Johannes Kepler Universität Linz

Seminar aus Erziehungswissenschaft: Entwicklung im Jugendalter

Leiter: Ass. Prof. Dr. Werner Stangl

© Werner Stangl, Linz 1997.
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Thema6:
JUGENDLICHE UND BERUFSFINDUNG

SEMINAR AUS ERZIEHUNGSWISSENSCHAFTEN
ENTWICKLUNG IM JUGENDALTER
Dr. W. Stangl
SS 96

Konrad Cornelia
Kofler Sylvia


INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG 1

2. BERUFSWAHL - BERUFSWAHLREIFE........................ 2

3. BERUFS- UND BILDUNGSPOLITIK 95........................ 3

4. ARBEITSMARKTSITUATION 5

5. LEHRLINGSAUSBILDUNG 7

6. GESUCHTE ARBEITSKRÄFTE 8

7. BERUFLICHE ENTWICKLUNGSANSÄTZE 10

8. EINSTELLUNG JUGENDLICHER ZUM BERUF 10

9. ZUFRIEDENHEIT MIT DER AUSBILDUNG 12

10. BERUFLICHE UMWELT 13

11. BERUFLICHE SOZIALISATION 14

12. BERUFSWAHLMOTIVE 15

13. JUGENDLICHE UND ARBEITSLOSIGKEIT 16

14. RESUMÉE 16

Glossar

Literaturverzeichnis

Fußnoten


1. EINLEITUNG

Viele Jugendliche ab 14 Jahren stehen vor der Situation der Berufswahl. Sie haben bereits von anderen Personen Informationen erhalten, oder sich selbst erkundigt.
Wie wir in den Interviews erfahren haben, sind sie sich der Probleme bewußt, die bei der Jobsuche auf sie zukommen werden.

Obwohl der Slogan Karriere mit Lehre immer noch in den Medien zu hören ist, haben es Lehrlinge immer schwerer eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Dies geschied gerade in einem Alter, wo sich die Jugendlichen großteils der eigenen konkreten Berufswünsche noch nicht bewußt sind.

Trotz des Wohlstandes, den wir in Österreich haben, werden die Arbeitsplätze immer geringer. Gerade Arbeitsplätze für weniger qualifizierte Arbeitnehmer werden durch Rationalisierungsmaßnahmen wie z.B. Auslagerungen ins Ausland ersetzt. Durch neue Technologien verändert sich das Berufsbild ständig. Daher erhält die Berufswahl eine immer größere Bedeutung. Durch die Entscheidung Lehre oder Schule werden bereits die grundlegenden Weichen für die spätere Berufslaufbahn gelegt. Da noch immer zuviele Ausbildungsbetriebe eine betriebsspezifische Ausbildung anbieten und es an einer breitgefächerten Grundausbildung mangelt, entscheiden sich die Jugendlichen verstärkt für Berufsbildende Höhere Schulen. Eine Spezialisierung erfolgt erst mit Berufseintritt, nachdem die Jugendlichen bereits einen Überblick und entsprechende Basiskenntnisse über ihr Berufsfeld erhalten haben.

Die Arbeitslosigkeit ist zu einem großen wirtschaftlichen und politischen Thema geworden. Vorallem die Jugendlichen sind davon am stärksten betroffen. Ihre anfängliche positive Arbeitseinstellung wird getrübt von Erniedrigungen und Konkurrenzkämpfen um Arbeitsplätze. Dies wirkt sich auf die ganze Entwicklung des jungen Menschen aus.


2. BERUFS- UND BILDUNGSPOLITIK 1995

 

vgl. Berufsbildungsbericht 1995, Bundesministerium für wirtschaftliche Angelegenheiten, Dr.
Wolfgang Lentsch, Nov. 1995, S.1 ff.

Durch die Veränderungen im Bildungs- und Ausbildungsbereich in den letzten 2 Jahr-zehnten ist eine Verschiebung der formalen Bildung der Erwerbsbevölkerung festzustellen. Die Anzahl der Personen ohne Abschluß nach Ende der Schulpflicht hat abgenommen (-11 %), alle anderen Bildungsebenen haben zugenommen.

Ca. 54 % der Erwerbspersonen in Österreich wiesen Anfang der 90er Jahre eine mittlere berufliche Bildung (Lehre oder Fachschule) auf, 17 % eine Matura oder einen anderen formalen höheren Abschluß. Der Anteil der Personen mit einem beruflichen Bildungsabschluß ist von 51 auf 59 % angestiegen.

Österreich besitzt im internationalen Vergleich eine breite mittlere Qualifikationsschicht. Bislang haben in Österreich HTL oder HAK jenen Qualifi-kationsbedarf abgedeckt, der in anderen Ländern von Hochschulabsolventen oder Fachhochschulabsolventen wahrgenommen wird.

Europäischer Vergleich:

Quelle: Berufsbildungsbericht 1995, Bundesministerium für wirtsch. Angel., Nov. 95

Die berufliche Bildung hat in Österreich anhaltend hohe Attraktivität. Innerhalb der beruflichen Bildungsgänge haben die Berufsbildenden Höheren Schulen gegenüber den mittleren berufsfachlichen Erstausbildungen (Lehre, Fachschule) dazugewonnen.


3. ARBEITSMARKT-SITUATION

(November 1995) vgl. Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung, Arbeitsmarkt November 1995, S. 1 ff

Das österreichische Institut für Berufsbildungsforschung ermittelte, daß die Arbeitslosenzahl im November 1995 um + 6 % höher war als im November 1994. Die Arbeitslosenquote ist steigend (7,1 % 1995 zu 6,6 % 1994). Jedoch ist die Beschäftigtenzahl im Vergleich 1995 zu 1994 rückläufig (-0,7 %).

Die Gliederung der Arbeitslosen nach dem Bildungsstand zeigte im November 1995, daß mehr als 4 von 10 aller Vorgemerkten keine den Abschluß der allgemeinbildenden Pflichtschule übersteigende Berufsqualifikation aufzuweisen hatte. Beinahe 4 von 10 verfügen über den Abschluß einer Lehre.

Quelle: ÖIBF: Arbeitsmarkt November 1995

Ende November 1995 waren in Österreich 231.809 Personen als arbeitslos gemeldet. Das waren um 13.146 mehr als im November des Vorjahres.

Mit 118.856 Vorgemerkten stellen Männer mehr als die Hälfte (51,3 %) aller Arbeitslosen, 112.953 arbeitslose Frauen ergaben einen Anteil von 48,7 %.

Geschlechtsspezifische Arbeitslosenquoten (%) von 15-24jährigen
von Oktober 1992 - 1995

Quelle: ÖIBF: Arbeitsmarkt November 1995

Gegliedert nach dem Alter zeigt sich verglichen mit November 1994 ein deutlicher Rückgang für die 50jährigen (-6 %), jedoch für die Jugendlichen ein Anstieg von (+5,8 %).

Quelle: ÖIBF: Arbeitsmarkt November 1995

Jeder achte Arbeitslose (12,7 %) war ein Ausländer, deren Zahl (29.447) gegenüber November des Vorjahres um 2.583 bzw. +9 % gestiegen ist.

Die Zahl der Ende November 1995 gemeldeten offenen Stellen (18.067) verringerte sich im Vergleich zum Vormonat um -3.744 (-17,2 %) und lag so um -8.345 (-31,6 %) niedriger als im November 1994.


4. LEHRLINGSAUSBILDUNG

Entwicklung des Lehrlingsstandes 1980-1995

Quelle: Lehrlingsstatistik 1995; Band I: Übersicht

Die Zahl der vorgemerkten Lehrstellensuchenden betrug Ende November 1995 in Österreich 4.161, die der gemeldeten offenen Lehrstellen 3.863. Es gab also zu wenig Lehrstellen für die vorgemerkten Lehrstellensuchenden. Damit fielen Ende November 1995 in ganz Österreich auf jeden Lehrstellensuchenden nur mehr 0,9 offene Lehrstellen. vgl. Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung, Arbeitsmarkt November 1995, S. 1 ff

In Oberösterreich gab es 1995 24.092 Lehrlinge insgesamt (21.925 österreichische und 2.187 ausländische Lehrlinge). Davon waren 7.229 Lehranfänger. Im Vergleich dazu gibt es aber nur 8.619 Lehrbetriebe insgesamt.

Deutlich mehr als die Hälfte (56,4 %) aller Lehrlinge werden in der Sektion Gewerbe und Handwerk ausgebildet. Ein Sechstel werden in Handelsbetrieben (17,1 %) und in der Sektion Industrie (16,1 %) ausgebildet. vgl. Lehrlingsstatistik 1995, Band 1: Übersichten, Werner Hackl, Wirtschaftskammer OÖ,
Februar 1996, S. 1 ff.

Lehrlinge 1995 nach Sektionen

Quelle: Lehrlingsstatistik 1995; Band I: Übersicht

Mit einem Anteil von 31,6 % sind die Mädchen bei den Lehrlingen das schwache Geschlecht. Es entfallen bei den Mädchen bereits 62,4 % aller weiblichen Lehrlinge nur auf die drei Lehrberufe Einzelhandelskauffrau (30,8 %), Bürokauffrau ( 18,1 %) und Friseurin- und Perückenmacherin (13,5 %).
Weiters ist beinahe jeder 10. Lehrling ein Ausländer. vgl. BIPOL, Lehrlingsausbildung und Prüfungswesen in Oberösterreich, Statistik 1995, Dr. Herwig
Siegl, Wirtschaftskammer OÖ - Abt. Bildungspolitik, S. 1 ff.


5. GESUCHTE ARBEITSKRÄFTE

 

vgl. Arbeitsmarktvorschau 1996, Arbeitsmarktservice Österreich, Dez. 1995, S. 136 ff.

Kurz vor Verlassen der Schule erleben viele Schüler bei der Bewerbung um Lehrstellen, daß ihr Hauptschulabschlußzeugnis nur geringe Verwertungschancen findet. Vorstellungen, daß ein Beruf Spaß machen und den eigenen Fähigkeiten entsprechen sollen werden langsam verworfen. vgl. Hurrelmann K.: Warteschleifen, Keine Berufs- und Zukunftsperspektiven für Jugendliche ?,
Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1989, S. 71 f.

Daher ist es wichtig zu wissen, in welchen Bereichen noch Arbeitsplätze frei sind.
In Österreich wurden im August 1995 folgende Arbeitskräfte verstärkt gesucht:


Quelle: Arbeitsmarktvorschau 1996, Arbeitsmarktservice Österreich, Dez. 1995

1996 werden voraussichtlich 685.600 Personen von der Arbeitslosigkeit betroffen sein. Dies bedeutet eine Veränderung von 0,6 % zum Vorjahr (= um 4,360 Personen mehr).
Davon sind im Alter bis zu 18 Jahren 23.000 Jugendliche betroffen und von 19 - 24 Jahren 142.300. Am meisten Arbeitslose wird es in Wien geben (153.000) und am wenigsten im Burgenland (23.500). Oberösterreich liegt in der Mitte mit 98.000.

Am stärksten von der Arbeitslosigkeit betroffen sind folgende Berufsgruppen:

* Bauberufe (100.700 Personen von 685.600)
* Hotel- und Gaststättenberufe (96.300 --)
* Verwaltungsberufe (86.700 --)
* Eisen-, Metall- und Elektroberufe (76.400 --)
* Sonstige Produktionsberufe (74.100 --)

Von den Wirtschaftssektoren trifft es am stärksten den saisonalen Sektor und den Dienstleistungssektor. (251.600 bzw. 248.400 Arbeitslose (von 685.600).
Die Arbeitslosenquote 1996 wird in Prozent der Erwerbspersonen 6 % betragen.

 


6. BERUFSWAHL - BERUFSWAHLREIFE

Die Berufswahl
Dieser Begriff kann aus mehreren Gesichtspunkten betrachtet werden. Versteht man darunter den Vorgang der Entscheidung des Einzelnen für eine der ihm offenstehenden Alternativen, spricht man von der Berufswahl als Entscheidungsprozeß. Berufswahl kann jedoch auch als Allokationsprozeß betrachtet werden. Dabei geht es um die sozialen Regelungen durch welche die zur Verfügung stehenden beruflichen Positionen an die Heranwachsenden verteilt werden. Fragt man nach dem Zusammenhang der Berufswahl mit der individuellen Entwicklung des Einzelnen, handelt es sich um die Berufswahl als Entwicklungsprozeß. vgl. Kahl O.: Berufliche Entscheidung und berufliche Laufbahn,Leuchtturrm-Verlag, Darmstadt 1981, S. 89

Die Berufswahl als Entscheidungsprozeß
Dieser Prozeß hängt von einer Vielzahl endogener und exogener Faktoren ab. Je nach Gewichtung der einzelnen Determinanten unterscheiden sich die einzelnen Theorien. Grundlage der endogenen Faktoren bilden jene Determinanten die die individuellen (interne) Entscheidungskriterien für die Selektion von Berufswahlalternativen als Grundlage haben. Dazu gehören somatische Voraussetzungen (wie Alter und Geschlecht), Eignung, Neigung und die Wahlreife. Weiters sind die Interessen, die Intelligenz, schulische Leistungen, als auch die Lern- und Arbeitsmotivation anzuführen.
Gesellschaftliche Kriterien, welche außerhalb des Einwirkungsbereich des Wählenden liegen, werden als exogene Faktoren bezeichnet. Dazu zählen in erster Linie die Familie, Schule und die Umgebung, also die regionalen Gegebenheiten und die Infrastruktur. vgl. Pollmann T.: Beruf oder Berufung?,Zum Berufswahlverhalten von Pflichtschulabgängern, Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main 1993, S. 21 ff.

Die Berufswahlreife vgl. Pollmann a.a.O., S. 15 ff.
Dieser Begriff ist noch nicht allgemein anerkannt. Durch seine kennzeichnenden Indikatoren, sollten jedoch Vorhersagen über das berufliche Verhalten durchgeführt werden können.

So versteht VOELMY (1965) unter Berufswahlreife jenes Niveau, welches sich dadurch auszeichnet, daß die individuellen Interessen, Neigungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten dem Einzelnen bewußt werden und dieser zu beruflichen und wirtschaftlichen Kenntnissen bzw. Einsichten gelangt. EGLOFF (1966) versteht hingegen unter diesem Begriff nicht nur die Fähigkeit zu einer eigenen Berufsentscheidung zu gelangen, sondern auch die Bereitschaft dazu.

Die Berufswahlreife ist für die weitere berufliche Entwicklung von Bedeutung und macht sich durch nachfolgende Verhaltenseffekte bemerkbar:

- Entwicklung eines individuellen Laufbahnplanes und intensiver Auseinandersetzung mit der Berufsfindung.
- In der Art, wie an diese Probleme und Aufgaben herangegangen wird (zielstrebig rational oder intuitiv, Zufall oder Einfluß durch dritte Personen).
- Fähigkeit aus der Fülle der vorberuflichen Informationen entscheidungsspezififsche Hilfen zu ziehen.
- Und schließlich die Fähigkeit, eine befriedigende, persönlichekeitsgemäße und realistische Berufswahl treffen zu können.(POLLMANN, 1993)


7. BERUFLICHE ENTWICKLUNGSANSÄTZE

vgl. Oerter R., Montada L.: Entwicklungspsychologie, Beltz-Verlag, 2. Aufl.,
München 1987, S. 329 ff.

Bei jedem beruflichen Aufstieg läßt sich ein Werdegang aufzeigen. Ginzberg untergliederte diesen 1952 in 3 Stufen:

* Stufe der Phantasiewahlen: Hier lassen sich die wenig realistischen Berufswünsche im Alter von 7 bis 11 Jahren erkennen.

* Stufe der Probewahlen: Von 11 bis 17 Jahren werden anfangs die Interessen, dann die eigenen Fähigkeiten und zuletzt die beruflichen Werte bestimmt.

* Stufe der realistischen Wahlen: Ab 17 Jahren werden die Berufswünsche als realistisch eingestuft.

Super und seine Mitarbeiter haben im Vergleich dazu 1953-57 ein System entwickelt, daß sich in 5 Stufen über das ganze Leben erstreckt. Diese Stufen sind:

* Stufe des Wachstums (bis 14 Jahre)
* Stufe der Exploration (von 15-25)
* Stufe der beruflichen Festlegung (25- 44)
* Stufe der beruflichen Festigung (45- 65)
* Stufe des beruflichen Abbaus (ab 65)

 


8. EINSTELLUNG JUGENDLICHER ZUM BERUF

 

vgl. Schenk-Danzinger, L.: Entwicklung, Sozialisation, Erziehung (Schule und Jugendalter), 1. Aufl.,
Klett Velag, 1988, S. 222 f.

* Problematisch für viele Jugendliche, die eine Berufswahl unmittelbar vor Beendigung der allgemeine Schulpflicht treffen müssen, ist, daß sie dafür eigentlich

zu jung sind und oft weder ihrer eigenen Neigungen, Fähigkeiten und Wünsche, noch über die Arten von Berufen selbst Bescheid wissen.

* Ein weiteres Problem besteht in der raschen Umstrukturierung der Wirtschaft. Diese macht eine frühe und zu enge Spezialisierung sinnlos. Vieles, was heute aktuell ist, kann morgen schon veraltet sein. Die Lehrlinge müssen sehr rasch umlernen oder sie verlieren ihren Arbeitsplatz.

* Weiters vermeiden Jugendliche eine Lehrstelle, die mit Schmutz und Unbequemlichkeiten verbunden ist. Eine wichtige Rolle spielt heute das soziale Prestige.

* Speziell für Mädchen ist es außerdem schwer, aus dem weiblichen Rollenbild aussteigen zu könne. Ihre Möglichkeiten sind auf wenige Frauenberufe beschränkt.

3 TYPEN VON BERUFSWÄHLERN: vgl. a.a.O., S. 223

Jaide hat im Jahre 1965 eine Typisierung von Berufswählern vorgenommen, die bis heute noch gültig sind.

Typus I = Arbeitsbeginn nach Umständen und äußeren Einflüssen:
Jugendliche haben oft noch keine bestimmten Berufsvorstellungen. Sie werden von den Eltern in eine spezielle Richtung gedrängt. Diese Schüler sind meist schwache und unentschlossene Schüler.

Typus II = Berufswahl nach Neigungen und Meinung:
Bei dieser Art von Schülern sind die Berufsvorstellungen noch unklar. Sie sind jedoch auf einzelne Verrichtungen konzentriert (geregelte Arbeitszeit, früher Feierabend,...).
Hier entspricht zumeist die Eignung der Neigung.

Typus III = Berufsbeginn der Zielbewußten:
Bei diesem Typ ist das Berufsbild richtig. Er zeichnet sich durch Vitalität, Intelligenz, Konzentrationsfähigkeit, Handlungsgeschick,... aus. Der Schüler hat den Beruf bereits mit einer gewissen Reife und Selbständigkeit gewählt.


9. ZUFRIEDENHEIT MIT DER AUSBILDUNG

Diese sind durch nachfrageseitige Faktoren und angebotsseitige Faktoren bedingt. Meggeneder, Nemella: Jugend am Arbeitsmarkt - Chancen und Barrieren, Bundesministerium für
soziale Verwaltung, Rudolf Trauner-Verlag, Linz 1987, S. 2 ff.
Nachfrageseitige Faktoren
beziehen sich auf den Bereich des Arbeitsmarktes. Hier wird unterschieden in:

* Formen des Arbeitsverhältnisses (befristet oder unbefristet)
* Qualifikationen, Berufswechsel
* Transparenz des betrieblichen Arbeitsmarktes (Entlohnung, Karrieremuster,...)
* Zutrittskriterien, Einstellungstests
* Arbeitsplatzsicherheit, Arbeitsplatzzufriedenheit
* Arbeitsbelastungen
* Unternehmerische Strategien
* Einkommenshöhe

Angebotsseitige Faktoren sind jene Faktoren, die der Arbeitnehmer einbringt.
Dies sind z.B.:
* Ausbildung
* Berufserfahrung, Arbeitsplatzwechsel
* berufliche Stellung (Arbeiter, Angestellter,...)
* Geschlecht, Alter, Familienstand
* Gesundheit, Arbeitslosigkeit
* Erwartungen, Berufsperspektiven, Selbstverwirklichung
* Arbeitswille, Motivation
* Mobilität und Flexibilität

Weiters können auch externe Faktoren wie Betriebsgröße, Pendler, Eigentumsverhältnis usw. eine Rolle spielen.


10. BERUFLICHE UMWELT

 

vgl. Oerter R., Montada L.: Entwicklungspsychologie, Beltz-Verlag, 2. Aufl.,
München 1987, S. 337 ff.

Hollander meint, daß der Jugendliche eine berufliche Umwelt auswählt, die seine Wünschen entsprechen. Aus diesem Grund unterscheidet er 6 Persönlichkeits- und Umwelttypen. Diese sind:

realistisch, intellektuell, sozial, angepaßt, dominant und ästhetisch.

Eine Publikationsreihe des Deutschen Jugendinstituts in München (Kreutz 1964) zeigt weiters, daß zwischen den 2 Umwelten eines Gymnasiasten und eines berufstätigen Jugendlichen verschiedene Entwicklungsverläufe zu erkennen sind.
Anhand einer Gegenüberstellung wird dies veranschaulicht:

Quelle: Oerter, Montada: Entwicklungspsychologie, 1987


11. BERUFLICHE SOZIALISATION

 

vgl. Pätzold G.: Jugend, Ausbildung und Beruf, in: Krüger H.: Handbuch der Jugend-Forschung,
Leske Verlag 1988, Neuss, S. 274 ff.

Berufliche Sozialisation ist der komplexe Lern- und Erfahrungsprozeß, in dessen Verlauf sich der Jugendliche mit den materiellen und sozialen Bedingungen seiner Ausbildungs- und Arbeitssituation auseinandersetzt. Dabei konkretisiert und modifiziert er zentrale Interpretationen sozialer Sachverhalte und stabilisiert so seine Persönlichkeitsveränderungen, oder transformiert sie auf die gesellschaftlichen Verhältnisse.

Die Grundstrukturen der Persönlichkeit erkennt man bereits vor Berufseintritt. Das gleiche gilt für die geschlechtsspezifische und schichtspezifische Sozialisation.
Als berufliche Sozialisation wird die zumeist problemlose Integration der Arbeitenden in das soziale System des Betriebes verstanden, ohne Eigenstruktur und Eigendynamik der menschlichen Persönlichkeit.

Dies verhält sich aber genau entgegengesetzt zu den Ansprüchen der Jugendlichen an die Arbeit. Die Jugendlichen wollen eine inhaltlich anspruchsvolle und für sie befriedigende Arbeitstätigkeit. vgl. Friebel H.: Berufsstart und Familiengründung - Ende der Jugend, Westdeutscher Verlag GmbH,
Opladen, 1990, S. 22

Inwieweit ein Jugendlicher eine Ausbildungsstelle erhält, in der er eigene Berufsperspektiven entwickeln kann, hängt großteils von seiner Herkunft und seiner Bildung ab. Besonders betroffen sind dadurch bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Ausländerkinder, Behinderte, Mädchen und Jugendliche mit niedrigen Schulabschlüssen. In der gegenwärtigen schlechten Arbeitsmarktsituation werden den Jugendlichen die Probleme der Verwirklichung ihrer beruflichen Lebensplanung immer früher bewußt und sie setzen sich damit auseinander. Dies zeigen auch die Stellungnahmen in den Interviews.
Jeder vierte Lehrling hält es heute für schwierig, später vom Ausbildungsbetrieb übernommen zu werden. Immer mehr Jugendliche werden nach abgeschlossener Berufsausbildung arbeitslos oder müssen sich mit der zweifelhaften Chance einer ausbildungsfremden Hilfsarbeit anfreunden. vgl. a.a.O., S. 24 ff.


12. BERUFSWAHLMOTIVE

Es zeigt sich, daß Ausbildungszufriedenheit zum größten Teil von den Bedingungen im Betrieb, sowie von Machtverhältnissen abhängt. Weiters ist wichtig, ob die Erwartungen des Jugendlichen in der Ausbildung erfüllt sind. Oft stehen diese aber im Konflikt mit den objektiven Gegebenheiten. Die Erwartungen in die Zukunft steigen bei erfolgreicher Aufgabenbewältigung und sinken bei Versagen. vgl. Schenk-Danzinger, L.: Entwicklung, Sozialisation, Erziehung (Schule und Jugendalter), 1. Aufl.,
Klett Velag, 1988, S. 224 f.

Auf die Frage nach den Gründen für die Wahl des Berufes wurden vorrangig folgende genannt (Stichprobe = 1528 Jugendliche): Meggeneder, Nemella: Jugend am Arbeitsmarkt - Chancen und Barrieren, Bundesministerium für
soziale Verwaltung, Rudolf Trauner-Verlag, Linz 1987, S. 50 ff.

Quelle: Meggeneder, Nemella: Jugend am Arbeitsmarkt -
Chancen und Barrieren
, Linz 1987


13. JUGENDLICHE UND ARBEITSLOSIGKEIT

Zu den größten Jugendproblemen gehört die Arbeitslosigkeit. Wie bereits erwähnt, beträgt die Arbeitslosenquote zur Zeit ca. 6 %. Davon sind zum größten Teil Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren betroffen (siehe ÖIBF: Arbeitsmarkt November 1995).

Die Frustration, die dabei entsteht, das ständige Bewußtsein, nichts zu sein, nichts zu haben und nichts zu werden und das Wissen um die eigene Nutzlosigkeit bleibt nicht ohne Auswirkungen. Die Spannungen werden zu Haß, Aggression und sogar zu kriminellen Aktivitäten, um sich abzureagieren. Es kann aber auch zur totalen Resignation kommen. Drogenkonsum wird oft ebenfalls zur Folgenreaktion der Arbeitslosigkeit. vgl. Schenk-Danzinger, L.: Entwicklung, Sozialisation, Erziehung (Schule und Jugendalter), 1. Aufl.,
Klett Velag, 1988, S. 226 f.


14. RESUMÉE

In der Zukunft wird sich durch die äußerst angespannte Arbeitsmarktsituation ein Schüler nicht mehr gezielt auf eine bestimmte berufliche Tätigkeit hin orientieren können. Wichtig ist, daß ein konkretes Anspruchsniveau der beruflichen Tätigkeit sichergestellt werden muß, um die jeweils höchste Ausbildungs- und Berufstätigkeit erstreben zu können. Es sollten möglichst viele Optionen offengehalten werden. Daher ist eine breitgefächerte Grundausbildung und die Vermittliung von Schlüsselqualifikationen ein wesentliches Anliegen der Betriebspädagogik im Bereich der beruflichen Erstausbildung..

Von großer Bedeutung ist vorallem bei Lehrlingen auch die Qualität des Abschlußzeugnisses. Bildung ist mehr gefragt den je, um sich von seine Mitbewerbern zu unterscheiden. Zu vergessen ist dabei aber nicht die soziale Kompetenz.

Am Ende ihrer Schulzeit haben sich Jugendliche eine Ausgangsposition für ihre weitere Lebens- bzw. Berufslaufbahn geschaffen. Das Sprichwort Lernen für später
ist brüchig geworden, da sie für eine sichere Einstellung bei guten Zensuren garan-tiert. vgl. Hurrelmann K.: Warteschleifen, Keine Berufs- und Zukunftsperspektiven für Jugendliche ?,
Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1989, S. 81 ff.

Wichtiger jedoch ist es, daß die Schule Beiträge zur Bewältigung der täglichen Lebensprobleme von Jugendlichen liefert und sie gezielt auf die eventuell auftretenden Härten und Enttäuschungen in der Berufswelt hinweist, damit die Erwartungen nicht zu hoch angesetzt werden.


15. GLOSSAR

Beruf
Tätigkeit, der das systematische Erlernen bestimmter Kenntnisse, Fertigkeiten und die Entwicklung von Fähigkeiten nach einer vorausgegangenen Berufsausbildung zugrunde liegt. Im Idealfall deckt sich der Beruf mit der Berufung des Menschen für eine bestimmte Tätigkeit, die ihm Freude und Selbstverwirklichung bei seiner Arbeit ermöglicht. Zum Beruf führt die systematische Berufsausbildung (Lehre oder Berufsbildene Höhere Schule). vgl. Paulik H.: Lexikon der Ausbildungspraxis,Verlag moderne Industrie, 1975, S. 49

Berufswahl
Vorgang der Entscheidung des Einzelnen für einen bestimmten Beruf, meist unter Zugrundelegung eines adäquaten Ausbildungsberufes, beeinflußt durch einer Vielzahl individueller und gesellschaftlicher Determinaten.

Berufswahlreife
Fähigkeit und Bereitschaft zu einer eigenen Berufsentscheidung unter Berücksichtigung der individuellen Interessen, Neigungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu gelangen.

Exploration
Als explorieren wird hier das aktive Erkunden der beruflichen Umwelt verstanden.

Flexibilität
Fähigkeit, sich ständig neuen Aufgaben und Situationen anzupassen. Berufliche Flexibilität versteht darunter die Fähigkeit, neue Arbeitsplätze auszufüllen und neue Arbeitsverfahren zu erlernen. vgl. Paulik H., a.a.O., S. 106

Mobilität
Fähigkeit, neue Arbeitsplätze im gleichen oder in einem anderen Betrieb auszufüllen, also berufliche Beweglichkeit. Erforderlich dafür ist eine breite berufliche Bildung und die Bereitschaft sich rechtzeitig durch eigene Weiterbildung darauf einzustellen. Weiters die Fähigkeit betriebliche, wirtschaftliche und soziale Veränderungen rechtzeitig zu erkennen. vgl. Paulik H., a.a.O., S. 180

Sozialisierung - berufliche Sozialisation
Vorgang des Hineinwachsens eines Menschen in die ihn umgebende berufliche Umwelt, in dem er sich den Normen und Rollen entsprechend verhalten lernt. Die Sozialisierung hat bei der Entwicklung persönlicher Eigenschaften große Bedeutung, vgl. Paulik H., a.a.O., S. 218


LITERATURVERZEICHNIS

* Arbeitsmarktvorschau 1996, Arbeitsmarktservice Österreich, Dez. 1995

* BIPOL, Lehrlingsausbildung und Prüfungswesen in Oberösterreich, Statistik 1995,
Dr. Herwig Siegl, Wirtschaftskammer OÖ - Abt. Bildungspolitik

* Berufsbildungsbericht 1995, Bundesministerium für wirtschaftliche Ange-
legenheiten, Dr.Wolfgang Lentsch, Nov. 1995

* Friebel H.: Berufsstart und Familiengründung - Ende der Jugend, Westdeutscher
Verlag GmbH, Opladen, 1990

* Hurrelmann K.: Warteschleifen, Keine Berufs- und Zukunftsperspektiven für
Jugendliche ?, Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1989

* Kahl O.: Berufliche Entscheidung und berufliche Laufbahn, Leuchtturm-Verlag, Darmstadt, 1981

* Lehrlingsstatistik 1995, Band 1: Übersichten, Werner Hackl, Wirtschaftskammer
OÖ, Februar 1996

* Meggeneder, Nemella: Jugend am Arbeitsmarkt - Chancen und Barrieren,
Bundesministerium für soziale Verwaltung, Rudolf Trauner-Verlag, Linz 1987

* Oerter R., Montada L.: Entwicklungspsychologie, Beltz-Verlag, 2. Aufl.,
München 1987

* Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung, Arbeitsmarkt November 1995

* Pätzold G.: Jugend, Ausbildung und Beruf, in: Krüger H.: Handbuch der Jugend-
Forschung, Leske Verlag 1988, Neuss

* Pollmann A.: Beruf oder Berufung? Zum Berufswahlverhalten von Pflichtschulabgängern, Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main,1993

* Schenk-Danzinger, L.: Entwicklung, Sozialisation, Erziehung (Schule und
Jugendalter), 1. Aufl., Klett Velag, 1988


© Konrad Cornelia & Kofler Sylvia 1996