Copyrightvorbehalt

Die Seite, die Sie soeben lesen, enthält nicht das Original der Arbeit, sondern stellt einen mirror/download zu Dokumentationszwecken im Rahmen der wissenschaftlichen Untersuchung

Stangl, Werner (1998). internet in der Schule - Eine Bestandsaufnahme über den Einsatz des internet im Unterricht an Österreichs Schulen. p@psych 3.
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/PAEDPSYCH/NETSCHULE/NetSchule.html (YY-MM-DD)

dar. Damit soll den userInnen die Nachprüfbareit der Originalquellen ermöglicht werden, die im internet aufgrund der Dynamik des Entstehens und Vergehens von pages selten möglich ist. Das Original findet sich unter der jeweils angegebenen WWW-Adresse; eventuell vorhandene lokale links wurden entfernt. (WS)


 

Die pessimistischste Perspektive für die Zukunft ist, daß eine in drei Klassen geteilte Gesellschaft entsteht: auf der untersten Ebene eine Masse von Proletariern, die keinen Zugang zum Computer hat (und damit auch nicht zum Buch) und nur vom Fernsehen abhängt; auf der mittleren Ebene ein Kleinbürgertum, das den Computer passiv benutzt (wie im typischen Fall einer Angestellten im Reisebüro, die das Gerät benutzt, um zu sehen, wer für einen bestimmten Flug gebucht hat); und schließlich eine "Nomenklatur" [...hier: ernannte Elite; sich selbst erhaltende und sich selbst fördernde Gruppe], die weiß, wie man die Maschine für sich arbeiten läßt, und über die nötigen Mittel verfügt, um sich immer die neuesten und besten Modelle zu leisten.

Aber sogar dieser Minderheit von Erwählten droht eine Gefahr: Angesichts der Überfülle von Informationen weiß sie nicht mehr, was sie auswählen soll. Wenn uns jemand eine Milliarde Dollar anböte unter der Bedingung, daß wir sie Dollarnote für Dollarnote einzeln abzählten, sollten wir lieber nicht annehmen. Die Operation würde, rechnet man pro Dollar eine Sekunde, mehr als 31 Jahre dauern. Wenn wir dann noch acht Stunden täglich schlafen und vier Stunden für Ernährung, Hygiene und Sex veranschlagen, würden wir rund 63 Jahre brauchen. Zum Glück kann uns eine Milliarde Dollar per Scheck überreicht werden, und der Vorgang ist erledigt. Aber mit einem Gutschein über eine Milliarde Informationseinheiten der neuen Technologien wäre es nicht getan.

Denn während die Ingenieure fieberhaft daran arbeiten, die Möglichkeiten des Kanals zu erweitern und mit immer größerer Geschwindigkeit immer mehr Informationen zu transportieren, kann niemand unsere Aufnahmekapazität erweitern. Also muß uns jemand Auswahlkriterien an die Hand geben. Ein durchschnittlich ausgebildeter Mensch kann zwischen der einen und der anderen Zeitung unterscheiden, und in derjenigen, die er ausgewählt hat (und der er vertraut), unterscheidet er zwischen der Sportseite und der mit den Börsennachrichten. Bei den neuen Technologien dagegen sehen wir uns dem Equivalent von Hunderttausenden Zeitungsseiten gegenüber, ohne zu wissen, ob das, was wir gerade auswählen, etwas taugt oder Müll ist.

Es kommt also darauf an, die Benutzer zu alphabetisieren, und zwar möglichst viele von ihnen, besonders die jungen, besonders diejenigen, die nicht über die nötigen Mittel verfügen, um sich die jeweils neuesten und leistungsfähigsten Geräte zu genehmigen. Die Maschinen benutzen zu lernen heißt auch, ihre innere Logik zu verstehen und Schritt für Schritt Auswahlkriterien zu entwickeln. In Bologna entsteht zur Zeit ein spazio telematico, das heißt ein öffentlicher Raum, in dem man (gegen eine Gebühr, die von einer Magnetkarte abgebucht wird) etwa fünfzig Computer benutzen kann. Man wird eine multimediale CD-Rom durchsuchen und sich die Teile, die einen interessieren, ausdrucken lassen können. Man wird sich im Internet umsehen können, man wird ein Fax absenden oder eine Reise buchen können, man wird sich audiovisuelle Dateien ansehen, E-Mails absenden und empfangen, Computergraphiken machen, mit avancierten Technologien wie interaktivem Fernsehen oder virtueller Realität experimentieren und so weiter. Gleichzeitig wird es Alphabetisierungskurse für verschiedene Altersgruppen, Diskussionen und sogar eine "vernetzte" Bar geben. Wenn diese "telematischen Arkaden" (hier: Lustgärten der neuen Medien) erst einmal da sind (ich hoffe bald), werden sie ein schönes Experiment sein. Das Problem ist nur, daß sie überall entstehen müßten, in jeder Stadt, in jedem Viertel, in jeder Schule.

Umberto Eco über elektronische Medien und Alphabetisierungskurse
in: DIE ZEIT vom 30.06.1996 (gekürzt)