Entwicklung im Jugendalter

Übung aus Pädagogischer Psychologie

LV-Leiter: Werner Stangl

Jugendliche und Familie

 

Stefan FÜREDER-KITZMÜLLER
Werner HELZEL
Elisabeth SCHERWENK


Inhaltsverzeichnis

1. Die Familie

1.1. Funktionen der Familie

1.2. Familienentwicklung

1.3. Entwicklungsaufgaben der Familie

2. Entwicklungsaufgaben im Jugendalter

Über das "Coping" - das WIE der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben

3. Erziehungsstile

4. Die Generationskonflikt-Hypothese

5. Einfluß der Altersgenossen und der Eltern

6. Abnahme der Elternzentriertheit - Der Loslösungsprozeß

6.1. Rollentheoretische Sichtweise

6.2. Psychoanalytische Sichtweise - Grundbegriffe der psychoanalytischen Theorie

7. Das Jugendalter - Adoleszenz

8. Das Selbständigkeitsstreben in der Vorpubertät

- Die Beziehung zwischen Eltern und Jugendlichen

9. Die Ablösung von der Familie - Die Distanzierung von den Eltern

9.1. Entwicklung der Jugendlichen

9.2. Konfliktbereiche bei der Ablösung von der Familie

9.3. Außenorientierung und ReifungsProzess

9.4. Geschlechtspezifische Unterschiede

9.5. Abhängigkeit des Loslösungsprozesses von der Familienstruktur

10. Bedeutung elterlichen Verhaltens für die Loslösung -

Reaktion der Eltern auf Automomiebestrebungen der Jugendlichen

10.1. Einfluß des Erzieherverhaltens

10.2. Schlußfolgerung für eine angemessene Erziehung

Kontrollfragen

Glossar

Literatur

Anhang


1. Die Familie

(vgl. OERTER-MONTADA, 1995, S 128ff)

Ein einheitlicher Familienbegriff existiert nicht, aber es gibt mehrere Ansätze, "Familie" zu beschreiben:

"enge und dauerhafte Beziehungen zwischen Menschen, die auf eine nachfolgende Generation hin orientiert sind" (HOFER, KLEIN-ALLERMANN, NOACK, 1992, S6)

"eine soziale Beziehungseinheit, die sich besonders durch Intimität und intergenerationelle Beziehungen auszeichnet" (Petzold)

Karpel und Strauss (1983) unterscheiden die Familie nach der Art, Dauer und Intensität der im gemeinschaftlichen Lebensvollzug entstehenden Bindungen. Sie gelangen zu fünf Familienbedeutungs- und - bindungsformen:

(a) Die funktionale Familie ist in ihren Bindungen vor allem durch die Art und Weise gekennzeichnet, wie sie die praktischen Anforderungen des Lebens - z.B Haushaltsführung, Freizeitgestaltung und Kindererziehung - regelt.

(b) Die rechtliche Familie wird in ihrer Bindung von außen durch die Normen des Rechtssystems definiert. Bindungen entstehen hier z.B durch Erziehungsverpflichtungen sowie Unterhalts- und Sorgerechtsregelungen.

(c) Die wahrgenommene Familie bezieht sich auf das subjektive Empfinden der einzelnen Familienmitglieder, wer als zur Familie gehörig betrachtet wird und wer nicht.

(d) Die Familie mit langfristigen Verpflichtungen ist gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Erwartungen bezüglich Dauerhaftigkeit und Stabilität der wechselseitigen Bindungen.

(e) Die biologische Familie bezieht ihre Bindungen aus dem Faktum der Blutsverwandtschaft.

Auch wenn diese Bindungen durch zusätzliche (außerfamiliäre) soziale Beziehungen faktisch gelebt werden, stellen sie doch eine wichtige Einflußquelle in der Persönlichkeitsentwicklung dar.

Als intime Beziehungsysteme sind Familien nach Schneewind (1987) gekennzeichnet durch die Art des Lebensvollzuges, dabei lassen sich vier Merkmale unterscheiden:

(a) Abgrenzung: die Familienmitglieder gestalten ihr Zusammenleben nach speziellen teilweise

auch nur in der Familie geltenden wechselseitigen Regeln

(b) Privatheit: im einem umgrenzten Lebenraum ist wechselseitiger Verhaltensaustausch

möglich

(c) Dauerhaftigkeit: eine auf längerfristige Gemeinsamkeit angelegte Bindung mit

wechselseitigen Verpflichtungen und Zielorientierungen

(d) Nähe: physische, geistige und emotionale Intimität

Die Interaktion zwischen den Familienmitgliedern ist gekennzeichnet durch:

 

Traditionelles Familienleitbild und alternative (Familien-)Lebensformen (nach Macklin, 1987):

Abbildung

1.1. Funktionen der Familie

(vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN, NOACK, 1992, S. 39f)

Nach Neidhardt (1975) und Kaufmann (1990) kann man der modernen Familie folgende Funktionen bzw. Leistungen zuordnen:

 

"Bei der weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung werden Ehe und Familie als die zentralen Werte ihrer Lebensplanung und als Sinngebung der Lebensfindung beurteilt" (Nave-Herz, 1989b).

1.2. Familienentwicklung

(vgl. SILBEREISEN/MONTADA, 1983, S. 139f)

Der Kerngedanke der Familienentwicklungstheorie besteht darin, die Familie als ein System von Rollenträgern zu sehen, wobei sich die Rollen aufgrund normativer Veränderungen im Familienzyklus ändern.

Jedes Familienmitglied nimmt mehreren Rollen ein, die insgesamt ein Rollenmuster bilden. Die Rollen verändern sich im Laufe der Zeit, Auslöser für solche Rollenänderungen sind verschieden, z.B.die Geburt eines Kindes - Vater- und Mutterrolle.

oder: Die Familie trifft, je nach ihrer wirtschaftlichen Lage, Regelungen, um ihr Überleben zu sichern (Veränderungen in der Machtstruktur).

1.3. Entwicklungsaufgaben der Familie

Mit Familienentwicklungsaufgaben werden normative Erwartungen an die ganze Familieneinheit bezüglich der Funktionen, die für den einzelnen und für die Gesellschaft erfüllt werden müssen, bezeichnet.

Hill & Rodgers (1964) haben ein 8-Phasen-Modell des Familienlebenszyklus konzipiert:

(1) die Kinderlosigkeit

(2) die Geburt des ersten Kindes

(3) die Vorschulzeit

(4) das Schulalter

(5) die Adoleszenz

(6) die Entlassung des jungen Erwachsenen aus dem Familienverband

(7) die Nachelternschaft

(8) der berufliche Rückzug

(vgl. SILBEREISEN/MONTADA, 1983, S. 140 sowie OERTER-MONTADA, 1995, S. 136)

Nach Duvall und Schneewind sind diese Entwicklungsaufgaben stadienspezifisch und verändern sich so, wie sich individuelle Entwicklungsaufgaben über die Jahre ändern:

Abbildung

Von Duvall und Miller (1985) werden Familienentwicklungsaufgaben in Anlehnung an Entwicklungsaufgaben definiert als jene erwartbaren Wachstumsverantwortlichen, die eine Familie in einer gegebenen Entwicklungsstufe meistern muß, um die biologischen Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu befriedigen, den kulturellen Erfordernissen gerecht zu werden und die Ansprüche und Werte ihrer Mitglieder zu erfüllen.

(vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN, NOACK, 1992, S. 16f)

Dabei handelt es sich aber nur um ein grobes Raster, da nicht-normative Ereignisse (z.B. Tod, Scheidung, Arbeitslosigkeit) sowie historisch bedingte Ereignisse (z.B. Krieg, sozialer Wandel) unberücksichtigt bleiben.

(vgl. SILBEREISEN/MONTADA, 1983, S. 140 sowie OERTER-MONTADA, 1995, S. 136)

Durch das zunehmende Streben der jugendlichen Kinder nach Autonomie und die zunehmende Orientierung an Freunden und Gleichaltrigen wird eine Neuorganisation der Beziehungen innerhalb der Familie notwendig. Dabei verlieren die Eltern ihren Versorgerfunktion, Freiheit und Verantwortlichkeit der jugendlichen Kinder müssen neu ausbalanciert (erweitert) werden, gleichzeitig sollen die familiären Stützfunktionen aufrechterhalten werden.

Als Gegengewicht zu den zunehmenden Freiheiten aller Familienmitglieder, auch der Eltern, können zusammenhaltende Bestrebungen in Form gemeinsamer Freizeitaktivitäten oder regelmäßiger gemeinsamer Mahlzeiten entwickelt werden. Sind diese Bestrebungen erfolgreich, so entwickelt sich eine neue Form des gegenseitigen Vertrauens und der Beziehung zueinander, so daß Eltern ebenso Ansprechpartner für emotionale Anliegen der Kinder sind wie umgekehrt Kinder auch für die Eltern zu gleichwertigen und vollwertigen Ansprechpartnern werden.

(vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN, NOACK, 1992, S. 201-202)

2. Entwicklungsaufgaben im Jugendalter

(vgl. SCHENK-DANZINGER, 1992, S. 356-361)

HAVIGHURST (1982) entwickelte in den 50er Jahren das Konzept von Entwicklungs-aufgaben, die den verschiedenen Altersstufen zugeordnet sind und von den Angehörigen dieser Altersstufen bewältigt werden sollen. Die erfolgreiche Bewältigung führt zu Zufriedenheit und Erfolg bei späteren Aufgaben, während Versagen zu perönlicher Unzufriedenheit, zur Ablehnung durch die Gesellschaft und zu Mißerfolg bei weiteren Aufgaben führt.

Entwicklungsaufgaben nach HAVIGHURST (1982):

1) Neue und reifere Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts aufbauen

2) Übernahme der männlichen und weiblichen Geschlechtsrolle

3) Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des Körpers

4) Emotionale Unabhängigkeit von den Eltern und von anderen Erwachsenen

5) Vorbereitung auf Ehe und Familienleben

6) Vorbereitung auf eine berufliche Karriere

7) Werte und ein ethisches System erlangen, das als Leitfaden für das Verhalten dient -

Entwicklung einer Ideologie

8) Sozial verantwortliches Verhalten anstreben und erreichen

E. & M. DREHER haben 1985 insgesamt 210 weibliche und 230 männliche Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren nach der individuellen Bedeutsamkeit von verschiedenen Entwicklungsaufgaben befragt; Prozentwerte "wichtig" und "sehr wichtig" (DREHER und DREHER 1985):

Abbildung

Für beide Geschlechter steht die Berufsvorbereitung an erster Stelle, danach folgen Identitätsfindung und Aufbau der Beziehung zu Gleichaltrigen (Peers). Den Mädchen scheint die Auseinandersetzung mit den Werten der Gesellschaft und mit dem eigenen Aussehen wichtiger als den Jungen, auch die Ablösung von den Eltern dürfte ihnen wichtiger sein (wegen der stärkeren elterlichen Kontrolle der Freundschaften und der Ausgehzeiten). Intime Beziehungen und die Auseinandersetzung mit den geschlechtspezifischen Rollenmustern sind ihnen nicht so wichtig wie den Jungen.

Weitere Untersuchungen von DREHER und DREHER (1985) an männlichen Jugendlichen zeigten, daß mit zunehmendem Alter die Peer-Gruppe, die intimen Partnerbeziehungen und die Ablösung von den Eltern an Bedeutung zunahmen.

Insgesamt gibt es eine deutliche Altersentwicklung im Hinblick auf größere Autonomie gegenüber den Eltern und in Richtung Paarbeziehungen, aber auch in bezug auf die vorstellungsmäßige Vorwegnahme späterer Lebensaufgaben.

2.1. Über das "Coping" - das WIE der Bewältigung der Entwicklungsaufgaben

(vgl. SCHENK-DANZINGER, 1992, S. 362-371)

"Coping" bedeutet produktive Anpassung und wird als eine aktuelle oder episodische (kurzdauernde) Form der Anpassung an Anforderungen verstanden, die mit den bisher zur Gewohnheit gewordenen Verhaltensweisen der Person nicht oder nicht mehr erfüllt werden können (OLBRICH 1984).

Der Coping-Prozeß beginnt, sobald für den jungen Mensch die Bewältigung einer Anforderung für ihn wichtig aber mit Schwierigkeiten verbunden erscheint.

In der ersten Phase wird die Situation subjektiv beurteilt, wobei kognitive und emotionale Komponenten in die Bewertung einfließen. In einer zweiten Phase werden die Bewältigungsmöglichkeiten geprüft und nach ihrer Wirksamkeit und eventuellen Rückwirkungen abgeschätzt. Es handelt sich dabei um einen aktiven dynamischen Prozeß, der im Falle des Gelingens zu einem neuen Gleichgewicht und zur Weiterentwicklung führt.

Nach der Fokaltheorie von COLEMANN (1984) werden die Entwicklungsaufgaben einzeln und zu verschiedenen Zeitpunkten des Entwicklungsprozesses schrittweise bewältigt (zeitliche Abfolge der Brennpunkte aktiver Auseinandersetzung).

3. Erziehungsstile

(vgl. DE WIT, VAN DER VEER, 1982, S 95-98)

Der Erziehungsstile der Eltern während des Jugendalters unterscheiden sich im Ausmaß und der Art der Selbständigkeit, die vom Jugendlichen erwartet werden. Eltern und Jugendlicher sind in unterschiedlichem Ausmaß an der Entscheidungsfindung und damit an Verantwortung beteiligt, auch beim Ergreifen der Initiative sind Unterschiede vorhanden.

Nach der Einteilung von ELDER (1962, 2963) können 7 Erziehungsstile unterschieden werden:

der autokratische Erziehungsstil:

Der Ausgangspunkt ist die angebliche Notwendigkeit, daß Erwachsene gegenüber Jugendlichen Autorität ausüben. Der Jugendliche soll weder seine eigene Meinung über ein Thema äußern noch selbständig Initiativen ergreifen.

der autoritäre Erziehungsstil:

Dem Jugendlichen ist es zwar gestattet, an der Problemlösung mitzuwirken, aber letztendlich fassen doch die Eltern nach ihrer Meinung die Entschlüsse.

der demokratische Erziehungsstil:

Der Jugendliche wird als ernstzunehmender Gesprächspartner betrachtet, der schon eigene Verantwortung tragen kann, aber auch Anleitungen von den Eltern benötigt. Der Jugendliche kann Fragen, die Regeln für sein Verhalten und seine Zukunft betreffen, mit den Eltern besprechen. Die Entschlüsse werden letztendlich durch die Eltern, aber möglichst in Übereinstimmung mit dem Jugendlichen getroffen. Mit zunehmendem Alter erhält der Jugendliche immer mehr Autonomie und Entscheidungsfreiheit. Ein demokratischer Erziehungsstil impliziert eine offene Haltung der Eltern, die dem Kind Sicherheit und das Gefühl des Erwünschtseins vermittelt, so daß es sich in wachsendem Maß als verantwortungsfreudige und autonome Persönlichkeit zu entwickeln vermag.

der egalitäre Erziehungsstil:

Die Eltern und der Jugendliche haben bei Entscheidungen hinsichtlich seines Verhaltens gleichen Einfluß.

der permissive Erziehungsstil:

Der Jugendliche ist aktiver als seine Eltern und dominiert, wenn es sich um Entscheidungen handelt, die ihn selbst betreffen.

der laissez-faire-Erziehungsstil:

Der Jugendliche hat mehr Macht und ist bei Entschlüssen aktiver als seine Eltern. Hier kann sich der Jugendliche nach den Wünschen der Eltern richten oder die Eltern völlig übergehen.

der negierende Erziehungsstil:

Die Eltern beeinflussen das Verhalten des Jugendlichen überhaupt nicht.

4. Die Generationskonflikt-Hypothese

 

Die Ansicht, daß Jugendliche in heftigen Kämpfen um ihre Emanzipation von den Zwängen des Elternhauses verstrickt sind, ist weit verbreitet.

Tatsächlich aber haben Jugendliche schon mit 13-14 Jahren eine relative Autonomie erhalten, die sie den Eltern nicht mehr abtrotzen mußten. Häufig liegt das Problem bei den Eltern, die die ständige Anwesenheit des Kindes vermissen und gegen das Gefühl des "leeren Nestes" ankämpfen müssen. (vgl. EWERT, 1983, S 44ff)

Schon Sokrates tätigte folgenden Ausspruch: "Die Jugendlichen von heute bevorzugen den Luxus. Sie haben schlechte Manieren, haben keine Ehrbietung gegenüber Älteren und lieben den Müßiggang mehr als die Arbeit."

Viele Merkmale Jugendlicher werden von den Älteren überbewertet, vor allem Äußerlichkeiten wie Kleidung oder Haartracht oder die Verehrung nicht besonders angepaßter Popstars als Idole; das Urteil wird aber auch durch die eigenen Anschauungen, Werte und Einstellungen geprägt.

Generationskonflikt kann so interpretiert werden, daß zwei verschiedene Lebensweisen der "Älteren" und der "Jüngeren" zu thematischen Entfremdung führen, d.h. Kommunikationsprobleme, die durch unterschiedliche Lebensweise bedingt sind.

Drei Aspekte werden unterschieden:

1) Unterschiedliches Erleben durch Verschiedenheit der Lebensphase

Jugendliche sind durch neue Wahl- und Entfaltungsmöglichkeiten gekennzeichnet.

Ältere Erwachsene stellen ganz andere Dinge in den Mittelpunkt: Verpflichtungen, die mit Einschränkungen verbunden sind oder den Verlauf des eigenen Lebens.

 

2) Unterschiedliches Erleben durch Verschiedenheit der Lebenserfahrungen

Aufgrund von Unterschieden in den gemeinsamen Lebenserfahrungen der Generationen von "Älteren" und "Jüngeren" gibt es manchmal auch Unterschiede im Erleben.

Insbesondere ist es in der heutigen, sich rasch wandelnden Gesellschaft, für die Jüngeren schwerer geworden, von den Älteren zu lernen. In der heutigen Welt muß sich der Jugendliche seinen eigenen Weg suchen, er kann sich nicht auf das Verhaltensvorbild der Ältern verlassen.

3) Thematische Entfremdung zwischen Jüngeren und Älteren

Themen, die Konfliktstoff bieten, können im Zusammenhang mit dem zentralen Bedürfnis nach Selbständigkeit betrachtet werden, z.B. die Rechtsposition des Jüngeren - Rechte bei Mindestlohn, Wohnungsvermittlung oder Vertragsabschlüsse - oder die Frage nach "Gut und Böse". Die modernen Massenmedien konfrontieren mit einer Vielzahl von Normen, Werten und Lebensformen. Diese Vielfalt trägt dazu bei, daß Jugendliche nach anderen Normen leben als die Eltern (die dann ihrerseits die Jugendlichen der Normenlosigkeit beschuldigen) und vieles was in der älterne Generation als unantastbar galt, wieder zur Diskussion steht.

Trotz so manchen Wertekonfliktes zwischen jungen und älteren Menschen bejahen viele Jugendliche im großen und ganzen die gleichen konventionellen Werte wie ihre Eltern.

Die Ehe nimmt einen wichtigen Raum in jugendlichen Zielvorstellungen ein, dabei werden auch Aussprüche wie "die Frau gehört ins Haus, der Mann geht zur Arbeit" oder "außereheliche Beziehungen sind verwerflich" bejaht (Cornelissen, 1970). Auch wollen die meisten ihre Ehe ungefähr so führen wie ihre Eltern.

Zusammenfassend läßt sich sagen:

Unterschiedliche Interessen und Erfahrungen führen zu einer Distanz zwischen Jugendlichen und Älteren. Durch die Generationsunterschiede kann ein Wertekonflikt auftreten. Es besteht aber aber auch die Möglichkeit, die verschiedenen Erfahrungen in eine fruchtbare Zusammenarbeit einzubringen und sich wechselseitig zu ergänzen.

(vgl. DE WIT, VAN DER VEER, 1982, S 95-98)

5. Einfluß der Altersgenossen und der Eltern

Die "Gleichaltrigengruppe" ist die deutsche Übersetzung des seit über vierzig Jahren in die amerikanische Forschung eingegangenen Begriffes "peer group".

"Peer group" bedeutet aber mehr als nur Menschen von gleichem Alter. Das Wort "peer" ist

altfranzösischen Ursprungs und wurde von "per", später "pair", abgeleitet. Es bedeutet Gleichsein, von gleichem Rang oder Status sein. (vgl. Naudascher 1977, S.13)

Anfänglich glaubte man, die Peergruppe würde die eigentliche und entscheidende Sozialisationinstanz im Jugendalter sein und das Elternhaus und dessen frühere Funktion im Sozialisationsprozeß ersetzen. Coleman meinte, Jugendliche würden eine Art "Subkultur" bilden, mit eigenem Sprachgebrauch, mit speziellen Symbolen und einem eigenen Wertsystem, das von dem ihrer Eltern verschieden sein kann.

Aus anderen Untersuchungen ging jedoch hervor, daß Eltern auf das Leben von Jugendlichen nach wie vor einen erheblichen Einfluß haben.

Das Mesosystem Familie - Peergruppe wirkt in den meisten Fällen eher harmonisch, da sich entweder die beiden Systeme komplementär ergänzen oder direkt wechselseitig unterstützen. Eltern haben nach wie vor einen größeren Einfluß auf Entscheidungen des Jugendlichen mit langfristiger Wirkung, während die Peers Einfluß auf gegenwärtige Probleme und Entscheidungen haben. (vgl. Oerter & Montada 1995, S.382f)

Peers spielen einerseits hinsichtlich des psychosozialen Wohlbefindens (Förderung des Selbstwertgefühls und der Lebenszufriedenheit) eine wesentliche Rolle, andererseits in der Unterstützung bei der Bewältigung von Belastungen und Problemen. Die Welt der Peers wird als "Gesellschaft im kleinen", als Übungsfeld betrachtet für das Erlernen von Rollen, zum Ausgleich unterschiedlicher Interessen oder zur Herstellung von Beziehungen außerhalb der Familie. (vgl.Hofer 1992, S. 83f)

Elterlicher Erziehungsstil und der Einfluß der Gleichaltrigengruppe beeinflussen sich ebenfalls. So wurde ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Laissez-Faire-Stil und Dominieren in der Gleichaltrigengruppe festgestellt.

Für den Jugendlichen sind seine Freunde wichtig, da er sich mit ihnen vergleichen kann, seine neuen Anschauungen an ihnen ausprobieren kann und auch Sicherheit und Geborgenheit von Ihnen bekommt. Doch es ist als Elternteil nicht richtig, wenn man bei auftretenden Problemen und Meinungsverschiedenheiten die Flinte ins Korn wirft und den Jugendlichen auf das Urteil seiner Freunde verweist, denn der Jugendliche braucht auch noch seine Eltern. Ihre Anerkennung, ihre Wertschätzung verleihen ihm Sicherheit in einer Zeit, in der alles unsicher geworden ist." (Naudascher 1977, S.64)


6. Abnahme der Elternzentriertheit - Der Loslösungsprozeß

In keinem Alter ist das Bedürfnis nach Verstandenwerden und das Gefühl des Unverstandenseins so groß wie in der Jugendzeit. Nach Eduard Spranger ist dies der Grund, warum sich Jugendliche aus der Welt der Erwachsenen zurückziehen. Die Jugendlichen distanzieren sich von Familie und Schule. (vgl. FEND 1990, S.96). Oft wird alles in Frage gestellt, was bisher als gültig akzeptiert worden war. Während der Jugendliche also einerseits an der bestehenden Lebensform zweifelt, hat er sich jedoch andererseits eine neue, endgültige Lebensform noch nicht erarbeitet. Klar ist ihm zu diesem Zeitpunkt nur eines:

Er muß "sich selbst finden" und seinen Lebensweg verselbständigen.

Diese Selbstfindung ist das zentrale Problem der jugendlichen Entwicklung. (vgl. Schenk-Danzinger 1993, S.371f). Im Ringen um die Selbstfindung stellt sich der Jugendliche die Fragen:

  1. "Wie bin ich?" (Frage nach der subjektiven Identität)
  2. " Wie möchte ich sein?" (Frage nach der wünschbaren Identität)
  3. " Für wen hält man mich?" (Frage nach der zugeschriebenen Identität)

 

Der Selbstfindungsprozeß erfolgt von außen nach innen, d.h. zuerst ändert der Jugendliche seine äußere Erscheinung (Frisur, Kleidung), wobei er sich meist an Vorbildern der gleichaltrigen Bezugsgruppe oder an bestimmten Jugendidolen (Popstars usw.) orientiert. Erst dann verlagert sich das Suchen nach der eigenen Identität mehr nach innen.

Der Heranwachsende entdeckt also sein Selbst , er kann seine Erziehung selbst in die Hand nehmen.


Der Prozeß der Loslösung von der Familie kann aus verschiedenen theoretischen Sichtweisen gesehen werden. Ich möchte auf die "rollentheoretische Sichtweise", die der Jugendliche durchmacht und auf die psychoanalytische Perspektive, die den Loslösungsprozeß im Zusammenhang mit Veränderungen in der Art der Beziehung und der damit verbundenen Erlebnissen sieht, näher eingehen.

6.1. Rollentheoretische Sichtweise

Das Jugendalter ist der Zeitraum, in dem der Mensch kein Kind mehr und noch kein Erwachsener ist. Jugendliche nehmen in unserer Gesellschaft eine besondere Stellung ein.

Ein Kind darf kindlich sein, aber von jemandem, der aufgrund seines Geburtsdatums und seines erwachsenen Aussehens erwachsen erscheint, erwarten wir ein erwachsenes Verhalten.

Er hat also eine neue soziale Rolle zu spielen. Diese Rolle beinhaltet Unabhängigkeit von den Eltern im wei0teren Leben und die Übernahme von mehr Verantwortung innerhalb der Gesellschaft.

Die Rolle des abhängigen Kindes wird gegen die des mehr und mehr autonom entscheidenden jungen Menschen eingetauscht. Der Jugendliche muß auch wichtige Entscheidungen bezüglich seiner Zukunft treffen. Natürlich ergeben sich dadurch Konflikte mit den Eltern, die instinktiv fühlen, daß sie ihren Erziehungseinfluß verlieren und ihre Kinder sich selbst erziehen wollen.

Der Jugendliche muß sich in emotionaler Hinsicht von den Eltern lösen und emotionale Beziehungen zu anderen eingehen.

Die Gesellschaft gibt dem Jugendlichen die Chance neue Verhaltensweisen erproben zu können, indem sie ihm in vielerlei Gebieten noch wenig Verantwortung auferlegt. Er hat somit Zeit herauszufinden, welche Fähigkeiten er besitzt und welche Lebensweise ihm sinnvoll erscheint. Damit der Jugendliche fähig ist als Erwachsener in der Gesellschaft handeln zu können, ist die Ablösung von der Familie ein notwendiger Schritt.

(vgl. De Wit & Van der Veer 1982, S. 81-84)



6.2. Psychoanalytische Sichtweise - Grundbegriffe der psychoanalytischen Theorie

Von der Psychoanalyse werden im Hinblick auf den Prozeß der Lösung von den Eltern interessante Hypothesen formuliert. Diese sind Teil eines ausgearbeiteten theoretischen Beziehungsgeflechts, wovon ich zunächst einige Grundbegriffe erläutern werde.

Trieb: Einer der Grundbegriffe der psychoanalytischen Theorie. Kuiper schreibt darüber:" Was sind die psychologischen Kennzeichen eines Triebes?"

Ein Trieb hat

Beim Sexualtrieb ist die erogene Zone der Genitalbereich, das Ziel der Orgasmus und das Triebobjekt der Partner.

Libido: Sexualität wird in der psychoanalytischen Theorie als ein grundlegender "Trieb" angesehen, der sich aber erst in der Adoleszenz voll entfaltet.

Statt der Bezeichnung Sexualtrieb wird auch der Begriff "Libido" verwendet, womit speziell das Quantum sexueller Energie gemeint ist.

Ich: Das "Ich" steuert unser bewußtes Leben, alle kognitiven Prozesse, das Denken und Handeln, das Planen, Wählen und Werten, kurz, es bewirkt die Auseinandersetzung der Person mit der Umwelt.

Über-Ich: Das Über-Ich können wir mit dem Gewissen gleichsetzen, dem Träger unseres Wertsystems, das bestrebt ist, unser Verhalten an diesem zu orientieren, und das jedes Zu-widerhandeln mit Sanktionen, d.h. mit Schuldgefühlen und Gewissensbissen, straft.

Ich-Ideal: Es entsteht durch Internalisierung des Eltern-Ideals. Das Kind formt sich ein Bild vom Menschen, wie er sein sollte und bekommt so einen Ansporn für seine eigene Entwicklung. (vgl. De Wit 1982, S.130ff)

Die Psychoanalyse erklärt die Ablösung mit einem Neuaufleben der Ödipusproblematik im Zusammenhang mit der sexuellen Reifung. Die Gefühle der Zuneigung zum gegen-geschlechtlichen Elternteil treffen mit der ausgereiften genitalen Sexualität zusammen. Die Ablösung besteht nun darin, die Libido, die zum größten Teil an die Eltern gebunden ist, von diesen abzuziehen und neuen Liebesobjekten zuzuwenden.

Dieser Objektwechsel kann durch eine Reaktionsbildung zustande kommen, die darin besteht, daß die Jugendlichen sich vorübergehend gegen die Eltern wenden. "Oft leben sie wie Fremde in der Familie, verhalten sich feindselig und treten in Opposition". Die neue Objektwahl kann sich direkt auf neue gegengeschlechtliche Partner richten oder es gibt Übergangsstationen der Identifikation mit gleichgeschlechtlichen Partnern wie z.B. Führerpersönlichkeiten, die be-wundert werden, Idole der Pop- Szene. Eine der häufigsten Übergangserscheinungen ist die Identifikation mit Gruppen, die sich durch besondere Kleidung, Verhaltensweisen, Interessen, Ideologie oder anderes abgrenzen. (vgl. Schenk-Danzinger 1993, S.378ff)


7. Das Jugendalter - Adoleszenz

(De Wit 1982, S.130f)

In dieser Phase tritt der Lösungsprozeß von den Eltern in Erscheinung. In dieser Zeit nimmt der genitale Trieb den ersten Platz ein. Diese Triebentwicklung führt zu einer Erweiterung des Gefühlslebens. In dieser Phase ist die Lösung von den "primären Liebesobjekten", den Eltern, ein zentrales Thema.

Im Verlauf des Lösungsprozesses von den Eltern wird der Jugendliche selbstbezogener, was auch als "Narzißmus" bezeichnet wird. Der Narzißmus äußert sich zunächst in der Be-schäftigung mit dem eigenen Körper oder auch in der Bindung an einen Altersgenoosen gleichen Geschlechts. Es entsteht eine schwärmerische Freundschaft. Der betreffende Freund/ die Freundin wird bewundert und idealisiert. Die Jugendlichen glauben in diesem Freund/ der Freundin, Eigenschaften zu erkennen, die er/sie selbst gern hätte. Dies wird auch "projektive Freundschaft" genannt, weil der Jugendliche in dieser Beziehung seine eigenen Ideal-vorstellungen auf den Freund projiziert.

Der Freund wird weniger wegen seiner individuellen Eigenarten geschätzt als deshalb weil man in ihm eine Reihe eigener Ideale verwirklicht zu sehen glaubt.

Das Ich-Ideal des Jugendlichen wird jetzt nicht mehr durch einen Elternteil gleichen Geschlechts, sondern durch einen Altersgenossen verkörpert. Im weiteren Verlauf der Adoleszenz verliert jedoch die idealisierende, projektive Freundschaft ihre Funktion und wird dann auch meist abgebrochen.

Im zweiten Teil der Adolenzenz, der "eigentlichen Adoleszenz", steigt das Interess an Altersgenossen des anderen Geschlecht. Es entwickelt sich sehr langsam die Fähigkeit, heterosexuelle Kontakte aufzunehmen. Auch hierdurch findet der Lösungsprozeß von den Eltern seinen Fortgang.

8. Das Selbständigkeitsstreben in der Vorpubertät

- Die Beziehung zwischen Eltern und Jugendlichen

Die Ablösung von der Familie zeigt sich vorerst als ein Sichzurückziehen von Familienspaziergängen und anderen gemeinsamen Unternehmungen. Konflikte mit den Eltern ergeben sich aus der Überempfindlichkeit, der Bequemlichkeit, der zunehmenden Nach-lässigkeit und den häufigen Lernschwierigkeiten. Die Ablösung zeigt sich außer im Rückzug von Familienaktivitäten auch in allgemeiner Opposition, in der Abwertung von familiären Traditionen, Werten und Gepflogenheiten, in der Weigerung, Ordnung zu halten oder z.B. im Haushalt zu helfen.

Sehr empfindlich reagiert der Jugendliche, wenn man ihn nicht ernst nimmt oder ihn oft tadelt.

Erstmals tritt das Bedürfnis nach einem "Eigenleben" auf. Nun hat er Geheimnisse vor den Erwachsenen, die er sorgfältig hütet, teils, weil ihn die Gruppenmoral dazu verpflichtet, teils, weil er Gedanken, Gefühle und Erlebnisse für sich bewahren will.

Die Vorpubertät ist eine kritische Phase in der Entwicklung des Selbstwertgefühls, das vor allem von jenen Erwachsenen bedroht wird, die den Jugendlichen nicht für voll nehmen, ihn viel zu wenig Verantwortung tragen lassen und seinem Bestätigungsdrang mit Mißtrauen und Ablehnung begegnen. Dies kann als Ungerechtigkeit empfunden werden, als "Verletzung der Ehre" und kann Trotzhaltungen hervorrufen. ("Flegeljahre")

9. Die Ablösung von der Familie - Die Distanzierung von den Eltern

9.1. Entwicklung der Jugendlichen

Wenn der Jugendliche den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein durchlebt, muß der junge Mensch jeder Gesellschaft folgende Aufgaben bewältigen:

- die Selbstfindung

- die erste Orientierung in der Wertehierachie der Gesellschaft

- die Skizzierung der ersten Lebenspläne, Berufsfindung und Anbahnung der wirtschaftlichen Selbständigkeit

- die Ablösung von der Ursprungsfamilie

- die Anbahnung heterosexueller Kontakte

Natürlich existiert eine gewisse Kulturabhängigkeit für die Art der Probleme und wie diese gelöst werden.

9.2. Konfliktbereiche bei der Ablösung von der Familie

Der AblösungsProzess hängt eng mit dem Prozess der Selbstfindung zusammen. Man kann heute die Jugendlichen in zwei Gruppen einteilen. Einerseits die Optimisten, die politische, religiöse und weltanschaulichen Fragen, bei Problemen in der Schule, Arbeit, der Erziehung und des sozialen Prestiges eine ähnliche Meinung wie die Eltern haben, aber im Freibereich und der äußeren Erscheinung (Haarschnitt, Kleidung) sich von den Eltern abgrenzen. Andererseits finden wir die sogenannten Pessimisten, die sich in den oben genannten Bereichen im Gegensatz zu ihren Eltern befinden, was das Konfliktpotential für diese Gruppe wesentlich erhöht. 60% der Jugendlichen sehen im Konflikt mit der älteren Generation ein großes oder sogar ein sehr großes Problem. Jugendliche setzen die Zeit der Ablösung selbst zwischen 15 und 17 an. (vgl. SCHENK-DANZINGER, 1995,S.376)

Ein (schon in vorhergehenden Referaten zitierter) Konfliktbereich ist jener der Raucher. Diese geraten offenbar öfter in Konflikte mit ihren Eltern als Nichtraucher.

9.3. Außenorientierung und ReifungsProzess

Der AblösungsProzess von den Eltern vollzieht sich auf zwei Ebenen: Auf der ersten Ebene kommt es zu einer verstärkten Außenorientierung der Jugendlichen und zum Auszug aus dem Elternhaus. Die zweite Ebene ist der innere ReifungsProzess, der sich zum Beispiel als emotionale Ablösung von den Eltern, Überprüfung der Auffassungen und Wertevorstellungen, die einem von den Eltern vermittlet worden sind und Einnahme einer eigenen Person wiederspiegelt (vgl. SCHÖN, 1990, S. 51)

9.4. Geschlechtspezifische Unterschiede

Die Ablösung von der Familie zeigt sich als ein Rückzug von Familienaktivitäten, gemeinsamen Unternehmungen, sowie auch in allgemeiner Opposition, in der Abwertung von familiären Traditionen, Werten und Gepflogenheiten, in der Weigerung Ordnung zu halten oder im Haushalt zu helfen.

Geschlechterspezifisch lassen sich insofern bei diesem AblösungsProzess Unterschiede erkennen, als Mädchen stärker neigen, elterliche Vorbilder zu wählen, als Jungen und zwar besonders im beginnenden Jugendalter. Lutte u.a. (1969) sehen darin eine Folge der sozialen Stellung des Mädchens, die ihm einen LoslösungsProzess stärker erschwert als dem Jungen. Bei diesen wird die Ablösung durch eine im allgemeinen größere soziale Mobilität erleichtert, während Mädchen entsprechend dem tradierten Rollenstereotyp länger unter familiärer Obhut verbleibt.

Der Vater gewinnt für den Knaben eine immer größere Bedeutung als Vorbild für die Identifikation mit der männlichen Rolle - jedoch wird festgestellt, dass auch Mädchen im fortgeschrittenen Jugendalter wieder stärker als vorher ihren Vater als Vorbild wählen - dies scheint mit der noch immer dominierenden Funktion und Rolle des Mannes in unserer Gesellschaft in Zusammenhang zu stehen, die ihm insgesamt als Vorbild attraktiver macht als die Frau.

9.5. Abhängigkeit des Loslösungsprozesses von der Familienstruktur

Heute löst sich der Jugendliche nicht mehr von einer dominierenden Persönlichkeit ab, denn die meisten Eltern haben einen demokratischen Erziehungsstil praktiziert. Sie lösen sich auch nicht von Eltern ab, die in der Regel ihnen in Bildung und Information weit überlegen sind. Es ist heute so, dass die Kinder meist eine höhere Bildung als die Eltern haben. Die bildungsmäßige Überlegenheit legitimiert sozusagen einen "hochmütigen" Aspekt der Ablösung, da die meisten Jugendlichen der Meinung sind, dass die Eltern von ihnen lernen sollten (vgl. SCHENK-DANZIGER, 1995, S. 377 f).

Die eigentlichen Konfliktphase der Ablösung ist das Alter zwischen 15 und 17 Jahren. Die Kontrollen der Eltern veranlassen den Jugendlichen zu einer mehr oder weniger heftigen Rebellion. Dies beweist ihm jedoch, dass man in der Familie um ihn besorgt ist und ihn nicht missen möchte. Wird dem Jugendlichen kein Widerstand seitens der Familie entgegengesetzt, ist das ein Zeichen für Indifferenz und Vernachlässigung. Eine zu schnelle Entlassung aus der elterlichen Kontrolle erspart dem Jugendlichen zwar den Kampf um seine Freiheit, beraubt ihn aber der Gewißheit, dass er weiterhin in der Familie seinen sichern Platz hat.

In intakten Familien geht die Tiefenbindung an die Eltern durch die Ablösung nicht verloren. Es kann meist durch die neu erlangte Freiheit zu einer Rückbindung an die Eltern kommen, allerdings in einer Beziehung zwischen jetzt gleichwertigen Partnern. (vgl. SCHENK-DANZINGER, 1995, S.377 f)

Der Begriff Ablösung wurde bisher hauptsächlich auf verschiedene Aspekte der Individualentwicklung im Jugendalter bezogen. Weitere Arbeiten kreisen um die räumliche Trennung von den Eltern, die Kinder im frühen Erwachsenenalter vollziehen. Abgrenzend zur traditionell individuum-zentrierten Betrachtungsweise setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass sich dieser Prozess im Kontext der ganzen Familie vollzieht. (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 217 f)

10. Bedeutung elterlichen Verhaltens für die Loslösung -

Reaktion der Eltern auf Automomiebestrebungen der Jugendlichen

10.1. Einfluß des Erzieherverhaltens

Das Streben nach Selbständigkeit und die fortschreitende Ablösung von einer engen Bindung an Eltern und Familie im Verlauf der Reifezeit sind Ausdruck eines veränderten Rollenbildes und einer neuen Status-Suche. Man spricht auch von einem kulturellen Zwang zur Unabhängigkeit. Es handelt sich dabei um die letzte Phase eines Entwicklungsprozesses, der bereits im Kleinkindalter einsetzt, wenn sich das Kind mehr und mehr aus der Abhängigkeit von der Pflegeperson zu lösen beginnt und nach selbständiger Erfahrungsbildung, sowie nach der Verwirklichung eigener Wünsche und Pläne strebt. Dieser Prozess setzt sich, wenn auch weniger auffällig, während des gesamten Kindesalters fort und erfährt beim Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter lediglich eine besondere Beschleunigung. Hier wie dort spielen für Art und Verlauf dieser Entwicklung neben soziokulturellen vor allem erzieherische Faktoren eine entscheidende Rolle, insbesondere die Einstellung und erzieherische Grundhaltung der Eltern. Sie entscheiden wesentlich darüber, ob es zu tiefgreifenden Konflikten und damit u. U. zu einer krisenhaften Entwicklung kommt oder ob diese unproblematisch verläuft und zu einem zwar gewandeltem aber neuen stabilen Beziehungsverhältnis zwischen Eltern und Kindern führt. Zu Meinungsverschiedenheiten kommt es in dieser Zeit besonders auf jenen Gebieten, in denen der Heranreifende neue Erfahrungen sammeln und seine Eigenständigkeit demonstrieren möchte (Mode, Kleidung, Beziehungen zum anderen Geschlecht, sexuelles Verhalten, soziale Kontakte, Fragen der Lebensgestaltung allgemein usw...)

Je mehr die Erziehungspersonen auch schon in früheren Jahren eine verständnisvolle, emotional zugewandte Grundhaltung verwirklichen, das natürliche Selbständigkeitsstreben unterstützen und unnötige Verhaltensrestriktionen vermeiden (vgl. TAUSCH und TAUSCH 1971, NICKEL 1974) umso leichter wird es auch dem Heranwachsenden gelingen, eine selbständige und unabhängige Stellung einzunehmen, ohne mit den bisherigen Bezugspersonen in Konflikt zu geraten, umso leichter wird es ihm möglich sein, bisherige Bindungen in entsprechend gewandelter Form aufrecht zu erhalten.

Wie schon im Kindesalter, so gilt auch jetzt die Feststellung, dass gerade jene Eltern, die ihre Kinder bewußt an sich binden, bzw. sie überängstlich vor Schaden bewahren wollen, entweder eine wirklich überdauernde Bindung verhindern oder aber ihren Kindern dauerhaften Schaden zufügen, der diese später kaum zu selbständigen Entscheidungen und unabhängiger Lebensführung befähigt (vgl. NICKEL, 1975, S. 351 ff).

Andererseits bringt auch ein Übermaß an gewährter Unabhängigkeit Gefahren, besonders wenn es an verständnisvoller Zuwendung mangelt. Es kommt zur Verwirrung und Desorientierung in dieser an sich schon schwierigen Situation des sich Zurechtfindenmüssen in der Erwachsenenwelt und kann in extremen Fällen, besonders beim Fehlen entsprechender emotionaler Bindung zu Ausnahmereaktionen, wie Zuflucht und Halt in Banden, Alkohol, Drogen, ja bis zur Jugendkriminalität führen.

Ob es also zu Konflikten kommt, hängt entscheidend vom Verhalten der Erwachsenengeneration, hier vor allem der Eltern, vom Ausmaß an Verständnis, Flexibilität und Toleranz gegenüber Jugendlichen ab (vgl. NICKEL 1975, S. 354).

10.2. Schlußfolgerung für eine angemessene Erziehung

Die Grundmaxime einer angemessenen Entwicklungsförderung des Jugendlichen lautet, dass eine Emanzipation von den Eltern nicht nur wünschenswert, sondern unbedingt notwendig ist, und dass dieser Prozess bereits während der gesamten Kindheit in einer Weise unterstützt werden sollte, die den jeweiligen Erfordernissen und Möglichkeiten der Alterstufe entspricht bei gleichzeitiger Verwirklichung einer verständnisvollen, emotional zugewandten Grundhaltung.

Elder (1963) stellte in einer Studie über den Einfluß verschiedener Erziehungspraktiken von Eltern auf das Verhalten von Jugendlichen fest, dass sowohl das Ausmaß an Unabhängigkeit als zugleich auch das Vertrauen zu den Eltern bei als demokratisch bezeichneten Erziehungsformen am größten ist. Dazu gehören die Förderungen von selbständigem Tun und eigenen Entscheidungen, Gewährung bzw. Respektierung von Freiheitsräumen zur Selbstbestimmung im persönlichen Verhalten, andererseits aber die Ermöglichung einer positiven Identifikation mit den Eltern durch ein entsprechendes sozialemotionales Beziehungsverhältnis (vgl. NICKEL 1975, S. 355).

Wenn es den Eltern gelingt, die Ablösung zu ertragen und den gesamten Prozess nicht unnötig mit Konfliktstoff zu belasten, erweisen sie dem Jugendlichen und seiner weiteren Entwicklung einen ganz großen Dienst. Hat die Familie den ersten Autonomiebestrebungen einen Widerstand entgegengesetzt, der den Jugendlichen erkennen ließ, daß man sich mit ihm verbunden und für ihn verantwortlich fühlt, dann kommt es in der Adoleszenz auf der Basis der errungenen Autonomie zu einer Rückbindung an die Familie.

Häufig kommt es zur Umkehr der Beziehung - Söhne und Töchter werden zu Beratern ihrer Eltern (vgl. SCHENK-DANZINGER, 1995, S. 378).

Larsen (1972) findet, dass der Einfluß der Eltern auf Jugendliche eine Funktion des Familienklimas ist. Der Einfluß der Eltern ist umso geringer, je geringer Interessen, Verständnis und Hilfsbereitschaft für den Jugendlichen ausgeprägt sind. Beim Vorherrschen autoritärer Erziehungsstile und dort, wo Jugendliche sich allein gelassen und vernachlässigt fühlen, wo Konflikte zwischen Eltern und Kindern vorherrschen füllen sehr enge Beziehungen zu Gleichaltrigen das emotionale Vakuum aus.

Abschließend kann gesagt werden, dass eine verständnisvolle Erziehung, Toleranz, Vertrauen, Ignorieren manchen Verhaltens, Humor, also insgesamt ein demokratischer Erziehungsstil die Situation der Ablösung der Jugendlichen von der Familie entschärfen und das Aufkommen von gegenseitigen Gefühlen der Feindseligkeit weitgehend unterbinden. Eine gewisse Lockerung der Bindung an die in der Kindheit übernommenen Verhaltensnormen ist ein Teil des nun fälligen Ablösungsprozesses - sie gehört einfach dazu (vgl. SCHENK-DANZINGER 1995, S. 335)


Kontrollfragen

  1. 1) Wodurch unterscheidet sich die Familie von anderen Lebensformen?

    2) Familienentwickungsaufgaben nach Duvall und Schneewind

    3) Beschreiben Sie die verschiedenen Erziehungsstile. Wer ist aktiv und wie ist die

    Verantwortung aufgeteilt?

    4) Wie erklärt die Psychoanalyse die Lösung von den Eltern?

    5) Erkläre den Begriff der Ablösung

     


Glossar

NORMATIV:

auf den Bevölkerungsdurchschnitt bezogen, Gegensatz zu individuell

PEER-GRUPPE:

Sammelbegriff für die Gruppe der Gleichaltrigen und Gleichgesinnten mit meist demselben Status und ähnlichen Interessen, zu denen ein Jugendlicher in Sozialbeziehung steht

COPING:

Bewältigung von Veränderungen in der Entwicklung, die als herausfordernd oder belastend erlebt werden, durch den Jugendlichen. Dazu werden vom Jugendlichen verschiedenste Problemlösungsstrategien verwendet.

GENERATIONSKONFLIKT:

Zunahme der Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen zu Beginn der Adoleszenz; es scheint sich bei der Kluft zwischen den Generationen um ein Phänomen zu handeln, das von vielen als subjektive Erfahrung berichtet wird. Dabei werden Unterschiede zwischen Eltern und Jugendlichen deutlich wahrgenommen (vgl. EWERT, 1983, S45).

FOKALTHEORIE nach COLEMAN:

Erklärung von COLEMAN dafür, daß den Jugendlichen die Anpassung an die vielen Veränderungen erfolgreich gelingt: Die Entwicklungsaufgaben des Jugendlichen werden einzeln und zu verschiedenen Zeiten bewältigt, nicht alle gleichzeitig.


Literatur

EWERT. (1983). Entwicklungspsychologie des Jugendalters.

Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Verlag W. Kohlhammer

HOFER, KLEIN-ALLERMANN, NOACK. (1992). Familienbeziehungen-Eltern und Kinder in der Entwicklung.

Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hofgrefe

NAUDASCHER, B. (1977). Die Gleichaltrigen als Erzieher.

Bad Heilbrunn/Obb.: Julius Klinkhardt Verlag

NICKEL, H. (1975). Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters.

Bern: Huber Verlag

OERTER-MONTADA. (1995). Entwicklungspsychologie.

Weinheim: BELTZ Psychologische VerlagsUnion

SCHENK-DANZINGER. (1992). Entwicklungspsychologie, 22. Aufl.

Wien: Österreichischer Bundesverlag

SCHÖN, B. (1990). Jugendliche und ihre Problemwelt: Sozialer Kontext und Bewältigungsstategien.

Linz:Institut für Pädagogik und Psychologie

SILBEREISEN/MONTADA, (Hg.). (1983). Entwicklungspsychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen.

München, Wien, Baltimore: Urban & Schwarzenberg

Jan de WIT, Guus van der VEER. (1982). Psychologie des Jugendalters.

Donauwörth: Verlag Ludwig Auer


Anhang: Interviewleitfaden

  1. Verhältnis zur Familie

 

Gibt es eine Hierachie in Deiner Familie?

Berufliche Tätigkeit der Eltern?

Besprichst Du Deine Probleme eher mit dem Vater oder mit der Mutter oder lieber mit einer anderen Person, die Du kennst?

  1. Erziehungsstile

 

Wie würdest Du die Erziehung Deiner Eltern beschreiben und beurteilen?

Wurdest Du bestraft, wenn ja von wem und wie? Halten sich Deine Eltern an die Strafe?

  1. Generationskonflikte

 

Warum kommt es zum Streit und wie wird er gelöst? (Äußeres, Freundeskreis, Schulleistungen)

Wie lange darfst Du ausgehen?

Ärgerst Du Dich oft über Deine Eltern, und über was am meisten?

  1. Aufklärung

 

Wann wurdest Du aufgeklärt und durch wen?

  1. Selbständigkeit

 

Wieviel Taschengeld bekommst Du und wofür gibst Du es aus?

Welche Aufgaben hast Du zu Hause über (z.B. im Haushalt mithelfen)

Arbeitest Du in den Ferien?

Kannst Du eigene Entscheidungen treffen (z.B. Urlaubsplanung)

  1. Ablösung

 

Verbringst Du die Freizeit mit Deiner Familie?

Wann warst Du das erstemal freiwillig von Deiner Familie länger getrennt?

Kritik bei anderer Meinung?


©opyright Stefan FÜREDER-KITZMÜLLER & Werner HELZEL &Elisabeth SCHERWENK & Werner Stangl, Linz 1997.
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