UNIVERSITÄT HAMBURG --- FACHBEREICH PHYSIK

Evaluation der Lehre am FB-Physik

Hintergrundinformationen und Geschichte

Im vergangenen Wintersemester 1997 wurde am Fachbereich Physik der Universität Hamburg eine ´Evaluation` von Lehrveranstaltungen durchgeführt. An sich nichts besonderes, gab es hierbei ein Novum : mithilfe der Ergebnisse dieser Evaluation wurden zum ersten Mal im bundesdeutschen Hochschulbetrieb Forschungsgelder nach Kriterien der Lehrqualität verteilt. Diese Evaluation wurde vom Fachbereichsrat beschlossen, und von der Studierendenvertretung, dem Fachschaftsrat, mit einem offiziellen Fragebogen durchgeführt. Die ´Besten Dozenten` konnten zusätzliche Mittel im Umfang von ca. 0,5% der Haushaltsmittel sowie einen Pokal entgegennehmen.

Die Vorgeschichte :

Im Sommersemester 1988 organisierte die Fachschaftszeitung der Physik, der (IMPULS, eine Umfrage mit dem Titel 'Proftest 88'. Studierende waren aufgerufen, ausliegende Fragebögen mit ca. 20 Multiple-Choice Fragen für ihre besuchten Vorlesungen auszufüllen. Dabei gab es einen Rücklauf von 250 Bögen - verteilt auf 27 Dozenten schwankte die 'statistische Basis' zwischen drei und 25 Meinungen pro Vorlesung. Die Auswertung dieser Ankreuz-Antworten sowie zusätzlicher Kommentare erfolgte in einer Sonderausgabe des (IMPULS. In einem Begleitartikel wiesen die Organisatoren auf das Problem der Subjektivität von Kommentaren sowie auf die möglichen Auswahleffekte bei den abgegeben Beurteilungen hin : Veranstaltungen, die als besonders gut oder besonders schlecht empfunden werden, würden eher zu einer Beteiligung der Hörer bei der Umfrage führen, sei es um zu loben, sei es, um einer Verärgerung Luft zu machen, als 'normale' Veranstaltungen.

Das Ergebnis wurde sehr interessiert von Studierenden und Dozenten aufgenommen, führte aber u. a. bei einem Professor zu der Reaktion, die entsprechende Vorlesung nie wieder zu halten, weil er sich von der Beurteilungmethode und den abgedruckten (teilweise sehr persönlichen Kommentaren) diffamiert fühlte.

Der 'Proftest' wurde in dieser Form nicht wiederholt. Erst in den frühen 90ern, als 'Evaluation' in Mode kam, wurde das Thema diesmal unter dem Namen 'Prüf den Prof' wieder aufgegriffen. Der RCDS, die Studentenorganisation der CDU, hatte im Sommersemester 1993 eine bundesweite Beurteilungsaktion angefangen, mit einem von Soziologen und Psychologen erdachten maschinenlesbaren Fragebogen und statistischen Kreuzkorrelationen zwischen unterschiedlichen Fragen. Die 'Prüf den Prof' Aktion war nur für die Fachbereiche Wirtschaftwissenschaften und Jura geplant, durch persönliche Kontakte von Physikstudenten zum RCDS kamen auch Bögen an den Fachbereich Physik. Die Resonanz auf diese Aktion war etwas besser als 1988 - da die Fragebögen aber nur inoffiziell ohne die speziellen Computerprogramme ausgewertet wurden, konnte das Potential dieses Typs Fragebogen nicht erschlossen werden. Textantworten und somit das hilfreiche 'Feedback' an die Dozenten / Professoren fehlten völlig.

Für das nächste Semester - eine Wiederholung der 'Prüf den Prof' - Aktion durch den Fachschaftsrat mit RCDS Fragebögen erschien nicht sinnvoll - erarbeitete der Fachschaftsrat einen eigenen Fragebogen. Dieser wurde zusammengestellt aus bereits in anderen Fachbereichen erprobten Vorlagen sowie eigenen fachbereichsspezifischen Fragen. Diese 'Umfrage zur Qualität der Vorlesung' wurde für viele Vorlesungen im Wintersemester 1993/94 durchgeführt, indem Vertreter des Fachschaftrates direkt in die Veranstaltungen gingen und nach Einverständnis der Dozentin oder des Dozenten die Bögen mit einige Erklärungen verteilten. Es gab fast 50 Fragen, darunter auch einige zur 'Situation der Studierenden': Anzahl der Semesterwochenstunden, Umfang des Jobbens neben dem Studium oder welche Vorlesungen verlassen wurden.

Im selben Semester führte nun auch der RCDS seine 'Prüf den Prof' Befragung an der Physik durch - jetzt auf eigene Faust und mit offiziellem Logo. Diese wiederholte 'Störung' von Veranstaltungen durch Umfragen ging einigen Dozenten nunmehr zu weit und so beschloß der Fachbereichsrat, das oberste Gremium des Fachbereiches, einen offiziellen Bogen erstellen zu lassen, der, und nur der, in Zukunft bei Umfragen der Studierenden benutzt werden dürfte. Dazu wurde eine Kommission eingesetzt, die Anregungen, Ideen und Wünsche von Dozenten und Studierenden gleichermaßen aufgriff und in einen dann im April 1994 beschlossenen Fragebogen umsetzte.

Dieser enthielt Fragen zur Vorlesung (aufgrund der Vielzahl von Veranstaltungen und dem relativ großen Gewicht in Physik auf Vorlesungen als Veranstaltungsform war der Bogen wie seine Vorgänger speziell auf Vorlesungen und weniger auf Seminare etc. zugeschnitten), dazu Einschätzungen zu Übungen aber auch zu eigenem Lernverhalten und statistischen Angaben zur Person.

Mit dieser Vorlage wurden nun von SS 1994 bis SS 1996 Veranstaltungen bewertet, die Auswertungen übernahm der Fachschaftsrat, seit 1995 unterstützt durch Tutorenmittel aus dem Physik-Etat, da der Arbeitsaufwand durch die größerwerdende Zahl von evaluierten Vorlesungen ständig stieg. Es wurde generell versucht, alle Einführungsvorlesungen zum Grundstudium, sowie die Kursvorlesungen zum Haupstudium zu erfassen. Die Ergebnisse wurden am Ende des Semesters in detaillierter Form fachbereichsöffentlich ausgehängt, kurze Einschätzungen oder Zusammen-fassungen erschienen immer im (IMPULS. Den Dozenten wurden die Ergebnisse vorab zugeschickt, zusammen mit den Text-Kommentaren 'ihrer' Fragebögen. Die Dozenten konnten jeweils Widerspruch gegen die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse einlegen. Im Laufe der Zeit kam es aber mindestens zwei Mal zu einem etwas unsensiblen Umgang mit Ergebnissen einzelner Dozenten. Im einen Fall wurden sehr persönliche Kommentare mit veröffentlicht, von denen sich der Dozent verletzt fühlte - daraufhin wollte er die entsprechende Vorlesung zukünftig nicht mehr halten (auf eine Bitte des Fachbereiches hin tat er es aber doch). Bei dem zweiten Dozenten wurde zu wenig auf eine Krankheit Rücksicht genommen. Die zuerst ausgehängten Ergebnisse wurden daraufhin vom Fachschaftsrat entfernt.

Der aktuelle Stand :

Im Herbst 1996, als abzusehen war, daß der Fachbereich ab 1997 die neue Haushaltsstruktur 'Globalhaushalt' haben würde, gab es Ideen, Leistungskriterien in der Mittelverteilung einzuführen. Zuerst entstand der Vorschlag, nur Forschungsaktivität zu bewerten, gemessen an der Menge der eingeworbenen Drittmittel. Hinzu kam bald eine Vorlage, von den studentischen Vertretern im Fachbereichsrat zur Abstimmung eingebracht, auch Leistungen in der Lehre einzubeziehen - wenn auch auf einem finanziell erstmal sehr viel niedrigeren Niveau als die Forschung. Nachdem der Vorschlag angenommen wurde, ging es darum, wie Lehrqualität überhaupt 'objektiv' beurteilt werden könnte. Dazu wurde auf die bestehende Evaluationspraxis zurückgegriffen - es mußte aber ein überarbeiteter Fragebogen erstellt werden, der ein eindeutiges und statistisch möglichst solides 'Ranking' erlaubt. Gleichzeitig entwickelte der Fachschaftsrat die Idee einer Verleihung von Pokalen an die besten Lehrenden - diese wiederum bestimmt durch ein Ranking.

Der Fragebogen bekam dann Ende 1996 nach fruchtbaren Diskussionen von Studierenden, wissenschaftlichen Mitarbeitern und Professoren seine heutige Form : Neben Fragen, wie sie schon früher existierten, gab es die Frage nach einer Gesamtbeurteilung der Vorlesung. Es sollte eine Punktzahl zwischen 15 und 0 gegeben werden - entsprechend dem Notenschema der gymnasialen Oberstufe. Dieses Schema schien sowohl hinreichend bewährt, als auch genügend differenziert, um eine aussagefähige Rangfolge bei den Vorlesenden zu garantieren. Es wurde auf dem Fragebogen extra darauf hingewiesen, daß nach der Bewertung dieser einen Frage die Reihenfolge berechnet wird.

Zusätzlich wurden Textantworten mehr Platz eingeräumt. Es gibt detailliertere Fragen nach Verbesserungsmöglichkeiten bei Vorlesung sowie Übungsveranstaltungen. Dieses folgte zwangs-läufig aus dem zentralen Punkt der ganzen Evaluation : Wie kann die Lehre verbessert werden ? Antwort : Möglichst viel konkrete Kritik - negative wie positive - an den Methoden und Verhaltens-weisen der Dozenten. Nur so ist das Bemerken von Defiziten überhaupt möglich. Dazu Anerkennung für die Dozenten, die gute Lehre machen - als 'Belohnung' für viel Mühe in der Vorbereitung und Weiterentwicklung ihrer Vorlesungsstile.

Der überarbeitete Fragebogen wurde auf der letzten Sitzung des Fachbereichsrates 1996 zunächst für ein Jahr beschlossen. Daran gekoppelt ist die Vergabe von zusammen DM 12.780,- im WS 1996/97 und SS 1997. Von den DM 6.390,- pro Semester gehen 3/6 an den erstplazierten Dozenten, 2/6 bzw. 1/6 an die zweit- bzw. drittplazieren.

Evaluation im Wintersemester 1996/97 :

Eine Vorlesung mußte mehrere Kriterien erfüllen, damit der Dozent 'in die Wertung' kam. Zum einen wurde ein Kanon von Vorlesungen ausgewählt, auf den sich die Bewertung beschränken sollte: Alle Grundstudiumsvorlesungen, alle Kursvorlesungen im Hauptstudium, sowie die Vorlesungen aus dem Bereich 'Anwendungen der Physik' und die Einführungen des zum Fachbereich gehörenden Nebenfaches Astronomie. Das Austeilen und anschließende Einsammeln der Fragebögen sollte jeweils in den letzten Vorlesungswochen erfolgen - bei Vorlesungen mit zwei Dozenten zusätzlich vor dem Dozentenwechsel. In der speziellen Vorlesungsstunde, in der die Bögen von den Studierenden ausgefüllt wurden, sollten mindestens 16 Hörer anwesend sein, um eine statistisch zuverlässigere Auswertung zu gewährleisten.

So kamen insgesamt 23 zu evaluierende Vorlesungen zusammen, davon zwei Mathematik-vorlesungen und zwei Experimentalvorlesungen für Chemiker, die nicht mit in die Wertung kamen, aber als 'große Veranstaltungen' wichtig sind. Sechs Vorlesungen hatten nicht die erforderliche Hörerzahl.

Es kamen bei einer Rücklaufquote von über 95 % (Verhältnis ausgefüllte Fragebögen zur Zahl der anwesenden Hörer) fast 1000 Bögen zusammen - ausgefüllt von fast 400 Studierenden. Diese Antworten wurden im Januar ausgewertet - bei 1000 ausgefüllten Bögen mit maximal 46 Einträgen, davon sechs mit Text, war der Aufwand nicht unerheblich. Die gegebenen Antworten wurden von ca. 15 Studierenden in eine Microsoft Excel Vorlage eingegeben, in der die statistischen Berechnungen und graphischen Umsetzungen automatisch geschahen.

Als Ausgabe gab es zu jedem Dozenten zwei Seiten mit 25 Histogramm-Graphiken, zwei Seiten mit den Mittelwerten der Antworten sowie eine Zusammenstellung der Textantworten. Aus den Antworten zur Frage 'Wie beurteilst Du die Vorlesung auf einer Punkteskala von 15 bis 0 ?' wurde die Reihenfolge der 'Besten Dozenten' erstellt. Dazu wurde ein arithmetisches Mittel benutzt, nachdem Ausreißer ('ich mochte den Dozenten noch nie, deshalb gebe ich Null Punkte') mit einem statistischen Verfahren eliminiert wurden (Kappa-Sigma-Clipping mit 99,7 % Konfidenz).

Die Dozenten bekamen die komplette Auswertung zugeschickt, fachbereichsöffentlich wurden nur die Diagramme ausgehängt. Die Ergebnisse wurden am Donnerstag, dem 30. Januar 1997 in einem Festkolloquium in den Physikalischen Instituten an der Jungiusstraße feierlich präsentiert und die fünf besten Vorlesenden ausgezeichnet. Dazu erhielten sie gemeinsam vom stellvertretenden Fachbereichssprecher sowie einer Vertreterin der Fachschaft eine Urkunde sowie einen gravierten Pokal aus Plexiglas in Form einer abgeschrägten Säule (von den Plätzen eins bis fünf variierte die Höhe der Säule).

Nach einem Grußwort des stellvertretenden Sprechers Prof. Dr. W. Schmidt-Parzefall gab es einen Diskurs zur Didaktik der Hochschullehre von Jürgen Bruhn vom IZHD (Interdisziplinäres Zentrum für Hochschuldidaktik). Die musikalische Ausgestaltung des Kolloquiums geschah durch die 'Saxophone Collection'.

Die Resonanz zu der Evaluation war beträchtlich : in Anbetracht der Tatsache, daß zum ersten Mal in der Bundesrepublik Teile des Forschungsetats nach Kriterien der Qualität Lehre vergeben wurde, brachte das Hamburger Abendblatt am 24. Januar 1997 einen längeren Artikel mit Hinweis auf die Festveranstaltung, die 'Zeit' und 'Die Welt' berichtete in ihrer Ausgabe vom 6. Februar 1997 über das ganze Projekt. Die Veranstaltung selbst besuchten ca. 150 Angehörige des Fachbereiches.

Resultate :

Den Platz Eins teilten sich mit 12,9 Punkten (sehr gut, 1-) Dr. Jens Hansen-Schmidt (Institut für Angewandte Physik) für die Vorlesung 'Elektronik II' und Prof. Dr. Georg Zimmerer (II. Institut für Experimentalphysik) für 'Einführung in die Struktur der Materie'. Platz Drei ging an Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm Büßer (II. Institut für Experimentalphysik) für 'Physik I' mit 12,1 Punkten (gut, 2+). Auf den Plätzen Vier und Fünf folgten Prof. Dr. Heinrich Heyszenau (I. Institut für Theoretische Physik) für 'Elektrodynamik' mit 11,9 Punkten (gut, 2+) und Prof. Dr. Wolfgang Scobel (I. Institut für Experimentalphysik) mit 11,5 Punkten (gut, 2+) für 'Physik II'. Die Laureaten nahmen ihre Auszeichnungen unter tosendem Beifall entgegen.

Mit diesem Ergebnis sind auch die Zweifel beseitigt, ob es bei der sehr einfachen Bestimmung der 'Besten Lehre' mit nur einer Frage zu einer Bevorzugung von experimentellen gegenüber theoretischen Vorlesungen oder fortgeschrittenen gegenüber Anfängervorlesungen kommen würde : es gibt mit 'Elektrodynamik' eine theoretische Vorlesung unter den fünf besten und mit 'Physik I' bzw. 'Elektronik II' Vorlesungen aus dem Grund- bzw. Hauptstudium. Der Mittelwert aller beurteilten Dozenten lag dabei deutlich über 7,5 Punkten, ein Zeichen dafür, daß die Lehre am Fachbereich Physik durchaus nicht als eher schlecht empfunden wird. Eine Entwicklung dieser Zahl über die nächsten Semester wird interessant zu beobachten sein.

Trotz kleinerer Probleme bei der Durchführung kann man diese Evaluation sowohl von der Planung, der Durchführung und der Auswertung, als auch von der Akzeptanz bei den Studierende und Dozenten als gelungen bezeichnen. Durch diese Anerkennung von guter Lehre dürfte die Motivation, noch bessere Lehre zu machen, für den einzelnen verstärkt worden sein - durch die größere Menge konkreter Rückmeldungen haben die Dozenten jetzt eine bessere Möglichkeit, direkt an ihren Schwachpunkten zu arbeiten. Es ist sicherlich wünschenswert, das Konzept in der Zukunft auf mehr Veranstaltungen auszudehnen. Bis jetzt schreckt nur der Arbeitsaufwand, der in diesem Semester mehrere hundert Stunden, überwiegend ehrenamtlicher Arbeit von Studierenden betrug. Da aber nun eine Art Standardverfahren gefunden ist, dürfte sich dieser Aufwand selbst bei einer steigenden Zahl von beurteilten Vorlesungen verringern.

Knud Jahnke, FSR-Physik / (IMPULS


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