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Stangl, Werner (1998). internet in der Schule - Eine Bestandsaufnahme über den Einsatz des internet im Unterricht an Österreichs Schulen. p@psych 3.
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/PAEDPSYCH/NETSCHULE/NetSchule.html (YY-MM-DD)

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Claudia Klinger

Gemeinschaft im Netz?

Über die Schwierigkeit, ohne "Raum" zu kommunizieren

 Wenn über Netzkommunikation gesprochen wird, geht es allermeist um "Pretty good Privacy", um Lauschangriffe, Hacker-Angriffe, Urheberrechte und die Sicherheit von Zahlungssystemen.

Doch ist das schon alles, was wir im Netz brauchen? Ist es nur das ganz PRIVATE, was Menschen bewegt, auf ihrer Webseite ein "Mailto" einzurichten oder sich in immer neuen Mailinglisten zu versammeln?

Nein: Die Möglichkeit sinnvoller Kontakte zu bisher Fremden, ohne daß es dabei auf räumliche Entfernungen ankäme, ist ein Versprechen, das viele ins Netz lockt, daß aber noch kaum gehalten wird. Denn kaum jemand scheint Interesse daran zu haben, jenseits des kommerziellen Horizonts Gemeinschaften zu befördern.

Während Politiker und große Unternehmen sich angeblich heftig um unsere "Privacy" bekümmern, liegt der Bereich "Public" weitgehend brach.
Der Mensch soll sich - einzeln - durch die virtuellen Welten klicken ohne Schaden anrichten zu können: kommen, kaufen, gehen... Praktisch niemand investiert in den Aufbau öffentlicher Räume, die etwas anderes sind, als (nur) ein gutes Umfeld für E-Commerce oder PR-Aktionen.

Mit Geld allein oder blossem politisch-gutem Willen wäre das aber auch bei weitem nicht zu leisten. Es bedürfte echten Engagements und der Bereitschaft zu Experimenten, dazu käme erheblicher Aufwand an Energie & Knowhow (auf mehreren Gebieten).

Die von einigen geforderte "zentrale Netz-Öffentlichkeit" kann am Ende eines langen Prozesses stehen, der gerade erst beginnt. Im jetzigen Stadium geht einer gewissen Zahl von "Schon-etwas-länger-Usern" in vieler Hinsicht die Problematik der Online-Kommunikation (und KommuniAktion) auf. Es ist, als müsse man ganz von vorne anfangen mit der Errichtung einer Zivilisation.

"Public" kann kommen, wenn "privacy" funktioniert. Sprich, wenn ich es schon soweit gebracht habe, ein anderes Wesen meiner Gattung zu einer Kontaktpflege zu gewinnen, die bei den Beteiligten weder Kampf- noch Fluchtreaktionen ausloest. Man muß sich mehr erwarten als Prügel oder Angst, um *freiwillig* einen anderen zu treffen.

Dieses "mehr" war jahrzehntausendelang die blanke Notwendigkeit des Überlebens. Man MUSSTE mit seinem Nächsten und seinem Clan kooperieren... und dadurch lernte man auf die Dauer auch, in den "freien" Zeiten, die vom Lebenskampf nicht mehr okkupiert wurden, ein ziviles Miteinander zu schätzen: der Homo Ludens hatte plötzlich Chancen.

Im Internet werden gerade erst die Notwendigkeiten entdeckt. Eine kritische Menge von Menschen hat ihren 'Lebenskampf' ins Netz verlegt und "kann nicht mehr ohne", jedenfalls nicht ohne Einbußen. Viele davon wünschen, daß noch Millionen andere ihnen folgen, weil viele Qualitäten sich erst dann entfalten können. Das Internet gewinnt an Macht und solche, die lieber draussen bleiben, befürchten (zu Recht) Machtverluste, wenn sie sich dem Medium nicht nähern und es für sich zu nutzen lernen.

Plötzlich ist nicht mehr alles egal, das Netz nicht mehr nur eine ulkige Spielwiese für Spinner und Neurotiker aller Art. Doch es befindet sich nach wie vor im Stadium "Wildnis" - mit Mühe wird eben erst die "Privacy" festgeklopft, an "Public" nicht zu denken...

Der Dialog, die private Mail als Urzelle aller Kommunikationsvorhaben ist ja doch ein Feld des Wahnsinns, man kann es kaum anders sagen. Wenn ich alles in diesem Sinne Bemerkenswerte in den letzten Jahren gesammelt hätte, könnte ich in der Dokumenta einen interessanten Raum gestalten - nur mit Mailtexten....

Nicht die im traditionellen Sinne "wahnsinnigen" Mails sind dabei der Punkt, sondern das Verhalten ganz normaler Mitmenschen, die auf einmal Form, Kontext und jedes Bewusstsein von angemessenem Verhalten verloren zu haben scheinen. (Die größte Gefahr der "Privacy" geht entsprechend nicht von Dritten, sondern vom Adressaten aus...)

Je nachdem, wieviel ich gerade derartiges erlebe und wie ich ansonsten gelaunt bin, deprimiert mich das zuweilen sehr. Denn es legt mir einen gewissen Menschenhass nahe ("die meisten sind anscheinend rücksichtslose Idioten, Kommunikationsversuche zwecklos..."), der einfach nicht mein Ding ist.

Ich ziehe also eine andere Interpratation vor: Die Abwesenheit des Raumes und der physischen Welt in der Online-Kommunikation bedeutet einen Verlust, der uns tendenziell alles verlieren läßt, was Raum & Körper an Fähigkeiten vermitteln und für uns bedeuten.

Dagegen ist keiner ganz gefeit, weil diese Wirkungen zum wenigsten im Bereich bewußten Denkens liegen. Die gewöhnlichen Anker und Bookmarks des "realen Lebens" fehlen, die uns schon viel über den Kontext und "die Anderen" mitgeteilt haben, bevor wir überhaupt einen Gedanken fassen, was zu tun sei.

Das wundert nicht, da das Netz aus der Gutenberg-Galaxis entstand, in der man daran glaubte, Texte austauschen wäre schon alles, was man zum ("geistigen"!) Leben braucht. Doch erst als E-Mail sind Texte auf einmal "nur Texte" - "rein" von allem materiell-physischen und entsprechend frei von feststellbarer, intersubjektiv ausreichend klarer Bedeutung. Sie verlieren ihre symbolisierende Kraft, und wir beginnen, die Defizite zu bemerken. Vielleicht sind reine Text "für sich genommen" ja wirklich nur dafür gut, Rechnungen und Bestellungen zu schreiben - der Grund, warum man dereinst die Schrift erfunden hat.

Zur Kommunikation jedenfalls reichen sie *alleine* nicht aus, es braucht ein wahrnehmbares Umfeld, dass die Kommunikations-Leistungen des physischen Raumes ersetzt.

Ein normaler Raum in der Alltagswelt ist erstmal ein Innen, daß sich von AUSSEN abgrenzt, man betritt und verläßt ihn durch eine Tür, die man öffnen und schließen muß. Nahezu immer ist vor dem Betreten schon klar, wem der Raum gehört, wer ihn bezahlt, verwaltet, putzt, wozu er geschaffen ist, was von denen, die eintreten, erwartet wird, und vieles mehr. Jeder ist prinzipiell frei, alleine oder mit anderen eigene Räume zu errichten, zu mieten, zeitweise überlassen zu bekommen oder sich in Ermangelung eines Raumes als Gruppe an einem TREFFPUNKT "unter freiem Himmel" zu versammeln.

Niemand würde in mein Zelt auf einem Campingplatz kommen, seinen Schlafsack aufschlagen und das Radio lauter stellen. Kein Mensch kommt auf die Idee, im Bahnhof mit den gerade Anwesenden über die Toilettenpreise abstimmen zu wollen. In einem Bioladen würde niemand versuchen, sein Umzugsgut zwischenzulagern und auch zum Bäcker geht man nicht primär aus erotischem Interesse (nur in der Cyberstory "Beim Bäcker" ist das so...).

Es hört sich absurd an, aber gerade so etwas ist im "Digital" so verbreitet, daß es vielen jeden Mut und jede Lust nimmt, sich da ohne Not aufzuhalten, gar kreativ darauf einzulassen.

Ich sage das nicht, um zum Schluß zu kommen, man möge das Netz meiden und sich am "realen Leben" festhalten. Das hätte keine Perspektive. Sehr viel mehr denke ich daran, die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen, bzw. mit anderen darüber nachzudenken, was man denn tun könnte. Herausfinden, wie der Raum und seine Bedeutungen im Virtuellen repräsentiert werden kann, werden müßte.

Und wir haben Chancen, denn wir haben ja nicht nur Texte, sondern die ganze Soft- und Hardware, wir können "die Umwelt" des Digitals sehr viel weitgehender gestalten, als es die alte 'Umwelt' jemals zuließ.

Was das materiell-zwingende im Alltag ist - der Berg, der nunmal vor mir steht - sind im Digital die Programme. Und was über die Sinne jenseits von Texten hereinkommt, das ist Multimedia. Der Rest ist Wissen vom sozialen Kontext: und der muß im Digital für jeden einzelnen "Raum" konkret ausgedacht, errichtet, vermittelt und verteidigt/gepflegt werden.

Es reicht nicht, einen Mailverteiler einzurichten und ansonsten auf "schwammige Nettiquette" zu verweisen. Es genügt nicht, das Ein- und Austreten einer Automatik zu ueberlassen, die nicht gerade viel "Info" (und die meist nicht sehr 'lese-anreizend') über Sinn und Zwecke der Veranstaltung mit sich führt. Die Einrichter von "Räumen" müssen wissen, was sie in und mit dem Raum wollen und dürfen die Dinge nicht einfach sich selbst überlassen, weil die Technik ja kaum Arbeit macht.

Zudem: Die ganzen Programme rund um das Mailen befinden sich in einem steinzeitlichen Zustand, deren kreative Erweiterung ansteht. Und die Möglichkeiten, die z.B. bei Computerspielen, Webseiten, Lernsofware, CD-ROMS sichtbar sind, würden - anders angewendet/zusammengesetzt - grosse Chancen eröffnen, bei der Schaffung eines "public" (bzw. erstmal vieler funktionierender Online-Communities und Gruppenräumen) erfolgreicher zu sein.

Kommentare erwünscht!

Claudia Klinger
http://www.snafu.de/~klinger/

Eine Reaktion war eine mail von

Reinhold Grether <Reinhold.Grether@uni-konstanz.de>

Im Rahmen des Forums

netzliteratur@isjm.com
 
 
Subject: noon quilt
Date: Sat, 19 Dec 1998 14:39:26 +0100
 
hey netlits hey,
 
ein durchlaufender Faden der NL-Diskussionen, zuletzt von Claudia
weitergesponnen, fragt nach den Repraesentationsmoeglichkeiten von
"Webgespraechen". Unter einem Webgespraech verstehe ich fuer den
Augenblick einen verteilten Kommunikationszusammenhang, der ueber
eine gemeinsame Oberflaeche zugaenglich ist. Ich moechte drei
Problemlagen unterscheiden, die je einer getrennten Loesung beduerfen,
bevor sie miteinander verbunden werden koennen. Dies sind
1) die kommunikative Oberflaeche,
2) die interne Vernetzung,
3) das Einfaedeln kommunikativer und das Ausfaedeln rezeptiver Akte.
 
Zu 1) Die kommunikative Oberflaeche muss zwei Funktionen erfuellen.
Einmal ist sie Einschreibflaeche kommunikativer Akte, zum andern ist
sie Abrufflaeche rezeptiver Akte. (Fuer mich hat Produktion keinen
prinzipiell hoeheren Wert als Rezeption, es kommt darauf an, was der
Akt bewirkt. Dies offtopic zur Lurkerentglimpfung.) Nun sind diese
beiden Akte strukturell ziemlich verschieden. Der Produzent ist immer
schon bei der Sache, die sich der Rezipient muehsam bis verzweifelt
klar zu machen versucht. Drum scheint mir, zusammengefasst gesagt,
die Visualisierung des thematischen Sach- und des strukturellen
Kommunikationszusammenhangs die wesentliche Aufgabe des, im
Sinne Charliers, kommuniAktiven Interfaces.
 
Zu 2) Gelungene kommunikative Oberflaechen lassen sich unschwer
finden, ich gebe gleich ein Beispiel, woran es derzeit hakt, wie zuletzt
am GenerationenProjekt diskutiert, ist die interne Vernetzung, also die
Verlinkung kommunikativer Bezuege. Wollte man die Kommunikativitaet
einer Mailingliste abbilden, haette man zwar die Thread-Struktur als
Vorgabe, aber jeder weiss, wie unzuverlaessig solche Bezugnahmen
sind. Programmierte Loesungen waeren elegant, aber der Stand der
Technik duerfte kaum ueber Wortassoziationen hinaus reichen. 
Interessant an Kommunikationen sind aber thematische Bezuege und,
noch schwerer greifbar, Anspielungen, Unterstellungen, Ellipsen. Die
dritte Moeglichkeit bestuende in der Erweiterung der Autorenfunktion.
Autoren eines solchen Kommunikationszusammenhangs wuerden nicht
nur Beitraege einbringen, sondern, entweder von Eigenbeitraegen
ausgehend oder ueber die gesamte Einschreibflaeche hinweg,
Linkstrukturen nach rueckwaerts und vorn erzeugen.
 
Zu 3) Damit sind wir bereits beim dritten Punkt, den Schreib- und
Leserechten. Um gleich zwei Extrempositionen zu zitieren: die eine
ist natuerlich 23:40, das die Leserechte auf ein einminuetiges
Freigabeintervall pro Tag beschraenkt. Von der zweiten hat mir vor
laengerem Dirk berichtet, naemlich einem Schreibkollektiv im
Netzwerk, wo jeder ueber Einschreiberechte in bereits bestehende
Beitraege verfuegt. Aber auch in der mausgraueren neuen Mitte
stehen dem Einfaedeln kommunikativer und dem Ausfaedeln
rezeptiver Akte eine Fuelle von Gestaltungsoptionen offen.
 
"noon quilt" <http://trace.ntu.ac.uk/quilt/info.htm> scheint mir ueber
eine gelungene kommunikative Oberflaeche zu verfuegen, macht sich
aber ueber die interne Vernetzung keine Gedanken und bleibt auch
im Bereich der Schreib- und Leserechte konventionell. Die
Aufgabenstellung des Projekts fordert: "Look through your window
at noon wherever you are in the world and write what you 'see' in
100 words." Thema ist mithin die globale Vernetzung geschriebener
und formatierter Fensterausblicke zum subjektiv gleichen Zeitpunkt.
"At noon" kann sich sowohl auf die technische 12-Uhr-Position als
auch auf den Hoechststand der Sonne beziehen. Aufgrund des
Sonnenumlaufs oeffnen sich die Fenster an unterschiedlichen Punkten
der genormten Weltzeit, ein auf Mohammed zurueck gehendes Motiv,
wonach die Glaeubigen sich in einer weltumrundenden Woge nach
Mekka neigen. Visualisiert wird das Thema denn auch als "quilt"
(ist doch die Steppdecke nichts anderes als der Gebetsteppich der
Immanenz), wodurch sowohl die (computerreflexive) Form des
"windows" als auch das "Tagtraeumen" als auch die Gesamtheit aller
Schreibfelder in ein einziges (adventskalenderaehnliches) Bild
gefasst werden.
 
Ich bringe das Beispiel aus zwei Gruenden. Zum einen ist der
Perl-Quellcode Freeware, kann also fuer andere Projekte
abgewandelt werden (vielleicht schafft ein begnadeter Programmierer
ein Pendant fuer interne Vernetzung). Zum anderen hat sich das
britische trAce <http://trace.ntu.ac.uk/>, ueber das ich anfangs
eher skeptisch war, neben dem australischen "deep immersion:
creative collaboration"-Projekt <http://www.anat.org.au/projects/dicc/>
des Australian Network for Art and Technology <http://www.anat.org.au/>
zu einem interessanten Netzliteraturfoerderungsinstrument entwickelt.
In Deutschland gibt es bislang nur den traditionellen Weg ueber den
Deutschen Literaturfonds (im Netz via Deutscher Kulturrat
<http://www.kulturrat.de/>), von dem ich hoffe, dass
Entscheidungstraeger wie Uwe Timm und Dieter Wellershoff sich
Netzprojekten aufgeschlossen zeigen.
 
Abschliessend mit weiteren URLS meine in der ML Rhizome gelurkte
Quelle, die mich zu diesem Beitrag fuer die ML Netzliteratur animiert
hat, nachdem mir das schnelle Samstagmorgennetz bei der
Abraeumung von MP3-files behilflich war.
 
Reinhold Grether
--
Die Weltrevolution nach Flusser <http://www.snafu.de/~klinger/flusser/>