Johannes Kepler Universität Linz

Seminar aus Erziehungswissenschaft: Entwicklung im Jugendalter

Leiter: Ass. Prof. Dr. Werner Stangl

© Werner Stangl, Linz 1997.
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Thema 7:
JUGENDLICHE UND FAMILIE

Seminar aus Erziehungswissenschaft:

Entwicklung im Jugendalter

LV-Leiter: Dr. Stangl Werner
Sommersemester 1996

Referenten:
Oberbichler & Spindler

Donnerstag, 20. Juni 1996



INHALTSVERZEICHNIS:

1. Einleitung
2. FAMILIE ALS INSTITUTION
2.1 Der Familienzyklus der modernen Familie
2.2 Hauptfunktionen für die gegenwärtige Kernfamilie
2.3 FAMILIENBEZIEHUNGEN
2.3.1 Entwicklungsaufgaben des Jugendlichen
2.3.2 Entwicklungsaufgabe der Familie
3. FAMILIENKONSTELLATION/ -TYPEN
3.1 KLEINFAMILIE

3.2 Adoptierte Kinder und ihre Eltern
3.3 Scheidung - Ein-Elternteil-Familien
4. Erziehungsstile
4.1 Auswirkungen von Erziehungsstilen
4.2 EINFLUßFAKTOREN auf die ERZIEHUNG
5. Beziehungen zwischen Individuum, Familie und Peers
5.2 Unterschiede zwischen dem Einfluß der Altersgenossen und dem der Eltern
6. Satellitenbeziehungen
7. Selbständigkeitsstreben in der Vorpubertät
7.1 Selbständigkeitsstreben bei Buben
7.2 Selbständigkeitsstreben bei Mädchen
8. Ablösung aus der Familie
8.1 Außenorientierung und Reifungsprozeß
8.2 Familienstruktur
8.3 Loslösung und Rückbindung
8.4 Räumliche Trennung
8.5 Psychoanalytische Sichtweise
8.6 Rollentheoretische Ansatz
8.6.1 Lernprozesse
9. Generationenkonflikt
10. Die Theorie der Individuation
11. Freizeitverhalten Jugendlicher
GLOSSAR
Literatur



1. Einleitung:

Die Familie ist kein Gebilde einiger miteinander verwandter Menschen unterschiedlichen Alters, sondern ein ganz besonderes, spezifisch menschliches Sozialgefüge, das bis heute trotz Werteverlust unersetzbar geblieben ist. Jede Beziehung zu anderen Menschen umfaßt Höhen und Tiefen. In einer gesunden Familie muß jedes Familienmitglied seine Funktion erfüllen und zugleich diese auf die Gegebenheiten der anderen abstimmen.

Bevor wir mit dem Verhalten und Erleben von Personen in Beziehung zu ihrer Familie sprechen, kommen wir um eine Definition, was Familie eigentlich heißen soll, nicht herum. Grundsätzlich kann man sich auch am traditionell rechtlichen Familienbegriff orientieren, "d.h. eine Familie entsteht dann, wenn zwei Generationen durch biologisch oder rechtlichen, d.h. durch Adoption begründete Elternschaft miteinander verbunden werden und wenn eine legalisierte Klärung des Sorgerechts für die nachwachsende Generation erfolgt ist." (SCHNEEWIND 1991, S. 16)
Im Vergleich zum eher engen rechtlichen bzw. gesellschaftlichen Familienbegriff umfaßt der am Verwandtschaftprinzip orientierte geneaologische Familienbegriff eine größere Vielfalt von Familienformen wie z.B. kinderlose Ehepaare oder zusammenlebende Geschwister. Eine ausschließliche Orientierung an diesen beiden Formen würde eine Ausgrenzung einer Reihe anderer familiärer Lebensfomren mit sich bringen. Als Ausgangspunkt hierzu eignet sich das Prinzip des gemeinsamen Lebensvollzuges, welches sich durch vier Kriterien kennzeichnet läßt: (vgl. OERTER & MONTADA 1987, S. 973)

Abgrenzung: Zusammenschluß von zwei oder mehr Personen, die in Abhebung von
anderen ihr Leben nach bestimmten Kriterien in wechselseitiger Bezogenheit gestalten;
Privatheit:
Verwirklichung von intimen interpersonalen Beziehungen ermöglicht;
Nähe:
Realisierung von physischer, geistiger und emotionaler Intimität in der Beziehung;
Dauerhaftigkeit:
wechselseitge Verpflichtung, Bindung und Zielorientierung auf
längerfristige Gemeinsamkeit anzulegen.


2. FAMILIE ALS INSTITUTION:

Grundsätzlich können wir durch die Struktur und Funktionserfüllung unterschiedliche Familien definieren. Laut Rüfner (1988) ist Familie gegenüber nichtehelichen Lebengemeinschaften mit Kindern rechtlich privilegiert, indem er erklärt, daß die Familie i.S. des Grundgesetzes nicht jede beliebige Gruppe ist, die sich zu einer familienähnlichen Gemeinschaft zusammentut, sondern die Gemeinschaft von Eltern und ihren Kindern - Kleinfamilie. (vgl. SCHNEEWIND 1991, S. 28ff)

2.1 Der Familienzyklus der modernen Familie:
Familie kann nicht als statische Lebensform, sondern muß als dynamischer Phasenablauf betrachtet werden. Dieser Phasenverlauf wird sich zwar von Familie zu Familie etwas unterscheiden, verläuft jedoch idealtypisch von der Eheschließung bis zum Tod in folgender Weise: (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 16f)

Die Beziehung der Jugendlichen zur Familie ist eine andere als die des Kindes. Die engen emotional gefärbten Beziehungen lockern sich allmählich und führen schließlich zur Ablösung. Die Beziehung kann als ambivalent bezeichnet werden: sie reicht von Übereinstimmungen in den Bereichen von Normen und Werten auf der einen Seite, bis hin zur Entfremdung auf der anderen. (vgl. SCHURIAN 1989, S. 114)

Menschliche Beziehungssysteme sind in ihrer Allgemeinheit auf alle Arten von Beziehungen anwendbar, die sich zwischen Personen ergeben können. Wie aber unterscheiden sich nun familiäre Beziehungssysteme von anderen Beziehungssystemen? Familiäre und quasi-familiäre Lebensformen lassen sich einem Typ menschlicher Gemeinschaftlichkeit zuordnen, der gewöhnlich als Primärgruppe bezeichnet wird. Die durch enges Zusammenleben und enge Zusammenarbeit gekennzeichneten Primärgruppen existieren nicht zweck- oder ziellos, sondern erfüllen eine Vielfalt von miteinander verschränkten Funktionen, die sowohl der individuellen als auch der gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung dienen. (vgl. SCHNEEWIND 1991, S. 51ff)

2.2 Hauptfunktionen für die gegenwärtige Kernfamilie:
(vgl. SCHNEEWIND 1991, S. 55f)

Zahlreiche gesellschaftliche Veränderungen der letzten 100 Jahre haben zu einem Funktionswandel der Familie geführt. Die Familie hat manche ihrer früheren Aufgaben, wie die der Produktion von Gütern fast vollständig verloren, jedoch neue Aufgaben, vor allem im emotionalen Bereich, übernommen:
1.
Reproduktionsfunktion: Zeugung von Nachkommen, die zum einem auf der individuellen Ebene zur Befriedigung von sexuellen Bedürfnissen und auf der gesellschaftlichen Ebene zur Sicherung des Personenstandes führt.
2.
Existenzsicherungs- und Produktionsfunktion: Dazu zählen die Befriedigung individuell physischer und psychischer Bedürfnisse, wie Ernährung, Schutz, Gesundheit. Auf gesellschaftlicher Ebene ist dies eine Voraussetzung für die Verfügbarkeit der einzelnen Person. In der Regel übernimmt somit die Familie die Funktion als Produktions- und Konsumgemeinschaft.
3.
Regenerationsfunktion: Kann durch individuelle und gemeinschaftliche Freizeitgestaltung zu einer Kräfteerneuerung und Selbstverwirklichung führen kann.
4.
Sozialisations- und Erziehungsfunktion: bringt für den einzelnen den Erwerb einer Fülle von Kompetenzen und aus gesellschaftlicher Sicht die Möglichkeit zur Nutzung dieser für Zwecke der Gemeinschaft.
5.
Placierungsfunktion: Aufgabe ist die Verwirklichung von Bildungs- und Berufsinteressen und in gesellschaftlicher Sicht die Erhaltung eines konkurrenzfähigen Bestandes an Arbeitskräften.
2.3 FAMILIENBEZIEHUNGEN:

Die Bedeutung der Herkunftsfamilie verschiebt sich im Jugendalter in der Art, daß ihre in der Kindheitsphase noch ungebrochene Funktion als universaler Umweltvermittler und umfassendes soziales Beziehungsnetz abgebaut wird und der Jugendliche versucht, sich von der Herkunfstfamilie abzulösen. Die Sozialisationsentwicklung der Familie ist abhängig von der Position der Familie in ihrem ökologischen und ökonomischen Umfeld.

Die Eltern fungieren als Umweltvermittler, indem sie aktuelle Erfahrungen in die Erziehung miteinbringen. In welcher Form dies forciert wird, hängt vor allem vom Erziehungsstil der Eltern, von der Ehepartnerbeziehung und vom Familienklima ab. Untersuchungen zeigen, daß es trotz sozialstruktureller Differenzierungsprozesse auch heute noch zu einer Bündelung ungünstiger Lebensbedingungen bei sozialen Unterschichten kommt, wie etwa in Familien von ungelernten Arbeitern oder Erwerbslosen. Die Familie übt dort erhebliche Sozialisationseinflüsse aus, wo es um die Bewältigung von Anforderungen beim Schulbesuch, die Planung der beruflichen Laufbahn und die Entfaltung des Wert- und Normensystems geht. (vgl. MANSEL & HURRELMANN 1991, S. 12f)

2.3.1 Entwicklungsaufgaben des Jugendlichen:

Die Jugendzeit ist in den letzten Jahrzehnten deutlich länger geworden. Dafür können zwei Ursachen angeführt werden, zum einen die Pubertät, die zunehmend früher einsetzt und zum anderen die verlängerten Ausbildungs- und Trainingszeiten für die berufliche Vorbereitung. Familie mit Jugendlichen werden häufig als Familie im Übergang beschrieben. Jugendliche sind mit neuen Lebenswelten konfrontiert, ohne jedoch die alten zu verlassen. (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 194ff)

In den 50er Jahren entwickelte bereits Havighurst (1982) Entwicklungsaufgaben, die den unterschiedlichen Alterstufen zugeordnet sind und von den Angehörigen dieser Altersstufe auch bewältigt werden sollen. Die erfolgreiche Bewältigung führt zum Erfolg bei späteren Aufgaben; Versagen jedoch zu persönlicher Unzufriedenheit des Jugendlichen und zu Ablehnung durch die Gesellschaft. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1991, S 356)

Folgende Liste zeigt die Entwicklungsaufgaben, die Havighurst der Adoleszenz zugeschrieben hat: (vgl. SCHENK-DANZINGER 1991, S. 357)

Im Jahr 1985 sind 210 weibliche und 230 männliche Jugendliche zwischen 15 und 18 befragt worden, ob diese Entwicklungsaufgaben von Havighurst noch Bedeutung haben und sollten deshalb die Wichtigkeit dieser Entwicklungsaufgaben auf einer vierstufigen Ratingskala schätzen. Im folgenden soll ein Überblick über die Einschätzung der Bedeutsamkeit von Entwicklungsaufgaben gegeben werden. (vgl. Dreher & Dreher, 1985a. S. 63 in HOFER 1992, S. 195)

Als die wichtigsten Aufgaben des Jugendlichen bezeichnet er die Vorbereitung auf eine berufliche Karriere, Über sich selbst im Bilde sein sowie Aufbau von Beziehungen zu Altersgleichen. Jugendliche müssen zu unterschiedlichen Zeitpunkten eine Vielzahl von Aufgaben bewältigen können, wobei ihnen Eltern und Gleichaltrige als Stütze dienen. Die Gewichtung ist bei Jungen teilweise etwas anders als bei Mädchen und verschiebt sich im Laufe des Jugendalters. Die Untersuchungen von Dreher und Dreher (1985) haben gezeigt, daß mit zunehmenden Alter des Jugendlichen ein signifikantes Abweichen der Bedeutung von Aufbau von Beziehungen zu Gleichaltrigen und Ablösung von den Eltern zu verzeichnen ist. (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 196)

2.3.2 Entwicklungsaufgabe der Familie:

Durch die intensive Beschäftigung mit der eigenen Identität und dem Autonomiestreben des Jugendlichen ist eine Neuorientierung der Beziehungen zwischen Eltern und Jugendlichen erforderlich. Eltern müssen sich mit dem Anspruch auf zusätzliche Freiheit des Jugendlichen auseinandersetzen und ihre eigene neue gewonnene Freizeit neu strukturieren. Durch diese neue Situation können die emotionalen Beziehungen innerhalb der Familie auf die Probe gestellt werden. Das Ausbalancieren von mehr Freiheiten und Verantwortlichkeiten für Jugendliche stellt neben der Aufrechterhaltung der familiären Stützungsfunktion eine zentrale Entwicklungsaufgabe von Familien mit Jugendlichen dar. Auch wenn sich die Jugendlichen zunehmend von der Familie innerlich ablösen, ihre Freizeitaktivitäten verselbständigen und dadurch die Familie ihren Charakter als primäre Bezugsgruppe einbüßt, bleibt sie dennoch eine Stütze für den Jugendlichen. Vor allem für Jugendliche, die in finanzieller und materieller Hinsicht von den Eltern versorgt werden, besteht weiterhin ein Abhängigkeitsverhältnis zur Herkunftsfamilie. Die Qualität der Beziehung zu den Eltern ist auch ausschlaggebend dafür, ob sich die Jugendlichen mit ihren spezifischen Problemen an ihre Eltern wenden können. (vgl. MANSEL & HURRELMANN 1991, S. 146)


3. FAMILIENKONSTELLATION/ -TYPEN

3.1 KLEINFAMILIE:
Untersuchungen haben gezeigt, daß die Familie als Wohn- und Lebensgemeinschaft von Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten durchschnittlich kleiner geworden ist. Die typische Kleinfamilie stellt eine zeitlich begrenzte Lebensgemeinschaft von Eltern und ihren Kindern dar. Da nur wenige Personen zur Familie zählen, bindet sie eine tiefe emotionale Bindung, die häufig auch dann fortbesteht, wenn sich die Jugendlichen bereits räumlich abgelöst haben.
Insgesamt ist der Familie im Jugendalter nur noch eine Teilfunktion bei den Erziehungs- und Kontrollaufgaben geblieben. Frühere autoritäre Erziehungsstile verlieren zunehmend an Bedeutung, während die Bereitschaft zur gegenseitigen Toleranz zunimmt. (vgl. MANSEL & HURRELMANN 1991, S 12ff)

3.2 Adoptierte Kinder und ihre Eltern: (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 250ff)

Unfreiwillige Kinderlosigkeit von Ehepaaren ist der weitaus häufigste Anlaß für eine Adoption eines Kindes. Diese Erfahrung der eigenen Unfruchtbarkeit trifft die meisten Paare völlig unvorbereitet. Minderwertigkeits- und Schuld- bzw. Schamgefühle sind die Reaktionen darauf. Die Entscheidung für eine Adoption ist nicht selten von starken inneren Kämpfen begleitet, denn die Besorgnis, keine echte Beziehung zum Kind aufbauen zu können, und daß vielleicht das biologische Erbe des Kindes spätere Probleme bringen könnte, zusätzlich Vorbehalte auf Seiten der Verwandten und Bekannten gegenüber einer Adoption, stehen im Vordergrund der Betroffenen.
Für adoptierte Jugendliche ist der Prozeß der Identitätsfindung kritischer als bei Gleichaltrigen, weil sie Informationen über ihre wirkliche Herkunft verarbeiten und die Entscheidung der leiblichen Mutter respektieren müssen. Für die Eltern-Kind-Beziehung birgt diese doppelte Elternschaft Konfliktpotentiale, da die in der Adoleszenz auftretenden Spannungen von den Beteiligten auf adoptionsspezifische Bedingungen zurückgeführt werden. Adoptivkinder werten bei Konfliktsituationen ihre Adoptiveltern ab, wenden sich ihren leiblichen Eltern zu, die in ihrer Phantasie idealisiert werden. Schließlich werden dadurch die Adoptiveltern mit der Unsicherheit und mit des Ängsten konfrontiert, als Eltern versagt zu haben. Jedoch ein aktives Bemühen um einen Kontakt mit den leiblichen Angehörigen setzt eher im Erwachsenenalter ein. Jugendliche, die sich jedoch vermehrt um den Kontakt bemühen, zeichnen sich durch geringes Selbstwertgefühl und starken Identitätsproblemen aus. Der Großteil der Adoptierten haben jedoch wenig Interesse an ihrer Herkunftsfamilie, weil sie eine exklusive Bindung an ihre Adoptiveltern entwickelt haben.

3.3 Scheidung - Ein-Elternteil-Familien: (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 266ff)
In den letzten Jahrzehnten hat die Scheidungsrate ständig zugenommen. Es wird bereits geschätzt, daß in den nächsten Jahren nur etwa die Hälfte aller Kinder bei ihren beiden leiblichen Eltern aufwachsen werden. Durch die Industrialisierung und den damit verbundenen Wertewandel sind einerseits Chancen und Freiheiten für alle Personen verbunden. Durch den Wegfall sozial-normativer Rahmenbedingungen und durch eine ungünstige rechtliche und arbeitsmarktpolitische Situation hat die Institution Ehe an Wichtigkeit eingebüßt.
Eltern fühlen sich zunehmend von der Aufgabe, Kinder kompetent zu erziehen und zugleich beruflich erfolgreich zu sein, überfordert.
Wie reagieren Jugendliche auf die Scheidung ihrer Eltern? Nach einer Konsolidierungsphase scheinen nicht wenige von einem Leben im Ein-Elternteil-Haushalt zu profitieren, indem ihnen von alleinerziehenden Eltern mehr Verantwortung und Selbständigkeit zuerkannt werden. Diesem Anspruch können alleinerziehende Eltern nicht immer gerecht werden. Jugendliche scheinen bereits in der Lage zu sein, die familiären Probleme losgelöst von ihrer eigenen Person zu sehen und die Scheidung als Folge der veränderten Gefühle der Eltern zu verstehen.

Jugendliche in der Ein-Elternteil-Familie müssen vorerst den Verlust einer ihnen nahestehenden Person verarbeiten. Schwierigkeiten im schulischen Alltag ergeben sich häufiger bei Jugendlichen alleinerziehender Eltern als bei jenen, die mit ihrer Herkunftsfamilie zusammenleben. Jugendliche, die einen Elternteil verloren haben, müssen häufiger eine Schulklasse wiederholen als Jugendliche lediger Eltern.
Die Beziehungsqualität innerhalb der Ein-Elternteil-Familie ist nicht einheitlich. Spannungen zwischen Eltern und Jugendlichen treten häufiger bei Scheidungsfamilien auf als bei verwitweten Eltern. Dennoch ist das Interaktionsverhalten von alleinerziehenden und verheirateten Eltern nicht grundsätzlich verschieden. Äußere Bedingungen und Umweltfaktoren (berufliche Belastungen) wirken jedoch unterschiedlich auf Umgang und Erziehung der Familien ein. Gerade wegen dieser Bedingungen entwickeln meist Ein-Elternteil-Familien ihren eigenen Erziehungsstil > autoritatives Elternverhalten, d.h. klare Verhaltenserwartungen und Kontrolle mit Wärme und Offenheit verbindet die Beziehung zwischen Elternteil und Jugendlichen. Autonomieforderungen seitens der alleinerziehenden Eltern sollen auch eine wichtige Bedingung sein, damit der Jugendliche ein eigenverantwortliches Verhalten ausbildet.
Laut Studien zeigen sich Variationen in Abhängigkeit von der Art der Ein-Elternteil-Situation und dem Geschlecht des Kindes: Belastungen bei geschiedenen Kindern sind höher, während bei ledigen Kinder diese kaum sichtbar sind. Trennungserlebnisse, fortdauernde Konflikte der Ex-Partner können dafür ausschlaggebend sein. Gleichzeitig ist aber auch sichtbar, daß kleinere Jungs allgemein verletzlicher sind, während die Gefährdung bei Mädchen erst mit der Pubertät steigt.


4. Erziehungsstile:

Jugendliche schlagen sich mit Erziehungsstilen herum, die Ausdruck normativer Konflikte sind. Das Autonomiestreben bei der Persönlichkeitsentwicklung des Jugendlichen verursacht Konflikte, die heute in den Familien vorherrschen. Niemand ist ohne soziale Beziehungen. Aber in diesen Beziehungen muß nicht immer Förderliches vermittelt werden. Auch Ausbeutung ist eine Beziehung.
Ein unvollständiges Elternhaus (broken home) hat gegenüber Jugendliche schädliche Auswirkungen. Vor allem kommt es nicht auf die organisatorischen, sondern auf die psychologischen Brüche in der Familie an. Es ist notwendig zu wissen, was in den Familien passiert. Dies hat unter dem Stichwort 'Erziehungsstile' schon lange Zeit Aufmerksamkeit erregt. (vgl. SCHMIDTCHEN 1993, S. 79) Deshalb ist der elterliche Erziehungsstil eine wichtige Entwicklungsbedingung.
Damit gemeint ist ein "typisiertes und relativ stabiles Erziehungsverhalten, hinter dem bestimmte Erziehungseinstellungen und Persönlichkeitsmerkmale der Eltern stehen". (OERTER 1987, S. 94) Zwei Faktoren für die Selbständigkeitsentwicklung des Jugendlichen sind von Bedeutung: vor allem das Bedürfnis des Kindes nach Wärme und Zuneigung und zum anderen Autonomie. (vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 95ff)

Folgende Kategorien von Erziehungsstilen lassen sich unterscheiden:
* autokratischer Erziehungsstil:
Der Erwachsene übt gegenüber dem Jugendlichen Autorität aus. Die Meinung wie die Eigeninitiative des Jugendlichen sind nicht gefragt.
(vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 95)
* autoritärer Erziehungsstil:
Der Jugendliche wird durch die Eltern stark kontrolliert, um die elterliche Autorität zu wahren. Außerdem zeigen die Eltern wenig liebevolle Zuwendung.
(vgl. OERTER & MONTADA 1987, S. 95)
* demokratischer Erziehungsstil:
Die Eltern erkennen ihren Jugendlichen als einen ernstzunehmenden Gesprächspartner an, jedoch die Hilfestellung durch die Eltern ist unerläßlich. Die Erwachsenen werden durch gemeinsame Kommunikation versuchen, die gesetzten Grenzen auszudiskutieren bzw. das Warum zu klären. (vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 96)
Einerseits werden klare Regeln und Anforderungen an den Jugendlichen herangetragen, andererseits wird er jedoch von seinen Eltern zum Selbständigkeitsstreben ermuntert, und sie zeigen sich warmherzig und liebevoll. (vgl. OERTER & MONTADA 1987, S. 95)
* egalitäre Erziehungsstil:
Eltern und Jugendliche haben den gleichen Konsens, wenn es gilt, hinsichtlich seines Verhaltens Entscheidungen zu treffen. Es besteht ein Minimum an Rollendifferenzierung. (vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 97)
* permissive Erziehungsstil:
Der Jugendliche ist aktiver als seine Eltern und dominiert, wenn es sich um seine eigenen Entscheidungen handelt. Die Initiative wird vom Jugendlichen selbst ergriffen. Die Eltern sind inkonsequent in ihrem Verhalten, zeigen aber zugleich warmherzige Zuwendung. (vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 96f)
* laissez-faire-Erziehungsstil:
Der Jugendliche entscheidet entweder nach den Wünschen seiner Eltern oder übergeht sie weitesgehend.
* negierender Erziehungsstil:
Eltern interessiert das Verhalten des Jugendlichen nicht.

4.1 Auswirkungen von Erziehungsstilen:

Der demokratische Erziehungsstil impliziert eine offene Haltung der Eltern. Die Selbständigkeitsentwicklung des Jugendlichen wird auf unterschiedlicher Weise gefördert, außerdem wird ihm durch die Eltern das Gefühl vermittelt, erwünscht zu sein. Der Jugendliche erhält einerseits die Möglichkeit zum selbständigen Auftreten, wobei die engagierten Eltern ständig mit ihm in Kontakt stehen und entsprechend kontrollieren. Der Jugendliche kann eine positive Identifikation mit ihnen anstreben, da ihre Beziehung zueinander auf Liebe und Achtung aufgebaut ist. In der heutigen Zeit können Eltern bestenfalls einen erfolgreichen, autonomen und flexiblen Umgang mit Situationen vorleben, jedoch keine detaillierten Lösungen anbieten. Sowohl der laissez-faire als auch der negierende Erziehungsstil erschweren es dem Jugendlichen, seine eigene Identität und Persönlichkeit auszubilden. (vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 97ff) Wenn während der Pubertät keinerlei Konflikte in der Familie auftreten, ist entweder völlige Gleichgültigkeit (laissez-faire) der Eltern im Spiel, oder Klärungen und Neuordnungen sollen verhindert werden. (vgl. MITSCHKA 1990, S. 103)

Der emotional kalte Erziehungsstil (autokratisch) ist verantwortlich für eine große Zahl von Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung des Jugendlichen und für Konflikte, die bis ins Erwachsenenalter hineinreichen. Jugendlichen mangelt es an sicherem Selbstwertgefühl, sie können die Welt emotional nicht mehr verarbeiten. Dieses Drama vollzieht sich heute nicht bei einigen wenigen, sondern bei vielen. Ein Drittel der Jugendlichen haben ausgeprägte Tendenzen zur Selbstschädigung.
Der Erziehungsstil beeinflußt die Jugendlichen dahingehend, welches Bild sie von ihren Eltern haben. Die emotionale Seite des Erziehungsstils hat eine maßgebliche Bedeutung für die Öffnung zum größeren sozialen Feld, während der negative Einfluß als Behinderung für das weitere Leben gilt. Der autokratische und der negierende Erziehungsstil sind dahingehend indifferent, beide gleich schädlich. Während der autokratische Erziehungsstil sich zusätzlich auf die Persönlichkeitsentwicklung, das Selbstwertgefühl und das emotionale Gleichgewicht des Jugendlichen auswirkt.
Auswirkungen des Erziehungsstils zeigen sich bei Konflikten und in der Zielfindungsphase. Während Jugendliche, die in der Phase, in der sie das Lebenskonzept suchen, Schwierigkeiten mit der Familie haben, wirken in ihrer allgemeinen Lebenstimmung eher gedrückt. (vgl. SCHMIDTCHEN 1993, S. 97ff)

Ein guter Erziehungsstil charakterisiert sich demnach durch persönliche Wärme und die Bereitschaft zu einem wirklichen Diskurs. Wenn Jugendliche überzeugt sind, daß Eltern zuhören können und die Probleme der Jugendlichen aufnehmen, öffnen sich auch die Jugendlichen für die Argumente der Eltern. (vgl. SCHMIDTCHEN 1993, S. 104ff)
4.2 EINFLUßFAKTOREN auf die ERZIEHUNG:

FREUNDE: Für Jugendliche haben Freunde die größte Bedeutung. Gegenüber Erwachsenen entwickeln sie ein negatives Bild. Zu dieser Zeit genießen sie ihr Jungsein mit Reaktionen wie Verantwortungfreiheit, Neugier und kritische Einstellung. Die Peergruppen üben starken Einfluß auf Jugendliche aus. In ihrem Kreis gelten bestimmte Normen und Regeln, die sich der Jugendliche unterwerfen muß. Hier zeigt sich die typische Gegensätzlichkeit (Ambivalenz) von Strebungen: So sehr der Jugendliche gegen die Anpassung der Eltern revoltiert, so sehr unterwirft er sich oft gleichzeitig Gruppennormen. Je mehr sich Eltern gegen diesen Einfluß wehren, desto mehr sind Jugendliche bestrebt, sie zu verteidigen. Der Jugendliche hat den Drang, sich von den Eltern zu unterscheiden, entweder durch Kleidung, Frisur, Ausdrucksweise (Jargon), etc.
Familienorientierte, eher ängstliche Jugendliche haben mehr das Bedürfnis, sich einer von einer Institution getragenen Jugendgruppe (Sportverein, Pfadfinder, politische oder religiöse Gruppierung) anzuschließen. Während hingegen kritische, rebellische, hochbegabte Jugendliche informelle Gruppierungen mit Ältere bevorzugen. (vgl. MITSCHKA 1990, S. 55f)

LEISTUNG - SCHULE
Während der Jugendzeit brauchen Schüler viel Energie und Zeit für ihre Persönlichkeitsentwicklung. Ihre psychische Entfaltung ist mindestens ebenso wichtig wie Schulleistungen. Viele brauchen für diese Phase Musik. Wenn sie einen Schritt weitergekommen sind, ein Bedürfnis von ihnen bewältigt haben, kann das für ihr Wohlbefinden und für eine bessere Schulleistung sorgen. Das andere Extrem ist jedoch, daß ihnen oft alles gleichgültig ist, besonders dann wenn sie unter- oder auch überfordert sind. Für die psychische Gesundheit ist deshalb sehr wichtig, daß in ihrer Ausbildung die Fähigkeiten und Interessen den ihren entsprechen. Schulerfolg und Selbstwertgefühl hängen sehr eng zusammen. Bei hochbegabten Jugendlichen sind das Selbstvertrauen und die Selbständigkeit höher als beim Durchschnitt. Deshalb bringen diese Reaktionen mehr Spannungen mit den Eltern, natürlich auch Anpassungsprobleme in der Schule und bei Freunden. (vgl. MITSCHKA 1990, S. 73ff)

FAMILIE:
Die Familie gerät während der Jugendzeit in Bewegung, weil die Eltern die Loslösung des Jugendlichen von seiner Ursprungsfamilie zulassen müssen. Dies erfolgt Schritt für Schritt. Während dieser Zeit macht es keinen Sinn, Jugendliche zu irgendwelchen Aktivitäten zu zwingen, sondern ihnen das Gefühl geben, ein wichtiger Teil der Familie zu sein. Wie sehr sie sich dann gegenüber den Eltern öffnen können, muß ihnen überlassen werden.

Eltern dürfen jedoch dem Jugendlichen nicht zu offene Grenzen setzen, denn eine zu frühe Entlassung aus der elterlichen Kontrolle erspart zwar dem Jugendlichen Kampf und Rebellion, jedoch wird er der Erfahrung beraubt, von der Familie noch weiterhin gebraucht zu werden. Konflikte innerhalb des Elternhauses drehen sich vorwiegend um alltägliche Streitpunkte, wie Fortgehen, Mithilfe im Haushalt, etc. Laut eines österreichischen Jugendberichts (1985) ist der Wunsch des Jugendlichen, ein harmonisches Familienleben zu führen, mit 84 % bejaht worden. Während gesellschaftliche Verantwortlichkeit weit hinter dem Wunsch nach Selbstentfaltung genannt wird. Zusammenfassend ist es Aufgabe der Familie, Jugendliche auf ihr künftiges Leben in einer Familie vorzubereiten. (vgl. MITSCHKA 1990, S. 78ff)

MEDIENBENUTZUNG:
Fast alle Haushalte besitzen Radiogeräte und Fernsehen, die neben den Printmedien Jugendlichen im kulturell-symbolischen Bereich Zugangsmöglichkeiten zur Erwachsenenwelt öffnen. Jugendliche gleichen ihre Fernsehgewohnheiten den der Eltern an. Das vielfältige Angebot von Informations- und Unterhaltungsmedien erlaubt den Jugendlichen selbst zu wählen und als Medienkonsument innerhalb der Familie eine relativ große Eigenständigkeit zu entwickeln. (vgl. MANSEL & HURRELMANN 1991, S 14)


5. Beziehungen zwischen Individuum, Familie und Peers

In einem unklar definierten Übergangsfeld zwischen Kindheit und Erwachsenenalter übernimmt die Instanz - Peergruppe - Funktionen der Sozialisation. Sie besteht und wirkt auf drei Ebenen: (a) als große Gemeinschaft: Jugendliche mit gleichen Interessen und teilweise auch Werthaltungen finden sich zusammen und entwickeln dabei das Gefühl der Gemeinsamkeit. (b) als konkrete Gruppe: Ihre Struktur ist sehr unterschiedlich. Vorwiegend gehören Jugendliche einer Form der Peergruppe an, bei der es einen festen Kern von befreundeten Mitgliedern gibt, aber zu denen sich andere auch gesellen können. (c) als Freundschaft: Diese Ebene hebt sich von den anderen insofern ab, als der Freund des Jugendlichen zu einer Person wird, der er sich anvertrauen kann. (vgl. OERTER & MONTADA 1987, S. 316f)

Folgende Funktionen kann eine Peergruppe für Jugendliche erfüllen: (vgl. OERTER s& MONTADA 1987, S. 318f)
a) Sie kann zur Orientierung und Stabilisierung beitragen und auch emotionale Geborgenheit bieten.
b) Neue Möglichkeiten können innerhalb der Gruppe erprobt werden, außerdem läßt sie Formen von sozialen Aktivitäten zu, die außerhalb dieser Peergruppe zu gefährlich wären.
c) Hilft bei der Ablösung von der Familie und bietet zugleich Unterstützung durch die normierende Wirkung einer Mehrheit.
d) Kann zur Identitätsfindung des Jugendlichen beitragen.

5.2 Unterschiede zwischen dem Einfluß der Altersgenossen und dem der Eltern (vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 104ff)

Zwischen Erwachsenen und Jugendlichen besteht eine Kluft, die durch unterschiedliche Werte, Zielsetzungen und Lebensweisen beider Gruppen bedingt ist. Der Konflikt mit den Eltern entsteht durch den Eindruck, daß die Ansprüche der Peergruppe weit wesentlicher sind als die der Eltern. Während Coleman (1963) die Wirkung der Peergruppe sehr hoch einschätzte, ist aus anderen Untersuchungen hervorgegangen, daß die Ansprüche beider Parteien einander ergänzen. Eltern haben nach wie vor einen größeren Einfluß auf Entscheidungen des Jugendlichen mit langfristiger Wirkung, während die Peers Einfluß auf gegenwärtige Probleme und Entscheidungen haben. (vgl. OERTER & MONTADA 1987, S. 323f)

Die gegensätzlichen Standpunkte lassen sich auf verschiedene Weise miteinander verbinden und sich durch die Stichworte 'Konflikthypothese' und 'Geländehypothese' erklären:
a) Konflikthypothese:
Die Aufgabe des Jugendlichen ist es, sich mit widersprüchlichen sozialen Erwartungen auseinanderzusetzen, nämlich zum einen mit denen der Eltern und zum anderen mit denen von Altersgenossen, so daß ein Rollenkonflikt oder zumindest Rollenunsicherheit entsteht. Indem er die Kommunikation mit den Eltern einschränkt, kann er Konflikten aus den Weg gehen. Nach empirischen Untersuchungen scheint der Konfliktstoff zwischen Jugendlichen und ihren Eltern nicht so groß zu sein, weil die Peers, mit denen der Jugendliche befreundet ist, meist dem gleichen Milieu ihrer Eltern angehören. Konfliktherde ergeben sich insofern, wenn die Altersgenossen ein anderes Wertesystem als das der Eltern besitzen. Andererseits sind manche Eltern gewillt, ein abweichendes Wertesystem zu akzeptieren, damit ihre Kinder beliebt sind.

b) Geländehypothese: Eltern sowie Peers haben erheblichen Einfluß auf das Tun und Lassen des Jugendlichen, jeder jedoch in einem anderen Bereich. (vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 104ff) Der Umgang mit Peers dient in stärkerem Maße Freizeitaktivitäten, Kleidung, Haartracht, während in der Familie das Erfüllen von Pflichten und Aufgaben dominiert. Die Mitgliedschaft in Peergruppen verstärkt eher abweichendes Verhalten, akzentuiert Unterschiedlichkeiten und ist für Innovationen förderlich. Eltern nehmen die Rolle des Erklärenden ein, während Freunde versuchen, den anderen zu verstehen. (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 97f)
Der Jugendliche ist demnach nicht Sklave der miteinander wetteifernden Einflüsse von Eltern und Peers, sondern in vielen Fällen durchaus imstande, seine Entscheidungen selbständig und autonom zu treffen. Andere Untersuchungen haben ergeben, daß sich der Jugendliche mehr Peergruppen anschließt, wenn er mangelndes Interesse oder Zurückweisung seitens der Eltern erfährt. Der Jugendliche fühlt sich auf sie angewiesen, weil ihn seine Eltern auf der emotionalen Ebene alleingelassen haben. Allgemein gesehen hätte das System 'Erwachsener-Jugendlicher' die Funktion der Förderung der emotionalen Geborgenheit, Anhänglichkeit und Zuneigung, während die Gruppe der Altersgenossen der Ort wäre, an dem sich die explorativen, aggressiven und psychosexuellen Aspekte entwickeln. Der Kontakt mit Gleichaltrigen dient eher der Sammlung von Erfahrungen, während Eltern vor allem bei der Persönlichkeitsentwicklung unterstützen sollen. (vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 105f)

6. Satellitenbeziehungen:

Ab dem 3. Lebensjahr gestalten die Eltern die Beziehung zu ihrem Kind nach ihren Vorstellungen. Sie wollen das Kind den Traditionen gemäß erziehen. Mit zunehmenden Alter beginnt das Kind zu begreifen, daß seine Eltern unabhängig und nicht verpflichtet sind, ihm nachzugeben. (vgl. AUSUBEL 1968, S. 172)
Der Zuwachs an körperlich und geistigen Möglichkeiten zwingt den Jugendlichen, sich völlig neu zu orientieren. Dabei schwankt er zwischen Selbstüberschätzung und Mutlosigkeit. Die Ablösung von der Kindheit bringt ebenfalls eine kritische Auseinandersetzung mit all den menschlichen Beziehungen, die das Kind meist durch die Eltern fraglos anerkannt hat, mit sich. (vgl. MITSCHKA 1990, S. 17f)
Die annehmbarste Alternative für das Kind ist, die Rolle eines Satelliten seiner Eltern zu übernehmen. Auf diese Weise erwirbt das Kind einen Status, den es indirekt durch die bloße Tatsache genießt, daß die Eltern ihm um seiner selbst willen akzeptieren und schätzen, ohne Rücksicht auf seine Fähigkeiten und Tüchtigkeit. Das Kind bezieht aus der neuen Satelliten-Beziehung Sicherheit und Selbstbewußtsein. (vgl. AUSUBEL 1968, S. 172ff)

Eine inkonsequente Haltung der Eltern - mit dem Verstand Freiheiten zu geben wollen, aber aus Angst und Mangel an Vertrauen doch wieder festhalten wollen, fördert die Abhängigkeit. Der Jugendliche akzeptiert die Rolle, die die willensmäßige Abhängigkeit und Unterordnung gegenüber den Eltern verlangt. Nur auf diese Weise kann der Jugendliche sicher sein, daß der Status, den er durch die Tatsache des Angenommenseins genießt, weiter bestehen bleibt. (vgl. AUSUBEL 1968, S. 174f)
In der Adoleszenz vermehrt der Jugendliche seine Kontakte, er soll alles unmittelbar erleben und zwar nicht mehr durch die Brille der Eltern. Die Gefahren einer extremen Satellisierung werden auch dadurch vermieden, indem Kinder gestützt auf Freunde, ältere Geschwister, Großeltern, Lehrer und Gruppenführer, ermutigt werden, ihre eigene Unabhängigkeit geltend zu machen, aber damit auch den Zorn der Eltern zu riskieren. Die informelle Jugendgruppe kann die Emanzipation von den Eltern erleichtern - dies ist eine notwendige Voraussetzung für das Erwachsenwerden. In der Vorpubertät machen sich die Jugendlichen Gedanken über die eigene Familie, über ihre Herkunft. Viele von ihnen beginnen, sich gegen jegliche Bevormundung zu wehren und reagieren aggressiv gegenüber Eltern. Die Auflösung der Satellitenbeziehung ist selbst unter den besten Umständen eine schwierige und unweigerlich mit Konflikten verbundene Phase der Ich-Entwicklung. (vgl. AUSUBEL 1968, S. 205ff)
Die gewohnheitsmäßige Anpassung kann von Eltern gefördert oder gehemmt werden. Laut Untersuchungen zeigt sich folgendes Bild: Einerseits wird dem Sohn mehr Eigenständigkeit zuerkannt, während die Tochter jedoch gleichförmiger, eher restriktiv (= einschränkend) behandelt wird. Die Auflösung der Satellitenbeziehung wird dadurch gefördert, daß Eltern, die in ihren Kindern Jugendliche sehen und sie nicht mehr als Kinder behandeln, deren Selbständigkeit beschleunigen.
Die Vorbildwirkung der Eltern wird zwischen 15 und 17 Jahren am geringsten angegeben. Dies ist die rebellische Phase der Jugendlichen. Die Reglementierungen der Eltern wird der Jugendliche hinterfragen, wenn er sein Leben selbständig gestalten lernen will. Eltern dürfen ihre eigene Meinung äußern, jedoch nicht den Kindern als die ihrige aufzwingen. Die Erwachsenen sind meist enttäuscht, daß sie die Erfahrungen, die sie haben, nicht von ihren Kindern angenommen werden. Die Jugendlichen wollen an die Macht, jedoch die Erwachsenen wollen sie nicht aufgeben. Je nachdem, ob sich der Jugendliche von der Familie ablöst oder stark familienzentriert ist, können wir zwei Typen unterscheiden:
a) Familienzentrierten - "Nesthocker"
b) Freundzentrierten - "Nestflüchter" (vgl. MITSCHKA 1990, S. 28ff)

Zukünftig sollen wir unsere Jugendliche als rebellische Nestflüchter erziehen. Während der Jugendliche auf der Suche nach seiner Ich-Identität ist, soll ihm das Elternhaus als Ankerplatz dienen.

Die folgende Gegenüberstellung dieser beiden Typen von Mitschka sind aus den in der wissenschaftlichen Literatur (AUSUBEL, OLBRICH, BAACKE) zitierten Daten zusammengestellt. (vgl. MITSCHKA 1990, S. 33-34)


7. Selbständigkeitsstreben in der Vorpubertät

7.1 Selbständigkeitsstreben bei Buben:

Der Jugendliche versucht sich von Gewohnheiten und Konventionen zu lösen, denen er sich bis dahin gefügt hat. Das Waschen wird unbeliebt, Pünktlichkeit wird zu einem Problem, Ordnung scheint ein Fremdwort zu sein. Erstmals tritt in diesem Alter das Bedürfnis nach Eigenleben auf, was sich mitunter auch in Geheimnissen vor den Erwachsenen zeigt. Im selben Ausmaß wie die emotionale Distanz zur Mutter zunimmt, steigt das Bedürfnis nach einem guten Kontakt mit dem Vater. Der Vater wird für den Buben wichtig als Vorbild für die Identifikation mit der männlichen Rolle. Nachdem die Vorpubertät eine kritische Phase in der Entwicklung des Selbstwertgefühls ist, ist es äußerst wichtig, dem Buben nicht mit Ablehnung und Mißtrauen zu begegnen, sondern ihm bereits ein entsprechendes Maß an Verantwortung zu übertragen, damit die aufgestaute und überschüssige Energie in die richtigen Bahnen gelenkt wird.
Obwohl Art und Ausmaß der Flegeljahre sehr stark von der Führung im Elternhaus abhängt, kann doch gesagt werden, daß flegelhaftes Benehmen nicht verhindert werden kann.

Bei Jugendlichen mit sehr strenger Erziehung wird flegelhaftes Benehmen weitesgehend unterbunden, aber auf der anderen Seite werden dabei andere Aktivitäten, wie z. B. Tagträume, oder sogar Diebstähle gefördert.
Eine verständnisvolle Erziehung bindet den Buben stärker an die Familie, was ihn einerseits vor schädlichen Kompensationsmechanismen bewahrt, andererseits aber eine gewisse Verschlechterung des Benehmens meist nicht verhindern kann. (vgl. SCHENK-DANZINGER, 1995, S. 334 f)

7.2 Selbständigkeitsstreben bei Mädchen

Die Ablösung von der Familie zeigt sich bei Mädchen vorerst in einem Sichzurückziehen von Familienaktivitäten. Konflikte mit den Eltern ergeben sich durch eine Überempfindlichkeit, durch Bequemlichkeit, durch zunehmende Nachlässigkeit als auch durch häufige Lernschwierigkeiten. Werden Mädchen jedoch vor echte Aufgaben gestellt verschwindet jegliche Klage. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1995, S. 343)


8. Ablösung aus der Familie

Unter Ablösung versteht man heute einen kontinuierlich verlaufenden Entwicklungsprozeß, der bereits in der Kindheit beginnt und im Jugendalter eine Beschleunigung erfährt. Aus dieser Perspektive muß man davon ausgehen, daß der Ablösungsprozeß im Jugendalter noch nicht abgeschlossen ist, sondern auch im frühen Erwachsenenalter noch ein wichtiges Entwicklungsthema darstellt. Das könnte damit zusammenhängen, daß sich die Jugendzeit durch die längeren Ausbildungszeiten im individuellen Lebenslauf insgesamt verlängert hat.
(vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 219)

Der Ablösungsprozeß hängt eng mit dem Prozeß der Selbstfindung zusammen. Man kann heute die Jugendlichen in zwei Gruppen einteilen. Einerseits die Optimisten, die politische, religiöse und weltanschaulichen Fragen, bei Problemen der Schule, der Arbeit, der Erziehung und des sozialen Prestiges eine ähnliche Meinung wie ihre Eltern haben, aber im Freizeitbereich und in der äußeren Erscheinung (Haarschnitt, Kleidung) sich von den Eltern abgrenzen. Andererseits finden wir die sogenannten Pessimisten, die sich in den oben genannten Bereichen im Gegensatz zu ihren Eltern befinden, was das Konfliktpotential für diese Gruppe wesentlich erhöht. 60 % der Jugendlichen sehen im Konflikt mit der älteren Generation ein großes oder sogar ein sehr großes Problem. Jugendliche setzen die Zeit der Ablösung selbst zwischen 15 und 17 an. (vgl. SCHENK-DANZINGER, 1995, S. 376)

8.1 Außenorientierung und Reifungsprozeß

Der Ablösungsprozeß von den Eltern vollzieht sich auf zwei Ebenen: Auf der ersten Ebene kommt es zu einer verstärkten Außenorientierung der Jugendlichen und zum Auszug aus dem Elternhaus. Die zweite Ebene ist der innere Reifungsprozeß, der sich zum Beispiel als emotionale Ablösung von den Eltern, Überprüfung der Auffassungen und Wertvorstellungen, die einem von den Eltern vermittelt worden sind und Einnahme einer eigenen Position widerspiegelt. (vgl. SCHÖN 1990, S. 51)

8.2 Familienstruktur

Heute löst sich der Jugendliche nicht mehr von einer dominierenden Persönlichkeit ab, denn die meisten Eltern haben einen demokratischen Erziehungsstil praktiziert.Sie lösen sich auch nicht von Eltern ab, die in der Regel ihnen in Bildung und Information weit überlegen sind. Es ist heute so, daß die Kinder meist eine höhere Bildung als die Eltern haben. Die bildungsmäßige Überlegenheit legitimiert sozusagen einen hochmütigen" Aspekt der Ablösung, da die meisten Jugendlichen der Meinung sind, daß die Eltern von ihnen lernen sollten. (vgl. SCHENK-DANZINGER, 1995, S. 377 f)
8.3 Loslösung und Rückbindung

Die eigentliche Konfliktphase der Ablösung ist das Alter zwischen 15 und 17 Jahren. Die Kontrollen der Eltern veranlassen den Jugendlichen zu einer mehr oder weniger heftigen Rebellion. Diese beweist ihm jedoch, daß man in der Familie um ihn besorgt ist und ihn nicht missen möchte. Wird dem Jugendlichen kein Widerstand seitens der Familie entgegengesetzt, ist das ein Zeichen für Indifferenz und Vernachlässigung. Eine zu schnelle Entlassung aus der elterlichen Kontrolle erspart dem Jugendlichen zwar den Kampf um seine Freiheit, beraubt ihn aber der Gewißheit, daß er weiterhin in der Familie seinen sicheren Platz hat.
In intakten Familien geht die Tiefenbindung an die Eltern durch die Ablösung nicht verloren. Es kann meist durch die neu erlangte Freiheit zu einer Rückbindung an die Eltern kommen, allerdings in einer Beziehung zwischen jetzt gleichwertigen Partnern. (vgl. SCHENK-DANZINGER, 1995, S. 377 f)

8.4 Räumliche Trennung

Der Begriff Ablösung wurde bisher hauptsächlich auf verschiedene Aspekte der Individualentwicklung im Jugendalter bezogen. Weitere Arbeiten kreisen um die räumliche Trennung von den Eltern, die Kinder im frühen Erwachsenenalter vollziehen. Abgrenzend zur traditionell individuum-zentrierten Betrachtungsweise setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, daß sich dieser Prozeß im Kontext der ganzen Familie vollzieht. (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 217 f)

8.5 Psychoanalytische Sichtweise

Die Familie spielt in der frühen Eltern-Kind-Beziehung eine wichtige Rolle, da hierbei die Grundqualifikationen von Ich-Identität angelegt werden. Das Modell von Erikson, das über Urvertrauen, Autonomie und Initiative zur Ich-Identität in der Adoleszenz führt. Ich-Identität entfaltet sich in einer häufig krisenhaften Auseinandersetzung mit der inneren Natur, dem kulturellen Wertsystem und der äußeren Umwelt. Unbefragt übernommene Werte und Normen, aber auch Beziehungen z. B. zu den Eltern werden grundsätzlich in Frage gestellt. Ob jemand Ich-Identität erworben hat, bemißt sich an der Fähigkeit, gesellschaftlichen Erwartungen zu folgen und gleichzeitig eine durch Prinzipien geleitete Distanz zu Normen und Regeln anzuzeigen und zu bewahren.
Zentraler Mechanismus in diesem Prozeß des Erwerbs von Ich-Identität ist die Fähigkeit des Jugendlichen, sich von den Eltern ablösen zu können und ein von Familienbindungen unabhängiges Selbstbild zu schaffen. Wurden die Eltern vom Kind bedingungslos akzeptiert und idealisiert, so stürzt während der frühen Adoleszenz dieses ideale Elternbild zusammen. Das Ergebnis ist eine überkritische Sichtweise der Eltern. Die realistischere Wahrnehmung der Eltern wird erst in der späten Adoleszenz oder Postadoleszenz wieder wirksam.
Die Grundvoraussetzung für dieses Modell ist eine enge affektive Eltern-Kind-Beziehung, die die psychischen Kräfte fördert, sich später aus dieser Bindung lösen zu können. Umgekehrt gilt, daß eine emotional distanzierte frühe Eltern-Kind-Beziehung eine Ablösung verhindert oder erschwert. Der Jugendliche leidet aufgrund unbefriedigter frühkindlicher Bindungswünsche an einem Nachholbedarf.
Daraus wird ersichtlich, daß das Leitmotiv von Adoleszenztheorien in Hinblick auf die Familie die Ablösung ist. (vgl. KRÜGER 1992, S. 337 ff)

8.6 Rollentheoretische Ansatz

Das Jugendalter ist der Zeitraum, in dem der Mensch kein Kind aber auch noch kein Erwachsener ist. Der Jugendliche wird bezüglich der Erwartungen, die seine soziale Umwelt an sein Verhalten stellt, mit einschneidenden Veränderungen konfrontiert. Man erwartet von ihm, eine neue soziale Rolle zu spielen.
Der Erwerb einer sozialen Rolle erfolgt durch verschiedene Arten von Lernprozessen. Unter einer sozialen Rolle versteht man inhaltlich Normen und Erwartungen der sozialen Umwelt.
Die soziale Rollenveränderung im Jugendalter beinhaltet eine Unabhängigkeit von den Eltern im weiteren Leben und die Übernahme von mehr Verantwortung innerhalb der Gesellschaft.
Man unterscheidet beim Erwerb neuer Rollen zwei Arten von Lernprozessen: (vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 80f)

8.6.1 Lernprozesse

Imitationslernen

Man versteht darunter, daß Menschen ein Vorbild nachahmen, um bestimmte Verhaltensweisen zu erlernen. Beim Beobachtungslernen werden vor allem jene Modelle imitiert, mit denen man regen Umgang hat, zu denen man ein gutes Verhältnis besitzt und die allem Anschein nach den sozialen Erwartungen entsprechen.

Instrumentelles Lernen

Dabei werden bestimmte Verhaltensweisen ausprobiert und Erfahrungen mit den Folgen des jeweiligen Verhaltens gemacht. Positive Folgen werden einen veranlassen, diese Verhaltensweisen in verschiedenen Variationen zu wiederholen, negative Folgen dazu, ein entsprechendes Verhalten zu unterlassen und nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Somit lernt der Mensch, den Erwartungen seiner Umwelt zu entsprechen.
(vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 82f)

Eine Veränderung der Rolle stellt zum Beispiel der Übergang von der Abhängigkeit zur Selbständigkeit dar, nämlich dann wenn der Jugendliche die ersten Schritte zur finanziellen Unabhängigkeit macht. Dazu muß er sich einen Beruf oder eine Ausbildung auswählen. Danach hat er sich diesen neuen Arbeits- und Ausbildungssituationen anzupassen. Der Jugendliche wird sich im emotionalen Bereich von den Eltern und aus der Familie lösen und sich immer mehr in anderen Kreisen bewegen und auch dort zu emotionalen Beziehungen gelangen. Dieser Umgang mit anderen Menschen führt wiederum zur Konfrontation mit den dortigen sozialen Erwartungen. Dadurch kommen für den Jugendlichen neue Bezugsgruppen hinzu.
Die Gesellschaft gibt dem Jugendlichen die Chance neue Verhaltensweisen erproben zu können, indem sie ihm in vielerlei Gebieten noch wenig Verantwortung auferlegt. Er hat somit Zeit herauszufinden, welche Fähigkeiten er besitzt und welche Lebensweise ihm sinnvoll erscheint. Damit der Jugendliche fähig ist als Erwachsener in der Gesellschaft handeln zu können, ist die Ablösung von der Familie ein notwendiger Schritt. (vgl. DE WIT & VAN DER VEER 1982, S. 83f)


9. Generationenkonflikt

Wenn ein Jugendlicher sich von seinen Eltern unverstanden fühlt oder Konflikte und Spannungen in der Familie auftreten, dann denkt man unweigerlich an Generationenkonflikt. (vgl. SCHÖN 1990, S. 50)
Der Generationenkonflikt resultiert aus dem ungeklärten Status des Jugendlichen nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsener zu sein. (vgl. SCHÜTZE 1989, S. 189)
Seit Jahren bestätigt sich immer wieder, daß der Konflikt zwischen den Generationen sich weniger auf familiärer als auf gesellschaftlicher Ebene abspielt. Kritik an den Erwachsenen wird schärfer artikuliert als an den eigenen Eltern. (vgl. KRÜGER 1993, S. 336)

Ist der Generationenkonflikt unausweichlich?
Einige soziologische Theorien gehen von einem unvermeidlichen Konflikt zwischen aufeinanderfolgenden Generationen aus. Viele Untersuchungsergebnisse bestätigen, daß Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen zu Beginn der Adoleszenz zunehmen. Mit 16 Jahren ist der Höhepunkt erreicht, danach nimmt die Konflikthäufigkeit wieder ab. Es zeigt sich auch, daß Eltern als Vorbilder eine zunehmend geringere Rolle spielen, Jugendliche sich von ihren Eltern mit zunehmendem Alter weniger verstanden fühlen und diese mit dem Leben in der elterlichen Familie unzufriedener werden. (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 206)

Solche Befunde wurden meist als Belege für die These vom Generationenkonflikt interpretiert. Sie erhalten jedoch ein anderes Gewicht, wenn man weitere Fragebogenuntersuchungen und Meinungsumfragen berücksichtigt, die ein vorwiegend positives Elternbild Jugendlicher widerspiegeln. In einer Untersuchung von Oswald (1980) gaben Jugendliche im Alter von 16 bis 18 an, eine enge emotionale Bindung an ihre Eltern zu haben und mit diesen viele Dinge gemeinsam zu besprechen und zu unternehmen. (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 206)

Der sogenannte Generationsgraben zwischen Adoleszenten und ihren Eltern ist ein gesundes und wichtiges psychologisches Phänomen. Das Ergebnis dieses Phänomens ist die Herbeiführung einer emotionalen Trennung zwischen den Jugendlichen und ihren Eltern.
Für den frühen Adoleszenten ist es ein schwieriger und schmerzlicher Prozeß, mit der emotionalen Trennung von den Eltern zu beginnen und die Sicherheit einer Eltern-Kind-Beziehung aufzugeben.
Eine solche emotionale Trennung hilft dem Adoleszenten, zwei der fundamentalen adoleszenten Entwicklungsaufgaben gut zu bewältigen. Einerseits ist das die Emanzipation von den Eltern und andererseits die Herstellung einer separaten Selbstidentität. (vgl. FINE 1979, S. 30 ff)

Allgemein gesagt, wird das Verhältnis zur Mutter positiver eingeschätzt als jenes zum Vater. Die Mutter ist für Jugendliche in der Mehrzahl der Fälle die bevorzugte Interaktionspartnerin, diejenige, die das meiste über das Leben ihrer Kinder weiß. Sie ist auch die Person, die am ehesten noch vor Freunden um Rat gefragt wird. Lediglich bei Bildungs- und Berufsfragen ist der Vater der hauptsächliche Ansprech- und Beratungspartner. (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 206)

Abbildung: Verhältnis zu Mutter/Vater (BERTRAM 1987, S. 51)

Kinder weisen in vielen Einstellungen eine große Übereinstimmung mit ihren Eltern auf. Ähnlichkeiten bestehen in politischen und religiösen Einstellungen und Verhaltensweisen und auch im Bereich der Meinung zu Arbeit und Leistung, wohingegen in Fragen des Lebensstils häufig Unterschiede überwiegen.
Es ist jedoch so, daß die Zeit, die mit Freunden verbracht wird, den Jugendlichen mehr Spaß macht, als die Zeit, die mit der Familie verbracht wird.
Zusammenfassend gibt es jedoch für einen durchgängigen Generationenkonflikt keine Belege, selbst wenn die Beziehungen zwischen Eltern und Jugendlichen eine andere Qualität als jene zu Freunden hat. (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 207)


10. Die Theorie der Individuation

Nach der Theorie der Individuation durchlaufen Jugendliche in der Beziehung zu ihren Eltern einen Prozeß, wobei Abgrenzung und Verbundenheit miteinander verbunden werden. Das Ergebnis dieses Prozesses ist eine neue Form der Beziehung, in der Kameradschaftlichkeit und Gegenseitigkeit zum Ausdruck kommt im Gegensatz zu Unilaterlität und Komplementarität in der Kindheit.
Abgrenzung
ist die Suche von Jugendlichen nach einer eigenen von den Eltern getrennten Definition von sich selbst. Sie treten aus der Dominanz und Abhängigkeit geprägten Beziehung zu ihren Eltern heraus.
Durch die Fähigkeit zum formalen Denken können Jugendliche zunehmend Widersprüche und Unvereinbarkeiten im Denken ihrer Eltern erkennen (Entidealisierung"). Durch eine Untersuchung hat sich gezeigt, daß Kinder mit zunehmendem Alter ihre Eltern als weniger unfehlbar wahrnehmen. Jugendliche erkennen nicht nur die Wahrheit eigener, von denen der Eltern abweichender Schlußfolgerungen, sie sind auch zunehmend in der Lage, Rechtmäßigkeit und Richtigkeit eigener Bedürfnisse und Werte zu artikulieren. Die Jugendlichen betonen eigene Bereiche sogenannte Territorien, die materieller (z. B. Taschengeld), privater (z. B. Gespräche, Briefe, Tagebuch), zeitlicher (z. B. Zubettgehen, Zeiteinteilung), räumlicher (z. B. eigenes Zimmer) und psychischer (z. B. eigene Entscheidungen) Art sein können. Durch dieses Abstecken eigener Territorien kann der Jugendliche leichter Grenzen zwischen sich und seinen Eltern stecken. Dieser Prozeß kann in Einzelfällen mit einer Rebellion einhergehen, wenn Eltern durch starke Kontrolle oder durch unangreifbare Perfektion den Jugendlichen den Weg zur Selbstdefinition erschweren.

Die Beziehung zu den Eltern ist aber bei Jugendlichen auch durch Verbundenheit gekennzeichnet. Die Verbundenheit zu den Eltern erhält eine neue Qualität. Sie ist nicht mehr so auf Autorität gerichtet als vielmehr auf gegenseitigen Respekt. Die Eltern werden als Personen mit individuellen Stärken und Schwächen wahrgenommen.
Eltern neigen dazu ihre Kinder einerseits emotional zu bestätigen, gleichzeitig versuchen sie aber Kontrolle über das Verhalten der Jugendlichen auszuüben, indem sie deren Verhalten steuern oder überwachen wollen. Väter erleichtern Jugendlichen oft den Prozeß der Abgrenzung, indem sie klare Richtlinien setzen. Dadurch können sich die Kinder davon abheben und ihre eigene Position finden. Mütter fördern eher die Verbundenheit, indem sie den Jugendlichen in kooperativer und einfühlsamer Weise bei der Bewältigung täglicher Probleme zur Seite stehen.

In einer Untersuchung von Youniss und Smollar (1985) waren Gespräche mit dem Vater gekennzeichnet durch größere emotionale Distanz, es wurden weniger Gefühle geäußert und weniger Probleme ausgetragen. In der Beziehung zur Mutter traten nach den Angaben der Jugendlichen mehr vertrauensvolle, beratende und helfende Verhaltensweisen auf. Bei Interaktionen der Väter mit ihren Kindern traten jedoch eher Autorität ausübende, instrumentelle und Sachfragen betreffende Verhaltensweisen auf.

Die Theorie der Individuation versucht, die beiden Aspekte Verbundenheit und Abgrenzung in Einklang zu bringen, die vielfach als unvereinbar gelten. Auch richtet sie ihren Blick nicht nur auf Einzelpersonen, sondern auf die Beziehung zwischen ihnen. (vgl. HOFER, KLEIN-ALLERMANN & NOACK, 1992, S. 207 ff)


11. Freizeitverhalten Jugendlicher

Durch Untersuchungen zeigt sich, daß im Kern die zentralen Interessen- und Aktivitätsstrukturen von Jugendlichen hinsichtlich ihrer bevorzugten Freizeitaktivitäten über die letzten Jahrzehnte relativ stabil blieben. Lesen von Büchern und Zeitschriften, geselliges Zusammensein mit Freunden und Bekannten, das Hören von Musik, Sport treiben, Wandern oder Spazierengehen, einem Hobby nachgehen, im Haus oder Garten arbeiten, basteln, handarbeiten, Kino und Tanz sind seit den 60er Jahren als durchgehend jugendliche Freizeitaktivitäten von hoher Bedeutung. (vgl. KRÜGER 1992, S. 456)
Durch das gesellige Beisammensein bekommen außerfamiliäre Personengruppen einen höheren Stellenwert.
Durch das Hören von Musik, vor allem jener Musik, die Erwachsene in der Regel nicht hören (z. B. Techno) wollen, können sich Jugendliche bewußt von den Eltern bzw. den Erwachsenen abgrenzen.
Auffallend ist, daß trotz dieser Entwicklungen das Lesen seit den 50er Jahren über alle Zeitströme und Moden hinweg als Freizeittätigkeit nicht an Bedeutung verlor und das neben dem Lesen sich eine zweite Freizeitbeschäftigung, jene der Entspannung und Erholung, etablierte. Manche sehen darin ein Indiz für die Zunahme von Streßerfahrungen durch Jugendliche.
Überraschend ist außerdem, daß neben sportlichen Disziplinen das Wandern und Spazierengehen nicht an Bedeutung eingebüßt haben.
Allen alltagsweltlichen Annahmen zum Trotz, ist gleichfalls festzustellen, daß eigenaktives, musisch-kulturelles Engagement, insbesondere das Musizieren über Jahrzehnte hinweg von
10 % der Jugendlichen als bedeutungsvolle Aktivität genannt wird. (vgl. KRÜGER 1992, S. 456 ff)


GLOSSAR:

GENERATIONSKONFLIKT:
Wenn ein Jugendlicher sich von seinen Eltern unverstanden fühlt oder Konflikte und Spannungen in der Familie auftreten, dann denkt man unweigerlich an Generationenkonflikt.
Der Generationenkonflikt resultiert aus dem ungeklärten Status des Jugendlichen nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsener zu sein.

SATELLITENBEZIEHUNG:
Die annehmbarste Alternative für das Kind ist, die Rolle eines Satelliten seiner Eltern zu übernehmen. Auf diese Weise erwirbt das Kind einen Status, den es indirekt durch die bloße Tatsache genießt, daß die Eltern ihm um seiner selbst willen akzeptieren und schätzen, ohne Rücksicht auf seine Fähigkeiten und Tüchtigkeit. Das Kind bezieht aus der neuen Satelliten-Beziehung Sicherheit und Selbstbewußtsein.

FUNKTIONEN der FAMILIE:
Im soziologischen Sinne der Beitrag eines einzelnen, einer Gruppe (Familie) oder Institution für ein übergeordnetes soziales System. Man kann aber auch danach fragen, welche Funktionen für den einzelnen erfüllt werden.
Reproduktions-, Existenzsicherungs- und Produktions-, Regenerations-, Sozialisations- und Erziehungs- und Placierungsfunktion.

STRUKTUR der FAMILIE:
Struktur = relativ stabiles Gefüge von Elementen (Eltern - Kinder), innerer Aufbau und Zusammenhang einer nach außen abgrenzbaren Einheit = Kleinfamilie.

FAMILIENTYPEN:
Kernfamilie = kleinste Grundeinheit der Familienordnung, die aus den Ehepartnern und deren Kindern besteht > Nuklearfamilie.
Ein-Elternteil-Familie, Stiefelternschaft, adoptierte Kinder in Familien.

AUTONOMIESTREBEN:
Befugnis zur selbständigen Regelung der eigenen Verhältnisse, Eigengesetzlichkeit, Selbstverwaltung.

ROLLENERWARTUNGEN:
Bezugsgruppen (Familie) haben bestimmte Erwartungen gegenüber dem Verhalten des Jugendlichen. Es wird darauf geschaut, ob er das tut, was man in seiner Position tun sollte. Rolle = Summe der Erwartungen und Ansprüche, die an das Verhalten der Inhaber bestimmter sozialer Positionen gestellt werden.

FAMILIENKONSTELLATION:
Zusammentreffen bestimmter Umstände und die daraus resultierende Lage: Die typische Kleinfamilie stellt eine zeitlich begrenzte Lebensgemeinschaft von Eltern und ihren Kindern dar. Da nur wenige Personen zur Familie zählen, bindet sie eine tiefe emotionale Bindung, die häufig auch dann fortbesteht, wenn sich die Jugendlichen bereits räumlich abgelöst haben.

ERZIEHUNGSSTIL und ERZIEHUNGSPRAKTIKEN:
Ist ein relativ stabiles Muster von (un)bewußten Verhaltensmerkmalen eines Erziehers/Lehrers gegenüber der zu erziehenden Person, gemessen durch Verhaltensbeobachtungen, Schätzskalen oder Eigenschaftslisten. Einteilung von Baumrind in vier Typen: autoritärer, autoritativer, permissiver und indifferenter Erziehungsstil.
Praktiken = Verfahrensart

FAMILIENKLIMA:
Welche Beziehungen die Mitglieder in der Familie zueinander haben > Miteinander von Familien. Modell von Olson postuliert zwei Dimensionen: 1. Kohäsion - emotionale Bindung zwischen den Familienmitgliedern. 2. Adaptabilität: in Abhängigkeit von situativen Aufgaben und entwicklungsmäßigen Bedingungen ihre Machtstruktur, ihre Rollenbeziehungen und ihre Regeln zu ändern.

Die heimlichen ERZIEHER:
Einfluß der Peergruppen, Mode, Freizeit, Beruf, Schule, Leistung, Medien auf die Erziehung des Jugendlichen.

ELTERNZENTRIERTHEIT:
Jugendliche konzentrieren sich auf die Meinungen und Einstellungen der Eltern = Satellitenbeziehung.


Literatur:

AUSUBEL, D. (1968). Das Jugendalter. München: Juventa Verlag.

BERTRAM, H. (1987). Jugend heute. Die Einstellungen der Jugend zu Familie, Beruf und Gesellschaft. München: Beck.

DE WIT, J., VAN DER VEER, G. (1982). Psychologie des Jugendalters. Donauwörth: Ludwig Auer.

FINE, L. (1979). Die Rebellion der großen Kinder. Ursachen und Überwindung der Konflikte zwischen Eltern und Heranwachsenden. München: Mosaik Verlag.

HOFER, M., KLEIN-ALLERMANN, E., NOACK, P. (1992). Familienbeziehungen. Eltern und Kinder in der Entwicklung. Göttingen: Hogrefe.

KRÜGER, H. (1992). Handbuch der Jugendforschung. Opladen: Leske + Budrich.

MANSEL, J. & HURRELMANN, K. (1991). Alltagsstreß bei Jugendlichen: eine Untersuchung über Lebenschancen, Lebensrisiken und psychosoziale Befindlichkeiten im Statusübergang. München: Juventa-Verlag.

MITSCHKA, R. (1990). Die Pubertät gemeinsam bewältigen. Wien: Österreichischer Bundesverlag Gmbh.

OERTER, R. & MONTADA, L. (1987). Entwicklungspsychologie. 2., neu bearbeitete Auflage. München-Weinheim: Psychologie Verlags Union.

SCHENK-DANZINGER, L. (1995). Entwicklungspsychologie. Wien: Österreichischer Bundesverlag GesmbH.

SCHMIDTCHEN, G. (1993). Ethik und Protest. Moralbilder und Wertkonflikte junger Menschen. 2. Auflage. Hemsbach: Druck Partner Rübelmann Gmbh.

SCHNEEWIND, K. A. (1991). Familienpsychologie. Stuttgart: W. Kohlhammer Gmbh.

SCHURIAN, W. (1989). Psychologie des Jugendalters: eine Einführung. Westdt. Verlag.

SCHÜTZE, Y. (1989). Jugendliche und ihre Eltern - Konflikte, Gemeinsamkeiten, Zusammenhalt. In: BERTRAM, H., BORRMANN-MÜLLER, R., HÜBNER-FUNK, S., WEIDACHER, A. (Hrsg.): Blickpunkt Jugend und Familie. Weinheim und München: Juventa, 189 - 208.

SCHÖN, B. (1990). Jugendliche und ihre Problemwelt: Sozialer Kontext und Bewältigungsstrategien. Linz: Institut für Pädagogik und Psychologie.


© Oberbichler & Spindler 1996