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der Arbeit, sondern stellt einen mirror/download zu
Dokumentationszwecken im Rahmen der wissenschaftlichen
Untersuchung
Stangl, Werner (1998). internet in der Schule - Eine
Bestandsaufnahme über den Einsatz des internet im Unterricht
an Österreichs Schulen. p@psych 3.
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/PAEDPSYCH/NETSCHULE/NetSchule.html
(YY-MM-DD)
dar. Damit soll den userInnen die Nachprüfbareit der
Originalquellen ermöglicht werden, die im internet aufgrund der
Dynamik des Entstehens und Vergehens von pages selten möglich
ist. Das Original findet sich unter der jeweils angegebenen
WWW-Adresse; eventuell vorhandene lokale links wurden entfernt. (WS)
http://www.uni-magdeburg.de/~iphi/ms/schulnet.html
Interaktive Netze in Schule und Universität -
Philosophische und didaktische Aspekte
Erschienen in: Universitas. Zeitschrift für
interdisziplinäre Wissenschaft, Nr. 600, Juni 1996, S. 553-560.
[überarbeitete Fassung in: Kursbuch Internet.
Anschl¸sse an Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Kultur,
hrsg. von Stefan Bollmann und Christiane Heibach (Mannheim: Bollmann
1996) S. 424-433].
Textgliederung:
Einleitung
Teil 1: Die Sachfrage
Teil 2. Die philosophische Frage nach dem
Netz
Teil 3. Die Sinnfrage
Einleitung
Die Themenstellung dieser Veranstaltung fasse ich aus geistes-,
sozial- und erziehungswissenschaftlicher Sicht als
Sinnfrage auf. So aufgefaßt, lautet die Frage:
Ist es sinnvoll und wünschenswert, daß die Schulen in
Sachsen-Anhalt in die bereits existierenden und in Zukunft vermutlich
immer bedeutsamer werdenden interaktiven Datennetzwerke eingebunden
werden? Meine Überlegungen gliedern sich in drei Teile. Im
ersten Teil möchte ich einleitend einige grobe
Grundlinien der Sach-Diskussion, die um Gegenwart und Zukunft der
interaktiven Netze derzeit geführt wird, nachzeichnen. Das
geschieht aus der laienhaften Perspektive eines Nicht-Informatikers.
Im zweiten Teil werde ich einige philosophische
Gesichtspunkte des Umgangs mit Datennetzen freizulegen versuchen. Im
Schlußteil wird es schließlich darum
gehen, den Horizont für eine mögliche Antwort auf die
eingangs gestellte Sinnfrage zu skizzieren. Dabei werden didaktische
Aspekte im Vordergrund stehen.
Teil 1: Die Sachfrage
Die zu klärende Sachfrage nach den gegenwärtigen und
zukünftigen Inhalten und Nutzungsformen interaktiver
Datennetzwerke läßt sich in zwei Teilfragen untergliedern.
Die erste Teilfrage ist die Frage nach der
gegenwärtigen, die zweite Teilfrage die nach
der zukünftigen Nutzung solcher Netze. Die
erste Teilfrage werde ich am Beispiel des Internet beantworten. Um
der Kürze willen greife ich auf einen Vergleich zurück, mit
dessen Hilfe sich das Internet näherungsweise recht gut
beschreiben läßt:
Das Internet heute ist wie eine große Universitätsstadt.
In einer großen Universitätsstadt gibt es viele
Studentinnen und Studenten, viele Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler, Fachliteratur und wissenschaftliche Gespräche.
Natürlich gibt es - legt man nicht gerade Magdeburger Standards
zugrunde - auch Studentenkneipen und Uni-Cafés, in denen man
zusammenhockt und flirtet, streitet, lacht, liebt, haßt oder
auch einfach nur rumquatscht. Und es gibt ein großes
städtisches Umfeld mit Geschäften, Banken, Politik,
gesellschaftlichen Institutionen, Medien, Kultur, Theater, Nightlife
und allem, was zu einer Großstadt dazu gehört. In der
Vergangenheit war das Netz vor allem Universität.
Gegenwärtig wird das städtische Umfeld größer
und in Zukunft, so steht zu vermuten, wird die Universität nur
noch einer unter den vielfältigen städtischen
Datenräumen des Netzes sein.
Damit bin ich bereits bei der zweiten Teilfrage: der Frage nach der
Zukunft des Netzes. Es gibt drei große Visionen, die die
Zukunft des Netzes betreffen. Die eine Vision ist die Vision vom
Education Highway. Diese Vorstellung ergibt sich aus
der akademisch dominierten Geschichte des Internet. Sie besagt,
daß das Netz auch in Zukunft in erster Linie eine Stätte
der Bildung und des Wissens, also eine Universität bzw. Schule
und kein Amüsierlokal, Kulturzentrum oder Kaufhaus sein wird.
Die zweite Vision ist die Vision vom Entertainment
Highway. Diese Vorstellung interpretiert die Datenautobahn
als eine Art erweitertes Fernsehen. Individuelle Programmgestaltung
durch Video on demand und TV ý la carte, interaktive
Game-Shows und 3-D-Videospiele im Cyberspace stehen im Zentrum dieser
Vision. Das dritte Zukunftsszenario sieht die Datenautobahn als
Commerce Highway. Zu dieser Vorstellung, die im
amerikanischen Commerce-Net
aber auch in der deutschen Bundesdatenautobahn
bereits Realität geworden ist, gehört das Tele-Shopping in
virtuellen Geschäften und der Einkaufsbummel durch die digitale
Stadt ebenso wie das Konzept einer zukünftigen Netzwährung,
die Etablierung von speziellen Netzbanken und das Tele-Working.
Alle drei Visionen zu verbinden und einen demokratisch organisierten,
für jedermann zugänglichen Electronic
Superhighway entstehen zu lassen, in dem Bildung,
Unterhaltung und Kommerz gleichgewichtig zur Geltung kommen, ist das
erklärte Ziel des von Bill Clinton und Al Gore in Amerika auf
den Weg gebrachten Superhighway-Projekts (1).
Das ist ein großer, sicherlich nicht leicht einzulösender
Anspruch. In jedem Fall aber ist es wichtig zu sehen, daß die
Zukunft der interaktiven Netze auf dieser dreifachen Schiene -
Bildung, Kommerz und Unterhaltung - zu situieren ist. Im Blick auf
die Frage nach der Vernetzung der Schulen in Sachsen-Anhalt darf es
m.E. nicht nur um den Education-Highway gehen. Er spielt
natürlich eine besondere Rolle. Aber es ist wichtig, auch die
beiden anderen Aspekte des Netzes mitzuberücksichtigen: die
Unterhaltung und die Wirtschaft. Ich komme nun zum zweiten Teil
meiner Ausführungen.
Teil 2. Die philosophische Frage nach dem
Netz
Es ist die Aufgabe der Philosophie, zur Klärung von
Grundbegriffen beizutragen und sich Gedanken über Fragen zu
machen, die unser Welt- und Selbstverständnis im ganzen
betreffen. Zu diesem Zweck haben sich die Philosophen bei den kleinen
Kindern eine besondere Fragestrategie abgeguckt. Ich meine die
Strategie des Was-ist-Fragens. Kindern, die versuchen, sich in der
Sprache zu orientieren, macht es besonders viel Spaß, ihre
Eltern mit iterierbaren Fragen wie 'Was ist denn dies?' und 'Warum
denn das?' zu ärgern. Ganz ähnlich wie solche Kinder fragen
auch Philosophen mit besonderer Vorliebe nach den scheinbar banalsten
und einfachsten Dingen. Eine solche kindliche Philosophenfrage
hinsichtlich des Netzes würde beispielsweise lauten: "Was ist
das Internet?"
Sie werden jetzt sicherlich erwidern: "Aber die Frage 'Was ist das
Internet?' ist doch keine philosophische, sondern eine technische
oder eine kommunikationswissenschaftliche Frage." Und Sie werden
fortfahren: "Daß hinter dieser Frage kein philosophisches
Problem steckt, sieht man doch schon daran, daß sich auf diese
Frage eine ganz leichte Antwort geben läßt. Zum Beispiel:
Das Internet ist ein Medium der Kommunikation und des
Datenaustauschs." Auf einen solchen Einwand hin wird Ihnen der
Philosoph selbstverständlich zunächst einmal recht geben:
"Sicherlich", so wird er sagen, "liegen Sie mit Ihrer Infragestellung
des philosophischen Charakters der Frage 'Was ist das Internet?' und
mit ihrem Antwortvorschlag auf den ersten Blick ganz richtig." Aber
nachdem er das gesagt hat, wird der Philosoph umgehend mit seiner
philosophischen Kinderstrategie erneut ansetzen. So wird er z.B. aus
Ihrer Antwort, daß das Internet ein Medium der Kommunikation
und des Datenaustauschs sei, sogleich neue Fragen hervorzaubern. Er
fragt nun zum Beispiel: "Aber was ist denn eigentlich Kommunikation?
Was Datenaustausch? Und was ist überhaupt ein Medium?" Ich
beschränke mich aus Zeitgründen auf die letzte der drei
Kinderfragen. Sie lautet: Was ist ein Medium?
Geht man vom Wortsinn aus, dann meint 'Medium' ein in der Mitte
stehendes, ein Vermittelndes. In der Informationstheorie wird unter
einem Medium ein Übertragungskanal verstanden, der dazu dient,
Information von einem Sender zu einem Empfänger zu
transportieren. Dieser Begriff des Mediums ist 1949 von Claude
Shannon und Warren Weaver im Rahmen ihres einflußreichen
Modells der Informationsverarbeitung entwickelt worden (2).
Die diesem Modell zugrunde liegende Transport-Metapher hat sowohl die
informationstheoretische als auch die kommunikationswissenschaftliche
Forschung lange Zeit bestimmt. Gegenwärtig findet sie sich
jedoch in vielen Disziplinen vehementer Kritik ausgesetzt. Warum
dies?
Der Interpretation von Medien als neutralen
Übertragungskanälen liegt die Vorstellung zugrunde,
daß Informationen genauso wie beliebige materielle
Gegenstände - Steine, Bretter, Kohlen - von einem zum anderen
Ort transportiert werden können, ohne daß sich an dem
transportierten Gut etwas verändert. Wenn man unter
Informationen einfach nur Signale, reine Bits und Bytes versteht, mag
dies angehen. Aber wenn man mit Informationen zugleich Bedeutungen
und Sinngehalte verbindet, dann ist das Übertragungsmodell
inadäquat. Dann muß man vielmehr sagen: Medien wie die
Sprache, die Schrift, das Buch, das Telefon, das Radio oder das
Fernsehen transportieren nicht einfach nur Information,
sondern strukturieren spezifische Kommunikations- und
Wahrnehmungsverhältnisse und konstituieren die sich
damit verbindenden Sinngehalte (3).
Das hat Folgen für unser Verständnis des neuen Mediums
Internet. Wir erkennen nun, daß das Internet nicht nur und
nicht primär ein bloßes Mittel zum Transport von
Informationseinheiten ist. Die interaktiven Netze sind vielmehr Modi
der Konstruktion neuer Kommunikationsverhältnisse. Mehr noch:
Die Netze eröffnen in einem genuin philosophischen Sinn neue
Weisen unseres Selbst- und Weltverstehens. Was ist damit gemeint?
Jeder, der mit e-mail arbeitet, jeder, der einmal an einem Chat, d.h.
einem Gespräch oder lockeren Small Talk auf dem IRC (4)
teilgenommen oder in einem MUD (5) oder
MOO (6) mitgespielt hat, weiß,
daß die auf eigentümliche Weise zwischen der gesprochenen
Sprache und der Schrift angesiedelte "Computer Mediated
Communication" die Struktur und den Inhalt von Kommunikation
verändert. Man tippt in ein E-Mail schnell mal etwas, was man
sonst weder in einem Brief geschrieben noch in einem Gespräch
gesagt hätte. Und auf den Channels des IRC oder in den MUDs und
MOOs gibt es eine eigentümliche, gleichsam psychoanalytische
Dynamik, die mit unseren Namen und Adressen zugleich unsere personale
und soziale Identität, ja sogar unser virtuelles Geschlecht,
unsere virtuelle Hautfarbe oder unsere virtuelle Herkunft in Bewegung
bringen kann.
Auf andere, harmlosere, aber trotzdem signifikante Weise wird der
Einfluß, den das Netz auf unsere
Kommunikationsverhältnisse und damit zugleich auf unser Selbst-
und Weltverständnis hat, an der graphischen
Nutzeroberfläche des World Wide Web (WWW) deutlich. Es ist
interessant, die Medienstruktur des WWW einmal mit dem Fernsehen zu
vergleichen. Während das Fernsehen von seiner
Kommunikationsstruktur her als Einbahnstraße zu beschreiben ist
- die Informationen bewegen sich unidirektional von der
programmächtigen Institution der Sendeanstalt zum passiven
Fernsehkonsumenten - , ist das Web ein interaktives und
multidirektionales Medium.
Jeder Empfänger ist selbst ein potentieller Sender. Jeder, der
einen PC, einen Internet-Anschluß, die entsprechende Software
und zusätzlich vielleicht sogar noch eine Video-Kamera, einen
Fotoapparat oder einen Scanner hat, kann seine eigene (multimediale)
Web-Seite designen, sein eigenes Programmangebot gestalten. Er kann
die Web-Page mit Informationen über sich und seine Interessen
anreichern, kann dort Statements, Fotos, Videos publizieren und
anderen Gelegenheit geben, darauf zu reagieren.
Aber auch wenn wir nur als Rezipienten im Web unterwegs sind, werden
wir immer wieder an Stellen kommen, wo unser Kommentar gefragt ist,
wo eine Schnittstelle zu einem Chat-Programm, die Möglichkeit
für eine e-mail-Antwort oder ein Bulletin Board (d.h. ein
`schwarzes Brett`) zum Hinterlassen von Nachrichten vorbereitet
wurde. In vielen Fällen besteht die Möglichkeit, direkt
aktiv und gestaltend innerhalb fremder Web-Seiten tätig zu
werden, d.h. Texte weiterzuschreiben, Bilder zu verändern, MUD
und MOO-Welten weiterzudichten etc. Diese Möglichkeiten sollen
zukünftig durch den voraussichtlichen Nachfolger des World Wide
Web - das neue Net-Tool 'Hyper-G', das sich gegenwärtig in der
Experimentierphase befindet - noch verbessert werden. Doch bereits
für das WWW in seiner jetzigen Gestalt gilt: Der ehemals passive
Fernseh-Empfänger wird im Web zu einem aktiven Manager und
Komponisten seines individuellen Programms. Mehr noch: Er wird zu
einem interaktiven Mitspieler innerhalb des sich in ständigem
Fluß befindenden Netzgeschehens.
Sie sehen, wie schnell uns die kindlichen Fragen "Was ist das
Internet?" und "Was ist ein Medium?" mitten in die Philosophie und
zugleich mitten in die Phänomene hineingeführt haben. Aber
ich verschone Sie jetzt mit weiteren Was-ist-Fragen und komme statt
dessen auf die leitende Sinnfrage zurück.
Teil 3. Die Sinnfrage
Lassen Sie mich mit dem Education Highway, der im Zentrum der
heutigen Veranstaltung steht, beginnen. Daß der Bildungs- und
Wissensaspekt des Electronic Superhighway neue Standards für die
wissenschaftliche Arbeit an den Universitäten setzen wird bzw.
bereits gesetzt hat, steht außer Zweifel. Das gilt nicht nur
und nicht einmal primär für die Medizin, die Natur-,
Wirtschafts-, Ingenieur- und Technikwissenschaften, sondern auch und
vor allem für die Geistes-, Sozial- und
Erziehungswissenschaften.
Durch die direkten Zugriffsmöglichkeiten auf elektronische
Bücher, auf digitale Zeitschriften, auf die Online-Kataloge
aller wichtigen Bibliotheken und auf die persönlichen Web-Pages
von Wissenschaftlerkollegen in aller Welt werden insbesondere die
sogenannten 'Buchwissenschaften' revolutioniert. Es wird in Zukunft
weniger Zeit verschwendet werden für die aufwendige Suche von
Zitaten, für die mühsame bibliographische Recherche,
für das Auffinden, Bestellen, Ausleihen eines Buches und
für den manchmal nervenzermürbenden Kampf mit dem
Bibliothekar, der seine Aufgabe häufig darin sieht, die
Bücher vor den Lesern zu schützen statt sie diesen zur
Verfügung zu stellen (7).
Zukünftig werden Schülerinnen und Schüler,
Studentinnen und Studenten, Lehrerinnen und Lehrer,
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wieder mehr Zeit haben, um
zu denken, zu analysieren und mit ihren eigenen Überlegungen
kreativ voranzuschreiten. Es ist wichtig und m.E. unverzichtbar, die
Lehrenden und Lernenden in den Schulen und an den Universitäten
so früh wie möglich mit der neuen Kulturtechnologie, die
dies alles ermöglicht, vertraut zu machen.
Bei aller Begeisterung und bei aller Faszination dürfen wir aber
auch die Gefahren, Risiken und Schattenseiten, die sich mit den
interaktiven Netzen verbinden, nicht vergessen. Die Negativseiten
haben zum einen mit der engen Verflechtung zu tun, die zwischen den
kommerziellen, den auf Bildung und den auf Entertainment
ausgerichteten Datenlandschaften bestehen. Darauf komme ich am Ende
noch kurz zu sprechen. Zum anderen lauern aber auch schon innerhalb
des Education Highway selbst beträchtliche Risiken.
So sind die Übergange zwischen zeitsparender, zielsicherer
Recherche und orientierungsloser, zeitraubender Klickorgie auf dem
World Wide Web bereits heute fließend. Ein ungeübter
Umgang mit dem Web kann zu einer Auflösung des konzentrierten
Arbeitens, zur Aufspaltung und schließlich zur Zerstreuung des
systematischen Lernvorgangs führen. Und auch für das
wissenschaftliche Forschen drohen Gefahren. Das Netz, so die
Befürchtung einiger besonders technophober Wissenschaftler,
könnte die ohnehin bereits vorherrschende Orientierungslosigkeit
im Dschungel der Publikationen durch eine informatische
Überflutung mit Unmengen von unsystematisch miteinander
korrelierten Daten noch steigern.
Auch wenn die meisten von uns wohl davon ausgehen, daß
Befürchtungen der letztgenannten Art durch Rechercheprogramme
und individuell programmierbare Suchagenten (8)
behoben werden können, müssen uns gleichwohl die in den
genannten Befürchtungen insgesamt angesprochenen Gefahren klar
vor Augen stehen. Um ihnen zu begegnen, ist es wichtig, daß die
Schülerinnen und Schüler nicht einfach nur in die
technischen Handgriffe eingewiesen werden, die sie im Umgang mit dem
neuen Medium beherrschen müssen. Zur technischen Ausbildung
muß parallel eine fachspezifische Didaktik hinzukommen, durch
die das Netz in allen wichtigen Fächern in den Unterricht
einbezogen wird. Damit verbunden bedarf es der systematischen
Einübung von Medienkompetenz und der Vermittlung einer
pragmatischen Netznutzungsethik. Hier zeichnen sich wichtige
Zukunftsaufgaben für den Ethik-Unterricht ab. Insgesamt tut sich
ein Aufgabenspektrum auf, das weit über die durch die
Informatiklehrer zu erbringenden Leistungen hinausweist.
Die Einführung von internationalen Datennetzen in den Unterricht
bedeutet für fast alle Schulfächer eine didaktische
Revolution. So wird im Fremdsprachenunterricht zukünftig an die
Stelle künstlicher Dialoge und nachgestellter Kontexte die
direkte Netzkommunikation mit Gesprächspartnern in aller Welt
treten. Ein Beispiel: Im Rahmen eines Pilotprojekts sind 1994 die
Englisch- Schülerinnen und -Schüler der achten Klasse des
Gymnasiums Ulricianum in Aurich (Ostfriesland) mit gleichaltrigen
Schülerinnen und Schülern der Captain Manuel Rivera School
im New Yorker Elendsviertel South Bronx elektronisch vernetzt worden
(9). Der Erfolg war
überwältigend. Auch und gerade Schülerinnen und
Schüler, die zuvor kaum Interesse am Englischunterricht gezeigt
hatten, studierten nun eifrig die Lexika, um zu verstehen, was ihnen
die neu gewonnenen Freundinnen und Freunde auf dem anderen Kontinent
mitzuteilen hatten. Dabei sind die Übergänge zu
geographischen, ästhetischen, biologischen, religiösen oder
historischen Fragestellungen, die online diskutiert und recherchiert
werden können, fließend. Die interaktiven Datennetze
revolutionieren nicht nur die Didaktik, sondern bringen auch Bewegung
in die traditionellen Fächergrenzen. Interdisziplinarität
kann mit Hilfe des Netzes bereits in der Schule eingeübt werden.
Das setzt freilich voraus, daß die Lehrer untereinander
über die Fächergrenzen hinaus zukünftig enger
kooperieren. Auch die Lehrerausbildung an den Universitäten wird
sich bald auf diese neuen Verhältnisse einzustellen haben.
Das gilt umso mehr als sich der Education Highway nicht trennscharf
vom Commerce-Highway und vom Entertainment-Highway scheiden
läßt. Die Bildungspolitiker sollten die Fehler, die sie
beim Fernsehen gemacht haben, das lange Zeit in den Lehrplänen
der Schulen keinerlei Rolle gespielt hat, nicht bei den interaktiven
Netzen noch einmal wiederholen. Das Netz wird sich langfristig zu
einer Art zweiten Welt entwickeln. Einer Welt, in der über die
Verhältnisse in der ersten, der realen Welt debattiert,
informiert und häufig sogar entschieden werden wird. Einer Welt,
die auf's engste mit dem 'real life' verflochten sein wird und von
der aus es Übergänge geben wird, die zu nutzen und
auszubauen wir alle erst lernen müssen. Es gehört keinerlei
Prophetie, sondern nur nüchterner Tatsachensinn dazu, um die
folgende Voraussage machen zu können: Transversale
Medienkompetenz in der globalen Datenlandschaft des Electronic
Superhighway wird eine grundlegende, vielleicht sogar die
entscheidende Qualifikation auf dem sich zunehmend
internationalisierenden Arbeitsmarkt des 21. Jahrhunderts sein. Das
hat man in den Vereinigten Staaten, in Japan, in Australien und in
einigen europäischen Ländern (insbesondere in England,
Frankreich und Finnland) längst erkannt. Vernachlässigen
wir die Entwicklung der dringend nötigen
Übergangskompetenzen und unterlassen wir es, uns selbst und den
Lernenden das Wandeln zwischen den Welten so bald als möglich
beizubringen, kann das Netz zu einer Falle werden, in der
Anonymität, Vereinsamung, Manipulation, Betrug und Verdummung
drohen.
Um dies zu vermeiden, ist es wichtig, daß nicht nur die
kreative und verantwortunsvolle Arbeit mit dem Education Highway,
sondern auch der distanzierte und reflektierte Umgang mit dem
Commerce-Net und dem Entertainment-Highway in der Schule
eingeübt wird. Nur so können die Schülerinnen und
Schüler von früh an lernen, die miteinander eng
verflochtenen Datenlandschaften kritisch zu analysieren und sie ihren
heterogenen Profilen entsprechend zu nutzen. Unser Ziel sollte es
sein, den Lernenden beizubringen, die Schnittstellen zwischen den
verschiedenen Highways produktiv für ihre eigenen Interessen und
Intentionen einzusetzen. Um dies zu erreichen, müssen wir alle
gemeinsam den Übergang einüben, der vom Electronic
Superhighway zum alltäglichen Leben, von den virtuellen
Gemeinschaften zu den realen Freundschaften, von den komplexen
Informationen zu den konkreten Fragestellungen führt.
Anmerkungen:
1) Vgl. hierzu: Information Infrastructure Task Force:
The National Information Infrastructure: Agenda for Action,
September 15, 1993, Washington D.C.. Das Manuskript ist
erhältlich bei der National Telecommunications and Information
Administration in Washington, D.C. (email-Adresse: nii@ntia.doc.gov)
sowie unter der Rubrik 'Publications' der Web-Page des White
House (http://www.whitehouse.gov/). Zur¸ck
zum Text
2) Claude Shannon/Warren Weaver, The Mathematical
Theory of Communication, Urbana 1994. Zur¸ck zum
Text
3) Vgl. hierzu Zeit-Medien-Wahrnehmung, hrsg.
von Mike Sandbothe und Walther Ch. Zimmerli, Darmstadt 1994.
Zur¸ck zum Text
4) Das IRC (Internet Relay Chat) ist ein virtuelles
Uni-Café, das aus einer Vielzahl unterschiedlicher
Gesprächsforen - den Channels - besteht. Hier treffen sich
Menschen aus aller Welt online, um sich unter selbst gewählten
Decknamen synchron miteinander zu unterhalten und die neuesten
Informationen zu diversen Themen auszutauschen. Vgl. hierzu Howard
Rheingold, Virtuelle
Gemeinschaft. Soziale Beziehungen im Zeitalter des Computers,
Bonn u.a. 1994, Kapitel
6. Zur¸ck zum Text
5) 'MUD' ist die Abkürzung für 'Multi User
Dungeon' (wörtlich übersetzt: Viel-Nutzer- Kerker). Dabei
handelt es sich um virtuelle 'Spielhöllen'. Vgl. hierzu
Rheingold, a.a.O., Kapitel
5. Zur¸ck zum Text
6) 'MOO' steht für 'Multi User Dungeon Object
Oriented'. Hierbei handelt es sich im Unterschied zu den hierarchisch
organisierten und zum Teil recht gewalttätigen Abenteuer-MUDs um
selbstorganisatorisch konzipierte Spiellandschaften, in deren Zentrum
Kooperation, Solidarität, Bildung und Wissenschaft stehen. Vgl.
hierzu Rheingold, a.a.O., Kapitel
5. Zur¸ck zum Text
7) Ausnahmen bestätigen freilich auch in diesem
Fall die Regel. Um eine solche Ausnahme handelt es sich z.B. bei den
hilfsbereiten, ausleihfreudigen und internet-engagierten
Bibliothekarinnen und Bibliothekaren der Fachbibliothek der
Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften
der Otto-von- Guericke-Universität Magdeburg. Deren
tatkräftiger Unterstützung verdankt dieser Vortrag so
manche wertvolle Anregung. Zur¸ck zum
Text
8) An der Entwicklung solcher 'agents' wird weltweit
gearbeitet. An der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
befaßt sich Prof. Dr. Gunter Saake (Institut für
Technische Informationssysteme der Fakultät für Informatik)
im Rahmen des europäischen ESPRIT-Kooperationsprogramm
ModelAge mit dieser Aufgabe. Zur¸ck
zum Text
9) Vgl. hierzu und zum folgenden den Spiegel-Artikel
Revolution des Lernens, in: Der Spiegel, 9/1994, S. 96-114.
Zur¸ck zum Text
Dr. Mike Sandbothe
Institut für Philosophie
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Home-Page: http://www.uni-magdeburg.de/~iphi/ms/home.html
e-mail-Adresse: mike.sandbothe@gse-w.uni-magdeburg.de