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Stangl, Werner (1998). internet in der Schule - Eine Bestandsaufnahme über den Einsatz des internet im Unterricht an Österreichs Schulen. p@psych 3.
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/PAEDPSYCH/NETSCHULE/NetSchule.html (YY-MM-DD)

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EDITORIAL

Ein Freund von mir ist work-flow manager in einem großen Betrieb und damit auch verantwortlich für den Bereich change. Er bestätigt, was wir aus der change-Forschung ohnehin wissen: Veränderungen entstehen aus einem Zusammenspiel von Konzepten und Erfahrungen, werden in jedem Fall aber prozeßorientiert, durch learning by doing, durch Entwicklung am Standort, durch Arbeit am "Produkt", durch loop-input realisiert.

Lassen Sie es mich ohne die vielen Schlagwörter noch einmal formulieren: Dauerhafte Veränderungen (selbstredend zum Guten) müssen vor Ort implementiert werden; was durch Hierarchien hinuntertröpfelt, versickert gewiß.

Stellvertretend für die change-Literatur hier noch ein Zitat aus "Schooling for Change" (Hargreaves et al., London 1996): "Responsiveness to change, interest in change, and willingness to change, rather, are deeply rooted in teachers' own personal and professional development and in the extent to which their colleagues, principals and schools can provide an environment or culture which supports and promotes change."

Schulkultur entwickelt sich - mit bestimmten Rahmenbedingungen, versteht sich - am Ort des Geschehens und ist nicht etwas, das durch Verordnungen erreicht werden kann. Schulkultur muß (leider, leider, denn es ist anstrengend) täglich neu erworben werden und kann nicht von einer fernen Arbeitsgruppe implementiert werden.

Womit ich auch schon bei meinem Stichwort, der fernen Arbeitsgruppe, bin. Institutionen, im gegenständlichen Fall das Unterrichtsministerium, haben es so an sich, daß Kommissionen gebildet werden, die darüber beraten, wie das Kern- und Erweiterungsgeschoß, das Computergeschoß, das Internetgeschoß etc. aussehen soll, das dann auf die Schulen abgefeuert wird. Dabei wird nachweislich die Zahl der Praktiker/-innen extrem niedrig gehalten, denn die würden die p.t. Kommissionen möglicherweise bald in Rechtfertigungsnöte bringen. Was mich aber immer noch verwundert, ist, daß es in derlei Institutionen niemanden gibt, der mit Systemtheorie vertraut ist und gelernt hat, wie Veränderungen zu implementieren, neue Konzepte umzusetzen, Subkulturen zu schaffen sind, die es ermöglichen, auf das gewünschte Ziel hinzusteuern. Warum wird ignoriert, daß langfristige Veränderungen nicht dekretiert werden können, sondern daß in Klein- und Einzelarbeit an Schulen eine entsprechende Schulkultur, die ein gerüttelt Maß an Innovationen zuläßt, geschaffen werden muß?

Böswillige könnten nun meinen, daß dies vielleicht damit zusammenhängt, daß Entscheidungsträger auf Versorgungsposten sitzen und gar nicht so viel Interesse daran haben, Innovationsarbeit zu delegieren, weil sie sich dadurch allmählich selbst überflüssig machen könnten. Ich lasse diese Variante allerdings außer acht, da ja bekanntlich Posten nur mehr nach Qualifikation besetzt werden, und muß daher vermuten, daß es hier noch an der job description zu feilen gibt: Auch der Sektionschef ist ein facilitator, der Prozeßabläufe in den Schulen erleichtern soll. Nach einer total quality management-Welle werden dann sicher alle erkennen: Der beamtete Innovator macht sich letztendlich selbst überflüssig - so wie sich gute Lehrer/-innen selbst überflüssig machen, weil sie ihre Schüler/-innen zum eigenständigen Wissenserwerb befähigt haben.

Nach all diesen kleinen Seitenhieben, die bestimmt nicht alle treffen können, da wir etwa von bestimmten Abteilungen im Ministerium sehr konsequent gefördert werden (weil wir einfach gute Arbeit leisten), ist es Zeit für ein paar klare Forderungen:

Und wenn dies alles passiert, was bekommen wir dafür?

Schlichtweg eine Vielfalt der Kommunikationsformen auf der Basis des Werkzeugcharakters der Neuen Technologien! Was wir an Lernsoftware, Datenbanken, Präsentationsfomen, Vernetzung nutzen können, das sollen wir in der Schule - ohne Mythisierung und Dämonisierung - nutzen können. Zum einen bietet die Verwendung Neuer Technologien eine weitere Demokratisierung von Wissen und eine Optimierung von Prozessen, zum andern eine Vernetzung und damit eine neue Öffentlichkeit des Diskurses. Ich denke da einerseits an die rasche Verfügbarkeit von Information, die prozedurales Lernen vor faktisches stellt; andererseits sehe ich in der Vernetzung (etwa über die Möglichkeiten der e-mail) eine Chance, rasch Öffentlichkeit herzustellen. Was früher über mühseliges Versenden von Resolutionen, schrittweises Herstellen von Koordination etc. in politischem Handeln im weitesten Sinne mündete, ist durch neue Kommunikationsformen wesentlich schneller und zielführender möglich. Eine neue Öffentlichkeit, ein neuer Diskurs ermöglichen eine andere Form der Aufklärung - immer noch Zeichen eines demokratischen Ausgangs des Menschen aus seiner (selbstverschuldeten) Unmündigkeit. Wenn wir Werkzeugcharakter und Vielfalt betonen, dann sind wir auch in der Lage, uns mit der "strukturellen Unfreiheit", so der Hausphilosoph des STANDARD, Konrad Paul Liessmann (Standard vom 31. 8. 1996), der medialen Freiheit auseinanderzusetzen. Bekanntlich scheint dem, der als einziges Werkzeug einen Hammer hat, jedes Problem wie ein Nagel, aber gerade die Schule hat die Freiheit, mit unterschiedlichen Werkzeugen an unterschiedliche Probleme heranzugehen. Dazu gehört selbstredend, daß auch die Neuen Technologien mitberücksichtigt werden. Indem wir die Augen verschließen, verschwinden sie nicht. Indem wir aber lehren und lernen, mit neuen Werkzeugen umzugehen, können wir sie neben die anderen in den Werkzeugkasten einordnen. Wenn es an englischen Schulen etwa ein Fach "Media Studies" gibt, so scheint mir das immerhin ein Pfad ins nächste Jahrtausend, der vielversprechender ist als das ewige Beschwören Humboldtscher Ideale.

Daß dabei kein Bildersturm stattfindet, beweisen wir erneut in dieser Nummer. Da ist nicht die Rede vom Abschaffen einzelner Fächer, vom Streichen und Verschwinden von Lehrinhalten, nur weil sie nicht von Tagesbedeutung sind. Die breite Streuung der Beiträge zeigt, daß alle Fächer/ Fachverbindungen herausgefordert sind, sich im Lichte Neuer Technologien nicht einmal neu, sondern nur umfassender zu definieren.

Besonders schön zeigt dies für mich der Beitrag von O'Donnell, der die Eigendynamik der Neuen Technologien mit der Eigendynamik des Buchdrucks vergleicht und "a powerful universe of discourse" diagnostiziert. Uns als Lehrern/Lehrerinnen kommt dabei eine umfassende neue Rolle mit dem "service of filtering" zu - eine Rolle, die der Verein CALL im positiven Sinn schon lange erfüllt. Auch die nächsten beiden Beiträge, Greenbergs Bericht über ein Multimedia-Projekt der Open University, und Gschwandtners Darstellungen über die Bereicherung des Internet durch Latein, zeigen, daß Neue Technologie und Humanwissenschaften keineswegs in Gegnerschaft stehen.

Wie sehr CD-ROM-Technologie und scheinbar traditionelle Wissensinhalte eine Bereicherung des Unterrichtsgeschehens bieten können, zeigt Klaus Peters in seinem spannenden Bericht über "Die Stadt im Mittelalter". Ich freue mich schon darauf, die CD-ROM in den Deutsch-Unterricht meiner sechsten Klasse integrieren zu können.

Wie sehr die Fremdsprache Vehikel für alltägliche Probleme (Rauchentwöhnung!) sein kann, schildert Rudolfine Hornbacher in ihrem Artikel über "Demain j'arrête", fast einer Aufforderung, die Zigarette durch die Maus zu ersetzen.

Besonders freuen wir uns über die Zusendung eines regelmäßigen Beiträgers zu TELL&Call. Tim Johns, allseits wegen seiner Arbeit zu Konkordanzen geschätzt, weist, in Ergänzung eines Beitrags von B. Kettemann darauf hin, daß im Grammatik-Bereich noch vielerlei Differenzierungsarbeit zu leisten ist; als Beispiel für seine Ausführungen wählt er das Vorkommen von 'be to' im if-clause; gleichzeitig liefert er eine ausführliche Bibliographie zum Thema Konkordanzen.

Wer übrigens an Tims neuester Version von CONTEXTS vom September 1996(vgl. TELL&Call 1993) interessiert ist, der kann sich diese als freeware von Tims home page herunterladen: Um dies zu bewerkstelligen richten Sie ihren WWW-Browser auf: http:// sun1.bham.ac.uk/johnstf).

Ein weiterer Fachmann, uns allen durch sein ECLIPSE-Programm bekannt, ist ebenfalls im Netz direkt zu erreichen: John Higgins' Web-Adresse lautet http://www. stir.ac.uk/epd/celt/staff/higgins.htm seine e-mail-Adresse ist: j.j.higgins@stir.ac.uk. Hier finden Sie eine Reihe von Sprachprogrammen zum freien Herunterladen und weitere wichtige Adressen zum Thema computerunterstütztes Lernen.

Sollten wir Ihnen durch diese Hinweise auf Web-Seiten den Mund wäßrig gemacht haben, so können wir Sie beruhigen, in den folgenden Nummern von TELL&Call folgen weitere, ausführlichere Web-Sites, die Sie für Ihren Unterricht und Ihre eigene Arbeit brauchen können.

Für die technisch Interessierten folgen zwei Beiträge über das DVD(Digital Video Disc)-System, das ab dem Spätherbst auch auf unserem Consumer Market zu finden sein wird. Noch können wir nicht sagen, ob das System wirklich halten wird, was es verspricht. Jedenfalls stellen wir schon jetzt diesen beiden Artikeln eine harsche Kritik an eben diesem System gegenüber.

Eine CD-ROM-Rezension ("Poetry in Motion") und ein Bericht unseres CALL-Vorsitzenden Klaus Peters, der bei der EUROCALL 96 in Szombathely eine keynote speech hielt, schließen diese Nummer ab.

Bevor ich Ihnen eine interessante und angenehme Lektüre wünschen kann, muß ich noch einen großen Wermuthstropfen in den Artikelcocktail gießen. Nach zehn Jahren (noch in der letzten Nummer von TELL&Call haben wir dieses Jubiläum mit einem Rückblick gefeiert) mußte, letztlich auf Grund budgetärer Mängel bei USIS, das Multimedia-Projekt AMERICA TODAY HIGHLIGHTS, vorläufig für das kommende Jahr, ausgesetzt werden. Kaum ein Produkt erzeugte bei den Benutzerinnen und Benutzern ein derart langfristig wirksames positives Amerika-Bild, wie es die ATH taten. So besehen wäre vermutlich die richtige Strategie, sich nicht auf ein zugegebenermaßen kleines Land wie Österreich zu beschränken, sondern das Produkt weiter zu vermarkten.

Abgesehen davon war ATH ein international vielbeachtetes Multimedia-Paket, das als richtungsweisend bezeichnet werden kann, hat es doch immerhin ohne großes Aufheben das geleistet, was bei internationalen Konferenzen immer wieder als schöner Traum beschworen worden ist. Ich bin überzeugt, daß sich jetzt schon sagen läßt: "Absence makes the heart grow fonder" und daß das Fehlen von ATH in vielen Kursen eine empfindliche Lücke hinterlassen wird. Wir sind aber davon überzeugt, daß unsere Pionierarbeit, die nicht nur ein Zusammenspiel von Technologien, sondern auch eine gediegene Zusammenarbeit verschiedener Institutionen (Verein CALL; USIS, Unterrichtsministerium) bot, nicht auf Dauer unbeachtet bleiben kann.

Wir hoffen dennoch, daß damit nicht ein positives, die Unterrichtsarbeit bereicherndes und die neuen Technologien optimal nutzendes Produkt verschwindet, sondern tatsächlich, wie in einem Schreiben von USIS an das Bundesministerium für Unterricht betont wird, nur neu überdacht und neu strukturiert wird. Im übrigen danken wir USIS und dem Unterrichstministerium fur die langjährige gute Zusammenarbeit und hoffen, daß die Expertise, die wir uns beim Erstellen eines Multimedia-Pakets inzwischen erworben haben, auch künftighin genutzt werden wird.

In diesem Sinne hoffen wir, Ihnen noch oft von Nutzen und zu Diensten sein zu können.

Christian Holzmann

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TELL&Call, 4. Quartal November 1996