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Johannes Kepler Universität Linz

Seminar aus Erziehungswissenschaft: Entwicklung im Jugendalter

Leiter: Ass. Prof. Dr. Werner Stangl

© Werner Stangl, Linz 1997.
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Thema8
JUGENDLICHE UND BEZIEHUNGEN ZUR SONSTIGEN SOZIALEN UMWELT

JOHANNES KEPLER UNIVERSITÄT LINZ

INSTITUT FÜR PÄDAGOGIK UND PSYCHOLOGIE

Abteilung für Pädagogische Psychologie und Bildungswissenschaft

Seminar aus Erziehungswissenschaften
EntwicklungimJugendalter
Sommersemester1996
LV-Leiter:Dr.W.Stangl

ThomasSchmierer
RenateWeilnböck


INHALTSVERZEICHNIS

1.EINLEITUNG1

2.HISTORISCHER ÜBERBLICK1
3. JUGENDENTWICKLUNG
2
3.1.EpochalunabhängigePhänomenederJugendentwicklung2
3.2.SoziokulturelleEinfußfaktorenaufdieEntwicklung2
3.3.DiegesellsschaftlichenRahmenbedingungenderJugndkultur3
3.3.1.DieJugenddauertimmerlänger3
3.3.2.DasEndederAutoritäten3
3.3.3.Geld,dasMachtmittelderJugend4
3.3.4.Stadt=Land,dieJugendkulturennnähernsichlangsaman4
4.ALTERSGENOSSEN ALS BEZUGSGRUPPE5
4.1.DerkonkurrierendeEinflußbereichvonAltersgenossenundEltern5
4.1.1.Generationskonflikthypothese6
4.1.2.DerJugendlichealsMarginalperson7
4.2.DieRollederGleichaltrigenbeiderIdentitätssfindung8
4.2.1.SpezielleProblemederIdentitätsfindungbeiGastarbeiter-kindern8
4.3.SexualitätimJugendalter8
5.JUGENDRELIGIONEN 10
5.1.DerStellenwertorganisierterReligion10
5.2.JugendreligionundderenBedeutung10
6.JUGENDKULTUR 11
6.1.ErkennungsformeneinerJugendkultur(Stilform)12
6.2.EinigeStilformenausden80erJahren12
7.DIE GLEICHALTRIGENGRUPPE(PEER-GROUP) 13
7.1.BedeutungderGleichaltrigengruppefürdieJugendlichen14
7.2.KennzeichenderPeer-Gruppen14
7.3.Cliquen15
7.4.Jugendbanden16
Glossar 28
Literaturverzeichnis 29


1. Einleitung

Im Verlauf seiner Entwicklung steht der Jugendliche einer Vielzahl von Aufgaben gegenüber, die er zu bewältigen hat. Bei der Bewältigung dieser Aufgaben wird er stark von seiner sozialen Umwelt (der Familie, den Gleichaltrigen, der Schule...) beeinflußt. Dabei ist zu beobachten, daß dem Jugendlichen mit zunehmender Ablösung von der Familie die Anerkennung durch die Gruppe immer wichtiger wird. Er hat in dieser Phase seiner Entwicklung ein starkes Bedürfnis nach dem Zusammensein mit Gleichaltrigen, er ringt um Ansehen und Geltung im Kreise seiner Altersgenossen. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, S. 333)
In unserer Arbeit gehen wir nun näher auf die soziale Umwelt des Jugendlichen ein und versuchen zu erklären, wie und von wem der Jugendliche beeinflußt wird und wie diese Anpassungsvorgänge vollzogen werden.


2. Historischer Überblick

Bei historischen Kulturen und Gesellschaften, sowie bei gegenwärtig noch existierenden Stammesgesellschaften findet man nur selten eine Lebensphase, die man als Jugend bezeichnen könnte. Im allgemeinen existiert nur die Dreiteilung: Kindheit - Erwachsenensein - Alter.

Eine frühe Ausnahme dieser Regel stellten die Griechen ab dem 8. Jhdt. v. Chr. dar. Aristoteles (384-322 v. Chr.) beschrieb die Lebensphase und Charakteristik dieser Jugend. Jugend in unserem Verständnis bildet sich erst einige Zeit später im demokratischen, kunstliebenden Stadtstaat Athens.
Wie in der Antike ist auch im Mittelalter die Entstehung einer eigenen Stadtkultur seit dem 11. Jhdt. die entscheidende sozialgeschichtliche Voraussetzung für die Entstehung stände-spezifischer Jugendgruppen.

Die Jugend wird beim Übergang zur Neuzeit von zwei wesentlichen Prozessen bestimmt:

- die zunehmende Familiarisierung und Verhäuslichung im Zuge der Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft

- Einführung der allgemeinen Schulpflicht

Ende des 19. Jhrdts. entwickelten sich die Jugendbewegungen. Die Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jhdts. betont dann erstmals die Gleichheit der Geschlechter und bringt eine Abkehr von der bisher eindeutig im Vordergrund stehenden männlichen Jugend. Durch zahlreiche Jugend- und Protestbewegungen entwickelte sich die Jugend schließlich bis zu ihrem jetzigen Stand. (vgl. SCHÄFER 1982, S. 41 - 57)


3. Jugendentwicklung
3.1 Epochal unabhängige Phänomene der Jugendentwicklung

Die Konfrontation mit einer Vielzahl von Lebensaufgaben stellt den Jugendlichen meist vor große emotionale Probleme. Folgende Aspekte sind hier besonders zu betonen:

SAuseinandersetzung des Jugendlichen mit seinen körperlichen Veränderungen
Aufgrund der biologischen Reife hat sich der Jugendliche psychisch mit der Integration der Sexualität in sein Leben auseinanderzusetzen.

SSoziale Integration
Hier erfolgt die Berufsfindung und in weiterer Folge die Integration in das Berufsleben. Damit verbunden sind stets Rollen- und Statusprobleme.

SGeistige Entwicklung
Der Jugendliche stellt bisher gültige Werte in Frage und entwirft sein eigenes Wertesystem und seine eigenen Lebenspläne. Die zentrale Aufgabe dieser Phase ist die Selbstfindung. Da jetzt eine Ablösung vom Elternhaus erfolgt und eine zunehmende Verselbständigung des Jugendlichen festzustellen ist, tritt eine neue Dimension auf. Ziel ist die Ich-Findung und Selbstwerdung. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1988, S. 189ff)

3.2 Soziokulturelle Einflußfaktoren auf die Entwicklung

Die individuelle Entwicklung eines Menschen wird von soziokulturellen Faktoren beeinflußt. Die wichtigsten Faktoren sind:

SDer Kulturkreis
Stellt man sich den Einfluß der soziokulturellen Faktoren in drei konzentrischen Kreisen vor, so ist der Kulturkreis, in dem man lebt, der weiteste. In der Regel ist er durch die vorherrschende Religion bestimmt. Bei uns im christlich-abendländischen Kulturkreis bilden das römische Recht und die Zehn Gebote die Grundlagen des öffentlichen und individuellen Rechtsbewußtseins.

SDie weitere Umwelt
Die weitere Umwelt wird vor allem durch die Volks- und Gruppenzugehörigkeit geprägt, womit insbesondere die Tradition des Volkes, die Werthierarchien der Religionen und die Statussymbole der Sozialschicht und der Berufsgruppe, der unsere Eltern angehören, gemeint sind. Diese soziokulturellen Faktoren sind in der weiteren Umwelt des Menschen wirksam und bestimmen häufig das individuelle Schicksal eines Menschen.

SDie engere Umwelt
Den dritten und engsten Kreis bildet der Enflußbereich der Familie, der Schule und des engeren Freundeskreises der Gleichaltrigen. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, S. 44)

3.3 Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Jugendkultur

Dem Jugendlichen der 90er Jahre liegen ganz andere gesellschaftliche Vorzeichen zugrunde als jenen der 60er, 70er oder der 80er. Die wichtigsten Veränderungen wollen wir daher nachfolgend etwas genauer betrachten.

3.3.1 Die Jugend dauert immer länger

Es ist umstritten, wer schon oder noch zur Jugend gehört. Unumstritten ist jedoch, daß die Jugend immer länger dauert. Pädagogen bezeichnen die Tatsache, daß Jugend eher beginnt, als Akzeleration (=Beschleunigung). Gemeint ist damit die Beschleunigung der körperlichen und psychischen Reifung des Menschen.

Unter der körperlichen Akzeleration versteht man vor allem zwei Phänomene: das beschleunigte Wachstum und die Vorverlagerung der Geschlechtsreife. Maß der durchschnittliche Volksschüler 1913 beispielsweise noch 1,50 Meter, so maß er 1963 bereits 1,65 Meter (Verlagsgruppe Bauer, Die Bedeutung der Akzeleration für das Jugendmarketing, S.10). Gründe dafür sind die ausgewogene Ernährung, bessere medizinische und hygienische Versorgung, sowie die geringere körperliche Belastung der Jugendlichen. Erstaunlicher als diese körperlichen Veränderungen sind die psychischen Phänomene der Akzeleration. Durch die Einflüsse der Massenmedien können und wissen Kinder immer früher immer mehr.

Die Jugendphase wird auch durch die längere Dauer der beruflichen Ausbildung und die Zunahme der Menschen, die eine solche Ausbildung beanspruchen (z.B. Studenten), verlängert.
Zum anderen fehlt aber auch eine verbindliche, ausgeprägte Erwachsenenkultur, gegen die in den 60er und 70er Jahren eine Welle von Protestbewegungen anrannte. Zu sehr sind ehemals tragende Begriffe der Erwachsenen wie Leistung, Küche, Sitte und Fortschrittsglaube auch im Bewußtsein der Älteren verschwunden. Fest steht also, daß die Kindheit früher endet, die Jugend eher beginnt und immer länger dauert.

3.3.2 Das Ende der Autoritäten

Die alten Autoritäten und Instanzen verlieren immer mehr an Bedeutung. Besonders davon betroffen sind die Institutionen und Werte der Familie und der Kirche

SFamilie

Die Leitbildfunktion der Eltern und die durch die Familie weitergegebenen Werte gehen zurück. Die meisten Jugendlichen reden gern und offen mit ihren Eltern und die Eltern werden nur mehr in wenigen Fällen als echter Gegensatz zur eigenen Clique gesehen. Der Generationskonflikt mit den Eltern hat nachgelassen und an seine Stelle tritt ein friedliches Sich-Entfernen. Man lebt in Ruhe.
Dazu ein Ausspruch von Brigitte Melzer, der Leiterin des Institutes für Jugendforschung: Die Eltern sind so scheißliberal geworden, daß man sich an ihnen nicht mehr reiben kann. Das ist eher ein Nachteil als ein Vorteil für die Jugend, weil man so etwas braucht. (Melzer-Lena, persönliche Mitteilung am 22.7.1994)

SKirche

Sehr viele Jugendliche haben den Kontakt zur Kirche völlig abgebrochen. Laut einer Untersuchung des Jugendwerks der Deutschen Shell aus dem Jahre 1991 sind vier Wochen vor einer Befragung nur 21 % der West- und 10 % der Ostdeutschen zum Gottesdienst gegangen (West 1984: 27 %). Besonders bei Jugendlichen in Groß- und Mittelstädten gilt praktizierter Glaube definitiv als uncool und wird konsequent ausgegrenzt.

3.3.3 Geld, das Machtmittel der Jugend

Die amerikanischen Jugendlichen der Nachkriegszeit waren die ersten Jugendlichen der Welt, die in nennenswertem Maße Taschengeld zur Verfügung hatten und so stand die amerikanische Jugendkultur der 50er Jahre (Elvis, Petticoats, Kofferradios, James Dean) auch am Beginn von Jugendkulturen überhaupt.
Mittlerweile verfügen auch die Jugendlichen in unserem Kulturkreis über ausreichend Geld, welches sie für Konsumgüter ausgeben und so einen nicht unerheblichen Einfluß auf die Gesellschaft ausüben. Die Attraktivität der jungen Zielgruppen hat dazu geführt, daß Unternehmen ihre gesamten Marketingaktivitäten auf Jugendliche konzentrieren.

3.3.4 Stadt = Land, die Jugendkulturen nähern sich langsam an

Neue Jugendtrends entstehen fast immer in Großstädten und breiten sich dann mit etwas Zeitverzögerung in die Kleinstädte und in die Provinzen aus. Der Austausch der Jugendkultur zwischen Stadt und Land ist also einseitig, nämlich von der Stadt in Richtung Land. Manchmal kommen diese Trends auch gar nicht oder nur verwässert dort an.
Gleichzeitig sorgen die Medien, vor allem das Fernsehen, dafür, daß die Jugendkulturen in Stadt und Land sich langsam annähern - allerdings nicht gleichberechtigt: Vielmehr verstädtern die ländlichen Jugendkulturen. Wesentlich daran beteiligt sind Medien und Marken. (vg. JANKE/NIEHUES 1995 S. 10-32)


4. Die Altersgenossen als Bezugsgruppe

Da Jugendliche in ihrer Entwicklung zunehmend nach Unabhängigkeit von der Familie und nach wachsender materieller und emotionaler Autonomie streben, ist die Gemeinschaft der Gleichaltrigen sehr wichtig. Diese Gemeinschaft wird für die Jugendlichen zur Bezugsgruppe, mit deren Werthaltungen und Verhaltensnormen sie sich großteils identifizieren. Obwohl die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft altersbestimmt ist, können Erfahrungen in dieser Zeit ein überdauerndes Weltbild schaffen und spätere Einstellungen prägen. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1988, S. 22f)

4.1 Der konkurrierende Einflußbereich von Altersgenossen und Eltern

Die verschiedenen Standpunkte über den Einfluß von Gleichaltrigen und Eltern lassen sich anhand zweier gegensätzlicher Hypothesen (Konflikt- versus Geländehypothese) beschreiben.

SKonflikthypothese:

Diese These besagt, daß sich der Jugendliche mit unterschiedlichen und oft auch widersprüchlichen Erwartungen auseinandersetzen muß; den Erwartungen der Eltern stehen diejenigen der Gleichaltrigen gegenüber. Dies kann zu einem Rollenkonflikt führen oder es entsteht zumindest eine Rollenunsicherheit.
Kommt es für den Jugendlichen zu einem Konflikt dann kann er ihn austragen oder vermeiden (z.B. er behält die konträren Ansichten für sich).

SGeländehypothese

Gemäß dieser Hypothese haben sowohl die Eltern als auch die Gleichaltrigen großen Einfluß auf die Handlungen des Jugendlichen, jeder jedoch in einem anderen Bereich. Bei bedeutenden Entscheidungen und Wertvorstellungen und Entscheidungen, die die Zukunft betreffen überwiegt der Einfluß der Eltern, wohingegen bei alltäglichen Angelegenheiten (z.B. Kleidung, Freizeit, Frisur...) der Einfluß der Gleichaltrigen überwiegt.

Larson untersuchte diese Hypothese bei einer großen Anzahl von Schülern und erhielt folgendes Resultat:

-Die Mehrzahl der Jugendlichen trifft ihre Entscheidung selbst und läßt sich dabei nicht so sehr von den Ansichten der Eltern bzw. denjenigen der Altersgenossen leiten.
-Ein relativ kleiner Anteil der Jugendlichen orientiert sich intensiv an den Eltern und kümmert sich nur wenig um die Vorstellungen von Altersgenossen.
(vgl. DE WIT/VAN DER VEER 1982, S. 104f)

4.1.1 Generationskonflikthypothese

Als Generationskonflikt bezeichnet man den Konflikt der Jugendlichen mit ihren Eltern. Er beruht auf der Generationskluft zwischen der älteren Generation (Eltern) und der jüngeren Generation (Jugendlichen).

Es existieren eine Vielzahl von Gründen, die einen Generationskonflikt auslösen können: Interessenskonflikte, Verständigungskonflikte, Wertunterschiede, Anschauungskonflikte, Einstellungsunterschiede...
Diese Gründe können letztendlich auf die bereits gemachten Lebenserfahrungen zurückgeführt werden. (vgl. MÖNKS/KNOERS 1976, S. 177f)

Eine Studie des Jugendwerks der Deutschen Shell aus dem Jahre 1986 (untenstehend abgebildet) hat ergeben, daß Jugendliche zu einem Großteil, nämlich zu 61 %, neue Werte (neue Lebensformen finden; aus Sachzwängen ausbrechen; lockerer, spontaner leben; mehr auf andere Menschen eingehen; nicht nur an materielle Dinge denken) akzeptieren. Im Gegensatz dazu werden von 90 % der Erwachsenen die alten Werte (gute Umgangsformen; sparsam sein; Ordnung und Sauberkeit; Pflichtgefühl; Fleiß; mit dem Gegebenen zufrieden sein) geschätzt.
Weiters akzeptieren 29 % der Jugendlichen gegenüber nur 4 % der Älteren nur die neuen Werte und 23 % der Jugendlichen gegenüber 55 % der Älteren nur die alten Werte. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, S.382)

Abb. 1: Quelle: SCHENK-DANZINGER 1993, S. 382

1957 hat Schelsky die westdeutschen Jugendlichen des Nachkriegsjahrzehnts von 1945 bis etwa 1955 analysiert und diese Jugend als skeptische Generation bezeichnet. Schelsky schrieb dieser Generation folgende Eigenschaften zu:

- die soziale Unsicherheit
- ohne den Halt lebensweisender Autoritäten und Vorbilder zu sein
- kritischer, skeptischer, mißtrauischer, glaubens- oder wenigstens illusionsloser als alle Jugendgenerationen vorher zu sein
- tolerant, ohne Pathos, geistig ernüchtert zu sein und Mangel an Enthusiasmus zu haben

Da die Altersspanne dieser skeptischen Generation nicht genau angegeben ist, hat man den Eindruck, daß Schelsky Spätjugendliche beschreibt d. h. jene, bei denen aufgrund der epochalen Ereignisse das Übergangsstadium von der Kindheit ins Erwachsenenalter nicht mit den typisch jugendlichen Rollenmustern ausgefüllt war. Ein Großteil dieser jungen Erwachsenen befaßte sich mit Aufgaben, denen sie sonst in ihrer Jugendzeit nachgegangen wären. (vgl. STIKSRUD 1994, S. 26f)
4.1.2 Der Jugendliche als Marginalperson

Nach Kurt Levin entsteht der zentrale Konflikt des Jugendalters aus der Stellung des Jugendlichen zwischen Kindheit und dem Erwachsenendasein. Durch diese Zwischenstellung wird der Jugendliche zu einem Angehörigen einer Minderheitsgruppe, zu einer Randgruppenperson, d.h. zur Marginal-Person. Die Zwischenstellung (zugleich Grenz- bzw. Randstellung) empfängt von zwei Seiten zusätzliche Belastungen und Unsicherheit:

-Durch den Wechsel vom Kindes- zum Erwachsenenalter gelangt der Jugendliche in einen noch unbekannten Lebensbereich, der für ihn wenig strukturiert und gegenüber dem bisherigen Erfahrungsraum viel stärker ausgeweitet ist.

-Zusätzliche Verwirrung stiften die wesentlichen Veränderungen am eigenen Körper, zumal die Umwelt ebenfalls auf diese körperlichen Veränderungen reagiert. (vgl. OERTER/MONTADA 1995, S. 361)

Da der Jugendliche vom Status her weder Kind noch Erwachsener ist, fühlt er sich mit den Gleichaltrigen, die ja alle den gleichen Status der Randgruppenperson haben, in besonderer Weise verbunden. Dies kann zu einem sehr engen Zusammenschluß der Jugendlichen untereinander führen, denn die Gruppe hilft bei der Überwindung der Übergangsangst, der Unsicherheit und Desorientierung. Die Gruppenzugehörigkeit schafft sozusagen eine Art Ersatzstatus, bis der Erwachsenenstatus erreicht ist. (vgl. NAUDASCHER 1977, S. 55f)

Das Ausmaß des Konfliktes des Jugendlichen als Marginalperson hängt davon ab,

-wie groß die Kluft zwischen Erwachsenenkultur und Kindheit ist und
-wie ausgeprägt die eigene Wahrnehmung des Jugendlichen als Marginalperson ist.

In unserer Gesellschaft ist die Wahrnehmung der Grenzposition bei Jugendlichen unterschiedlich. Die berufstätige Jugend nimmt diese Kluft vermutlich weniger wahr als Schüler und Studenten oder als arbeitslose Jugendliche.

Die angesprochene Marginalisierung führt in letzter Konsequenz zur Entfremdung von der umgebenden Gesellschaft und zur Wahl alternativer Lebensformen. (vgl. OERTER/MONTADA 1995, S. 361)

4.2 Die Rolle der Gleichaltrigen bei der Identitätsfindung

Ziel des Sozialisationsprozesses ist der Aufbau einer stabilen Ich-Identität. Die Ich-Bildung erfolgt durch ein ständiges Sich-Einlassen auf die soziale und kulturelle, die sachliche und räumliche Umwelt - ebenso aber durch Möglichkeiten und Fähigkeiten sich auf sich selbst zu besinnen. Dies kann nicht ohne Hilfe und Anleitung anderer geschehen, die jedoch im Jugendalter anders sein müssen als im Kindesalter.

Gleichaltrige Freunde und Freundesgruppen haben häufig intensiver als Eltern und Lehrer an der Entwicklung und Prüfung der Urteile und Einstellungen, der Meinungen und Verhaltensweisen des einzelnen Jugendlichen Anteil. Für den Jugendlichen bietet die Gruppe der Gleichaltrigen die Chance, soziale Erfahrungen zu machen. Aber vor Gewissenskonflikten, Selbstzweifeln, Ängsten und Unsicherheiten können auch sie ihn nicht bewahren. (vgl. SCHÄFER 1982, S. 85f)
4.2.1 Spezielle Probleme der Identitätsfindung bei Gastarbeiterkindern

Vielen Gastarbeiterkindern wird die Identitätsfindung erheblich erschwert. Dabei macht es wenig Unterschied, ob die Gastarbeiterkinder schon im Gastland geboren wurden oder erst nach einer gewissen Verwurzelung in ihrem kulturellen Milieu ihre Heimat verlassen haben.

Erschwert wird ihnen die Identitätsfindung vor allem aufgrund
- der sprachlichen Schwierigkeiten,
- der fehlenden Akzeptanz durch Alterskameraden,
- den Schul- und Bildungsproblemen
- den unterschiedlichen Wertsystemen des Heimat- und Gastlandes
- der mangelnden Zukunftsperspektiven
- der kulturellen Unterschiede.

4.3. Sexualität im Jugendalter

Die heterosexuellen Beziehungen bauen sich stufenweise auf. Zu Beginn gibt es nur wenig oder gar keinen Kontakt zum andersgeschlechtlichen Jugendlichen. Dann folgt das dating, eine Phase in der Mädchen und Jungen miteinander ausgehen und es zu den ersten Formen des sexuellen Kontaktes, wie Zungenkuß und Brustreizung über die Kleidung (leichtes Petting), kommt. Später gibt es intensivere sexuelle Kontakte. Diese Phase beinhaltet dann Brustreizung unter der Kleidung, manuelle Reizung der Genitalien der Partner und genitale Apposition (wechselseitige Berührung der Geschlechtsteile). Am Ende steht der Koitus mit einem oder mehreren Partnern.

Bei einem Vergleich zwischen Arbeitern und Studenten stellte sich heraus, daß Arbeiter früher mit dem Koitus beginnen. Man muß hier aber auch noch betonen, daß Arbeiter meist früher heiraten als Studenten. (vgl. OERTER/MONTADA 1987, 289f)

Die sexuellen Aktivitäten der Jugendlichen haben sich in den letzten 20 Jahren sukzessive vorverlagert. Laut einer Untersuchung von Clement (1986) waren 60 % der 18jähringen Mädchen und 50 % der 18jährigen Jungen koituserfahren. Im Jahr 1966 lagen die entsprechenden Zahlen bei 11 % für die Mädchen und bei 25 % für die Jungen.

In einer Innsbrucker Erhebung von Mechler aus dem Jahre 1977 wurden Schüler weiterführender Schulen über den Grad ihrer sexuellen Intimität und ihrem Alter bezüglich der Aufnahme verschiedener heterosexueller Kontakte befragt. Das Ergebnis sah folgendermaßen aus:

Etwa die Hälfte der Befragten hatten mit 14 Jahren Kußerfahrung, mit 15 Jahren Erfahrung mit Brustpetting, mit etwa 16 Jahren Erfahrung mit genitalem Petting, bei dem der Junge aktiv ist, mit 17 Jahren Erfahrung mit genitalem Petting, bei dem auch das Mädchen aktiv ist. Fast ein Drittel der Jungen und Mädchen hatten bis 17 Jahren Koitus Erfahrung. Auffallend ist der geringe Unterschied bei den Ergebnissen beider Geschlechter. Offensichtlich handelt es sich bei den Stadien der sexuellen Entwicklung um einen Lernprozeß, bei dem verschiedene sexuelle Kontakte schrittweise eingeübt werden. Im Durchschnitt beträgt die Zeitspanne zwischen der ersten Kußerfahrung bis zum ersten Koitus 4 bis 4,5 Jahre. 5 % der Mädchen und 10 % der Jungen haben Beziehungen zu gleichgeschlechtlichen Jugendlichen angegeben.

Der Beginn der heterosexuellen Beziehungen hängt mit dem Niveau der Schulbildung, also indirekt auch mit der Sozialschicht zusammen. Bestätigt wurde diese Aussage durch eine Untersuchung von Pfeilhofer (1986) an 207 weiblichen Gastgewerbelehrlingen. Im Alter von 14 Jahren hatten bereits mehr als die Hälfte der Mädchen geküßt, 25 % hatten Pettingerfahrung und 6 % Koituserfahrung -gegenüber 3 % der Schülerinnen. Nach dem 15. Lebensjahr nahmen die sexuellen Aktivitäten stark zu. Es wurden zwar dieselben Stadien durchlaufen, aber in sehr viel kürzerer Zeit. Verlief der Prozeß bei Schülerinnen innerhalb von 4 bis 4,5 Jahren so reduzierte sich die Zeitspanne bei den Lehrlingen auf 1 Jahr und 3 Monate.

Auch eine neuere Untersuchung von Gehmacher aus dem Jahre 1981 zeigt, daß die sexuelle Entwicklung am schnellsten bei Berufsschülerinnen, am langsamsten bei AHS-Schülerinnen verläuft

Heterosexuelle Beziehungen sind in dieser Phase des Lernens und Experimentierens die häufigste Ursache für seelische Konflikte, zurückzuführen auch auf die mangelnde Aufklärung durch die Schule und die Eltern. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1993, S. 405f)


5. Jugendreligionen

Religion hat Anteil an einer Wirklichkeitsbewältigung, die von gesellschafltichen Subjekten sinnhaftes Handeln verlangt. In diesen Prozeß ist die Religion eingebettet, sie stiftet Sinn, sowohl auf der Ebene alltäglichen Handelns als auch auf der Ebenen umfassender Deutungssysteme. Sie hat damit Anteil am Aufbau der menschlichen Lebenswelt, ist in den vielfältigen Formen Bestandteil gesellschaftlichen Bewußtseins(Mörth, 1988, S. 207 in Schön, B., 1990, S 44)

5.1.Der Stellenwert organisierter Religion

92 % der lebendgeborenen Kinder werden in Österreich getauft und gehören damit zum überwiegenden Teil den beiden Großkirchen (evangel. und kathol.) an. Der Austritt aus der Kirche wird erst ab einem Alter von 25 Jahren bedeutend, somit gehört ein Großteil der Jugend zumindest formell einer traditionellen Institution an. Die Bedeutung dieser Institution für die Jugend hat das Institut für kirchliche Sozialforschung Wien (IKS) 1986 untersucht und wird im folgenden zusammengefaßt:

Wichtig für ein erfülltes und sinnvolles Leben sehen nur 45 % der Jugendlichen den Glauben an. 1980 zeigten immerhin noch 71 % der Jugendlichen Interesse für diese Thematik.

Eher Mädchen, Schüler und Studierende im Alter von 14 bis 29 Jahren orientieren sich an der Religion als Lebensvollzug.

Von Bedeutung ist auch der Umstand, daß bei steigender Wohnortgröße die Religiosität sinkt, wobei sich die Jugendlichen aus kleineren und mittleren Großstädten nicht von Jugendlichen der Bundeshauptstadt unterscheiden. Mehr als die Hälfte sehen an Gott zu glauben unwichtig für ihr Leben an, während in Gemeinden unter 2000 Einwohnern das Verhältnis genau umgekehrt ist. Dies ist wohl auch darauf zurückzuführen, daß auf dem Lande ein Großteil der organisierten Jugendarbeit von kirchlichen Institutionen durchgeführt wird. (vgl. Janig,H., Schöner Vogel Jugend, S 207 ff)

Nach Langguth, 1983, in Schön, B., 1990, lassen sich zwei gegenläufige Entwicklungen feststellen. Zum einen kommt es zu einer Entfernung von den Institutionen der Kirche, zum anderen erhalten strikteste Ordensgemeinschaften Zulauf.

5.2. Jugendreligionen und deren Bedeutung

Der Ausdruck Jugendreligionen bzw. Jugendsekten ist irreführend, da die Sekten ja nicht auschließlich für Jugendliche gegründet wurden. Wir befassen uns hier nur mit der Bedeutung dieser Gemeinschaften für die Jugendlichen (Anm. d. Verf.)

Auf einen groben Nenner gebracht, beruht die starke Faszination , die Jugendreligionen auf doch viele junge Menschen haben, auf zwei sehr wesentlichen Grundelementen, auf die in unserer normalen Gesellschaft offensichtlich immer mehr vergessen wird, wenn Jugendliche in eine Sekte aussteigen. Diese beiden Grundelemente, das Gemeinschaftsgefühl und eine starke ideologisch-religiöse Zielorientierung, aus der heraus die neue Lebenspraxis legitimiert wird, war in verschiedenen Varianten auch in den traditionellen Jugendbewegungen vorhanden (vlg. Brunmayr und Pölz, 1981, in Janig, H., 1990, S 219)

Jugendliche, die in eine Sekte eintreten, brechen in der Regel Schule oder berufliche Ausbildung ab, leben nur noch in dieser Gruppe, bringen ihr gesamtes Privatvermögen in die Gruppe ein und brechen jeglichen Kontakt zu ihren früheren Bezugspersonen ab (teilweise erfolgt zu diesem Zweck auch eine Verschickung ins Ausland).

Die Folgen sind für die Jugendlichen beträchtlich. Sie geraten in süchtige Abhängigkeit von der Gruppe, sie entwickeln sozial gestörtes Verhalten. Wenn sie aus der Sekte aussteigen, kommen zusätzlich zu den Schwierigkeiten mit der Gesellschaft, welche den Jugendlichen bewogen haben in eine Sekte einzutreten, noch finanzielle Schwierigkeiten, eine unterbrochene Ausbildung, physische und psychische Schäden hinzu. (vgl. Müller-Küppers, 1979, S 30 ff im Referat Pichler/Zehetner, S 10 u. 11).

In einer empirischen Untersuchung des Amtes der O.Ö. Landesregierung für Jugendbetreuung (Brunmayr, 1989 in Schön, B., 1990) wurde festgestellt, daß die Jugendsekten ihren Höhepunkt an gesellschaftlicher Bedeutung Ende der 70iger Jahre hatten.

Dies belegen auch Zahlen von Geyer, 1983 in Janig, H., 1990, S 219, die für die Mun-Sekte einen Mitgliederstand von 300 Mitgliedern mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren in Österreich ausweisen, für die Scientology-Church einen noch geringern Anteil an Jugendlichen, und die Hare-Krischna-Sekte ca. 25 Mitglieder angeben. Die Kinder Gottes sind nach Geyer, s.o., aus Österreich überhaupt verschwunden.

Die allgemein stark abnehmende Bedeutung des Glaubens für den Lebensvollzug der Jugendlichen, wie sie auch die traditionellen Kirchen registrieren, wirkt sich auch auf diese Kirchen aus.


6. Jugendkultur

Von zentraler Bedeutung für die Entstehung von Jugendkultur in den 80er Jahren ist die Veränderung des Verständnisses von Arbeit und Freizeit als ganzeitlichem Lebenszusammenhang.Es erfolgt eine strikte Trennung. Während bei vielen Erwachsenen eher der Arbeitsprozeß als zentrales Lebensereignis gilt, fängt für die Jugendlichen das Leben erst so richtig an, wenn sie das notwendige Übel der Schule oder Arbeit hinter sich gelassen haben
(vgl. Janig, H., 1990, S 235 f).

Der Begriff Jugendkultur umfaßt kulturelle Aktivitäten von Jugendlichen als Massenkultur ebenso wie Aktivitäten in Subkulturen und Gegenkulturen, wobei man mit Subkultur abweichende Einstellungs- und Verhaltensweisen zur Erwachsenenkultur bezeichnet , in der Gegenkultur bewußt opportunistische Normen und Wertesysteme zur bestehenden Kultur der Erwachsenen gesetzt werden. Für welche Kultur sich der Jugendliche entscheidet hängt von der gesellschaftlichen Schicht (Stammkultur) ab, aus der er kommt.

Äußerliche Unterscheidungsmerkmale von Jugendkultur werden heutzutage von einem Industriezweig zum Verkauf angeboten. Diese Industrie greift nicht nur Trends der Jugendlichen auf, sie wird selbst zum Trendsetter. Bestand vor zwanzig Jahren das Anderssein der Jugendlichen im demonstrativen Anti-Konsum und äußerlicher Verwahrlosung (z. B. Hippie-Bewegung Anm. d. Verfassers), so hat die Modeindustrie neue Stilrichtungen kreiert, deren Verbreitung durch spezielle Jugendzeitschriften gefördert wird (vgl. Janig, 1990, S 236 ff). Ein Beispiel dazu findet man im Interview mit einer 16jährigen (Siehe Anhang).

6.1. Erkennungsformen einer Jugendkultur (Stilform)

Nach Ansicht von Brake 1981 in Janig, 1990, S 240, enthält jeder Stil drei Hauptkomponenten:

a) das Image, welches über das äußere Erscheinungsbild vermittelt wird (Frisur,
Schmuck, persönliche Accessoires usw.
b) die Haltung (Körperausdruck, spezifische Bewegungen - Körpersprache)
c) Jargon (spezielles Vokabular eines subkulturellen Stils , z. B. affengeil)

6.2. Einige Stilformen aus den 80er Jahren sind:

o Alternative

Die Alternativen haben sich aus der Hippie- und Studentenbewegung heraus entwickelt. Veränderungen umfassen die gesamte Lebensgestaltung wie Wohngemeinschaften, Bio-Welle, Aufhebung traditioneller Mann-Frau-Rolle, Enttabuisierung von Homosexualität usw.

o Punks

Mitglieder der Punks kommen in erster Linie aus der Unterschicht. Punk ist bei den arbeitslosen Jugendlichen der Großstädte in den 70er Jahren entstanden. Punk ist gleichzusetzen mit Armut, Bezugslosigkeit und bewußt eingesetzter Häßlichkeit als Provokationsmittel.

o Rocker

Es handelt sich hier um den langlebigsten Stil der Nachkriegsjugend. Die Mitglieder rekrutieren sich aus der Arbeiterschicht und organisieren sich hierarchisch. Es handelt sich vorwiegend um männliche Jugendliche, Frauen sind nur dazu da, um sich unterzuordnen und beschützt zu werden. Wichtig ist eine Maschin, mit der auch Ausflüge und Treffen organisiert werden, Leder- und Jeansjacken mit Nieten, usw.

o Popper und Prolos

Die Poppers stammen aus gutem Hause und grenzen sich durch ihre besonders korrekte Kleidung, höfliche, überangepaßte Umgangsformen und manirierte Ausdrucksform von anderen Jugendstilen ab, besonders von jenen der Prolos, welche aus der Arbeiterschicht kommen.

Obwohl immer noch Vertreter o. a. Stilformen zu finden sind, scheint es jedoch, als hätten diese Stile mit ihren festen Gruppenstrukturierungen, Abgrenzungsverhalten und schichtspezifischer Homogenität bereits ihren Höhepunkt überschritten und würden durch Jugendgruppen ersetzt, deren größter Inhalt das Erleben von Spaß (Fun) ist.

o Funsters

Es werden soziale Grenzüberschreitungen und solidarische Handlungsformen zwischen den Szenen möglich. Diese Jugendlichen sind überall dort anzutreffen, wo etwas los ist. Das Suchen von lustvollen Erlebnissen steht im Vordergrund, zugleich wird das Interesse an gesamtgesellschaftlichen und gesellschaftspolitischen Themen in den Hintergrund gedrängt.

Die oben angeführten Stilrichtungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit (z. B. Raver, Rapper, aus den 90igern, usw.), eines haben aber alle gemeinsam: Die in den Gruppen hochgehaltenen Werte werden beibehalten und, obwohl die Mitglieder nur eine Minderheit der gesamten Jugend darstellen, werden diese Normen in der Gesellschaft verbreitet und so beeinflussen sie die gesamte Gesellschaft. Ein Beispiel dafür ist das Wort geil, welches inzwischen schon plakatfähig geworden ist (Anm. d. Verfassers). Unterstützt bei der Verbreitung werden die Jugendlichen von sogenannten ewig junggebliebenen Erwachsenen, die Bekleidung, Verhalten und Sprache der Jugendlichen übernehmen, um in zu sein. Es hat sich also eine Umkehrung des Lernprozessrichtung ergeben. Es lernt nicht mehr die junge Generation von der älteren, sondern umgekehrt. (vgl. Janig, H, 1990, S 240 ff)


7. Die Gleichaltrigengruppe (Peer-Group)

Die Gruppe der Gleichaltrigen war schon immer und in den verschiedensten Kulturen von großer Bedeutung. So ist uns aus dem alten Sparta bekannt, daß die Kinder bereits mit 6 Jahren in eine staatlich gelenkte Gruppe kamen, wo sie bis zu einem Alter von 30 Jahren verblieben sind. Im alten Athen wurde die Gruppe nicht so streng geführt, es wurden die demokratischen Anregungen der jungen Leute angenommen, aber auch sie konnten den Erwachsenenstatus nicht errreichen, ohne nicht zumindest im Alter von 18 bis 20 Jahren einer Gleichaltrigengruppe anzugehören.

In der Sowjetunion wurde die Gleichaltrigengruppe bewußt genutzt, um die Disziplin in der Klasse herzustellen. Dies geschah aber auf Kosten der Privatsphäre der Familie, welche Mitteilungen über das Verhalten des Kindes zu Hause machen mußte und im Zweifelsfall einen staatlichen Beobachter beigestellt bekommen hatte. Im israelischen Kibutz ersetzen die Gleichaltrigen erfolgreich wichtige Funktionen der Familie. Die Kinder kommen dort vom Tag der Geburt an hin und werden von ihren Eltern nur zwei Stunden täglich besucht. Wichtige Faktoren der Identitätsfindung übernimmt die Gleichaltrigengruppe. Aber auch in unserer Kultur wird bei Kindern, welche in Familien aufwachsen, die Freundesgruppe mit zunehmendem Alter wichtiger.

Der Ausdruck Peer-Group, welchem unsere Übersetzung mit Gleichaltrigengruppe nicht vollständig gerecht wird, stammt aus der amerikanischen Forschung. Die Beschäftigung der Amerikaner mit diesem Thema wird verständlich, wenn man bedenkt, daß die Einwohner der USA in erster Linie Immigranten sind, die damit beschäftigt waren, sich dem neuen Land anzupassen, und daher ihren Jugendlichen keine Richtlinien für das Leben in der neuen Umgebung mitgeben konnten. Daraus leitet Eisenstadt in Naudascher, 1977 S 14 f, ab, daß in bestimmten Gesellschaftsformen die Gleichaltrigengruppe für die Entwicklung des Menschen eine wichtigere Rolle hat als in anderen.

Kriterien für die Möglichkeit der Erziehungswirksamkeit der Gleichaltrigengruppe sind:

1. Die Familie ist keine autonome Einheit.

2. Die Familie erfüllt keine wichtigen politischen und wirtschaftlichen Aufgaben.

3. Die Familie repräsentiert nicht alle, oder zum Teil andere Werte als die Gesellschaft.

4. Die Familie vermag nicht mehr alle Rollen, die vom Erwachsenen gebraucht werden, zu
vermitteln.

7. 1. Bedeutung der Gleichaltrigengruppe für die Jugendlichen

Während der schwierigen Zeit der Unsicherheit, der Ablehnung der Werte und Normen der Eltern bietet die Gleichaltrigengruppe für die Jugendlichen eine wertvolle Hilfe. Die erste Funktion ist eine Emanzipationshilfe. Die Gruppe mit ihren spezifischen Moden, Sprach- und Verhaltensformen, Werten und Normen bildet ein neues Bezugssystem und füllt damit die Lücke, die durch das In-Frage-Stellen der elterlichen Richtlinien entsteht.Die Jugendlichen können in der Gruppe

o Schuldgefühle, die durch das Zurückweisen der Eltern entstehen, kompensieren, da ja auch die anderen dies tun wollen.

o Sicherheit und Geborgenheit durch die Unterwerfung unter die Normen der Gruppe gewinnen

o Dokumentation der Eigenständigkeit durch Distanzieren von den Erwachsenen, indem das äußeren Erscheinungsbild der Gruppe angenommen wird.

o Stärkere Argumentation gegenüber den Eltern: Alle tun es, Alle haben es.

o In der Gruppe kann der Jugendliche die sozialen Interaktionen üben, wie Wettbewerb, Zusammenarbeit, Unter- und Überordnung, welche auch später in der Erwachsenenwelt wichtig sind.

o Die Jugendlichen können in der Gruppe jenen Status und jenes Prestige erlangen, welches ihnen in der Erwachsenenwelt verwehrt wird.

(vgl. Schenk-Danzinger, 1993, S 401)

7.2. Kennzeichen der Peer-Gruppen (nach De Wit und Van der Ver, 1982, S 77 in Schön, B., 1990, S13)

1. gemeinsame Normen und Wertvorstellungen,
2. einen spezifischen Sprachgebrauch hinsichtlich dessen, was für die Beteiligten bedeutsam
ist.
3. eine bestimmte Art des Auftretens, bestimmte Umgangsformen,
4. eine gemeinsame Erwartung bezüglich des Aussehens der Beteiligten,
5. das Gefühl des Dazugehörens, was die Teilnehmer veranlaßt, von wir zu sprechen,
6. eine Rangfolge sozialer Positionen und dazugehöriger Unterschiede im sozialen Status,
7. Möglichkeiten, um spezifischen Bedüfnissen zu genügen, die in der vorherrschenden
Kultur nicht ausreichend vorhanden sind.

Die Peer-Gruppe besteht und wirkt auf drei Ebenen:

o als große Gemeinschaft mit gleichen Interessen, Vorlieben, zum Teil auch Werthaltungen, die
einen bestimmten gemeinsamen Lebensstil nahelegen,

o als konkrete Gruppe, der ein Jugendlicher angehört oder angehören möchte und

o als Freundschaft mit spezifischen Bindungserfahrungen (Oerter & Montada, 1987).

Zwei typische Arten dieser Zusammenschlüsse finden hauptsächlich in der Literatur Beachtung: Cliquen und Crowds, deren Unterscheidung in erster Linie in der Größe liegt. Cliques are generally smaler than crowds, ranging from between two to nine members, with the usual number being around five (Coleman, 1980, in Schön, B., 1990)

7.3. Die Cliquen

A clique comes into existence when two ore more persons are related to one another in an intimate fellowship that involves going places and doing things together, a mutual exchange of ideas, and the acceptance of each personality by the other. Cliques tend to be of a closed nature, that is they are not readily open to outsider, and their formation results either from school or recreational activities.L (Coleman, 1980 in Schön, B., 1990).

Cliquen bilden sich unter den Schülern einer Klasse, unter den Jugenldichen eines Wohnblocks oder einer Straße aber auch unter den Mitgliederen eines Vereins oder Clubs.

Die Jugendlichen nehmen gemeinsam an Parties und Ausflügen teil, besuchen sportliche oder musikalische Veranstaltungen, Diskotheken, Tanzlokale, Café- und Gasthäuser. Die Eltern werden als Freizeitpartner abgelöst. Die Cliquenbindung hat mit 14 bis 16 Jahren ihren Höhepunkt erreicht. In zunehmenden Alter wird sie selbst von einem besten Freund oder einer festen Freundin abgelöst.(Vgl. Schenk-Danzinger, 1993, S 403 f)


Quelle: Schenk-Danzinger, L., Entwicklungspsychologie, 1993, Seite 404

7.4. Jugendbanden

In einer Jugendbande dominieren die Merkmale der Vorpubertät, das sind: ausgeprägte Führer-Gefolgschaft-Struktur mit deutlicher Statushierarchie, körperliche Überlegenheit als besonderes Merkmal des Führers, starke Gruppensolidarität und
-loyalität, Verschwiegenheitsverpflichtung, starkes Bedürfnis nach Abenteuern und Ziele, die diese Bedürfnisse befriedigen sollen. Ihre Ideologie weicht von der Norm ab. Die Gruppe ist immer eingeschlechtlich. Die meisten jugendlichen Delinquenten finden im Erwachsenenalter, sobald sie sich selbst erhalten können, wieder in die Gesellschaft zurück, sofern sie nicht durch Haftstrafen und daraus folgender Arbeitslosigkeit daran gehindert werden. (vgl. Schenk-Danzinger, 1993, S 418 f)


GLOSSAR

BANDE
Die jugendliche Bande zeit Merkmale der Vorpubertät, wie Verständigung durch Codes und Gemeinzeichen

CLIQUE
Eine kleine intime Gruppe, die durch gemeinsame Interessen, persönliche Freundschaften und gegenseitige Zuneigung, gleichen Geschmack sowie meist gleiche Schichtzugehörigkeit verbunden ist und in der jeder um seiner selbst Willen akzeptiert wird.

DATING
Treffen, um miteinander auszugehen.

GENITALE APPOSITION
wechselseitiges Berühren der Geschlechtsteile der Partner

HETEROSEXUELL
auf das andere Geschlecht gerichtet, zum anderen Geschlecht hingezogen.

JUGENDKULTUR
Die Jugendklutur begnügt sich nicht mit symbolischne Medien Sprache, Bekleidung, Musik, Ausdruccksgestus, eetc., sie sucht auch nach Sozialräumen, in denen sie, wenn auch nur teilweise, existiert.

JUGENDSTIL
Jugendstil ist eine besondere Form der Jugendkultur und durch gruppeneigene Merkmale auf eine ganz spezifische Gruppe bezogen.

KOITUS
Beishclaf, Geschlechtsverkehr

PETTING
manuelle Reizung der Brust oder Genitalien der Partner.

SUBKULTUR
Generell spricht man von Subkultur, wenn
o ein Orientierungs- öund Normsystem vorhanden ist, das sich von der Gesamtkultur abhebt,
o ein von der Gesamtkultur abweichender Lebensstil existiert,
o ein Sozialsystem vorhanden ist, das die Normen und den Lebensstil erzeugt und trägt.


LITERATURVERZEICHNIS

DE WIT, J. 6 VAN DER VEER, G (1982).Psychologie des Jugendalters. Donauwörth:Auer Verlag

JANIG, H.(Hrsg.) (1990), Schöner Vogel Jugend, München: Kösel Verlag

JANKE, K./NIEHUES S. (1995) Echt abgedreht, Die Jugend der 90er Jahre, Augsburg:Presse-Druck und Verlags Gmbh.

MÖNKS F./KNOBERS . (1976), Entwicklungspsychologie. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer

NAUDASCHER, B.I.(1977). Die Gleichaltrigen als Erzieher. Bad Heilbronn:Klinkhardt Verlag.

OERTER, R & MONTADA, L. (1995). Entwicklungspsychologie. München Wien: Urban & Schwarzen berg

SCHÄFER, B., (1982): Soziologie des Jugendalters, Opladen: Leske und Budrich

SCHENK-DANZINGER, L., (1993). Entwicklungspsychologie. Wien: Österreichischer Bundesverlag

SCHENK-DANZINGER, L., (1988). Entwicklung, Sozialisation, Erziehung,. Wien: Österreichischer Bundesverlag

SCHÖN, B., (1990), Jugendliche und ihre Problemwelt: Sozialer Kontext und Bewältigungsstrategien. Diplomarbeit an der Universität Linz


© ThomasSchmierer & RenateWeilnböck