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Stangl, Werner (1998). internet in der Schule - Eine Bestandsaufnahme über den Einsatz des internet im Unterricht an Österreichs Schulen. p@psych 3.
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/PAEDPSYCH/NETSCHULE/NetSchule.html (YY-MM-DD)

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Claudia Klinger

Das Internet existiert nicht
Annäherung an das Nirgendwo

Seit 1995 ist das Internet als 'Netz der Netze' in aller Munde - doch ebensogut könnte man behaupten: es exisiert nicht. Die schiere Menge von Computern und Kabeln, die auf der Erde herumstehen und liegen, kann es nicht sein: es gibt sie schon viel länger als die Rede vom Internet. Reisende Bits und Bytes, elektronische Post von Computer zu Computer, sind ebenfalls nicht neu: die Mailboxen der Computer-Freaks, die behäbigen nationalen Onlinedienste, die Netze der Universitäten und Unternehmen - das kann doch nicht DAS INTERNET sein!

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Die Internet-Protokolle, die Regeln für den Datenaustausch zwischen verschiedenartigen Computern, bestehen seit 1982 und machen die Vernetzung der Netze möglich. Wer aber hätte in den 80ern vom Internet gewußt, gar ein Aufhebens darum gemacht? Selbst wer es täglich nutzte, etwa in den Universitäten, erlebte es nicht als sonderlich spektakulär. Das kann nicht das gleiche gewesen sein, was wir meinen, wenn wir heute vom Cyberspace sprechen oder vom globalen Dorf.

Der Prozeß des Zusammenschaltens aller Computer und Computernetze gemäß dem Gebot, daß 'alles, was vernetzt werden kann, auch vernetzt werden soll', hat noch die besten Chancen, als 'DAS INTERNET' zu gelten - sofern man alles mitdenkt, was sich durch diesen Prozeß an Möglichkeiten menschlichen Handelns ergibt. Das Internet ist also nur teilweise real, es existiert nicht 'in Wirklichkeit' wie ein Apfel, eine Fabrik oder ein Fernsehsender. Es ist virtuell: sein wichtigster Bereich ist der Raum der Möglichkeiten, die wir gerade erst erforschen und die uns durch ihre Vielfalt und Unübersichtlichkeit verunsichern. Wenn alles - nun bald auch technisch - mit allem zusammenhängt, werden Veränderungen extrem beschleunigt, die Welt wird unberechenbarer.

Ähnlich wie der Persönliche Computer erst seit Einführung einer leicht bedienbaren grafischen Oberfläche (Windows) zum Allzweckgerät wurde, so erlebt auch das Internet seine massenhafte Verbreitung erst durch das 1992 eingeführte World-Wide-Web. Ohne kryptische Befehle, durch simple Mausklicks 'surft' man durch das Meer der Informationen, die sich ihrerseits mit großer Geschwindigkeit vermehren. Oft wird gefragt: Brauchen wir denn so viele Informationen? Und wozu weltweite Kommunikation, wenn schon mit dem Nachbarn kaum mehr gesprochen wird? Wenn über Chancen und Gefahren gestritten wird, sprechen die Beteiligten oft aneinander vorbei, denn: DAS Internet gibt es ja nicht, sondern - wenn schon - ein Internet für jeden.

Ein Internet für Jeden

Für Journalisten zum Beispiel ist das Netz ein Segen: schier unendlich läßt sich berichten und spekulieren, das öffentliche Interesse verlangt neuen Stoff und hinter jeder Webseite wartet eine Geschichte darauf, erzählt zu werden. Ein Naturwissenschaftler betrachtet dagegen das viele Gerede mit Verwunderung: seit je tauscht er sich weltweit mit Fachkollegen aus, erfährt per E-Mail von Kongressen und Publikationen - praktisch, aber nichts Welt-bewegendes.- Im Leben eines körperlich Behinderten kann das Netz da wesentlich mehr bewegen. Wer im Rollstuhl sitzt und noch mit der Maus klicken kann, erfährt die Weiten des Cyberspace als Befreiung, als enorme Erweiterung der eigenen Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten: Endlich einmal ist die Behinderung nebensächlich, eine Information unter vielen, die nach Belieben gegeben werden kann oder auch nicht.-

Mütter, die wegen ihrer Kinder nicht berufstätig sind, tauschen sich auf ihren miteinander verbundenen Webseiten über Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung aus und überwinden so ihre zeitweilige Bindung ans Haus. Weniger freudig begrüßen Lehrerinnen und Lehrer das neue Medium, sollen sie doch im Hau-Ruck-Verfahren das Internet sinnvoll in den Unterricht einbinden. Wobei manche Kids, dank Papas PC erfahrene Net-Surfer, ihnen noch auf der Nase herum tanzen.-

Für Studenten bieten die Universitäten (noch) vielerorts ein Internet-Schlaraffenland mit unbegrenztem kostenlosen Zugang. Sie lernen dort nicht nur, Informationen zu beschaffen, die für technisch weniger versierte Professoren zu neu sind, sondern sie bevölkern auch die MUDs und MOOs, Online-Rollenspiele, in denen die Spieler gleichzeitig in einer gemeinsamen Fantasie-Welt Abenteuer bestehen und mancher über Jahre ein 'Zweitleben' als Spielfigur führt. Anders als in gängigen PC-Spielen funktioniert das allein mit Text: keine Bilder, keine Gewaltdarstellungen, fast ein Paradies.

Eine Welt, der es an Regeln mangelt?

Weil die allgemeine Publikationsfreiheit ihre unvermeidlichen Schattenseiten hat (Propaganda extremer Gruppen, Pornografie, etc.), werden Politiker mit Netzangelegenheiten befaßt; Politiker, die zumeist keine persönliche (!) Erfahrung mit Internet-Kommunikation haben und deshalb den Unterschied zu einem Massenmedium nicht leibhaftig erleben und begreifen. Für sie ist das neue Medium eine Welt, der es vor allem an Regelungen mangelt. Wollen sie aber regeln, stoßen sie an das Hindernis der Grenzenlosigkeit und geraten in Konflikt mit kommerziellen Interessen, an die sich große Zukunftshoffnungen knüpfen: sensible Geschäftsvorgänge und der Zahlungsverkehr bedürfen der sicheren Verschlüsselung. Eine Forderung, die mit dem überwachungsbedürfnis der Staaten kollidiert.

Obwohl sich allen, die das Abenteuer Internet nicht scheuen, eine je eigene Welt erschließt, haben sich doch in allen 'Ecken' des Netzes kulturelle Entwicklungen vollzogen. Jeder, der sich nicht auf bloßes Sightseeing in den Shopping-Malls beschränkt, trifft die Netizens, die 'Einwohner der Netze", die schon länger mit dem Medium umgehen. Einsteigen und mitmachen bedeutet, sich auf Neues einzulassen, Begriffe wie Newbee, browsen, downloaden, surfen, posten begegnen dem Anfänger. Emoticons, die Zeichen für den Gefühlsausdruck innerhalb der Mimik- und Gestik-freien E-Mail, wollen erkannt und sinnvoll eingesetzt sein. Die Netiquette, die Benimmregeln für den Dialog und das Gruppengespräch kann helfen, schlimmste Auswüchse der großen Redefreiheit zu vermeiden - sofern sich die Beteiligten daran halten. Unzählige FAQs, Listen mit 'frequently asked Questions', wollen den Neuling belehren, was es alles zu beachten gilt. Doch keine Panik: Netties sind traditionell hilfsbereit und geben Fremden bereitwillig Auskunft. Manche In-Groups pflegen allerdings einen rüden Ton und lassen den armen DAU (dümmster anzunehmender User) ihre überlegenheit spüren - doch anders als im Real Life ist Wegklicken ganz leicht...

Das Kleinste ist das Große

Der Internet-Zugang wird vielfach wie ein neues Fernsehprogramm oder ein Versandhauskatalog angeprießen. Man springt auf den Zug der Versprechungen in gewohnter Jäger&Sammler-Manier: als Konsument. Einschlägige Medien tun ihr Bestes, um vor allem die kommerziellen Angebote in hellem Licht zu präsentieren: Flüge buchen, Bücher bestellen, Aktien kaufen, Versicherungen abschließen - so sollen wir uns durchs Netz shoppen. Doch das 'wahre Internet' ist vom 'Internet als Ware' immer nur einen Mausklick entfernt. Niemand kommt etwa an den Suchmaschinen vorbei, wo niemand mehr vorschreibt, was einzugeben ist, oder kontrollieren kann, was bei der Suche herauskommt.

In einer solchen Ergebnisliste finden sich unzählige Homepages von Leuten aus aller Welt. Meist liebevoll gestaltet, dienen sie der Selbstdarstellung, der Präsentation der Lebensumstände und Interessen und der Kontaktaufnahme. Man fühlt sich an die Kinderzeit mit ihrer arglosen Kontakt-Freude erinnert, als es noch keines 'triftigen Grundes' bedurfte, um jemanden zu besuchen: jede Seite lädt dazu ein, den Verfasser per E-Mail anzusprechen. Verbindungen zu anderen Seiten (Links) sind heftig erwünscht. So ergeben sich Online-Freundschaften ungeachtet räumlicher Entfernungen. Niemand muß mehr in ein Land reisen, ohne dort vorher Leute kennengelernt zu haben: ganz neue Perspektiven für individuelles Reisen deuten sich an.

Die Krankheit von Tante Klaras Hund?

Wer über die Inhalte so mancher Homepage spottet verkennt das Medium, das eben kein Massenmedium ist. Jeder kann publizieren, was ihm persönlich wichtig ist. Niemand sagt: völlig unmöglich, das bringt doch keine Auflage, das rechnet sich nicht. Und es braucht auch nicht Millionen Leser, um Tante Klara Trost und Hoffnung oder eine Information über die Krankheit zu geben. Dazu genügen ein paar wenige andere Hundeliebhaber.

Das Kleinste, scheinbar Unwichtigste ist das Große am Internet. Es läßt das Individuum zu Wort kommen und bietet eine Brücke zum anderen. Diese Brücke auch zu beschreiten, wird uns allerdings niemand abnehmen (Es steht jedem frei, ein Maus-Potato zu sein). In einer Welt immer individualisierter lebender Menschen, wo traditionelle Bindungen sich auflösen und die sozialen Sicherungssysteme knirschen, erwächst uns mit dem Netz ein Instrument, uns neu zu verbinden und selbst zu organisieren: ganz privat, zu gemeinsamer Arbeit, zum Spiel jenseits aller Zwecke und nicht zuletzt zur Meinungs- und politischen Willensbildung. Welcher Art die neuen Ordnungen sein werden, die aus dem Chaos entstehen, liegt allein an uns selbst.

© CKlinger

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