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Stangl, Werner (1998). internet in der Schule - Eine Bestandsaufnahme über den Einsatz des internet im Unterricht an Österreichs Schulen. p@psych 3.
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/PAEDPSYCH/NETSCHULE/NetSchule.html (YY-MM-DD)

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Samstag, 21. November 1998

Daß Web-Sites persönliche Informationen über ihre Besucher sammeln, ist schlimm genug. Die neuen Versionen des Netscape Navigators haben die Schnüffelei gleich zur Funktion erhoben: "Smart Browsing" - wie man aus einem Browser den "Big Brother" macht.

 

Von Jakob Steuerer

Von wegen fest verschlossen...

Ich bin maßlos empört. Ich kündige Netscape, dessen Loblied an dieser Stelle des öfteren zu lesen war, hiermit öffentlich meine Anhängerschaft. Ich werde ab sofort den Explorer 4.0 von Microsoft als Internet-Browser meiner Wahl verwenden. Ich vollziehe diesen Schritt jedoch zähneknirschend, begründete sich doch meine langjährige Treue zu Netscape auf dem erfrischend "anderen" Weg, der mit dem Aufkommen des World Wide Web von Netscape und Co in Sachen Software eingeschlagen wurde. Ich hoffte, durch diese meine Wahl mitzuhelfen, gerade auf dem innovativen Feld des Internet die "Kleinen" zu unterstützen, die noch nicht durch schiere Marketing-Power vollendete Verhältnisse schaffen können. 

Ich freute mich nebenbei sogar über die anfängliche Ignoranz des Software-Riesen Microsoft angesichts des aufkommenden Megatrends namens Internet. Heute vertraue ich mich allerdings wieder lieber dem Lager von Bill Gates an - der verlorene Sohn kehrt zurück. Bis auf Widerruf.

Der Auslöser für diese Entscheidung: Netscape hat mit den jüngsten Versionen seines Internet-Browsers Navigator (ab 4.06) einen fatalen Weg eingeschlagen. Netscape hat in diesen Versionen nämlich urplötzlich einen Vorgang einprogrammiert, der unser aller Privatheit substantiell gefährden kann. 

Diese fragwürdige Funktion nennt sich "Smart Browsing" und bewirkt folgendes: Sobald "Smart Browsing" aktiviert ist, sendet meine Navigator-Software ganz nebenbei und unmerklich jede Internet-Adresse (URL), die ich ansteuere, an einen Datenbank-Server der Netscape-Zentrale. Dort werden meine Datensätze mit anderen bereits gespeicherten Internet-Adressen verglichen - und ich bekomme per Mausklick (auf die Funktion "What's related") einen Vorschlag an inhaltlich ähnlich gestalteten Internet-Adressen, die ich in der Folge aufsuchen könne. 

Ein willkommenes Service also, das mir bei der Navigation im unübersichtlichen Internet hochgradig nützt? Aus naiv-vertrauensvoller Sicht kann dies durchaus zutreffend sein. Allein: Bereits der Blick auf das technische Wie läßt das Bild vom "Big Brother" vor dem inneren Auge des Benutzers auftauchen.

Der Netscape Navigator ab Version 4.06 reagiert nach dem Anklicken dieses "Smart Browsing" nämlich folgendermaßen: Eine zusätzliche und permanente Verbindung mit dem erwähnten Datenbank-Server der Netscape-Zentrale wird im Hintergrund meiner Internet-Kommunikation gestartet - und ich werde solcherart sofort von einer Art "Schatten-Agent" verfolgt. Mit jedem weiteren Ansteuern eines neuen Internet-Sites samt seiner Unteradressen erzeuge ich eine immer aufschlußreichere Spur an konkreten Informationen, die nun auch dem "smarten" Zentralcomputer bekannt sind. Besonders bedenklich an der Sache ist, daß diese systematische digitale Observation nicht nur öffentlich zugängliche Sites betrifft, sondern auch firmeninterne Internet-Adressen, die sonst nur von dazu befugten Mitarbeitern "betreten" werden können. Kurz: Jede Station, die ich auf meiner virtuellen Reise aufsuche, wird präzise verzeichnet. Auf einem in den USA angesiedelten Computer der Firma Netscape - die EU-Kommission dürfte damit keine Freude haben.

Und allein schon die Tatsache, daß selbst Internet-Adressen von nichtöffentlichen Benutzergruppen (wie den in vielen Firmen verbreiteten "Intranets") nun ganz leicht nach "außen" transferiert werden können, muß die Alarmglocken bis in die Chefetagen läuten lassen. Denn: An so manchen URLs kann man ohne weiteres erkennen, wer an welcher Produktentwicklung wie beteiligt ist - wertvolle Informationen, die ein "böser" Konkurrent wohl mit Gold aufwiegen würde, geben sie ihm doch einen Einblick in die Marktstrategie des ahnungslosen Mitbewerbers. 

Des weiteren irritiert an der Netscape-Sache, daß all diese intern-private Information offensichtlich ganz leicht an den üblichen Schutzvorrichtungen (Firewalls) der via Internet agierenden Organisationen vorbeigeschleust werden kann. Weil der infame Mechanismus eben im Internet-Browser selbst versteckt ist: der Daten-Spion, der aus dem Internet-Browser kam.

Netscape selbst dementiert in einer ersten Stellungnahme jede böse Absicht, betont vielmehr, man habe dem User hilfreich bei seiner Navigation zur Seite stehen wollen. Die an Netscape übertragenen Daten dienten ausschließlich der Generierung von wohlgemeinten Surf-Empfehlungen. Keinesfalls erzeuge man daraus konkrete User-Profile, die mißbräuchlich verwendet werden könnten. 

Meine kritische Meinung dazu: Gerade der Kontext der aktuellen Firmenentwicklung, in der Netscape sich befindet, gibt mir zu denken. Denn: Netscape richtet sich immer mehr als ein sogenanntes "Portal" ein, also eine attraktive Generalpforte für Internet-Surfer diverser Provenienz. Als Eingangstor, das mit diversen anderen Firmen, die genau an diesem Tor ihre Werbeschilder und Wegweiser placieren, gute Geschäfte macht - nennen wir es beim Namen: einen rasant wachsenden Teil des Jahresumsatzes daraus generiert. 

Daß nun ausgerechnet die Browser-Division von Netscape, die keinen nennenswerten Umsatz macht, weil die Navigator-Software bewußt verschenkt wird, den nötigen Rückhalt hat, der Marketing-Abteilung der hauseigenen Portal-Division die wertvollen Kundenprofile zu verwehren, die tagein, tagaus zuhauf via "Smart Browsing" herbeigeschaufelt werden - das zu glauben erfordert wohl eine Sorte von ökonomischer Blauäugigkeit, die an Dummheit grenzt.

Mein persönliches Mißtrauen gegenüber den prompt lancierten Beteuerungen von Netscape beruht auf weiteren nachweislichen Fakten. Erster Punkt: Netscape hat seinen Software-Spion uns Usern klammheimlich unterzujubeln versucht. Eine Stellungnahme der Firma erfolgte erst, als "Interhack", eine Gruppe von begnadeten Edelhackern, den technologischen Spuren des "Smart Browsing" mit allen erforderlichen Ausforschungswerkzeugen gefolgt war und das beängstigende Ergebnis ihrer Recherchen im Internet publiziert hatte (im Detail nachzulesen unter: www.interhack.net/ pubs/whatsrelated/). 

Ein näheres Studium dieser hackerischen Erkundungen führt denn auch sofort zu Punkt zwei: Laut "Interhack" notiert Netscape nicht nur meine - für Marketiers hochinteressante - Auswahl aus den angebotenen "Related-Sites", sondern schickt mir gleichzeitig einen "Cookie", der identisch ist mit jenem, den ich akzeptieren mußte, als ich bei Netscape die Browser-Software heruntergeladen habe. 

Zum besseren Verständnis: Ein Cookie ist ein kleines Stück Internet-Software, das sich (für die meisten User unbemerkt) auf der Festplatte festsetzt, ganz bestimmte Informationen aufzeichnet und fallweise wieder an den Absender zurückgeschickt wird. Diese "Kekse" sind bisweilen harmlose digitale Dinger, die dem User ersparen, sich etwa bei einem Site jedesmal erneut anmelden zu müssen - bisweilen sind sie aber bereits Minispione, die Personendaten unbemerkt transferieren. Allerdings: Man kann sie relativ einfach durch eine gezielte Voreinstellung im Browser abblocken. Zumindest wenn man davon weiß . . .

In genau dieser Konstellation beginnt "Big Brother" für mich nun sehr real zu werden: Wenn ich beim Download der Software bereits Name, Adresse und Telephonnummer dem Netscape-Cookie anvertraut habe, kann dieses statische Wissen sehr leicht mit den dynamisch verfolgten Verhaltensaufzeichnungen des "Smart Browsing" assoziiert und angereichert werden - und fertig ist eine Rasterfahndung der Qualitätsstufe, von der unsere digitalen Eurocops erst träumen. Ich hinterlasse so eine unübersehbare, extrem detaillierte digitale Spur - ein brisantes Potential, das nicht nur Zeitgenossen mit ausgeprägtem Hang zum Totalitären interessieren dürfte. 

Dies wird umso deutlicher, als bereits ein im Juni dieses Jahres von der US Federal Trade Commission veröffentlichter Datenschutzreport nachweisen konnte, daß das versteckte Sammeln von Personeninformationen am Internet Methode zu haben scheint. Bereits in der Ära der leicht vermeidbaren Cookies hatten 85 Prozent der untersuchten 1.400 Web-Sites von den Besuchern persönliche Informationen diversester Art angesammelt, während gleichzeitig nur 14 Prozent der Sites den naiven Surfern irgendeinen Fingerzeig auf diese ihre mehr oder minder systematische Datenkollektion gewährt hatten. 

Ein darauf spezialisierter Mitspieler namens Engage Technologies hatte sogar binnen eines halben Jahres satte 38 Millionen User-Profile angehäuft, die er nun in entpersonalisierter Form unter anderem an interessierte Werbefirmen verkauft. George Orwells 1984 - eben mit anderthalb Jahrzehnten Verspätung?

Wie gesagt: Ich wechsle zu Microsoft Explorer, entferne dort ebenfalls alle Cookie-Mechanismen, schalte ActiveX systematisch aus, entferne konsequent persönliche Daten und E-Mail-Adresse, kurz: ich gehe auf höchste Sicherheitsstufe. Und Netscape kann mich in Hinkunft vergessen - mit Leuten, die mich auch nur einmal austricksen und ausnutzen wollen, arbeite ich nicht mehr. Aus Prinzip. 

Außerdem: Meine Privatheit ist mir heilig. Ebenfalls aus Prinzip. Denn: Ich hab wirklich nix zu verbergen. 

Jakob Steuerer ist unter der Internet-Adresse js@hightech.presse.co.at erreichbar.