3 Die heilige Druck-Schrift


»Richtfest bei Springer - Bekenntnis zum gedruckten Wort«

Welt am Sonntag, 21.4.1996.


Wie bei vielen zurückliegenden Medienrevolutionen sehen die Kritiker durch die derzeitige digitale Revolution wieder einmal die Errungenschaften der abendländischen Kultur in Gefahr. Im Unterschied zu den bisherigen »neuen« Ton- und Bildmedien wie Rundfunk und Fernsehen, die den Buchdruck als den Ort der Diskurse nie in Frage stellen konnten, stellt das Internet ein neues Schriftmedium dar, das als solches die Möglichkeiten von Büchern nicht nur nachahmen, sondern auch verbessern kann. Die digitale Revoluti on hat für die Schrift völlig neue Möglichkeiten eröffnet, und die elektronischen Texte sind, wie es scheint, den gedruckten in vielerlei Hinsicht überlegen. Zwangsläufig taucht dadurch die Frage auf, ob nicht der Computer das bessere Schriftmedium sein kö nnte, und ob es der Schriftsprache nicht egal sei, in welchem Medium geschrieben wird, solange geschrieben wird.

Mediengeschichtlich gesehen ist es alles andere als egal, wie Information gespeichert und weitergegeben wird, vor allem, wenn es um Macht- und Herrschaftsfragen geht. Alle Hochkulturen sicherten ihre Macht durch die geschickte Nutzung der jeweils neuesten Kommunikationstechniken. Und so verhält es sich auch mit der spezifisch neuzeitlich-abendländische Praxis des Lesens und Schreibens von schwarzen gedruckten Lettern auf weißem Papier. Diese neue Informationstechnik war ein mächtiges Instrument, das maßgebl ich für den Untergang der handschriftlich orientierten mittelalterlichen Kultur verantwortlich war. Für Manfred Schneider ist Martin Luther der religiöse und politische Begründer unserer Buchkultur, denn Luther hat als Medientheoretiker als erster den Buch druck im Bewußtsein seiner Möglichkeiten und Auswirkungen zu nutzen gewußt: »Als Politiker des heißen Mediums Buchdruck hat Luther die moderne Epoche der Lektüre religiös vorstrukturiert: Lektüre heißt gemäß dem Code des Lesens, der nach Paulinischen und L utherischen Mustern errichtet wird: durch die Schwärze der Buchstaben hindurch die reine spirituelle Gestalt eines wahren Gesprochenen erkennen. Die damit möglich gewordene Identifizierung von Kultur und Druckschrift hat das Lesen über Jahrhunderte hinweg zur sozialen Initiation schlechthin werden lassen.« 13 Lesen und Schreiben ist also weit mehr als es die profane Umschreibung von »kodieren und dekodieren« zu erfassen vermag, Lesen und Schreiben von gleichförmigen gedrucktem Zeichen ist ein spiritueller Akt .

Die neuzeitliche Literatur folgt diesem Konzept, sie versteht sich nicht als Kommunikationsmedium, sondern als heiliger Text. Das gedruckte Wort bezieht seine unanfechtbare Macht aus der geschickten Kombination von Spiritualisierung einerseits und der Leug nung seiner Medialität andererseits. »Heilige Dichterzeichen rücken an die Stelle heiliger Götterzeichen.« 14 Ähnlich äußert sich Friedrich Kittler: »Dem Buchglauben blieb es im Namen seines Herrn untersagt, an Wort und Schrift die Äußerlichkeit und Sinnlich keit zu feiern. Das ihm eingeräumte Medium Buchdruck machte es möglich, Zeichen auf Sinn, dieses 'Jenseits' der Sinne hin zu überspringen.« 15 Kein Wunder also, daß ein solches Verständnis von Schrift die medialen Aspekte des Buches übergehen muß, solange es das Buch mit Geist gleichsetzt. Der eigentliche Skandal der digitalen Kommunikation aus der Sicht des Buchdruckdenkens ist also nicht etwa die Überflutung mit niveaulosen Inhalten, sondern das Vergehen besteht in der Entweihung der Schrift.

Offenbar gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Auftauchen des neuen Schriftmediums Computer und der Kritik an der Buchdruckkultur. Erst die digitale Konkurrenz erzwingt die Frage nach dem Medium und seinen Auswirkungen. Bezeichnend ist die Haltung der K ritiker: Die qualitativ neuen Möglichkeiten der digitalen Kommunikation werden übergangen, statt dessen beschäftigt sich die Kritik mit den technischen Unzulänglichkeiten wie etwa der unbefriedigenden Bildschirmqualität. Diese Haltung würde etwa folgender zur Zeit Gutenbergs entsprechen: Die Perfektion und Schönheit einer Handschrift als Argument gegen die sicherlich bescheidene Druckqualität der ersten Druckerpressen.

Bücher sind ein Trägermedium für Schrift, das muß, so scheint es, erst wieder in Erinnerung geracht werden, Bücher, und jetzt auch Computernetze, übertragen Information mit Hilfe von alphanumerischen Schriftzeichen, dem Code unserer abendländisch-neuzeitli chen Kultur. Dieser Code wurde im Laufe seiner Geschichte mit den verschiedensten Medien übertragen, Lehm, Stein, Wachs, Papyrus, Papier beschleunigten und vergrößerten jeweils den Fluß der Information. Die Schrift selber hat dabei im wesentlichen die kogn itiven Strukturen und das Denken unserer Kultur geprägt.

4 Das Alphabet und die Schrift

»Daß die Schrift nun endlich ihr wahres Gesicht zeigt und wir erkennen können, daß sie einer der Grundbausteine unserer kognitiven Struktur ist, hängt aufs engste damit zusammen, daß sie unter dem Druck der neuen Medien, die die Schrift nicht mehr nötig ha ben, ihren Status einer grundlegenden sozialen Regulierung verliert. Erst in diesem Zusammenhang kann die vorangegangene Bevormundung durch die Schrift für uns sichtbar werden.« 16

Bei Diskussionen um die Bedeutung von Printmedien wird selten die Rolle der Schrift ausreichend berücksichtigt. »Wir sind in der Sprache, vor allem in der Schrift, wie Fische im Wasser. Die Fische aber kennen das Wasser nicht.« 17 De Kerckhove weist die Anna hme zurück, »die Schrift sei eine neutrale Grundlage für den Transport von Bedeutungen, die mit der Schrift nichts zu tun hätten.« 18 Ganz im Gegenteil, die Schrift prägt nicht durch das, was sie »sagt«, sondern die Struktur der Schrift prägt, wie jedes Medi um übrigens, eine besondere Art des Denkens. Das meinte McLuhan mit seinem berühmten Satz: »Das Medium ist die Botschaft«. Es ist daher unerläßlich, bei einer Erörterung von Schriftmedien auf die Schrift selber und das ihr zugrundeliegende Alphabet näher e inzugehen.

Vieles spricht dafür, daß unser Denken und unsere Kultur geprägt ist durch die Art und Weise, wie seit ein paar tausend Jahren Informationen festgehalten und überliefert werden. De Kerckhove macht die Besonderheiten des griechisch-römischen Alphabets für d ie Herausbildung der besonderen, die abendländische Kultur prägenden kognitiven Fähigkeiten verantwortlich. Er bezeichnet das Alphabet als »Psychotechnologie«, die die Art unserer Wahrnehmung in einem raum-zeitlichen Rahmen determiniert. Durch die Prinzipi en lineare Analyse, Abstraktion und Dekontextualisierung wurde die Sprache entsinnlicht, und so stellte sie ein Werkzeug bereit, um »auch die sichtbare Welt in ihre kleinsten und feinsten Gliederungen und Proportionen zu zerlegen«. 19 Jegliche Form der Erfah rung geriet in das Raster der Zerteilung. Durch die dynamische Interaktion zwischen Sprache, Schrift und Denken entstand die gewaltige Beschleunigung unserer Technologie. Natürlich hatten und haben auch andere Kulturen hochentwickelte Schriftsysteme, die g riechische Schrift unterschied sich aber in einem entscheidenden Punkt beispielsweise von den semitischen Zeichensystemen, nämlich durch die Einführung der Vokale. Die jüdische Schrift verlangt die Beteiligung eines Lesers, um die Signifikanten miteinander zu verbinden, die westlichen Schriftformen mit ihren feststehenden Vokalen dagegen geben die Reihe der Signifikate vollständig wieder und sind so im Grunde nicht mehr auf den Leser angewiesen, um Wissen zu übermitteln. Dadurch löste die griechische Schrif t die Beziehung zwischen dem Geschriebenen und dem Gesprochenen völlig auf. »Das griechische Alphabet ähnelt den kodierten Sprachen des Computers insofern, als beide nicht zwangsläufig den Körper des Lesers beteiligen müssen, um zu funktionieren.« 20

Eine analytische und intellektuelle Schrift wie das griechisch-römische Alphabet mußte aber zwangsläufig zu einer Profanisierung führen. Indem die Heiligen Schriften aus ihrem Kontext gerissen wurden, wurden die Gläubigen geradezu angehalten, den Glauben d urch die Vernunft und den Mythos durch die empirische Überprüfung zu ersetzen. Die Seele des Buchstabens ruht im christlichen Glauben in diesem selbst. Das Ergebnis dieser Entwicklung war die Entheiligung der Natur und der gesamten Schöpfung, die Gefahr fü r den Menschen ist, daß er durch die Schrift zu Gefangenen der Logik der Systeme und der materiellen Erscheinungen der Welt wird. 21 De Kerckhove sieht die Entwicklung der Atombombe als Konsequenz, die sich aus der alphabetischen Schrift ergeben hat: Die Übe rtragung der kognitiven Auswirkungen der alphabetischen Analyse und Zerteilung auf eine technische Anwendung.

5 Flusser: Von Gutenberg nach Auschwitz und Hiroshima

Auch Flusser setzt sich eingehend mit den Schattenseiten der Schriftkultur auseinander. Flusser sieht im Übergang von der handschriftlichen Kultur des Mittelalters zur neuzeitlichen Buchdruckkultur einen Wechsel der herrschenden Denkart von der charakteris tischen zu einer alles typisierenden Mentalität. Daher war die eigentliche Erfindung Gutenbergs nicht die der Druckerpresse mit ihren beweglichen Lettern, sondern »Gutenbergs große Tat war die Entdeckung der mit der alphanumerischen Schrift erfundenen Type n.« 22 Schon im zweiten Jahrtausend vor Christus hat es alle technischen Voraussetzungen für den Buchdruck gegeben (Pressen, Tinten, blattförmige Unterlagen, Metallguß), man druckte aber nicht, weil man sich nicht bewußt war, daß man beim Schreiben Typen han dhabt. Als man noch mit der Hand schrieb, hielt man jedes Schriftzeichen für einzigartig, für charakteristisch. Die Grundidee des Buchdrucks war nun, daß zum Beispiel allen charakteristischen Buchstaben »A« etwas typisches gemeinsam ist, das sich auf einen Typen »A« reduzieren läßt.

Diese Idee der Unterscheidung von Typen und Charakteren stand in engem Zusammenhang mit dem mittelalterlichen Universalienstreit. In diesem Streit zwischen den sogenannten Realisten und den Nominalisten ging es um die Frage, ob es möglich sei, mit einem Be griff das Wesen eines Gegenstandes zu erfassen, also das »typische« eines Gegenstandes. »Realia« würden die Grundbestanteile der Welt repräsentieren, sie würden für die Realität von Genen, Atompartikeln, Gesellschaftsklassen und Völkertypen stehen. Dieser Auffassung widersprachen die Nominalisten, sie meinten, daß Begriffe lediglich ein Behelf sind, vergleichbar mit Namensschildern, die man den Dingen anheftet, um eigentlich unvergleichbare, charakteristische Phänomene für Vergleichszwecke benennen zu könne n. Der Buchdruck kam den Realisten zu Hilfe: »Die Erfindung des Buchdrucks hat den Universalienstreit zugunsten der Realisten entschieden. Der Buchdruck hat verdeutlicht, daß wir beim Schreiben Typen manipulieren. (...) Der Buchdruck ist zu einer der Stütz en der modernen Wissenschaft geworden.« 23

Spätestens im zwanzigsten Jahrhundert ist mit den Entwicklungen in Naturwissenschaft und Technik der Sieg des typisierenden Denkens zunehmend fragwürdig geworden. Der Fortschritt »weist sich langsam aber sicher als verderblicher Wahnsinn aus: beispielsweis e in Auschwitz, in der thermonuklearen Rüstung, in der Umweltverschmutzung, kurz in den alles universalisierenden und typisierenden Apparaten.« 24

Ein weiterer beachtenswerter Aspekt des Mediums Schrift ist sein autoritärer Charakter. Die zeilenförmige Struktur von Texten erzwingt eine folgsame Lektüre, das Auge hat der Zeile zu folgen, um die Botschaft zu empfangen. Auf diese Weise werden mit oder o hne eigenen Willen alle Schreibenden zu Autoren und Autoritäten. Der Schreibende bürdet dem Leser eine mühsame Arbeit des Entzifferns auf, der Lesende nimmt dabei immer von vornherein in Kauf, daß der Text sich am Ende als belanglos oder uninteressant hera usstellt und somit reine Zeitverschwendung war. Folgsames Lesen birgt, wie Flusser meint, außerdem die Gefahr der übertriebenen Treue zum Buchstaben: »Jene, welche den Bildertotalitarismus befürchten, müssen auch diesen mörderischen Schrifttotalitarismus b edenken.« 25

Neben den geschilderten schriftimmanenten Problemen gibt es auch solche von quantitativer Art, die die Bedeutung von Texten schon seit langem fragwürdig erscheinen lassen. Angesichts der Berge von Drucksachen, der Inflation von Texten, die uns täglich über fluten, fragt Flusser sogar, »ob dieser Leerlauf nicht einer der Gründe für die Aufgabe der Schrift ist.« 26 Das Buchdruckzeitalter ist an einen Punkt angelangt, an dem »gedruckt wird (...), um zu betäuben, und Verleger und Schreibende scheinen nur noch Funk tionäre dieses Betäubungsbetriebs zu sein.« Der Informations-Overkill ist also beileibe kein Problem, das mit den elektronischen Medien entstanden ist, wie gerne behauptet wird, er ist ein altes Problem, das durch die informatische Revolution erst wirklich deutlich zutage tritt. Damit informative Texte in Zukunft überhaupt noch wahrgenommen werden, müssen sie bestimmte Kriterien erfüllen. Flusser schlägt »Occams Klinge« vor, »gegen die Betäubung und für die Information, diese Ballung der Texte, damit sie au s der gutenbergschen in die elektromagnetische Epoche hinüberschlagen können (...).« Gemeint ist, Redundanzen zu vermeiden, »je kürzer ein Text, je geballter, desto besser.«

Folgt man den Vorwürfen, die gegen den Buchdruck und auch gegen die alphabetische Schrift vorgebracht werden, stellt sich natürlich die Frage nach Alternativen. Für Medientheoretiker wie Flusser und Bolz ist die Schriftkultur an ihrem Ende angelangt. Sie s ehen durch multimediale Techniken neue Bildercodes entstehen, die den Umweg über Schrift nicht mehr benötigen, die Menschen werden einfach aufhören, die komplizierte alphabetische Schrift zu lernen, wenn sie viel einfacher mit digitalen Bild-Zeichensysteme n kommunizieren können. Der schreibende Philosoph Flusser sieht die Aufgabe der Aufklärung für erledigt an, die Aufklärung kann höchstens noch sich selber aufklären. »Das Alphabet ist der Code der Aufklärung. Wenn also noch weitergeschrieben wird, dann nur , um das Alphabet aufzuklären, die Schrift zu beschreiben. Sonst ist nichts mehr zu erklären und zu beschreiben.« 27 Natürlich setzt sich das Alphabet zur Wehr, schließlich war das Textdenken immer ein Kampf gegen Magie und Mythos, also gegen das alte Bilder denken. Jedoch wird seine prozessuelle, »fortschrittliche« Ideologie der neuen strukturellen, systemanalytischen, kybernetischen Denkweise der digitalen Codes unterlegen sein.« 28

Die Bewahrer der Buchkultur sind in einer schwierigen Situation: Für die Verteidigung des Buches berufen sie sich fast ausschließlich auf materiell-mediale Aspekte, damit scheint der Mythos vom rein geistigen Medium aufgegeben und also auch die darauf grün dende Macht. Die unbestreitbaren Vorzüge, die Bücher auf der »Hardwareebene« besitzen, können aber Erfahrungsgemäß nur auf sehr kurzlebige Argumente bauen, zu schnell paßt sich die Computertechnik den Bedürfnissen von Rezipienten und Bedienern an, nur allz u schnell sind heutige Unannehmlichkeiten vielleicht morgen schon beseitigt. So gibt es beispielsweise erfolgreiche Bemühungen, die vielbeschworenen taktilen Qualitäten von Büchern auch auf digitale Medien zu übertragen, schon existieren Prototypen von lei chten, kartonähnlichen Displays mit sehr hoher Auflösung. Doch wer will schon an der »Displayfrage« ernsthaft die Überlegenheit und kulturelle Relevanz eines Mediums messen, gar eines Leitmediums?

Durch seine konkurrierende Stellung hat das Schriftmedium Computer, so scheint es, vor allem eines geleistet: es hat wieder in Erinnerung gebracht, daß wir beim Lesen und Schreiben Schrift handhaben, und daß sich zum Schreiben und Lesen unterschiedliche Tr ägermedien eignen mit ihren jeweils spezifischen Vorzügen. Zu fragen ist nun, wie stark sich die elektronische Schrift von der Gedruckten unterscheidet. Was zeichnet die elektronische Schriftkultur aus, hat sie die Voraussetzungen dafür, um eine bessere Al ternative zum Buchdruck zu sein?

6 Elektro-Text

»In der Tat ist der Computer der Letzgeborene einer großen Familie, deren Vorfahre das griechische Alphabet ist.« 29


De Kerckhove sieht in der Entwicklung der digitalen Informationsverarbeitung nicht zwangsläufig das Ende der Schriftkultur. Mit dem Medium Computer vollzieht sich seiner Ansicht nach die »Versöhnung von Alphabet und Elektrizität sowie von Bild und Buchstab en.« 30 Die Nachteile von Fernsehen und Buch werden im neuen Medium aufgehoben. Das Fernsehen sei gefährlich, weil es beim Zuschauer das Gehirn zensiere: »Das Fernsehen (...) modifiziert die mentalen Strukturen seines Publikums und gestaltet dessen zentrales Nervensystem nach seinen eigenen Schemata.« 31 Aus diesem Grund sei der in Nordamerika so populäre Fernsehevangelismus als gefährlich einzuschätzen. Aber auch das Buch birgt Gefahren, es manipuliert das Nervensystem auf auf seine eigene Art, es machte zwar aus den Lesern vollständige, in sich abgeschlossene Individuen, der Preis war aber die systematische und fortwährende Unterdrückung des Körpers.

Auch für Kittler bringt der Computer zusammen, was zusammengehört, er ist eine logische Konsequenz aus der Entwicklung der alphanumerischen Zeichensysteme und den technischen Möglichkeiten unserer Zeit:

»Wenn man diese Geschichte wieder bedenkt, kann man sehr klar sehen, wie das präzise vor allem aus der Gutenbergischen Erfindung des Buchdrucks und der modernen Algebra herausgekommen ist. Beide sind ungefähr gleichzeitig um 1450-1500 entstanden. Der Buchd ruck konnte alles kopieren und abschreiben und die Algebra konnte alles berechnen, aber die beiden liefen nicht zusammen. Wenn man schrieb, mußte man immer noch Polizei oder Liebe einsetzen, damit die Leser taten was man beschrieben hat. Wenn man programmi ert, dann tritt ein richtiger Integralismus auf. Man schreibt nicht nur, sondern das, was man schreibt, wird getan vom Programm. Das Versprechen des Buchdrucks und das Versprechen der modernen Mathematik endlich zusammengekommen, nach 500 Jahren Latenzzeit Europas, das ist eine unendliche Macht, wirklich eine Art von Integral, in das alle vorher getrennten einzelnen Technologien, Metallurgien, Halbleitertechniken und Elektrotechnik eingeht.« 32

Die elektronische Schrift könnte also in vielerlei Hinsicht als Emanzipation der Schriftsprache verstanden werden aus den bisherigen Zwängen, die sowohl bei der Erzeugung als auch bei der Rezeption von Drucktexten eine Rolle spielen. Von welch grundlegend anderem Charakter die elektronische Schrift ist, zeigt zu Beispiel eine Betrachtung des sogenannten ASCII-Texts. Das ASCII-Format ist das Basistextformat auf allen gängigen Computersystemen. Dieser Text zeichnet sich gegenüber einem Drucktext vor allem dad urch aus, daß er tatsächlich eine rein geistig-ideale Schriftform ist, immateriell, ohne Text- und Seitenformatierung, er existiert nur auf Monitoren. Er ist somit das, was gedruckte Texte immerzu sein wollte. Ein gedruckter ASCII-Text ist kein ASCII-Text mehr, weil er vom Drucker mit einem Schriftformat versehen wurde. ASCII-Texte sind wie jede Computerschrift nur der Schein eines Kathodenstrahls, oder sogar nur die Auslassung des Kathodenstrahls, wenn dieser den weißen Bilschirmhintergrund zeichnet. Er is t die Negation jeder herkömmlichen Form der Repräsentation. Andererseits ist der ASCII-Text ohne sein Medium nicht denkbar, er kann es nie verleugnen.

Publiziert werden größere Computertexte in einer elektronischen Edition, und solche Editionen sind das Gegenteil der »linearen Falle« Drucktext. Der Leser navigiert durch solche Texte, er kann intuitiv und assoziativ von einer Textstelle zur anderen spring en, anhand von Wort- und Bedeutungsfeldern den Text beim Lesen neu strukturieren. Durch eine elektronische Edition bahnt sich jeder Leser seinen eigenen Weg. »Er (der Leser) liest nicht eine Zeile entlang, sondern er spinnt seine eigenen Netze.« 33 Der elekt ronische Text ist die Rache der Lesenden an den Schreibenden.

Elektronische Texte sind alles andere als ein defizienter Modus in der Vorstufe der gedruckten Schrift, sie stellen im Gegenteil die Basis für eine völlig neuartige Schriftkultur dar. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die Entwicklung und die gän gigsten Erscheinungsformen der digitalen Kommunikation gegeben werden.




7 Vom Druckgewerbe zur Heimdruckerei

Mit der Verbreitung des Homecomputers in den 80er-Jahren wurde das Herstellen von Druckerzeugnissen plötzlich zur Privatsache. Drucken war bis dahin ein Privileg von Druckereien oder ein sündteueres Hobby, und Schreibmaschinen waren immer ein äußerst besch eidenes Hilfsmittel gemessen am Buchdruck oder am Laserdruck. Aber »die Schreibmaschine war der erste Schritt zur Demokratisierung der Edition. Die Mikro-Edition (PC und Drucker am Arbeitsplatz) geht noch weiter. Denn Sie stellt jede Form des Informationsm onopols in Frage, bis hin zum Konzept der 'öffentlichen Meinung'. Insofern als Daten instantan reproduziert und verbreitet werden können, können öffentlich-rechtliche und staatliche Instanzen nicht länger für sich das alleinige Recht beanspruchen, Informat ionen unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu kontrollieren. Aus diesem Grund sind Photokopierer und Schreibmaschinen in totalitären Ländern verboten. Wir wissen heute, daß Macht und Autorität vom Publikationsmonopol abhängen.« 34

Die stille Revolution der Wortprozessoren ermöglichte es plötzlich auch Durchschnittsverdienern, technisch-gestalterisch hochwertige Schriftstücke zu erzeugen. Viel einschneidender war aber wohl die Auswirkung des computergestützten Schreibens auf die Text produktion selber: Apples Erfindung der Cut and Paste-Funktion war das endgültige Ende der linearen Texte. Das Verfassen von Schriftstücken veränderte sich grundlegend, vor dem Ausdruck konnte jeder Text in die perfekte Form gebracht werden. Mit dem Aufkom men des Desktop-Publishing wurde auch jedem Heimanwender die perfekte Seitengestaltung versprochen, in der professionellen Anwendung von DTP wurde das Herstellen von Druckerzeugnissen mehr und mehr eine Frage der geeigneten Software. Die Digitalisierung er möglichte dem Buch- und Zeitschriftendruck nie dagewesene Gestaltungsmöglichkeiten, Desktop-Publishing im Büro oder auf privaten PCs, so wurde prognostiziert, werde die Druckereien überflüssig machen. Doch zunächst kam diese Technik dem traditionelle Druck gewerbe eher zugute, da sie die gestalterischen Fähigkeiten von Layoutern erweiterte und außerdem die Aus- und Weiterbildung für viele Layouter auf den heimischen PC verlagerte.

Die Mikro-Edition am Schreibtisch stellt natürlich nur eine sehr konservative Nutzung des Computers dar, denn dabei wird mit einer neuen Maschine nur die Alte nachgeahmt. »In der Art, wie die Mikro Edition entgegen ihren wunderbaren Möglichkeiten genutzt w ird, läßt sich bisher nur eine reaktionäre Vision von Lesen und Schreiben feststellen. Denn solange sie noch völlig auf die vom Drucker gelieferten 'harten' Resultate reduziert wird, bleibt sie der Obsession für das 'Endprodukt' verpflichtet, die für die m echanistische Kultur seit der Erfindung des Buchdrucks charakteristisch ist.« 35

Erst mit dem Aufkommen eines universalen Computernetzes wie dem Internet ist der Verzicht auf Drucksachen vorstellbar. Manche Experten sehen mittlerweile erste Anzeichen für einen Rückzug des Druckgewerbes. Internet-Publishing und »Printing-on demand«, das Drucken kleiner Auflagen vor Ort gewinnt an Bedeutung, »immer weniger gestandene Drucker oder Vorstufendienstleister, aber immer mehr 'Seiteneinsteiger' zählen zu den interessierten am Publishing der Zukunft.« 36




8 Schreibmaschinen für das Internet

Ein Großteil der Homecomputer wurde sicherlich als bessere Schreibmaschine oder als »Heimdruckerei« angeschafft. So fand im Laufe der achtziger Jahre mit der allmählichen Verbreitung der PCs die Demokratisierung des Buchdrucks statt. Zu dieser Zeit gedieh das Internet schon prächtig, es war längst eine weltumspannende Institution. Als dann Anfang der neunziger Jahre das Netz engmaschig genug geknüpft war und weltweit genügend Rechner auf Schreibtischen herumstanden, war es nur noch der letzte konsequente S chritt, die studentischen Schreibmaschine endlich an die Telefonleitung anzuschließen und so den PC als Kommunikationsmaschine zu benutzen. Den meisten Benutzern war bis dahin offenbar eine derartige Verwendungsmöglichkeit ihrer Geräte nicht bewußt. Durc h diese Umwidmung per Vernetzung verwandelte sich die der PC vom bloßen Hilfsmittel der Buchdruckkultur zum eigenständigen weltweiten Kommunikations- medium. Potentiell war er das immer schon.

»Es sieht alles aus wie der Erfolg einer wunderbaren und sehr versteckten Strategie, die nun endlich aufgeht, nachdem sie 15 Jahre lang vorbereitet worden ist. 1982 sind die ersten personal computers, wie sie so schön heißen, verteilt worden. Einsame, lone ly cowboys die einfach auf dem Schreibtisch standen und nichts anderes konnten als Texte schreiben, ich untertreibe jetzt. Und irgendwann sind die Dingen in den letzten 15 Jahren immer besser geworden und jetzt können sie alle anderen Medien fressen, das T elephon, den Telegraph und das Faxgerät und bald auch das Bild und den Ton und die CD. Und man kann sie alle mit wunderschönen Netzen verdrahten, weltweit. Aus dieser ganz kleinen Investition, die auf jeden dritten Schreibtisch in den zivilisierten Ländern steht, entwickelt sich holterdiepolter ein weltweites Netz, das wirklich wie eine große Spinne ist und die anderen Medien das Fürchten lehrt.« 37

Der plötzlich so durchschlagende Erfolg des Internet mußte Eingeweihte nicht allzusehr überraschen. Die großartigen Möglichkeiten, die die Kommunikation per Computer bietet, sind nicht erst mit der Popularisierung des Internet bekanntgeworden. Auch auf and eren Datenpfaden ist nämlich der elektronische Informationsaustausch lange erprobt, unabhängige, »basisdemokratische« Mailboxnetze haben ihre Wurzeln in den späten siebziger Jahren, als die ersten Mailboxen entstanden. Jenseits des militärisch-wissenschaft lichen Internet existieren seit den frühen achtziger Jahren Mailboxnetze wie das Fido-Netz, in denen seither weltweite elektronische Kommunikationspraxis ausgeübt wird. Da damals gute Computerkenntnisse die Voraussetzung waren, um an dieser Kommunikationsf orm teilzunehmen, hielt sich die Popularität lange in Grenzen. Darum verwundert es nicht, daß das Internet erst zu der Zeit stärker in das öffentliche Bewußtsein trat, als Anfang der neunziger Jahre die ersten leicht zu bedienenden Programme für den Multim edia-Internetdienst WWW (World Wide Web) aufkamen. Das WWW-Programm Mosaic, das ursprünglich am CERN in Genf entwickelt wurde und der direkte Vorläufer von Netscape ist, war somit der Geburtshelfer eines neuen weltweiten Massenmediums.




9 Internet - das Medium

Das Internet hat wie so viele Kommunikationsmedien der Menschheitsgeschichte einen militärischen Ursprung. Anfänglich wurde es vom US-Verteidigungsministerium in den sechziger Jahren unter der Bezeichnung APAR-Net ins Leben gerufen mit der Idee, ein unverw undbares Nachrichtennetz zu schaffen. Computer sollten mit Hilfe einer unzerstörbaren Netzstruktur auch nach einem Atomschlag noch in Verbindung bleiben. Technisch realisiert wurde diese Idee mit einer möglichst hohen Anzahl von Netzknoten, die in vielen v erschiedenen Richtungen verbunden sind. Entscheidend für die Entwicklung war auch noch das Daten-Übertragungsprotokoll TCP/IP (Transmission Control Protocol/Internet Protocol), das den Netzverkehr in Datenpaketen regelt. Daten, die über das Netz geschickt werden, bahnen sich selbst ihren Weg über sogenannte Router (Server an einem Knoten). Fällt eine Leitung aus, sucht sich das Paket ohne Zutun von außen sofort automatisch eine andere Route. Das passiert solange, bis das Datenpaket an seinem Zielrechner ang elangt ist. Solche technischen Details sind insofern von großer Bedeutung, da sie im wesentlichen für den Erfolg des Internet verantwortlich sind. Aufgrund der beschriebenen Struktur ist beispielsweise eine Zensur im Internet nicht vorstellbar, wer im Inte rnet ist, wird auf jeden beliebigen (Um-)Weg seine gewünschte Information bekommen.

Anfangs wurde das Netz für rein militärische Zwecke genutzt, nach und nach klinkten sich dann auch Universitäten ein. Allmählich knüpfte ein weltweiter Verbund von universitären Rechnernetzen ein immer dichteres Gewebe und der Zuwachs beschleunigte sich vo n Jahr zu Jahr, wie ein paar Zahlen belegen:



Datum Rechner

über Standleitung


1969 4

08/81 213

01/89 80.000

10/89 159.000

01/92 727.000

10/92 1.136.000

10/93 2.056.000

10/94 3.864.000



Der Begriff Internet steht zunächst nur für ein physikalisches Netz aus Standleitungen, die an einen Computer angeschlossen sind. Benutzbar wird das Internet erst durch die Software, die einen bestimmten Dienst auf den Netzservern und den Client-Rechnern z ur Verfügung stellt. Die Mehrzahl der Dienste des Internet sind rein textbasiert, beispielsweise E-Mail oder das Usenet, Gopher und IRC. Manche dieser digitalen Dienste haben vergleichbare Pendants in der Welt der materiellen Medien, manche Dienste nutzen die neuartigen Möglichkeiten von Computern. E-Mail ist der älteste und berühmteste Dienst im Netz, Gopherdienste sind einfach zu bedienende Textdatenbanken, die vor allem im wissenschaftlichen Bereich genutzt werden und am ehesten mit einer Bibliothek zu v ergleichen sind. Das Usenet ist das Nachrichten- und Diskussionsforum des Internet, jeder kann hier den Informationsaustausch und die Debatten verfolgen und bei Bedarf einen eigenen Beitrag »posten«. Derzeit gibt es weltweit etwa 15000 News-Gruppen, die ei nigermaßen klar strukturiert von den trivialsten Alltagsthemen bis hin zu wissenschaftlichen Fachdiskussionen ein breites Spektrum bieten. In der Praxis abonniert man nur die Gruppen, die einen Interessieren, man sucht sich also die wichtigsten Newsgruppen heraus, die da zu den Themen Medien und Kultur beispielsweise wären:


de.soc.medien

de.soc.kultur

zer.z-netz.literatur.allgemein

de.sci.philosophie

talk.philosophy


Jedem Internetteilnehmer steht es frei, eine eigene News-Gruppe zu eröffnen, finden sich genügend Teilnehmer, lebt die Gruppe, bleibt das Brett dauerhaft leer, wird es auf den Servern wieder gelöscht. Wer mit einem interessanten Thema eine lebhafte Diskuss ion auslösen kann, der darf mit einer langlebigen News-Gruppe rechnen.

IRC (Internet Relay Chat) ist ein computertypischer Internetdienst, er ermöglicht Online-Diskussionen in Echtzeit. In diesem Gesprächsforum wird »Talking-by-typing« praktiziert, alle zugeschalteten Teilnehmer können den Text lesen, den man im Augenblick in seine Tastatur tippt und umgehend darauf antworten. Hier gilt das Prinzip: jeder kann mit einen neuen IRC-Kanal eine Gesprächsrunde eröffnen, wenn sich genügend Gesprächspartner finden, kann so eine Unterhaltung endlos fortgesetzt werden. Kommt eine Viert elstunde lang keine Meldung, wird der Kanal automatisch geschlossen.

Das World Wide Web ist in erster Linie ein Hypertext-Dienst. Anfänglich war er auch fast ausschließlich für die ansprechende, benutzerfreundliche Darstellung von Textseiten bestimmt, die der Anwender am PC mit seiner Browser-Software abruft. Die Überlegenh eit des Hypertextsystems WWW resultiert aus der unbegrenzten Verzweigbarkeit. Während die Links in lokalen Hypertextsystemen nur auf lokal begrenzte Ressourcen verweisen können, kann ein WWW-Link auf jede beliebige Ressource im Internet, ob Text, Bild, Dat ei, Film, Newsgruppe etc., verweisen. Derzeit arbeitet die Softwareindustrie mit Hochdruck an allen erdenklichen neuen Funktionen für das WWW. Damit wird das Web immer mehr ein Multimediadienst, der nach und nach alle Funktionen bisher bekannter Medien übe rnimmt. Es ist mittlerweile schon möglich, in Echtzeit Musik zuhören oder sogar Filme ansehen, wenn auch noch in mäßiger Qualität. Telefonieren über das Internet wird vielleicht bald schon die Telefongesellschaften überflüssig machen, denn jedes Gespräch k önnte in Zukunft weltweit zum Ortstarif geführt werden.


Der kurze Abriß hat gezeigt, daß das Internet in Verbindung mit Multimediacomputern das Potential hat, alle Funktionen bisher bekannter Medien nachzuahmen. Traditionelle Medien sind vor allem durch materielle Eigenschaften charakterisiert. Ein Buch ist ein Buch, Telefon, Radio und Fernseher sind allesamt eigenständige technische Geräte, die jeweils ihrer Bestimmung gemäß eine genau zugeteilte »festverdrahtete« Funktion besitzen. Computer als programmierbare Maschinen können alle diese Funktionen per Softwar e übernehmen. Für neue Formen der Kommunikation wird man in Zukunft kaum mehr eigenständige Geräte konstruieren müssen, sie werden statt dessen in Form von Computerprogrammen realisiert. Ob dadurch das ein oder andere alte Medium überflüssig wird, darüber kann derzeit nur spekuliert werden, sicherlich wird sich aber der Stellenwert der bisherigen Medien verändern.

Waren bisher vor allem in der Wissenschaft gedruckte Texte das Maß aller Dinge, werden vielleicht bald elektronische Texte, die in Handhabbarkeit und Überschaubarkeit jedem Buch überlegen sind, von größerer Bedeutung sein. Für Wissenschaftler wird es in Zu kunft unentbehrlich sein, Texte wie Datenbanken abfragen zu können. Diese Form der Transparenz und könnte einschneidende und im Moment noch unvorstellbare Konsequenzen haben. Mit zunehmender Verfügbarkeit von elektronischen Texten werden auch die Recherche n immer mehr in den digitalen Bereich verlagert. Gedruckte Texte werden mehr und mehr übergangen, nur was nachträglich digitalisiert wird, bleibt relevant. Glaser stellt hierzu fest:

»Schon mit der Verbreitung des bequemen Zugriffs beginnt eine neue Ära der Geschichtsschreibung. In vielen Zeitschriftenarchiven, Wirtschafts- und weiteren Datenbanken beginnt die Zeitrechnung mit der Einführung des Electronic Publishing, in vielen Fällen Mitte der achtziger Jahre, in manchen nun mit den neunziger Jahren. Was davor geschrieben wurde, ist zwar auch da, und auszuheben, aber nicht so einfach wie im Fall der elektronischen Archive. Die Recherchen werden sich in vielen Fällen auf die elektronisc h verfügbare Information beschränken. In aller Stille wird eine neue Zeitenwende markiert.« 38

Ein Großteil der gedruckten Texte, die heute die Bibliotheken füllen, wird bei der zukünftigen Online-Recherche unberücksichtigt bleiben, da es völlig unrealistisch ist, alle bisher verfügbaren gedruckten Texte jemals zu digitalisieren. So wie heute kaum j emand Zugang zu alten Handschriften findet, so wird vielleicht in Zukunft kaum noch jemand den Zugang zu Büchern suchen.




10 Interaktivität

Mit dem Internet scheint ein langersehter Menschheitstraum von unbeschränkter Interaktivität in Erfüllung zu gehen. Computer bieten die ideale Voraussetzung für Interaktion des Benutzers einerseits mit intelligenter Software wie Lernprogrammen und Computer spielen, andererseits die Interaktion mit Netzbenutzern. Die tatsächliche praktische Vorteile von interaktiver Software sind derzeit noch sehr umstritten. Kritiker sprechen von einer Schein-Interaktivität, Programme könnten nicht wirklich interaktiv sein, sie könnten nur im engen Rahmen ihrer Programmierung reagieren. Die Interaktionsmöglichkeiten über das Internet scheinen grenzenlos, doch Skeptiker glauben nicht, die daß die breite Masse an eigener Beteiligung interessiert ist. Schon Bertholt Brecht wünsc hte sich in seiner Radiotheorie: »aus dem Radio eine wirklich demokratische Sache machen«, »der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln.«. 39 Es gab sie auch schon viele Versuche, diese alte Kommunikations-uto pie in die Realität umzusetzen, beispielsweise Bürgerradios, in denen jeder mitreden und mitgestalten durfte, allerdings waren die Erfolg nicht besonders groß, viele Experimente schliefen wieder ein. Vergleichbare Erfahrungen bei der Bürgerbeteiligung im F ernsehen und bei Zeitungen legen daher die Vermutung nahe, daß die breite Masse keinerlei Interesse an aktiver Medienbeteiligung habe, die beliebten Berieselungs-Thesen gehören zu einem festen Bestandteil der Medienkritik. Dabei wird oft übersehen, daß ein ige Grundbedingungen für geglückte Interaktion notwendig sind. Die klassischen Medien Radio und Fernsehen sind wie Bücher strukturell nicht-interaktive Medien mit linearer Funktionsweise. Zappen durch eine Vielzahl von Programmen ist eine zu bescheidene Mö glichkeit der Einflußnahme. Der Benutzer von Hypermedien hingegen bahnt sich selbst den Weg durch Texte oder virtuelle Räume, er folgt seinen eigenen Interessen im eigenen Tempo, er erzeugt sein eigenes Gewebe Verknüpfungen und Fäden. Computermedien sind A brufmedien, die Aktivität liegt auf der Benutzerseite, dieser kann im Internet als Surfer Informationen abrufen und gleichzeitig als Anbieter auftreten für andere Abrufer. Die Anbieter erzeugen mit Hilfe von Hyperlinks ein Gewebe, das ständig auf eigene od er fremde Inhalte verweist. »The Web is a very Lacanian idea - chains, knots, weaving, tissues of meaning, people building meaning out of linking and association, not linearly but associatively«. 40

Radio und Fernsehen sind wie Bücher Druckmedien. Sie drücken dem Konsumenten eine lineare Rezeptionsweise auf, der er folgen muß, bei den Funkmedien ist es eine Zeitlinie, an denen die Beiträge entlanglaufen, bei Büchern ist es eine Zeile. Inhalte kann nur erfassen, wer einer Linie folgt und dabei alle anderen, außerhalb liegenden Linien übergeht. Ein weiterer Grund dafür, daß Rundfunk und Fernsehen für die Massenkommunikation untauglich sind, ist das zentralistische Sender-Empfänger-Modell. Flusser hat es als »faschistisch« 41 bezeichnet, in Anlehnung an die ursprüngliche Wortbedeutung, die ein Rutenbündel meint mit einem Knotenpunkt (Sender) mit einer Vielzahl von ausgehenden Strahlen, an deren Endpunkt ein (isolierter) Empfänger sitzt. Flusser, der das Inte rnet nicht kannte, hat demgegenüber ein Netzmodell gestellt, das alle Teilnehmer gleichermaßen zu Sendern und Empfängern macht. Das Internet besteht tatsächlich aus gleichberechtigten Hin- und Rückkanälen, beim Funk dagegen gibt es nur einen starken Sendek anal und (mittlerweile) einen sehr schwachen Rückkanal, wenn man die Einbeziehung der Zuseher/Zuhörer über Telefon berücksichtigt.

Die Printmedien funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip: Drucksachen haben festgelegte Distributionskanäle, eine überschaubare Anzahl von Verlagen mit einer überschaubaren Anzahl von Lektoren und Schlußredakteuren bestimmt darüber, was und in welcher Fo rm etwas veröffentlicht wird.

Das Internet ermöglicht nicht weniger als die Aufhebung aller hierarchischen und institutionellen Regelungsmechanismen bisheriger Massenkommunikation. Und schon viele Millionen von Benutzern wissen das zu schätzen und nehmen aktiv und passiv an diesem Medi um teil. Daß auch die »breite Masse« durchaus ein Interesse an aktiver Mediennutzung hat, hat nicht zuletzt der Boom der Faxgeräte gezeigt. Schriftliche Kommunikation hat dadurch eine große Belebung erfahren. Derzeit spricht alles dafür, daß das Internet d as erste wirklich interaktive Massenmedium sein wird. Ein Indikator für die Aktivitäten im Netz sind die großen Suchmaschinen, die das ganze Internet mit Hilfe von Suchroboter vollautomatisch indizieren. Auf den wichtigsten Suchmaschinen sind derzeit etwa 34 Millionen Homepages registriert, 42 kein Massenmedium dürfte es jemals in so kurzer Zeit zu einer ähnlichen Popularität gebracht haben und gleichzeitig so vielen Menschen die aktive Beteiligung ermöglicht haben.


11 Inhalte

»Meist läuft es doch darauf hinaus, immer mehr Medien und Informationsquellen und Medien anzuzapfen, die doch eigentlich nichts zu sagen haben, außer dem üblichen Geschwätz, das entspannendem Zeitvertreib dient und keine Nachhaltigen Spuren hinterläßt. An die Tragfähigkeit einer Vision reicht das Online-Gechatter schon wegen seiner Redundanz schwerlich heran.« SZ, Hanna Rheinz, S. IV


Die Buchdruckkultur sieht im Internet eine klare Konkurrenz zum Buch - in kaum einem Punkt wird diese Situation deutlicher als bei der Debatte um das inhaltliche Niveau. Und mit Urteilen ist die Kritik schnell bei der Hand, ähnlich wie bei Debatten um die Qualität des Fernsehens zieht man für die Beweisführung die niveaulosesten Beiträge heran, um daran die Überlegenheit des Buches zu belegen. Die Meßlatte der gängigen Vergleiche beschränkt sich dabei immer auf den Rahmen der Möglichkeiten des Buches. So fi ndet man kaum Kritiker, die beispielsweise die Vorteile von Hypertext als Ausgleich sehen würden für die Einbußen bei der Darstellungsqualität von Monitoren. Das unterdurchschnittliche Niveau eins Großteils der Inhalte wird gerne als Argument gegen das Med ium an sich gebraucht. Dabei müßte jedem klar sein, daß von einem derart neuem Medium niemand sofort höchstes Niveau erwarten kann, und das Internet wird sicherlich noch lange Zeit ein großes Experimentierfeld sein mit einer Masse an unausgereiften Beiträg en.

Immerhin gibt es auch für Geisteswissenschaftler schon eine beachtliche Zahl von Beiträgen, die zeigen, wie die Arbeitsmöglichkeiten in Zukunft aussehen könnten. Wer auf WWW-Suchmaschinen (etwa http://www.lycos.com) nach Namen wie Nietzsche oder Kittler su cht, der erhält eine umfangreiche Ausgangsbasis für weitere Recherchen, die Suche dauert dabei meist nur wenige Sekunden. In Textarchiven werden elektronische Texte aller wichtigen Philosophen zu Verfügung gestellt, das Nietzsche-Gesamtwerk in deutscher Sp rache kann man beispielsweise über einen japanischen Internetnutzer beziehen. Gerade zum Mediendiskurs gibt es schon unzählige Beiträge, etwa eine große Aufsatzsammlung in Kanada unter dem Titel CTHEORY (http://english-server.hss.cmu.edu/ctheory/ rhard_war _soft_war.html), in zunehmender Zahl gibt es auch deutsche Beiträge wie das Medienforum Telepolis unter http://www.ix.de/tp.

Der Mainstream der Internetkritiker geht weiterhin davon aus, saß das Buch der einzig legitime und unanfechtbare Ort der aufklärerischen Diskurse ist. Scheinbar unbeeindruckt von der postmodernen Aufklärungskritik, die erstmals in großem Stil die Schattens eiten der Aufklärung beleuchtet hat, wird unbeirrt der Kampf gegen alles geführt, was im Verdacht steht, Unvernunft und Irrationalität zu befördern. Postmoderne Denker sahen sich in diesen Auseinandersetzungen oftmals dem Vorwurf ausgesetzt, den Ast, auf d em sie stehen, selber abzusägen, indem sie beispielsweise Bücher schrieben gegen das lineare Denken von Büchern. Das Internet löst solche Widersprüche auf, es kann als das Medium der Postmoderne bezeichnet werden. Das Intenet ist dezentriert, intertextuell (Hypertext), fragmentarisch, die Knoten des Internet sind die Plateaus von Deleuze, ob auf unterster technischer Ebene, oder als Hypertextgewebe. Der Postmoderne-Diskurs, der vor allem für radikalen Pluralismus steht, hat mit der Vielheit und Buntheit des Internet sicherlich kein Problem, durch die Möglichkeit der Gegensätze im WWW zwischen anspruchsvollen Beiträgen und niveaulosem Kitsch findet er höchstens eine Bestätigung. Zur Fortführung des Postmoderne-Diskurses ergeben sich mit Blick auf das Internet gerade aus medientheoretischer Sicht weiterhin interessante Ansatzpunkte.

Das Medium Internet ist, darin haben die Kritiker recht, voll von Rauschen, wie jedes Medium, doch dieses Rauschen kann ein Medium nicht in Frage stellen. Im Gegenteil, ist die Frage an die Buchdruckkultur zu stellen, wo sie ihr Rauschen versteckt hält. De r Trick der Bücher war es immer, das Rauschen auszublenden, und statt dessen mit einer Fassade von Sinn und Bedeutung in allem Geschriebenen ihre Unverzichtbarkeit vorzutäuschen. Doch laut Kittler hat schon Nietzsche das Rauschen der Schrift-Kanäle überdeu tlich wahrgenommen und jedem Schreiben, allen Diskursen, die Unmöglichkeit von Sinn attestiert: »Der unmenschliche Ton in Nietzsches Rücken ist keine Rede erstanfänglicher Artikulation, sondern überhaupt keine. Kein Diskurs vermag etwas gegen ihn, weil all e Diskurse ihm zurechnen und anheimfallen. Diesseits von Lauten und Worten, diesseits aller Organismen taucht das weiße Rauschen auf, dieser unaufhörliche und unaufhebbare Hintergrund von Information. Denn Rauschen emittieren die Kanäle selber, die jede Na chricht durchlaufen muß.« 43 Die Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts hat mit Nietzsches Entdeckung ernstgemacht, nichts hat das Schreiben von Büchern mehr in Frage gestellt als die Literatur von Autoren wie Kafka, Becket oder Bernhard. Was mit dem griech ischen Alphabet eingeleitet wurde, nämlich die Trennung von Schriftzeichen und Bedeutung, damit macht diese Literatur, die vor allem ein Experimentierfeld von Sprache ist, Ernst. Kafka hat mit seiner selbstreferentiellen Literatur jede Repräsentationsfunkt ion der Zeichen unmöglich gemacht und er hat damit vor allem Rauschen produziert. Die unzählbaren Versuche von Kafka-Interpretationen, seine Texte gemäß dem Paradigma der aufklärerischen Moderne hin auf Sinn, Bedeutung und Repräsentation außerhalb des Text es hin zu deuten, sind ein Beispiel für das Scheitern wissenschaftlicher Diskurse. Die Buchdruckkultur, die ihr Medium immer verachtet oder zumindest ignoriert hat, hat die Texte bekommen, die sie verdient hat, sie hat das Rauschen überhört und es dadurch zur Unerträglichkeit hin verstärkt. Auch diese Seite muß bedacht werden, wenn die Vor- und Nachteile verschiedener Medien erörtert werden.

Dem Internet wäre immerhin zugutezuhalten, daß darin das Rauschen deutlich zutage tritt, niemand kann es unterdrücken oder verdrängen. Vielleicht ist das Internet daher als Medium aufrichtiger, als es das Buch mit seinen Ausblendungen jemals sein konnte. D ie Buchdruckkultur war immer eine Kultur der Kontrolle der Schrift, jedes Schreiben sollte sich vor dem Richterstuhl der Kritik rechtfertigen. Dieser Kultur mußte der Amoklauf der Zeichen immer suspekt sein, doch er wurde von Anfang an in Kauf genommen, de nn immerhin war der Druck als früheste Industrietechnik von Beginn an auf die unkontrollierte Verbreitung seiner Produkte ausgrichtet, sie war sogar einer der Gründe seines Erfolges.

Das Buch war entgegen seinen Ansprüchen, mit denen es immer wieder angetreten ist, stets ein elitäres Medium mit klaren Hierarchien, der Kampf gegen den Schund war stets ein hohes Ziel. Im populären Medium Internet sind herkömmliche Unterscheidungen von ho her und niederer Kultur schwieriger geworden, sofern sie sich auf gewohnte Rituale und Inszenierungen beschränken. Darin mögen viele Künstler und Wissenschaftler eine Gefahr sehen: sind ihre Werke erst einmal gewisser Rituale entledigt, könnten sie sich vi elleicht schnell als Geschwätz herausstellen.

Das Internet ist Pop-Kultur, die Kultur des Gewöhnlichen, das Internet ist Geschwätz, und somit ein Spiegel unserer Kultur. Thomas Bernhards Protagonist Reger wäre wahrscheinlich begeistert vom Geschwätz im Internet. Er hat in jahrzehntelangem Selbststudiu m an den »Alten Meistern« gelernt, daß alle Menschheitsäußerungen und vor allem die in Kunst und Wissenschaft nichts als Geschwätz sind, und das war seiner Ansicht nach für die Menschheit immer nur von Vorteil: »Alles Gesagte stellt sich über kurz oder lan g als Unsinn heraus, aber wenn wir es überzeugend sagen, mit der unglaublichsten Vehemenz, ist es ja kein Verbrechen, sagte er. (...) Die Menschheit wäre längst erstickt, wenn sie ihren im Verlauf ihrer Geschichte gedachten Unsinn verschwiegen hätte, jeder einzelne, der zu lange schweigt, erstickt, auch die Menschheit kann nicht zu lange schweigen, denn dann erstickt sie, auch wenn es doch immer nur Unsinn ist, das der einzelne denkt, das die Menschheit denkt und das der einzelne jemals gedacht hat und das die Menschheit jemals gedacht hat.« 44




12 Schluß

Das Internet ist die Fortsetzung der Buchdruckkultur, mit anderen Mitteln. Es übernimmt alle Aufgaben, für die bisher Bücher benötigt wurden, und es erweitert die schriftliche Kommunikation mit völlig neuartigen Möglichkeiten. Der entscheidende Punkt, der das Buch zum Massenmedium gemacht hat, war die für damalige Verhältnisse völlig unkontrollierbare Verbreitungsmöglichkeit von Texten durch eine neue, dezentrale Technik, die vielen Menschen viel Information zugänglich machte. Das Internet ist in unserer Ze it das völlig unkontrollierbare Medium und es boomt vor allem deshalb, weil es antizentralistisch ist und jede Information für jeden zugänglich machen wird. Der Buchdruck ist sicherlich maßgeblich für die kulturelle Entwicklung des neuzeitlichen Abendlande s verantwortlich, aber ebenso für die dunklen Kapitel userer Geschichte. Dabei spielen, wie sich herausgestellt hat, weniger die Inhalte von geschriebenen Texten eine Rolle, als die Art und Weise, wie die Schrift selber und das Drucken von Texten eine typi sierende Denkweise und Mentalität geprägt haben. Das gedruckte Wort stellt einen weithin unterschätzten Machtfaktor dar, indem es durch seine Gleichförmigkeit die Repräsentation von authentisch Gesprochenem suggeriert. Der Übergang der Schrift in ein elekt ronisches Medium wird der Schriftkultur einen völlig neuen Charakter verleihen. Die Schrift wird ihren autoritären Charakter verlieren, da das elektronische Schreiben eher spielerischen, vorläufigen, eher fragilen, nicht-linearen Charakter hat. Die Begeist erung für das neue Medium rührt daher vor allem aus einer Ablehnung der Buchdruckkultur und ihren überkommenen Monumenten in Staat, Kultur und Gesellschaft. Für viele kritische Menschen ist das Internet mittlerweile nichts geringeres als der Ort eines Kult urkampfs gegen die Buchdruckkultur, die Buchdruckkultur scheint das nur noch nicht richtig gemerkt zu haben, weil ihr das Medium fremd ist, oder weil sie sich, in gewohnter Manier, auf dem einzig möglichen Platz der Kritik wähnt. Die Geisteshaltung, die si ch im Internet ausmachen läßt, ist direkt gegen das Denken des Buchdruckzeitalters gerichtet, gegen alles, was bürokratisch, zentralistisch oder hierarchisch zu sein scheint.

Die Abschaffung des Buches ist für viele Netzbenutzer das zentrale Ziel, das sollte zur Kenntnis genommen werden, und eine erstaunlich große Anzahl Intellektueller ist an dieser Sabotage seit langem beteiligt. Manche Autoren sehen sich sogar schon genötigt , ihre Buchveröffentlichungen zu rechtfertigen. In seiner Kolumne in der Zeitschrift WIRED gab der Medientheoretiker Nicholas Negroponte vor kurzem an, daß er in den meisten Zuschriften zu seinem Buch »Total digital« gefragt wurde, warum er überhaupt noch in gedruckter Form veröffentliche. Derzeit sei das Buch noch praktisch, schrieb er, weil es eine große Anzahl von Menschen erreichte, in Zukunft sehe er das Buch aber als überflüssiges Medium an.

Die etablierten Massenmedien werden durch eine Internet-Euphorie alleine nicht so schnell untergehen, aber ihr Stellenwert könnte sich drastisch verändern. Ein schönes Gedicht wird man wohl auch in Zukunft auf schönem Papier lesen wollen, aber gefunden wir d man dieses Gedicht möglicherweise im Internet haben. Natürlich sollte bei aller Begeisterung nicht vergessen werden, die Entwicklung mit kritischen Fragen zu begleiten. Die derzeitige Kritik hat dazu aber kaum ernstzunehmende Beiträge zu bieten, soweit s ie allein an der Beibehaltung des Status Quo der Buchkultur festhalten will. Wer den Demokratisierungs-Utopien der computergestützten Medien nur mit diffuser Angstmache entgegnet, der hat wohl weniger mit aufklärerischem Denken im Sinn als mit Machterhalt.

Für die Zukunft dieses vielversprechenden Mediums wird es sicherlich gut sein, wenn genügend Nutzer ein kritisches Verhältnis dazu finden. Platz für Kritik gibt es im Internet überall, diese Kritik wird, so ist zu hoffen, auch das eigene Medium und deren M echanismen hinterfragen. Notfalls wird sich diese Kritik auch in gedruckten Lettern an die Öffentlichkeit wenden.






Literatur


Bernhard, Thomas: Alte Meister, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1985.


Brecht, Bertholt: Gesammelte Werke, VIII, Schriften 2, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1967.


Faulstich, Werner (Hrsg.): Medien und Kultur, Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen, 1991.


Faulstich, Werner (Hrsg.): Sturz der Götter?, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1989.


Flusser, Vilèm: Die Schrift, European Photography, Göttingen, 1990.


Glaser, Peter: 24 Stunden im 21. Jahrhundert, Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 1995.


de Kerckhove, Derrick: Schriftgeburten: Vom Alphabet zum Computer, Fink, München, 1995.


Kittler, Friedrich A.: Aufschreibesysteme 1800/1900, Wilhelm Fink Verlag, München, 1987.


Kittler, Schneider, Weber (Hrsg.): Diskursanalysen 1: Medien, Westdeutscher Verlag, Opladen, 1987.



Zeitschriften


c't Magazin für Computertechnik, Verlag Heinz Heise, Hannover, 2/96.


WIRED, Wired Ventures Ltd., San Francisco/USA, 4.04, 1996.


Süddeutsche Zeitung, Beilage »SZ-Technik, 13.3.96.



Internet


Informationsbombe, Paul Virilio und Friedrich Kittler im Gespräch, ARTE, November 1995, Text im WWW: http://www.dds.nl/~n5m/texts/gespraec.htm



1 Manfred Schneider, Luther mit McLuhan in: Diskursanalysen 1, Medien, S. 13.

2 Faulstich, Grundwissen Medien, S. 128.

3 Vgl. Grundwissen Medien, S. 126.

4 Faulstich, Sturz der Götter, S. 367.

5 Dietrich Grünewald in: Medien und Kultur, S. 119/120.

6 Grundwissen Medien, S. 131.

7 Grundwissen Medien, S. 38.

8 SZ, 13.3.1996, Beilage SZ-Technik, S. III.

9 Theo Sommer, Geht das Zeitalter Gutenbergs zuende? in Medien und Kultur, Faulstich, S. 95.

10 Ebd., S. 96.

11 Ebd., S. 97.

12 SZ, 13.3.1996, Beilage SZ-Technik, S. III, Frust und Langeweile.

13 Manfred Schneider in: Medien, Luther mit McLuhan, S. 21.

14 Ebd., S. 23.

15 Kittler, Aufschreibesysteme, S. 236.

16 de Kerckhove, Schriftgeburten, S. 23.

17 Schriftgeburten, S. 21.

18 Schriftgeburten., S. 22.

19 Schriftgeburten, S. 29.

20 Schriftgeburten, S. 96.

21 Vgl. Schriftgeburten, S. 100.

22 Flusser, Die Schrift, S. 50.

23 Die Schrift, S. 52.

24 Die Schrift, S. 55.

25 Die Schrift, S. 90.

26 Die Schrift, S. 45.

27 Die Schrift, S. 148.

28 Vgl. Die Schrift, S. 144

29 Schriftgeburten, S. 188.

30 Schriftgeburten, S. 159.

31 Schriftgeburten, S. 133.

32 Informationsbombe, Paul Virilio und Friedrich Kittler im Gespräch, ARTE, November 1995, Text im WWW: http://www.dds.nl/~n5m/texts/gespraec.htm

33 Die Schrift, S. 151.

34 Schriftgeburten, S. 164.

35 Schriftgeburten, S. 165.

36 Hans Weiß, Online-Euphorie, c't 2/96, S. 45.

37 Informationsbombe, Paul Virilio und Friedrich Kittler im Gespräch, ARTE, November 1995, Text im WWW: http://www.dds.nl/~n5m/texts/gespraec.htm

38 Peter Glaser, 24 Stunden..., S. 78.

39 Bertholt Brecht, Ges. Werke, VIII, S.129.

40 Sherry Turkle in: WIRED, 4/1996, S. 160.

41 Die Schrift, S. 115.

42 http://www.lycos.com , http://www.altavista.digital.com

43 Aufschreibesysteme, S. 189.

44 Thomas Bernhard, Alte Meister: S. 187.