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Stangl, Werner (1998). internet in der Schule - Eine Bestandsaufnahme über den Einsatz des internet im Unterricht an Österreichs Schulen. p@psych 3.
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PC-UNTERRICHT

Jenseits von Eden

Von Gerti Schön

Auch in den USA ist der Weg vieler Schulen auf den Information-Highway noch holprig

"Dave, was machst du da?" ruft die 30jährige Lehrerin Kathy Goldstein dem 13jährigen Schüler zu, der vor dem Bildschirm sitzt. Gehorsam dreht der sich um und sagt unschuldig: "Ich lese gerade meine E-mail". Nur zwei der 13 Rechner im Computerzentrum der La Guardia Middle College High School in Queens, New York sind morgens um halb neun besetzt. Es sind die beiden mit Internetanschluß.

"Die Kinder lieben es, mit dem Internet zu arbeiten" sagt die Direktorin der Highschool, Cecilia Cullen. Allein die Möglichkeiten, die man habe, den Schülern Literatur nahe zu bringen: Da liegt vor einem eben nicht mehr der bloße Roman "Jenseits von Eden" von John Steinbeck. Da kann man aus dem Internet Dokumente zur Geschichte jener Zeit herunterladen, sich eine Lesung des National Public Radios besorgen oder Filmaussschnitte aus dem gleichnamigen Film mit James Dean. "Die Möglichkeiten sind endlos" schwärmt Cullen.

Die La Guardia Middle College High School hat Glück gehabt. Denn obwohl der US-Staat New York das Projekt "New York Wired" auf die Beine gestellt hat, das den öffentlichen Schulen Internetzugang verschaffen soll, läuft die Realisierung vor allem in New York City nur langsam an. "Die Stadt hat Probleme, genug Geld aufzutreiben und die Industrie mit an den Tisch zu bekommen", sagt Cullen. Ihre Schule ist auf die staatliche Unterstützung nicht angewiesen, weil direkt über ihrem Computerzentrum die City University von New York sitzt, "und die ziehen uns die Strippen schlichtweg durch die Decke".

Dadurch hat die La Guardia Middle College High School über 100 Internetanschlüsse und jeder Schüler hat mit eigenem Paßwort Zugang zu den Geräten. "Anfangs hatten wir Probleme mit dem Papierverbrauch, weil sich die Kids dauernd irgendwelche Song-Texte oder Artikel über Leonardo DiCaprio ausgedruckt haben", sagt Kathy Goldstein, die Computerwissenschaften studiert hat und eigens für diese Aufgabe angestellt worden ist. Zweimal sei es auch vorgekommen, daß sich Kinder pornographische Bilder aus dem Internet heruntergeladen haben.

Doch Goldstein hält nichts von Zensur. In die Computer wurde die Filtersoftware "Cyber Snoop" eingebaut, die zurückverfolgen kann, wer welche Webseiten aufgerufen hat, um die Kindern notfalls rückwirkend zu bestrafen - mit Internetverbot zum Beispiel. Auch Chatrooms sind tabu. Darüber hinaus setzt Goldstein auf eine offene Informationspolitik, die die Eltern aufklärt, daß man im World Wide Web mit unerfreulichen Inhalten konfrontiert werden kann.

Jeder Schüler in La Guardia bekommt eine Einführung, wie man mit dem Computer umgeht. Wer mehr wissen will, kann in Kursen weiter lernen. Daß die meisten Kinder schon längst wissen, wie man mit Maus und Tastatur umgeht, kann Cullen nicht bestätigen: "Vielleicht ein Viertel der Schüler kann überhaupt ordentlich tippen, wenn sie damit anfangen".

Die Fähigkeiten der Schüler hängen oft davon ab, ob sich die Eltern privat einen Computer kaufen. 58 Prozent aller US-Haushalte mit Kindern haben laut der "New York Times" inzwischen einen Computer zu Hause stehen. Doch der Unterschied zwischen arm und reich ist signifikant: Denn 68 Prozent aller Haushalte, die einen Computer besitzen, haben ein Jahreseinkommen von über 75.000 Dollar (rund 126.000 Mark). In den Familien, die weniger als 20.000 Dollar (34.000 Mark) verdienen, sind es nur noch 19 Prozent.

Eine Rolle spielt außerdem, ob die Kinder in einem Bundesstaat groß werden, dessen Infrastruktur von der Informationsindustrie dominiert wird oder nicht. In Kalifornien, wo bereits ein Viertel der Bevölkerung in der Computerbranche beschäftigt ist, bringen Eltern ihren Sprößlingen den Umgang mit neuen Technologien selbst bei. Viele andere Staaten der USA sind noch auf einem holprigen Weg ins 21. Jahrhundert. Im Jahr 2000, so versprach US-Präsident Bill Clinton, sollen alle Schulen im Lande mit Internetanschluß versehen sein. Zwei Milliarden Dollar (3,4 Mrd. Mark) will die US-Regierung dafür zur Verfügung stellen.

Die Chancen, diesen Plan einzuhalten, stehen gut: Nach einer Studie des Erziehungs-Magazins "Education Week" haben 85 Prozent der 85.900 öffentlichen Schulen inzwischen Internetzugang. Knapp ein Drittel davon hat eine Vollzeitkraft, die sich um das Computerzentrum und die Fortbildung von Schülern und Lehrern kümmert. 60 Prozent der Lehrer haben eine Schulung am Computer mitgemacht.

Die Probleme liegen oft darin, daß vor allem in Schulen mit hohem Armutsanteil nicht genug Potential vorhanden ist, um die Kinder tatsächlich weiterzubilden. Oft liegt es in den Händen des Informatik-Lehrers, sich um ausrangiertes Equipment der Industrie zu kümmern, und das Problem der Wartung bleibt dann immer noch ungelöst. Die 42jährige Angela, Lehrerin an einer Grundschule in New Jersey, klagt, sie habe lediglich fünf Bildschirme in ihrem Klassenzimmer und die reichen unmöglich aus, um alle 25 Kinder anständig zu trainieren. "Ich muß in Schichten Stoff durchnehmen, und wenn die letzten fünf Kinder durch sind, kann ich mich meistens nicht mehr erinnern, was die ersten fünf geleistet haben." Unumstritten ist lediglich die Faszination, die so ein Gerät auf die Kids ausübt. "Der Computer ist ein wunderbarer Babysitter", sagt Angela.

Weil es nicht ausreicht, die Schulen einfach nur an das Internet anzuschließen, hat das Institut für Lerntechnologien an der New Yorker Columbia Universität mehrere Programme auf die Beine gestellt, die rund 30.000 Schülern - oft Latinos und Schwarzen - aus ärmeren New Yorker Gegenden wie der South Bronx oder Harlem zu Gute kommen. Sie bereiten die öffentlichen Schulen auf Kurse für Kinder jeden Alters vor, vom Kindergarten bis zur Universität. Im Klartext heißt das, daß sie sich um die technische Ausrüstung und Wartung kümmern, die Ausbildung der Lehrer, die Integration der Computer in den Lehrplan und die Verknüpfung der Schulen untereinander.

Das größte Problem war bisher logistischer Art. "Bisher", so sagt Projektmanager Joshua Reibel, "mußten wir 60 Prozent unserer Zeit damit verbringen, den Schulen technische Hilfe zu leisten, und nur 40 Prozent blieben für inhaltliche Gestaltung übrig". Das soll sich allerdings in den nächsten Jahren ändern. Ein grundlegender Aspekt wird sich nach Ansicht von Projektleiter Frank Moretti jedoch nicht ändern, nämlich daß "Erziehung beim Fiskus noch nie eine Priorität hatte".

Auch in Deutschland hat das Internet die Schulen erreicht - wenn auch nicht in dem Ausmaß wie in den USA. Immerhin fördert die Deutsche Telekom das Projekt "Schulen ans Netz" mit 100 Millionen Mark. Das Bundeswissenschaftsministerium initiierte dieses Modell, durch das bisher rund 9.000 Schulen in den Genuß eines Internetanschlußes gekommen sind. Bis Mitte 1999 sollen es alle 10.000 deutschen Schulen sein.

Doch dieser Fortschritt trippelt nur: Von den vernetzten Schulen verfügen viele nur über einen einzigen Internetanschluß. Manche Lehrer, die sich bei dem Projekt "Schulen ans Netz" bewerben, bekommen keine Gelder bewilligt. Und während die Schüler sich um die wenigen vorhandenen Bildschirme rangeln, diskutieren die Pädagogen angstvoll über die Gefahr, daß das Internet das Wissensmonopol des Lehrers unterminieren könnte - so geschehen auf einem Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften im März in Hamburg. Denn wer einmal mit dem Computer kommuniziert hat, wer will sich da noch dem Frontalunterricht aussetzen?

SPIEGEL ONLINE 50/1997


Quelle: http://www.spiegel.de/netzwelt/themen/haveandnots.html