Schwerpunkte
im Bereich Zukunft:
Bildung macht Schule:
Zeitsignaturen und Entwicklungshorizonte im
Bildungswesen
(Eröffnungsrede Bundesministerin Elisabeth Gehrer,
Forum Alpbach 1997, gekürzte Fassung)
Demografie
Gesellschaftliche
Veränderungen
Entwicklung von Wirtschaft und
Arbeitswelt
Zunehmende Bedeutung von
Wissen
Deregulierung und
Eigenverantwortung
Neue Medien, Technologien
und Internationalisierung
Eine chinesische Weisheit sagt: "Wenn der Wind
stärker weht, dann bauen die einen Mauern, die
anderen Segelschiffe." Diese chinesische Weisheit trifft
sehr gut auf die derzeitige Situation in unserer
Gesellschaft, aber auch in unserem Bildungssystem zu. Der
Wind der Veränderungen weht jetzt besonders heftig.
Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, ist es
aber sicher nicht zielführend, hohe Mauern zu bauen
und sich dahinter zu verstecken. Um bei der Bildsprache
zu bleiben: Es ist sicher zielführender, genau zu
prüfen, woher der Wind weht und dann Segelschiffe zu
bauen, um neue Ufer zu erreichen.
Um Richtungen und Entwicklungen im Bildungsbereich
erkennen zu können, wurde im Ministerium die
Arbeitsgruppe "2021 - 20 Leute denken für das 21.
Jahrhundert" gegründet.
Dabei ging es darum, Entwicklungen aufzuzeigen, ihre
Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf die Schule
darzustellen und die Konsequenzen für die Schule und
den Unterricht festzuhalten.
Demografie
Eine Analyse der Altersstruktur der Bevölkerung
zeigt, dass es einen langfristigen Rückgang der
unter 35-jährigen geben wird, gleichzeitig eine
langfristige Steigerung der 35- bis 60-jährigen
sowie der über 60-jährigen. Der Rückgang
der jüngeren Jahrgänge bedeutet, dass der
Qualifikationsbedarf durch neue, junge Mitarbeiter immer
weniger gedeckt wird. Insbesondere die Gruppe der 25- bis
35-jährigen wird bereits bis zum Jahr 2010 um 30 %
zurückgehen. Das bedeutet, dass für
Berufstätige eine ständige Weiterqualifikation
notwendig ist.
Mögliche Konsequenzen:
Alle Einrichtungen der Erwachsenenbildung werden enorm an
Bedeutung gewinnen. Die Schulen brauchen künftig die
Möglichkeit, ihr Know-how für
Erwachsenenbildung nutzbar zu machen und
Weiterbildungskurse gegen eine Gebühr anzubieten.
Die Frage der gesamten Bildungsfinanzierung erscheint in
diesem Zusammenhang auch wesentlich. Derzeit sind Schule
und Bildung bis zum Universitätsabschluss ja nicht
kostenlos, sondern nur unentgeltlich. Die gesamten Kosten
werden vom Steuerzahler übernommen. Der Staat hat
sicherlich die Aufgabe, die Grundausbildung der
Jugendlichen zu finanzieren. Ob aber jede höhere
Bildung und auch viele Weiterbildungsangebote
unentgeltlich sein müssen, das möchte ich zur
Diskussion stellen.
Gesellschaftliche
Veränderungen
Es gibt kaum Zweifel darüber, dass ein Prozess
der Individualisierung in unserer Gesellschaft
stattfindet. Der Einfluss von politischen Gruppierungen,
Kirchen, Gewerkschaften hat abgenommen, sie sind immer
weniger in der Lage, die Vielfalt gesellschaftlicher
Einflussfaktoren unter Kontrolle zu halten.
Arbeitsteilung und technologische Entwicklung haben zudem
die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen in hohem
Maße verstärkt. Diese Abhängigkeit kann
als eine der wichtigsten Ursachen des
Individualisierungsprozesses gesehen werden.
Auch die Veränderungen im Familienbereich haben
zum Individualisierungsprozess beigetragen. Die
Kinderzahl pro Familie ist dramatisch zurückgegangen
und das einzelne Kind hat gleichzeitig an
"psychologischem Wert" gewonnen. Mit der Intensität
der emotionalen Beziehung hat auch die Intensität
der Konflikte zugenommen. Der Erfolg des Kindes ist zu
einem Kriterium für den Erfolg der Eltern
geworden.
Mögliche Konsequenzen:
- Wenn Verbindlichkeiten und
Verantwortungsstrukturen außerhalb der Schule
weniger erfahrbar werden, gewinnt die Fähigkeit
zur aktiven Konstruktion sozialer Beziehungen
erheblich an Bedeutung. Dazu sind Erfahrungen mit
kooperativem Lernen und mit den Konsequenzen
nichtkooperativen Verhaltens wesent-liche
Voraussetzung.
- Die Schule gewinnt an Bedeutung als
geschützter Bereich kontinuierlicher sozialer
Beziehungen. Sie wird zunehmend als Lebensraum
verstanden, in dem Lebenssituation und Perspektiven
der Jugendlichen thematisiert werden. Bei Vorschul-
und Schulkindern wird die Schule auch eine Quelle
emotionaler Zuwendung. Das soziale Klima, das dazu
erforderlich ist, dürfte zu einem wichtigen
Qualitätskriterium von Schule werden. Von der
Schule wird in zunehmendem Maße erwartet, dass
sie auch ein Lernfeld für Partizipation ist!
- Kinder und Jugendliche sind früher
eigenständig, aber auch "schwieriger" geworden.
Anordnungen vonseiten Erwachsener werden immer weniger
fraglos akzeptiert. Der Zusammenprall zweier
"Kulturen" findet statt: einer Aushand-lungskultur in
den Familien und einer teilweise immer noch
bestehenden Anordnungskultur in der Schule.
- Die Ansprüche an Wahlmöglichkeiten, an
Beratung und an Begründungen für schulische
Vorgaben steigen. Dabei kann es zu einer Polarisierung
zwischen hoch und niedrig motivierten Schülern
kommen.
- Der Sinn schulischen Lernens, sein Zusammenhang
mit persönlicher Lebenssituation und vor allem
mit den Zukunftsperspektiven muss stärker
reflektiert werden.
- Die Jugendlichen brauchen in den Schulen die
Möglichkeit, die Arbeitssituation des Lernens
selbst mitzugestalten und dafür Verantwortung zu
übernehmen. Sie müssen sich selbst als
Personen erleben, die in ihrem Umfeld auf konstruktive
Weise wirksam werden.
Aus der Erkenntnis heraus, dass Jugendliche neben dem
grundlegenden Fachwissen auch so genannte
Schlüsselqualifikationen ("Soft skills") erwerben
müssen, wurden bereits Maßnahmen
eingeleitet.
Entwicklung von Wirtschaft
und Arbeitswelt
Alwin Toffler beschreibt in seinem Buch "Machtbeben"
die derzeit in der Wirtschaft stattfindende
Veränderung. Alte Strukturen werden zugunsten von
flexiblen projektorientiert arbeitenden Teams
aufgelöst, die alten Hierarchien verschwinden, und
dazu bedarf es neuer Qualifikationen der Mitarbeiter und
Mitarbeiterinnen.
Die Technologien sind komplizierter und veraltern
schneller. Die Wissenslast - und wichtiger noch die
Entscheidungslast - wird umverteilt. In einem endlosen
Kreislauf des Lernens, Umlernens und Neulernens
müssen sich die Mitarbeiter neue Techniken aneignen,
sich neuen Organisationsformen anpassen, neue Ideen
entwickeln. In einer Untersuchung der Firma Sony wurde
festgestellt: "Die unterwürfigen
Scheuklappen-Regelbefolger werden in Zukunft keine guten
Arbeiter mehr sein."
Mögliche Konsequenzen:
Für die Schule heißt das, dass der junge
Mensch neben einem guten Fachwissen auch
Methodenkompetenz, Sozialkompetenz und Selbstkompetenz
erwerben muss; dazu zählen Teamarbeit,
Gesprächsführung, Konfliktlösung,
Kommunikation, Flexibilität, kreatives Denken,
soziales Verständnis, Bereitschaft zur
Weiterbildung, Motivation zum Umlernen!
In dem Projekt "Lehrplan 99" wird die verpflichtende
Vermittlung dieser Kompetenzen verankert. Die bestehenden
Lehrpläne werden verdichtet und in Kernbereiche und
Erweiterungsbereiche eingeteilt. In einem breiten
Diskussionsprozess und durch Weiterbildung wird unter den
Lehrerinnen und Lehrern das Bewusstsein dafür
geschaffen. 85 Pilotschulen arbeiten bereits im Schuljahr
1997/98 mit den neuen Lehrplanentwürfen. Im
Schuljahr 1999/2000 werden diese Lehrpläne
verpflichtend eingeführt.
Wie wir in den letzten beiden Jahren erlebt haben, hat
es jedoch auch im Lehrlingsbereich gravierende
Veränderungen gegeben. Sollte das System der
Lehrlingsausbildung tatsächlich mittelfristig
entscheidend weiter schrumpfen, so ist zu erwarten, dass
sein dämpfender Effekt auf die Entwicklung der
Jugendarbeitslosigkeit ebenfalls nachlässt.
Mögliche Konsequenzen:
Durch die Verbesserung der Rahmenbedingungen, wie sie
bereits beschlossen wurden, soll gesichert sein, dass in
Zukunft die Lehrlingsausbildung von der Wirtschaft weiter
wahrgenommen wird; an ihrem gesellschaftlichen Ansehen
muss weiter gearbeitet werden. Durch die vom Parlament im
Mai beschlossene Berufsreifeprüfung ist
gewährleistet, dass eine Entscheidung für eine
Lehre keine Einbahn ist. Dadurch ist die
Durchlässigkeit von der Lehre zur
weiterführenden Bildung gegeben.
Für bereits gut ausgebildete Jugendliche sollte
die Möglichkeit von Startjobs geschaffen werden, wo
berufliche Erfahrung gewonnen werden kann. Die derzeitige
Situation am Lehrstellenmarkt erfordert vom
berufsbildenden Schulwesen mehr Schüler
aufzunehmen.
Zunehmende Bedeutung von Wissen
und wachsende Mehrdeutigkeit von Wissensangeboten
Das Wissensmonopol der Schule nimmt ab, durch
Massenmedien, Computer und Internet verfügen immer
mehr Menschen über neue Zugänge zu
Bildungsressourcen und sind dadurch in der Lage, die
schulische Informationsvermittlung zu ersetzen.
Mögliche Konsequenzen:
Die Schule steht vor der weitgehend neuen und
vordergründig paradox anmutenden Situation, in der
Erwerben von substantiellem Wissen ebenso wichtig wird,
wie der Erwerb einer kritisch prüfenden Haltung
gegenüber allem, was als Wissen angeboten wird. Der
konstruktive Umgang mit Widersprüchen könnte
damit zu einem wichtigen Aufgabenbereich der Schule
werden. Erfahrungserwerb unter Einbeziehung
außerschulischer Ressourcen gewinnt zunehmend an
Bedeutung.
Eine intensivere Zusammenarbeit mit dem
gesellschaftlichen Umfeld der Schule kann einen
wesentlichen Beitrag leisten, um den Reichtum an
Kompetenzen und Informationen zu nutzen, die
außerhalb der Schule in kulturellen Einrichtungen,
wirtschaftlichen Unternehmungen etc. vorhanden sind.
Deregulierung und
Eigenverantwortung
Einer der markantesten Trends ist die Rücknahme
direkter staatlicher Einflussnahme sowohl im
öffentlichen als auch im privaten Bereich. Die Folge
ist ein Abbau öffentlicher Verwaltung und eine
Zunahme eigenständiger Entscheidungskompetenz.
Dieser Trend ist auch im Bildungswesen deutlich
feststellbar. Deregulierungsmaßnahmen erweitern die
Spielräume der Schule für selbständige,
pädagogische, finanzielle, organisatorische und
personelle Entscheidungen.
Mögliche Konsequenzen:
- Die Verlagerung von Entscheidungskompetenzen an
die Schulen erleichtert diesen die Suche nach
eigenständigen Antworten auf gesellschaftliche
Herausforderungen.
- Von der Verlagerung finanzieller Entscheidungen an
die Schulen ist ein ökonomischer Einsatz der
verfügbaren Mittel zu erwarten.
- Die Schulen werden in zunehmendem Maße
selbst für die Qualität des Lehrens und
Lernens und des Lebensraumes Schule verantwortlich.
Das Verständnis der Schule als "lernende
Organisation" und die Verantwortung der einzelnen
Schule für die Durchführung von Innovationen
dürfte erheblich an Bedeutung gewinnen.
- Schulen übernehmen mit der erweiterten
Eigenständigkeit die Verpflichtung, den Einsatz
personeller und materieller Ressourcen gegenüber
der Öffentlichkeit auf glaubwürdige Weise zu
rechtfertigen. Dies wird eine verstärkte
Nachfrage nach und Bemühungen um
Qualitätsevaluation auslösen.
Mehr Autonomie, mehr Selbstentscheidung für die
Schulen werden durch das Projekt "Schule in Bewegung"
erreicht. Modellschulen erproben neue
Organisationsformen, neue Entscheidungsabläufe,
Übernahme von finanzieller Kompetenz, Erarbeitung
von Schulprogrammen und Methoden zur
Qualitätsentwicklung.
Neue Medien, Technologien und
Internationalisierung
Der Umgang mit neuen Informations- und
Kommunikationstechnologien ist Grundvoraussetzung
dafür, in der Arbeitswelt der Zukunft bestehen zu
können. Die Aufbereitung von Daten zu Informationen
und die Nutzung dieser Informationen zur
Problemlösung ist die vierte Kulturtechnik, die
jeder Mensch in Zukunft beherrschen muss.
Mögliche Konsequenzen:
Die Lehrenden müssen in kürzester Zeit
entsprechend kompetent gemacht werden, um die neuen
Medien technologisch zu beherrschen und sowohl didaktisch
wie auch methodisch anzuwenden. Die Schulbibliotheken
sollen zu Medien- und Lernzentren weiterentwickelt
werden.
Österreich kann sich europaweit mit der
technischen Ausstattung seiner Schulen sehr wohl sehen
lassen; wir liegen an der Spitze. Jede dritte Schule
publiziert eigene Informationen (Schulprofil etc.) im
Internet.
Zur Internationalisierung gehören das Erfassen
von internationalen Zusammenhängen in allen
Lebensbereichen sowie die Fremdsprachenoffensive. Gerade
österreichische Schulen nehmen im hohen Ausmaß
an internationalen Bildungsprogrammen teil. Von
besonderer Wichtigkeit wird es sein, dass Schüler
durch bilingualen Unterricht die Fremdsprache als
Unterrichtssprache erleben und dadurch die
Sprechkompetenz bedeutend erhöht wird.
In der Bildungspolitik ist es notwendig, neue
Entwicklungen unter breiter Einbin-dung aller
Betroffenen, durch intensive Diskussionsprozesse und
unter größtmöglichem Konsens
herbeizuführen. Die Aufgabe des
Unterrichtsministeriums ist es, Zielvorgaben zu machen,
Rahmenbedingungen zu schaffen und die verantwortliche
Steuerung und Überprüfung der Neuerungsprozesse
zu übernehmen. Geeignete Service- und
Dienstleistungsangebote runden dieses Bild ab. Eine neue
Rolle der Verantwortungsübernahmen, aber auch eine
Erweiterung der autonomen Handlungsspielräume liegen
auch bei den Landesschulräten und den Schulen
selbst.
Aus dem Ergebnis der Arbeitsgruppe 2021 und aus vielen
anderen wissenschaftlichen Arbeiten ergibt sich ganz
klar, dass die Veränderungen immer rascher vor sich
gehen, dass wir vor großen neuen Herausforderungen
stehen. Um diese Zukunft bewältigen zu können,
brauchen wir aber nicht nur mehr Wissen und Können,
mehr Fertigkeit und Fähigkeiten, sondern wir
brauchen eine aktive Grundhaltung und positives Denken.
Es muss Schluss sein mit dem Zeitgeist der
Weinerlichkeit, es muss Schluss sein damit, dass man sich
vor allen Herausforde-rungen zuerst einmal prophylaktisch
fürchtet. Wir brauchen Zukunftsstreben und
Zukunftsmut. Wir müssen unsere Denk- und
Verhaltensweisen umkehren.
Wir brauchen
- mehr Leistungs- als Verteilungsdenken,
- mehr Pioniergeist als Vermeidungs- und
Verhinderungsstrategien,
- mehr Kreativität, Initiative und Mut zum
Neuen als Ausruhen auf dem Erreichten,
- mehr Eigenvorsorge und Eigenverantwortung als
Anspruchs- und Forderungsmentalität.
John Steinbeck hat einmal gesagt: "Die Zukunft ist
meist schon da, bevor wir ihr gewachsen sind." Damit hat
er die Herausforderung und Problematik der
Zukunftsbewältigung beschrieben. Gesamthafte
Persönlichkeitsentwicklung und Bildung sind die
einzige Möglichkeit, sich auf die Zukunft
vorzubereiten. Sie ermöglichen es, nicht nur die
Zukunft unbeschadet zu erleben, sondern auch diese aktiv
zu gestalten. Um bei dem eingangs erwähnten Bild zu
bleiben: Mit Bildung kann ich Segel setzen und zu neuen
Ufern aufbrechen. Ohne Bildung laufe ich Gefahr, vom Wind
der Veränderungen steuerlos an raue Klippen
geschlagen zu werden. Damit ergibt sich für mich
ganz klar:
Zukunft braucht Bildung - Bildung schafft
Zukunft!
Bildung macht Schule - Bildung ist in!