Entwicklung im Jugendalter

Übung aus Pädagogischer Psychologie

LV-Leiter: Werner Stangl

Jugendliche und Devianz:
Jugendkriminalität

 

Dagmar Huber
Dieter Wagner


Inhaltsverzeichnis

 1 Einleitung *

2 Begriff und Bedeutung der Jugendkriminalität *

  • 2.1 Was bedeutet "kriminell"? *

    2.2 Bedeutung der Jugendkriminalität *

  • 3 Entwicklung der Jugendkriminalität *

  • 3.1 Vergleich zwischen männlichen und weiblichen jungen Tatverdächtigen *

    3.2 Vergleich von deutschen und ausländischen Jugendlichen *

  • 4 Formen der Jugendkriminalität *

  • 4.1 Bereicherungskriminalität *

    4.2 Andere Delikte *

    4.3 Orte der Gewalt *

    4.3.1 Gewalt in Schulen *

    4.3.2 Gewalt in Jugendfreizeitstätten *

    4.3.3 Gewalt in Kindergärten *

    4.3.4 Gewalt gegen Fußballfans ("Hooligans") *

    4.3.5 Politisch motivierte Gewalt gegen Ausländer und Minderheiten *

    4.3.6 Linksextremistische Gewalt *

    4.3.7 Rechtsextremistische und fremdenfeindliche Gewalt *

  • 5 Ursachen der Jugendkriminalität *

  • 5.1 biologische Faktoren *

    5.1.1 Verbrecherische Anlage *

    5.1.2 Körperliche Besonderheiten *

    5.1.3 Geisteskrankheit, Psychopathie *

    5.1.4 Intelligenzgrade, Schwachsinn *

    5.1.5 Entwicklungsstörungen *

    5.2 Soziale Faktoren *

    5.2.1 Familie - Wirtschaftliche und soziale Lage der Eltern *

    5.2.2 Probleme ausländischer Kinder *

    5.2.3 Jugendarbeitslosigkeit *

    5.2.4 Die Schule *

    5.2.5 Kirche *

    5.2.6 Beeinflussung durch Jugendgruppen / Gleichaltrigengruppen *

    5.2.7 Wehrdienst *

    5.2.8 Massenkommunikationsmittel - Medien *

  • 6 Bekämpfung der Jugendkriminalität *

  • 6.1 Pädagogische Maßnahmen *

    6.1.1 Behandlung von sehr aggressiven oder delinquenten Jugendlichen *

    6.1.2 Intervention bei aggressiven Kindern *

    6.1.3 Mögliche Maßnahmen in Schulen *

    6.2 Sonstige Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendkriminalität *

    6.2.1 Familie und Heimerziehung *

    6.2.2 Kindertagsbetreuung *

    6.2.3 Jugendarbeit / Jugendsozialarbeit / Jugendschutz *

    6.2.4 Medien *

    6.2.5 Innere Sicherheit *

    6.2.6 Rechtspflege *

  • 7 Persönliche Bemerkungen *

    8 Interviewauswertung *

    9 Glossar *

    10 Literaturverzeichnis *

    11 Kontrollfragen *

     

    Jugendkriminalität

    1. Einleitung

    Im Kindes- und Jugendalter tritt Gewalt sowohl im sozialen Nahraum (z.B. in Familien, in der Verwandtschaft als auch in der Nachbarschaft) als auch im öffentlichen und halböffentlichen Raum (z.B. in Kindergärten, Schulen, Jugendfreizeiteinrichtungen, Straßen, Sportstätten u.a.) auf. Dabei zeigt sich, daß Kinder und Jugendliche im sozialen Nahraum meist Opfer von Gewalt und Erwachsene Täter von Gewalttaten sind, im öffentlichen Raum dagegen treten Kinder und Jugendliche sowohl als Opfer als auch als Täter in Erscheinung. Die folgende Arbeit konzentriert sich auf die Gewalt, wie sie vorwiegend im öffentlichen Raum vorkommt und wo Kinder- und Jugendliche in der Rolle als Täter zu finden sind.

    2. Begriff und Bedeutung der Jugendkriminalität

    2.1 Was bedeutet "kriminell"?

    Kriminell ist einerseits ein Begriff der Alltagssprache, der einen stark wertenden Charakter hat. Kriminell wird im Alltag bezeichnet als "besonders verabscheuenswürdiges Verhalten, ohne genau anzugeben, wer in diese Gruppe der Kriminellen genau gehören soll." (MEMMERT in BÄUERLE 1989, S. 49 - 51)

     "Kriminalität im juristischen Sinn ist ein Verhalten (Tun oder Unterlassen), das gegen ein Strafgesetz verstößt." (HELLMER 1966, S. 11) Das Strafgesetz stellt dabei für das gesellschaftliche Zusammenleben des Menschen unerträgliche Verhaltensweisen unter Strafe. Der Begriff der Kriminalität im kriminologischen Sinn ist jedoch enger zu sehen als der der Strafbarkeit. Nicht kriminell sind etwa die Übertretungen (z.B. falsches Parken) oder auch Tatbestände wie falsche Namensangaben . (Vgl. HELLMER 1966, S. 12). Kriminell im juristischen Sinn ist demnach jemand, der rechtskräftig verurteilt ist.

     Jugendkriminalität wird in Deutschland folgendermaßen definiert: "Jugendkriminalität ist die Kriminalität Jugendlicher, wobei unter Kriminalität grundsätzlich das gleiche zu verstehen ist wie bei Erwachsenen" (HELLMER 1966, S. 12). Jugendliche sind nach § 1 Abs. 2 JGG Personen, die zur Zeit der Tat vierzehn, aber noch nicht achtzehn Jahre alt sind. Kinder (unter 14 Jahre) sind noch nicht strafmündig. Abhängig vom Reifegrad werden auch Heranwachsende (18 - 21 Jahre) wie Jugendliche behandelt. Die österreichische Gesetzgebung sowie mehrere andere Länder kennen jedoch die Zwischengruppe der Heranwachsenden nicht.

    Bei der Feststellung der Kriminalität einer Person spielen auch persönliche Gesichtspunkte eine Rolle. Wer stellt aber nun die verbrecherischen Neigungen des Jugendlichen fest? Die Antwort wird lauten: Der Psychologe. Das Problem ist jedoch, daß Kriterien zur Operationalisierung des Begriffes "kriminelle Neigung" fehlen. Das bedeutet, daß das Wort kriminell wiederum schwierig zu definieren ist. Bsp.: Ist ein Jugendlicher, der in seiner Pubertät Adoleszenzkrisen und Identifikationsprobleme hat und quasi-kriminelles Verhalten zeigt, bereits kriminell? (Nach Überwindung der Krise können ja seine Neigungen wieder verschwunden sein.)

    Der Pädagoge sollte daher beim Verwenden des Wortes "kriminell" sehr vorsichtig sein und immer viele kriminelle Erscheinungen im Auge behalten. (Vgl. MEMMERT in BÄUERLE, S. 49 - 51)

    2. 2 Bedeutung der Jugendkriminalität

    Die Kriminalität von Personen, die sich noch in der Entwicklung befinden, ist in zweifacher Hinsicht für die Gesellschaft bedeutend: Da insbesondere Jugendliche dem Einfluß der Umwelt sehr stark ausgesetzt sind, läßt die Jugendkriminalität immer Rückschlüsse auf jene Einflüsse zu, die auf den Jugendlichen einwirken. Eine hohe Jugendkriminalität deutet etwa oft auf ein "wertkünnes" Klima sowie auf ein Nichtgenügen kultureller und sozialer Maßstäbe und Kontrollen hin. Bsp: Je höher die Bedeutung des materiellen Wohlstandes eingeschätzt wird, desto mehr wird auch die Jugendkriminalität Bereicherungskriminalität sein. (Vgl. HELLMER 1966, S. 13).

     Eine weitere Bedeutung kommt der Jugendkriminalität in Bezug auf das Rückverbrechertum zu. So beginnt etwas das "Gewohnheitsverbrechertum" von Erwachsenen zu 80 % bereits im Entwicklungsalter. Dennoch wird nur etwa jeder vierte straffällig gewordene Jugendliche chronisch kriminell. "Je größer also die Jugendkriminalität ist, desto mehr Jugendliche schweben in Gefahr, zu Gewohnheitsverbrechern zu werden." (HELLMER 1966, S. 14)

    Jugendkriminalität geht weiters oft mit der "Verwahrlosung" einher. Die Verwahrlosung ist durch das Fehlen von Eigenschaften, die ein Jugendlicher gleichen Alters normalerweise aufweist, gekennzeichnet und hat oft das Einschalten des Vormundschaftsgerichts zur Folge.

    Die positive Bedeutung der Jugendkriminalität liegt darin, daß sie die gesellschaftlichen Verhältnisse unmittelbar widerspiegelt und somit einen Druck auf die Gesellschaft ausübt diese Mängel zu beheben. Damit sind nicht nur der Staat, sondern auch die Erwachsenen angesprochen.

    3. Entwicklung der Jugendkriminalität

    Die folgenden Angaben beruhen auf dem Bericht der Bayrischen Staatsregierung vom September 1994 und beziehen sich auf die Gewaltkriminalität. Diese sind jedoch nur ein Teil der Gewaltstraftaten. Unter Gewaltkriminalität fallen dort folgende Straftaten: "Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen, Kindestötung, Vergewaltigung, Raub, räuberische Erpressung und räuberischer Angriff auf Kraftfahrer, Körperverletzung mit Todesfolge, gefährliche und schwere Körperverletzung sowie Vergiftung, erpresserischer Menschenraub, Geiselnahme und Angriff auf den Luftverkehr."

    Aus dem Bericht erfährt man, daß in den 60er und 70er Jahren die Gewaltkriminalität stark anstieg, in den 80er Jahren stagnierte und seit 1990 wieder stark zunimmt. 1993 waren von 15.302 insgesamt polizeilich ermittelten Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität 4138 oder 27% unter 21 Jahre alt. Damit sind die jüngeren Tatverdächtigen stärker betroffen, als es ihrem Bevölkerungsanteil von 22,5 % entspricht. Einzelne jugendtypischen Delikte haben sogar einen noch höheren Anteil jugendlicher Tatverdächtiger: z.B. Raub mit 33% (1993) oder schwere Körperverletzung mit 27,2% (1993).

    Der Trend der gesamten Jugendkriminalität, der dem der Gewaltkriminalität folgt, ist auch aus folgender Graphik zu erkennen:

    1. Quelle: Polizei Baden ñ Württemberg

      Der Zehnjahresvergleich zeigt die Entwicklung der Tatverdächtigenzahlen bei den
      unter 21jährigen, gegliedert nach Altersgruppen. Seit 1993 ist ein kontinuierlicher
      Anstieg der Tatverdächtigenzahlen bei Kindern und Jugendlichen erkennbar.

     Sachbeschädigung, Körperverletzung und Raub zu nennen. Weiters weist der Autor darauf hin, daß die Jugenddelinquenz meist episodenhaft verläuft und nur in Ausnahmefällen in einer kriminellen Karriere endet. Frühzeitige erzieherische Maßnahmen sowie eine angemessene fachliche Intervention haben deshalb eine besondere Bedeutung.

    3.1 Vergleich zwischen männlichen und weiblichen jungen Tatverdächtigen

    Bei den Gewalttaten wird weiters deutlich, daß diese fast ausschließlich von Männern oder männlichen Jugendlichen begangen werden. Mädchen und Frauen dagegen werden wegen solcher Delikte nur sehr selten angezeigt, und wenn, dann nur als Mittäterinnen. 1993 waren nur 9.6 % aller unter 21 jährigen Tatverdächtigen der Gewaltkriminalität weiblich.

    3.2 Vergleich von deutschen und ausländischen Jugendlichen

    Im Vergleich zwischen polizeilich registrierten jungen Ausländern und jungen Deutschen ist festzustellen, daß die Kriminalitätsbelastung der ausländischen Kinder stärker zugenommen hat als die der jungen Deutschen. Dies ist besonders auf die sozialstrukturellen Defizite und Mängellagen der ausländischen Kinder zurückzuführen. Durch die Öffnung der osteuropäischen Grenzen hat sich dieser Trend noch verstärkt. So wurden etwa 1993 4,1% der in Bayern wohnhaften jungen Ausländer und 1,4 % der jungen Deutschen als Tatverdächtige ermittelt; bei der Gewaltkriminalität registrierte man 0,5% der jungen Ausländer und 0,09% der jungen Deutschen.(Vgl. Bericht der Bayrischen Staatsregierung September 1994)

    4. Formen der Jugendkriminalität

    4.1 Bereicherungskriminalität

    Diese nimmt tradtionell die bedeutendste Stellung ein. Dazu zählen Diebstahl, Unterschlagung, Raub, Erpressung, Betrug, Hehlerei.

    Früher glaubte man, daß hohe Bereicherungskriminalität eine Folge von wirtschaftlicher und sozialer Depression sei, da Hunger und Not zu Diebstahl und Betrug verführen. Heute wird die Bereicherungskriminalität dagegen auf das allgemeine Denken und Trachten zurückgeführt. Derjenige, der keinen Wohlstand hat, versucht diesen mit allen Mitteln zu erreichen; wer den Wohlstand hat, wird versuchen, noch mehr Wohlstand zu erreichen. Jugendliche trachten, wie ihre Eltern, vor allem nach Luxus und Besitz. So ist es heute nicht verwunderlich, daß es vor allem Luxusgüter sind, auf die die Jugendlichen abzielen, da sie sich von diesen einen höheren Status und ein angenehmeres Leben versprechen. (HELLMER 1966, S. 28)

    4.2 Andere Delikte

    Neben der Bereicherungskriminalität kommen bei Jugendlichen noch folgende Delikte häufiger vor: Bandenkriminalität, Sachbeschädigung und Brandstiftung. Weitere Delikte wären etwa Sittlichkeitsdelikte, Mord, Totschlag, Körperverletzung im Straßenverkehr, Vortäuschung einer Straftat und Falsche Anschuldigung

    4.3 Orte der Gewalt

    Gewalt in Schulen

    Straftaten von Schülern und Jugendlichen kommen auch innerhalb der Schule vor. Die folgenden Delikte können als kriminell eingestuft werden, da sie mit Strafe bedroht werden und außerhalb der Schule gefahndet werden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

     Sachbeschädigung: Bsp: Demolierung von Einrichtungsgegenständen, Demolierung von fremden Sachen; Demolierung der Schulanlage; Legen von Feuer (gemeingefährlich)

    (Vgl. MEMMERT in BÄUERLE, S. 60 - 62)

     Von 3600 Schulen in Bayern wurden 1993 entsprechende Vorfälle von der Hälfte der Schulen gemeldet. Die meisten Vorfälle waren Sachbeschädigung, die rund 70 - 90 % der gesamten Vorfälle ausmachte. Weiters kamen vielmals Körperverletzung und massive Beleidigungen vor. Gleichzeitig zeigte die Untersuchung in Bayerns Schulen große Unterschiede zwischen den Schularten auf. Die meisten Körperverletzungen gab es in Grund-, Haupt- und in der Berufsschule, wo sich auch die meisten Körperverletzungen ereigneten. Verbale Gewalt wurde dagegen am Häufigsten in der Hauptschule ausgeübt. Diese Gewalt richtete sich zu 30-40% gegen Lehrkräfte. An dritter Stelle steht die sexuelle Belästigung, die bereits bei Grundschülern beobachtet werden kann (2,4% der Nennungen). Waffenbesitz war 1993 weniger das Problem.

     Weniger betroffen sind meist Schulen in ländlichen Gegenden. Bestürzend war besonders in den Städten die extreme Ich-Bezogenheit der Schüler, Rücksichtslosigkeit und Intolerant sowie die Brutaliserung der Sprache. (Vgl. Bericht der Bayrischen Staatsregierung September 1994)

    Gewalt in Jugendfreizeitstätten

    Bei einer Umfrage, die 1993 in Bayern durchgeführt wurde, wurde festgestellt, daß Gewalttätigkeiten Jugendlicher im Umfeld von Jugendfreizeitstätten eher selten sind (in nur
    28 % der Antworten wurde von häufigeren Vorfällen berichtet). Bei der Studie stellte sich heraus, daß eine Zunahme eher im ländlichen Bereich zu finden war. Zu den meisten Delikten zählten die Sachbeschädigung (63 %), jedoch auch körperliche und psychische Gewalt hatten einen großen Anteil (49 % der Antworten). Alle Mitarbeiter von Jugendfreizeitstätten betonten, daß es ihnen aufgrund der großen Zahl regelmäßiger Besucher nicht möglich ist, sich um einzelne Gewalttäter zu kümmern. Die notwendige Jugendarbeit müsse daher etwa durch Streetworker außerhalb der Freizeitstätte geleistet werden. (Vgl. Bericht der Bayrischen Staatsregierung)

    Gewalt in Kindergärten

    Beobachtungen vom Institut für Frühpädagogik haben ergeben, daß selbst die Aggressivität unter Kindern, besonders in Ballungszentren, deutlich zugenommen hat. Das Verhalten der Kinder äußert sich in

     Die Kinder kommen dabei meist aus sozial benachteiligten Familien und haben einen besonderen Erziehungsbedarf. Dabei wird deutlich, daß sich insbesondere die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen geändert hat.

    Gewalt gegen Fußballfans ("Hooligans")

    Diese findet in Form von aggressiven Auseinandersetzungen im Umfeld von Fußballspielen meist zwischen gegnerischen Fan-Gruppen und Polizeikräften statt. Der Großteil der Gewalttätgkeiten spielt sich dabei außerhalb des Stadions ab.

    Politisch motivierte Gewalt gegen Ausländer und Minderheiten

    Diese wird meist zur Erzwingung oder Verhinderung von Entscheidungen eingesetzt. Oft richtet sie sich direkt gegen die demokratische Grundordnung. Sie äußert sich in Form von gewalttätigen Demonstrationen, in Anschlägen auf Institutionen und Unternehmungen, bei Hausbesetzungen und bei Straßenblockaden.

    Linksextremistische Gewalt

    1993 wurden in Deutschland 1085 linksextremistische Gewalttaten registriert. (Vgl. Bericht der Bayrischen Staatsregierung). Die meisten Straftaten werden von Gruppen- und Einzeltätern begangen, die dem autonomen und anarchistischen Spektrum angehören. Weiters ist eine Zunahme gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen dem militanten Lager der Linksextremisten und dem der Neonazis bzw. Skinheads zu beobachten.

    Rechtsextremistische und fremdenfeindliche Gewalt

    1993 wurden 2232 Gewalttaten mit fremdenfeindlicher Motivation in Deutschland registriert. Bei einem Fünftel dieser Gewalttaten liegen rechtsextremistische Erkenntnisse vor. Viele Tatverdächtige sind Skinheads.

     Die Gefahr für die Gesellschaft geht dabei besonders von der Bereitschaft zur Gewaltanwendung aus. Die wird durch Militanz und exzessiven Alkoholgenuß in Verbindung mit rechtsextremistischer Weltanschauung noch stimuliert. Wegbereitend für diese Entwicklung waren von allem die Skinhead-Bands.

     Unter den Gewalttaten selbst überwiegen die fremdenfeindlichen Gewalttaten, die sich in Brandanschlägen auf Asylbewerberheime, Ausländerunterkünfte, Angriffe auf Personen und Sachbeschädigung äußern.

     Unter den Tatverdächtigen werden vier Tätertypen unterschieden:

     Mitläufer, die keine biographische Problembelastung haben und geringere Fremdenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft aufweisen

     Fremdenfeindliche Gewalttaten wurden bis 1993 eher selten geplant ñ sie entstanden meist aus spontanen Handlungen. 90 % der Straftaten wurden als Gruppentaten begangen. 70 % der fast nur männlichen Tatverdächtigen sind zwischen 15 und 20 Jahre alt.

    5. Ursachen der Jugendkriminalität

    Fragt man nach den Bedingungen der Kriminalität, spielen vor allem Anlagefaktoren und Umweltfaktoren eine erhebliche Rolle. Sie geben demnach an, welche Bedingungen das Kriminellwerden begünstigt haben und welche Erscheinungen bekämpft werden müssen, um die Kriminalität einzudemmen. Sie können jedoch nicht dazu dienen, einen bestimmten einzelnen Fall aufzuklären, da der Mensch in einem gewissen Rahmen immer selbst entscheidet, ob er eine kriminelle Handlung begeht.

     Die Faktoren der Jugendkriminalität können nach mehreren Gesichtspunkten eingeteilt werden, etwa nach Wissensgebieten (medizinische, psychologische, soziologische, anthropologische), nach der Bedeutung für die Persönlichkeit (persönlichkeitsbegründend, persönlichkeitsgestaltend) und anderen Gesichtspunkten. Im folgenden Text erfolgt eine Einteilung nach dem Aufbau der Persönlichkeit, nämlich nach biologischen und sozialen Faktoren. (Vgl. HELLMER 1966, S. 68 ff)

    5. 1 biologische Faktoren

    Verbrecherische Anlage

    Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft gibt es eine verbrecherische Anlage nicht. Folglich ist niemand durch seine Anlage gezwungen, Verbrecher zu werden. Dies gilt auch für eineiige Zwillinge oder etwa auch dann, wenn Kriminalität beim Vater und Sohn zusammentreffen, selbst wenn der Sohn den Vater nie gesehen hat.

     Dennoch gibt es angelegte psychische Konstitutionen, die das Kriminellwerden erleichtern. Ist z.B. jemand jähzornig, wird er leichter eine Straftat begehen als jemand, der zaghaft ist und die Vor- und Nachteile von Straftaten gegeneinander abwägt. Weiters gefährdet sind etwa auch schwachbegabte Gemütsarme (Vgl. Villinger). Doch selbst hier ist die Psychiatrie der Auffassung, daß Gemütsmängel etwa auch durch emotionale Störungen in der Familie oder durch frühkindliche Erlebnisse erworben sein können.

    Körperliche Besonderheiten

    Diese spielen als kriminogene Faktoren ebenfalls keine Rolle. (man denke nur an einen Verbrecher mit henkelförmigen Ohren, enormen Kinnladen und breiten Backenknochen). Kretschmer mit seiner Lehre über Körperbau und Charakter hat etwa festgestellt, daß der leptosome (autistischer und schmalwüchsiger) Mensch leichter und öfters kriminell wird als der Pykniker (geselliger, äußerlich rundlicher Typ) (Vgl. HELLMER 1966, S. 69 ff)

    Geisteskrankheit, Psychopathie

    Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft ist Kriminalität keine Geisteskrankheit. Deshalb haben Geisteskrankheiten keinen Einfluß auf die Kriminalität. Geisteskranke leiden zwar oft an Orientierungsmangel, dennoch kommen sie als Täter nicht in Frage, da sie sich in den meisten Fällen in der Obhut der Familie oder in stationärer Behandlung befinden.

     Ein Problem ergibt sich jedoch dann, wenn man feststellen will, ob tatsächlich eine Geisteskrankheit vorliegt oder nur eine Abartigkeit, bei der der Täter voll verantwortlich ist. Insbesondere in diesem Bereich gibt es oft große Abgrenzungsschwierigkeiten. Dies kann auch dazu führen, daß Kriminelle aus der Haft frühzeitig entlassen werden und anschließend rückfällig werden.

     Ein Beispiel für einen problembehafteten Begriff ist die Psychopathie. Hier handelt es sich um eine Abnormität des Charakters, die mit Geisteskrankheit nichts zu tun hat aber bei der bestimmte Eigenschaften z.B. Willensschwäche oder Geltungssucht sehr stark ausgeprägt sind. Diese ist wiederum abzugrenzen etwa von Kleptomanie (Drang zum Stehlen) oder Pyromanie (Drang zum Feuerlegen).

     Werden Personen nach der Haftentlassung rückfällig, hängt dies auch oft mit den Folgen der langen Haft zusammen. (Vgl. HELLMER 1966, S. 73 ff)

    Intelligenzgrade, Schwachsinn

    Auch der Intelligenzgrad hat keinen Einfluß auf das Kriminellwerden, sondern nur auf die Art der Kriminalität. Dabei ist zwischen Schwachsinn und Unterbegabtheit ("Dummheit") zu unterscheiden.

     Untersuchungen (Frey, Anselm Schmid vor 1966) bei jugendlichen Kriminellen haben ergeben, daß etwa 15 % - 20 % unterbegabt sind. Diese Zahlen schwanken jedoch sehr und zeigen, daß der Anteil der Unterbegabten sinkt, je mehr Rückfällige oder Schwerkriminelle unter den untersuchten Personen sind.

     Beim Schwachsinn unterscheidet man zwischen Debilität (leichtester Grad), Imbezillität und Ideotie. Die beiden letzteren Formen spielen bei der Kriminalität ähnlich wie bei den Geisteskranken keine Rolle. Der Debile hingegen ist jedoch leichter verführbar; er glaubt schneller, was ihm vorgeredet wird und hat auch weniger Halt wie der normal Begabte. Er wird zwar öfter kriminell, aber nicht öfter rückfällig als der normal Begabte.

     Der Intelligenzgrad hat jedoch Einfluß auf die Art der Kriminalität. Diebstahl kann von praktisch jedem begangen werden; Betrug, Untreue oder Urkundenfälschung kommt aber praktisch nur bei normal Begabten vor. Brandstiftung, die zu den sog. "Primitivdelikten" zählt, wird in der Mehrzahl von Unterbegabten oder Schwachsinnigen begangen. (Vgl. HELLMER 1966, S. 75 ff)

    Entwicklungsstörungen

    Die Phase der Pubertät ist in kriminologischer Hinsicht von besonderer Bedeutung. Bei der Umstellung von der Ich auf die Wir-Welt ist der Jugendliche einer Vielzahl von Einflüssen ausgesetzt. Beispiele dafür sind die vorausgehende Akzeleration (körperliche und sexuelle Entwicklung) und die nachhinkende geistig-seelische Entwicklung (Retardation). Der Jugendliche hat daher in der Pubertät wenig Kontrolle über das Ausgewachsensein und die Sexualität, was sich in Sittlichkeitsdelikten äußern kann.

     Der Jugendliche kann etwa unter Insuffienzgefühlen, z.B. wegen körperlicher Mängel, leiden oder versuchen, sich für erzieherische Einengungen zu entschädigen. Forschungen haben dabei ergeben, daß solche Jugendlichen mit Erlangung der Reife ihre kriminelle Tätigkeit häufiger einstellen als Jugendliche, die Vermögensdelikte begehen.

     Auch bei Eigentums- und Gewaltdelikten spielen oft Entwicklungsschwierigkeiten eine Rolle. So können auch Charakteränderungen in der Kindheit, etwa Gehirnschädigungen oder Gehirnentzündungen einen Einfluß auf die Jugendlichen ausüben. (Vgl. HELLMER 1966, S. 79 ff)

    5. 2 Soziale Faktoren

    Familie - Wirtschaftliche und soziale Lage der Eltern

    Oft gibt es in Familien delinquenter Jugendlicher starke Belastungen von körperliche Leiden, geistige Zurückgebliebenheit, seelische Störungen, Trunkenheit und Kriminalität, das bei Eltern der nichtdelinquenten Jugendlichen weniger vorkommt.

     Bereits 1950 forschten Sheldon und Eleonor Glueck die Persönlichkeits- und Sozialdifferenzen delinquenter und nichtdelinquenter Jugendlicher:

     Persönlichkeitsmerkmale sind der weitere Bereich der Familie. In den Leistungsteilbereichen zeigten sich hohe Abweichungen. Delinquente haben eine geringere Beobachtungsfähigkeit und weniger Fähigkeiten für objektive Interessen. Delinquenten sind im Denken bedeutend unrealistischer, haben keinen gesunden Menschenverstand und zeigen unsystematische Neigung zu geistiger Problematik. Die Autoren sehen Unterschiede in den Bereichen der emotionalen Dynamik und können die Leistungstendenzen für die Fähigkeit der Schulproblembewältigung und für die Fehlanpassung bzw. für den Prozeß der Sozialisation beeinflussen. (vgl. MOSER 1970, S 108 ff)

     1962 erschien ein überarbeitetes Buch, wo unter anderen diskriminierende Persönlichkeitszüge aus dem Rorschachtest erarbeitet wurden. Kriminelle sind weniger auffallend kooperativ, ein höherer Prozentsatz hat feindselige Impulse, gegenüber Absichten anderer Menschen sind diese argwöhnisch, sie sind destruktiver und zeigen häufiger eine übertriebene defensive Haltung dem Leben gegenüber. Nichtdelinquente haben bedeutend mehr Selbstkontrolle als Delinquente. Interessant sind auch die destruktiv ñ sadistischen Züge, die Delinquente mehr besitzen. Hingegen masochistische Züge zeigen nichtdelinquente Jugendliche öfter. Das Gegenteil zeigt sich bei narzißtischen Zügen.

     Kriminelle haben Wesenszüge und Neigungen, die es ihnen unmöglich erscheinen lassen, sich der Gesetze der Gesellschaft anzupassen. Kriminelle sind beachtlich impulsiver und lebhafter, besitzen weniger Selbstsicherheit und leben ihre emotionalen Spannungen gerne aus.

     Die psychiatrische Exploration zeigt wesentlich diskriminierende Züge. Aggressivität, Abenteuerlust, Gefühle, Egozentrismus, mangelnde Selbstkritik und Probleme der Geschlechtsrollenidentifikation zeigen bei Delinquenten höhere Werte. Nichtdeliquente besitzen mehr emotionale Stabilität, Gewissenhaftigkeit und Realismus (vgl. MOSER 1970, S. 115)

     Die 100 untersuchten Jungen zeigen eine Kategorisierung in drei Körperbautypen.

    Das waren zum Ersten Endomorphe, mit runden weichen Formen und zeigender Fettleibigkeit, weiters Mesomorphe, mit schwerer Knochen- und breiter Muskelstruktur, ohne Weichheit und Fragilität (Athlet) und letztlich Ektomorphe, extrem dünne, zarte mit leichten Körperbau ausgestattete Menschen (Astheniker). Charakteristisch ist das starke Übergewicht des athletischen Typs.

     Es gibt große Zweifel an der Erfassungkapazität der Sozialfaktoren. Eines der folgenden Persönlichkeitsmerkmale ( schwächere Gesundheit in der Kindheit, Bettnässen im Kindesalter, unmethodisches Angehen von Problemen, potentielle Fähigkeit für sachbezogene Interessen, Trotz, Ambivalenz gegenüber Autorität, Abenteuerlust und Psychopathie) läßt sich nur mit einem Sozialfaktor korrelieren nämlich Bettnässen ñ Feindselige oder ablehnende Haltung der Geschwister zu dem Jungen korrelierte hoch mit dessen Bettnässen. Das Bettnässen wurde bereits in der Psychoanalyse gut untersucht, die zur Entdeckung von objektiven Familienkonstellationen und zu Situationen eines hohen subjektiven Belastungsdruck führten (vgl. MOSER 1970, S. 121)

     Mit Feindseligkeit (bewußt oder unbewußte Impulse gegen andere, begleitet mit Furcht, daß diese Person feindselig ist), so die Autoren, ergibt sich eine Korrelation mit acht sozialen Faktoren, die additiv mit kriminogenem Gewicht belegt worden waren. Diese waren Alkoholismus des Vaters, schwerere körperliche Leiden des Vaters, schlechte Verhaltensstandards in der Familie, Beschäftigung der Mutter, Zuneigung des Vaters für den Jungen, Zuneigung der Mutter, Erziehungshaltung des Vaters (Strafverhalten), Erziehungshaltung der Mutter (Korrelation von 100% Überstrenge).

     Gegen Delinquenz richtend zeigt das Beispiel des Persönlichkeitsmerkmals "Gewissenhaftigkeit", das bei Nichtdelinquenten höher ermittelt wurde. Hier ergibt sich eine Korrelation mit folgenden sozialen Faktoren: Zuneigung des Jungen zum Vater, Bereitschaft des Jungen, den Vater als Vorbild zu sehen, geordnete Verwaltung des Familieneinkommens, Aufsicht der Mutter über den Jungen, Freizeitmöglichkeiten des Jungen in der Familie (vgl. MOSER 1970, S. 124)

     Mehr als doppelt so viele Väter von delinquenten Jugendlichen waren selbst delinquent, bei den Müttern ist der relative Anteil sogar dreimal so hoch. Da aber längst nicht alle Söhne kriminell werden, liegt der Gedanke der Vererbung fern. Statistisch ergibt sich eine Korrelation von Kriminalität des Vater mit Delinquenz des Sohnes, wenn folgende Merkmale vorliegen: das Gefühl, nicht geschätzt zu werden, Mangel an guten Oberflächenkontakten zu anderen und rezeptive Trends.

     Als Fazit deuten die Autoren darauf hin, daß "Familienfaktoren mächtigen Einfluß auf ein Dissoziales Verhalten haben, denn sie betreffen die intimsten Beziehungen des Heranwachsenden und seine emotionale Bindung an Eltern und Geschwister" (MOSER 1970, S.129).

     In einer Großfamilie mit Großmutter, Neffen, usw. können Konflikte besser ausgetragen werden als in Kleinfamilien, wo das Kind den Konflikten der Eltern ausgesetzt ist. Bei einem Ehekrach zum Beispiel oder bei Ehescheidung leiden die Kinder am Meisten darunter. Diese Kinder haben kaum die Möglichkeiten die Konflikte auszuleben, die sich unterschwellig oder manifest auswirken. Kinder in Kleinfamilien werden auch sehr oft in Rollen gedrängt, die in der Konfliktstrategie der Eltern eine Verwendung finden. Solche Konstellationen überfordert das Kind total. Kinder spielen auch oft eine Therapierolle der Erwachsenen oder sie ersetzen eine erwünschte eventuell unerwünschte Beziehungsperson aus der Vergangenheit der Eltern, oft dienen die Kinder auch dazu, narzißtische Kränkungen der Eltern auszugleichen (vgl. BÄUERLE 1989, S. 26)

     Strafe, Strafandrohungen, Schläge und brutale Erziehungspraktiken werden selten berichtet, aus Angst bestimmten Personen aus der Familie ausgeliefert zu sein (vgl. BÄUERLE, 1989, S47)

    Maßnahmen :

    Eine grundlegende Voraussetzung ist die Stärkung der Erziehungskraft von Familien. Sozial Schwache, junge Eltern und Alleinerzieher sind auf Hilfe anderer angewiesen, zum Beispiel die Heimerziehung.

     Familienberatungsstellen bereiten die Ehe und Partnerschaft vor, aber auch Erziehungsberatungsstellen können Fragen über Partnerschaft, Trennung und Scheidung beantworten. Auch die Unterstützung ausländischer Familien spielt hierbei eine große Rolle, daher sollten auch Ausländerberatungsstellen gefördert werden, die mit der jeweiligen ländlichen Situation vertraut ist.

     Anlaufstellen wie Krisen- und Zufluchtsstellen für junge Menschen oder Förderung der Notrufgruppen könnte Jugendlichen helfen. Ursachen der wachsenden Jugendkriminalität ist die Überforderung der Familien, die ständige Berieselung mit brutalen Gewaltszenen, die gerade bei Jungen aus solchen Familien erhebliche Schäden hinterläßt, aber auch die sinkenden Lebenschancen und der Wohlstand, der sich gerade bei kinderreichen Familien immer schärfer äußert und die Spaltung der Gesellschaft widerspiegelt.

     Kinder von Aussiedlern sind hier sehr gefährdet, denn diese werden nicht oder selten in die Gesellschaft integriert und viele wollten gar nicht vom vorgehenden Wohnort wechseln.

    Gerade die Jugendkriminalität sollte Vorrang haben, denn diese prägen die Zukunft für die nächste Generation. Schärfere Gesetze und stärkere Einsätze können hier wahrscheinlich wenig helfen. Vielleicht sollte man das Strafmündigkeitsalter von 14 auf 10 Jahre senken. Die Politik müßte sich diesbezüglich annehmen., um Änderungen herbeizuführen. Die Erziehungsfähigkeit der Eltern gehört verbessert. Kinder- und Jugendmaßnahmen kosten Zeit, Geld und Ideen (zit nach www. spd.de/service/vorwaerts/september97/v22/html.).

    Probleme ausländischer Kinder

    Insbesondere ausländische Kinder leiden oft unter der schlechten sozialen Lage der Eltern. Dafür ist einerseits die räumliche Enge der Wohnverhältnisse, andererseits aber auch das "Leben in zwei Welten" verantwortlich. So beginnt in Deutschland oft vor der Wohnungstür die "deutsche Normalität" für die Kinder und Jugendlichen, in der Wohnung selbst ist das Leben dagegen durch traditionelle, autoritäre Muster des Elternhauses, der Verwandtschaft oder der Religionsgemeinschaft bestimmt.

     Insbesondere wenn die Kinder in Deutschland geboren sind, fällt es den Jugendlichen oft schwer, sich in ihr soziales Außenfeld einzufügen. Wird dieses Klima noch zusätzlich durch Fremdenfeindlichkeit verstärkt, kann es leicht zu Identitätsproblemen, Schuldgefühlen aber auch zu Streit- und Gewaltpotential kommen. Die Jugendlichen empfinden ihr Herkunftsmilieu als "minderwertig", und sind dadurch besonders für extremistische und nationalistische Einflüsse empfänglich. (Vgl. Bericht der Bayrischen Staatsregierung)

     Jugendarbeitslosigkeit

    Macht Arbeitslosigkeit kriminell?

     Eine kurzfristige Arbeitslosigkeit ist für die Mehrzahl junger Arbeitender inzwischen eine normale und deshalb wenig abschreckende Erfahrung. Diese erledigen vielleicht kleine Geschäfte am Rande der Legalität bis zu illegalen Drogenhandel, Glücksspiele oder Prostitution.

    Vielfach auch Raub oder Diebstahl, das die Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt die Jugendlichen zur Resignation zwingt und andere Überlebensformen suchen läßt. Entstehende psychosoziale Belastungen müssen bewältigt werden, die dann von Selbstzweifel, Schuldgefühlen, also innerer Aggressivität und bestimmte Formen der Realitätsflucht (Alkohol, Drogen) bis zur offenen Aggressivität anderer gegenüber reichen können.

     Man vermutet lediglich, daß der Anstieg von Jugendarbeitslosigkeit seit 1974 mit der Zunahme der Nichtseßhaften, der Zahl der Selbstmorde bei Jugendlichen , das Anwachsen von Alkoholprobleme und die Prostitution bzw. Mißhandlung Jugendlicher im Zusammenhang stehen dürfte. Arbeitslosigkeit kann eventuell Konfliktpotentiale verstärken. Wacker sieht schwerwiegende Probleme in der langandauernden Arbeitslosigkeit für Identitätsbildung. "In der irreparablen Verzögerung beziehungsweise Verspätung des sozialen Reifungsprozesses muß die größte Gefahr der Dauererwerbstätigkeit von Jugendlichen gesehen werden. Soziale Entwicklungsdefizite in Verbindung mit Ziellosigkeit und dem Verlust von Berufs- und Zukunftsperspektiven machen die davon Betroffenen zwangsläufig zu Problemgruppen von heute und Randgruppen von morgen" (OPASCHOWSKI zit. nach Braun 1990, S. 190)

     Heinemann sieht Arbeitslosigkeit sehrwohl als Ursache für eine Erhöhung der Delinquenzgefährdung bei Jungendlichen. Da unausgefüllte Ziele, Langeweile, Spannungsarmut und sinkender Abwechslungs- und Alternativreichtum ebenso zu kriminellen Handlungen verleiten aber auch, wie schon erwähnt, die zunehmende Aggressivität, die sich in der Arbeitslosigkeit aufstaut. Es gibt eine Vielzahl von theoretischen plausiblen Modellen, die die Arbeitslosigkeit und die Kriminalität in Zusammenhang stellen, aber empirisch sind die se kaum nachzuweisen.

    Die Schule

    In den Wintermonaten 1991/92 wurde eine schriftliche Befragung der Schüler der 7. und 10. Klasse in West- und Ostberlin durchgeführt. Auch hier zeigte sich in den letzten Jahren eine zunehmende Steigerung der Aggressivität unter den Schülern. (Vgl. DETTENBORN Pädagogik 3/93, S. 31 ff). Fragt man nach den Ursachen, kann man hier einige Theorien heranziehen (z.B. die Psychoanalytischen Aggressionstheorien, die Dampfkesseltheorie von Konrad Lorenz oder etwa der Polit-ökonomische Ansatz). (Vgl. WINKEL Pädagogik 3/93,
    S. 8ff). Winkel hat fünf Sinnesperspektiven kindlicher und jugendlicher Aggressionen zusammengestellt, die er anhand realer Fälle erarbeitet hat:

     Aggression wird als spielerischer Kampf erlebt. Der Schüler hat das Ziel, seine Stärke auszuprobieren oder er hat einfach Freude am Siegen .... Es besteht jedoch hier die Gefahr, daß aus Spaß bitterer Ernst werden kann.

     Kirche

    In den westlichen Ländern könnte die Jugendkriminalität auch mit dem zunehmenden Machtschwund der Kirche in Zusammenhang stehen. Gründe hierfür kann man zwar nicht angeben, man kann jedoch auf eine zunehmende Säkularisierung des Alltags hinweisen.

    Beeinflussung durch Jugendgruppen / Gleichaltrigengruppen

    Die Situation vieler Jugendlicher, insbesondere in den Städten, ist heute folgendermaßen gekennzeichnet:

     alleinerziehende Eltern

     Daher gewinnen außerfamiliäre Gleichaltrigengruppen zunehmend an Bedeutung. In diesen peer groups finden Jugendliche Möglichkeiten zum sozialen Lernen und der Selbstverwirklichung, die ihnen in der Familie, der Schule oder der Berufsausbildung oft nicht mehr gewährt wird. Oft finden Jugendliche in diesen Gruppen aber auch eine egozentrische Gruppenhaltung vor, die andere gesellschaftliche Gruppen oft agressiv ausschließt. Dies wird vor allem dann zum Problem, wenn es sich um körper- und action-orientierte Gruppen handelt, die ihre Interessen mit Gewalt durchsetzen wollen.

     Durch welche Merkmale sind nun diese Gruppen gekennzeichnet? 

    Wehrdienst

    Auch der Wehrdienst birgt mehrere Gefahren in sich. Einerseits geht es darum, daß der Jugendliche während dem Dienst seine Schußwaffe ungerechtfertigt gebraucht bzw. nach dem Dienst mit seiner Schußwaffe Raubüberfälle und Sittlichkeitsdelikte durchführt. Die weitaus größere Gefahr liegt jedoch beim Übergang vom militärischen ins zivile Leben. Während der Jugendliche als Soldat nur gehorchen mußte, muß er nach dem Wehrdienst selber entscheiden, eigene Initiative entwickeln und selber planen. Zugleich fühlt sich der junge Mann bereits erwachsen und er will nicht mehr als Jugendlicher behandelt werden. Auch wenn der Wehrdienst in der Lage war, Lücken in der Persönlichkeitsentwicklung oberflächlich zu beseitigen, können diese schon in kurzer Zeit wieder aufbrechen und um so gefährlicher werden. (Vgl. HELLMER 1966, S. 101 ff)

    Massenkommunikationsmittel - Medien

    Medien wie Videofilme, Video- und Computerspiele werden durch die Entwicklung und Weiterproduktion aber auch durch den Ausbau der Verteiler immer mehr verbreitet. Die Zahl der indizierten Video- Computer- und Automatenspiele stieg von 12 Titeln bis Anfang 1986 auf 170 Titeln bis Mitte 1992.

     Die Eskalation von Gewaltmedien geschah auch in den letzen Jahren. Dazu gehören auch die genannten Hefte (Heavy Metal, Dearth Metal, Speed Metal,..). Das Skandalöste der Medien ist bei weitem die Kinderpornographie auf Videos und Zeitschriften.

    Kriegsfilme:

    Aktivieren zum Umgang mit Waffen, Einsatz mit Waffen, für kriegerische Gefechte.

    Dieses Medien putscht zu negative Emotionen, Haß, Verachtung und Vernichtungslust auf. Krieg wird verharmlost und zugleich verherrlicht. Filme wie Rambo zeigen die extreme Gewalt. Die Niederlage des Helden bedeutet immer den Tod. Werden bei Video- oder Computerspielen die Gegner gekämpft, bekommt man immer wildere und schlimmere Waffen um weiterzuspielen.

    Für viele wird diese Spielerei zur Sucht, da sie ständig unter Spannung und Gereiztheit stehen. Viele Jugendliche genießen die Selbstbestätigung des guten Gelingens und des Könnens der Spiele. Nicht wenige beschäftigen sich stundenlang mit solchen Video- oder Computersielen, daß sie folglich physisch erschöpft sind und sich auf andere Beschäftigungen nur schwer konzentrieren können. Viele Jugendliche und Kinder rüsten sich auch mit Kriegsspielzeug aus, da sie es bei Freunden auch sehen. Aus den Ninja Filmen und Spielen werden etwaige Waffen wie Wurfsterne, Elektroschocker, Seile und Ketten zum Foltern bekannt.

    In den USA wurden Studien über die Auswirkung des Umgangs mit Spielzeugwaffen und Kriegsspielzeug durchgeführt. Ein auffallendes, antisoziales Verhalten bei Kindern , schlagen, andere an den Haaren reißen und andere ärgern ist aufgefallen. Kampfartiges und aggressives Verhalten ist das Endresultat dieser Medien (vgl. GLOGAUER 1993, S. 16 ff).

    Horrorfilme:

    Die gewalttätigsten aller Filmkategorien werden in den letzten Jahren in Amerika steigend produziert. Nach einer Studie von NCTV waren 1947 noch keine Horrorfilme verbreitet. Filme wie Alien, Halloween, Freddie Krüger und Freitag, der 13. sind einige der Bekanntesten. Seit 1970 nahm die Gesamtzahl aller Horrorfilmseher um das 300fache zu.

     Es ist für Kinder unter 12 Jahre selbstverständlich, bereits Horrorfilme gesehen zu haben. Besonders Ende 1988 und Anfang 1989 sind bei uns viele neue Horrorfilme vorgestellt worden. In einer Untersuchung vom Sommer 1988 war ersichtlich, daß Schüler aus der 5. Stufe zu 23% Horror- und Pornofilme gesehen haben. In der 6. Stufe 28 %, 7. Stufe 41 %, 8. Stufe 45 % und in der 9. Stufe 62% potentielle Seher.

     An der Spitze der indizierten Filme steht "Der Terminator", in dem eine nukleare Desastermaschine und der Terminator (halb Mensch, halb Maschine) die Welt beherrschen.

    An der zweiten Stelle der Film "Tanz der Teufel", gefolgt von "Mad Max", "Rambo II", Ninja Titeln und "American Fighter". Dies zeigt uns, daß der Konsum von sadistischen Horror-, Aktion- und Porno-Videos zur Gewohnheit geworden ist und seit etwa fünf Jahren ein gleichbleibendes Repertoire der beschlagnahmten Titel bevorzugt gesehen wird. Um die oben genannten Beispiele zu vervollständigen, gehören auch Filme wie "Freitag der 13.", "Nightmare", "Zombie", "Halloween II" u.a. dazu (vgl. GLOGAUER 1993, S 58 f).

      In dieser Medienwelt leben Heranwachsende in bestimmten Situationen und unter bestimmten Bedingungen. Dazu gehören Wohnbedingung und fehlende Freizeitbeschäftigung. Diese Medienwelt wird also von den Jugendlichen als Fluchtweg genommen, wenn sich Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags anbahnen.

    Lebensdimensionen:

    Die Weltansicht, die durch die Medienwelt vermittelt wird, ist fiktiv und hat mit der Realität nichts zu tun. "Gewalt wird in den fiktiven Darstellungen in großem Ausmaß und außerhalb der gesellschaftlichen Normen, Gesetzte und Werte praktiziert und häufig in bewußte Gegensatz zu ihnen als Selbstjustiz, unversöhnliche Feindschaft, Intoleranz, Herabwürdigung, Schädigung und Vernichtung anderer eingesetzt. Ein durchschnittlicher Jugendlicher sieht in einem Jahr einige Tausende Gewaltakte. Nach Angaben von H. Selg aus dem Jahre 1972 erlebt ein Jugendlicher, der täglich zwei Stunden fernsieht, zwischen dem 6. Und 15. Lebensjahr 14000 mal Körperverletzungen, Totschlag und Mord (GROGAUER 1993, S.66). Vergleichend zu heute dürfte die Zahl fast doppelt so hoch sein. Laut Studie von Helmut Lukesch gehört mehr als die Hälfte der Heranwachsenden zur Gruppe der Durchschnittsseher mit einem wöchentlichen Fernsehkonsum zwischen 7 und 21 Stunden. Ein Viertel der Untersuchungsmenge sind Vielseher mit einem Wochenkonsum von durchschnittlich 29 Stunden.

     1993 betrug die durchschnittliche Sehdauer von Kindern zwischen 6 und 13 Jahren zirka 104 Minuten. Der zeitliche Schwerpunkt ist zwischen 18 Uhr und 21.45, mit einer Spitzenzeit um 20 Uhr. Durchschnittlich 130 000 Kinder zwischen 6 und 13 Jahren saßen im 3. Quatal 1993 auch nach 23 Uhr vor dem Bildschirm (stmukwk. Bayern.de/jugend/bericht/teil1 der Bayrischen Staatregierung)

     Wenigseher (nicht mehr als 1 Stunde täglich) entfalten mehr Kreativität und Aktivität als jugendliche Vielseher und verbringen daher ihre Zeit mit Wandern, Lesen, Musizieren, Handarbeit und Basteln.

     Kinder und Jugendliche zeigen eine hohe Konsumbereitschaft und hinter dieser wird ein Bündel verschiedener Motive sichtbar. Bei Videofilmen bringen Spannung, Action, Gewalt und Härte, sowie die Schauspieler selber, ein großes Ereignis und lassen die Jugendlichen aufleben. Die Beeindruckung durch die oben genannten Merkmale machen über 50 % Motive aus. In allen oben genannten Filmen werden extreme physische Vorgänge wie Verfolgungsjagden, Schlägereien, Kämpfe mit Waffen, kriminelle Akte sowie schwerste Körperverletzungen und Mord gezeigt. Mit diesen Motiven erleben die Jugendlichen Spannung und pure Aktion, und das wiederum ist Befriedigung für die Bedürfnisse nach Erregung und Sensation.

     Die technischen Tricks und Gags in den Filmen werden bestaunt. Gerade die technisch grausamen aber perfektioniert dargestellten Szenen des Quälens, Foltern, Tötens sind es, die auf die kids wirken und nicht der Inhalt !!

    Viele Kinder und Jugendliche begründen ihren Medienkonsum aus Langeweile, wenn "keine Freunde da sind" oder "nichts los" ist. Langeweile tritt auch ein, wenn emotionale Bedürfnisse unbefriedigt bleiben. Dies ist eine Zeiterscheinung, wie die Berufstätigkeit beider Eltern, die große Zahl der Alleinerzieher oder der eingeschränkten sozialen Kontakte.

     Die Emotionalisierung der Heranwachsenden ist die häufigste Wirkung der Medien und Grundlage für daraus folgende Beeinflussungen. Mit der Sympathie für Helden und Stars, aber auch das Mitfühlen, Mitfreuen und Mitleiden einerseits und negativen Gefühlen wie Angst, Schrecken und Entsetzen andererseits, sind die Kinder vielen inneren Emotionen ausgesetzt.. Dies kann sogar zur emotionalen Überforderung und seelischen Verwundungen führen (vgl. GLOGAUER1993, S. 67ff).

     Erwähnenswert ist noch, daß Mädchen die Mediengewalt z.B. in Horrorfilmen mehr in introvertierter Weise verarbeiteten und zeigten emotionale Störungen in Folge von Alpträumen.

    6. Bekämpfung der Jugendkriminalität

    6.1 Pädagogische Maßnahmen

    Behandlung von sehr aggressiven oder delinquenten Jugendlichen

    Die pädagogische psychologische Behandlung dieser Jugendlichen stellt eine der schwierigsten Aufgaben der Pädagogik dar. Behandlungen haben meist nur eine sehr kurzfristige Wirkung und gehen nach ein bis zwei Jahren nach Beendigung der Therapie wieder verloren. (Vgl. HAVERS Pädagogik 3/93, S. 26)

    Intervention bei aggressiven Kindern

    Werden Interventionen bereits im Grundschulalter durchgeführt, sind die Erfolgsaussichten wesentlich höher. Sehr gute Erfolge wurden mit sog. "Elterntrainings" erzielt, wo Eltern lernen, die Erziehungsmethoden zu verbessern und die Aggressivität der Kinder nicht weiter zu verstärken. Häufig werden diese Elterntrainings durch eine gezielte Therapie ergänzt. (Vgl. HAVERS Pädagogik 3/93, S. 26) 

    Mögliche Maßnahmen in Schulen

     Begeht ein Schüler eine Straftat in der Schule, stehen dem Lehrer prinzipiell drei Alternativen für das weitere Vorgehen zur Verfügung (Vgl. LEMMERT in BÄUERLE, S. 49-64):

     1. Klasseninterne Maßnahmen

     Sieht der Lehrer die Handlung nur als Verstoß gegen die Klassenordnung (z.B. beim Eintreten des Lehrers fällt diesem eine Schüssel mit Wasser auf dem Kopf), kann er versuchen, den Fall klassenintern zu regeln. Er kann den Vorfall etwa humorvoll regeln. Dennoch muß er den Schülern unmißverständlich klarmachen, daß es sich hier um eine strafbare Handlung (grober Unfug) handelt. Gleichzeitig muß er die Schüler vor einer Wiederholung warnen.

     2. Schulinterne Maßnahmen

     Der Handlung wird als Verstoß gegen die Schulordnung gesehen. Ein Beispiel wäre etwa, daß der Schüler aufgrund eines heftigen Wortwechsels das Waschbecken aus der Verankerung reißt- dieses bricht jedoch nicht). Fälle, die sich im Schulhaus oder auf dem Schulgelände abspielen, sollten vor das Lehrerkollegium und die Schulleitung gebracht und dort gelöst werden.

     3. Schulexterne Maßnahmen

     Besteht ein "öffentliches Interesse" bei der Behandlung eines Deliktes (z.B. der Schüler bricht ins Schulhaus ein), sind öffentliche Stellen hinzuzuziehen (Polizei, Versicherungsanstalten, Beratungseinrichtungen u.a.)

     Sonstige pädagogische Maßnahmen in der Schule

     Spielerisches Lernen statt Langeweile im Unterricht

     Je langweiliger der Unterricht in den Schulen für die Schüler ist, desto größer wird ihr Frustrationserlebnis sein. Empirische Untersuchungen haben auch bestätigt, daß insbesondere ein einfallsloser Unterricht den Vandalismus fördert. Deshalb ist es wichtig, daß die ganze Persönlichkeit des Jugendlichen im Vordergrund steht. Dies kann insbesondere durch spielerisches Lernen erreicht werden. (Vgl. BÖTTGER Pädagogik 6/95, S. 43)

     Gestaltung der Schule als Lebensraum

     Um die Identifikation der Schüler mit der Schule zu fördern, könnte die Schule und andere Institutionen gemeinsame Aktionen durchführen. Je weniger die Atmosphäre in der Schule durch Gleichgültigkeit und Anonymität geprägt ist und je mehr die Schüler Gelegenheit haben kreativ zu sein (z.B. durch Skulpturen, Wandmalereien, Medienarbeitsgruppen, Musikangeboten, Konzerte, Theateraufführungen ...), desto weniger Verwüstungen kommen vor. (Vgl. BÖTTGER Pädagogik 6/95, S. 44)

     Angemessene Kontrolle

     Die Aufgabe der Lehrer muß es sein, sich darum zu kümmern, was sich zwischen den Schülern abspielt. Deshalb ist eine angemessene Pausenaufsicht in den Schulen wichtig. Kommen Aggressionen zwischen den Schülern vor, müssen sich die Lehrer einschalten und den Aggressoren klarmachen, daß Raufereien nicht gestattet sind und daß Schüler nicht schikaniert werden dürfen.

     Entwickeln klarer Regeln gegen aggressives Verhalten

     In der Schulklasse könnte der Lehrer mit den Schülern Verhaltensregeln entwickeln, in denen auch festgelegt wird, was mit Schülern geschieht, die diese Regeln nicht einhalten.

     Beispiele:

    "Wir tyrannisieren oder schikanieren unsere Schulkameraden nicht

    Wir helfen Mitschülern, die von anderen schikaniert werden

    Wir bemühen uns darum, Mitschüler beim Spielen nicht auszuschließen" (HAVERS Pädagogik 3/93, S. 27)

     Wichtig ist vor allem, daß sich die Schüler über die möglichen Sanktionen Gedanken machen. Kommt es zur Strafe, soll dies der Schüler zwar als Strafe empfinden, aber nicht in körperlichen Sanktionen oder bewußtem "Fertigmachen" des Schülers ausarten.

     Unterstützung und Schutz für die Opfer von Aggressionen

     Es ist sehr wichtig, daß die Schüler zu den Lehrern so viel Vertrauen haben, daß sie über die Schulaggression im Unterricht mit den Lehrern sprechen können. Vertrauensvolle Lehrer-Schüler Beziehungen bestimmen daher wesentlich die Qualität des Lehrerhandels und sind für die Effektivität sozialer Lernprozesse wichtig. Gleichzeitig wird auch dem aggressiven Handeln vorgebeugt. Das Selbstverständnis des Lehrers als bloßer Wissensvermittler wirkt daher aggressionsfördernd, sozialintegratives Lehrverhalten ist dagegen aggressionsmindernd. (Vgl. DETTENBORN Pädagogik 3/93, S. 33)

     Ausbau der außerschulischen Betreuung

     Hier wären etwa folgende Einrichtungen anzusprochen:

    6.2 Sonstige Maßnahmen zur Bekämpfung der Jugendkriminalität

    Die folgenden Maßnahmen stellen einen Kurzauszug dar, wie sie im Bericht der Bayerischen Staatsregierung vorgeschlagen werden. Viele dieser Vorschläge sind bereits in Projekten verwirklicht worden und beziehen sich auf Kinder und Jugendliche als Opfer und Täter von Gewalttaten.

    Familie und Heimerziehung

    Beratung und Information von Eltern und Familien

    Unterstützung von ausländischen Familien

     Stärkung der Fähigkeit zu Partnerschaft, Gemeinschaft und zur Konfliktbewältigung (Beispiele)

     Besondere Unterstützung von Alleinerziehenden

    Kindertagsbetreuung

     Bessere Qualifizierung des pädagogischen Personals:

    Jugendarbeit / Jugendsozialarbeit / Jugendschutz

    Medien

    Schaffung geeigneter rechtlicher Voraussetzungen zur Eindämmung von Gewaltdarstellungen
    (Vgl. dt. Mediengesetz)

     Verbot von Sendungen, die ein tatsächliches Geschehen in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellen

     Stärkung der Eigenverantwortung der Medienproduzenten und ñveranstalter, der Wirtschaft und der Verbraucher

     Freiwillige Selbstkontrolle des Fernsehens

    1. Innere Sicherheit

     Rechtspflege

    Konsequente, am Erziehungsgedanken orientierte Fahndung von Gewaltstraftaten junger Menschen

     Das Sanktionensystem beim Jugendstrafrecht ist sehr flexibel ausgestaltet, um auf die unterschiedlichen Ursachen der Jugendkriminalität eingehen zu können. Den Gerichten steht daher eine breite Palette von Maßnahmen zur Verfügung. Dabei sind jene erzieherischen Maßnahmen besonders wichtig, die nicht zu einem Freiheitsentzug Jugendlicher führt.

     Beispiele:

     Teilnahme Jugendlicher an einem Opfer / Täter Ausgleich zwischen dem Beschuldigten und dem Beklagten. Ziel ist es, den angerichteten materielle und immateriellen Schaden des Opfers auszugleichen.

     (Vgl. Bericht der Bayrischen Staatsregierung)

    7. Persönliche Bemerkungen

     Das hier dargestellte Zahlenmaterial bestätigt leider die Sorgen vieler Menschen, daß die Jugendkriminalität ein Problem unserer Zeit ist, das nicht ernst genug genommen werden kann. Da die Jugendkriminalität die Lebensumstände der Jugendlichen am unmittelbarsten widerspiegelt, kann eine hohe Jugendkriminalität nur bedeuten, daß sowohl der Staat als auch das soziale Umfeld der jungen Menschen gefordert ist, sich mehr denn je um den Jugendlichen zu kümmern. Große Bedeutung kommt auch der Familie und den Medien zu. Daher sollte sich auch hier etwas Grundlegendes ändern, um unsere Zukunft zu wahren.

     8. Interviewauswertung

     1. Siehst Du im Fernsehen, auf Video oder im Kino Filme, in denen viele Actionszenen vorkommen?

    13 Personen beantworteten diese Frage mit JA und 4 Personen mit NEIN.

    Die Filme konzentrierten sich auf Aktion- Horror- und Karatefilme

    Die Verteilung ist 5 Personen nannten Horrorfilme, 2 sehen gerne Schwarzenegger Filme, 2 davon sehen mit Begeisterung Science fiction Filme und 5 Personen gliederten sich unter sonstige Filme wie James Bond.

     2. Gefühle und deren Veränderung nach einem solchen Film?

     

    12 der befragten Personen fühlen sich gleich (77%) und 5 Mädchen sind nach solchen Filmen aufgeregt und emotional geladen.

    3. In der Straßenbahn findet eine Rauferei statt, wie würdest Du reagieren?

    2 Mädchen gaben an, Sie würden eine ältere Person holen. Die Burschen und der Rest der Mädchen enthalten sich zu 43% bzw. versuchen zu 44% den Streit zu schlichten.

     4. Das Verhalten deiner Freunde, wenn sie aggressiv sind, Wie und wo werden Gefühle abgebaut?

    3 Personen gaben an, daß durch Schlagen in der Schule die Emotionen abgebaut werden. 5 beginnen zu streiten und reden Mitschüler dumm an, 5 Pers. gaben an, daß Aggressivität sich zeigt: Leider konnten 4 Personen nichts dazu sagen.

     Sind in Deinem Freundeskreis bereits Straftaten gegangen worden?

    1. 15 Personen beantworteten diese Frage mit NEIN, und zwei mit JA.

      Auf die Frage, welche Taten das wären, ergaben sich Drogen und Diebstahl.

     Sind Freunde von Dir schon mit Polizei oder Gendarmerie gekommen?

    1.  

      14 Personen gaben an, daß sie niemanden kennen, der mit der Polizei etwas zu tun gehabt hat. 3 können angeben, jemanden zu kennen der wegen Diebstahl und Drogen zu tun gehabt hat.

     Kommen in Deiner Schule häufig Raufereien vor?

    1.  

      Personen gaben an, daß in deren Schule Raufereien stattfinden. Betrachtliche 11 Personen gaben ein NEIN an.

     Sind Freunde bereits mit Raufereien und sonst. Körperliche Auseinandersetzungen verwickelt gewesen?

    1. 8 Personen Ja mit Streitereien und Auseinandersetzungen in der Schule.

      9 Personen hingegen waren noch nicht mit Raufereien verwickelt.

    Besitzen Deine Freunde Messer, Springmesser oder können Sie in Kontakt mit Schußwaffen kommen?

    1.  

    13 Personen gaben zur Antwort NEIN, 3 hingegen JA und zwei wissen nicht Bescheid darüber.

     Zu den persönlichen Daten:

    10 Personen der Befragten hatten ein Alter von 13 Jahren, 5 waren 14 Jahre und 2waren 12 Jahre.

     

    Die Eltern der Befragten waren: 1 Beamter, 9 Arbeiter, 3 Angestellte, 5 Selbständige

    Das Geschlecht teilte sich in 8 männliche Personen und 9 weibliche Personen.

    Zu erwähnen ist noch das sich bis auf zwei der Schüler alle in der Hauptschule Frankenburg, Vöcklabruck und Mondsee befinden . Zwei Gymnasiasten aus Salzburg waren der Rest der Befragten.

    9. Glossar

    Anarchismus: Lehre, die sich gegen jede Autorität richtet und für unbeschränkte Freiheit des Individuum eintritt.

     Aggresssion: kommt von dem lateinischen Verb aggredi und bedeutet: auf jemanden oder etwas zugehen. Erst durch die Ausgestaltung wird die Aggression konstruktiv oder destruktiv.

     Delinquenz: Straffälligkeit

     Ethnozentrist: Ausländerfeind

     Exploration: Untersuchung, Erforschung

     Insuffienz: Unzulänglichkeit

     Masochismus: Erregung durch Erdulden von Mißhandlungen

    PKS: Polizeiliche Kriminalstatistik

     Säkularisierung: Verweltlichung, Loslösung aus der Bindung an die Kirche

    10. Literaturverzeichnis

    Bücher:

    1. BÄUERLE, S. (1989) Kriminalität bei Schülern. Verlag für Angewandte Psychologie ñ Stuttgart.

       BRAUN, F (1990) Jugendarbeitslosigkeit, Jugendkriminalität und städtische Lebensräume. München: Verlag Deutsches Jugendinstitut.

       GLOGAUER, W. (1993) Kriminalisierung von Kindern und Jugendlichen durch Medien. Baden ñ Baden: Nomos Verlagsgesellschaft.

       HELLMER, J. (1966) Jugendkriminalität unserer Zeit. Frankfurt/M: Fischer Bücherei KG

       MOSER, T. (1970) Jugendkriminalität und Gesellschaftsstruktur. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main

       MOSER, T. (1970) Jugendkriminalität und Gesellschaftsstruktur. Suhrkamp Verlag Frankfurt/M.

       

    Zeitschriften:

    1. DETTENBORN, H. (1993). Gewalt aus Sicht der Schüler. Pädagogok 3/93, S. 31 ñ 33

       HAVERS, N. (1993). Aggressives Verhalten von Schülern. Pädagogik 3/93, S. 24 ñ 27

       WINKEL, R. (1993). "Ey, ich aids dich an!" Die fünf Sinnperspektiven aggressiven Verhaltens in der Schule. Pädagogik 3/93, S. 6 ñ 9

       BÖTTGER, G. (1995). Konflikte mit Jugendlichen lösen. Pädagogik 6/95., S. 43-44

       MÖLLER, K. (1995). Gewalt, Männlichkeit und Pädagogik. Pädagogik 10/95, S. 51 ñ 53

     Internet Quellen:

    1. Bericht der Bayerischen Staatsregierung, September 1994, JUGEND UND GEWALT, Kinder und Jugendliche als Opfer und Täter, Situation, Ursachen, Maßnahmen ñ ONLINE im Internet:http://server.stmukwk.bayern.de/jugend/bericht/index.html

       Polizei Baden- Württemberg: Jugendkriminalität in Baden-Württemberg ñ ONLINE im Internet: http://www.polizei-bw.de/jugend01.htm

       Anm.: Alle angegebenen Internetquellen sind beim Autor einsehbar.

    11. Kontrollfragen

     Welche Bedeutung sehen Sie in der aktuellen Entwicklung der Jugendkriminalität?

     Nennen Sie die wichtigsten Ursachen der Jugendkriminalität und beschreiben Sie diese kurz?

    Welche Maßnahmen können Sie als Elternteil treffen, damit ihre Kinder weniger in Gefahr geraten, kriminell zu werden?

     Welche Möglichkeiten hat man als Lehrer im Umgang mit kriminellen Jugendlichen? Welche Möglichkeiten haben Sie als Lehrer, um präventiv gegen die Jugendkriminalität wirken zu können?

     Beschreiben Sie den Einfluß der Medien auf die Jugendkriminalität?

     Wie gehen öffentliche Einrichtungen gegen die Jugendkriminalität vor?

     Diskutieren Sie die Korrelation Jugendkriminalität und Familie?


    ©opyright Dagmar Huber & Dieter Wagner & Werner Stangl, Linz 1997.
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