Johannes Kepler Universität Linz

Seminar aus Erziehungswissenschaft: Entwicklung im Jugendalter

Leiter: Ass. Prof. Dr. Werner Stangl

© Werner Stangl, Linz 1997.
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Thema 2:
CHARAKTERISTIKA DER VORPUBERTÄT

Seminar aus Erziehungswissenschaft
(Sommersemester 1996)

Entwicklung im Jugendalter

LV-Leiter: Dr. Stangl Werner

Referenten:
LEHNER Peter 406 / 8555012
SCHMIDHUBER Heinrich 412 / 8732432


1. EINLEITUNG
Definition - Vorpubertät
Physiologische Veränderungen
Akzeleration

2. Entwicklungsverlauf
Allgemeine Entwicklungsanforderungen
Die geistig-kognitive Entwicklung
Entwicklungsverlauf bei Mädchen: Negative Phase
Vorpubertät bei Jungen: FlegeljahreKraftsteigerung
Auswirkungen der Vorpubertät auf Schulische Leistungen

3. Psychische Entwicklung während der Vorpubertät
Selbstzuwendung/Selbstreflexion
Tagträume als Versuch der Konfliktlösung
Ideale
Wertbildung
Rollenunsicherheit
Ängste

4. Soziale Entwicklung
Akzeleration/Retardation und Auswirkungen auf die psychische
Entwicklung
Beziehung zur Familie
Gruppenbeziehung und -erleben
Auswirkungen auf die Schule

5. Pädagogische Schlußfolgerungen

 

Literaturverzeichnis

GLOSSAR

 


EINLEITUNG

In der Vorpubertät beginnt sich das Kind zum Erwachsenen zu entwickeln. Neben seinen körperlichen Veränderungen findet eine Vielzahl von psychischen Veränderungen statt.

In dieser Lebensphase ist es von entscheidender Bedeutung, wie die soziale Umwelt auf die physische Entwicklung des Kindes reagiert.
Denn einerseits reagieren Jugendliche sehr empfindlich darauf, wenn sie von Erwachsenen nach wie vor als Kind gesehen und auch so behandelt werden, andererseits besteht die Gefahr, daß Erwachsene die Jugendlichen aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung bereits in eine Rolle drängen, der sie aufgrund ihrer psychischen Konstellation noch nicht gewachsen sind.

Im Rahmen dieses Referats werden Probleme, denen Jugendliche in der Vorpubertät gegenüberstehen, behandelt.
Hierbei werden sowohl typische Entwicklungsverläufe von Vorpubertierenden, als auch charakteristische Probleme und Ängste sowie Veränderungen im sozialen Bereich betrachtet.

Abschließend werden die Ansichten von Pädagogen bezüglich Vorpubertierenden besprochen.

DEFINITION: VORPUBERTÄT

Die Vorpubertät ist die Phase, die nach dem Latenzalter (Zeit zwischen dem 6. und 10. Lebensjahr) folgt.
"Als Vorpubertät bezeichnet man die Zeitspanne zwischen dem ersten Auftreten der sekundären Geschlechtsmerkmale und dem ersten Funktionieren der Geschlechtsorgane (Menarche beim Mädchen, erster Samenerguß beim Knaben), das übrigens in den meisten Fällen noch nicht gleichbedeutend mit Zeugungsfähigkeit ist" (SCHENK-DANZINGER 1988, S. 321)

Bei Mädchen setzt die Vorpubertät um ca. 2 Jahre früher ein als bei Knaben.

Physiologische Veränderungen

Ausgelöst durch die Hypophyse, der Hirnanhangdrüse, werden im Körper Wachstumshormone sowie Hormone, die eine anregende Wirkung auf endokrine Drüsen haben, freigesetzt. Diese endokrinen Drüsen steuern den Wachstums- und Entwicklungsprozeß und sind durch die Produktion der Androgene bzw. Östrogene für das Körperwachstum sowie die geschlechtliche Reifeentwicklung verantwortlich.
"Das Zusammenspiel zwischen hormonellen Einflüssen und körperlichen Veränderungen, das zu den psychischen Veränderungen führt, läßt sich als ein komplexer Regelkreis zwischen mehreren Faktoren verstehen. Das folgende Schaubild (Abb. 1 im Anhang) soll dies verdeutlichen:" (SCHURIAN 1989, S. 64)

Akzeleration:

Säkulare Akzeleration:
"Unter Akzeleration (lat: accelerare = beschleunigen) versteht man die Beschleunigung und zeitliche Vorverlegung der körperlichen (insbesonders der geschlechtlichen) und der psychischen Entwicklung bei Jugendlichen gegenüber früheren Generationen" (EBERLE, HILLIG 1988, S. 26)

Die Ursachen für die Akzeleration sind nicht völlig geklärt, als solche werden bessere Hygiene, ausgewogene Ernährung, Reizüberflutung sowie andere Umwelteinflüsse (Bestrahlung durch künstliches Licht, klimatische Bedingungen) genannt.

Individuelle Akzeleration:
Neben der Säkularen Akzeleration gibt es die Individuelle Akzeleration. Jugendliche reifen unterschiedlich schnell. Als akzelerierte Jugendliche versteht man solche, bei denen die Reifung sehr früh eintritt. Jugendliche, die langsamer als der Altersdurchschnitt reifen, bezeichnet man als retardiert.


Entwicklungsverlauf

Allgemeine Entwicklungsanforderung

Erikson beschreibt in seinem Buch "Identität und Lebenszyklus" die Phase der Pubertät mit folgenden Worten:
"I ain`t what I ought to be, I ain`t what I`m going to be, but ain`t what I was". (ERIKSON 1966, zit. nach HEIDEMANN 1979, S. 12)

Charakteristisch für die Zeit der Pubertät sind tiefgreifende Veränderungen, die sich sowohl im somatischen als auch im sozialen und psychischen Bereich vollziehen.
Die psychischen Veränderungen sind sowohl als Folge der hormonalen Umstellung, als auch als Reaktionen auf das Bewußtwerden der körperlichen Entwicklung und auf das veränderte Verhalten der Umwelt zu verstehen. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1988, S.321)

"Physiologisch gesehen ist die Pubertät eine Periode des Übergangs zwischen Kindsein und Erwachsenensein, eine Zeit raschen Gestaltwandels. Im psychisch-sozialen Bereich vollzieht sich der erste Schritt zur eigenen Persönlichkeit, die Suche nach einer anerkannten Rolle in der Gesellschaft und die Loslösung von der bisherigen Familienbindung. Im biologisch-somatischen Bereich tritt die Fähigkeit zur Empfängnis und Zeugung ("Reproduktion") ein." (HEIDEMANN 1979, S. 17)

Während der Reifejahre muß sich der Jugendliche über sein Selbstbild und seinen neuen Status im klaren werden. Der Jugendliche merkt einerseits, daß er kein Kind mehr ist, fühlt sich aber andererseits in der Erwachsenenwelt noch nicht geduldet bzw. angenommen. Der Vorpubertierende fühlt sich in dieser Situation von allen Bezugspersonen im Stich gelassen und versucht für sich alleine mit dieser neuen Situation fertig zu werden.

Die geistig-kognitive Entwicklung

Neben den somatischen Reifungen, die in der Zeit der Pubertät auftreten, sind eine Reihe von kognitiven Veränderungen zu bemerken.
In dieser Phase entwickelt sich die Fähigkeit, in Problemlösungssituationen komplexe Zusammenhänge zu erkennen und zu bewältigen. Es kommt zu einer Zunahme formal-abstrakter, intellektueller Fähigkeiten.
Parallel mit der Fähigkeit zum abstrakten Denken ändert sich das Sprachverhalten der Jugendlichen. Hierbei ist sowohl ein sprunghafter Anstieg des Wortschatzes, als auch die Fähigkeit schwierige Satzkonstruktionen zu bilden, zu bemerken.
Mit der Zunahme der geistigen Leistungsfähigkeit entwickelt sich die Fähigkeit, auf längere Sicht zu organisieren und zu planen, diese Pläne zielstrebig zu verfolgen und aus Fehlern zu lernen.
"Neue Entwicklungsschritte zeichnen sich vor allem ab in der Fähigkeit zur Hypothesenbildung und zur Klassifizierung formal-abstrakter Denkoperationen. Es entwickelt sich ein Verständnis für symbolische Vorgänge (Verständnis für Gleichnisse und Parabeln) und logische Operationen. Gleichzeitig vollzieht sich ein Prozeß kritischen Nachdenkens über sich selbst sowie als Folge der Fähigkeit zur Hypothesenbildung der Entwurf von Zukunftsplänen." (HEIDEMANN 1979, S. 28)

Die Vorpubertät des Knaben ist durch Wißbegierde gekennzeichnet. Sein Interesse richtet sich sowohl auf den Wunsch, Zusammenhänge zu erfahren (Wunsch nach richtigem Funktionieren von Spielsachen), als auch auf das Bedürfnis, zu sammeln (Vgl. SCHENK-DANZINGER 1988, S. 337).

Entwicklungsverlauf beim Mädchen - Negative Phase

Die Vorpubertät der Mädchen setzt um 1 bis 2 Jahre früher ein als bei den Knaben.
Zu Beginn der Vorpubertät haben Mädchen und Knaben noch ähnliche Interessen. In dieser Zeit spricht man von einer
"positiv getönten Erregungsphase mit körperlicher Unruhe, starkem Rededrang und der Bereitschaft, über alles ohne Grund zu lachen" (SCHENK-DANZINGER 1988, S. 338)

Einige Monate vor dem Einsetzen der Menarche tritt beim Mädchen die "negative Phase" (HETZLER 1926, zit. nach SCHENK-DANZINGER 1988, S. 338) auf, welche sich durch allgemeine Unlust, Stimmungsschwankungen, depressivem, albernem oder launischem Verhalten auszeichnet. In dieser Zeit werden Mädchen sehr inaktiv, da sie ihre Unlust gegen sportliche Betätigung nicht überwinden können. Es kommt häufig zu Konflikten zwischen Können und Wollen: Einerseits möchten die Mädchen ihre Schulpflichten erfüllen, bzw. körperlich aktiv sein, andererseits können sie ihre Unlust gegen körperliche Aktivitäten nicht überwinden.

"Von negativer Phase sprechen wir zur Kennzeichnung eines individuell sehr unterschiedlich ausgeprägten Stimmungsumschwungs, der wahrscheinlich biologisch,..., hervorgerufen wird. Dieser Umschwung vollzieht sich vom heiter-knabenhaften Habitus zu Beginn der Vorpubertät zur Stimmungslabilität der Pubertät, die mit dem Eintritt der Menarche keineswegs abklingt, sondern, je nach der bereits vorgeprägten Persönlichkeitsstruktur und den Lebensumständen, mehr oder weniger ausgeprägt erhalten bleiben kann, in der Adoleszenz jedoch meist allmählich verschwindet." (SCHENK-DANZINGER 1988, S. 339)

Diese labile Affektivität führt zu Konflikten mit der Familie und mit Freundinnen.

"...das mit negativer Phase bezeichnete Verhaltenssyndrom am ehesten dann in Erscheinung tritt, wenn ein Individuum mit einer neuen und unbekannten sozialen Situation konfrontiert wird, die zu Rollenkonflikten führt. Eine veränderte Stellungnahme zu sich selbst und im Hinblick auf soziale Bezüge ergibt sich in der Zeit der Adoleszenz insbesondere aus dem Konflikt zwischen Abhängigkeit (z.B. Bindung an die Familie, Schule, Gruppe der Gleichaltrigen) und Ablösung..." (DEGENHARDT 1971, S. 2)

Vorpubertät beim Knaben

Kraftsteigerung

Knaben verspüren in dieser Phase ein erhöhtes Bewegungsbedürfnis, welches von körperlicher Leistungsfähigkeit begleitet wird. In diesem Alter können Knaben sehr lange in Bewegung sein, sind bereit, unter Anleitung zu trainieren und interessieren sich für alle Arten von Wettbewerb.
Ihre Kraftsteigerung wird durch eine gesteigerte Aggressivität begleitet, die sich sowohl gegen Gleichaltrige als auch gegen Tiere richten kann. Schenk-Danzinger erklärt diese Aggressivität folgendermaßen:
"Eine gesteigerte Aggressivität, die bis zur Rohheit gehen kann, wohl als Folge der vielfach frustrierten Kräfte" (SCHENK-DANZINGER, 1988, S. 332).

Knaben in diesem Alter sind oft nicht bereit, Gefühle zu zeigen, da sie diese als Bedrohung ihrer Männerrolle empfinden.

Knaben nehmen in diesem Lebensabschnitt ihre Umwelt mit allen Sinnen wahr. Geräusche, Gerüche, Lichteffekte, Geschmacksempfindungen sowie Hautgefühle bereiten ihnen lustvolle Erfahrungen. Deshalb ist auch ihre Bereitschaft, Unfug zu machen bzw. Abenteuer zu erleben gesteigert. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1988, S. 332).
Um Abenteuer bzw. Mutproben durchführen zu können, schließen sich Knaben häufig zu Gruppen mit Gleichaltrigen zusammen.

Flegeljahre

Bei Knaben spricht man in dieser Phase von den "Flegeljahren".
"...nach außen durch eine gewisse gespielte Überheblichkeit, Kraftprotzerei und Angeberei gekennzeichnet, alles Symptome der sogenannten "Flegeljahre"." (HEIDEMANN 1979, S. 48)

Diese Verhaltensweisen der Knaben müssen als
"Symptome der inneren und äußeren Unruhe und Orientierungslosigkeit des Heranwachsenden" (HEIDEMANN 1979, S. 65)

gedeutet werden.
Die Burschen sind unausstehlich, bockig, verschlossen, wortkarg, nicht kooperationsbereit, aufsässig und unordentlich. Hinter diesem Verhalten versteckt sich aber die tatsächliche seelische Verfassung des Knabens. Durch die Symptome der "Flegeljahre" sollen Ängste und statusmäßige Unsicherheiten überspielt werden.

Affektive Labilisierung

Die depressive Grundstimmung, in der sich Vorpubertierende befinden, bezeichnet man als "Affektive Labilisierung". Neben der allgemeinen Unlust wird diese Zeit durch eine zunehmende emotionale Distanz zu den bisherigen Bezugspersonen sowie dem Wunsch nach Alleinsein und Einsamkeit gekennzeichnet.

Auswirkungen der Vorpubertät auf die Schulleistungen

Mit dem Eintritt in die Vorpubertät tritt gleichzeitig ein Nachlassen der Schulleistungen auf.
"Aus dem lernwilligen Kind entwickelt sich der lernscheue Jugendliche, der in seinen Arbeiten unzuverlässig wird, unkonzentriert ist und in der dauernden Gefahr des Schulversagens schwebt." (FEND 1990, S. 91)

Bei Mädchen zeigt sich ein Notentief zwischen 12 und 14 Jahren, bei Knaben zwischen 14 und 15 Jahren. Bei Knaben ist ein Verfall der Arbeitshaltung zu bemerken, während Mädchen die Lust am Lernen verlieren und bei ihnen ein allgemeines Zurücktreten der sachlichen Interessen zu verzeichnen ist. Dies ist als Folge der Veränderungen der Werte und Interessen im Zusammenhang mit der "Erotisierung der Umwelt" zu sehen (vgl. SCHENK-DANZINGER 1988, S. 343)
Knaben sind dagegen weiterhin sehr wißbegierig und beginnen u.a. verschiedenste Dinge zu sammeln (vgl. SCHENK-DANZINGER 1988, S. 343)
Neben dem allgemeinen Leistungsverfall ist ein Rückgang in der Anstrengungsbereitschaft der Jugendlichen sowie ein zunehmendes Schuleschwänzen sowie Disziplinlosigkeit zu bemerken (vgl. FEND 1990, S. 92)



Psychische Entwicklung während der Vorpubertät

Selbstzuwendung und Selbstreflexion

Parallel mit der Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale beginnt der Vorpubertierende die Aufmerksamkeit auf seinen Körper zu richten.
"Fragt man Jugendliche, worüber sie sich am häufigsten Gedanken machen, dann nennt fast jeder zweite sein körperliches Aussehen...Dem kritischen Jugendlichen fällt z.B. auf, daß seine Nase zu lang, sein Kinn zu klein und seine Füße zu groß sind...kein Pickel und Mitesser entgeht seiner Aufmerksamkeit." (MIETZEL 1989, S. 239)

Indem er sich bewußt wird, daß er sich zum Erwachsenen entwickelt, reflektiert er seine soziale Stellung. Inwieweit sich der Jugendliche selbst zuwenden kann und seine eigenen Wünsche, Gefühle, Neigungen und Gedanken erkennt, ist abhängig von seiner Schulbildung und Schichtzugehörigkeit. (Vgl. NICKEL 1976, S. 341)
Durch den Prozeß der Selbstreflexion wird die Suche nach der eigenen Identität ausgelöst. Die Identitätsfindung, das heißt die Konstituierung des Selbst als ein einmaliges, unverwechselbares Individuum, verläuft von außen nach innen. Erst durch die kritische Betrachtung des eigenen Körpers (körperliche Veränderungen) wird auch eine psychische Auseinandersetzung mit den eingetretenen Veränderungen ausgelöst.

"Im Gegensatz zu dem sorglosen und extrovertierten Selbst der späten Kindheit wird das Selbst des Jugendlichen zu einem entscheidenderen und klarer umrissenen Objekt seines Gewahrseins. Der Jugendliche scheint interessiert, seine Gefühle in bezug auf sich selbst genauer in Worte zu fassen. Tagebücher sind praktisch fast ausschließlich ein Phänomen des Jugendalters." (AUSUBEL 1970, S. 179)

Die beginnende Selbstreflexion löst ein verstärktes Interesse für psychische Vorgänge auch bei anderen aus .
"Charakteristisch für die nach außen gerichtete Tendenz sind die Entfaltung neuer Interessen, die Auseinandersetzung mit Normen und Wertvorstellungen, das Suchen nach neuen Bindungen und Formen des Zusammenlebens, erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht und Probleme der Berufswahl und Ausbildung." (vgl. FLEISCH 1982, S. 60)

"Mit der beginnenden Selbstreflexion während der Pubertätszeit ist der Heranwachsende auf der Suche nach einem Ich-Ideal. Sie zeigt sich in der Auseinandersetzung mit ethischen, politischen und weltanschaulich-religiösen Vorstellungen und Wertmaßstäben." (HEIDEMANN 1979, S. 49)

Tagtraum als Versuch der Konfliktbewältigung

Da in diesem Alter das Bedürfnis nach Eigenleben entsteht, versuchen Jugendliche, sich durch Tagträume ihre eigene Welt zu gestalten.
Unter Tagtraum versteht man eine Form von Phantasietätigkeit,
"in deren Verlauf ein Individuum sich ohne besondere Absicht und unter weitgehender Ausschaltung der Beobachtung seiner unmittelbaren Umgebung angenehmen Vorstellungen hingibt, die sich auf Wünsche beziehen, die im tatsächlichen Leben nicht erfüllt werden können." (DREVER, FRÖHLICH 1975, S. 288).

Der Tagtraum erfüllt folgende Funktionen:
Einerseits können im Rahmen normalen Phantasierens Erlebnisse verarbeitet werden (imaginäres Rollenspiel als Vorbereitung für kommende Begegnungen oder Aufgaben) und andererseits können durch Flucht in eine Ersatz- bzw. Phantasiewelt nicht bewältigten Wirklichkeitserlebnissen aus dem Weg gegangen werden. (HEHLMANN 1968, S. 555)
Nach Kobi (KOBI 1963, zit. nach SCHENK-DANZINGER 1988, S. 345) treten Tagträume vor allem in Situationen auf, in denen das Gefühl der Einsamkeit auftritt bzw. nach der Auseinandersetzung von Jugendlichen mit Filmen oder Lektüren.
Während die Tagträume von Jungen vorwiegend utopischen Charakter besitzen, weisen Tagträume von Mädchen stark erotische Züge auf.

Der Tagtraum stellt dann eine Gefahr dar, wenn er eine Flucht aus der Realität darstellt:
"...in exzessiver Weise auftritt, was besonders bei Einsamkeit, Monotonie, Fehlen von Erfolgen, bei andauernden Konfliktsituationen und chronischen Überforderungen, nach Schockerlebnissen und in Notsituationen der Fall sein kann" (SCHENK-DANZINGER 1988, S. 348).

Ideale

Idole erfüllen eine ähnliche Funktion wie Tagträume. Ideale sind mit alle Eigenschaften und Fähigkeiten ausgestattet, die man selbst nicht besitzt oder erfolglos anstrebt. Das Verehren von Idolen soll von eigenen Schwierigkeiten ablenken. Als bedrohlich wird die Verehrung von Idolen dann betrachtet, wenn es zur totalen Selbstaufgabe kommt, indem man durch unkritische Übernahme von Ansichten und Eigenschaften der Idole einen gestörten Realitätsbezug entwickelt.

Wertbildung

Werte sind Auffassungen darüber, was Wünschenswert und was nicht Wünschenswert ist. Werte reflektieren die Kultur einer Gesellschaft.
Im Verlauf der Pubertät kommt es zu einer Neubewertung der Wertkonzepte.
(Siehe Abb 2 im Anhang)
Die Veränderung der Wertkonzepte während der Reifezeit lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Mit zunehmendem Alter werden viele Auffassungen aufgrund besserer Einsicht und persönlicher Erfahrung verändert. Was aus der Sicht des 11jährigen abzulehnen ist (Scheidung, Rauchen), geht häufig mit einem religiös-sittlichen Persönlichkeitsbild einher. Im Laufe der Reifezeit paßt der Jugendliche den Wertordnungen seiner Umwelt an. (siehe Abb.3 im Anhang)

Rollenunsicherheit

Unter einer "Rolle" versteht man
"festgelegte Verhaltensweisen innerhalb einer Gruppe, die mit dem sozialen Status eines Individuums verknüpft sind und deren Befolgung von den Interaktionspartnern wechselseitig erwartet wird" (BROCKHAUS 1982, S. 218).

Der Begriff "Status" steht für den
"Standort eines Individuums oder einer Gruppe in der unter bestimmten Wertgesichtspunkten entwickelten Rangordnung eines sozialen Systems" (BROCKHAUS 1982, S. 230).

Der Jugendliche befindet sich in einem Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenstatus, und sieht sich in dieser Zeit wachsenden Problemen gegenübergestellt. Einerseits versuchen die Jugendlichen in dieser Zeit persönliche Autonomie zu erlangen, andererseits befinden sie sich aber nach wie vor in materieller Abhängigkeit zu den Erwachsenen und werden von diesen noch nicht als vollwertig anerkannt.

"...das Jugendalter erscheint in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft als eine Zeit des Übergangs. Es ist die Rede von der "Ambivalenz" des Jugendlichen, von einer Phase der spannungsreichen Objektfindung, von der Balance zwischen Gleichgewicht und Ungleichgewicht, zwischen "Identität" und "Rollendiffusion". Im kognitiven Bereich geht im Jugendalter eine "Umstrukturierung" vonstatten, ein Übergang von "konkreten" zu "formalen" Denkoperationen. In ihrer Sexualität schwanken Jugendliche zwischen Liebe und Erotik, oder zwischen sinnlichen und geistigen Bedürfnissen. Daß während des Jugendalters eine generelle Verhaltensunsicherheit zu vermerken sei, wird von Vertretern der Rollentheorie behauptet. "Anpassung" oder "Nicht-Anpassung", die gesamte Konformitätsthematik, wird als ein anderes typisches Zeichen des Jugendalters gesehen. Für Gesell (1958) ist im Jugendalter eine zweite "negative Phase" festzustellen; für Rank (1945) wie für amerikanische Jugendpsychologen (...) zeichnet sich die Jugendphase durch "Abhängigkeit" und "Unabhängigkeit" (Ablösung von den Eltern) aus; für Kretschmer (1961) und Sheldon (1940) ist die Jugendphase schlichtweg "schizoid"...Selbst das Urteil über die "Sturm- und Drang"-Periode weicht inzwischen einem anderen. So hat Bandura (1964) darauf hingewiesen, daß der Übergang vom Kind zum Erwachsenen ebenso harmonisch/disharmonisch verläuft wie andere Übergänge: die "Fiktion" vom "Sturm und Drang" rühre aus der ungerechtfertigten Übertreibung von Randerscheinungen, so etwa, wenn vom abweichenden Verhalten einiger auf "Jugendliche" insgesamt verallgemeinert wird." (vgl.SCHURIAN 1989, S. 160f.)

Die Suche nach der eigenen Rolle ist unmittelbar mit der Identitätssuche verknüpft.
"Mit sich selbst in Übereinstimmung (Identität) kann man nur sein, wenn Denken und Handeln des Menschen nicht in Widerspruch geraten, wenn also Persönlichkeitsstruktur und Handlungsweise nicht zuwiderlaufen." (HEIDEMANN 1979, S. 54)

Die Einschätzung des Ichs ist, gerade in der Phase der Vorpubertät, besonders schwierig. (sieheAbb.3 im Anhang)

Bei Mädchen stellt sich häufig das Problem, daß sie nur sehr ungern die Rolle der Frau annehmen wollen. Dies steht damit in Zusammenhang, daß nach wie vor die Frau in unserer Gesellschaft die weniger attraktive Rolle innehat und mit Negativem in Verbindung gebracht wird. (Schwangerschaft, Geburt, Männer haben es viel besser).
"Bei den Mädchen kommt zu dieser allgemeinen Verunsicherung noch die Angst vor dem Schicksal Frau hinzu und verschärft die gesamte Problematik. Gerade in der Unterschicht, wo die Emanzipation der Frau noch nicht so weit vorangeschritten ist, sind die traditionellen Leitbilder der überforderten Mutter mit Kindern und einer zusätzlichen unqualifizierten Berufsarbeit noch weitgehend unangetastet wirksam...kann das Mädchen aus der in unserer Gesellschaft immer noch üblichen Bevorzugung des Sohnes, aus dem Gerede vom schwachen Geschlecht, aus der verächtlichen Haltung der Brüder, aus den Unterschieden in bezug auf die Freiheiten, die Mädchen und Knaben gewährt werden, aus allem, was es über die Beschwerden bei Menstruation, Schwangerschaft und Geburt erfahren hat, und schließlich aus einer ungünstigen Situation der Mutter zu dem Schluß kommen, daß Männer es besser haben und eine Frau zu sein kein Vergnügen ist." (SCHENK-DANZINGER 1988, S. 342)

Eltern bzw. Pädagogen stehen daher vor der Aufgabe, den Mädchen die Unrichtigkeit bezüglich der geistigen Inferiorität der Frau ins Bewußtsein zu führen und auf die Gleichwertigkeit der beiden Geschlechter hinzuweisen.

Ängste

In der Vorpubertät verändern sich die Ängste. Während Trennungsangst, Angst vor Unwetter, Tieren und Dunkelheit abnimmt, treten andere Ängste in den Vordergrund. Hierbei sind v.a. Die Menstruationsangst, bzw. Angst vor Blut, Kastrationsangst und Leistungsängste zu nennen.
"Immer häufiger wird Angst mit der Lebenssituation in Beziehung gesetzt. Sie erwächst aus der Frage nach dem Sinn des Lebens, aus der status- und rollenmäßigen Unsicherheit, aus dem Unvermögen, auf Konfliktsituationen angemessen und selbstbewußt zu reagieren und - ganz allgemein - aus der Ungewißheit vor der Zukunft (Prüfangst, Erwartungsangst)." (Heidemann 1979, S. 73)
(Siehe Abb. 5 Im Anhang)


Soziale Entwicklung

Akzeleration bzw. Retardation und Auswirkungen auf die psychische Entwicklung:

Die Umwelt (z.B. Familie, Gleichaltrige, Schule) reagiert auf Jugendliche entsprechend ihrer äußeren, körperlichen Entwicklung. Akzelerierte Jugendliche werden eher als Erwachsene behandelt als retardierte. Sie werden als vernünftiger betrachtet und ihnen wird mehr Unabhängigkeit zugestanden.
Akzeleration stellt besonders dann ein Problem dar, wenn die psychische Reife noch nicht erlangt wurde. Die Vorpubertierenden wissen oft nicht, wie sie mit dem Ansturm von Wünschen, Bedürfnissen und körperlichen Sensationen fertig werden.

Akzeleration bewirkt nach Roth folgende Veränderungen im psychischen Bereich:
- Selbstbehauptungstendenzen (eher Knaben)
- Hingabetendenzen und Zärtlichkeitsbedürfnis (bei Mädchen)
- ein frühes Ansprechen auf sexuelle Reize, eine Erotisierung der Umwelt
- Eine Verlagerung der Interessen aus der Familie hinaus und eine frühere Beziehungsaufnahme
zum anderen Geschlecht

Frühreifende Mädchen, bei denen die körperliche Entwicklung bereits in der Volksschule beginnt, können unter ihrern physischen Veränderungen leiden, wenn sie von den Knaben über ihr weibliches Aussehen gehänselt werden.
"...daß Mädchen von Jungen vor allem zu Beginn der Brustentwicklung gehänselt wurden...wobei sich frühentwickelte Mädchen besonders betroffen sahen." (KRACKE, SILBEREISEN 1994, S. 304)

Als Problem werden von akzelerierten Mädchen auch reduzierte Fähigkeiten im sportlichen Bereich genannt.
Ewert (EWERT, 1984, S. 2) spricht davon, daß akzelerierte Mädchen vor allem dann isoliert werden, wenn sie ihren Klassenkameradinnen biologisch weit voraus sind. Mädchen, die dagegen den anderen nur wenig voraus sind, werden nachgeahmt und bewundert.

Frühreife Knaben werden dagegen häufig aufgrund ihrer körperlichen Kraft bewundert.

Ein Problem der Akzeleration stellt sich dann, wenn Erwachsene an akzelerierte Jugendliche, die aufgrund ihrer psychischen Entwicklung noch kindliche Verhaltensweisen ausüben, zu hohe Erwartungen stellen.
Lehr (LEHR 1969, zit. in SCHENK-DANZINGER 1988, S. 327) weist darauf hin, daß akzelerierte Jugendliche häufig von ihrer Umwelt überschätzt werden. Von ihm werden Leistungen verlangt, die von ihm aufgrund seiner psychischen Entwicklung nicht erfüllt werden können.

Retardation, das bedeutet die Spätentwicklung steht häufig in Zusammenhang mit starken Minderwertigkeitsgefühlen. Besonders bei Knaben wird, ausgelöst durch die geringe Körpergröße und der damit verbundenen geringenen Körperkraft sowie weniger sportlichen Leistungen ein geringeres Selbstwertgefühl festgestellt. Der Spätentwickelte leidet häufig unter der Vorstellung, daß er klein und unscheinbar bleibt, allerdings verschwinden die Probleme mit Einsetzen der Pubertät, da der Entwicklungsrückstand damit aufgehoben wird.
Ewert (EWERT 1984, S. 3) spricht bei retardierten Jungen häufig von einem übereifrigen, angeberischen Verhalten. Sie versuchen durch ihr aufmerksamkeitsheischendes Verhalten - z.B. durch nicht altersangemessenes Verhalten - ihre körperliche Unterlegenheit zu überspielen.
Spätreifende Mädchen fühlen sich dagegen oft isoliert, da sie nicht ins Vertrauen gezogen werden, wenn ihre Kameradinnen über sexuelle Geheimnisse sprechen. Andererseits sind spätreifende Mädchen ihren Kameradinnen in Schulleistungen sowie sportlichen Leistungen überlegen, können also in diesen Bereichen Anerkennung durch die Gruppe erhalten.

Als längerfristige Auswirkungen von Akzeleration bei Jungen nennt Ewert (EWERT 1984, S.8), daß schneller Entwickelte im späteren Leben als dominanter beschrieben werden als ehemals langsam Entwickelte.
Ehemals retardierte Jugendliche haben später häufig ein negatives Selbstkonzept. Ewert verweist auf Untersuchungen, in denen ehemals Retartierte als empfindlicher, leichter reizbar, impulsiver, sensibler, reserviert, schüchtern und sozial weniger angepaßt beschrieben werden.

Familie

Jugendliche in der Vorpubertät streben nach persönlicher Autonomie. Sie wollen sich von den Eltern lösen und dadurch entstehen oft Konflikte mit den Erwachsenen.
(Siehe Abb. 5 im Anhang)
Die Ablösung von der Familie drückt sich unter anderem durch das Zurückziehen vor gemeinsamen Unternehmungen aus.
Ausgehend von ihrem Streben nach Unabhängigkeit, versuchen Jugendliche, sich gegen bisherige Gewohnheiten, Traditionen bzw. Verhaltensweisen zu stellen, denen sie sich zuvor gefügt haben. (vgl. SCHENK-DANZINGER 1988, S. 334f) Hierbei stehen die Verweigerung, Ordnung zu halten bzw. zu Hause mitzuhelfen bei Mädchen, sowie die Verweigerung von Pünktlichkeit bzw. persönlicher Hygiene bei Jungen im Vordergrund.

Hinter den ständigen Streitereien, in denen der Jugendliche versucht, durch Auseinandersetzungen mit den Erwachsenen seine Rolle innerhalb der Familie zu verändern, steht der Wunsch, von den Erwachsenen als vollwertige Person anerkannt und als Partner akzeptiert zu werden. Hinter diesen Konflikten steht also das Bedürfnis der Jugendlichen nach sozialer Anerkennung.
"Sehr empfindlich reagiert der Jugendliche, wenn man ihn nicht ernst nimmt, ihn oft tadelt, ihm selten Gelegenheit gibt, etwas zu tun, ihm nichts zutraut...Die Vorpubertät ist eine kritische Phase in der Entwicklung des Selbstwertgefühls, das vor allem von jenen Erwachsenen bedroht wird, die den Jugendlichen nicht für voll nehmen, ihn viel zuwenig Verantwortung tragen lassen und seinem Betätigungsdrang mit Mißtrauen und Ablehnung begegnen." (SCHENK-DANZINGER 1988, S. 334f)

Jugendliche entwickeln das Bedürfnis nach Eigenleben, welches sich in Form von Geheimnissen vor Erwachsenen ausdrückt.
Als Folge der Bedrohung des Selbstwertgefühls durch die Eltern kann Aufschneiden, Prahlen und Trotzhaltungen wie das "Aus-dem-Felde-Gehen" betrachtet werden.
Als Empfehlung, um bei derartigem Verhalten von Jugendlichen die Situation zu entschärfen, nennt Schenk-Danzinger "Verständnisvolle Toleranz, Ignorieren des Verhaltens, Humor und Hinweis auf den vorübergehenden Charakter dieser Veränderungen" (SCHENK-DANZINGER 1988, S. 335).

Die eigentlichen Probleme mit Jugendlichen in der Vorpubertät entstehen vor allem dann, wenn Erwachsene einen Erziehungsstil praktizieren, den sich Heranwachsende einfach nicht mehr gefallen lassen können, gegen den sie rebellieren müssen. Die Pubertätszeit bringt weniger Probleme mit sich, wenn der Erziehungsstil bereits in der Kindheit offen gewesen ist.
"Autoritäre Erziehungspraktiken, gegen die sich Kinder noch nicht wehrten, rächen sich mit Sicherheit in der Pubertätszeit und führen dann sehr schnell zum Abbruch des Gesprächskontaktes zwischen Jugendlichen und Erwachsenen." (HEIDEMANN 1979, S. 63)

Gruppe

Zu Beginn der Reifezeit stehen häufig geschlechtshomogene Gruppenbildungen auf der Basis von Freundschaftsbeziehungen.
Erst allmählich entwickeln sich erste Gruppenkontakte. Bei männlichen Jugendlichen stehen gemeinsame Interessen im Vordergrund der Gruppenbildung, weibliche Jugendliche betonen dagegen die emotionale Zuneigung.
Schenk-Danzinger betont, daß Mädchen in der Vorpubertät kein Bedürfnis nach Gruppenbildung haben. Sie glaubt, daß sich Mädchen in diesem Alter lieber mit einigen Freundinnen zusammenschließen oder das Alleinsein vorziehen. Freundinnen sprechen oft über sexuelle Themen und verlangen von ihren Freundinnen absolute Verschwiegenheit über ihre Geheimnisse. (SCHENK-DANZINGER 1988, S. 339)

In der Vorpubertät beginnen Jugendliche Kontakte mit außerfamiliären Gruppen aufzunehmen. Sie entwickeln ein zunehmendes Bedürfnis mit Gleichaltrigen zusammensein. Die Beziehung zu Gleichaltrigen stellt den Versuch dar, innerhalb einer sozialen Umwelt ernst genommen zu werden. Durch die zunehmende Ablösung von der Familie wird ihnen die Anerkennung durch die Gruppe immer wichtiger.
Jugendliche in diesem Alter reagieren empfindlich auf ihren Status innerhalb der Gruppe.
"Alles, was das Prestige in der Gruppe herabsetzt, löst Zorn und heftiges Schamgefühl aus; alles, was Geltung verleiht, wird intensiv bejaht und betrieben." (SCHENK-DANZINGER 1988, S. 333)

Jugendliche erleben eine Phase, in der sie Sicherheit gewinnen, wenn sie sich ihren Freunden gegenüber als möglichst ähnlich erleben. (vgl. KRACKE, SILBEREISEN 1994, S. 299)
Dieses positive Gruppenerlebnis ist entscheidend für den Prozeß der Selbstfindung.

Gleichzeitig lernen sie, sich Gruppenregeln anzupassen und werden zu sozialem Verhalten geleitet.

Gruppenbildung beinhaltet aber auch die Gefahr, die Individualität zu verlieren.

Auswirkungen auf die Schule

In der Vorpubertät lassen sich Jugendliche Ungerechtigkeiten von Lehrern nicht mehr gefallen. Sie werden aufmümpfig und wehren sich, da sie sich persönlich angegriffen fühlen.
(Siehe Tab.1 im Anhang)

Da die Schule starken "Zwangscharakter" auf die Jugendlichen ausübt, sehen sie sich in ihrer persönlichen Freiheit stark eingegrenzt.
"..., weil er ja am Beginn seiner Persönlichkeitsentwicklung steht, wo er bestehende Unsicherheiten nicht enttarnt sehen möchte, wo er Anerkennung und Status sucht, wo er in seiner geistigen und sozialen Orientierung keine formellen Schranken akzeptiert und meint, sich dagegen auflehnen zu müssen, um sich selbst treu zu bleiben. So berechtigt die Ordnung der Institution "Schule" aus der Gesamtsicht auch sein mag, der Schüler dieser Altersstufe bezieht sie nur auf sich. Er sieht sie als willkürliche Maßnahme persönlich gegen sich gerichtet." (Heidemann 1979, S. 127)

Eine wichtige Aufgabe der Schule ist es, dem Jugendlichen das Erlernen sozialer Denk- und Verhaltensweisen zu ermöglichen. Dies ist aber nur dann möglich, wenn dem Jugendlichen das Gefühl vermittelt wird, in einem Regelsystem zu leben, für das er selbst mitverantwortlich ist. Ihm muß sein eigenes Fehlverhalten sachlich erklärt werden und ihm muß klar werden, warum ein Verhalten, das sich gegen die Gemeinschaft richtet, nicht toleriert werden kann.

Für Schüler sind schulische Lerninhalte nur mehr überzeugend, wenn sie sich im schulischen Handlungsfeld konkret bewähren. Anspruch und Wirklichkeit müssen widerspruchsfrei sein.

Sexuelle Entwicklung

In der Vorpubertät beginnen Mädchen zu "Schwärmen". Es handelt sich dabei um sexuelle Phantasien der Mädchen, die
"eine Art Überbrückungshilfe für die Zeit, bis das körperliche und psychische System für eine vollständige sexuelle Vereinigung bereit ist" (vgl. SCHENK-DANZINGER 1988, S. 340)

darstellen.
Durch die Liebe auf Distanz wird die Liebesfähigkeit trainiert.
Die nächste Stufe der sexuellen Entwicklung bildet der "Flirt". Eine Person, zu der jedoch keine Nahbeziehung möglich ist, wird umschwärmt.
Meist beginnen die Mädchen in der Vorpubertät, sich mit der Rolle als Frau auseinanderzusetzen. Sie malen sich ihre Rolle als Ehefrau und Mutter aus, dagegen stehen sexuelle Phantasien im Hintergrund.
Die Mehrheit der Mädchen beschäftigen sich in der Vorpubertät nur kognitiv mit Sexuellem. Nur in seltenen Fällen kommt es, meist aus Neugier bzw. weil man über ein Geheimnis sprechen möchte, zu sexuellen Erlebnissen.

Aufklärung

Aufgrund der Enttabuisierung der Sexualität werden Jugendliche bereits vor dem Einsetzen der körperlichen Reifung über sexuelle Themen aufgeklärt.
Bereits im Volksschulalter werden 40 % der Knaben und 53 % der Mädchen über das Entstehen des Kindes im Mutterleib aufgeklärt. Zum Zeitpunkt des Eintritts der körperlichen Veränderungen sind drei Viertel aller Kinder über die Rolle von Mann und Frau bei der Befruchtung aufgeklärt. Nähere Informationen über Schwangerschaft und Geburt erhalten die Mehrzahl der Kinder zwischen 11 und 14 Jahren (vgl. STUDENTISCHE ARBEITSGEMEINSCHAFT DER UNIVERSITÄT INNSBRUCK 1975, zit nach SCHENK-DANZINGER 1988, S. 349).
Die sexuelle Aufklärung wird demnach in erster Linie von der Mutter durchgeführt.
Die grundlegende sexuelle Aufklärung sollte bereits vor Eintritt der Vorpubertät erfolgt sein. Jugendliche möchten allerdings sachlich, und ohne "erhobenem Zeigefinger" aufgeklärt werden. Sie sollten auch darüber informiert werden, daß sie sich in einer Übergangsphase von kindlicher Interesselosigkeit an Sexuellem zur "erwachsenen Sexualität" befinden.


Pädagogische Schlußfolgerungen

Die Aufgabe von Pädagogen besteht darin, den Vorpubertierenden auf seinem Weg zu einer eigenständigen Persönlichkeit zu unterstützen. Sie sollen seinem Verhalten Verständnis entgegenbringen und ihm bei seiner Selbstfindung unterstützen.

Lehrer sollten beachten, daß Jugendliche in dieser Altersphase sehr verletzlich sind und unter starken Rollenkonflikten leiden. Aggressives, launisches, albernes bzw. trotziges Verhalten von Jugendlichen muß kritisch hinterfragt werden und den Jugendlichen muß Verständnis für ihre Probleme entgegengebracht werden.

Da Jugendliche gegen alles rebellieren, das sie mit Zwang in Verbindung setzen, sollten Regeln und Ordnungen so dargestellt werden, daß sie den Charakter der bloßen Willkür verlieren. Heidemann nennt diesbezüglich folgende Punkte, die bei der Festlegung von Regeln beachtet werden sollen (HEIDEMANN 1979, S. 53):
1. Ordnungen müssen transparent, diskutierbar und prinzipiell veränderbar gestaltet sein
2. Ordnungen sollten so angelegt sein, daß in ihnen Macht nur auf Zeit ausgeübt wird
3. Sie müßten jedem Betroffenen die Möglichkeit eröffnen, Verantwortung zu übernehmen und darüber soziale Anerkennung zu erhalten
4. Das konkrete Zusammenleben muß von Toleranz und Kompromißbereitschaft auf allen Seiten getragen sein.
Diese Regeln sollten bedeuten, daß der Heranwachsende in bestehende Regeln eingreifen kann und diese mitgestalten sowie kontrollieren darf.
"Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten anbieten, ein für alle verbindliches Regel- und Ordnungssystem diskutieren und einhalten, Willkür und Egoismus auf beiden Seiten abbauen, Rechte und Pflichten gleichmäßig verteilen und im Zweifelsfall Verständnis und Toleranz aufbringen, das sind Orientierungspunkte, von denen aus die Persönlichkeitsentwicklung erzieherisch begleitet werden sollte." (HEIDEMANN 1979, S. 54)

Lehrer sollten informelle Kontakte mit Jugendlichen nicht meiden, denn sonst fühlen sich diese nicht als Interaktionspartner anerkannt.
Jugendliche sind empfänglich für negative Verstärker.
"Wenn man sagt: "Ihr benehmt euch wie kleine Kinder", werden sie verstärkt mit Symptomen der Regression reagieren und erst recht blödeln und Streiche aushecken." (HEIDEMANN 1979, S. 130)

Schüler, die sich in der Schule in ihrem Selbstwert nicht angenommen fühlen, reagieren darauf mit Provokationen. Witz und Lachen von Schülern stellen getarnte Aggressionen dar, die sich gegen die als übermächtig erlebte Schule richten, welche dem einzelnen Schüler keine individuellen Freiräume offenläßt.

Während jüngere Kinder für den Lehrer lernen, um von ihm personale Zuwendung (Lob) zu erhalten, ändert sich die Bedeutung des Lehrers schlagartig mit dem Einsetzen der Pubertät. Der Lehrer wird als Identifikationsobjekt betrachtet, wenn er sich partnerschaftlich verhält.
Andererseits entsteht beim Jugendlichen ein Interesse für den Sinn des Lernens. Für den Schüler wird die Frage, warum er sich mit bestimmten Inhalten beschäftigen muß zum westlichen Inhalt. Dabei will der Jugendliche nicht auf die Wichtigkeit für sein späteres Leben hingewiesen werden. Eine derartige Vertröstung auf das "spätere" Leben empfindet er als Beleidigung, da für ihn dadurch das Gefühl entsteht, daß seine gegenwertigen Fragen und Probleme nicht ernst genommen werden (vgl. Heidemann 1979, S. 131).
Themen, die in der Pubertätszeit von großem Interesse sind, da sie Probleme des Lebens widerspiegeln und ihnen bei der Lösung von aktuellen Erkenntnis-, Verhaltens- und Einstellungsfragen helfen, werden von Jugendlichen angenommen.


GLOSSAR

NEGATIVE PHASE

"Von negativer Phase sprechen wir zur Kennzeichnung eines individuell sehr unterschiedlich ausgeprägten Stimmungsumschwungs, der wahrscheinlich biologisch,..., hervorgerufen wird. Dieser Umschwung vollzieht sich vom heiter-knabenhaften Habitus zu Beginn der Vorpubertät zur Stimmungslabilität der Pubertät, die mit dem Eintritt der Menarche keineswegs abklingt, sondern, je nach der bereits vorgeprägten Persönlichkeitsstruktur und den Lebensumständen, mehr oder weniger ausgeprägt erhalten bleiben kann, in der Adoleszenz jedoch meist allmählich verschwindet." (SCHENK-DANZINGER 1988, S. 339)

FLEGELJAHRE

"...nach außen durch eine gewisse gespielte Überheblichkeit, Kraftprotzerei und Angeberei gekennzeichnet, alles Symptome der sogenannten "Flegeljahre"." (HEIDEMANN 1988, S. 48)

TAGTRÄUME

Unter Tagtraum versteht man eine Form von Phantasietätigkeit, "in deren Verlauf ein Individuum sich ohne besondere Absicht und unter weitgehender Ausschaltung der Beobachtung seiner unmittelbaren Umgebung angenehmen Vorstellungen hingibt, die sich auf Wünsche beziehen, die im tatsächlichen Leben nicht erfüllt werden können." (DREVER, FRÖHLICH 1975, S. 288).

ROLLE

Unter einer "Rolle" versteht man "festgelegte Verhaltensweisen innerhalb einer Gruppe, die mit dem sozialen Status eines Individuums verknüpft sind und deren Befolgung von den Interaktionspartnern wechselseitig erwartet wird" (BROCKHAUS 1982, S. 218).

STATUS

Der Begriff "Status" steht für den "Standort eines Individuums oder einer Gruppe in der unter bestimmten Wertgesichtspunkten entwickelten Rangordnung eines sozialen Systems" (BROCKHAUS 1982, S. 230).

STATUSUNSICHERHEIT

Jugendliche müssen versuchen, sich ihrer Rolle als Erwachsene bewußt zu werden bzw. sich eine Rolle zu formen. Einerseits versuchen sie persönliche Autonomie zu erlangen, andererseits befinden sie sich aber in materieller Abhängigkeit von Erwachsenen. Von seiten ihrer Umwelt (Eltern, Gleichaltrige, Schule) werden unterschiedliche Verhaltenserwartungen an die Jugendlichen gestellt, was zu einer Unsicherheit bezüglich der eigenen Rolle führen kann.

AFFEKTIVE LABILISIERUNG

Die depressive Grundstimmung, in der sich Vorpubertierende befinden, bezeichnet man als "Affektive Labilisierung". Neben der allgemeinen Unlust wird diese Zeit durch eine zunehmende emotionale Distanz zu den bisherigen Bezugspersonen sowie dem Wunsch nach Alleinsein und Einsamkeit gekennzeichnet.


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© Peter LEHNER & Heinrich SCHMIDHUBER 1996