>

Peter Haupt, Nina Kärst, Nadin Engelhardt, Sandra Kanngießer, Claus Veting, Nina Ockenga, Jens Huchthausen, Birgit Neite (1996):

Weitere Methoden im Ökonomieunterricht


1. Fallstudie

Die Fallstudie als Methode (nach Kosiol, 1957)

  Verlaufsstruktur des Lernprozesses nach der Fallstudie

Die Grundstruktur der Fallstudie beruht darauf, daß die Schüler mit einem aus der Praxis bzw. Lebensumwelt gewonnenen Fall konfrontiert werden, den Fall diskutieren, für die Fallsituation nach alternativen Lösungsmöglichkeiten suchen, sich für eine Alternative entscheiden, diese begründen und mit der in der Realität getroffenen Entscheidungen vergleichen.

Dabei durchlaufen die Schüler während der Fallbearbeitungen einen Entscheidungs- und Problemlösungsprozeß, der sich in 6 Phasen gliedern läßt.

Diese Phasen müssen allerdings nicht in der unten aufgeführte Reihenfolge ablaufen, außerdem können einige Phasen übersprungen werden, einige werden besonders kurz bzw. sehr ausführlich ablaufen:

Die durch Fallstudien erworbene Erkenntnis zeichnet sich dadurch aus, daß sie Erkenntnis von der Wirklichkeit und nicht von ausgedachten Dingen ist!

Unterscheidung in vier methodisch verschiedene Varianten:

Die Medien der Fallstudie

Sehr häufig handelt es sich um verbale Formen bzw. geschriebenen Text. Unter mediendidaktischen Gesichtspunkten eigenen sich aber auch:

Tabellen, Diagramme, Symbole, Schaubilder, Fotos, Karikaturen als auch

Tonband, Film und Video, die gewissermaßen einen Live-Charakter vermitteln.

Voraussetzungen für den unterrichtlichen Einsatz der Fallstudie

Für die Fallstudie gelten die Grundannahmen einer handlungsorientierten Didaktik, d. h.

Lernen soll auf die Bewältigung konkreter Lebens- und Handlungssituationen ausgerichtet sein.

Dabei wird Erziehung nicht als eine bloße Anhäufung von Wissen gesehen, vielmehr soll es ihre Aufgabe sein, die Einzelnen zu befähigen, die immer neuen Probleme einer sich dauernd verändernden Umgebung zu meistern.

Besonders wichtig scheint noch der Aspekt, wie man mit Hilfe der Bearbeitung von Einzelfällen zu verallgemeinerungsfähigen Aussagen gelangen kann, die auch auf andere Bereiche übertragbar sind.

Für die Fallstudie ist es daher wichtig zu verstehen, daß nicht die induktive Methode im Vordergrund steht, sondern das dialogische Moment: die Lernenden müssen sich also in besonderer Weise herausgefordert fühlen, sich dem Fall zu stellen und ihre Urteile, Meinungen und Sichtweisen einzubringen.

Die Lernenden sind also nicht bloße Wissensempfänger sondern stehen im Mittelpunkt eines Problemlösungsprozesses, der als interaktions- und Entscheidungsprozeß organisiert ist.

Didaktische Anforderungen an eine Fallstudie

 

Bewertungskriterien für Fallstudien

  1.  
  2. Situative Repräsentation:

    Ist der Fall exemplarisch für den gesamten - mit dem Lernziel gemeinten Realitätsausschnitt (Situation)?

    Ist der Fall praxisgerecht gewählt und realistisch gestaltet?

    Ist eine Handlungsabfolge mit handelnden Personen gegeben?

     

  3. Wissenschaftliche Repräsentation

    Läßt sich der im Fall gestaltete Realitätsausschnitt so verallgemeinern, daß er einer (wissen-schaftlichen) Theorie entspricht?

    Werden Erkenntnisse (Therorien, Modelle, Begriffe) der Wirtschafts- und Sozialwissen-schaften konkret abgebildet?

    Entspricht die im Fall gestaltete Thematik allgemeiner wissenschaftlicher Erkenntnis (Widerspruchsfreiheit)?

     

  4. Subjektive Bedeutsamkeit:

    Ist der Fall bedeutsam für jetzige und zukünftige berufliche (außerberufliche) Sitiationen des Lernenden?

    Lädt der Fall zur Rollenidentifikation ein?

    Spricht der Fall (Alltags-) Probleme des Lernenden an?

     

  5. Subjektive Adäquanz/Faßlichkeit:

    Ist die Komplexität der Situation (des lernzielrelevanten Realitätsausschnittes) angemessen reduziert worden?

    Ist der Fall konkret formuliert, so daß er das Vorstellungsvermögen anregt?

    Motiviert der Fall durch einen (kognitiven) Konflikt oder eine andere Störung?