Gespiegelt auf diesem server:


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Können Sie eigentlich logisch denken? 

von Stefan Müller  
gewidmet an Stefan Karzauninkat 

Hamburg, 26.06.97 


Das kleine 1x1 der Suchstring-Logik

Das ist kein Witz. Suchmaschinen können genau so wenig denken, wie Verzeichnisse. Wenn sie also diese effektiv nutzen wollen, dann müssen Sie schon selbst logisch denken können. (Keine Bange, ein wenig können Sie es ja, auch wenn sie es gar nicht wissen, oder für Intuition halten.) 

Zur Filterung der ständig anwachsenden Datenmenge im Internet wird eines der ältesten Verfahren zur Wissensorganisation verwendet, die Logik. Übrigens auch bei der Erstellung von Verzeichnissen wird die Logik im Sinne des Aristoteles (Kategorien) bewußt eingesetzt. Also glauben sie nicht, daß diese Technik erst mit den Suchmaschinen im Internet wichtig wurde. 

Tja, nun denken Sie vielleicht: "Wie?- Schwarz/Weiß - Wahr/Falsch - Logik - Ich?" - Weit gefehlt.  

Schon bei der Datenbankabfrage wurde diese Technik bei Computern angewendet. Dabei geht es nicht um die Überprüfung, ob die Daten wahr oder falsch sind (das können nur beschreibende Aussagen sein), sondern ob eine beliebige Menge von Ausdrücken - nichts anderes sind Textdateien, oder Datenbankeinträge - die gewünschte oder die nicht-gewünschte von vielen Mengen ist. Der Sinn der Logik wird im Alltag gerne unterschätzt, aber in der Filterung von Datenmengen, wie in allen organisatorischen Bereichen, gehört die Logik zu den wichtigsten Werkzeugen. Natürlich muß und kann man Logik lernen, so etwas ist keinesfalls angeboren, genauso wenig wie die Mathematik.Sinn der Logik ist vor allem die Organisation und Präsentation von Wissen (oder Daten). 

Die Voraussetzung für eine automatische Filterung ist ein zeichenweiser Vergleich. So kann darauf bestanden werden, ob ein Ausdruck in einem gewünschten Text vorkommen darf, oder nicht. Auf keinen Fall weiß eine Suchmaschine oder ähnliches, was mit einem Ausdruck gemeint sein könnte. Platt gesagt, sie versteht überhaupt nicht, was sie wollen. Je größer die Suchmaschine ist, desto mehr müssen sie das Sucherbebnis filtern.  

Durch die Beziehung einzelner Felder für die Beschreibung eines Eintrages in der Suchmaschine, fängt das Ganze an, so langsam in den Bereich der künstlichen Intelligenz zu fallen. Beispielsweise, gibt es in jeder Suchmaschine folgende Feldnamen, die einen Link beschreiben: 

URL: 
TITEL: 
KOMMENTAR: 
KATEGORIE: 
u.s.w.

Es wird damit möglich, gezielt in einem Bereich, nach einem Titel, oder gar nach einem Url zu suchen. Hier wird es langsam interessanter und wie Sie sich vorstellen können, haben wir nun bereits einen Blick in die Geheimnisse der Datenbankprogrammierung geworfen.Komme ich wieder zurück zu den Kindereien, zum "Kleinen 1x1 der Suchstring-Logik". 

Ich möchte Ihnen 3 Verfahren vorstellen, die zu den meist eingesetzten Verfahren der Suchstring-Logik gehören: 

Typ-1: Die klassische Quantoren-Logik ( Alle und Einige) 

Typ-2: Die klassische Aussagen-Logik ( AND, OR, NOT ) 

Typ-3: Die nichtklassische Modal-Logik ( + und - )

Da staunen Sie sicherlich, "nichtklassische Modal-Logik"? Das sind Namen. Vergessen Sie ruhig die Namen, ich fange mit der einfachsten an und höre mit der schwersten auf. Was? Sie können die Fuzzy-Logik nicht entdecken, seien Sie doch froh, denn ohne diese 3 Logiken können Sie auch die Fuzzy-Logik vergessen. 

Keine Angst, ich werde Sie nicht mit diesen formalen Geschichten langweilen, die scheinbar nur deshalb erfunden wurden, um den Glauben gegen die Logik zu schärfen. Sie brauchen auch nicht zu denken, daß den meisten Suchmaschinen-Entwicklern dieses kleine 1x1 wirklich bekannt ist, dafür machen sie noch zu viele Fehler. Und ich verspreche Ihnen, daß auf dieser Seite noch nicht einmal der Staub auf der Oberfläche berührt wird. Logik ist ein umfangreiches Studium, daß mit Mathematik und Informatik keinesfalls zu fassen ist. Sie werden also nicht die Konfession versehentlich wechseln und Logiker werden.


TYP-1: Quantoren-Logik ( Alle und Einige )

Quantoren-Logik begegnet Ihnen im Internet meistens mit Radioboxen. Das sind die runden Formularfelder. Einige Betreiber sind so dusselig und haben statt dessen diese Ankreuz-Kästchen - naja. Was noch geht, sind die Auswahl-Menüs. Aber, was auch immer an Auswahlmöglichkeiten genommen wird, es kann nur eine Optionseinstellung zur Zeit sinnig sein. Nur für einen einzelnen Ausdruck fallen "Alle" und "Einige" zusammen. Deshalb brauchen Sie sich darum nicht zu kümmern, falls Sie nur einen einzigen Suchausdruck eingeben möchten. In einigen Maschinen können Sie zusätzlich so etwas wie "Ausdrücke als Phrase" anklicken, um die logischen Verknüpfungen zu umgehen. 

Alle Ausdrücke, oder mindestens einen Ausdruck

 

 

Nun denken Sie, Moment mal, einige Suchmaschinen haben doch statt dessen so etwas wie "UND" bzw. "ODER"? 

Richtig, aber eigentlich ist das nicht so glücklich. Das kommt daher, daß folgende Regeln gelten: 

  • Alle Ausdrücke = Ausdruck1 UND Ausdruck2 UND Ausdruck3 UND ... 

    Einige Ausdrücke = Ausdruck1 ODER Ausdruck2 ODER Ausdruck3 ODER ...

Die Ausdrücke selbst schreiben Sie der Reihe nach in das vorgesehene Eingabefeld. Bei dieser Logik haben Sie meistens keine Chance, die Ausdrücke anzugeben, die nicht in der Suchmenge vorkommen sollen.  

In manchen Suchmaschinen steht sogar nur Alle/Einige, aber das ist didaktisch nicht so sinnvoll, denn man könnte auch verstehen, wenn ich "Katzen" eingebe, daß ich optional alle, oder einige Katzen suchen möchte. Gemeint sind also immer alle oder einige Ausdrücke sollen im Suchraum enthalten sein. Nicht vergessen, die Maschine weiß nicht was Katzen sind, noch nicht einmal, daß Sie Katzen suchen. Für die Maschine suchen Sie nach dem Ausdruck "Katzen".


TYP-2: Aussagen-Logik ( AND, OR, NOT ) 

Wie Sie bei der Quantoren-Logik schon gesehen haben, kann diese auf die Aussagen-Logik gebracht werden, wenn die Ausdrücke im Suchstring mit UND/ODER/NICHT verbunden werden. Diese Logik ist zwar vom Niveau her noch eine Stufe tiefer als die Quantoren Logik, aber sie ist dafür auch nicht ganz so einfach. Statt Aussagen werden allerdings Ausdrücke logisch miteinander verbunden. Es handelt sich auch eher um ein Gebiet, daß Ihnen als Mengenlehre bekannt sein dürfte. 

Beispiel: Sie wollen den Ausdruck "Tiere" finden, aber nicht den Ausdruck "Hund" 

Das kann am Ende recht kompliziert aussehen, und ist mit Klammern verbunden 

Beispiel: ( Kunst UND Goethe ) ODER Farbtheorie 

Gesucht wird die Farbtheorie von Goethe, die ich entweder über einen Text finde, der eh über die Farbtheorie handelt, oder in einem Text über Goethe, der irgend etwas mit Kunst zu tun hat. 

Das kann sogar noch viel komplizierter aussehen und ein(e) wahre(r) Meister(in) dieser Logik hat schon mal etwas von Wahrheitswerten gehört, oder zumindest von Kalkülen. 

Hier eine kurze Tabelle für umgangssprachliche Verbindungen: 

wenn A dann B

( nicht A ) oder B

A, falls B

A oder ( nicht B )

nicht A, sondern B

( nicht A ) und B 

A, aber nicht B

A und ( nicht B )

A, wenn B

A oder ( nicht B )

Entweder A, oder B

( A und ( nicht B )) oder ( ( nicht A ) und B )

Weder A noch B

nicht ( A oder B )

 Naja, ich will es jetzt auch nicht übertreiben, aber Sie ahnen sicherlich, was ich meine. Gute Logikeinführungen könnten hier durchaus von Nutzen sein. Wie Sie vielleicht schon wissen, dies ist die Boolsche Algebra, benannt nach George Boole (1815-1864), dem Entwickler dieser Logik, weshalb das Ganze vor allem im angelsächsischen Raum Boolsche Logik heißt ( => The Calculus of Logic, Computergeschichte ) 

Ein kleines Problem: Die internationalen Maschinen verwenden keine deutschsprachigen Ausdrücke, die französischen Maschinen wiederum oft genug keine englischsprachigen u.s.w. Entweder machen Sie sich in den Hilfeseiten schlau, was die landesüblichen aussagenlogischen Ausdrücke sind, oder Sie sind in der Regel aufgeschmissen. Einige Maschinen verfügen noch über ganz andere logische Funktionen, wie NEAR, IF, .. (Siehe: Lycos) 

Hier noch ein kleiner Überblick: 

Mengenlehre

Deutsch

Englisch

Französisch

Schnittmenge

UND

AND

ET

Vereinigungsmenge

ODER

OR

OU

Gegenmenge

NICHT

NOT

NON

 Prüfen Sie, ob diese Ausdrücke klein oder groß geschrieben werden müssen. Prüfen Sie ebenfalls, wie die Klammersetzungen in diesen Maschinen zu erfolgen hat. 

Querverweise 


TYP-3: Modal-Logik ( + und - ) 

Die um ein vielfaches komplexere Logik ist die Modal-Logik. Sie gibt es in so vielen Varianten und Verschiedenheiten, zu letzt hörte ich von ca. 3000 verschiedenen Logiken, daß ich mir hier ersparen kann, Ihnen zu erzählen, warum dies so ist. 

Allerdings, ist sie doch ein wenig intuitiver als die Aussagen-Logik, doch das hört dann ganz schnell auf, wenn es ins Eingemachte geht. 

Auch Sie wird im Eingabefeld wie die Aussagen-Logik eingegeben. Bei den Suchmaschinen taucht sie allerdings längst nicht so komplex auf, wie etwa die Aussagen-Logik. Nun sind die logischen Ausdrücke an den einzelnen Suchworten gekoppelt. Dabei werden die Suchausdrücke in eine Reihe geschrieben. Vor dem Suchwort steht dann ein Plus oder ein Minus oder gar nichts. Das Plus bedeutet, daß der Ausdruck in der Suchmenge enthalten sein muß, und das Minus bedeutet, daß der Ausdruck nicht in der Suchmenge enthalten sein soll. Wenn keines dieser Zeichen davor steht, dann kann der Ausdruck in der Suchmenge enthalten sein.

Ich habe Ihnen eine Tabelle erstellt, die in einen solchen Suchstring umgewandelt wird (JavaScript).

1. Geben Sie die gewünschten Ausdrücke in diese Tabelle ein:

MUSS

KANN

SOLL NICHT













2. Wenn Sie auf den Button mit der Maus klicken, ...

3. ... dann erscheint in diesem Feld der Suchstring:

 

 

 

 Ja, das haben Sie richtig bemerkt, die Spalte mit der Bezeichnung "KANN" ergibt überhaupt keinen Sinn. Das läßt sich sogar beweisen, aber ich versprach Ihnen ja, Sie mit diesen formalen Fragen zu verschonen. Zu unterscheiden ist also eher zwischen "SOLL" und "SOLL NICHT". Das wird dann eine deontische Logik. Wieder so ein Fremdwort. 

Wenn Ihnen dieser kleine Tabellen-Übersetzer gefällt, dann versuchen Sie doch mal eine solche Schnittstelle für die Suchmaschine AltaVista. Die dazu eingesetzten JavaScript-Funktionen sind eigentlich noch recht primitiv.


Habe ich Sie immer noch nicht vergrault?  

Die Traumvision - "Das Internet steht vor dem Informationskollaps" - haut nicht mehr so ganz hin. In der Welt der Bücher war dieses Problem nicht aufgefallen, außer vielleicht bei Buchmessen. Der Grund, Sie lesen nur ein Buch zur Zeit. Das internet macht den Eindruck, als öffnen Sie ein Buch, und alle Buchseiten der Welt fallen Ihnen nun entgegen. Daher ist die Filterung der Information zu einem wesentlichen Faktor in der Informationsbeschaffung geworden. 

Diejenigen unter Ihnen, die Verfahren wie diese bereits kennen und daher keine Probleme mit der Filterung haben, wissen natürlich auch, daß Typ-1 in Typ-2 und Typ-3 enthalten ist, und natürlich auch, daß Typ-2 mit Typ-3 nicht zusammenpassen kann. Dies macht ja die Entwicklung von Meta-Suchmaschinen so schwierig, wenn eine feine Filterung ermöglicht werden soll. 

Diejenigen von Ihnen, die jetzt in etwa erahnen, welche Wissenschaft und wieviel Philosophie hinter dem ganzen steckt, und nun ein wenig unter die Oberfläche schielen wollen, für die habe ich natürlich einen Buchtip: 

Aristoteles - organon 
Felix Meiner Verlag  
Philosophische Bibliothek 

Das finden Sie auch in Englisch sehr gut aufbereitet im WEB vom Perseus Project, Classics Department, Tufts University. Ich habe Ihnen hier ein kleines Interface hingestellt, mit dem Sie die Arbeiten des Aristoteles durchsuhen können. 

Sie wollen gar nicht bei Adam und Eva anfangen? Oh - Wollen Sie sich lieber mit der indischen Logik beschäftigen? Auch nicht? Dann habe ich für Sie hier noch ein paar ansprechende Links, die Sie gleich ins Eingemachte führen werden: 

Tja, wie Sie sehen, gibt es im WEB nicht viel über Logik und leider Nichts womit man als Neuling zufrieden sein könnte. Das hängt auch ein wenig damit zusammen, daß die Verlage und Autoren die Texte in der Regel nicht ins WEB stellen, und daß Logik nun mal kein kleines Gebiet ist, welches sich in 1,2,3 Zeilen zusammenfassen ließe, also richtig Arbeit macht. Am sinnigsten ist es daher, sich lieber ein anständiges Einführungsbüchlein zu holen, was Sie in jeder gut geführten Philosophie-Buchhandlung ohne Probleme erstehen können. 

Wenn ich Ihnen da einige Bücher vorschlagen darf, die im 1.Semester Philosophie zur Pflichtlektüre gehören: 

  • Logische Propädeutik 
    Vorschule des vernünftigen Redens 
    von Wilhelm Kamlah / Paul Lorenzen 
    Bibliographisches Institut  
    ISBN 3-411-05227-9 

    Einführung in die moderne Logik 
    F. von Kutschera / A. Breitkopf 
    Alber Kolleg Philosophie  
    ISBN 3-495-47209-6 

    Grundzüge der Logik 
    Willard V.O. Quine 
    suhrkamp st w 65  
    ISBN 3-518-27665-4 

    Logik für Philosophen 
    A. Oberschlepp 
    Bibliographisches Institut  
    ISBN 3-411-15491-8 

    Symbolische Maschinen 
    Die Idee der Formalisierung im geschichtlichen Abriß 
    Sybille Krämer 
    Wissenschaftliche Buchgesellschaft 
    ISBN 3-534-03207-1 

    Logik-Texte 
    Kommentierte Auswahl zur Geschichte der Logik 
    Karel Berka / Lothar Kreiser 
    Akademie-Verlag 1986 (Ostberlin) 
    (Ich weiß in Moment nicht, ob und wo dies noch zu haben ist.  
    Dieses Buch ist empfehlenswert, wenn Sie mal einen kleinen Blick  
    zb. in intuitionistische Logiken oder normativen Logiken werfen wollen.) 

Na, ich denke, das könnte für den Anfang reichen. Ach, wenn es noch im Geldbeutel reicht, dann gehen Sie ruhig einmal in die Abteilung "Wissenschaftstheorie" oder "Sprachphilosophie", dürfte eigentlich gar nicht so weit von den Regalen "Logik" entfernt sein. Die von mir vorgeschlagenen Bücher müßten Sie auch in einer öffentlichen Bücherhalle finden können. Ein gut gemeinter Tip, halten Sie sich blos von Logik-Büchern der Informatik und Mathematik fern, es sei denn, sie holen sich ein Schul-Buch über die Mengenlehre. 

Schöne Grüße aus Hamburg 

Stefan Müller 

Am 7. März 1277 verurteilte der Bischoff von Paris 219 aristotelische Thesen, weil er in Ihnen die Keime des Antichristlichen sah. Darunter war auch die entscheidenste These für die aristotelische Logik: 

37. Nichts ist zu glauben, es sei denn evident oder aus Evidentem beweisbar.

Die Akademien wurden geschlossen oder der Kirche später dem Staat unterstellt.Von diesem Schlag konnte sich die philosophische Logik dank der 1231 gegründeten Inquisition nicht mehr erholen. Noch heute wird das Vorurteil gegen die akademische Philosophie gepflegt, obwohl die Tage der Inquisition schon lange vorbei sind.  

Im Internet wird keine der philosophischen Disziplinen so selbstverständlich vorausgesetzt und genutzt, wie die Logik.Sie schlägt sich in der gesamten Organisation zur Übersicht des Datenbestandes nieder.


Quelle: http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/phil/ag/search/stringlogik.html