Null problemo ...


Stellungnahme für die EvaAG

2. Beurteilung der aktuellen Lehrsituation und alternative Vorschläge zur Verbesserung der Lehre unter der Fragestellung: "Was ist gute Lehre ?"

Bei der Beschäftigung mit dem Thema Evaluation taucht immer wieder der Begriff Qualität auf. Da dieser Begriff aus unserer Sicht nicht mit Leben gefüllt ist, haben wir dies über die Fragestellung "Was ist gute Lehre ?" zu beseitigen versucht. Es hat sich gezeigt, daß der vorgegebene Frageleitfaden zur Beantwortung obiger Fragestellung nicht geeignet ist, weshalb wir einen alternativen Weg eingeschlagen haben. Durch zahlreiche Diskussionen innerhalb der Fachschaft, der StudentInnen aller Semester angehören, sowie durch Gespräche mit Studienkollegen während des Studiums entstand ein Gesamtbild "guter Lehre". Im Laufe von vielen Diskussionsrunden erschien uns eine Aufsplittung der Fragestellung in Form und Inhalt als sinnvoll.

"Was ist gute Lehre ?"

Bezüglich ihrer Form

Solidarisches Lernen & Forschen in kleinen Gruppen

Die bisherigen Massenlehrveranstaltungen in Form von Frontalunterricht fördern ein anonymes Studium, das ein Konkurrenzverhalten zwischen Studierenden zur Folge hat, und tragen nicht zum eigenständigen Lernen bei. Insbesondere Vorlesungen und Übungen in den großen Hörsälen sind durch reinen Vortragscharakter geprägt, in denen ein Nachfragen seitens der Studierendenschaft nicht möglich bzw. nicht gewünscht ist. Ein Arbeiten in kleinen Gruppen (z.B. Seminarübungen) ermöglicht hingegen ein eigenständiges Lernen und fördert durch Reflexionen mit anderen Studierenden ein forschendes Erlernen von wissenschaftlichem Stoff. Dabei sollten diese Gruppen idealer Weise aus 8-10 Leuten bestehen, was bisher nicht der Fall ist. Gerade durch verstärkte Teamarbeit bei Laboren und Praktika kann ein solidarisches Lernen ohne Konkurrenzdruck gefördert werden. Colloquien sollten dabei nicht zu Prüfungen durch die wissenschaftliche Hilfskraft mutieren. Bei den praktischen Übungen sollten Studierende durch eigene Erfahrungen auf Ergebnisse hinarbeiten. Als Alternative zu den bisherigen Laborformen bieten sich auch gerade Projekte zu den jeweiligen Themengebieten an. Die Laufzeit solcher Projekte kann sich über ein oder mehrere Semester erstrecken und soll den Studierenden ein verantwortliches Arbeiten innerhalb einer Gruppe (ca.2-4 Leuten) nahebringen. Während der gesamten Projektphase steht einE DozentIn in regelmäßigen Erfahrungsplena zur Verfügung. Auch bei Studien- und Diplomarbeiten ist eine Gruppenarbeit zu ermöglichen.

Selbstbestimmtes Studium (Organisation)

Durch die Diplomprüfungsordnung ist der organisatorische und zeitliche Rahmen des Studiums fest vorgegeben. Dies ermöglicht kein Eingehen auf individuelle Vorbildung und Fähigkeiten. Zum Beispiel haben Studierende, die mit einer abgeschlossenen Lehre im Bereich der Elektrotechnik an die Universität kommen, von praktischen Veranstaltungen einen geringen Nutzen, während theoretische Fragestellungen für diese Gruppe zu knapp behandelt werden. Gerade im Bereich der Informatik ist der Wissensstand der StudienanfängerInnen sehr unterschiedlich. Durch mehr Wahlmöglichkeiten sollte eine bessere Gestaltung des Studiums möglich gemacht werden, die auch aktiv durch Gespräche mit Lehrenden im Vorfeld auf die eigenen Fähigkeiten abgestimmt werden kann. Eine freiere Gestaltung von Studien- bzw. Diplomarbeiten bezüglich des inhaltlichen aber auch zeitlichen Rahmens muß ermöglicht werden (z.B. um nebenbei Geld zu verdienen).

(Un)Sinn von Vorlesungen

Vorlesungen in ihrer bisherigen Form beschränken sich auf das reine Vortragen von Skripten, die teilweise auch in Buchform vorliegen. Dabei wird durch eine große Menge von Stoff ein Lernen sowie ein direktes Reagieren von studentischer Seite während der Veranstaltung unmöglich gemacht. Dies tritt selbst bei einer interessanten und gut gemachten Vorlesung auf. Deshalb scheint für die meisten Studierenden das selbstständige Lernen aus Büchern die effektivere Methode zu sein. Hierbei könnten alternative Formen der Wissensvermittlung (wie oben bereits erwähnt) Abhilfe schaffen. Für die Aneignung von Wissen ist es erforderlich dieses aus vorhandener Literatur zu erwerben. Deshalb sollten Methoden zum Bewältigen dieser Aufgabe gelehrt werden, anstatt Wissen vorzutragen. Zur Vertiefung und zur Rückkopplung des Wissens können regelmäßige Plena und oben genannte Methoden dienen.

(Un)Sinn von Prüfungen

Der bisherige Semesterablauf ist ausschließlich auf den Prüfungszeitraum ausgerichtet. Große Übung und Seminarübungen dienen oftmals nur als Prüfungsvorbereitung für eine Klausur, anstatt Wissen aufzugreifen und zu vertiefen. Durch Prüfungen werden ausschließlich einzelne Methoden zur Lösung bestimmter Aufgabentypen gelernt. Zu viele und zu methodenorientierte Prüfungen verhindern ein Erlernen von Wissen, welches eigentlich "überprüft" werden soll. Dies bewirkt ein Lernen und Lehren auf Prüfungen. Oftmals haben Prüfungen gerade im Grundstudium den einzigen Zweck die Studierendenzahlen anzupassen. Der Sinn solcher Auslese und das Mittel ist in diesem Zusammenhang abzulehnen. Andere Formen von Prüfungen (z.B. Ausarbeitungen in Form von Hausarbeiten, von eigenen Projekten) haben die Folge, die Lehrveranstaltungen während der Vorlesungszeit wieder ihrem erwünschten Zweck zuzuführen. Eine Vergleichbarkeit des Wissensstandes von Studierenden durch eine Prüfung ist nicht möglich, da jeder Studierende auf eine Prüfungsform (z.B. schriftlich oder mündlich) unterschiedlich reagiert. Daher sollten Prüfungen auf die Individualität des einzelnen abstimmbar sein.

Lehrbefähigte DozentInnen

Pädagogische Fähigkeiten werden bei Lehrenden nicht gefördert bzw. die Lehrenden selbst sehen in dieser Hinsicht keinen Handlungsbedarf. Lehrende, wie ProfessorInnen, wissenschaftliche MitarbeiterInnen, als auch wissenschaftliche Hilfskräfte, sollten Interesse wecken und Wissen vermitteln können. Rhetorikseminare für Lehrende können verbesserte, aktualisierte Lehrformen hervorbringen. Die Verständigung sowie das zahlenmäßige Verhältnis von Lehrenden zu Studierenden ist unzureichend und führt zu einer schlechten Betreuung. Während der Studien- und Diplomarbeiten ist dies besser - vielleicht auch weil das Verhältnis ein anderes ist und die Institute aus diesen Arbeiten einen Nutzen ziehen möchten. Einer der Gründe ist, daß viele DozentInnen sich nicht in die Lage von Studierenden versetzen wollen bzw. können. Während des Semesters ist ein Forum zwischen Lehrenden und Lernenden zum Gedankenaustausch auf einer gleichberechtigten Ebene wünschenswert und nötig. In diesem Forum sind Probleme zu Formen der Wissensvermittlung zu erötern und zu klären.

Bezüglich ihres Inhalts

Ausbilden und Anleiten von Kritikfähigkeit

Bisherige Lehrveranstaltungen dienen zur reinen Vermittlung von Fachwissen. Es werden ausschließlich technische Anwendungsmöglichkeiten für die Forschung und Industrie behandelt. Ein Einbringen von gesellschaftlich-wissenschaftlicher Diskussion (z.B. beim Behandeln von Kernspaltungsvorgängen die Gefährdung von biologischen Systemen) findet nicht statt, was ein Hinterfragen von Technik behindert. Auch eine Diskussion über sinnvolle oder nützliche Themen findet nicht statt. Vielmehr wird durch die Masse des Lernstoffes eine Beurteilung desselben verhindert. Um ein ständiges Auseinandersetzen mit der Wissenschaft zu erreichen, sollte in jeder Lehrveranstaltung (unabhängig von der Form) Freiraum geschaffen werden, über Auswirkungen auf die Gesellschaft und Umwelt zu diskutieren. Dabei sollte dieser Raum dazu genutzt werden, auch eine Kritikfähigkeit zu lehren. Für einE IngenieurIn muß es möglich sein, wissenschaftliche Vorgänge nicht nur aus einer fachlichen Perspektive zu sehen, sondern in einem Gesamtzusammenhang kritisch zu begutachten. Denn gerade Menschen mit derartigen fachlichen Qualifikationen besitzen eine besondere Verantwortung ihrer Umwelt gegenüber und sollten diese Verantwortung nicht anderen Personen (z.B. Politikern) übertragen.

Praxisbezug als Lehre im Diskurs zwischen Gesellschaft und Wissenschaft

Durch überzogen theoretisch dargebotene Lehrveranstaltungen wird ein Bezug zur Praxis verhindert. Gelegentlich eingeworfene Beispiele erfüllen meist nicht den Zweck einer praxisbezogenen Lehre. Die Didaktik von Lehrveranstaltungen ist oftmals nicht aktualisiert und wirkt dadurch überholt. Dazu kommt oftmals eine Beschränkung der Lehrinhalte auf das eigene Forschungsgebiet. Eine Weiterentwicklung wird nicht sichtbar. Über eine gut durchdachte Didaktik sollten DozentInnen Problemstellungen der Zeit aufgreifen und eine Anschaulichkeit ihres Themengebietes fördern. Über eine größere Transparenz muß ein Überblick über verschiedene Wissensbereiche ermöglicht werden. Somit wird eine fortlaufende Interdisziplinarität geschaffen, die dem Studierenden die Möglichkeit gibt, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Der Diskurs zwischen Gesellschaft und Wissenschaft innerhalb der Universität sollte in Lehrveranstaltungen präsent sein.

Labore auf dem Stand der Wissenschaft

Labore sind Stiefkinder eines jeden Institutes. Inhalte und Resourcen werden weder aktualisiert, noch ersetzt. Durch mangelnde Betreuung der einzelnen Laborversuche verkommen diese zu reinen Präsentationen durch die wissenschaftlichen Hilfskräfte. Labormittel (z.B. Meßgeräte, Versuchsaufbauten usw.) können aus Geldmangel nicht repariert bzw. ersetzt werden. Dadurch fallen oftmals ganze Versuchsphasen aus. Eine Abstimmung zwischen Laboren und anderen Lehrveranstaltungen findet in den meisten Fällen nicht statt. Die Theorie zu verschiedenen Laborversuchen eilt dem Lehrstoff voraus. Ein Labor als wichtige praktische Lehrform muß durch reflektierte Erfahrungen ständig aktualisiert werden, damit sowohl Studierende, als auch wissenschaftliche Hilfskräfte motiviert die Versuche durchführen können. Durch aufeinander abgestimmte Lehrinhalte wird die Vertiefungswirkung des Labors ermöglicht. Einfügen von an der heutigen Zeit orientierten Versuchen gibt Studierenden die Möglichkeit sich mit ihrer täglichen Umwelt auseinanderzusetzen.

Selbstbestimmtes Lernen und Erlernen

Das Grundstudium ist thematisch so stark durchstrukturiert, daß ein selbständiges Studieren nicht möglich ist. Durch eine starke Lenkung wird verhindert, daß Studierende später eigenverantwortlich Entscheidungen bezüglich ihrer inhaltlichen Themen treffen können. Das Hauptstudium gibt die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Studienschwerpunkten zu wählen, nicht aber eigenes Forschungsinteresse zu verwirklichen. Es sollte daher im Grundstudium schon die Möglichkeit geschaffen werden, individuelle Interessen einzubringen und dadurch ein höheres Verantwortungsbewußtsein bezüglich des eigenen Studiums zu entwickeln. Selbstverständlicherweise gehört dazu auch eigenständiges Nachdenken und Hinterfragen des eigenen Tuns, welches durch das universitäre Umfeld erlernt werden kann. Workshops ab dem ersten Semester zum Erlernen von eigenständigen Lernen und Fragen geben die Möglichkeit über ein reines Lehren von Fachstoff zu einem Lehren von Methoden zum eigenständigen Lernen zu kommen. Im Hauptstudium sind zum Beispiel Seminarvorträgen mit selbstgewählten Thema ein gute Ausdrucksform dieser Selbstbestimmung. Ebenso sind auch Studien- und Diplomarbeiten über einen selbst eingebrachten Schwerpunktes in Absprache mit den DozentInnen zu fördern.

Abstimmung der Lehrveranstaltungen aufeinander

Nicht nur im Grundstudium, sondern auch vermehrt im Hauptstudium sind einzelne Lehrveranstaltungen inhaltlich nicht aufeinander abgestimmt. Es treten vielfach Überschneidungen und Wiederholungen auf, die zum Lernen des Stoffes nicht unbedingt von Nachteil sind, aber die mangelhafte Kommunikation zwischen den Lehrenden untereinander aufdeckt. Weiterhin kann dies besonders bei Pflichtveranstaltungen zu großem Frust führen. Es ist daher unbedingt nötig, eine gesamtinhaltliche Konzeption zu erstellen, innerhalb derer sich Studierende bewegen können. Dazu kann es nötig sein, einzelne Stoffgebiete aufzusplitten, um eine erhöhte Transparenz und Differenzierung zu realisieren. Gerade praxisbezogene (Labore) und theoretische Lehrveranstaltungen müssen aufeinander abgestimmt werden, um ein forschendes Lernen von Praxis zu ermöglichen. Die Lehrenden sollten aufeinander zugehen und eine sinnvolle Verbindung von ihren Lehrinhalten schaffen. Dies ist nicht nur institutsintern zu sehen, sondern geht bis zur Abstimmung aller Lehrinhalte auch über die Fachbereichsgrenzen hinaus.

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Lars


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