02/92148MenschPsychologiePSYCHOLOGIE

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Kein Sinn für die Lücke

Es ist ein ganz normaler Morgen, Sie kommen ins Büro und begrüßen einen Kollegen. Doch irgend etwas an ihm scheint nicht zu stimmen. Es dauert eine ganze Weile, bis es Ihnen wie Schuppen von den Augen fällt: Er hat seinen Schnurrbart abgenommen! Im umgekchrten Falle wäre der Groschen bei Ihnen vermutlich viel schneller gefallen - hätte sich der Kollege beispielsweise im Urlaub einen Bart wachsen lassen oder wäre er mit einem Hut auf dem Kopf ins Büro geschneit. Denn - so folgert der amerikanische Psychologe Eliot Hearst - Nichtgeschehenes, Lücken und abwesende Objekte werden vom menschlichen Verstand häufig ignoriert. Statt dessen orientieren wir uns eher an den Dingen, die da sind, die neu hinzugefügt werden, und an Ereignissen, die tatsächlich geschehen.

Schon vor einem halben Jahrhundert wunderte sich der Gestaltpsychologe Kurt Koffka, weshalb uns normalerweise die Gegenstände und nicht die - viel größeren - Lücken dazwischen ins Auge stechen. Daß uns eher zusätzliche Merkmale auffallen als fehlende, zeigen auch neuere Experimente mit Probanden, die eine atypische Figur aus einer Gruppe ähnlicher Figuren herauspicken sollten. Einmal stach das Zielobjekt, ein Kreis, durch einen Strich hervor, der den übrigen fehlte. Das andere Mal fehlte der betreffende Strich nur bei dem Zielobjekt.

Fazit: Figuren mit dem "gewissen Etwas" wurden viel schneller ausgesondert als die mit Minus-Symptomatik. Ähnliche Tendenzen ergaben sich bei Versuehsteilnehmern, die nach einer Frist von zehn Minuten leicht variierte Bilder neu präsentiert bekamen. Die Unterschiede fielen den Probanden wesentlich deutlicher auf, wenn sie aus einer Hinzufügung und nicht einer Weglassung von Einzelheiten bestanden - und zwar gleichgültig, ob es sich um mehrdeutige oder inhaltlich klar definierte Wiedergaben handelte.

Auch Korrektoren bei den Druckmedien ergeht es ähnlich: Sie entdecken besonders leicht Fehler, die auf additiven Merkmalen (zum Beispiel e statt c) beruhen. Subtraktive Fehler (c statt e) gehen ihnen häufiger durch die Lappen. Prüfen Sie selber: Der vorliegende Text enthält je drei fehlerhafte c und e. Am Sinn für die Lücke gebricht es bereits im Tierreich. So lernen Tauben schnell, sich durch Druck auf einen aufleuchtenden Knopf vor aufleuchtendem Hintergrund Futter zu "verdienen". Wenn dagegen das Erlöschen der Knopfbeleuchtung Essenszeit signalisiert, haben die Vögel eine lange Leitung. Auch andere Tierarten lassen sich schlecht auf das Weglassen von Tönen, Bildern und anderen Sinnesreizen "konditionieren".

Schimpansen beispielsweise reagieren heftig auf neue Objekte in ihrer Umgebung, während sie mit Desinteresse über leere Stellen hinweggehen, an denen vorher Objekte gestanden hatten. Vielleieht ist es gerade unsere auf das Vorhandene ausgerichtete Wahrnehmung, die manche Künstler, Philosophen und religiöse Menschen sich auf das Gegenteil, auf das "Nichts" konzentrieren läßt: So wissen Musiker und Schauspieler um die enorme Wirkung, die sie mit Pausen erzielen können; einige Denker sehen die höchste geistige Herausforderung darin, zu erklären, warum überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts; und für die Buddhisten besteht der erhoffte Endzustand eines Lebewesens darin, ins "Nirwana" ("Erlöschen", "Vergehen") einzugehen.


Quelle: GEO 02/92 (S. 148)