|
Kein Sinn für die
Lücke
Es ist ein ganz normaler Morgen, Sie kommen ins
Büro und begrüßen einen Kollegen. Doch
irgend etwas an ihm scheint nicht zu stimmen. Es dauert
eine ganze Weile, bis es Ihnen wie Schuppen von den Augen
fällt: Er hat seinen Schnurrbart abgenommen! Im
umgekchrten Falle wäre der Groschen bei Ihnen
vermutlich viel schneller gefallen - hätte sich der
Kollege beispielsweise im Urlaub einen Bart wachsen
lassen oder wäre er mit einem Hut auf dem Kopf ins
Büro geschneit. Denn - so folgert der amerikanische
Psychologe Eliot Hearst - Nichtgeschehenes,
Lücken und abwesende Objekte werden vom menschlichen
Verstand häufig ignoriert. Statt dessen orientieren
wir uns eher an den Dingen, die da sind, die neu
hinzugefügt werden, und an Ereignissen, die
tatsächlich geschehen.
|
|
Schon vor einem halben Jahrhundert wunderte sich der
Gestaltpsychologe Kurt Koffka, weshalb uns
normalerweise die Gegenstände und nicht die - viel
größeren - Lücken dazwischen ins Auge
stechen. Daß uns eher zusätzliche Merkmale
auffallen als fehlende, zeigen auch neuere Experimente
mit Probanden, die eine atypische Figur aus einer Gruppe
ähnlicher Figuren herauspicken sollten. Einmal stach
das Zielobjekt, ein Kreis, durch einen Strich hervor, der
den übrigen fehlte. Das andere Mal fehlte der
betreffende Strich nur bei dem Zielobjekt.
Fazit: Figuren mit dem "gewissen Etwas" wurden viel
schneller ausgesondert als die mit Minus-Symptomatik.
Ähnliche Tendenzen ergaben sich bei
Versuehsteilnehmern, die nach einer Frist von zehn
Minuten leicht variierte Bilder neu präsentiert
bekamen. Die Unterschiede fielen den Probanden wesentlich
deutlicher auf, wenn sie aus einer Hinzufügung und
nicht einer Weglassung von Einzelheiten bestanden - und
zwar gleichgültig, ob es sich um mehrdeutige oder
inhaltlich klar definierte Wiedergaben handelte.
Auch Korrektoren bei den Druckmedien ergeht es
ähnlich: Sie entdecken besonders leicht Fehler, die
auf additiven Merkmalen (zum Beispiel e statt c) beruhen.
Subtraktive Fehler (c statt e) gehen ihnen häufiger
durch die Lappen. Prüfen Sie selber: Der vorliegende
Text enthält je drei fehlerhafte c und e. Am Sinn
für die Lücke gebricht es bereits im Tierreich.
So lernen Tauben schnell, sich durch Druck auf einen
aufleuchtenden Knopf vor aufleuchtendem Hintergrund
Futter zu "verdienen". Wenn dagegen das Erlöschen
der Knopfbeleuchtung Essenszeit signalisiert, haben die
Vögel eine lange Leitung. Auch andere Tierarten
lassen sich schlecht auf das Weglassen von Tönen,
Bildern und anderen Sinnesreizen "konditionieren".
Schimpansen beispielsweise reagieren heftig auf neue
Objekte in ihrer Umgebung, während sie mit
Desinteresse über leere Stellen hinweggehen, an
denen vorher Objekte gestanden hatten. Vielleieht ist es
gerade unsere auf das Vorhandene ausgerichtete
Wahrnehmung, die manche Künstler, Philosophen und
religiöse Menschen sich auf das Gegenteil, auf das
"Nichts" konzentrieren läßt: So wissen Musiker
und Schauspieler um die enorme Wirkung, die sie mit
Pausen erzielen können; einige Denker sehen die
höchste geistige Herausforderung darin, zu
erklären, warum überhaupt etwas existiert und
nicht vielmehr nichts; und für die Buddhisten
besteht der erhoffte Endzustand eines Lebewesens darin,
ins "Nirwana" ("Erlöschen", "Vergehen")
einzugehen.
|