Ergebnisse zu den Fragen:
"Welche Unterrichtsformen werden eingesetzt?"
"Wie sieht ein praktischer Unterrichtsablauf aus?"


So unterschiedlich die Nutzungsformen des internet sind, so unterschiedlich sind naturgemäß die pratizierten Unterrichtsformen. An Schulen, in denen der Zugang zum internet erst erprobt wird, kommt meist ein lehrerzentrierter Einführungsunterricht zum Einsatz, während an Schulen mit etabliertem internet im Unterricht offene Arbeitssformen bevorzugt werden. Es erscheint aufgrund der vorliegenden Daten nicht sinnvoll, bei diesen beiden Fragen eine quantitative statistische Analyse vorzunehmen, da meist keine deutlich kategorisierbaren Antworten vorliegen.

Es wird daher im folgenden versucht, streiflichtartig einige der Arbeitsformen anhand konkreter Beispiele anzuführen, wobei die Originalantworten meist gekürzt bzw. (mehrere) in exemplarischer Weise zusammengefaßt sind. Manche Berichte werden auch unkommentiert wiedergegeben, da sie für sich sprechen.


Im Gegensatz zum "internetlosen" Unterricht werden im Umgang mit dem internet kaum traditionelle Unterrichtsformen eingesetzt. Das Medium erlaubt ein weites Spektrum an Arbeitsformen, wobei von der Einzelarbeit nach Einweisung und Arbeitsauftrag bis zur arbeitsteiligen Gruppenarbeit an einem gemeinsamen Projekt zahlreiche Möglichkeiten vorliegen.

Der kreative Einsatz kooperativer Arbeits- und Lernformen kommt teilweise auch daher, daß in manchen Klassen nur ein oder einige wenige internet-Arbeitsplätze vorhanden sind. Not macht bekanntlich kreativ ;-).

Die an vielen Stellen geäußerte Sorge, daß es mit dem Einzug des internet zu einem Verschwinden des bewährten direkten und indirekten Unterrichtsverhaltens des Lehrers kommt, ist schlichtwegs falsch. Zum erfolreichen Einsatz der verschiedenen Internet-Anwendungen ist die aktive Präsenz einer Lehrkraft unabdingbar. Bei einem Einsatz des Internets im Klassenzimmer stellen sich einer Lehrkraft jedoch zusätzliche Aufgaben. Nach Abplanalp (1997; gekürzt) stellen sich den LehrerInnen mehrere Aufgaben:

Offener Unterricht

Spielerisch in freien Lernphasen

Besonders in der Einführungsphase steht das Experimentieren mit dem Medium im Mittelpunkt. Hier das Beispiel einer Volksschule: "Die Computer stehen nicht in einem eigenen Computerraum, sondern in den beiden Klassen. Damit besteht für uns die Möglichkeit die Arbeiten direkt in den Unterricht zu integrieren. zB. im Rahmen von freien Lernphasen, oder Kinder die ihre Arbeiten schnell erledigen, dürfen dann am Computer arbeiten (Spiele, Lernsoftware, e-mails, Geschichten, surfen...".

Da der Umgang mit dem Computer vermutlich zu den Kulturtechniken des 3. Jahrtausends gehören wird, dürften solche spielerischen Einstiege die emotionale Akzeptanz und auch Motivation erhöhen. Drastischer drückte es ein Lehrer einer zugegebenermaßen einschlägigen Fachschule aus: Das "Internet ist fuer uns sozusagen das "Zahnbuerstel", das jeder hat und beherrscht".

Vollkommene Freiheit nach Arbeitsauftrag

Ein typisches Beispiel für die wesentlich größere Freiheit in der Gestaltung des Lern- und Arbeitsprozesses im Unterricht ist etwa der folgende Bericht:

"Die Natur des Internets bringt es mit sich, daß die Schüler innerhalb eines vorgegebenen Rahmens frei arbeiten. Es werden Themen vorgegeben (z.B.: Marsmission (PH), Tiergärten in Österreich (BI), Cicerotexte (L), ...), die Schüler erhalten einen Arbeitsauftrag, und los gehts! Es gibt so gut wie keine Einschränkungen. Das Hauptproblem sind die meist zu kurzen Unterrichtsstunden (50min). Daher werden oft Wahlpflichtfächer (100min) genützt."

Der zuletzt genannte Zeitaspekt wurde häufig genannt und dürfte in der Schulpraxis eines jener zentralen "Gegenargumente" sein, wenn es um den Einsatz des internet im Regelunterricht geht. Will man ernsthaft die Integration dieses Mediums betreiben, dann wird man um eine gewisse Auflösung des traditionellen Stundenplans wohl nicht herumkommen. Internetsessions - insbesondere wenn es sich um einen konkreten Suchprozeß handelt - sind aufgrund der Fülle an möglichen Informationen wesentlich zeitraubender als das Suchen in einem in der Klasse nur selten verfügbaren größeren Bestand an Nachschlagewerken. Dafür sind aber mit dem internet die Chancen, überraschende Querverbindungen bzw. kreativitätsfördernde Informationen zu finden, erheblich größer.

Ich möchte in diesem Zusammenhang allerdings auf ein nach wie vor bestehendes Defizit hinsichtlich multimedialer Ausstattung in den Klassenzimmern verweisen: parallel zum internet sollten auch facheinschlägige enzyklopädische CD ROMs den Eingang in die Schule finden, da diese zumindest in der Anfangs- bzw. Übergangszeit ähnliche Suchstrategien wie im internet erfordern. Auch hier ist die Stichwortsuche meist mit einer Informationsfülle verbunden, die von Lehrern und Schülern beherrscht werden muß. Zahlreiche CD ROMS für den Bildungsbereich (insbesondere die meisten Enzyklopädien) arbeiten mit WWW-links, um die präsentierten Informationen ständig auf dem laufenden zu halten. Auch zahlreiche eher dem edutainment-Bereich zuzurechnende CD ROMS nutzen diese interaktiven Möglichkeiten.

Gelenkt durch Fragenlisten

Sehr häufig wird als eingesetzte Arbeitsform eine Liste von Fragen genannt, die jeder Schüler mit Hilfe des Internets beantworten muß. Diese Form des Unterrichts verlangt vom Lehrer eine umfangreiche Unterrichtsplanung bzw. eine gewisse "Voraussuche" bzw. Selektion. Nur in wenigen Fällen wird aufgrund einer großzügigen Ausstattung die Einzelarbeit am Gerät möglich sein. In einem Bericht einer solcherart gut ausgestatten Schule berichtet ein Lehrer: "Jeder Schüler hat "eigenen" Arbeitsplatz. Hilfe der Schüler untereinander erwünscht und steigt mit der Schulstufe. Meist Vorbesprechung mit der gesamten Gruppe - Umsetzung durch Schüler (Einzeln, Partner, ...)".

In den meisten Fällen wird es sich daher um Arbeitsaufträge an kleinere Schülergruppen handeln, die gemeinsam an dem einzigen Gerät in der Klasse die zur Beantwortung der Fragen nötigen Recherchen vornehmen.

Projektarbeiten

Projektarbeiten umfassen sowohl umfangmäßig als auch inhaltlich ein weites Spektrum.

Eigen- und Auftragsprojekte

Eine Klasse hat ihr Geschichtsprojekt im Web veröffentlicht. Eine andere Klasse hat die Fremdenverkehrswerbung für kleinere Gemeinden erstellt. Besonders häufig anzutreffen ist das

Erstellen von HTML-Seiten für WWW-pages der Schule

"In den Klassen 6A, 7A und 8AB fuehre ich derzeit das Projekt IPIN durch. Schueler gestalten dabei im Physikunterricht HTML-Seiten zu physikalischen Themen, die dann im WWW bei den Seiten unserer Schule veroeffentlicht werden. Etwa alle 1 bis 2 Monate sollen dafuer 2 Physikstunden verwendet werden. Die bisher gestalteten Seiten sind unter der Adresse http://ourworld.compuserve.com/homepages/ag_hollabrunn/physik.htm zu finden. An diesem Projekt koennten auch andere Schulen mitarbeiten."

Mitwirkung bei der Außenpräsentation der Schule

Die Schüler gestalten internetpages, wobei sie meist unter der Anleitung von einschlägigen Fachlehrern in kleineren Arbeitsgruppen Beiträge zur Außenpräsentation der Schule leisten. Manche solcher Aufgaben umfassen auch die Gestaltung des Einstiegs in das net überhaupt, manche Aufgaben betreffen den Ausbau bestehender sites. Neben der Präsentation eines Schulprofils umfassen häufig pages die Geschichte einer Schule, mehr oder weniger gelungene graphische Illustrationen zum Schulgebäude, die auch bis zu einem virtuellen Spaziergang durch das Schulhaus konzipiert werden.

Erstellen von Schülerhomepages

Häufig wurden auch Arbeitsaufträge genannt, die die Gestaltung von Schülerhomepages betreffen. Ein Beispiel: "Arbeit an den eigenen www-sites. (Wir haben Fotos aller Kinder eingescannt. Jedes Foto stellt nun einen Link zur persönlichen Seite des Kindes dar, die nach und nach gestaltet wird. Siehe http://www.t0.or.at/~kids )".

Einsatz bei praktischen Simulationen

An einer Handelsakademie erfolgt der Zugang zum internet eingebettet in einen simulierten Bürobetrieb, wobei im WWW bereits zahlreiche Übungsfirmen ihre webpage haben und miteinander kommunizieren.

Internationale Projekte

"Außerdem arbeiten wir mit Schulen aus Graz und Berlin zusammen. Wir haben begonnen eine Geschichtenwerkstatt einzurichten. Das heißt daß die Kinder einander Sagen und Geschichten senden, bzw: 1 Kind schreibt den Anfang einer Geschichte und mailt diesen an eine Partnerschule. Dort schreibt ein Kind ein weiteres Stück und sendet dann beide Teile wieder weiter,.....usw. Fertige Geschichten werden auch auf unseren Web-Seiten veröffentlicht. Zusätzlich haben wir noch lose Kontakte zu verschiedenen Schulen aus Italien, Schweden und den USA".

"Bei manchen Projekten entfällt meist die zeitaufwendige Recherche, da die Adressen bzw. Aufgaben bekannt sind. So benötigt etwa die Eingabe von Umweltdaten für das weltüberspannende GLOBE-Projekt sicher weniger Zeit als das Einloggen via telnet auf einem EU-Rechner, um dort die Datenbanken abzufragen."

Einbindung in Werkstättenunterricht

"Dem Schüler wird ein Projekt vorgegeben z.B. richten einer Karosserie, die Schüler können jetzt mit facheinschlägigen Firmen weltweit in Verbindung treten, Datenblätter für Karosseriereparaturen anfordern bis hin zur praktischen Ausführung in der Lehrwerkstätte".

Kontakte mit Kindern und Schulen

Zu den Einstiegtätigkeiten ins internet zählen oft kleinere e-mail-Projekte. Das Senden und Empfangen von e-mails zählt - wenn man von der konzeptionellen Arbeit absieht, die ja eher dem regulären Unterricht entspricht - eher zu den unproblematischen Aufgaben, sowohl was die Beherrschung des Mediums als auch die Berechenbarkeit angeht. Genannt wurden zwar auch Kontakte zu Schulen in Österreich, wobei allerdings die Tendenz eindeutig bei internationalen Kontakten liegt. Meist sind es Partnerschulen, mit denen schulübergreifend oder auch nur klassenweise Kontakte gepflegt werden.

WWW als zusätzlich Informationsquelle in Arbeitsgruppen

"Wenn das Projektthema feststeht und eine Projektplanung durchgeführt wurde, gezielter Einsatz des Internet als eine mögliche Quelle neben den traditionellen Formen der Wissens- und Informationsbeschaffung; einzelne Schülerteams arbeiten selbständig mit dem Internet und bringen ihre Ergebnisse in die Arbeitsgruppe ein".

"Auftragsarbeiten" für andere Gegenstände im Informatikunterricht

Die schon erwähnte Dominanz informationstechnologischer Inhalte auf den pages erklärt sich aus der schon oben erwähnten Pionierfunktion mancher InformatiklehrerInnen, allerdings wird das internet wohl nur dann seinen Platz innerhalb des Unterrichts einnehmen können, wenn auch andere FachlehrerInnen das net nützen. Das geschieht in manchen Fällen durch Auftragsarbeiten:

Wir bevorzugen "eher offene lernformen: meine informatikgruppe übernimmt "auftragsarbeiten" für andere gegenstände, z.B.: mails für andere klassen empfangen und weiterleiten bzw. wegschicken. auftragsarbeiten: informationen mit hilfe von suchmaschinen zu finden, dann abzuspeichern bzw. auszudrucken und in die unterrichtsstunde mitzunehmen. (wird von einzelnen schülern, bzw. einer kleinen schülergruppe durchgeführt, da zur zeit nur 1 pc dafür zur verfügung steht.)"

Bei solchen Arbeitsaufgaben werden von den Schülern häufig Arbeitsblätter erstellt und Protokolle der Arbeiten geführt. Aus diesen Protokollen wird versucht, Lehren für künftige sessions zu ziehen und die nächsten Recherchen ökonomischer zu gestalten.

Langzeitprojekte

Oft steht das Engagement eines facheinschlägigen Informatiklehrers "im Hintergrund" von internet-Aktivitäten einer Schule. Dem gelingt es, eine Gruppe von Schülern für eine solche Aufgabe zu begeistern. Solche von Einzelpersonen getragenen Projekte erstrecken sich in vielen Fällen auch in die Freizeit von einigen LehrerInnen und SchülerInnen. Das ist für den Autor dieser Studie deutlich daran erkennbar, daß viele Fragebögen am Wochenende ausgefüllt und auch offensichtlich von privaten accounts von LehrerInnen abgeschickt wurden. Also auch in zeitlicher Hinsicht kann das internet zu einer Öffnung hinsichtlich Arbeits- und Lernzeit führen, auch wenn das in zahlreichen Anmerkungen auch wortreich beklagt wurde.

Eher selten sind daher Langzeitprojekte, die ebenfalls vom Engagement eines Lehrers/einer Lehrerin oder einer Lehrergruppe über einen längeren Zeitraum hingetragen werden. Als Beispiel ein Physikprojekt:

Ich habe mit meiner 8. Klasse (in Physik) seit ueber zwei Jahren ein Langzeitprojekt laufen, welches darin besteht, dass ich die neuesten Hubble-Weltraumteleskopbilder von der NASA aus dem Internet hole und in Farbe ausdrucke. Jeweils ein Schueler/eine Schuelerin bekommt das Bild mit dem englischen Begleittext, und seine/ihre Aufgabe besteht darin, aus dem langen englischen Text einen moeglichst kurzen, moeglichst gross ausgedruckten deutschen Text zu machen (in Heimarbeit), den ich dann zusammen mit dem Bild im Schulhaus aushaenge. Die Texte und Themen werden im Unterricht nicht naeher besprochen, aber es macht den Kindern Freude, und ich habe die Hoffnung, dass sie dabei sowohl etwas ueber den Weltraum als auch Englisch lernen.

Als Langzeitprojekte sind auch die Aufbauarbeiten mancher Schulhomepages konzipiert, wo oft im Sinne eines Fleckerlteppichs meist ein eher buntes und zufälliges Muster entsteht. Durchkomponierte und -konzipierte Projekte sind in diesem Bereich noch selten.

Allerdings liegen viele solcher Projekte nach einer offensichtlichen Anfangseuphorie längere Zeit brach, wenn man die überholten Informationen einzelner Schulhomepages betrachtet. Der Schulplan mit der Verteilung der Lehrer anläßlich des Elternsprechtags vom 15. Dezember 1995 ist vermutlich im Oktober des Jahres 1997 nicht mehr von allzugroßer Relevanz ;-)

Bei manchen pages fragt man sich, warum der server eigentlich nicht schon längst abgeschaltet wurde bzw. ob die Daten nicht eher zufällig einfach noch auf einem (fremden?) server "herumliegen".


Fazit

Da in der Praxis in den meisten Klassen während des Umgangs mit dem internet offene Arbeitsformen angewendet werden, findet sich in diesem Unterricht ein "natürlicher" Kontrast zu traditionellen Unterrichtsformen. Das wird durchaus von den LehrerInnen so erlebt und die Ausführungen einzelner - insbesondere in den Begleitschreiben zu den Fragebögen - weisen darauf hin, daß sich manche noch nicht im Klaren sind, welche Notwendigkeiten und Möglichkeiten in didaktischer Hinsicht mit dem internet-Einsatz verbunden sind.

Wenngleich manche LehrerInnen mit einer unverhohlenen Abneigung gegenüber dem internet argumentieren, daß sie dadurch die Kontrollmöglichkeit über den Unterrichtsablauf verlieren, so beweist das nachdrücklich, daß in vielen Schulen Österreichs nach wie vor ein lehrerInnenzentrierter Unterricht bevorzugt wird, in welchem relativ wenig Mitgestaltungsmöglicheiten für Schüler bestehen. Gerade im Sinn einer Öffnung der Schule und im Hinblick auf eine Partizipation von SchülerInnen und u.U. auch schulfremden Personen am Unterrichtsgeschehen, kann das internet auch als Chance begriffen werden, diese Öffnung nicht nur virtuell in Angriff zu nehmen.

In einem eigenen Abschnitt "Unterrichtsformen für den Einsatz des internet" gebe ich einen exemplarischen Überblick über mögliche Arbeits- und Sozialformen praktischen Unterrichts unter Einbindung des internet, wobei ich aufzuzeigen versuche, daß das internet wohl nur dann erfolgreich in eine schulische Ausbildung integriert werden kann, wenn man sich von einigen liebgewordenen Unterrichtsformen verabschiedet.


Hinweis

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Stangl, Werner (1998). internet in der Schule - Eine Bestandsaufnahme über den Einsatz des internet im Unterricht an Österreichs Schulen. p@psych 3.
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/PAEDPSYCH/NETSCHULE/NetSchule.html


©opyright p@psych Linz 1998.
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