Workshop: Evaluation der Lehre

Am 27. April 1995 hat der AssistentInnenverband der WU einen eintägigen, kurienübergreifenden, Workshop zum Thema "Evaluation der Lehre" veranstaltet.

Ausgangspunkt für die Planung dieses Vorhabens war Folgendes: Leistungsbegutachtungen werden mit der Implementierung des UOG '93 eine wichtige Grundlage für universitäre und ministerielle Entscheidungen. Sie erhalten damit einen Status als Steuerungsinstrument. Die Richtlinien für die Durchführung dieser Evaluationen sind in der Satzung zu regeln; die Universitätsangehörigen haben - laut Gesetz - an den Evaluierungsmaßnahmen mitzuwirken. Durch den unterschiedlichen Status und die unterschiedlichen Interessen der drei Kurien erscheint eine rechtzeitige Klärung dieser Unterschiede dringend notwendig.

Die Zielsetzung des Workshops lag dementsprechend in der Klärung der verschiedenen Perspektiven und Interessenlagen der Kurien und der Herstellung eines Basiskonsenses hinsichtlich einer Evaluierung der Lehre.

TeilnehmerInnen waren:

Mag. Stefan Bernhardt, Rektorat; Univ.Ass. Mag. Dr. Gerda Bohmann, Institut für Allgemeine Soziologie und Wirtschaftssoziologie -Vorsitzende des AVWU; Nathalie Eiffe, ÖH-WU; Gottfried Haber, ÖH-WU; ao. Univ.Prof. Dipl.Ing. Dr. Peter Hackl, Abteilung für Wirtschaftsstatistik; ao. Univ.Prof. Dkfm. Dr. Wolfgang Kemmetmüller, Forschungsinstitut für BWL der Genossenschaften; ao. Univ.Prof. DDr. Hans René Laurer, Institut für Verfassungs- und Verwaltungsrecht; Univ.Ass. Mag. Dr. Manfred Lueger, Institut für Allgemeine Soziologie und Wirtschaftssoziologie; Patrick March, ÖH-WU; Prärektor o.Univ.Prof. Dr. Heinrich Otruba, Institut für Volkswirtschaftstheorie und -politik; Mag. Dr. Ada Pellert, Interuniversitäres Institut für Forschung und Fortbildung - Moderatorin; Univ.Ass. Dipl.Ing. Dr. Klaus Pötzelberger, Abteilung für experimentelle Mathematik und Statistik; Univ.Ass. Mag. Dr. Dieter Scharitzer, Institut für Absatzwirtschaft: Univ.Ass. Mag. Dr. Barbara Sporn, Abteilung für Wirtschaftsinformatik.

Der Vormittag war der Arbeit in zwei parallelen Arbeitsgruppen gewidmet - einer "AssistentInnen-" und einer "StudentInnengruppe", an denen jeweils auch Professoren beteiligt waren (eine eigene "ProfessorInnengruppe" ist nicht zustandegekommen). Der Arbeitsauftrag an die Gruppen war, herauszuarbeiten: was sind die Ziele, die Funktionen und die jeweiligen Dimensionen von Evaluierungen? Wie sollen die Ergebnisse verwertet werden?

Methodische Fragen wurden bewußt angesichts der Zeitbegrenzung und zugunsten der gemeinsamen Zieldiskussion ausgeklammert. Am Nachmittag präsentierten die Gruppen ihre Ergebnisse; die Diskussion im Anschluß daran war der Erstellung eines gemeinsamen Katalogs von Basiskriterien für die Lehrevaluation gewidmet.

Die Hauptanliegen der AssistentInnengruppe lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Evaluation bedeutet auf der operativen Ebene der Lehrveranstaltung eine Möglichkeit des Feedbacks und der Reflexion. Davon zu trennen ist die Ebene der Institution (der WU), wo Evaluation ein Instrument der Planung ist. Eine weitere zu berücksichtigende Ebene ist jene der Gesellschaft - hier ist Evaluation vor allem ein Rechenschaftsinstrument. Für jede dieser Ebenen sind jeweils unterschiedliche Instrumente zu entwickeln; es lassen sich die Evaluationsergebnisse auf der einen Ebene auch schlecht für die Ziele auf einer der jeweils anderen Ebenen nutzen. Zentrale Dimensionen von Evaluation sind: die Verteilung und Struktur des Lehrangebots, der Curriculumsaufbau, Fragen unterschiedlicher Lehrbelastung.

Für die StudentInnenarbeitsgruppe stehen demgegenüber folgende Aspekte im Vordergrund:

Qualitätssicherung und -steigerung. Evaluation soll der Orientierung der StudentInnen dienen und Grundlage für Personalentscheidungen sein. Neben der Kernleistungen einer Lehrveranstaltung sollen vor allem der Prozeß, die Person und das Umfeld bewertet werden. Was die Verwertung betrifft, sollen die Ergebnisse publiziert, bei negativen Ergebnissen didaktische Weiterbildung angeboten werden.

Die wesentlichsten Unterschiede zwischen den Ergebnissen der beiden Gruppen lagen in der unterschiedlichen Betonung der Sinnhaftigkeit von Zwangsmaßnahmen. Während aus studentischer Perspektive Evaluation tendenziell als "Rute im Fenster" für notwendig erachtet wird, möchte die Seite der Hochschullehrenden Evaluation als "Chance für Qualitätsverbesserung" sehen und setzt daher eher auf Motivation und positive Sanktionen.

Daran läßt sich bereits ersehen, daß ein einzelnes Evaluierungsinstrument wohl kaum den unterschiedlichen Zielsetzungen der beteiligten Gruppen gerecht zu werden vermag.

Ergebnisse der Diskussion und Basiskriterien für die Evaluation der Lehre

1. Zur Situation an der WU:

Es läßt sich an der WU eine geradezu paradoxe Situation für die Lehre feststellen: sie nimmt einerseits sehr viel Zeit und Geld in Anspruch, andererseits wird "gute Lehre" (wie immer dies auch definiert werden mag) im Karriereverlauf der HochschulassistentInnen und -lehrer nicht wirklich belohnt; sie verkommt daher für viele zur "cash cow". Eine Aufwertung der Lehre ist daher unbedingt erforderlich.

2. Kriterien, denen Evaluierungen folgen sollten:

* Evaluation ist ein Feedback-Instrument, das dazu verhelfen sollte, die Lehre zum Thema zu machen und die Professionalisierung in diesem Bereich der Universität voranzutreiben.

Stützende Maßnahmen hierfür sind neben Weiterbildungsangeboten vor allem eine entsprechende "Lehrkultur" an den einzelnen Instituten, wo auch die Führungsverantwortung der Institutsvorstände/Abteilungsleiter für die Ausbildung in der Lehre wahrgenommen werden muß.

* Je nach zu bewertender Ebene (Lehrveranstaltung - Institution - Gesellschaft) müssen differenzierte Evaluationsinstrumente entwickelt werden. Die direkte Verwendung eines Instruments der einen Ebene für die Ziele einer anderen wird als problematisch erachtet.

Es geht hier um "Methodenmix" und die Entwicklung vielschichtiger Erhebungsinstrumente, die der jeweiligen Ebene angemessen sind. Während auf der Ebene der einzelnen Lehrveranstaltung der Prozeß der Wissensvermittlung und die "Kernleistung" zu evaluieren sind, ist auf institutioneller Ebene der Planungs- und Informationscharakter von Evaluierungen zu berücksichtigen und auf der Ebene der Gesellschaft ihr Stellenwert als Rechtfertigungsinstrument.

* Eine Erhebung der Studentensicht von Lehrveranstaltungen ist nicht nur gesetzlich vorgeschrieben, sondern auch sinnvoll.

Mit der methodischen Vorbereitung und Durchführung sollte aber keine der universitären Interessensgruppen allein betraut werden, sondern eher ein paritätisch besetztes Gremium, u.U. unter Beiziehung von ExpertInnen.

* Eine zu starke Betonung der Evaluation als Sanktionsinstrument kann Verbesserungen verhindern, da u.U. Blockaden erzeugt werden. Die kontinuierliche Verständigung zwischen Lehrenden und Lernenden zur Verbesserung des Lehr- und Lernprozesses kann durch eine quantitativ orientierte ex-post-Beurteilung nicht ersetzt werden.

Andererseits soll es möglich sein, daß wiederholt schlechte Evaluationsergebnisse zu Sanktionen führen. Evaluation sollte darüberhinaus nicht nur ein einseitiger Prozeß sein; es könnte für die Studierenden auch interessant sein, ihrerseits laufend Feedback von den LehrveranstaltungsleiterInnen zu bekommen.

* Als besonders wichtig wird erachtet, nicht nur die Ziele einzelner Lehrveranstaltungen kenntlich zu machen, sondern diese auch im Kontext des institutionellen Rahmens, der Studienziele und der Curriculumsentwicklung zu betrachten.

Evaluation solte auch ein Weg sein, Studienziele zu thematisieren und zu veröffentlichen (z.B. kommentiertes Vorlesungsverzeichnis). Darüberhinaus sollten auch der unterschiedliche Status von Lehrveranstaltungen (Pflichtfach, Wahlfach, beliebtes/unbeliebtes Fach) und unterschiedliche didaktische Anforderungen an die einzelnen Lehrveranstaltungs-Typen /Arbeit mit kleinen Gruppen, Massenveranstaltungen) beachtet werden können. Zu überlegen wäre in diesem Zusammenhang weiters, inwieweit ein verstärkter Einsatz der ProfessorInnen als Lehrende im 1. Studienabschnitt zur Verbesserung der Situation im Gesamtstudienverlauf beitragen könnte.

3. Notwendige Rahmenbedingungen:

* Wesentlich ist es, Orte der Kommunikation über die Lehre zu finden. Insbesondere das Institut wäre ein wichtiger derartiger Ort; in die institutsinterne Diskussion könnten StudentInnen miteingebunden werden.

* Auf der institutionellen Ebene ist es notwendig, daß die Einhaltung gewisser Grundregeln gewährleistet ist (ordentliche Ankündigung, keine reinen Wochenendveranstaltungen, angemessene Verteilung der Räumlichkeiten etc.).

* Im angelsächsischen Raum hat sich laufende Evaluation - der Lehre, der Forschung, der Institutionen - (wenn auch zumeist unter anderen organisatorischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen der Universitäten) bewährt. Das (dort stark pragmatische) Vorgehen - "wenn Dir die Chance gegeben wird, Dich zu verbessern, dann greif zu" - könnte Vorbild sein. Die Tauglichkeit und der Erfolg eines Feedback-Systems sollte regelmäßig überprüft werden, um auch das Instrument der Qualitätssicherung selbst kontinuierlich zu verbessern.

Es wurde abschließend vereinbart, vorliegende Kurzfassung an die Arbeitsgruppe Satzung weiterzuleiten. Gegebenenfalls könnte auch ein Folgeworkshop zur Weiterführung der Diskussion bzw. Weiterbearbeitung der Ergebnisse stattfinden.

Das Transskript des Workshops haben Philipp Bodzenta und Anni Mayer erstellt, die Dokumentation wurde von Ada Pellert vorgenommen. Anregungen, Hinweise und Korrekturen stammen von den TeilnehmerInnen. Für vorliegenden Bericht sind verantwortlich:

Gerda Bohmann und Ada Pellert

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