BMWVK - Forschung und Technologie - Information und Kommunikation

5 Wissenschaftliche Forschung und Universitäten

5.1 Ausgangspunkte

5.1.1 Für Forschung und universitäre Ausbildung wird die Vielschichtigkeit von Entwicklung und Einsatz neuer, multimedialer Formen von Information und Kommunikation in einer Reihe von Herausforderungen erkennbar. Wissenschaftliche Forschung verstanden als Versuch des Erkenntnisgewinns durch systematische, methodische Vorgangsweise steht in einem besonderen Spannungsfeld zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen. Gewinnung neuer Erkenntnisse beruht auf diesem Spannungsfeld und manifestiert sich nicht zuletzt in Auswahl und Intensität der Bearbeitung von Forschungsthemen. Wissenschafterinnen der unterschiedlichsten Disziplinen nehmen aber auch die Rolle von Pionieren ein, wenn es um die Entwicklung neuer Erkenntnisse und Technologien sowie - oft unter "Laborbedingungen" - um deren unmittelbare Nutzung geht. Darüberhinaus erfüllt der Forschungssektor als Know-how-Träger und Vermittler wissenschaftlicher Erkenntnisse und Fertigkeiten wichtige gesellschaftliche Funktionen durch Bereitstellung sektorübergreifender Problemlösungskapazitäten sowie durch universitäre Ausbildung. Konsequenterweise ist es notwendig, die Wissenschaftspolitik auf die Implikationen der Entwicklung zur Informationsgesellschaft für den (öffentlichen) Forschungssektor abzustimmen.

5.1.2 Die Auseinandersetzung mit Informationsgesellschaft bzw. Entwicklung und Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien zieht sich durch fast alle wissenschaftlichen und technischen Disziplinen und umfaßt dabei sowohl Aspekte der Grundlagenforschung als auch der angewandten Forschung. Österreichs universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen haben während der letzten Jahre ihre Anstrengungen in diesem Themenbereich verstärkt. Die zunehmende Teilnahme an Projekten im Rahmen internationaler Programme belegt den erfolgreichen Aufbau und Austausch relevanter, wissenschaftlicher Ergebnisse. Das BMWVK hat im Rahmen von Forschungsaufträgen und Forschungsförderungen eine Reihe von Konzepten und Projekten mit unterschiedlichsten Ansätzen unterstützt. Dazu gehören beispielsweise: Einsatz des WorldWideWeb (WWW) für wissenschaftliche Dokumentation, Konzeption eines Zeitgeschichteinformationssystems, On-Line Archiv für Telekommunikationskunst, Technikfolgenabschätzung zum digitalen Krankenhaus, Strategien für EDV-Anwendungen in Museen, multimediale Aufbereitung von Dokumenten auf CD-ROM etc.

5.1.3 Informations- und Kommunikationstechnologien als unmittelbares Forschungsthema bilden zwar eine Domäne technisch-naturwissenschaftlich ausgerichteter Fakultäten und Institute (vgl. 5.1.6), nichtsdestoweniger erfordert der zunehmende Einsatz dieser Technologien eine umfassendere wissenschaftliche Auseinandersetzung. Bei der Lösung der technischen Probleme handelt es sich oft "nur" um (essentielle) Teilaspekte oder Ausgangspunkte für den Einsatz neuer Technologien und Medien. Multimediaeinsatz im Bildungsbereich etwa erfordert neue inhaltliche und didaktische Konzepte, die sich von traditionellen Lehrmethoden abheben. Die Übermittlung von Multimediadokumenten mit (sensiblen) personenbezogenen Daten (z.B. Röntgenbilder, Diagnoseergebnisse in der Tele-Medizin) erfordert nicht nur technische Lösungen für Datensicherheit und Datenschutz, sondern wirft grundsätzliche rechtliche Fragen bis hin zu den Einsatzbedingungen von Verschlüsselungsverfahren (Kryptographie) auf. Verstärkte Nutzung neuer Medien und Kommunikationsformen verweist auf unterschiedlichste Fragestellungen wie etwa wirtschaftswissenschaftliche (z.B. Technologieeinsatz als Wettbewerbsfaktor auf unternehmerischer und gesamtwirtschaftlicher Ebene), medienpolitische (z.B. Veränderung der Medienlandschaft), psycho-soziale (z.B. Auswirkungen der Mediennutzung auf den Rezipienten), sozio-ökonomische (z.B. Prozesse gesellschaftlicher Segmentation), Architektur und Raumplanung betreffende (z.B. Telematikeinsatz und gebaute Umwelt) etc. Ähnlich wie die Politik den Handlungsbedarf aufgrund der aufgezeigten Probleme zunehmend erkennt, muß sich die wissenschaftliche Forschung der Mehrdimensionalität der Herausforderungen der Informationsgesellschaft stellen.

5.1.4 Eine Pionierrolle des Forschungssektors hinsichtlich Entwicklung und Einsatz neuer Technologien wird gerade bei den Informations- und Kommunikationstechnologien besonders deutlich. Entwicklung und innovative Nutzung von Informationsnetzen und neuen Medien erfolgt im Wissenschaftsbereich oft mit beträchtlichem zeitlichen Vorlauf zur breiten kommerziellen Anwendung. Beispielsweise handelt es sich bei öffentlich finanzierten Forschungsnetzen wie dem Ende der 80er Jahre in den USA geschaffenen Netz der National Science Foundation (NSFNET) oder der Entwicklung des WorldWideWeb (WWW) am Europäischen Kernforschungszentrum CERN in Genf um grundlegende Ausgangspunkte für die breite Nutzung des Internet. Anwendungen wie e-mail (elektronische Post) wurden initiiert und ursprünglich verwendet für die Kommunikation zwischen Forschern. Auch in Österreich bildet das Wissenschaftsnetz ACOnet (Austrian Academic Computer Network) sowohl die technische Basis für die Vernetzung des Österreichischen Forschungssektors mit der internationalen Forschergemeinschaft als auch die Keimzelle für die Nutzung des Internet (siehe Übersicht: Internet und ACOnet). Ermöglicht wird dies einerseits aufgrund ständiger Initiativen der beteiligten Akteure - insbesondere aus dem universitären Sektor - und durch finanzielle Unterstützung des BMWVK (zum Beispiel bei der Umstellung des ACOnet auf das Internet-Protokoll im Jahre 1992 oder durch Kostenübernahme für Datenleitungen zu osteuropäischen Nachbarstaaten).

5.1.5 Informationstechnologieeinsatz im (universitären) Forschungsbereich bedeutet allerdings mehr als nur Verfügbarkeit leistungsstarker Netze. Die in Ansätzen bereits realisierte Nutzung des Internet etwa für die Veröffentlichung aktueller Forschungsergebnisse - oft Jahre vor einer Publikation in regulären Fachzeitschriften - in Form sogenannter "pre-prints" oder für den on-line-Zugriff auf "virtuelle" Bibliotheken von Forschungsdokumenten, Lehrbehelfen und Fachdatenbanken machen deutlich, daß Universitäten nicht nur die Rolle von Pionieranwendern einnehmen, sondern einen wesentlichen Bestandteil der Entwicklung zur Informationsgesellschaft bilden. Die evolutionäre Entwicklung hin zur "virtuellen Universität" erfolgt im Expertimentierfeld Universität selbst. Sie stützt sich dabei auf die Nutzung der neuen elektronischen Medien beim Aufbau eines Verbundes zwischen singulären Forschungsstätten und bei der Schaffung von Schnittstellen zu Studenten und Akteuren außerhalb des Sektors. 


Internet und ACOnet

Internet, das "Netz der Netze" ist ein weltweiter, dezentraler Verbund von Computern (Hosts), der seine Anfänge in US-amerikanischen Forschungsnetzen Ende der 60er Jahre findet. Ab Mitte der 80er Jahre ist mit steigender Verbreitung von Personal Computern (PCs) für geschäftlichen und privaten Gebrauch eine rapide Zunahme auf derzeit über 40 Milionen Teilnehmer zu verzeichnen. Anwendungen zum Versand schriftlicher Nachrichten (e-mail = elektronische Post), multimediafähige Informationsdienste des WorldWideWeb (WWW) und Diskussionsforen im Rahmen von Newsgroups bilden die Basis für neue Formen der grenzüberschreitenden, elektronischen Kommunikation und den Zugriff auf jegliche Art von Information.

Das österreichische Wissenschaftsnetz ACOnet ging aus einem Forschungsprojekt der TU Wien hervor und nahm im Jahre 1990 auf Basis von X.25-Verbindungen mit Übertragungsraten von 9,6 kbps den regulären Betrieb auf. Im Jahre 1992 wurde das österreichische Backbone-Netz von X.25 auf das Internet-Protokoll TCP/IP umgestellt und in der Folge internationale Internet-Connectivity über einen Knoten des Backbone-Providers EBONE hergestellt. Nicht zuletzt infolge der Anbindung der Wissenschaftsnetze unserer ost-mitteleuropäischen Nachbarstaaten entwickelte sich Wien zu einem wichtigen europäischen Internet-Knotenpunkt. Darüberhinaus erhielten die ersten kommerziellen österreichischen Internet-Provider ihre Anbindung an internationale Internet-Verbindungen über den Wiener EBONE-Netzknoten - betreut vom EDV-Zentrum der Universität Wien.

Wachsender Datenverkehr über das ACOnet macht die ständige Erweiterung nationaler Übertragungskapazität und internationaler Anbindung notwendig. Waren Ende 1990 in Österreich erst 192 Rechner im Internet registriert, so ist ihre Zahl auf nunmehr über 65.000 (Ende April 1996) gewachsen und allein in den ersten 4 Monaten des Jahres war ein Wachstum von rund 12.000 Hosts zu verzeichnen. Dazu kommt, daß mittlerweile von Dornbirn bis Wien mehr als 100 zum Großteil gemeinnützige Institutionen (Universitäten, Museen, Forschungsinstitute, Krankenhäuser, Behörden, Schulen etc.) direkt oder indirekt über das ACOnet verbunden sind. Der Anschluß des ACOnet an das Metropolitan Area Network (MAN) der PTA mit einer Übertragungskapazität von 34 Mbps und die Verbindung der Universitätsstandorte mit 2 Mbps brachten Anfang 1994 eine kurzzeitige Entspannung. ATM-Verbindungen von 4 Mbps zwischen den verkehrsstärksten Standorten (Graz, Linz, Wien) seit März 1996 und Beteiligung am EU-Projekt TEN-34, das breitbandige Verbindungen der europäischen Wissenschaftsnetze (mit 34 Mbps) ermöglichen soll, sind Zwischenschritte. Sollte sich der Datenverkehr wie während der letzten Jahre entwickeln, so werden im Jahr 2000 Verbindungen in einer Größenordnung von 155 Mbps notwendig werden. 


5.1.6 Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten (F&E) österreichischer universitärer und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen erreichen in Teilbereichen der Informations- und Kommunikationstechnologien ein auch international beachtetes Niveau. Die thematische Breite soll hier nur durch einige Beispiele angedeutet werden (für eine detailierte Aufstellung siehe "Schwerpunktbericht 1996 Informationstechnologien"):

Insgesamt spielen Universitäten und sonstige Forschungseinrichtungen eine wichtige Rolle als Know-how-Träger und Projektpartner. Das läßt sich etwa an den Teilnehmerquoten im EU-Programm ESPRIT (Informationstechnologien) ablesen. So kommen (per Ende 1995) immerhin 21% der insgesamt 73 österreichischen Projektpartner aus dem universitären Bereich und weitere 7% von sonstigen Forschungseinrichtungen. Universitäre Forschungsinstitute sichern nicht nur den Anschluß an internationale Entwicklungen, sondern spielen auch für den Transfer wissenschaftlicher Ergebnisse in die Wirtschaft eine maßgebliche Rolle (siehe auch Kapitel 6). Der Aufbau von spezialisiertem Know-how und Kooperation innerhalb des Forschungssektors bzw. mit der Wirtschaft sind deshalb von entscheidender Bedeutung.

5.1.7 Eine der zentralen Funktionen des universitären Sektors bildet die Ausbildung. Sofern Entwicklungen zur Informationsgesellschaft eine Erweiterung der Fertigkeiten im Umgang mit neuen Technologien und Medien erfordern, können durch entsprechenden Technologieeinsatz im studentischen Alltag und durch Adaptierung des Lehrangebots Weichenstellungen vorgenommen werden. Elektronische Kommunikation zwischen Studierenden und Hochschulverwaltung bzw. Lehrpersonal sind erst in Ansätzen erkennbar, können aber künftig zu einer Erhöhung der "computer and new media literacy" bei StudentInnen aller Fachrichtungen beitragen. Das Internet beispielsweise eignet sich für eine effiziente Informationbereitstellung zu Lehrangeboten, Stipendien, Austauschprogrammen, Prüfungsanrechnung, Prüfungsterminen etc. Darüberhinaus kann ein gewisses Ausmaß an Kommunikation durchaus im Sinne einer Reduzierung des "Verwaltungsaufwandes für beide Seiten" etwa bei elektronisch durchgeführten Anfragen und Anfragebeantwortungen, Anmeldungen zu Lehrveranstaltungen oder Prüfungen, Zugriff auf Lehrbehelfe oder Abgabe von Seminararbeiten wirksam werden. Einige der Grundvoraussetzungen (e-mail-accounts für alle Studenten, entsprechende technische und räumliche Ausstattung an den Universitäten, Aufbereitung und Aktualisierung der Information) werden an den österreichischen Universitäten zunehmend Realität.

5.1.8 Liefert die Nutzung des Internet für Aufgaben im studentischen Alltag einen Beitrag zum Aufbau einer Grundqualifikation für den Umgang mit neuen Medien, so richtet sich die spezifische Ausgestaltung des Lehrangebots an das Erlernen besonderer Fertigkeiten und Erkenntnisse, die für AbsolventInnen künftig erforderlich werden. Insbesondere durch die geplanten Fachhochschul-Studiengänge im Multimedia-Bereich kann eine sinnvolle Ergänzung zum bestehenden universitären Bildungsangebot erreicht werden. Neben dem bereits laufenden Fachhochschul-Studiengang "Telekommunikationstechnik und -systeme" in Salzburg sind Studiengänge in Dornbirn (Kommunikation), Salzburg (MultiMedia), St. Pölten (Telekommunikation und Medien) und Hagenberg (Medientechnik und -design) vorgesehen; diese Studienangebote nehmen unterschiedliche Gewichtungen hinsichtlich künstlerischer Gestaltung, Technik und Wirtschaft vor. Darüberhinaus werden Unterschiede in der Positionierung bezüglich Technik und Medienbereich erkennbar (Informatik/Software, Massenmedien, Multimediaapplikationen). Die Einführung von Fachhochschullehrgängen bildet eine besondere Chance zur Bereicherung des akademischen Bildungsangebots, zumal eine Ausrichtung auf erwartete Nachfrage nach Absolventinnen ohne Rücksichtnahme auf Abgrenzungen zwischen unterschiedlichen Disziplinen erfolgen kann.

5.2 Entwicklungsperspektiven

5.2.1 Die Gestaltung des österreichischen Weges in die Informationsgesellschaft erfordert auch aktive forschungs- und wissenschaftspolitische Weichenstellungen. Die Akteure des öffentlichen Forschungssektors (Universitäten und Fachhochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen) bilden einen zentralen Bestandteil des nationalen Innovationssystems. Informationsgesellschaft als Vision und gesellschaftlicher Lernprozeß erfordert Initiative und institutionelles Lernen bei allen beteiligten Akteuren und zeigt sich in umfassender wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit "neuen" Forschungsthemen, in Entwicklung und unmittelbarer Nutzung von Technologien und Medien, im Aufbau von Problemlösungskapazitäten sowie in der Bereitstellung eines adäquaten akademischen Bildungsangebots. Darüberhinaus muß aber auch sichergestellt sein, daß die grundsätzlichen Voraussetzungen für Kooperation zwischen wissenschaftlicher Forschung und Wirtschaft erfüllt sind, um den Transfer wissenschaftlicher Ergebnisse in die Wirtschaft zu erreichen (vgl. auch Kapitel 6).

5.2.2 Das BMWVK hat seit Beginn der 80er-Jahre Pionierleistungen zur Entwicklung der Informationstechnologien erbracht und führt diese Aktivitäten gezielt weiter mit Orientierung an folgenden Zielsetzungen:

5.2.3 Die strategische Ausrichtung des BMWVK orientiert sich grundsätzlich an der Vorreiterrolle des Wissenschafts- und Forschungsbereichs im Zuge gesellschaftlicher Entwicklungen. Akzentuierungen etwa hinsichtlich der Auswahl und Bearbeitung von Forschungsthemen oder dem akademischem Bildungsangebot berücksichtigen die spezifischen Stärken und die Initiative der einzelnen Akteure des Wissenschaftssystems. Gerade der universitäre Sektor (Universitäten, Akademien und Fachhochschulen) stellt sich als "Experimentierfeld" im Vorlauf zu gesellschaftlichen Entwicklungen dar. Für eine Reihe von Anwendungen wie zum Beispiel Tele-Education oder Tele-Medizin können im universitären Bereich wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, die dazu genutzt werden, Chancen und Risken der neuen Technologien bei der Gestaltung der Bedingungen für einen breiteren Einsatz abzuschätzen und zu berücksichtigen. 

5.3 Prioritäten und Maßnahmen

5.3.1 Maßnahmen und verstärkte Initiativen sind sowohl seitens des BMWVK als auch der anderen Akteure des öffentlichen Forschungsbereichs notwendig, um die erläuterten Zielsetzungen hinsichtlich sicherzustellen.

5.3.2 Für einzelne Bereiche wird eine Präzisierung von Umsetzungsaktivitäten erst durch gesellschaftliche und politische Lernprozesse im Verlauf der Entwicklung zur Informationsgesellschaft möglich. Nichtsdestoweniger nimmt das BMWVK eine Reihe von prioritär eingestuften Maßnahmen unmittelbar in Angriff:

Quelle: http://www.bmwf.gv.at/7forsch/infkom/5univ.htm