Das Jugendalter - wie wir es heute kennen und definieren - stellt kein universales Phänomen dar, das sich überall und zu allen Zeiten in ähnlichem Verhalten und Handeln von jungen Menschen zeigt. Diese Periode der menschlichen Entwicklung ist vielmehr abhängig von familiären, gesellschaftlichen und ökonomischen Einflußfaktoren.
Das Jugendalter war in der Betrachtungsweise der Antike eine vorbereitende Phase für das eigentliche Lebensalter, nämlich die Erwachsenenzeit. Erste Zeugnisse für eine Psychologie des Jugendalters finden sich bei Platon (Der Staat), Aristoteles (Über die Seele). In der hellenistischen und römischen Zeit finden sich allerdings nur indirekte Ausführungen über das Jugendalter, denn hier werden rechtliche, gesellschaftliche, politische und familiäre Bindungen und Bezüge unterstrichen, über die der Jugendliche seine Rolle in der Gesellschaft erhält. Dabei werden die Übergangsrituale hervorgehoben, die bis heute bei sogenannten primitiven Kulturen zu beobachten sind. Zwar gibt es bis ins 18. Jahrhundert kaum Ausführungen über die Entwicklung im Jugendalter, dennoch gibt es zahlreiche indirekte Vorschriften für Verhaltensweisen eines jungen Mannes, eines Ritters, eines Pagen, eines Knappen. Hier geht es um standesmäßige regelhafte Vorschriften für Verhalten, das sich seinerseits auf den bestehenden Kanon von gesellschaftlichen Übereinkünften bezieht. Das Jugendalter bedeutet in diesem Zusammenhang lediglich eine Phase der Vorbereitung, der Selbstprüfung und des Unfertigseins. Dabei spielen psychische Bedürfnisse, individuelles Verhalten und Handeln noch keine Rolle.
Diese Tradition datiert aus der Zeit der Aufklärung.
Rousseaus Romane "Emile" und "Héloise" beschreiben die
Entwicklung eines Jungen und eines Mädchens während der
Pubertät. Allerdings steht hier die erzieherische und nicht die
psychologische Betrachtung im Vordergrund. Goethes "Die Leiden des
jungen Werthers" und "Wilhelm Meister" sind typische Beispiele
für Bildungsromane, die den individuellen Werdegang eines jungen
Menschen beschreiben. Im Sinne von Dilthey kann man beim
Bildungsroman von einer geisteswissenschaftlichen Betrachtung
sprechen, denn im Mittelpunkt steht das Verstehen und nicht die
Analyse, die Betrachtung und nicht die Empirie.
Das generelle Interesse am Studium der menschlichen Natur etwa zur
Mitte des 18. Jahrhunderts führte zu vielfältigen
Bemühungen, eine möglichst exakte wissenschaftliche
Betrachtung von biologischen, physikalischen, chemischen und anderen
Gesetzmäßigkeiten vorzunehmen. Einen Höhepunkt
stellen die Erkenntnisse von Darwin auf dem Gebiet der
natürlichen Entwicklung dar. Diese Untersuchungen haben einen
großen Einfluß auch auf die psychologische Betrachtung
der menschlichen Entwicklung. Phasen und Stufen der Naturentwicklung
werden übertragen auf die Prozesse der Entwicklung des Menschen.
Ernst Haeckels berühmt gewordenes Rekapitulationsgesetz
(Biogenetisches Grundgesetz: Die Keimesgeschichte ist ein Auszug der
Stammesgeschichte) in bezug auf die ontogenetische
und phylogenetische Entwicklung bildet einen Grundstein für
die darauffolgende Entwicklung einer ersten Psychologie des
Jugendalters. Allerdings haben neuere Forschungen ergeben, daß
Haeckels Zeichnungen auf keinen Fall von echten Embryonen stammen
könnten, vielmehr liege hier eine der gar nicht so seltenen
wissenschaftlichen Fälschung vor, die
lange Zeit unentdeckt geblieben sind.
Bezogen auf die Darwin'sche Theorie läßt sich das
Jugendalter nun nicht mehr als bloße Übergangsphase
zwischen Kindheit und Erwachsenenalter betrachten, sondern als
Vorstufe zum Homo sapiens, dem Erwachsenenalter der
Menschheit. Es ergeben sich vollkommen andere Perspektiven, wenn das
Jugendalter der Menschheit als eine Phase des Übergangs vom
tierischen zum eigentlichen menschlichen Verhalten angesehen wird.
Aus diesem Geist heraus veröffentlicht Stanley Hall seine
"Psychologie des Jugendalters". Darin beschäftigt er sich mit
einer Grundlegung der Entwicklungspsychologie sowie mit jenen
zusätzlichen Faktoren, die das Verhalten von Jugendlichen
bedingen. Sie ist das erste wissenschaftliche Werk auf diesem Gebiet.
Man kann Halls Werk als den Höhepunkt und den Abschluß der
geisteswissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Jugendalter
ansehen.
Einen weiteren Höhepunkt bildet Eduard Sprangers "Psychologie
des Jugendalters", denn dieses Werk hat großen Einfluß
auf die verschiedensten Richtungen vor allem auf dem Gebiet der
Erziehungswissenschaft gehabt. Spranger gründet seine
Überlegungen auf eine kultur-pädagogische
Betrachtungsweise. Dabei differenziert er bei Jugendlichen (d. h. bei
ihm dem bürgerlich-männlichen Jugendlichen) zwischen
unterschiedlichen Typen, die sich in Verhalten und Handeln
unterscheiden. Auch wenn Sprangers Psychologie des Jugendalters heute
mehr in den Hintergrund der wissenschaftlichen Auseinandersetzung
gerückt ist, so deutet sich doch darin zum ersten Mal eine
typologische Ausdifferenzierung an. Bei ihm steht nicht nur der
Jugendliche im Mittelpunkt, sondern unterschiedliche
Ausprägungen von Individuen. Dadurch verbreitert sich die
Sichtweise auf diejenige die auch heute die Diskussion beherrscht,
wenn z. B. von Jugendkulturen die Rede ist.
Seit etwa 15 Jahren kommt es in der Entwicklungspsychologie zu einer Ausweitung auf die gesamte Lebensspanne, und auch das Erwachsenenalter und das hohe Alter treten in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Erörterung. Dennoch läßt sich gerade in letzter Zeit wieder eine verstärkte Zuwendung zur Periode des Jugendalters erkennen. Vor allem große demoskopische Untersuchungen (Shell-Studie, Sinus-Studie), die hauptsächlich von Schelsky initiiert wurden, werden regelmäßig fortgesetzt und zeigen die Einbindung von Jugendlichen in die gegenwärtige Jugendkultur und die Gesamtgesellschaft. Gerade im Begriff der Jugendkultur deutet sich an, daß die Gruppe der Jugendlichen als eigenständiger Bestandteil der Gesellschaft betrachtet wird. Es wird zum ersten Mal versucht, auch die subjektive Befindlichkeit jugendlichen Verhaltens zu untersuchen. Jugendliche sind in diesen neueren Arbeiten nicht so sehr Objekte oder Träger von wissenschaftlichen Daten, sondern vielmehr eigenständig Handelnde in einer sich wandelnden Gesellschaft.