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Stangl, Werner (1998). internet in der Schule - Eine Bestandsaufnahme über den Einsatz des internet im Unterricht an Österreichs Schulen. p@psych 3.
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Als ich mich an einem der letzten Freitage etwas verspätet in
die Wissenschaftssendung "Modern Times" des ORF einschaltete, glaubte
ich zunächst, daß diese meine Befürchtung von der
Bildungsschere doch nicht stimme, denn da war zu hören und zu
sehen, wie "Schüler, Lehrer und Eltern gemeinsam im
virtuellen Konferenzhaus einer Schule Multimedia-Projekte
durchführen, die sie vorher im Terminplaner buchen. Im
Gemeinschaftshaus trifft man einander. Die Symbole am Tisch verraten,
wer mit dabei ist: zwei Schüler, ein Lehrer, ein Elternteil.
Und die Praxis zeigt: Die Schüler tippen viel lieber Texte in
den Computer, als sie ins Heft zu schreiben. Sie helfen einander und
arbeiten zusammen. Die vielzitierte Gefahr der Vereinsamung vor dem
Computer scheint es im Klassenzimmer nicht zu geben. Die neue Technik
ermöglicht fächer-, klassen- und sogar
schulübergreifende Projektarbeit.
Im Zentrum der virtuellen Welt und mit allen verbunden ist die
Multimedia-Datenbank der Landesbildstelle. Es gibt Filme, Bilder,
Texte und Töne und den Zugang zum Internet. Alle Inhalte
können zur eigenen Bearbeitung kopiert werden." Meine Freude
über das Gesehene und Gehörte schwand allzubald, als ich
feststellen mußte, daß von einer Berliner Schule die Rede
war! Anscheinend gibt es über Ähnliches in Österreich
nichts zu berichten, oder doch?
Der hier geschilderte Fall ist für mich sehr typisch, zeigt er
doch, daß wir - und damit meine ich alle engagierten
Pädagogen - viel zu bescheiden agieren, viel zu unbemerkt
schöne, schülerzentrierte, fächerübergreifende,
projektorientierte Unterrichtsmodelle entwickeln. Was hilftís,
wenn keiner davon Kenntnis bekommt?
Angesichts dieser Situation finde ich es besonders lobenswert, wenn
Frau BM Gehrer nicht die Tintenburg am Minoritenplatz, sondern eine
Schule, und zwar das GRg4 in Wien, als Ort für ein
Pressegespräch zum Thema "Einsatz neuer Medien im Unterricht"
wählt. So war es möglich, einer breiteren
Öffentlichkeit nicht nur eine neue, vom BMUkA mitgetragene,
beispielgebende CD-ROM ("Mit anderen Augen. Neuer Rassismus in
Europa") vorzustellen, sondern auch projektorientierten Unterricht
unter Einbeziehung verschiedener Medien vor Ort zu erleben. Auch an
unseren Schulen finden innovative Lehrkonzepte ihre praktische
Umsetzung. Schön, daß sich die Bundesministerin davon
selbst überzeugt hat.
In ihrem Grundsatzreferat sprach mir Frau BM Gehrer aus der Seele,
wenn sie betonte:"Die Lehrerinnen und Lehrer sind gefordert, jene
allgemeinbildenden, kognitiven Fähigkeiten des Sichtens,
Strukturierens, Auswählens , Bewertens von Informationen sowie
effektive Suchstrategien selektiv zu finden, ohne in Daten zu
"ertrinken". Wichtig ist, daß den Schülerinnen und
Schülern nicht nur Sach-und Methodenkompetenz, sondern auch ein
verantwortungsbewußter Umgang mit der ständig wachsenden
Informationsfülle vermittelt wird." Weiters betonte die Frau
Minister, daß sich Lehrer auch aus Eigeninitiative heraus
fortbilden müßten. Ist doch selbstverständlich,
möchte man meinen, aber gerade auf dem Sektor der
explosionsartig anwachsenden Imformationstechnologien ist dies nicht
so einfach, vor allem dann nicht, wenn es keine zentralen,
koordinierenden Stellen dafür gibt. Wir als Verein CALL Austria
üben seit Jahren diese Funktion aus. Da der engere Kreis von
Kolleginnen und Kollegen sich diese zentrale Aufgabe zum
persönlichen Anliegen gemacht hat, aber alle hauptberuflich
Lehrer sind, wird dies bald unsere Kräfte übersteigen. Das
Ministerium muß also schleunigst daran gehen, Strukturen zu
schaffen, die auf dem von uns geschaffe-nen Informationspotential
aufbauen können. Will man in Österreich die
Entwicklungstendenzen der Gegenwart nicht versäumen, so
muß man verstärkt Informationsarbeit leisten,
Aufklärungsarbeit, die dann die Fahrkarte für den Zug in
die Zukunft ist. Absichtserklärungen und Worthülsen reichen
da nicht aus. Will man Frau BM Gehrer glauben, so wird noch vor dem
Sommer im Parlament über einen Initiativantrag von ÖVP und
SPÖ abgestimmt, daß im Bereich der Schulbuchaktion ab dem
kommen-den Schuljahr die Schulen, die beim Schulbudget individuell
einsparen, bis zu 5% des Limits für neue Lehrmittel verwenden
können (ab dem Schuljahr 1997/98 sogar 10%). Damit, so meinte
Frau BM Geh-rer, wird die Anschaffung moderner Lehrmittel, wie etwa
CD-ROMs, attraktiver. Es fragt sich nur, welcher CD-ROMs! Wird das
Ministerium Empfehlungen herausgeben, oder hält man sich am
besten an die Empfehlungen von CALL Austria (unsere in
regelmäßigen Abständen erscheinenden CD-ROM-Tests
umfassen immerhin bereits über 400 einsetzbare Titel!)? Werden
für einzelne, von wem auch immer, empfohlene CD-ROMs
methodisch-didaktische Unterrichtsmodelle erarbeitet, oder muß
jeder Nutzer von neuem wieder das pädagogische Rad erfinden?
Nochmals sei festgehalten: es ist nicht die Technologie, nicht
CD-ROMs, noch das Internet, die gut oder schlecht sind, vielmehr gibt
es gute und schlechte CDs oder Web-Seiten. Wie aber soll man diese
kritisch auswählen? Wer hat die Kompetenz und die Zeit, diese
vor einem breiten Schuleinsatz seriös zu testen? Gibt es
überhaupt neue, sinnvolle Computerprogramme für den
Unterrichtseinsatz? Was soll ich einsetzen, was macht Sinn und nicht
nur Arbeit (denn arbeitsintensiv ist der Einsatz neuen Medien
allemal!)? Hinzu kommt die immer rascher sich vollziehende
Entwicklung auf dem Hardwaresektor: Festplat-ten bis zu zwei Gigabyte
Größe und Pentiums mit 200 MHz Prozessoren, 8-fach Speed
CD-ROM-Laufwerke scheinen "State of the Art". Wo steht da unsere
Schulausrüstung? Ist da aufrüsten überhaupt sinnvoll
oder möglich? Was läuft da überhaupt noch? Weit
wesentlicher als die Fragen der Hardware sind aber die Fragen der
Methodik und da plädiere ich für mehr Zentralismus. Wie aus
dem BMUkA verlautet, gibt es seit 10. Juni eine neue
Geschäftseinteilung. Es ist zu hoffen, daß diese eine
bessere Informationsverbreitung zuläßt! Notwendig
wäre die Schaffung eines "Informationspools" an zentraler Stelle
und die Verbreitung erarbeiteter Unterrichtsmodelle über das
Internet.
Nach diesen einleitenden Nörgeleien nun aber zu Erfreulicherem: der aktuellen Nummer.
Auch diesmal haben wir versucht, mit Hilfe der ausgewählten
Beiträge einen großen publi-zistischen Bogen über
viele Bereiche des technologie-unterstützten Unterrichts zu
spannen. Wir beginnen mit einer österreichischen Erfolgsstory:
der bildungspolitisch beispielgebenden Mailbox BlacklBox. Die
umfassende Darstellung von Kollegen Lukawetz sollte bisher
Zögerliche endgültig dafür gewinnen, sich dem Kreis
der vernetzen Lehrer und Schulen anzuschließen. Die
nächsten beiden Beiträge führen uns zu unseren
britischen Freunden: Richard Selwyn zeigt unter dem Motto "The Future
is Now", in welcher Form die Telekommunikation schon jetzt ein
wertvol-les Hilfsmittel bei der Bewältigung zukunftsorientierter
Lernformen und Lehrinhalte sein kann. Peter Cochrane wagt im
Anschluß daran eine längerfristige Prognose über die
Zukunft des Infor-mation Highways.
Was läge nach diesem Blick auf die Zukunft näher, als eine
kurze Geschichte der Zeit einer Beur-teilung zu unterziehen? Mit
Hilfe von Stephen Hawkings gleichnamiger CD-ROM ist dies kein
Problem. Kol-lege Dobes macht dies mit der ihm eigenen fachkundigen
und methodisch-didaktischen Kompetenz auf so anregende Weise,
daß selbst ich als physikalisch Ungebildeter nicht umhin
konnte, mir diese CD-ROM nach der Lektüre dieses Beitrags zu
kaufen.
Mit dem nächsten Beitrag bleiben wir gleich beim Medium CD-ROM
und stellen die Überlegung an, ob auch Literatur durch dieses
Medium sinnvoll transportiert werden kann. Wer sonst als unser
Vor-standsmitglied Christian Holzmann wäre berufener zu
ergründen, ob bei Schiller das Wort gelb wirklich nicht
vorkommt? Von diesem Beitrag spannt sich leicht der mediale Bogen zu
seinen Kolleginnen am GRg5, zu Vera Gröbner-Kadlec und Christa
Lorenz, die aus ihrem reichen Erfahrungsschatz im Um-gang mit
Schülern und CD-ROM- Einsatz im Projektunterricht schöpfen.
Bisher klingen alle Beiträge ja sehr optimistisch, und man
könnte ob dieser positiven Aufbruchs-stimmung nur allzu rasch
mein einleitendes Genörgel ob des unterrichtlichen Alltags in
Österreich vergessen, wäre da nicht der an den praktischen
Gegebenheiten orientierte Beitrag unseres Kollegen Wegscheider
über das Internet und Multimedia-Computer im realen
Schulbetrieb. Dieser Beitrag begnügt sich aber nicht mit dem
Beklagen der momentanen Situation, sondern zeigt auch konstruktive
Lösungsmodelle, die in die Praxis umgesetzt werden können,
auf. Auf ein ebenso großes Maß an Kritikfähigkeit,
gepaart mit methodisch-didaktischem Fach-wissen, trifft man bei den
Ausführungen unseres Vorstandsmitglieds Marianne Pemberger, die
über Einsatzerfahrungen mit dem Programm Itembanker
berichtet.
Beim Hinweis auf den nächsten Beitrag tue ich mir ein wenig
schwer, bin ich doch zu sehr in dieses Multimedia-Produkt involviert,
um objektiv urteilen zu können. Ich teile jedenfalls die Meinung
Günter Schmids, der uns zu ÑLook Back in
Pleasure!ì aufruft. Da und dort gab es - das möchte ich
gar nicht verhehlen - bei der Produktion unserer America Today
Highlights durchaus auch Momente, wo mir der Titel des Osbornschen
Theaterstücks "Look Back in Anger" angebrachter schien. Dennoch
soll es hier ein Blick zurück in Freude auf 10 Jahre der America
Today Highlights sein.
Gleichsam in einem Gastkommentar tritt Martijn Hoogeveen für die
Schaffung eines neuen Multimedia Paradigmas zur Erhöhung von
Lehr- und Lerneffizienz ein. Er denkt dabei zwar vornehmlich an
opti-sche Speichermedien, doch bestätigt er mit seinen
Forderungen jene Bemühungen, die wir mit unseren ATH seit Jahren
in die Tat umsetzen.
Das von Hoogeveen entwickelte theoretische Modell findet seine
Fortsetzung in der Darstellung Harald Knills vom
Österreichischen Bundesverlag. Er verweist zurecht auf die
Probleme der praktischen Umsetzung theoretischer Multimedia-Modelle
im Bereich des österreichischen Schulalltags. Ebenfalls mit dem
multimedialen Lehrbereich befaßt sich der Bericht unseres
Schweizer Kollegen Röllinghof, der dabei auch das von ihm
entwickelte CD-ROM-Photoprojekt vorstellt. Mit Hilfe moderner
Unterrichts-technologie kann Lernen zum Erlebnislernen werden,
zumindest in Linz ab 2. September, wenn dort das neue Ars Electronica
Center eröffnet wird. Wir geben Ihnen hier einen Vor-bericht
über die Zielsetzungen dieser Bildungsinstitution.
Den Abschluß dieser Nummer bildet in guter Tradition ein
Tagungsbericht unseres Vorstandsmitglieds Manfred Waitzbauer
über seine Eindrücke von der CALICO96 in Albuquerque, New
Mexico. Am Ende meines Editorials möchte ich Sie noch auf einige
wesentliche Punkte im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Vereins
CALL Austria hinweisen:
Nun aber wünsche ich Ihnen anregende Sommerlektüre mit
unserer Zeitschrift TELL&Call 3/96.
Klaus PETERS