Entwicklung im Jugendalter

Übung aus Pädagogischer Psychologie

LV-Leiter: Werner Stangl

Markus Reder &Andreas Lehofer

Die körperliche Entwicklung in der Vorpubertät

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die körperliche Entwicklung

2.1 Veränderungen an Körpergröße und Gewicht

2.2 Veränderungen der Körpergestalt

2.3 Veränderungen der Körperkraft

2.4 Entwicklung der Motorik

3. Die geschlechtliche Entwicklung

3.1 Endokrine Vorgänge

3.2 Geschlechtsmerkmale

3.3 Zeitlicher Ablauf der Veränderungen

3.4 Erste Menstruation und Ejakulation

4. Einfluß von Umweltbedingungen

4.1. Sozioökonomische Einflüsse

4.2. Ernährungsbedingte Einflüsse

4.3. Einfluß der Rasse und des Klimas

5. Das Phänomen der Akzeleration

5.1. Säkulare Akzeleration

5.1.1. Kommt die säkulare Akzeleration zum Stillstand?

5.1.2. Ursachen der säkularen Akzeleration

5.1.3. Stör-Reiz-Modell und Aktivationsmodell

5.2. Individuelle Akzeleration

5.2.1. Sozialer Status unter Altersgenossen

5.2.2. Verhältnis mit Erwachsenen

6. Literaturverzeichnis

7. Glossar


1. Einleitung

Man kann die Entwicklung des Kindes und des Jugendlichen in drei Abschnitte unterteilen:

· Die frühe Kindheit bis 6 Jahre

· Die eigentliche Kindheit von 6 - 12 Jahre

· Die Reifezeit von 12 - 18 Jahre

Die Pubertät (lat.: pubertas - Mannbarkeit) liegt am Beginn der Reifezeit, ist also der Übergang von der Kindheit zur Jugendzeit.

Die Pubertät kann in drei Perioden unterteilt werden.

· Als Vorpubertät bezeichnet man die Zeitspanne zwischen dem ersten Auftreten der sekundären Geschlechtsmerkmale und dem ersten Funktionieren der Geschlechtsorgane, das übrigens in den meisten Fällen noch nicht gleichbedeutend mit Zeugungsfähigkeit ist. Der jugendliche Körper verändert sich aber nicht nur im Hinblick auf die geschlechtliche Differenzierung, sondern auch hinsichtlich der Körperproportionen und des Tempos des Längenwachstums.

· Die Pubertät im eigentlichen Sinn. Das Wachstum verlangsamt sich eher, die Geschlechtsmerkmale prägen sich aus.

· In der nachpubertären Periode werden die Geschlechtsdrüsen und Geschlechtsorgane voll entwickelt und funktionsfähig.


2. Die körperliche Entwicklung

2.1 Veränderungen an Körpergröße und Gewicht

Jugendliche erreichen mit etwa 18 bis 20 Jahren ihre endgültige Körpergröße, wobei Mädchen etwas früher zu wachsen aufhören als Knaben. Das Körpergewicht nimmt, abhängig von der Ernährung, jedoch auch im Erwachsenenalter weiter zu (vgl. OERTER & MONTADA 1995, S 330).

Das Größenwachstum verläuft vom Säugling bis zum Erwachsenen keineswegs linear, wie aus folgender Graphik zu entnehmen ist.

bb 2.1 (aus OERTER & MONTADA 1995, S. 331)

Die unterschiedlichen Wachstumsgeschwindigkeiten gehen jedoch wesentlich besser aus Diagrammen hervor, in denen nicht die Körpergröße gegen das Lebensalter, sondern die Wachstumsgeschwindigkeit (= jährlicher Größenzuwachs) gegen das Lebensalter aufgetragen sind.

Die folgende Graphik zeigt, daß der Wachstumsschub bei Mädchen zwischen 7.5 und 12, bei Jungen zwischen 10 und 13.5 Jahren einsetzt.

Abb 2.2 (aus SCHENK-DANZINGER 1988, S. 324)

Die folgende Abbildung verdeutlicht das Größenwachstum am Beispiel von 5 Mädchen. Man sieht sehr deutlich, daß der Wachstumsverlauf stets gleichartig ist, daß man aber dennoch durch Bildung eines Gruppenmittels zu einem völlig falschen Bild kommt. Erst die Orientierung relativ zum maximalen Größenwachstum erzeugt ein qualitativ richtiges Bild des durchschnittlichen Größenwachstums. In diesem Sinn ist auch die Abbildung 2.2 zu interpretieren. (vlg. OERTER & MONTADA 1995, S 331f)

Abb. 2.3 (aus OERTER & MONTADA 1995, S. 332)

2.2 Veränderungen der Körpergestalt

Tatsächlich liefert die Untersuchung der Veränderungen der Körpergröße ein unzureichendes Bild von der körperlichen Entwicklung in der Pubertät. Ursache ist die Asynchronität in der Geschwindigkeit mit der unterschiedliche Körperteile wachsen.

Kopf, Hände und Füße erreichen zuerst die volle Größe. Beine und Arme wachsen langsamer als die zuvor genannten Körperteile, aber schneller als der Rumpf. Diese Asynchronitäten machen sich in Disproportionen (übergroße Gelenke und Hände) aber auch in ungelenken und schlacksigen Bewegungen bemerkbar (vgl. OERTER & MONTADA 1995, S331; SCHENK-DANZIGER 1988, S 322).

Es sind aber auch einige geschlechtsspezifische Unterschiede in der körperlichen Entwicklung wahrnehmbar, die selbstverständlich mit der geschlechtlichen Entwicklung zusammenhängen, die noch ausführlicher behandelt werden wird.

Insbesondere kommt es bei Mädchen zu einem stärkeren Wachstum des Beckengürtels, der zusammen mit der Ausbildung von breiteren, rundlicheren Hüften zum Gebären und Austragen von Kindern notwendig ist. Bei Knaben kommt es zu einem verstärkten Breitenwachstum der Schultern. Eine äußerst kräftige Schulterpartie war besonders in früheren Zeiten eine Überlebensnotwendigkeit für Männer (Jagd, Kampf). (vlg. NICKEL 1975, S. 271)

Die folgende Abbildung zeigt die jährliche Zunahme in Schulter- bzw. Hüftbreite.

Abb. 2.4 (aus NICKEL 1975, S. 270)

In Summe hat diese unterschiedliche Entwicklung zur Folge, daß bei Männern das Verhältnis von Schulterbreite zu Hüftbreite größer ist als bei Frauen, wie dies auch die folgende Abbildung klar zum Ausdruck bringt.

Abb. 2.5 Verhältnis Schulterbreite zu Hüftbreite (aus OERTER & MONTADA 1995, S. 334)

2.3 Veränderungen der Körperkraft

Sehr charakteristisch für die Vorpubertät ist eine sehr schnelle Gewichtszunahme, die sich während der Pubertät wieder verlangsamt. Während die Gewichtszunahme beim Mädchen aber, zu einem nicht unbedeutenden Teil, durch den Aufbau von Fett unter der Haut verursucht wird, ist er bei Knaben hauptsächlich durch den Aufbau von Muskelgewebe bedingt. Mit der starken Zunahme an Muskelgewebe ist auch ein bemerkenswerter Zuwachs an Muskelkraft bei Jungen verbunden. Abbildung 2.6 zeigt, daß Mädchen mit 11 Jahren noch gleichviel oder sogar mehr Muskelkraft besitzen, jedoch am Ende der Vorpubertät die Knaben bereits stärker sind. Diese Entwicklung hält bis zum Ende der Pubertät an. (vgl ROCHELBLAVE-SPENLÈ 1972, S. 30; NICKEL 1975, S. 271; OERTER & MONTADA 1995, S. 331)

Abb. 2.6 (aus OERTER & MONTADA 1995, s. 332)

2.4 Entwicklung der Motorik

Wie bereits unter 2.2 und 2.3 erwähnt, kann der disharmonische Verlauf der Entwicklung der einzelnen Körperteile vor allem bei Knaben zu einem schlacksigen, linkischen, sogar etwas unbeholfenem Eindruck führen. Auch die Überlegenheit der Knaben bei der Grobmotorik durch die größere Muskelkraft wurde bereits angesprochen.

Bei der Feinmotorik ist es jedoch gerade umgekehrt. Hier sind Mädchen den Knaben überlegen. Da diese Überlegenheit weiter ausgebaut wird, werden manche Arbeiten, welche die Manipulation von sehr kleinen Teilen bedingen (wie z.B. Näherei), fast nur von Frauen ausgeführt (vgl. SCHENK-DANZINGER 1988, S. 323).


3. Die geschlechtliche Entwicklung

3.1 Endokrine Vorgänge

Unter endokrinen Drüsen versteht man Drüsen, die ihre Sekrete ins Körperinnere absondern. Eine zentrale Rolle spielt bei endokrinen Vorgängen meist die Hypophyse.

Diese beim Hypothalamus angesiedelte Drüse gibt Hormone in Blut und Lymphsystem ab, die für die Steuerung der anderen Drüsen verantwortlich sind. Neben Schilddrüse, Nebennieren und Bauchspeicheldrüse werden auch die Keimdrüsen durch die Hypophyse gesteuert. Außerdem produziert die Hypophyse das Wachstumshormon Somatotropin.

Eine Reihe von Hormonen, die von den unterschiedlichen endokrinen Drüsen produziert werden, sind für die bereits beschriebenen körperlichen Veränderungen am Beginn der Pubertät aber auch für die geschlechtliche Reifung eines Jugendlichen verantwortlich. Sie formen im Verlauf der Pubertät den männlichen bzw. weiblichen Körper.

Die Gesamtheit dieser Prozesse und Wechselwirkungen wird endokrine Vorgänge genannt.

(vgl. NICKEL 1975, S. 279f; SCHENK-DANZINGER 1988, S. 355f)

3.2 Geschlechtsmerkmale

Es ist üblich bei Geschlechtsmerkmalen primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale zu unterscheiden.

Primäre Geschlechtsmerkmale werden als Organe definiert, die zur Paarung oder Fortpflanzung nötig sind.

Sekundäre Geschlechtsmerkmale sind körperliche Eigenschaften, die die Fraulichkeit oder Männlichkeit einer Person kennzeichnen.

3.3 Zeitlicher Ablauf der Veränderungen

Der Ablauf der Veränderungen erfolgt in einer ziemlich festgelegten Reihenfolge. Allerdings durchlaufen Mädchen die jeweils korrespondierenden Entwicklungsschritte etwa 2 Jahre früher als die Knaben.

Die Abfolge und die zeitliche Einordnung der einzelnen Entwicklungsschritte sind im nächsten Diagramm zusammengefaßt, das aus OERTER & MONTADA, 1995 S. 333 entnommen wurde.

3.4 Erste Menstruation und Ejakulation

Die erste Menstruation bzw. Ejakulation markiert das Ende der Vorpubertät. Die weiblichen bzw. männlichen Geschlechtsorgane sind zu diesem Zeitpunkt funktionsfähig. Allerdings befinden sie sich dennoch noch im Anfangsstadium ihrer Reifeentwicklung. Das Stadium geschlechtlicher Vollreife erlangen beide Geschlechter erst einige Jahre später.

Mädchen stehen dem neuen Ergeignis durchaus nicht immer positiv gegenüber, fühlen sie sich doch in ihrer Aktivität eingeschränkt und sind damit auch oft Schmerz und Unwohlsein verbunden.

Die erste Ejakulation erfolgt bei männlichen Jugenlichen in der Regel ein bis zwei Jahre nach Beginn der Pubertät. In älteren Büchern wird dieses Ereignis oft Pollution genannt (nächtlicher Samenerguß, häufig mit sexuellen Träumen gekoppelt). Untersuchungen haben ergeben, daß die erste Ejakulation in nur 13% der Fälle als nächtliche Pollution auftritt, in rund zwei Drittel der Fälle wird sie jedoch durch Masturbation herbeigeführt.

(vgl. OERTER & MONTADA 1995, S. 334f)


4. Einfluß von Umweltbedingungen

Der puberale Wachstumsschub und die geschlechtliche Reifeentwicklung wird durch endokrine Prozesse ausgelöst. Es gibt Faktoren, die dies mehr oder weniger stark beeinflussen können.

4.1. Sozioökonomische Einflüsse

Es wurde festgestellt, daß die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen vom sozialen Status und von der Familiengröße abhängig ist.

Eine Erklärung dafür ist, daß mit der Zahl der Kinder und sozialen Schicht, die Ernährung, körperliche Pflege, Fürsorge und Zuwendung sinkt.

Eine mögliche Erklärung besteht darin, daß Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten oft schon frühzeitig schwere körperliche Arbeit verrichten müssen. (vgl. NICKEL 1975, S.276)

Eine Untersuchung von allen 11-jährigen Kindern Schottlands (1947) zeigt, die Größe und das Gewicht der Jugendlichen nimmt mit sinkendem sozialen Status und wachsender Größe der Familie ab. (vgl. NICKEL 1975, S.277)

4.2. Ernährungsbedingte Einflüsse

Es wurde festgestellt, daß durch den Hunger im zweiten Weltkrieg das Wachstum und die Entwicklung der Jugendlichen weit zurückgeworfen wurde. Burschen sind dabei stärker betroffen als Mädchen, wobei diese den Rückstand schneller wieder aufholen können. Es kommt aber auch bei Burschen nach einer Phase der Unterernährung zu einem Wachstum, welches das Normale bei weitem übertrifft. 15-jährige Knaben waren im Jahre 1947 nur 143,8 cm groß, fünf Jahre später schon 149,5 cm. (vgl. LENZ/KELLNER 1965, S.17ff)

Falsche oder mangelnde Ernährung wird in letzter Zeit verstärkt als Ursache für Entwicklungsstörungen bei Jugendlichen untersucht. Bei Mädchen werden häufiger Mangelsymptome festgestellt als bei Jungen. Ursache dafür könnte ein übertriebenes Streben nach einer schlanken Linie sein. In den USA sind die häufigsten Mangelerscheinungen Kalzium, Eisen, Eiweiß, Vitamin A, C, B1 und B2.

Eine weitere bekannte Entwicklungsstörung ist Fettleibigkeit oder Fettsucht. Bei uns dürften etwa 10-15% der Jugendlichen an Übergewicht leiden. Fettleibigkeit hängt im Jugendalter jedoch nicht mit Überernährung zusammen. Mögliche Ursachen sind hormonelle Störungen bzw. Bewegungs- und Aktivitätsmangel. (vgl. OERTER & MONTADA 1995, S.331)

4.3. Einfluß der Rasse und des Klimas

Es ist relativ schwer, die einzelnen Einflußfaktoren getrennt zu untersuchen, weil das soziale Umfeld eine wichtige Rolle spielt. Weiters ist der Einfluß von Ernährung größer als der von Rasse und Klima.

Für den Einfluß der Rasse wurde in einem amerikanischen College bei Mädchen verschiedener Abstammung das Menarchealter untersucht. (vgl. TANNER 1962, S.121)

In zahlreichen Untersuchungen wurde bestätigt, daß die puberale Entwicklung in nördlichen Ländern wie Norwegen später einsetzt als in Mittel- oder Südeuropa. (vgl. NICKEL 1975, S. 278)

4.4. Sonstige Einflüsse

Kinder die unter schweren Krankheiten leiden, können verlangsamtes Wachstum und Reifung haben. (vgl. TANNER 1962, S.147)

Das Tempo der Entwicklung ist hauptsächlich durch die Gene bestimmt. So stimmt das Menarchealter bei Müttern, Töchtern und Geschwistern ziemlich genau überein. (vgl. TANNER 1962, S.126)

Die Jahreszeit hat ebenfalls Einflüsse. So sind im Frühjahr das Längenwachstum und im Herbst die Gewichtszunahme beschleunigt. Eine mögliche Erklärung wäre der länger anhaltende Einfluß des Sonnenlichtes im Frühjahr oder hormonelle Vorgänge. (vgl. TANNER 1962, S.126)


5. Das Phänomen der Akzeleration

Die körperliche Reife tritt in ganz bestimmten Altersabschnitten auf, jedoch gibt es unter Jugendlichen erhebliche Entwicklungsunterschiede.

Auf der einen Seite die individuelle Akzeleration (Entwicklungsbeschleunigung), „wenn die körperliche Entwicklung eines Jugendlichen einen Vorsprung gegenüber Gleichaltrigen erkennen läßt." (vgl. EWERT 1983, S.70)

Auf der anderen Seite die Retardierung bzw. Dezeleration ist die verzögerte Entwicklung gegenüber Durchschnitts- bzw. Normwerten.

Unter säkularer Akzeleration ist die beschleunigte Entwicklung einer jüngeren Generation gegenüber früheren Generationen gemeint. (vgl. NICKEL 1975, S.503ff). Man vergleicht z.B. die durchschnittliche Körpergröße von 14-jährigen Jugendlichen, die 1890, 1920 und 1980 geboren wurden. (vgl. EWERT 1983, S.70)

5.1. Säkulare Akzeleration

In vielen europäischen Ländern wurden aus dem Archivmaterial über Rekrutenuntersuchungen Rückschlüsse über die säkulare Zunahme des Körperwachstums gezogen. (vgl. EWERT 1983, s.70)

Es kommt zu einer Beschleunigung des Körperwachstums auf allen Altersstufen, nicht nur in der puberalen Entwicklung. Selbst bei Neugeborenen ist schon ein Größenvorsprung erkennbar. (vgl. NICKEL 1975, S.287)

Kinder und Erwachsene sind heute nicht nur absolut größer, das Körperwachstum endet auch viel früher. In den USA sind heute die Burschen mit 18 bis 19 Jahren, die Mädchen mit 16 bis 17 Jahren ausgewachsen. Vor 70 Jahren wurden das erst mit ca. 26 Jahren erreicht. (vgl. TANNER 1962, S. 163

Eine Untersuchung in Kärnten zeigte, daß im Ganzen gesehen bei Mädchen die Menarche 1961 um 8 Monate früher eintrat als im Jahre 1953. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, S.325)

Das Menarchealter verringert sich durchschnittlich um etwa 4 bis 5 Monate pro Jahrzehnt. (vgl. TANNER 1962, S.166)

5.1.1. Kommt die säkulare Akzeleration zum Stillstand?

Der Trend, der etwa mit Beginn der Industrialisierung eingesetzt hat, scheint unvermindert anzuhalten, wie einige Untersuchungen zeigen. Auch gibt es Vermutungen, daß er sich noch verstärken könne. (vgl. TANNER 1962, S. 160)

Andere Untersuchungen sagen wiederum, daß mittlerweile in England, Japan, Norwegen und in den USA ein Stillstand eingetreten ist. Die Ursache könnte darin liegen, daß durch die verbesserten Lebensbedingungen das genetische Potential inzwischen voll ausgeschöpft worden ist. (vgl. EWERT 1983, S.72)

Bemerkenswert ist, daß in einigen afrikanischen Ländern sogar eine säkulare Dezeleration zu beobachten ist. (vgl. EWERT 1983, S.72)

5.1.2. Ursachen der säkularen Akzeleration

Es gibt mehrere Hypothesen, die das Phänomen der säkularen Akzeleration zu erklären versuchen.

· bessere Ernährung
· erhöhte Reizzufuhr im städtischem Gebiet
· zeitlich begrenzte und dosierte Streßeinwirkung in der Kindheit
· klimatische Einwirkung
· erhöhte Sonneneinstrahlung
· vermehrte sportliche Betätigung
(vgl. NICKEL 1975, S.291)

5.1.3. Stör-Reiz-Modell und Aktivationsmodell

· Stör-Reiz-Modell

Die physiologische Aktivation, die eine beschleunigte körperliche Entwicklung auslöst, wirkt gleichzeitig störend auf die psychische Entwicklung, d.h. eine Retardation im Erleben und Verhalten. (vgl. NICKEL 1975, S.306)

· Aktivationsmodell

Die körperliche Akzeleration fördert auch die psychische Entwicklung. Diese Hypothese wird auch durch empirische Untersuchungen bestätigt.

5.2. Individuelle Akzeleration

Nirgends mehr sonst im Leben unterscheiden sich Gleichaltrige so deutlich voneinander wie im Jugendalter. Es ist klar, daß die Umwelt auf solche äußeren Unterschiede bei Jugendlichen reagiert.

5.2.1. Sozialer Status unter Altersgenossen

Pubertierende Jugendliche achten sehr stark auf ihr Aussehen. Daher beobachten sie körperliche Veränderungen bewußter, womit die körperliche Früh- und Spätreife stark auf den sozialen Status unter Altersgenossen wirkt.

Sowohl retardierte als auch akzelerierte Jugendliche erleben sich oft selbst als anormal, was schwerwiegende Folgen auf die weitere Persönlichkeitsentwicklung haben kann. Untersuchungen zufolge sind dabei spätentwickelte männliche Jugendliche am stärksten betroffen. Sie leiden unter einem Unterlegenheitsgefühl, das noch verstärkt werden kann durch ihre schlechten sportlichen Leistungen aufgrund ihrer schwachen körperlichen Voraussetzungen. (vgl. NICKEL, S.304)

Die Folgen der zu frühen oder zu späten Entwicklung auf die Persönlichkeitsstruktur sind auch dann noch festzustellen, wenn die körperlichen Differenzen schon lange ausgeglichen worden sind. Die akzelerierten Jugendlichen verfügten auch noch im Alter von 33 Jahren über ein erhöhtes Selbstbewußtsein und größere Selbstsicherheit. (vgl. NICKEL 1975, S. 304)

5.2.2. Verhältnis mit Erwachsenen

Da akzelerierte Jugendliche das Aussehen von Erwachsenen haben, wird auch das Verhalten der Erwachsenen gegenüber ihnen anders ein, als bei retardierten Jugendlichen. Das Aussehen muß aber nicht unbedingt im Gleichklang sein mit der seelischen Entwicklung. So ist es möglich, daß die Umwelt den Jugendlichen überfordert. (vgl. SCHENK DANZINGER 1993, S.327)


6. Literaturverzeichnis

EWERT,O. 1983.

Entwicklungspsychologie des Jugendalters.

Stuttgart/Berlin/Küln/Minz: Kohlhammer

LENZ, W. /KELLNER, H. 1965.

Die körperliche Akzeleration.

München: Juvaenta

NICKEL, H. 1975.

Entwicklungspsychologie des Kinder und Jugendalters. Schulkind und Jugendlicher. Stuttgart/Wien/Bern: Huber.

OERTER, R., MONTADA, L. 1995.

Entwicklungspsychologie.

München/Wien: Urban & Schwarzenberg

ROCHELBLAVE-SPENLE, A. 1972.

Der Jugendliche und seine Welt.

Freiburg: Labertus

SCHENK-DANZINGER, L. 1988.

Entwicklungspsychologie.

Wien: Österreichischer Bundesverlag.

SCHENK-DANZINGER, L. 1993.

Entwicklungspsychologie.

Wien: Österreichischer Bundesverlag.

TANNER, J.M. 1962.

Wachstum und Reifung des Menschen.

Stuttgart: Georg Thieme


7. Glossar

Akzeleration, individuelle:

wenn die körperliche Entwicklung eines Jugendlichen einen Vorsprung gegenüber Gleichaltrigen erkennen läßt.

Akzeleration, säkulare:

beschleunigte Entwicklung einer jüngeren gegenüber früheren Generation

Dezeleration:

verzögerte Entwicklung

Endokrine Drüsen:

Drüsen, die ihre Sekrete ins Körperinnere absondern.

Hypophyse:

beim Hypothalamus angesiedelte Drüse, die Hormone in Blut und Lymphsystem abgibt.

Menarche:

erste Regelblutung

Primäre Geschlechtmerkmale:

Organe, die zur Fortpflanzung und Paarung nötig sind (Penis, Hoden Hodensack, Vagina, Gebärmutter, Eierstock)

Pubertät:

Bezeichnung der Entwicklungsphase, in deren Verlauf sich die sekundären Geschlechtsmerkmale und Geschlechtsreife zeigen.

Retardierung:

verzögerte Entwicklung

Sekundäre Geschlechtsmerkmale:

körperliche Eigenschaften, die die Fraulichkeit bzw. Männlichkeit einer Person kennzeichnen (Schamhaare, Körperbehaarung an Armen, Beinen, Brust, Stimmbruch, Bartwuchs, breites Becken, Hüftform, Brust)

Vorpubertät:

Zeitspanne zwischen dem ersten Auftreten der sekundären Geschlechtsmerkmale und ersten Funktionieren der Geschlechtsorgane.


Fragen

1. Welchen Zeitraum umfaßt der Begriff Vorpubertät

2. Welche Umweltbedingungen gibt es, die die Entwicklung in der Vorpubertät beeinflussen können?

3. Erkläre die Begriffe individuelle Akzeleration, säkulare Akzeleration, Dezeleration, Retardierung?

4. Welche Auswirkungen kann die individuelle Akzeleration bzw. Retardierung auf einen Jugendlichen haben?

5. Welche Besonderheiten kennzeichen den puberalen Wachstumsschub?

6. Beschreibe die geschlechtliche Reifung eines Jugendlichen.

 


©opyright Markus Reder &Andreas Lehofer & Werner Stangl, Linz 1997.
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