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Arbeitsschritte bei der Interpretation von Texten *)

1. Eine Textinterpretation erfolgt immer unter bestimmten Fragestellungen, und in der Fragestellung drückt sich ein bestimmtes Vorverständnis des zu untersuchenden Zusammenhanges aus. Der Interpret verfährt unreflektiert, wenn er sich das in seiner Fragestellung steckende Vorverstandnis nicht bewußt macht. Dieses Vorverständnis ist jedoch nicht etwa ein bedauerlicher Störfaktor für das Auslegungsverfahren, so als wäre das voraussetzungslose Herangehen an einen Text die anzustrebende Idealform; vielmehr ist die Fragestellung und das darin eingeschlossene Vorverständnis die Voraussetzung dafür, daß ein Text überhaupt interpretiert werden kann. Damit die Aussagen des Interpreten aber von anderen überprüft werden können, muß der Interpret seine Fragestellung und sein Vorverständnis formulieren!

2. Die vorgängige Fragestellung und das darin sich ausdrückende Vorverständnis müssen am Text bzw. an den Texten selbst immer wieder überprüft und ggf. geändert werden.

3. Eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Texten ist die Quellen- bzw. Textkritik.

4. Ein notwendiges Moment der Interpretation ist die Frage nach der Bedeutung einzelner Worte oder Formen eines Textes. Mit dem Fachterminus ausgedrückt: Es handelt sich um den semantischen Aspekt, d.h. also, den auf die Wortbedeutungen gerichteten Aspekt der Interpretation.

5. Pädagogische Texte entstehen häufig als Stellungnahmen im Zusammenhang mit Kontroversen, sie ergreifen Partei, sind Ausdruck eines praktischen Engagements, nicht eines rein theoretischen Erkenntnisstrebens; folglich können sie nur verstanden werden, wenn auch die jeweiligen Gegenspieler in die Interpretation einbezogen werden.

6. Zur Interpretation eines einzelnen Textes ist es häufig notwendig, über den immanenten Zusammenhang hinauszugehen und weitere Quellen hinzuzuziehen. Da umgekehrt aber auch die textimmanenten Informationen zur Klärung textübergreifender Zusammenhänge beitragen können, kann man prinzipiell von einem Verhältnis wechselseitiger Erklärung textimmanenter und textübergreifender Zusammenhänge sprechen.

7. Für die Ermittlung des Argumentationszusammmenhanges eines Textes haben die syntaktischen Mittel, die Sätze oder Satzteile miteinander verbinden, große Bedeutung. Wissenschaftliche Interpretation muß folglich diesem Aspekt eines Textes besondere Aufmerksamkeit schenken.

8. Was die Ermittlung der syntaktischen Beziehungen zwischen Sätzen und Satzgliedern im kleinen zu leisten vermag, muß vom Interpreten auch für den gesamten Text systematisch geleistet werden. Die gedankliche Gliederung muß übersichtlich herausgearbeitet werden: Hauptthesen, Begründungen Erläuterungen, Beispiele, Nebengedanken, Exkurse usf. sind durch Interpretation voneinander abzuheben und nach Möglichkeit in einem differenzierten Gliederungsschema zusammenzufassen. Diese Aufgabe ist dann besonders dringlich, wenn ein Autor seinen Text nicht selbst ausdrücklich und detailliert gegliedert hat und sofern er seine Gliederung nicht selbst kommentiert.

9. Soweit es sich bei zu interpretierenden Texten um Argumentationszusammenhänge handelt, ist der Gesichtspunkt der inneren Widerspruchsfreiheit, der logischen Stringenz ein entscheidender Auslegungspunkt. Der Interpret muß die Begründungen, Folgerungen, Herleitungen des Autors nicht nur mitvollziehen, sondern kritisch überprüfen. Er muß prinzipiell unterstellen, daß dem Autor logische Fehler unterlaufen sein können.

10. Eine Interpretation bewegt sich ständig im sogenannten "hermeneutischen Zirkel": Die einzelne Aussage und ihre sprachlichen Elemente werden im Gang der Interpretation immer wieder im Zusammenhang größerer Aussagenzusammenhänge ausgelegt; das einzelne Wort wird erst im Zusammenhang Satzes, der Satz erst im Kontext größerer Satzzusammenhänge verständlich usf.; später in einem Text auftretende Aussagen wirken ergänzend und verändernd auf das Verständnis des früher Gesagten zurück. Zugleich gilt aber auch: der jeweils umfassendere Zusammenhang kann nicht ohne seine einzelnen Elemente verstanden werden.

11. Es ist grundsätzlich immer möglich, daß die Auffassungen, Zielsetzungen, Thesen, Argumentationen, die in einem Text bzw. in einigen Texten von einem Autor geäußert werden, entscheidend durch die gesellschaftliche Situation oder Position, in der sich dieser Autor befindet, bestimmt sind, m.a.W.: durch seine gesellschaftlichen Interessen, ohne daß sich der Autor dieses Zusammenhanges überhaupt oder in vollem Umfang bewußt ist. Daher muß eine konsequente Textinterpretation, die der heute erreichten methodologischen Erkenntnis entspricht, immer auch die ideologiekritische Frage stellen, d.h. die Frage nach dem Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Lage und Bewußtsein.


*) Dieser Text ist die Zusammenfassung von Überlegungen Wolfgang Klafkis zur Anwendung hermeneutischer Verfahren in der Erziehungswissenschaft.
Klafki, W. (1971). Hermeneutische Verfahren in der Erziehungswissenschaft. In: Klafki, W. et al. (Hrsg.), Erziehungswissenschaft 3: Eine Einführung (Funk-Kolleg Erziehungswissenschaft). Frankfurt: Fischer.
©opyright Werner Stangl, Linz 1997.
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