Gene als
ihre Königin besitzen. Wenn daher ein
Individuum zugunsten seines Monarchen lebt, scheint
sie lediglich ihre eigenen Bedürfnisse zu
ignorieren. Durch das Versorgen der Eier einer
Kolonie brütet jede Arbeiterin Kopien ihres
eigenen biologischen Erbguts aus. Altruismus, so
behauptete Hamilton, ist verschleiertes
Selbstinteresse.
Hamiltons Ideen und die darauf aufbauenden
Theorieansätze haben sehr zu unserem
Verständnis der evolutionären Mechanismen
von der Medizin, Ökologie und Psychologie bis
hin zur Ethologie - der Untersuchung von
freilebenden Tieren - beigetragen. Doch fast 25
Jahre nach der Entdeckung Hamiltons hat die
Untersuchung an wirklichen Bienenkolonien gezeigt,
daß seine Mathematik nicht mit den Tatsachen
übereinstimmt. In den Gesellschaften
nicht-egoistischer Insekten gab es weitaus mehr
genetische Varianz, als die Gleichungen erlauben
würden. Individuen schwören nicht ihren
Interessen einfach deswegen ab, weil sie
ähnliche Klone ihres eigenen Genoms
schützen wollen. Offensichtlich geschieht
irgend etwas anderes.
Trotzdem verhärteten sich die auf der
sogenannten individuellen Selektion basierenden
Theorien zum Dogma. Und viele, die andere
Ansätze als Hamilton verfolgten, wurden durch
die stillschweigende Bedrohung gestoppt, von der
professionellen Anerkennung ausgeschlossen zu
werden, in ihrer Karriere behindert zu werden und
keine Forschungsgelder mehr zu erhalten.
Mitte der 90er Jahre ging eine wachsende Gruppe
von Wissenschaftlern das Risiko ein,
lächerlich gemacht zu werden, indem sie
für die gleichzeitige Gültigkeit von
individueller und Gruppenselektion eintraten. David
Sloan Wilson von der State University of New York
ist der anerkannte Pionier dieser Gruppe. Ich war
Organisator einer seiner Guerillaeinheiten: "The
Group Selection Quad". Und meine theoretischen
Arbeiten zeigen deutlich, daß die Sozial- und
Biowissenschaften einen großen Gewinn aus der
Neubewertung der Selektion gewinnen
könnten.
Physiologische
Wirkungen der Gruppenselektion im
Individuum
David Sloane Wilson hat auf über 400
Untersuchungen hingewiesen, die die Perspektive der
Gruppenselektion unterstützen. Seine
Forschungen hat er auf den Nachweis ausgerichtet,
daß bei Menschen diejenigen, die ihr Denken
vereinigen, normalerweise bessere Entscheidungen
treffen als jene, die das, was sie denken, für
sich behalten. Ich habe meine Bemühungen auf
die Einführung einer wissenschaftlichen
Disziplin gerichtet, deren Daten die individuellen
Selektionisten nicht zur Kenntnis nehmen wollen.
Dieser halsstarrig vernächlässigte
Bereich ist die Pychoneuroimmunologie, also die
Untersuchung der Beziehungen zwischen der
Physiologie und den Bedingungen in der "mentalen"
oder psychosozialen Umwelt.
Wie wir bereits gesehen haben, bestehen die
individuellen Selektionisten darauf, daß ein
Lebewesen, egal ob es sich um ein Tier oder um
einen Menschen handelt, seinen Eigennutz nur dann
opfert, wenn der Gewinn für seine Gene
größer ist als das, was es aufgibt. Sein
selbstverleugnendes Verhalten muß nahen
Verwandten zugute kommen, die dieselben Gene
besitzen. Das nennt man "Familienselektion". Ein
Lebewesen kann zugunsten eines Nicht-Verwandten
einen Aspekt seines Wohlergehens aufgeben ... aber
nur, wenn es begründet erwarten darf,
daß diese Gunst auch wieder
zurückerstattet wird. Dieses theoretische
Hintertürchen ist als "reziproker Altruismus"
bekannt.
Aber bereits in den frühen 40er Jahren
begannen Wissenschaftler wie René Spitz zu
entdecken, daß der genetische
Überlebensinstinkt bei Menschen ein
Gegenstück unerwarteter Natur hat. Das war ein
physiologischer Zwilling von Freuds angenommenen
Thanatos, vom Todestrieb. Die neuen Empiristen
hatten nicht die Begabung Freuds, einprägsame
Begriffe zu prägen. Sie stellten nur fest, was
vor sich ging, und erfanden neue Bezeichnungen
("anaklitischer Schock", "erlernte Hilflosigkeit")
für jeden von ihnen identifizierten Vorfall.
In meinem Buch "The Lucifer Principle: a scientific
expedition into the forces of history" habe ich mir
die Freiheit genommen, eine allgemeine Bezeichnung
einzuführen. Jeder Forscher, von René
Spitz, Harry Harlow oder Lydia Temeshok bis hin zu
Martin Seligman und Robert Sapolsky, hat ein
Beispiel für einen "selbstzerstörerischen
Mechanismus" ans Tageslicht gebracht.
Nehmen wir ein typisches Beispiel. Zahlreiche
Untersuchungen von Wissenschaftlern mit sehr
unterschiedlichen Perspektiven haben gezeigt,
daß jene Krankenhauspatienten, die am meisten
Hilfe benötigen, diese am wenigsten erhalten.
Depressive Patienten verhalten sich auf eine Weise,
die Ärzte und Schwestern veranlaßt, sie
zu meiden. Sie werden unkommunikativ und gereizt.
Sie bringen andere mit allen Mitteln vom
Gesichtsausdruck und der Sprachbetonung bis zur
Körpersprache durcheinander. Ein individueller
Selektionist würde das so erklären,
daß ein derartiges selbstschädigendes
Verhalten das Ergebnis einer adaptiven Reaktion
ist, die enge Verwandte von einer Last befreit,
ihnen einen Vorteil verschafft
("Familienselektion") oder den guten Willen eines
anderen auflädt, der das sich selbst opfernde
Individuum oder andere Träger seiner Gene in
der Zukunft kompensiert ("reziproker
Altruismus").
Empirische Untersuchungen zeigen jedoch
Gegenteiliges. Die Patienten mit der
größten Zahl von Verwandten und Freunden
sind am wenigsten anfällig für
Depression. Sie neigen dazu, fröhliche Seelen
zu sein, die selbst angesichts des Todes freundlich
sind und Ärzte sowie Schwestern dazu
veranlassen, sich mit Sympathie an ihrem Bett zu
versammeln. Daher sind diejenigen, die nach Ansicht
der individuellen Selektionisten Kopien ihrer Gene
durch ihr Ausscheiden fördern könnten, am
geringsten davon bedroht, vorzeitig von der Sense
des Todes gefällt zu werden.
Andererseits haben Untersuchungen an Menschen
und Tieren gezeigt, daß die individuellen
Selektionisten gerade als letztes erwarten
würden, daß depressive Lebewesen mit
ihrem Sensenmann flirten, da sie zumindest Gene
bevorzugen sollten, die den ihren ähnlich
sind. Ihre Familienbande sind entweder
beschädigt oder nicht vorhanden. Die
Immunsysteme von Lebewesen mit wenigen oder keinen
Freunden und eng verbundenen Verwandten brechen
zusammen, während die Immunresistenz
derjenigen, die Teil eines sozialen Netzes sind,
viel größer ist. Isolierte Individuen
erleben, um es anders auszudrücken, eine ganz
unwillentliche Unterwerfung unter Krankheit und
körperlichen Zerfall. Sie werden von etwas
ergriffen, das dem Selbstmordmechanismus
ähnlich ist, den man Apoptosis nennt, eine
Folge von selbstzerstörerischen
Vorgängen, die in nahezu jeder lebendigen
Zelle vorprogrammiert sind und dann aktiviert
werden, wenn die Zelle Signale erhält,
daß sie für die größere
Gemeinschaft, deren Teil sie ist, keinen Nutzen
mehr bringt. Zwischen ihrem Immunsystem, das sich
selbst lahmlegt, und ihren Verhaltensweisen der
Selbstverteidigung gefangen, lassen isolierte
Individuen ihre Todeschancen schnell anwachsen. Die
Gewinnauszahlung für ihre Kopien geht gegen
Null. Nichts dergleichen paßt zum
ausgearbeiteten Dogma des individuellen
Selektionismus.
Wenn sie in einer Falle gefangen werden,
behaupten individuelle Selektionisten oft,
daß wir Zeugen eines Instinktes sind, der
während unserer Tage als Sammler und
Jäger hilfreich war, der also unter den
Bedingungen des Pleistozäns die
Überlebenschancen derjenigen mit
ähnlichen Genen erhöhte. Was diese
Apologeten jedoch behaupten, ist, daß das,
was den Genen in unserem Innersten während der
Tage der ersten Steinaxt zum Vorteil diente, in der
modernen Industriegesellschaft hinsichtlich seines
Zweck pervertiert wurde.
Aber dieses Argument hält vermutlich nicht
lange stand. Die Isolation von Schimpansen, Hunden,
Labormäusen und vielen anderen Tieren
führt zur Depression, zu einer Schwächung
des Immunsystems und zu einer Unfähigkeit,
Fluchtwege zu sehen oder zu benutzen. Auch
Lebewesen ohne Industrialismus erhöhen wie wir
ihre Todeschancen, wenn sie aus ihren sozialen
Verbindungen herausgelöst werden, und nicht,
wenn ihr Verschwinden einen Vorteil für
Träger von Genen bringt, die den ihren
ähnlich sind.
Superorganismus,
neuronale Netze und Immunsysteme
An diesem Punkt wird das neue Modell des
evolutionären Prozesses begreifbar, das ich in
"The Lucifer Principle" eingeführt. Nehmen wir
für einen Augenblick an, daß die
Vertreter der Gruppenselektion richtig liegen.
Individuen werden sich selbst zugunsten des Wohls
eines größeren Ganzen opfern. Diese
größeren Einheiten liegen miteinander im
Wettstreit. Wenn Gruppen einander bekämpfen,
werden diejenigen gewinnen, die sich der
wirkungsvollsten organisatorischen, strategischen
und technischen Vorteile rühmen können.
Individuen, die einen Beitrag zur Virtuosität
ihrer Gruppe leisten, werden Teil eines
überlebenden Teams sein. Und auf diese Weise
schreitet die Evolution voran.
Fügen wir jetzt noch zu den Annahmen der
Gruppenselektionisten ein weiteres Konzept hinzu,
das den Mathematikern der Komplexität vertraut
ist. Komplexe adaptive Maschinen sind lernende
Systeme, die aus zahlreichen Komponenten bestehen.
Neuronale Netze und Immunsysteme sind besonders
gute Beispiele dafür. Beide wenden einen
Algorithmus an, der auf nicht mathematische Weise
am besten von Jesus von Nazareth formuliert wurde:
"To him who hath it shall be given; from he who
hath not even he hath shall be taken away."
Das neuronale Netz besteht aus einer
großen Population individueller
Schaltstellen, von elektronischen Knoten, deren
Verbindung mit dem größeren Netz
verstärkt oder radikal vermindert werden kann.
Ein Immunsystem führt dieses Prinzip noch
einen Schritt weiter. Es besitzt zwischen 10
Millionen und 10 Milliarden unterschiedlicher
Antikörper. Zusätzlich enthält es
eine Menge an Einheiten, die man "individuelle
virenspezifische T-Zellen" nennt. Sowohl das
Immunsystem als auch das neuronale Netz gehorchen
dem biblischen Gesetz. Elemente, die zur
Lösung eines gemeinsamen Problems beitragen,
erhalten Ressourcen und Einfluß, aber das Los
vieler Elemente, die der Gruppe nicht dienen
können, ist der Entzug von diesen. Im
Immunsystem treffen die T-Zellen auf die
MHC-Zeichen eines Eindringlings. Ein kleiner Anteil
der Verteidiger entdeckt, daß ihre
einzigartigen Rezeptoren es ihnen ermöglichen,
die Angreifer zu besiegen. Diese Champions
dürfen sich dann in explosiver Geschwindigkeit
reproduzieren, und ihnen wird das Rohmaterial
übergeben, das sie benötigen, um ihre
Zahl ansteigen zu lassen. T-Zellen, die für
den gegenwärtigen Angriff nicht dienlich sind,
werden ihrer Ernährung, ihrer Fähigkeit,
sich fortzupflanzen, und oft auch ihres Lebens
beraubt. Jede unterliegt der internen
Zerstörung durch den "vorprogrammierten
Zelltod" der Apoptosis.
Im neuronalen Netz werden Knoten, deren
Zusammenarbeit zur Lösung eines Problems
beiträgt, mit mehr elektrischer Energie und
mit Verbindungen zu weit entfernten Horden von
Rekruten belohnt, während die Knoten, deren
Arbeit für das anstehende Problem unbedeutend
ist, weniger elektrische Energie erhalten und ihre
Möglichkeit, sich mit anderen zu verbinden und
sie zu erregen, dramatisch verringert wird. Sowohl
T-Zellen als auch Netzknoten konkurrieren um das
Recht, die Ressourcen des größeren
Systems zu beherrschen. Beide zeigen eine
offensichtliche "Bereitschaft", an den Regeln
festzuhalten, die Verleugnung erzwingen. Diese
Kombination von Konkurrenz und Selbstlosigkeit
verwandelt eine Ansammlung von elektronischen oder
biologischen Elementen in eine lernende Maschine,
die als Ganzes eine adaptive Kraft besitzt, die
weit über die jedes einzelnen Elements
innerhalb ihrer hinausgeht.
Derselbe modus operandi ist in das biologische
Gerüst der meisten sozialen Lebewesens
eingebaut. Offensichtlich wird das beispielsweise
bei dem Phänomen, das seine Entdecker
"erlernte Hilflosigkeit" genannt haben. Tiere und
Menschen, die ein wiederholt auftretendes Problem
lösen können, bleiben kräftig. Aber
Mäuse, Affen, Hunde und Menschen, die nicht
mit immer wieder auftretendem Unglück umgehen
können, werden zu Opfern der zuvor
erwähnten selbstzerstörerischen
Mechanismen. Lassen Sie uns etwas mehr ins Detail
gehen. Experimente über den physiologischen
Einfluß beim Umgang mit einem Problem
begannen in den 50er Jahren, als Joseph Brady und
seine Kollegen sich einen grausamen, aber klugen
Mechanismus ausdachten. Sie stellten zwei
Stühle nebeneinander. Die Stühle waren
mit einem elektrischen Schaltkreis vernetzt, der
gleichzeitig Stromstöße mit derselben
Spannung auf die darin Sitzenden austeilen konnte.
Die Versuchsobjekte, die in diesen heißen
Stühlen festgeschnallt wurden, waren Affen. Es
gab nur einen Unterschied zwischen den beiden
Affen: der auf der rechten Seite sitzende Affe
hatte einen Knopf, mit dem er das dem Paar
gemeinsame Problem lösen konnte. Mit dem Knopf
konnte er jeden Stromstoß ausschalten, wenn
er ankam. Die Wissenschaftler nahmen an, daß
der Primat mit dem Schalter schwere gesundheitliche
Probleme entwickeln würde. Er war der "Chef",
der von der Verantwortung belastet sein würde.
Das neben ihm sitzende Tier wurde im selben
Augenblick von seinem Schmerz erlöst. Doch
dieser Mitfahrer mußte nichts beurteilen oder
leisten. Das Tiere ohne Schalter würde sich
sicherlich besser entwickeln, da er von der
doppelten Last der Sorge und der Wachsamkeit
entlastet war. Frühe Auswertungen schienen
tatsächlich zu beweisen, daß diese
Annahme richtig war. Die Affen mit dem Auftrag der
Entscheidungsfindung galten als diejenigen, die
eine weitaus größere Neigung zur
Ausbildung von Magengeschwüren ausprägen
sollten.
Untersuchungen
über "erlernte Hilflosigkeit"
Doch eine spätere Untersuchung zeigte,
daß die Experimente mit dem "Chefaffen"
fatale Designschwächen hatten. Ihre Ergebnisse
waren ungültig. Zwanzig Jahre später
ließen Experimente etwas ganz anderes sehen.
Wenn zwei Ratten - eine mit einem Schalter und eine
ohne - in angrenzende Käfige gesteckt wurden,
trippelten und sprangen sie zunächst herum, um
einen Fluchtweg zu finden, der sie von der
zufälligen Austeilung von Thors Blitzen
befreite. Die eine Ratte fand schnell ihren
Steuerknopf. Sobald der Strom ihre Fußsohlen
verbrutzelte, rannte sie zum Schalter und schaltete
ihn ab, wodurch sie sich und ihren Kameraden
rettete. Andererseits gab die Ratte, deren
verzweifelter Versuch, ein Steuerungsmittel zu
finden, zu keinem Erfolg führte, meist ihren
Kampf auf, legte sich im Käfig nieder und
akzeptierte die Schocks mit einer Haltung der
Resignation.
Als die Experimente über "erlernte
Hilflosigkeit" fortgesetzt wurden, entdeckte man,
daß nicht nur Faulheit das Tier
aktionsunfähig machte, das nichts zur
Lösung des gemeinsamen Dilemmas beitragen
konnte. Sein Immunsystem schützte es nicht
mehr vor Krankheiten. Wenn man ihm eine
Fluchtmöglichkeit anbot, dann war seine
Wahrnehmung zu trübe, um sie zu sehen oder
ihre Nützlichkeit zu bemerken. Seine
selbstzerstörerischen Mechanismen hatten die
Macht übernommen. Alles wies darauf hin,
daß diese selbstverstümmelnden Reflexe
physiologisch vorprogrammiert sind. Am deutlichsten
legte davon der Sachverhalt Zeugnis ab, daß
das Tier, das mit den Angriffen eines grausamen,
vom Wissenschaftler gespielten Schicksal
zurechtkam, ein kräftiges Immunsystem behielt,
eine relativ deutliche Wahrnehmung der Welt um es
herum besaß und aktiv und kraftvoll blieb -
trotz seiner immer wiederkehrenden Spurts, um der
Quälerei zu entrinnen. Wie würde die von
außen verhängte Unfähigkeit seines
Nachbarn die Weitergabe der Gene des Opfers in die
nächste Generation unterstützen?
Offensichtlich kümmerte sich niemand um diese
Fragestellung.
C. Wynne Edwards hatte bereits die Auswirkungen
dieser Phänomene in einem sozialen Kontext
beobachtet. Unter natürlichen Bedingungen sind
Tiere nicht durch einen Käfig voneinander
getrennt, sondern leben als Teil einer
größeren Gruppe. Edwards untersuchte
schottische Moorhühner. Bestrafungen und
Belohnungen wurden hier nicht von Wissenschaftlern,
sondern von der natürlichen und sozialen
Umwelt verteilt. Männliche Moorhühner,
die durch Beherrschung ihrer Umwelt gute Nahrungs-
und Schlafbedingungen finden konnten, wurden
kräftig und entwickelten Selbstvertrauen.
Diejenigen, deren Futtersuche weniger erfolgreich
war und die nicht die sichersten Stangen finden
konnten, wurden körperlich weniger robust. Sie
gingen geschwächt in den jahreszeitlichen
Wettstreit um die Hennen. Sie kämpften einzeln
mit ihren erfolgreicheren Gruppenmitgliedern und
verloren den Kampf normalerweise. Ihr Versagen,
eine Möglichkeit zu finden, wie sie ihre
Umwelt beherrschen konnten, führte zu einem
korrespondierenden Versagen, Macht in ihrer
sozialen Umwelt zu erlangen.
Die erfolgreichen Vögel erwarben einen
Harem, einen Zugang zu sogar noch mehr Nahrung als
zuvor und einen höheren Grad an Scharfsinn und
Leistungskraft. Die Verlierer empfanden Schmach.
Als sich ihre selbstzerstörerischen
Mechanismen einschalteten, zeigten sie Symptome,
die komparative Psychologen als direkte Analogie
zur menschlichen Depression bezeichneten. Wie die
Ratten, die keinen Einfluß auf ihr Schicksal
ausüben konnten, gaben diese
Unglücklichen auf und zogen sich resigniert
auf eine Position am Rande der Gruppe zurück,
an der sie für einen vorbeilaufenden Fuchs am
verführerischsten waren. Sie hatten keine
Appetit mehr. Da ihr Immunsystem in einen
niedrigeren Gang umschaltete, wurden sie immer
kränker. In Zeiten der Knappheit waren sie die
ersten, die starben.
Wynne-Edwards zog daraus den Schluß,
daß er hier die Gruppenselektion beobachtete.
Die Vögel, deren Mißgeschick zu einem
körperlichen Zerfall geführt hatte,
opferten sich selbst, wie er empfand, um die
Gruppengröße an die Umgebungsressourcen
- die Menge an Nahrung und anderen Notwendigkeiten
- anzupassen. Der Schotte veröffentlichte
seine Schlußfolgerungen 1962. William
Hamiltons Gleichungen hatten 1964 die Gruppe der
Evolutionisten im Sturm genommen. Wynne-Edwards
wurde der Prügelknabe der Gruppenselektion und
büßte seine wissenschaftliche
Anerkennung ein. In verbreiteten Nachschlagewerken
wird er vor allem als Beispiel eines
wissenschaftlichen Irrtums erwähnt.
Was Wynne-Edwards beobachtet hatte, war ein
komplexes adaptives System, das einem neuronalen
Netz teuflisch ähnlich war. Die
Gruppenmitglieder, die Lösungen für
aktuelle Probleme finden konnten, wurden mit Macht,
Nahrung, Unterkunft und sexuellen Privilegien
belohnt. Die schwachen Glieder im neuronalen Netz
der Gruppe, die nicht in der Lage waren, Mittel zur
Lösung der Umweltpuzzles auf ihrem Weg zu
finden, wurden isoliert, das soziale System
ließ sie verkümmern und durch
Selbstzerstörung zum Krüppel werden.
Die Gruppe hatte, in anderen Worten, ihre
wesentlichen Eigenschaften als eine funktionale
lernende Maschine, als ein komplexes adaptives
System oder, wenn man will, als Superorganismus
gezeigt. Später sollte der israelische
Naturforscher Amoth Zahavi zeigen, daß
Vogelschwärme als gemeinsame
Informationsverarbeitungssysteme funktionieren.
Zahavi brachte seine Beobachtungen aber nicht mit
denen von Wynne-Edwards, den Untersuchungen
über "erlernte Hilflosigkeit" und den
Prinzipien komplexer adaptiver Systeme
zusammen.
Die
Perspektive einer vernetzten
Intelligenz
Seit 1981 bestand meine Arbeit darin zu zeigen,
daß diese Elemente Teile eines einzigen
Puzzles sind. Die Existenz
selbstzerstörerischer Mechanismen, die
Tatsache, daß diese über die Umwelt ein-
und ausgeschaltet werden, und die Gegebenheit,
daß soziale Tiere durch Netze des
Informationsaustauschs verbunden sind,
erklären den durch die Schlußfolgerungen
der Forschungsübersicht von David Sloane
Wilson gestützten Mechanismus, daß eine
Gruppe normalerweise besser als die in ihr lebenden
Individuen Probleme löst.
Wenn man, kurz gesagt, anerkennt, daß
Individuen wie die Moorhühner zwar wirklich um
Reproduktionsvorteile kämpfen (man denke an
saisonal stattfindenden Turniere, durch die
festgelegt wird, welche Hähne Sexualpartner
erhalten), daß aber ihr Wettstreit im Rahmen
einer vernetzten Intelligenz stattfindet, dann
scheint die Idee der Gruppenselektion notwendig zu
werden. Man lasse einen massiv parallel
verarbeitenden Rechner gegen einen anderen
antreten, was in der Natur dauernd geschieht, dann
sollte derjenige, der die größten
Vorteile aus den Regeln komplexer adaptiver Systeme
herausholen kann, der die beste kooperativ
lernenden Maschine ist, fast immer gewinnen.
Es ist an der Zeit, daß die
Evolutionstheoretiker ihren Geist öffnen und
den individuellen Selektionismus als rigides
Glaubensbekenntnis aufgeben, das nicht mit seinem
vermeintlichen Gegenteil, der Gruppenselektion,
koexistieren kann. Wenn ich richtig liege, dann
gibt es die vernetzte Intelligenz, die von
Computerwissenschaftlern und Physikern als ein
Ergebnis der entstehenden Technologien
angekündigt wird, bereits seit langem. Sie hat
die perverse physiologische Eigenschaft
herausgearbeitet, die sich in unserer depressiven
Lethargie, in unserer lähmenden
Ängstlichkeit, in der Reizbarkeit, durch die
wir andere abstoßen, wenn wir sie am meisten
benötigen, in unserer Resignation, wenn uns
ein Scheitern wiederholt enttäuscht, und im
Abbau unserer Gesundheit manifestiert, wenn wir zum
Opfer eines überwältigenden Verlustes
oder einer Krise werden. Diese physiologisch
verdrahteten Merkmale haben uns zu Mikroprozessoren
in der am meisten faszinierenden Form von
Parallelcomputern werden lassen, die je auf diesem
Planeten gebaut wurden. Ohne Transistoren haben sie
jeden von uns zu einer Zelle eines vernetzten
Gehirns werden lassen.
Drei Fragen
an Howard Bloom
Wird Gruppenselektion als Modell in der
Hirnforschung, beispielsweise bei Gerald Edelmans
"neuronalen Darwinismus", im Hinblick auf
Neuronenpopulationen angewendet? Oder dominiert
hier auch das Paradigma der individuellen
Selektion?
|
Howard
Bloom: Ja und Nein.
Zunächst ist es richtig, die
Forschungsarbeit von Gerald Edelman mit
den Prinzipien der komplexen adaptiven
Systeme zu verbinden. 50 % der
Gehirnzellen werden bekanntlich im ersten
Lebensjahr durch Apoptosis abgetötet.
Die Zellen, die nicht mit den
Herausforderungen in der Umwelt des Babies
klarkommen, müssen verschwinden. Das
ist das Prinzip: "To him who hath it shall
be given, from he who hath not even waht
he hath shall be taken away."
Individuelle Selektionisten würden
jedoch die Idee von sich weisen, daß
dies eine Gruppenselektion darstellt,
obgleich unterschiedliche
Neuronenpopulationen miteinander im
Wettstreit liegen und durch ihren Erfolg
leben oder sterben. Individuelle
Selektionisten würden sagen,
daß das wirksame Prinzip, weil alle
am Wettstreit beteiligten Neuronen
denselben genetischen Inhalt haben,
dasselbe ist wie in Hamiltons
ursprünglichem (und unangemessenem)
Modell einer Insektenkolonie. Jeder
Vorfall einer Selbstzerstörung stellt
folglich eine Familienselektion dar, in
der eine suizidale Zelle einen
altruistischen Akt begeht, um Kopien ihrer
Gene in anderen Zellen des Makroorganismus
zu fördern.
Wenn das ein bißchen nach
Haarspalterei von Scholastikern des
Mittelalters klingt, dann ist dies in der
Tat so. Wissenschaftler sind jedoch zu oft
besessen davon, sich über den Weg
über ein Astloch in einem Baum zu
streiten, und können dann nicht mehr
den Wald wahrnehmen, dessen Teil der Baum
ist. Sie werden vielleicht sogar
behaupten, daß der Baum gar nicht
existiert.
|
Steht die Gruppenselektion auch hinter
gesellschaftlichen Entwicklungen? Läßt
sie sich beispielsweise gegenwärtig in der
Abschaffung des Wohlfahrtsstaates sehen, die
parallel mit der Globalisierung geschieht?
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Howard
Bloom: Ja, die Ausbreitung von
und die Konkurrenz zwischen Subkulturen
ist eine Form der Gruppenselektion, die
den Machenschaften des kollektiven Gehirns
Macht verleiht. Wie das funktioniert,
werde ich in meinem neuen Buch "The
Irrational Invention Machine" zeigen.
Zudem haben Gesellschaftskritiker wie John
Naisbitt (Megatrends) und verschiedene
Geschichtswissenschaftler überzeugend
zeigen können, daß eine
gesellschaftliche Strömung zur Geburt
ihres Gegenteils führt. Hegel
hätte dem sicher zugestimmt. Die
heutige Globalisierung bringt eine
gegensätzliche, aber gleiche Reaktion
hervor: die Tribalisierung, die
Fragmentierung der Gesellschaft in
zunehmend in sich selbst abgeschlossene
Kleinstgruppen. Aber durch diese Form der
Differenzierung und Konkurrenz erfindet
ein komplexes adaptives System neue
Modalitäten, um seine Umwelt zu
verändern. In anderen Worten ist das,
was Sie fragen, in meinen Augen richtig.
Was Ökonomen eine konstruktive
Zerstörung nennen, gehört zur
Funktionsweise des Gruppengehirns.
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Gruppenselektion und
selbstzerstörerische Mechanismen scheinen eine
grausame Sache zu sein und schlecht in einen
ethischen Standpunkt zu passen. Welche Bedeutung
könnte Ethik im Rahmen eines
gruppenselektionistischen Zugangs zur Gesellschaft
besitzen?
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Howard
Bloom: Die Natur ist im Sinne
des "Teuflischen Prinzips" nicht die
gütige Mutter, für die ihre
Fürsprecher sie halten. Sie ist
vielmehr eine Mutter, die über den
Mißbrauch des Kindes jubelt. Ihre
Bösartigkeit ist auf so vielen Ebenen
in unsere Biologie eingebaut, daß
sie nicht nur zu unserer Physiologie,
sondern auch zu jeder menschlichen Kultur
gehört. Alle Gesellschaften, auch die
präkolonialistischen Inuit, die so
oft für ihre Friedlichkeit gelobt
werden, identifizieren Gruppen von
Menschen, die man hassen darf. Der
Haß auf Außenseiter als eines
der mächtigsten Bande, die eine
kulturelle oder subkulturelle Gruppe
zusammenhält, wurde von
unzähligen wissenschaftlichen
Untersuchungen nachgewiesen. Auch wenn
dies uns unfreiwillig aufgezwungen wurde,
so ist dieser modus operandi doch ethisch
verabscheuungswürdig. Infolgedessen
ist es für jeden von uns mit einer
moralischen Sensibilität eine
Pflicht, folgendes zu tun: Rebelliere
gegen die Natur und ihre Wege! Beende
Gewalttätigkeit, wo immer du kannst!
Wenn du einen Straßenraub
beobachtest, greife ein (Ich mache das
immer ... und ich bin sowohl
schwächlich als auch unsportlich)!
Wenn du einen Massenmord siehst und es
nicht schaffst, ihn zu stoppen, dann bist
du hinsichtlich seiner Ausführung ein
Komplize. Und das bin ich.
Am wichtigsten ist, auf die dunklen
Seiten des eigenen Idealismus und
moralischen Gefühls zu schauen.
Beides entsteht aus unserem Arsenal
natürlicher Instinkte. Und beides
degeneriert zu einer Entschuldigung
für Angriffe auf andere. Wenn unsere
gerechte Empörung in Wut gegen einen
"Schurken" umschlägt, werden wir
allzu oft zur Beute eines natürlichen
Programms von Zähnen und Klauen. Es
werden keine Lebewesen vom Mars oder
himmlische Weisen kommen, um uns vor
unserem eingeborenen Bösen zu retten.
Wir müssen die äußere
Natur und die in uns bekämpfen, um
uns und unser Selbst zu retten.
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Aus dem Englischen übersetzt von Florian
Rötzer
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Verlag Heinz Heise, Hannover
last modified: 03.11.98
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