Thema 9:

Jugendliche und Devianz

Seminar aus Erziehungswissenschaft:

Entwicklung im Jugendalter

LV-Leiter: Dr. Stangl Werner
Sommersemester 1996

 

Illich Margit
Matr. Nr.: 9355144


Inhaltsverzeichnis

Seite

1. Jugendliche und Delinquenz 1

1.1. Delinquenz 1
1.2. Aggressives Verhalten
2
1.3. Jugendgewalt und -kriminalität
3
1.4. Jugendliche Banden
4

2. Drogen und Sucht 5

2.1. Substanzgebundene Suchtform: 6
2.1.1. Legal und gesellschaftlich akzeptierte Drogen 6
2.1.2. kontrollierte Drogen (Arzneimittel) 7
2.1.3. illegale Drogen 7
2.1.4. keiner Kontrolle unterliegende und gesellschaftlich unbeachtete Drogen 9
2.2. Nicht substanzgebundene Suchtform:
9
- Magersucht
- Eß-Brechssucht
2.3. Drogenabhängigkeit Jugendlicher
11
2.3.1. Was sind die Ursachen?11
2.3.2. Jugend und Alkohol13
2.3.2.1. Motive des Alkoholkonsums13
2.3.3. Jugend und Nikotin15
2.3.3.1. Motive des Rauchens15

3. Suizidgefährdung Jugendlicher 16

3.1. Ursachen und Anlässe16
3.2. präsuizidale Syndrom
17
3.3. Möglichkeiten der Selbstmordverhütung
18


Glossar
Literaturverzeichnis


Bei Devianz (lt. Duden: Abweichung von der Norm) unterscheidet man
- primäre Devianz
- sekundäre Devianz: diese wird stabilisiert, wenn sie entdeckt wird und führt über Sanktionen, Verurteilungen zu einer Etikettierung der devianten Person. Das abweichende Verhalten birgt im Jugendalter Risiken. Es kann so zB die Rückkehr zu gesellschaftlich anerkannten Entwickl-ungszielen versperrt werden.


1. Jugendliche und Delinquenz

1.1. Delinquenz: lt. Duden: Straffälligkeit
Sie tritt in verschiedenen Erscheinungsformen auf:
- Eigentumsdelikte, Gewaltdelikte
- Sexual-, Ordnungs- und politische Delikte
- organisierte Verbrechen, etc.

Delinquenz im Jugendalter ist "normal" geworden.
Man unterscheidet die
- persistent Delinquenten (von der frühen Kindheit an bis ins höhere Erwachsenenalter antisozialen Menschen)
- Jugenddelinquenten (solche, die sich nur in der Jugend antisozial verhalten.)

Problematisch sind Jugendliche mit persistentem sozialen Verhalten. Dieses Verhalten wird mit Störungen assoziiert, die bis in die früheste Kindheit zurückzuverfolgen sind. Die Gründe sind also einmal in den Eigenschaften, sodann in stabilen Entwicklungsumwelten zu sehen, die diese stabilisieren statt sie zu verändern. Die Resistenz gegen Veränderungen wird immer größer. Sie scheint nach der Pubertät fixiert zu sein. (vgl. OERTER, MONTADA 1995 S 1025 ff)

Unter dem Einfluß von biologischen Voraussetzungen, soziokulturellen Erwartungen und persönlichen Möglichkeiten, die allerdings stark durch die Lebensgeschichte bestimmt sind, müssen Jugendliche Wege finden, um ihre Entwicklungsaufgaben zu lösen. In der heutigen offenen Gesellschaft ist dies kompliziert. Es gibt keine verbindlichen Normen wie in einer geschlossenen Gesellschaft. Bis zu einem gewissen Grad ist der Jugendliche zwar den Verhaltenserwartungen seiner Bezugsgruppe verpflichtet, im Zuge der Ablösung versucht er, sich von diesen zu lösen und eigene Wege zu gehen. Dabei muß er unter vielen Möglichkeiten seine Entscheidungen treffen.

Behinderungen bei der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben, die Anlaß zu Problemver-halten sein können, sind nach SILBEREISEN und EYFERTH (1984):

Ein Übermaß an Fremdbestimmung durch autoritäre Eingriffe und durch die Beschneidung der Selbstregulierungsmöglichkeiten.
Das Erlebnis von Sinnverlust, wie man es vor allem bei Arbeitslosigkeit, aber auch bei anderen Mißerfolgen findet.
Störungen der sozialen Interaktion, wie Mangel an Zuwendung, Mangel an Aufsicht und Ver-ständnis, aber auch Unansprechbarkeit der Eltern, wie dies bei depressivem Verhalten eines Elternteils vorkommen kann. Kinder entwickeln nur ein Selbstwertgefühl, wenn sie sich als wichtigen Wert für ihre Bezugsperson erleben.
Soziale Desintegration im häuslichen Lebensraum wie Scheidung, Streitmilieu.

Es scheint, als ob Problemverhalten in manchen Fällen dazu diente, Diskrepanzen zwischen biologischen Faktoren und dem Alter auszugleichen, sozusagen eine Passung herbeizuführen.
Immer wieder erweist sich ein geschädigtes Selbstwertgefühl als eigentliche Verursachung abweichenden Verhaltens. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, S 417 ff)

Delinquenz ist wie der verbotene Drogengebrauch ein realer oder symbolischer Zugang zu den Privilegien des Erwachsenenalters. Sie kann auch eine Autonomie-Demonstration sein.
(vgl. OERTER, MONTADA 1995 S 1025 ff)

1.2. Aggressives Verhalten
Aggression zeigt ihre Spuren im Verhalten zu anderen. Die Formen aggressiven Verhaltens variieren. In der Regel steht hinter einem aggressiven Verhalten eine Schädigungsabsicht.

Von der Aggression muß auch delinquentes Verhalten abgegrenzt werden. Delinquentes Ver-halten bei Kindern und Jugendlichen bezieht sich am häufigsten auf die Delikte Diebstahl, Ein-bruchdiebstahl, Sachbeschädigung, Brandstiftung, Erpressung. Gemeinsam mit delinquentem Verhalten können auch sinnlose Zerstörung von Gegenständen, körperliche Angriffe gegen andere Personen, Drogenkonsum verschiedenster Art, Bandenzusammenschluß, Nichtseßhaft-igkeit und kein geregeltes Nachkommen einer Ausbildung oder Arbeit auftreten. Es ist zu er-kennen, daß aggressives Verhalten Bestandteil der Delinquenz sein kann. Aggression kann auch die Vorstufe zur Delinquenz bilden. (vgl. PETERMANN, PETERMANN 1990, S 21 ff)

Zur Aggression neigen besonders Frühverwahrloste, die als kleine Kinder keine Mutterbindung herstellen konnten, und Jugendliche ohne Vateridentifikation. Unter vielen Geschwistern lernt man aggressives Verhalten eher denn als Einzelkind. Je älter ein aggressiver Jugendlicher ist, desto eher werden Personen angegriffen, die älter sind als er selbst, und desto eher auch Unbekannte. Ein besonderes Phänomen ist die aggressive Brutalität, bei der sich pure Vernichtungslust ohne eigentliche Veranlassung auswirkt. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, S 419 ff)

1.3. Jugendgewalt und -kriminalität
Die Kriminalitätsbelastung erreicht im Jugendalter bei den 16-20jährigen einen Höhepunkt und fällt danach kontinuierlich und deutlich ab.

Folgende Graphik veranschaulicht dies (OERTER,MONTADA 1995, Seite 1027):

Gewalttätigkeit junger Menschen tritt häufig in der Gruppe von mehr als zwei Beteiligten auf, denn der in der Masse handelnde Täter mag individuelle Hemmungen leichter abbauen. Dabei spielen auch Alkohol und Drogen eine Rolle. Nach Untersuchungen steht fast jeder zweite jugendliche Rechtsbrecher bei seiner Straftat unter Alkoholeinfluß (Nachweise bei Kaiser 1982). Sich anomisch äußernde Bindungs- und Orientierungslosigkeit junger Menschen sowie geschwächte informelle Sozialkontrolle treffen hier verhängnisvoll zusammen. Gewalttätigkeit junger Menschen kann allerdings teilweise als Protestverhalten verstanden werden. (vgl. KAISER 1982, S 119 ff)

In formalem Sinn versteht man unter Kriminalität, wenn jemand eine Straftat bzw eine strafbare Handlung begangen hat --> eine rechtswidrige, tatbestandsmäßige und schuldhafte Handlung. Delikte, die Jugendliche begehen oder weswegen sie vor Gericht kommen sind folgende:
- Körperverletzung, Fahren ohne Führerschein, Sexualdelikte, Einbruch, Sachbeschädigung, Betrug, Brandstiftung, Hehlerei, unbefugte Ingebrauchnahme von Autos oder Motorrädern, etc (vgl. BÄUERLE 1989, S 125 ff)

1.4. Jugendliche Banden
In der jugendlichen Bande dominieren die Merkmale der Vorpubertät: eine ausgeprägte Führer- Gefolgschaft-Struktur mit deutlicher Statushierarchie, starker Gruppensolidarität und Gruppen-loyalität, Verpflichtung zur Verschwiegenheit, körperliche Überlegenheit als besonderes Merkmal des Führers, starkes Bedürfnis nach Abenteuern und deutliche, auf die Erfüllung dieses Bedürfnisses gerichtete Ziele, meist asozialer Art, sowie Formalitäten der Aufnahme wie in Geheimgesellschaften, Codes und Geheimzeichen.
Banden sind immer eingeschlechtlich. Die meisten jugendlichen Delinquenten finden als Er-wachsene, wenn sie sich selbst erhalten können und eine Familie gründen, in die Gesellschaft zurück. Die Eingliederung kann jedoch durch Jugendstrafen und daraus resultierende Arbeits-losigkeit verhindert werden, so daß sich die kollektive Bandenkriminalität in individuelle Kri-minalität fortsetzt. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, S 418)

2. Drogen und Sucht

Drogen: als Drogen bezeichnet man jene psychotrope Substanzen --> Stoffe, die durch ihre chemische Zusammensetzung auf das Zentralnervensystem einwirken und dadurch Einfluß nehmen (Denken, Fühlen, Wahrnehmung, Verhalten).

Abhängigkeit: Nach der WHO von 1969 liegt eine Drogenabhängigkeit dann vor, wenn sich beim Entzug der Droge, die über einen längeren Zeitraum gewohnheitsmäßig eingenommen wurde, Mißbehagen und Beschwerden zeigen.

Als weiteres Merkmal gilt, daß diese Erscheinungen durch die neuerliche Zufuhr der Droge(oder einer ähnlich wirkenden Droge) wieder zum Abklingen gebracht werden können.(vgl. LENZEN 1989, S 336 ff)

Sucht:ist ein krankheitswertiges Zustandsbild, das einer Behandlung bedarf. Wesentlicher Faktor: Der Abhängige nimmt bestimmte Substanzen, Drogen oder Rauschmittel genannt, ein, um sich durch deren Wirkung in einen anderen Bewußtseinszustand zu versetzen. Es herrschen aber auch Formen der nicht substanzgebundenen Sucht vor, zB Spielsucht, Magersucht.

Typische Kennzeichen: Der Abhängige hat den überwältigenden Wunsch, den Suchtmittelgebrauch unter allen Umständen fortzusetzen und sich die Droge unter allen Umständen zu beschaffen. Der Abhängige neigt dazu, die Dosis der konsumierten Droge zu erhöhen. Diese Neigung beruht auf verschiedenen Mechanismen, die im Gehirn wirksam werden, wenn bestimmte zentral wirksame Substanzen fähig sind, in ein "Belohnungssystem im Gehirn" einzu-greifen. Daß körperliche Abhängigkeit mit der Entwicklung von Entzugserscheinungen bei Mangel der Droge entsteht, ist ein zusätzliches Merkmal einiger Drogen.
Ein weiteres Charakteristikum: Abhängigkeit hat immer eine zerstörerische Wirkung, und zwar sowohl auf den Betroffenen selbst als auch auf seine nächste Umgebung.

SUCHT ist ein prozeßhaftes Geschehen, das von einem harmlosen, unmerklichen und schleichenden Beginn langsam bis hin zum Tod führen kann. Begleitet ist dieser Prozeß vom Aufgeben und vom Verlust der persönlichen Identität, der sozialen Beziehungen, der individuellen Lebensplanung und der körperlichen Gesundheit.

Mißbrauch:Der Mißbrauch liegt immer dann vor, wenn eine psychoaktive Substanz nicht ihrem Zweck entsprechend benutzt wird. Immer dannn, wenn eine Droge oder ein Rauschmittel eingesetzt wird, um einen unliebsamen Gefühlszustand zum Verschwinden zu bringen, liegt eigentlich Mißbrauch vor.

Dabei kann es sich sowohl um erlaubte (legale) als auch um verbotene (illegale) Suchtmittel handeln.(vgl. BROSCH, JUHNKE 1993, S 6 ff)

2.1. Drogenarten - Substanzgebundene Suchtform (Einteilung nach Lenzen)

2.1.1 Legale und gesellschaftlich akzeptierte Drogen (Kulturdrogen):

- Alkohol: kommt in unterschiedlichen Formen als Flüssigkeit mit verschieden hohen Promillegehalt in Getränken vor.
Erkennungsmerkmale
: typ. Alkoholgeruch, zunehmende Trunkenheit, Verlust der Kontrolle über die Motorik, Wanken, Torkeln, verwaschene Sprache bis hin zur Bewußtseinstrübung und zum Koma.
Wirkungen:
Lähmung des Wärmezentrums im Gehirn, Gefahr der Unterkühl-ung und Erfrierung. Alkohol wirkt in allen Teilen des Gehirns hemmend (Enthemmung), Verminderung der kritischen Selbsteinschätzung, Kritik- und Urteilsfähigkeit, Euphorie, depressive Stimmung, Aggression.
(vgl. BROSCH, JUHNKE 1993, S 32 ff)

Die Alkoholwirkung läßt sich stufenartig etwa so beschreiben:
- Zustände der Wohlgestimmtheit (0,1 bis 1,0 Promille)
- Rauschstadium (1,0 bis 2,0 Promille)
- Betäubungsstadium (2,0 bis 3,0 Promille)
- Lähmungsstadium (3,0 bis 5,0 Promille) (vgl. BM FÜR GESUNDHEIT UND KONSUMENTENSCHUTZ o.J., S 9 ff)

- Nikotin:Nikotin ist eine Droge mit eindeutigen Wirkungen auf das zentrale Nerven-system. Je nach Persönlichkeit kann es stimulieren oder auch entspannen.
Die Möglichkeit einer seelischen Abhängigkeit ist unbestritten, daß Nikotin aber auch körperliche Entzugserscheinungen haben kann, wird oft zu wenig beachtet (zB Magenbeschwerden).(vgl. BM FÜR GESUNDHEIT UND
KONSUMENTENSCHUTZ o.J., S 53 ff)

- Koffein:

Diese Drogen bedingen bei regelmäßigem Genuß körperliche Abhängigkeit.

2.1.2. Kontrollierte Drogen (Arzneimittel):

- Psychopharmaka:sind auf die Psyche wirkende Arzneimittel. Der Medikamentenmiß-brauch wird vor allem mit Schmerzmitteln, Beruhigungsmitteln, Schlafmitteln und Aufputschmitteln betrieben. Diese Stoffe habenerhöhtes Mißbrauchs- und Abhängigkeitsrisiko. Der Konsumentsolcher Medikamente wird sich seiner entstandenen Sucht oft erstspät bewußt. Auch fällt ein Geheimhalten der Sucht meist nicht allzu schwer. Ursachen für die Abhängigkeit liegen in der Personselbst und im sozialen Umfeld dieser Menschen, weiters auch im großen Angebot an abhängigkeitserzeugenden Medikamenten.

Sie bedingen bei regelmäßiger Verabreichung körperliche Abhängigkeit. (vgl. SPRINGER, ERLACHER 1993, S 7 ff)

2.1.3. Illegale Drogen:

- Opiate: sind Wirkstoffe, die aus dem Pflanzensaft der Kapseln des Schlafmohnes ge-wonnen werden.
- Morphium, Heroin, Opium, etc.
- Heroin:
ist das in der Drogenszene am weitesten verbreitete Opiumderivat.
Es ist ein hochwirksames körperliches und seelisches Schmerz-mittel. Kurz nach der Einnahme werden sämtliche negativen Em-pfindungen zugedeckt; dazu kommt anfangs ein momentan spür-bares Hochgefühl.
Schon ein kurzzeitiger, regelmäßiger Konsum kann genügen, um eine körperliche und seelische Abhängigkeit und damit eine schwere Sucht zu erzeugen.
Opiate bedingen schon nach wenigen Einnahmen körperliche Abhängigkeit.
(vgl. BM FÜR GESUNDHEIT & KONSUMENTENSCHUTZ o.J., S 33 ff)

- Halluzinogene:sind Stoffe natürlicher oder chemischer Herkunft, die geeignet sind, die Bewußtseinslage und die Sinnesempfindungen für eine bestimmte Zeit zu verändern.
- LSD, Mescalin, Psilocybin
- Designerdrogen
enthalten einen verschieden hohen und unter-schiedlich stark wirksamen Anteil an Halluzinogenen.
Designerdrogen stellen eine chemische Mischung aus amphe-taminähnlichen Stoffen mit halluzinogenen Stoffen dar. - Extasy
Bei Halluzinogenen wurde bislang keine körperliche Abhängigkeit festgestellt, aber es kann zu einer psychischen Abhängigkeit kommen. Immer ist dieser Konsum allerdings wegen möglicher Nebenwirkungen gefährlich.
(vgl. BROSCH, JUHNKE 1993, S 35 ff)

- Cannabis: aus dem indischen Hanf gewonnenes Haschisch oder Marihuana
- Marihuana: wird in selbstgedrehten Zigaretten (JOINTS) mit Tabak geraucht.
Es ist ein schwaches Halluzinogen, die Wahr-nehmungen werden unter Einnahme verändert.
Bei den Cannabisprodukten wurde keine körperliche Abhängigkeit nachge-wiesen, der regelmäßige Gebrauch kann aber zu einer psychischen Abhängig-keit führen.(vgl. BM FÜR GESUNDHEIT & KONSUMENTENSCHUTZ
o.J., S 21 ff)

- Kokain und Crack: Kokain ist eine Droge, die aus den Blättern des COCA-Strauchesgewonnen wird.
Es greift in das Transmittersystem des Gehirns ein und erzeugt dadurch eine künstliche Hochstimmung und Munterkeit.
CRACK ist eine chemische Abwandlung von Kokain. Es wird mit einer Zigarette geraucht. Der Konsument erfährt einen plötz-lichen und sehr starken Rausch mit einer ausgeprägten Euphorie, die wiederum ebenso plötzlich in einen Zustand von Rastlosigkeitund Erregung umschlagen kann.
Es sind keine körperlichen Entzugserscheinungen bekannt, doch es herrscht ein starker Drang zu Wiedereinnahme der Droge.(vgl. BM o.J., S 38 ff)

2.1.4. Keiner Kontrolle unterliegende und gesellschaftlich unbeachtete Dro-gen:

- Schnüffelstoffe: Das Einatmen der Dämpfe verschiedener organischer Lösungs-mittel löst im Gehirn Rauschzustände aus.
Die Wirkungen erfolgen über innere Unruhe bis zur Erregtheit,Übelkeit und das Gefühl der Atemnot. Bei Fortdauern des Rauschzustandes tritt ein Entspannungszustand ein, der als an-genehm erlebt wird.
Nach regelmäßiger Inhalation stellt sich eine körperliche Abhängigkeit ein.
(vgl. BROSCH, JUHNKE 1992, S 42 ff)

Der Gebrauch von Rauschmitteln ist so alt wie die Menschheit. Neu ist allerdings, daß vor-wiegend Jugendliche und junge Erwachsene Drogen nehmen. Und ebenso neu ist, daß diese jungen Menschen so viele verschiedenartige Drogen neben- und hintereinander gebrauchen.(vgl. ERLACHER 1993, S 3)

2.2. Nicht substanzgebundene Sucht
ist die Sucht nach einer bestimmten Tätigkeit, die so ausgeübt wird, daß Kriterien festzustellen sind wie Verlust der Kontrolle über diese Tätigkeit, schwere psychische Abhängigkeit, der überwältigende Wunsch, diese Handlung unter allen Umständen fortzusetzen und auch möglicherweise die Dosis zu erhöhen, zB Spielsucht, Konsumrausch, Magersucht, Eß-Brechsucht

Gerade Jugendliche müssen im Laufe ihrer Entwicklung immer wieder manches Verhalten exzessiv betreiben, bevor sie zum "normalen" Umgang übergehen können.

Die Magersucht tritt oft bei Mädchen der Ober- und Mittelschicht in der Pubertät, also zwischen dem 12. und 19. Lebensjahr auf. Sie wird als Versuch gedeutet, die eigene Identität, das Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, etwas zu bewirken zu stabilisieren.
Merkmale sind:
- substantielles Untergewicht (15-25 % unter dem Normalgewicht) ohne auf eine Erkrankung zurückzuführen- Mißbrauch von Appetitzüglern und Abführmitteln
- Angst vor einem normalen Körpergewicht und damit das Bestreben, durch Fasten, Aktivität das Gewicht auf ein minimales Maß zu drücken.
- positive subjektive Valenz der Magersucht
- körperliche Verfall und seine Bedrohlichkeit werden verleugnet.

Die Eß-Brech-Sucht (Bulimie) tritt häufig bei älteren Mädchen und jungen Frauen zwischen 17. und 18. Lebensjahr auf. Hierbei wird nach dem Essen, durch das Schuldgefühl zuviel zu sich genommen zu haben, sofort das Erbrechen eingeleitet. Die Bulimie tritt meist auf, wenn bereits die ersten sexuellen Erfahrungen gemacht wurden. Der weibliche Körper wird nicht negiert, sondern soll nach einem Ideal geformt werden. (vgl. OERTER, MONTADA 1995, S 1069 ff).
Erscheinungsformen sind:
- Mangelndes Selbstwertgefühl
- ständige Angst vor Gewichtszunahme
- depressive Grundstimmung
- sexuelle Störungen
- Probleme mit dem FRAUSEIN
- Der Freßanfall verschafft Entspannung und verdrängt Probleme
- Gewicht liegt meist im Normalbereich
- Zahnverfall, Haarausfall und Hautprobleme

Die Mädchen und Frauen hetzen einem Ideal nach. Sie wollen schlank sein, denn das wird mit den Attributen "schön" und "erfolgreich" verbunden. Der Druck, ausgelöst von Medien und unserem Gesellschaftsbild, der auf den Frauen und Mädchen lastet, wird immer größer, sodaß die Zahl der Süchtigen stark zunimmt. (vgl. LEHNER 1994, S 13 ff)

2.3. Drogenabhängigkeit Jugendlicher
Die Bereitschaft, Drogen zu nehmen, beginnt häufig in der Pubertätskrise. Diese Zeit gehört zu den schwierigen Abschnitten im menschlichen Leben. Man ist kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Man ist in einem Übergangsstadium. Der eigene Körper, die eigene Seele, das ganze Leben werden auf einmal unsicher. In diesem Alter werden auch die Weichen für das zukünftige Leben gestellt: Schulabschluß, Übertritt in eine andere Schule, Eintritt in das Berufsleben. Freundschaften werden jetzt wichtiger als die Familie. Dazu kommen noch die Veränderungen des Körpers, die beunruhigenden sexuellen Gefühle, die größer werdenden Anforderungen der Umwelt. Die Haltungen der Erwachsenen sind widersprüchlich. Der Jugendliche ist unsicher.(vgl. ERLACHER 1993, s 5)
Das Alter derjenigen, die zum erstenmal mit Drogen in Kontakt kommen, ist in den letzten Jahren auffallend gesunken. Heute kann man in Schulen bereits Zwölfjährige treffen, die Haschisch geraucht und andere Mittel ausprobiert haben.
Eine "Drogenkarriere" beginnt häufig mit den medizinisch betrachtet eher harmlosen Cannabis-Produkten. Unter dem Druck der Peer-Groups und der kriminellen Szene steigen viele auf Präparate um, von denen sie schon nach wenigen Einnahmen körperlich abhängig werden.(vgl. LENZEN 1989, S 338)

In Europa beobachtet man eine eindeutige Bevorzugung des Alkohol- und Zigarettenkonsums, sowie den Cannabiskonsum.

2.3.1. Was sind die Ursachen ?

Mehrere Faktoren bestimmen den Drogenmißbrauch und die Abhängigkeit:

allgemeine Einflüße: - Konfliktsituationen verschiedener Art
- Überdruß an der Konsumgesellschaft
- Einfluß der Medien (Werbung, fehlende Werte)
- Steigerung des Luxuskonsums, Lebensgenusses
- Gesellschaft ohne positiven Lebenssinn
- Vermassung - Isolierung und Einsamkeit, seelische Unfreiheit

Ursachen aus dem
Familienbereich:- Konflikte zwischen Eltern und Kindern
- zerrüttete Familienverhältnisse, Scheidungswaisen, Schlüsselkinder, fehlende "Nestwärme"
- Leistungsdruck und übersteigerte Forderungen der Eltern
- Mangel an Liebe, Verständnis und Anerkennung
- fehlende Erziehung zur Selbständigkeit
- fragwürdiger Erziehungsstil (autoritär oder zu locker)
- Fernsehen statt innerfamiliärer Kontakte "Fassaden- Familie"

Individuelle persönliche
Ursachen:- Neugier, Langeweile
- Geltungsbedürfnis in der Gruppe
- Flucht vor unangenehmen Situationen und Gefühlen
- Angst vor der Zukunft, Vereinsamung
- Orientierungslosigkeit, fehlende Leitbilder
- mangelndes Selbstwertgefühl, Beziehungsschwierigkeiten, Depressionen
- Protest gegen die Erwachsenenwelt, Ablehnung des Leistungsprinzips
- Sinnlosigkeit des Lebens
- Belastungen in der Pubertätskrise

Ursachen aus dem Schulbereich:
- Über- und Unterforderung
- fehlende Zusammenarbeit mit Schule und Elternhaus
- gestörtes Verhältnis zu Lehrern
- nicht ausreichende menschliche Wärme

Es gibt nicht nur eine Ursache der Drogenabhängigkeit von Jugendlichen, sondern die Problematik steht in Zusammenhang mit den Krisenerscheinungen und -wandlungen unserer Gesellschaft und Kultur. Jugendprobleme sind heute weitgehend Probleme der gesamten Gesellschaft, und diese gibt den Jugendlichen keine Orientierung.

Hat der erste Drogenkonsum stattgefunden und ist der Kontakt zu anderen Drogenkonsumenten hergestellt, bekommt der einzelne immer mehr Informationen über andere Drogenarten. Die Bereitschaft wird größer, jede andere Droge auch zu probieren. (vgl. KRÜGER 1989, S 84 ff)

Gehmacher meint, daß 3 Bedingungen zusammentreffen müssen, damit es zur Drogensucht kommt:
1) Eine psychisch instabile Persönlichkeit mit starken Tendenzen zur Selbsterniedrigung, insbesondere auch in Situationen der Überforderung.
2) Kontakt mit einer Gruppe von Drogenkonsumenten
3) Mangelnde Kontrolle und soziale Einbindung, fehlende Sozialisation in eine Gruppe (Fa-milie, Freundeskreis) mit einem adäquaten Angebot an "beglückenden" Erlebnissen anderer Art. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, S 431)

2.3.2. Jugend und Alkohol
Alkohol ist das am weitesteten verbreitete Suchtmittel unserer Gesellschaft und schafft die größten Probleme.
Es ist in der Forschung inzwischen vielfach belegt, daß die untersuchte Lebensspanne von 12 bis 16 Jahren eine entscheidende Einstiegsphase in Rauchen und Alkoholkonsum ist. (vgl. FEND 1990, S 157)

2.3.2.1.Motive des Alkoholkonsums
die Legalität des Alkohols: Alkohol hat in unserer Gesellschaft eine Art "familiären Charakter" gewonnen. Man spricht auch vom Fernsehalkoholismus. Es gilt als gesellschaftliche Höflich-keit und Pflicht, bei jeder Gelegenheit Alkohol anzubieten. Die Ansicht, Alkoholgenuß gehöre zum guten Ton, wird zuweilen mit Nachdruck durchgesetzt und immer häufiger auch bei Jugendlichen vertreten. So wird Alkohol unter sozialem Druck getrunken.
Alkoholwerbung: Die Werbung spricht speziell jugendliche Konsumenten an. Die Inhalte der Werbebotschaften sind mit positiven Erlebnissen verbunden, zeigen Überlegenheit, Selbst-sicherheit, sozialen Erfolg, Glück, Geborgenheit und gute Laune.
Wenn wir konkret Jugendliche nach ihren Motiven fragen, so erhalten wir eine ganze Reihe von Antworten:
- weil es die Erwachsenen auch tun (Neugier)
- weil es "in" ist, Alkohol zu trinken (Vorbild)
- weil Alkohol überall angeboten wird (Werbung)
- weil man in der Gruppe der Gleichaltrigen nicht zurückstehen möchte (Geltungssucht)
- weil Alkohol die Stimmung hebt (Geselligkeit)
- weil bestimmte Probleme auftreten (Schulprobleme, Jugendsarbeitslosigkeit)
- weil man sich einsam und verlassen fühlt (Liebeskummer)
- weil es schmeckt

Besonders bei Jugendlichen ist darauf hinzuweisen, daß der Organismus aus medizinischer Sicht in seiner Entwicklung noch nicht völlig ausgereift ist und so sich Alkoholeinfluß verstärkt auswirkt. Junge Menschen trinken zunächst bevorzugt in der Gruppe Gleichaltriger, zumeist, wenn sie sich mit Freunden treffen, zB in Discotheken. Später treten an die Stelle des Jugendtreffs die Lokalbesuche, manchmal wird auch die Arbeitsstelle zum Ort des Trinkens.

Zur Abhängigkeit gehört die Gewohnheit oder auch Notwendigkeit, "allein" zu trinken. Hierin unterscheiden sie sich kaum von den erwachsenen Alkoholikern. Jugendliche trinken in Zeiten exzessiven Mißbrauchs täglich, beginnen schon morgens und müssen morgens trinken, weil sie gegen typische Entzugserscheinungen angehen müssen. Das "Rauscherleben" ist nicht nur Folge des Trinkens, sondern Zweck des Alkoholkonsums überhaupt. Das wird von den Ju-gendlichen unumstritten zugegeben. Die Hauptursachen für Jugendalkoholismus sind Konflikte mit den Eltern, am Arbeitsplatz und in der Schule.(vgl. KRÜGER 1989, S 13 ff)

Bild: Prozentuale Häufigkeit der Motivationsangaben von Alkohol- und
Drogenkonsumenten sowie Rauchern

vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, Seite 422

2.3.3. Jugend und Nikotin
Auch der Tabakkonsum, der vorwiegend im Griff zur Zigarette besteht, ist in unserer Gesellschaft legal. Immer mehr Jüngere rauchen. Schon im Alter von 10-12 Jahren greifen Kinder zur Zigarette.
Für die Heranwachsenden wird das Rauchen nicht selten Hilfsmittel zur Lebensbewältigung, Statussymbol des Erwachsenen. Verstärkt kommt der Einfluß der Gruppe Gleichaltriger hinzu.

2.3.3.1.Motive des Rauchens
Auf die Frage: Warum rauchst DU? antworteten die Schüler wie folgt:
- weil meine Eltern rauchen
- weil meine Freunde rauchen
- um erwachsener zu erscheinen
- weil es schmeckt
- nur so
- aus Neugier
- weil es schick ist

- Werbung: Wie die Alkoholindustrie versucht auch die Tabakindustrie vermehrt Jugendliche anzusprechen, indem sie ihre Produkte mit Wunschbildern dieser Zielgruppe verbindet. Zigaretten erhalten so das Image von Freiheit und Abenteuer. Es wird also nicht die Zigarette, sondern ein Lebenskonzept verkauft.
- Vorbilder: Sehr viele Menschen des öffentlichen Lebens zB Fernsehstars, Ärzte, Lehrer, etc rauchen, was dann natürlich auch die Jugendlichen zum Rauchen animiert. (vgl. KRÜGER 1989, S 43 ff)

Mehrere Indikatoren verweisen darauf, daß Raucher einen anderen Weg der eigenen Selbst-stabilisierung als den über die Bewährung im schulischen Erfolgssystem und im Rahmen der familiären Situation suchen. Sie sind stärker an der Altersgruppe orientiert, sie sind intensiver und früher am anderen Geschlecht interessiert, ihre soziale Geltung und Beliebtheit ist ihnen wichtiger und sie beteiligen sich häufiger an Ansehen verschaffenden Aktivitäten. (vgl. FEND 1990, S 175)
3. Suizidgefährdung Jugendlicher

Die Selbstmordquote ist bei Jugendlichen mit 9 % aller Todesfälle dieser Altersstufe sehr hoch. Sehr hoch ist auch die Zahl der Selbstmordversuche. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, S 374 ff)
Suizidale Handlungen
sind dadurch gekennzeichnet, daß sich ein Mensch selbst mittels Medikamenten bzw Drogen oder durch andere Techniken körperlichen Schaden zufügt, mit der ursprünglichen Absicht, nicht mehr leben zu wollen.

Eine komplexe Erklärung für die Zunahme der suizidalen Handlungen in dieser Altersgruppe konnte bislang nicht gefunden werden. Sie könne jedoch im Zusammenhang stehen mit der zu-nehmenden sozialen Umfeldproblematik bei Kindern und Jugendlichen sowie ansteigender sozialer Desintegration sowohl innerhalb der Familien als auch in der Gruppe der Gleichaltrigen und in der Gesellschaft. Diese Umfeldproblematik äußert sich ebenfalls in einer ansteigenden Tendenz zur Verwahrlosung, Delinquenz, zu Alkoholismus, sowie Drogenmißbrauch und zu Verkehrsunfällen bei Kindern und Jugendlichen. (vgl. WELZ, POHLMEIER 1981 S 169 ff)

Bei der Einschätzung der Suizidgefährdung sind aus diesem Grunde folgende 6 Aspekte zu berücksichtigen:
1) Persönlichkeit des Jugendlichen, die derzeitige Streßsituation sowie die Möglichkeiten zur Hilfe, die ihm zur Verfügung stehen.
2) die familiäre und soziale Beziehungsmuster in der Schule sowie in der Gruppe der Gleichaltrigen.
3) Gesamtbiographie, speziell der Verlust von wichtigen Bezugspersonen durch Tod oder Trennung, Fehlen von Elternschaft
4) die aktuelle Häufung von Problemen sowie das auslösende Motiv
5) Ausmaß der präsuizidalen Einengung (dazu später)
6) vorhandenen Möglichkeiten, innere Konflikte zu verbalisieren und sich damit zu entlasten

3.1.Ursachen und Anlässe
Die Grundsituation ist folgende: Die Familie spielt eine zentrale Rolle. Die familiären Verhältnisse haben auf die normale Entwicklung des Jugendlichen und auch des Kindes einen elementaren Einfluß. Es zeigt sich, daß die Familien die entwicklungsspezifischen Turbulenzen auffangen können. Eine Vielzahl von Autoren hat darauf hingewiesen, daß der Verlust eines Elternteiles in der Kindheit oder Jugend im späteren Leben zu Depressionen und Suizidver-halten prädisponiert. Schrut (1964) hebt die Schwierigkeit bzw Unfähigkeit des suizidalen Ju-gendlichen hervor, sich mit den anderen Familienmitgliedern zu identifizieren. --> Rollen-diffusion. Die ständige zermürbende Auseinandersetzung führt zu einer zunehmenden Ent-fremdung und zur Unfähigkeit, Konflikte zu ertragen oder sinnvoll zu lösen. Das bedeutet, eine zunehmende Einengung seiner Wahrnehmung, insbesondere im emotionalen Bereich. Er fühlt sich ausgelaugt, ausgebeutet und überflüssig. Positive Signale werden aufgrund dieser Eineng-ung nur beschränkt oder gar nicht wahrgenommen.

Aus dieser Grundsituation lassen sich die häufigsten Ursachen und Motive suizidaler Verhal-tensweisen erklären. Ein Schüler macht keinen Suizidversuch primär wegen seiner schlechten Noten, sondern weil er aufgrund fehlender positiver Umgebungssignale diesen Mißerfolg als zusätzliches Zeichen seines Versagens sieht. Es handelt sich somit bei den meisten suizidalen Handlungen in dieser Altersgruppe um den Endpunkt einer chronischen Entwicklung, bei der die Resignation bezüglich einer Änderung der Situation zum Positiven im Vordergrund steht. (vgl WELZ, POHLMEIER 1981, S 168 ff)

3.2. Das präsuizidale Syndrom
Suizidales Verhalten ist also mehrfaktoriell bedingt. Das präsuizidale Syndrom stellt den gemeinsamen Nenner dar, auf welchen die charakteristischen psychischen Zustände vor Suizid-handlungen gebracht werden können.
Das präsuizidale Syndrom baut sich aus drei großen Symptomen auf:
- Einengung
- gehemmte und auf die eigene Person gerichtete Aggression
- Selbstmordphantasien .

Die Einengung zeigt sich in mindestens vier Bereichen: situativ (Einengung der persönlichen Möglichkeiten), dynamisch (Einengung der Gefühlswelt), zwischenmenschlich und wertspe-zifisch. Der zweite Pfeiler entspricht einer spezifischen Gestaltung der Aggression. Jeder selbstmordgefährdete Mensch ist für RINGEL " ein zutiefst frustrierter, von Aggressionen beherrschter Mensch, der aber nicht imstande ist, diese Aggressionen nach außen abzureagieren und sie daher schließlich gegen die eigene Person wendet". Der dritte Punkt sind Selbstmord-phantasien. Die suizidale Person beschäftigt sich zuerst vage, dann immer konkreter mit der Möglichkeit des Selbstmordes. (vgl. WELLHÖFER 1981, S 76 ff)

Daß die Zeit der Adoleszenz mit sehr vielen Problemen behaftet ist, haben wir bereits bei den Gründen für Drogenkonsum festgestellt. Auf diesem Hintergrund erscheint es erklärlich, daß es im Jugendalter zu einem deutlichen Anstieg von suizidalen Handlungen kommt. Hierbei spielt das Selbstwertgefühl eine zentrale Rolle. Jugendliche sind außerordentlich selbstkritisch. Wird nun einem Jugendlichen das ständige Gefühl vermittelt, daß er Erwartungen, die seine Eltern, die Peer-group und die Gesellschaft an ihn stellen, nicht erfüllen kann, so kommt es zu einem ausgeprägten Bruch seiner Identität, er erkennt sich als wertlos, als Wesen, das von den anderen als existentiell unwesentlich erkannt wird, in einer Situation, in der der Jugendliche sich selbst als zentral erkennt.

Gefährdet sind Jugendliche, die in ihrer Kindheit Verluste von wesentlichen Bezugspersonen erlitten haben. Hier sei insbesondere die Gruppe der Jugendlichen genannt, die zu einem sehr frühen Zeitpunkt von Elternteilen getrennt wurden oder in Heimen untergebracht wurden bzw in Adoptivfamilien aufwuchsen.
Eine weitere besonders gefährdete Gruppe ist die der Jugendlichen mit körperlichen Handicaps, die gerade in der kritischen Phase der Adoleszenz der Beeinträchtigung ihres Körpers voll bewußt werden.
Aber auch Jugendliche, die aufgrund von minimalen cerebralen Dysfunktionen oder auch Teilleistungsstörungen bereits zu einem früheren Zeitpunkt auffällig wurden und deren negative Folgen im Sinne einer Versetzung in Sonderschulen oder auch "nur" ständiger schulischer Überforderung erfahren haben, werden in der Zeit der Adoleszenz gewahr, daß die Gesellschaft ihnen viele Möglichkeiten der weiteren, vor allem beruflichen Entwicklung ver-wehrt. (vgl. WELZ, POHLMEIER 1981, S 181 ff)

3.3. Möglichkeiten der Selbstmordverhütung
Ringel versucht die zentralen Ansatzpunkte mit vier Stichworten zu umschreiben (1978):
-) Bemerken: Fähigkeit der zentralen Bezugspersonen die verbalen und nicht-verbalen, indirekten Selbstmordankündigungen wahrzunehmen.
-) Beurteilen: Es ist hier die Aktivität der Fachleute erforderlich, denn es geht hier um die psychologische und psychiatrische Diagnose der Suizidgefährdung.
-) Behandeln:Fachleute und spezielle Bezugspersonen versuchen die Stabilität des Klienten zu stärken und zum anderen das Konfliktlösungsverhalten zu verändern.
-) Beeinflussen: Bemühungen, das "suizidale Klima" einer Gesellschaft zu verändern.

Das Konzept sieht demnach folgendermassen aus:
- Vorbeugung
- Krisenintervention
- Nachbetreuung
(vgl. WELLHÖFER 1981, S 99 ff).


GLOSSAR

Abhängigkeit: Nach WHO (1969) liegt eine Drogenabhängigkeit dann vor, wenn sich beim Entzug der Droge, die über einen längeren Zeitraum gewohnheitsmäßig eingenommen wurde, Mißbehagen und Beschwerden zeigen (psychische, physische und soziale Abhängig-keit).
Aggression:
Angriffsverhalten sowie feindselige Haltung eines Menschen als Reaktion auf eine wirkliche oder vermeintliche Minderung der Macht mit dem Ziel, die eigene Macht zu steigern oder die Macht des Gegners zu mindern.
*Banden:
Es dominieren eine ausgeprägte Führer-Gefolgschaft-Struktur mit deutl. Status-hierarchie, Verpflichtung zur Verschwiegenheit, körperl. Überlegenheit des Führers, starke Gruppensolidarität und Gruppenloyalität, starkes Bedürfnis nach Abenteuern, Formalität der Aufnahme, Codes und Geheimzeichen.
Bulimie:
Eßstörung, bei der nach dem Essen, durch das Schuldgefühl zuviel zu sich ge-nommen zu haben, sofort das Erbrechen eingeleitet wird.
Delinquenz:
Straffälligkeit
Devianz:
Abweichung von der sozialen Norm
Droge:
Drogen sind jene psychotrope Substanzen, die durch ihre chemische Zusammen-setzung auf das Zentralnervensystem einwirken und dadurch Einfluß nehmen.
Halluzinogene:
sind Stoffe natürlicher oder chemischer Herkunft, die geeignet sind, die Bewußtseinslage und die Sinnesempfindungen für eine bestimmte Zeit zu verändern.
Kriminalität:
Unter Kriminalität versteht man, wenn jemand eine Straftat bzw eine straf-bare Handlung begangen hat.
Magersucht:
Eßstörung, bei der die Nahrungsaufnahme eingeschränkt oder sogar aufge-geben wird.
Mißbrauch:
Der Mißbrauch liegt dann vor, wenn eine psychoaktive Substanz nicht ihrem Zweck entsprechend benutzt wird.
Opiate:
sind Wirkstoffe, die aus dem Pflanzensaft der Kapseln des Schlafmohnes ge-wonnen werden.
Präsuizidale Syndrom:
Es stellt den gemeinsamen Nenner dar, auf welchen die char-akteristischen psychischen Zustände vor Suizidhandlungen gebracht werden können (Eineng-ung, auf die eigene Person gerichtete Aggression, Selbstmordphantasien).
Psychopharmaka
: Psychopharmaka sind auf die Psyche wirkende Arzneimittel.
Sucht:
Sucht ist ein krankheitswertiges Zustandsbild, das einer Behandlung bedarf. Der Ab-hängige hat den überwältigenden Wunsch, den Suchtmittelgebrauch unter allen Umständen fortzusetzen und sich die Droge unter allen Umständen zu beschaffen.
Suizidale Handlungen:
Sie sind dadurch gekennzeichnet, daß sich ein Mensch selbst körperlichen Schaden zufügt, mit der ursprünglichen Absicht, nicht mehr leben zu wollen.


Literaturverzeichnis

BUNDESMINISTERIUM FÜR GESUNDHEIT UND KONSUMENTENSCHUTZ. (o.J.). Prophylaxestelle Drogenberatung. POINT Beratungsstelle für Suchtfragen. Linz.

BROSCH, R., JUHNKE, G. (1993). Zum Thema Sucht - Infos/Adressen. Wien: BM für Gesundheit und Konsumentenschutz.

ERLACHER, I. (1993). Drogen, Sucht und Eltern. Warum junge Menschen Drogen nehmen und was die Eltern unternehmen können und sollen. Band 2. Wien: BM für Gesundheit und Konsumentenschutz

FEND, H. (1990). Vom Kind zum Jugendlichen. Der Übergang und seine Risiken. Ent-wicklungspsychologie der Adoleszenz in der Moderne. Band I. Bern: Huber.

KAISER, G. (1982). Jugendliche Gewalttätigkeit. Ausmaß, Erscheinungsformen, Erklär-ungsversuche. IN: o.A. Jugend-, Jugendprobleme, Jugendprotest. Stuttgart: Kohlhammer. S 119- 130.

KRÜGER, A. (1989). Sucht. Ursachen, Wirkungen, Auswege. Hinweise für Pädagogen, Eltern und Jugendliche. Wuppertal: Blaukreuz-Verlag.

LEHNER (1994). Wenn 30-Kilo-Gerippe sich erbrechen. OÖ Rundschau, Nr. 46 /17. November 1994, S 13.

LENZEN, D., ROST, F. ( 1989). Pädagogische Grundbegriffe. Band 1. Aggression bis Interdisziplinarität. Hamburg: rowohlts-Verlag. S 336-344.

OERTER, R., MONTADA, L. (1995). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

PETERMANN, U., PETERMANN, F. (1990). Probleme im Jugendalter. Psychologische Hilfen. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.

SCHENK-DANZINGER, L. ( 1993). Entwicklungspsychologie. Wien: Bundesverlag.

SPRINGER, A., ERLACHER, I. (1993). Die stille Sucht. Mißbrauch und Abhängigkeit von Arzneimitteln mit psychischer Wirkung. Information für alle. Band 14. Wien: BM für Gesundheit, Sport und Konsumentenschutz.

WELLHÖFER, P. (1981). Selbstmord und Selbsmordversuch. Stuttgart: Gustav Fischer Verlag.

STOBER, B. (1981). Suizidale Handlungen bei Kindern und Jugendlichen. IN: WELZ, R., POHLMEIER, H. Selbsmorthandlungen. Suizid und Suizidversuch aus interdisziplinärer Sicht. Weinheim und Basel: Beltz Verlag. S 168-183.


© Illich Margit 1996