Rossmann, Peter:

Einführung in die Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters

Verlag Hans Huber, Bern 1996, 176 S.

ISBN 3-456-82723-7.

Das vorliegende Buch bietet nach einer Gegenstandsbestimmung und einem geschichtlichen Überblick eine knappe Beschreibung der wissenschaftlichen Methoden der Entwicklungspsychologie. Nach dem wohl unvermeidlichen Kapitel über die Anlage-Umwelt-Frage folgt die eigentliche Darstellung nach Lebensabschnitten:

- Pränatale Entwicklung
- Geburt
- Das Neugeborene
- Erstes und zweites Lebensjahr
- Vorschulalter
- Schulalter und
- Jugendalter.

Die Abschnitte ab dem Neugeborenen werden reißbrettartig nach körperlicher, kognitiver und sozial-emotionaler Entwicklung gegliedert.

Allgemein leidet das Buch unter dieser an der Zeitachse ausgerichteten Darstellung, wobei übergreifende theoretische Entwürfe entweder "zerstückelt" werden (z.B. Piaget) oder irgendwann an beliebiger Stelle auftauchen (z.B. Erikson, Havighurst, Kohlberg). Die für das Verständnis von Entwicklungsabläufen notwendige Auseinandersetzung mit allgemeinen Merkmalen des Entwicklungsgeschehens (Differenzierung, Integration, Zentralisation, Selektivität, Irreversibilität, Kanalisation oder Sozialisation) und deren Zusammenhängen erfolgt nur bruchstückhaft, bloß berichtend bzw. fehlt überhaupt.

Der Titel des Buches ist insofern eine Irreführung, da nur knapp ein Viertel des Umfangs dem Jugendalter gewidmet ist. Überhaupt scheint die gewählte Ausrichtung auf die ersten Lebensjahre nicht zeitgemäß, da heute Entwicklungspsychologie weitgehend unter dem Blickwinkel der gesamten Lebensspanne betrieben wird. Seitenweise werden etwa physiologische oder neuropsychologische Details der vor- und nachgeburtlichen Entwicklung berichtet (S. 45ff, ohne genaue Quellenangaben und Erläuterung der Fachausdrücke), wobei ein medizinischer Zugang (Noxen, Komplikationen, Defizite) eher störend im Vordergrund steht.

Neben bekannten Befunden finden sich manch neuere Forschungsergebnisse (Umweltgifte, AIDS, plötzlicher Kindstod), allerdings leiden diese unter der unübersichtlichen Wiedergabe. Weitgehend gleichförmig und ungegliedert fließen theoretische Ausführungen, Beschreibungen von empirischen Untersuchungen, mehr oder minder daraus abgeleitete Folgerungen und persönliche Meinungen des Autors dahin. Insgesamt nur 4 Tabellen und 9 bildliche Darstellungen sollen auflockern, sind allerdings eher ein Ärgernis, wenn z.B. eine Tortengrafik nur die Zahlen der darüberstehendende Tabelle wiederholt (S. 63), oder die Darstellung der Großhirnrinde genau jene Bereiche (Broca- und Wernickesches Areal) nicht zeigt, die im Text erläutert werden (S. 99).

Mängel in der Darstellung zeigen sich auch darin, daß Ergebnisse einer Studie dargestellt werden, die Methode der Datenerhebung, die zum Verständnis notwendig ist, aber erst anschließend folgt (S. 85ff). Unklar bleibt auch, warum hier der Autor den englischen Titel des Verfahrens im Text vermeidet und vom "Fremde Situations-Test" spricht, während er andererseits ständig von "Attachment" spricht und wohl soziale Bindung damit meint. Dem Autor ist eine ausgeprägte Vorliebe für Fachausdrücke und Fremdwörter zu eigen, wobei er offensichtlich am liebsten aus medizinischen Quellen schöpft. Einschlägige Fachwörterbücher sind - neben einem Fremdwörterbuch - auch den LeserInnen als Verständnishilfe anzuraten.

Das Sachregister ist völlig mißlungen, da es nur eine unzureichende Auflistung eben dieses Jargons bietet, der das Lesen des Buches den angesprochenen Zielgruppen (Studierende der Psychologie, Pädagogik und Medizin, LehrerInnen, KindergärtnerInnen, ErzieherInnen, (Kinder-)Krankenschwestern und -pfleger) erschwert.

In der neben dem Literaturverzeichnis angebotenen Auswahl weiterführender Lehrbücher fehlen Klassiker wie Schenk-Danzinger oder Stone & Church, die noch am ehesten in der Lage sind, die vom Autor beabsichtigte erste Orientierung zu liefern. Eduard Spranger, der die wohl einflußreichste "Psychologie des Jugendalters" schrieb, wird nicht einmal erwähnt.

Die sich vor allem in der Entwicklungspsychologie des Jugendalters seit geraumer Zeit andeutende Wende zur Betrachtung des sich Entwickelnden als eigenständiger Bestandteil der Gesellschaft, als Eingebundener in die gegenwärtige Jugendkultur mit seiner subjektive Befindlichkeit und als eigenständig Handelnder wird hier ausgeblendet. Der grundsätzliche Mangel zahlreicher Entwicklungs- und anderer Psychologien, den Menschen bloß als Beobachtungsgegenstand oder Träger von wissenschaftlichen Daten zu betrachten, wird hier bestätigt.

Daß Entwicklung in einem sozialen Umfeld wie Familie stattfindet, kann aus der vorliegenden Entwicklungspsychologie nur erahnt werden, denn die Mütter verabschieden sich kurz nach der Geburt und auch die Väter werden kaum gesehen. Letzteres ließe sich mit gesellschaftlichen Wirklichkeiten rechtfertigen, aber das lag wohl kaum in der Absicht des Autors. Mehr als gedrucktes Begleitmaterial zu einer Vorlesung ist das vorliegende Buch leider nicht.

8-}) WS


[Oliver Gassner -- http://www.carpe.com/buch/ -- Literatur Online]


©opyright p@psych Linz 1999.
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