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Das erste pädagogisch-psychologische e-zine im internet | Seit 1996 | ISSN 1561-2503
12. Jahrgang 2007 [v1.0 - 07-04-04]

Miller, Damian (Hrsg.) (2006).
E-Learning. Eine multiperspektivische Standortbestimmung

Mit Beiträgen von Jürg Aeppli, Thomas Buchheim, Ernst Buschor, Joël Luc Cachelin, Nicola Döring, Dieter Euler, Franziska Fellenberg, Silvia García Küchler, Hans Geser, Katharina Glatz, Béatrice Hasler, René Hirsig, Sergio Hoein, Lutz Jäncke, Dieter Kern, Michael Kerres, Nicolai Kozakiewicz, Daniel Niedermayer, Ivo Alexis Meyer, Little Mela, Damian Miller, Jürgen Oelkers, Camilla Pamieri, Rudi Palmieri, Dominik Petko, Kurt Reusser, Hanspeter Rohr, Thomas Rothenfluh, Christian Sengstag, Claudia Stahel und Karl Wilbers.

ISBN 3-258-06898-4
367 Seiten, 30 Abbildungen, 5 Tabellen.

Der an der Universität Zürich als Leiter der Arbeitsgruppe eQuality (educational Quality in eLearning) tätige Damian Miller zieht als Herausgeber zusammen mit einer nicht geringen Anzahl von renommierten ExpertInnen und AnwenderInnen eine Bilanz über die ersten Jahre der Integration moderner Informations- und Kommunikationstechnologien in den universitären Alltag. Der Zeitpunkt ist insofern günstig, als diese Lernform in allen Bildungsorganisationen sowohl Erwartungen als auch Befürchtungen geweckt hat, die in der Zwischenzeit in der Praxis überprüft werden konnten.

Nach einer anfänglich mangels konkreter Erfahrungen eher emotional geprägten Diskussion über diese angeblich "kopernikanische Wende" im Bildungsbereich scheint nun eine nüchterne Betrachtung möglich geworden zu sein. Beim E-Learning ist insofern eine Wende eingetreten, als nach der eher technisch orientierten Anfangsphase in den letzten Jahren eine stärkere inhaltliche Perspektive eröffnet worden ist, in der sich vermehrt Pädagogen und Didaktiker dieses Themas annehmen. Hier eilt in analoger Weise die Rhetorik der Praxis weit voraus, wie das auch in den Anfängen des E-Learning bei den Medientechnikern zu beobachten war.

Dieses Buch spannt in seinen Beiträgen einen weiten Bogen von der Philosophie und Bildungspolitik über die Allgemeine Pädagogik, Didaktik, Soziologie hin zur Neuropsychologie und Ökonomie.

Das in drei Abschnitte geteilte Druckwerk versammelt im ersten Teil die theoretischen Grundlagen des E-Learning, wobei sich diese wohl nicht allzusehr von den Grundlagen des "normalen" Lehrens und Lernens unterscheiden. Hier finden sich neben skeptischen Stimmen - so fragt Jürgen Oelkers etwa: "Ist das Medium die Botschaft?" - auch detaillierte Analysen der (neuro)psychologischen, emotionalen und sozialpsychologischen Aspekte des Lernprozesses, etwa in den Beiträgen von Nicola Döring & Franziska Fellenberg (Soziale Beziehungen und Emotionen beim E-Learning) und Michael Kerres (Didaktisches Design und E-Learning). In diesem ersten Abschnitt wird in kritischer Weise vor allem jenen von GegnerInnen des E-Learning aufgezeigten, methodenbedingten "Mängeln" des sozialen Kontaktes zwischen Lehrenden und Lernenden nachgegangen. Den Abschluss bildet ein knappes Resume von Ernst Buschor, der Möglichkeiten und Grenzen des E-Learning aufzeigt und angesichts der bisher meist grob unterschätzten finanziellen Notwendigkeiten einige Postulate für die universitäre Förderungspolitik skizziert, wobei er im Wesentlichen nicht über die schon bekannten Forderungen nach Kooperation der Institutionen untereinander, der gesunden Mischung verschiedener Techniken ("Blended Learning") und nach einer begleitenden Evaluation und Qualitätssicherung hinausgeht - was hier nicht als Kritik am Autor verstanden werden soll, sondern auch vom Rezensenten unterstrichene, berechtigte Kritik an der gängigen Praxis darstellt, die solche Forderungen zwar zur Kenntnis nimmt, aber in der Umsetzung säumig bleibt.

Besondere Qualität gewinnt das Buch durch die etwas weniger umfangreichen weiteren Abschnitte, in denen die "Betroffenen" - also Lehrende und Lernende - ihre teils sehr individuell geprägten Erfahrungen darlegen. Dadurch wird der Anspruch des Buches, eine multiperspektivische Standortbestimmung durchzuführen, eingelöst.

Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit Anwendungen sowohl an Schweizer Universitäten (Zürich, St. Gallen, Basel) als auch einem exotisch anmutenden Betrag zu E-Learning in Vientiane (Laos) im Rahmen eines Projekts zur Entwicklungszusammenarbeit. Die provokanten Titel der Beiträge, die in ihrer ironisierenden Form schon zum einleitenden Nachdenken anregen, skizzieren auch die kritischen Positionen der AutorInnen: "Von der Unmöglichkeit, Nein zu sagen", "Veränderungen beginnen mit Visionen und enden in Organisation", "Der Köder muss dem Fisch gefallen und nicht dem Fischer".

Der dritte Abschnitt, der sich aus der Perspektive der Studierenden dem Thema E-Learning annähert, führt den ernüchternden Grundton des zweiten Abschnitts weiter, wobei hier vor allem die Mühen der Alltagspraxis der zum virtuellen Lernen "verurteilten" StudentInnen sichtbar werden. Die Lektüre dieses dritten Abschnitts ist sowohl Entwicklern als auch Lehrenden wärmstens zu empfehlen, da sich hier manche hohe Erwartung in einzelne Implementationen als Seifenblasen erweisen - in langfristiger Perspektive lauert in einer noch breiteren Anwendung dieser Lernform möglicherweise auch die eine oder andere didaktische "Zeitbombe". So könnte sich die an E-Learning geknüpfte Hoffnung, dass eine Auseinandersetzung damit generell zum Nachdenken über das Lehren und Lernen und dessen qualitative Verbesserung an unseren Hochschulen führt, sehr rasch als Illusion erweisen, da die noch mit Gießkannen verteilten Anlauffinanzierungen auslaufen und die notwendigen Mittel für den regulären Betrieb von den Rechenstiften in den Verwaltungen rigoros gekürzt werden. Sowohl Lehrende als auch Lernende fühlen sich häufig als Zauberlehrlinge oder Versuchskaninchen mit dem Medium alleingelassen und sehnen sich nach den traditionellen Formen des Unterrichts. Nach wie vor leben viele Projekte von den Innovatoren, die E-Learning auf Grund individuellen Engagements entwickelten und einsetzten. Diese Euphorie ist bereits im Verschwinden begriffen, zumal Zeitgeistiges und Modisches zwar Nachahmer aber kaum Innovatoren findet. Die in diesem Buch mit profundem Sachwissen geführte Diskussion um die Nachhaltigkeit des E-Learning beschränkt sich in der täglichen universitären Praxis meist auf finanzielle Ressourcen und kaum auf die personalen - Lehrende wie Lernende. Langfristig betrachtet sind es aber wohl diese, die damit zurecht kommen müssen. Dieses Buch leistet dazu einen wesentlichen Beitrag - es möge gelesen werden und die öffentliche Diskussion zu diesem Thema bereichern. (W.S.)

Eine Veröffentlichung der Herausgebers Damian Miller (gemeinsam mit Sabine Seufert) "Nachhaltigkeit von eLearning-Innovationen: Von der Pionierphase zur nachhaltigen Implementierung" aus der Zeitschrift MedienPädagogik ist auch im Internet zugänglich http://www.medienpaed.com/03-2/seufert1.pdf (06-01-30) und wird zur Lektüre empfohlen.

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