>

Peter Haupt, Nina Kärst, Nadin Engelhardt, Sandra Kanngießer, Claus Veting, Nina Ockenga, Jens Huchthausen, Birgit Neite (1996):

Weitere Methoden im Ökonomieunterricht


4. Systemanalyse (Netzwerktechnik)

Aufgrund zunehmender komplexer Lebenssituationen wird "Systemdenken" als notwendiger Bestandteil bei der Persönlichkeitsbildung von Schülern und Auszubildenden angesehen. Im schulischen Lernprozeß dient "Systemdenken" zur Erkenntnisgewinnung, es wird als Synonym zum vernetzten Denken behandelt.

Begriffsklärung und historische Entwicklung

Der Mensch hat sich in einem langen Evolutionsprozeß (Arbeiten, Wirtschaften, Technik, Politik etc. ) der unmittelbaren Abhängigkeit von der Natur entzogen. In der immer komplexer werdenden Welt ist es für den Menschen eine Notwendigkeit geworden, in Systemen zu denken. Der Begriff "System" hat in diesem Zusammenhang die Bedeutung von "systematisieren, generalisieren, zusammenfassen, abstrahieren, Beziehungen herstellen usw.".

Die Theorien des "Systemansatzes" dienen zur Bewältigung komplexer Problemlösungs-, Planungs- und Entscheidungsprozesse. Ein System ist dabei immer nur ein Konstrukt der Wirklichkeit, dieses ist abhängig von der subjektiven Wahrnehmung und den Erkenntnisprozessen des Konstrukteurs. In der Literatur gibt es keinen einheitliche Definition des Begriffs "System". Jenzen (1983, 13f.) bezeichnet den Begriff zunächst als ein operatives Konzept, eine Vorgehensweise bzw. Strategie, einen Ausschnitt der Realität zu betrachten, d. h. als komplexen Wechselwirkungszusammenhang vieler Elemente. Der Begriff kann mit Hilfe der Grundbegriffe "Offenheit von Systemen, Wechselseitigkeit der Vernetzung, Komplexität, Selbstorganisation,-erhaltung und -referentialität, Dynamik, Konflikt, Kontext und Umwelt" charakterisiert werden.


 

Durchführung von Systemanalysen

Die Analyse bzw. der Problemlösungsprozeß kann in sieben Schritte unterteilt werden. Diese Vorgehensweise soll die Wahrscheinlichkeit des Findens einer 'guten' Lösung erhöhen.

 

Abgrenzung des Problems

  1. Relevante Sichtweisen des Problems müssen bewußt gemacht werden. Die Problemsituation ist aus verschiedenen Sichtweisen zu beschreiben. Grundsätzlich sind verschiedene Dimensionen (bspw. technologisch, ökologisch etc.), unterschiedliche Institutionen oder Individuen zu berücksichtigen. Die eigene Zielvorstellung muß entwickelt werden.

     

    Ermittlung der Vernetzung

    Aus Elementen und ihren Beziehungen ist eine Struktur, ein Netzwerk zu entwickelen. Hierzu gehört, die Anzahl und Eigenschaften der Elemente, den Kreislauf im Netz, die Beziehungsart (verstärkende/abschwächende) und die Wechselbeziehungen zu bestimmen.

     

    Erfassen der Dynamik

    Die zeitlichen Interdependenzen der Einflußnahme der Elemente innerhalb der Problemkonstellation müssen erfaßt werden. Die Auswirkungen der Elemente können kurz-, mittel- oder langfristiger Art sein. Das Einflußverhalten eines Elementes auf andere Elemente (aktiv, passiv, kritisch, träge) und die Intensität der Beziehungen zwischen den Elementen muß ermittelt werden.

     

    Interpretation der Verhaltensmöglichkeiten

    Problemsituationen verändern sich im Zeitablauf,die möglichen Entwicklungen (Szenarien) müssen erfaßt werden. Aus den Szenarien sind Maßnahmen abzuleiten.

     

    Bestimmung der Lenkungsmöglichkeiten

    Die Problemsituation ist im Hinblick auf mögliche Lenkungseingriffe zu untersuchen. Es wird unterschieden zwischen lenkbaren und unlenkbaren Größen/Elementen. Indikatoren helfen über Rückkopplunngsmechanismen den Erfolg eines Eingriffes zu beurteilen.

     

    Gestaltung der Lenkungseingriffe

    Nachdem die Strategie lenkbarer Größen festgelegt wurde, ist deren Wirksamkeit zu beurteilen.

     

    Realisierung und Weiterentwicklung der Problemlösung

    Problemlösungen müssen reparatur- und entwicklungsfähig sein, um sich besser an verändernde Umweltbedingungen anpassen zu können.


Die Realisierung des Systemischen Denkens im Unterricht

Achtenhagen u. a. (1992) und Dubs (1989, 1993) haben neuere Arbeiten entwickelt, Systemdenken in der Schule zu realisieren. Sie haben

a) zielgerichtete Netzwerke und

b) Feedback-Diagramme

eingeführt.


Der Kreis dient als Grundvorstellung der Vernetztheit der Elemente eines Systems, da er keinen Anfang und kein Ende besitzt.

Den Schülern kann mit Hilfe eines zielgerichteten Netzwerkes gezeigt werden, welche Auswirkungen eine bestimmte Maßnahme haben kann. Bei der Entwicklung eines Netzwerkes wird von einem Problem, einer Zielvorstellung und einer Maßnahme ausgegangen. Anhand folgender Schritte kann ein Netzwerk erstellt werden:

  1.  
  2. Erkennen des Problems, Formulieren des Ziels und Festlegen der Maßnahmen,

     

  3. für die Problemlösung notwendigen Elemente mit ihren Eigenschaften bestimmen,

     

  4. den Umfang der Elemente und des Netzwerkes bestimmen,

     

  5. Festlegen der Beziehungen/des Wirkungsgefüges zwischen den Elementen ( verstärkende oder abschwächende Auswirkungen),

     

  6. Beurteilung des Wirkungsgefüges und Diskussion der Problemlösung.

Für die Einführung von Netzwerken in der Schule ist die induktive Vorgehensweise (vom Speziellen zum Allgemeinen) zu empfehlen. In zielgerichteten Netzwerken können unterschiedliche Standpunkte einander gegenüber gestellt werden, die im folgenden als Diskussionsgrundlage dienen können.

Feedback-Diagramme sind eine Weiterentwicklung der einfachen Netzwerke, sie helfen Denkfehler zu vermeiden und ermöglichen ein 'ganzheitliches' Problemlösen. Über Rückkopplungsschleifen werden die Auswirkungen der Elemente in bezug auf das Netzwerk deutlich. Auch zur Einführung in die Arbeit mit Feedback-Diagrammen wird die induktive Lehrstrategie empfohlen, dabei könnte folgendermaßen vorgegangen werden:

  1.  
  2. Es ist eine 'ganzheitliche' Problemstellung aus verschiedenen Perspektiven 'objektiv' zu bestimmen,

     

  3. Analysieren der Wechselbeziehungen zwischen den Elementen im Netzwerk,

     

  4. Erfassen der Dynamik unter Berücksichtigung der zeitlichen Auswirkungen,

     

  5. Simulation der alternativen Verhaltens- und Entwicklungsmöglichkeiten,

     

  6. über Lenkungsmaßnahmen entscheiden.


Voraussetzungen für den Einsatz im Unterricht

Zentrales Problem des Denkens in Netzwerken ist die Informationsfülle, aus der Schlüsseldaten herausfiltriert werden müssen. Dies ist aber nur möglich, wenn die Schüler über gutes 'Grundlagenwissen' verfügen. Liegt für eine Problemstellung hinreichend Sachwissen vor, so können zielgerichtete Netzwerke und Feedback-Diagramme ergänzend in den herkömmlichen Unterricht eingebaut werden. Transferwirkungen ergeben sich aber nur dann, wenn Netzwerk und Feedback-Diagramme immer wieder an 'neuen Inhalten' angewandt werden.