EVALUATION IN DER LEHRE

Selbstkritik und Verbesserung

Universität initiiert handlungsorientierte Kommunikationsprozesse

Von Winnie Abraham

Früher und konsequenter als viele andere Hochschulen hat die Universität Bremen die öffentliche Kritik an der Ausbildungsfunktion der Universitäten ernst genommen und gehandelt: Sie gehört zu den ersten Hochschulen, die ein Programm zur Evaluation und Verbesserung der Lehre auf allen Ebenen entwickelt und durchgeführt haben - auf der Ebene der Lehrveranstaltungen, in Bezug auf die Studienstruktur der einzelnen Studiengänge und bezogen auf die Gesamtsituation der Lehre an der Universität.

Dabei sind die Methoden der Evaluation (z.B. Beurteilung einer Veranstaltung durch Studierende, oder Analyse der zeitlichen Verzögerung beim Erwerb des Vordiploms, oder Befragung der Studierenden über ihre Einschätzung der Studiensituation, oder Analyse über die Gründe für einen großen "Schwund" in einem Studiengang), also die Beschreibung und Feststellung eines Problems im Ablauf der Lehre immer so angelegt, daß die Akteure in Lehre und Studium zu einer aktiven Beteiligung an der Behebung der festgestellten Probleme herausgefordert werden. Es geht also nicht nur um die notwendige Feststellung von Erfolgen oder Mängeln in der Lehre, um eine bloße quantitative, statistische Beschreibung des Lehrerfolges wie Absolventenzahlen, Studienzeiten bis zum Examen usw., sondern um eine handlungsorientierte Evaluation, an deren Ende konkrete, beschreibare und im Einzelfall auch in Zahlen ausdrückbare Verbesserungen der Lehr- und Studiensituation stehen.

Das Ziel der Evaluationsprozesse ist also systematisch nicht nur, der berechtigten Forderung der Gesellschaft nach Rechenschaft über die meßbaren Erfolge der teuren Institution Universität zu genügen, sondern immer zugleich auch, handlungsorientierte Kommunikationsprozesse in den Studiengängen, zwischen den Lehrenden und zwischen den Lehrenden und den Studierenden auszulösen, mit dem Ziel, Verbesserungen zu erreichen.

Dies hat in den vergangenen Jahren bereits in vielen Fächern zu einer Qualitätsentwicklung geführt, die auch quantitativ meßbar ist. Die Bremer Universität hat bereits Anfang der 90er Jahre eine erste Erhebung ihres Lehrerfolges durchgeführt, inklusive einer großen statistischen Erfassung aller relevanten Daten zum Ausbildungserfolg und - wo nötig und sinnvoll - mit Bundesvergleichen. Zwar wußte man, daß bei diesem Zahlenwerk kaum objektive Rückschlüsse auf die Fächer möglich waren, doch erhoffte sich die Universität Bremen zumindest Hinweise auf Problembereiche in der Lehre. Das Zahlenmaterial wurde zur Stellungnahme an die Fächer gegeben. Zweiter Bremer Evaluationschritt war eine Anhörung sämtlicher Studiengänge durch den Rektor. In den Gesprächen wurden Anregungen und Verbesserungsvorschläge konstruktiv diskutiert. Auf dieser Grundlage wurde dann der erste Lehrbericht der Uni Bremen verfaßt. Er bestand nicht nur aus Zahlen, sondern nannte die Probleme konkret beim Namen.

Neben diesem Strang - der zweite Lehrbericht der Uni Bremen folgt in Kürze - etablierten sich schnell weitere zentrale und dezentrale Evaluationsmaßnahmen. Untersucht wurden in ihnen sowohl einzelne Lehrveranstaltungen als auch die Studiensituation und -struktur einzelner Studiengänge. Unter anderem initiierte die Universität eine große Untersuchung aller Dritt-, Fünft, Siebt- und Neuntsemester. Sie erhielt so hervorragendes Material: Es benennt die spezifischen Probleme dieser Semesterstufen und brachte neue Erkenntnisse, z.B. über Relevanz und Gründe für Teilzeitstudium, Probleme in der Studienberatung u.v.a.. Um Trendaussagen zu erhalten, wird diese Befragung im Wintersemester 1996/97 noch einmal wiederholt. Dazu kommen viele Selbstevaluationen von Studiengängen. Sie begannen, sich intensiv mit ihrer eigenen Situation auseinanderzusetzen. Studentische Überprüfungen von Lehrveranstaltungen rundeten dies ab.

Als wichtigster Schritt der Verbesserung von Studium und Lehre folgte 1994 schließlich die Gründung eines Kooperationsverbundes mit den Unis Kiel, Rostock, Hamburg und Oldenburg. Als ersten gemeinsamen Schritt verabredeteten die Rektoren eine Fächer-Überprüfung in Anlehnung an das niederländische Modell. Das heißt: Die Fächer führen eine Selbstevaluation anhand eines Fragerasters durch und erstellen so einen Selbstevaluationsbericht. Darin nehmen die Studiengänge in allen Bereichen der Lehre und des Studiums Stellung; der Selbstevaluationsbericht wird um sämtliches vorhandenes Zahlenmaterial ergänzt. Die Selbstbegutachtung ist Grundlage einer eineinhalbtägigen Begehung durch eine überregional und mit niederländischer Beteiligung zusammengesetzen Expertengruppe, die einen vorläufigen Bericht schreibt.

Ziel dieses externen Gutachtens ist nicht, eine Klassifizierung oder gar ein Ranking zwischen den Fächern der fünf Hochschulen aufzustellen. Vielmehr werden die Probleme des Faches an einem einzelnen Standort aufgezeigt und Lösungsvorschläge gemacht. In einer Ñauswertenden Konferenzì werden die zunächt vorläufig erstellten Gutachten mit den beteiligten Fächern besprochen - was die Akzeptanz der Experten-Kritik deutlich erhöht. Erst dann folgt die Endfassung der Beurteilung. Auf deren Grundlage verabreden dann Rektor und Studiengang, wo, wie, durch wen und bis wann das Fach konkrete Verbesserungen in der Lehre einleiten und realisieren wird.

Dieses ÑKontraktmanagementì der Universität Bremen und der kooperierenden Hochschulen ist als Evaluationsmodell in der Bundesrepublik einmalig. Und kein anderes Modell der Lehr-Überprüfung stellt so konsequent die Handlungsorientierung in den Vordergrund.

Zusätzlich steigern die Universität Bremen und das Land Bremen durch finanzielle Sondermaßnahmen die Attraktivität und Qualität der Lehre. So bezuschußt die Uni seit Jahren Aktivitäten zur Verbesserung von Studienstrukturen und Vorhaben zur Verbesserung und Reformierung der Lehre. Das Land Bremen unterstützt mit Mitteln des Investitionssonderprogrammes (ISP) die Effizienzsteigerung der Lehre. Tutorenschulungen und Tutorenprogramme, die Einrichtung von Studienzentren oder die praxisorientierte Zusatzqualifikation von Magisterstudierenden zählten bisher zu den erfolgreichen Initiativen. Künftig soll ein ÑPilotprojekt zur Motivation von Frauen für ein Informatikstudiumì ebenso unterstützt werden wie das ÑLernprogramm Regelungstechnikì, das die Praxisrelevanz der Lehre in der Automatisierungstechnik verbessert. Außerdem ist geplant, die Verankerung medienwissenschaftlicher Anteile in den Sprach- und Literaturwissenschaften zu fördern.


Quelle: http://www.uni-bremen.de/campus/pressestelle/magazin/evaluat.htm