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Grundformen des Lernens

Lernen wird in der Psychologie definiert als eine dauerhafte (im Gegensatz zu einer vorübergehenden) Änderung im Verhalten, die durch Übung (im Gegensatz etwa Reifung oder Krankheit) erfolgt.

Es gibt unterschiedlichste Einteilungen der Arten des Lernens; eine sehr einfache ist die Unterscheidung von vier Arten des Lernens in Reihenfolge aufsteigender Komplexität:

Habituation läuft ständig und unbewußt ab und ist kaum zu vermeiden, wenn die entsprechenden Randbedingungen vorliegen. Klassische Konditionierung läuft ebenfalls automatisch ab; ihr Ergebnis kann aber bei Bedarf leichter als eine Habituation von bewußten Überlegungen ``überstimmt'' werden. Die operative Konditionierung ist vor allem in Zusammenhang mit Motivationsfragen von Bedeutung. Ein Aktions-Konsequenz-Paar, dessen Konsequenz eine positive Motivationswirkung hat, kann man gezielt zum Antrainieren der Aktion verwenden, entsprechend eines mit negativer Motivationswirkung zum Abgewöhnen der Aktion.

Komplexes Lernen setzt die Herstellung mentaler Abbilder der Welt voraus und die Manipulation dieser Abbilder anstelle der Manipulation der Welt selbst. Es handelt sich also vor allem um einen Abstraktionsprozeß. Der Lernende muß die richtigen Abstraktionen finden sowie die richtigen Operationen zu ihrer Manipulation.

Als Konsequenz sollte man versuchen, sich bei allen komplexen Lernvorgängen die Konzepte hinter den zu lernenden Zusammenhängen zugänglich zu machen. Diese Konzepte geben die Gemeinsamkeiten hinter den zu lernenden Zusammenhängen (also deren Essenz) wieder sowie idealerweise auch die Motivation hinter deren Entwurf (also die Begründung), denn es handelt sich ja um bewußt und gezielt für einen Zweck entworfene Artefakte. Somit liegen diese Konzepte schon nah an den Abstraktionen, die zum Lernen ausgebildet werden müssen und ihre Kenntnis erleichtert deshalb das Lernen. Häufig ist es dabei nützlich, sich mittels Metaphern, Vergleichen etc. auf andere Konzepte zu stützen, die bereits geläufig sind.

Ein wichtiger Schluß aus diesem Lernmechanismus lautet, sich beim Lernen nach Möglichkeit Zusammenhänge vollständig sichtbar zu machen.

Es gibt grundsätzlich zwei Arten, wie eine Abstraktion beim komplexen Lernen erworben werden kann: induktiv oder deduktiv.

Menschen sind enorm leistungsfähig beim induktiven Lernen, zumindest, wenn alle notwendigen Basisabstraktionen bekannt sind. Aus diesem Grund ist es stets vorteilhaft, das Lehren möglichst stark auf induktives Lernen zu stützen. Allerdings erlaubt das induktive Lernen nicht, mit vertretbarem Aufwand eine genaue Grenzziehung einer Abstraktion zu lernen. Zweifelsfälle können also nach einem rein induktiven Lernprozeß oft noch nicht korrekt beurteilt werden. Es sind in der Regel eine ganze Reihe von Beispielen nötig, um die meisten Zweifelsfälle auszuschließen, obwohl sonst sicherlich drei positive und drei negative Beispiele ausgereicht hätten. Deshalb sollte eine induktive Lernlektion möglichst mit einer entsprechenden deduktiven vervollständigt werden, die nach der Ausbildung eines Verständnisses für den überwiegenden Teil des Gehalts der zu lernenden Abstraktion dann auch recht schnell aufgenommen werden kann.


Lernarten nach Gagné

Gagnés Modell der Lernarten entstand aus der Analyse des Phänomens "Lernen". Gagné legt bei dieser Analyse, psychologische Erkenntnisse zu Grunde. Er kam bei seinen Beobachtungen zu einer Unterscheidung von acht verschiedenen Lernprozessen:

1. Signallernen
2. Reiz-Reaktions-Lernen
3. Lernen motorischer Ketten
4. Lernen sprachlicher Assoziationen
5. Lernen multipler Diskrimination
6. Begriffslernen
7. Regellernen
8. Problemlösen

Diese Lernarten sind hierarchisch organisiert, insofern als jede Kategorie auf der vorhergehenden aufbaut. Wobei Gagné den Lernprozeß des Problemlösens als den komplexesten ansieht und die Beherschung aller anderen Lernprozesse voraussetzt.

Beispiele:

Typ I: Signallernen

Definition: Einfaches Pawlowsches Konditionieren. Beispiel: Eine Autohupe ertönt. Ein Mann springt wie wild weg. Der gleiche Mann sieht ein anderes Auto, diesmal ein leises. Er springt wieder wie wild weg.

Wichtige Theoretiker: Pawlow, Watson

Typ II: Reiz-Reaktions-Lernen

Definition: Bildung einer einzelnen Verbindung zwischen einem Reiz und einer Reaktion.

Beispiel: Eine fette Sau wird im Uhrzeigersinn herumgedreht, während ihr stolzer Besitzer, ein Psychologe, sanft sagt: "Dreh' dich". Nach jeder vollzogenen Drehung wird der lächelnden Sau ein Stück Apfel verabreicht. Nach 730 Äpfeln und 1459 Drehungen (der Psychologe aß einmal einen halben Apfel) kann die Sau sich nun drehen, wenn der Psycho!oge"Dreh'dich" sagt Das ist langsames Reiz-Reaktions-Lemen.

Wichtige Theoretiker: Skinner, Thomdike, Hull, Spence.

Typ III: Kettenbildung - motorische Ketten

Definition: Die Verbindung einer Abfolge motorischer Reiz-Reaktions-Verhaltensweisen.

Beispiel: Sie sehen einen Mann, der sich selbst seine Zähne zieht. Er führt seine Hand zum Mund, öffnet seinen Mund und geht mit der Hand hinein legt Daumen und Zeigefinger um den rechten oberen Eckzahn und zieht. Dann macht er mit den unteren Zähnen das gleiche.

Wichtige Theoretiker: Guthrie, Thorndike, Skinner

Typ IV: Kettenbildung - sprachliche Assoziation

Definition: Die Verbindung einer Abfolge verbaler Reiz-Reaktions-Verhaltensweisen. Beispiel: eins, zwei, drei, vier, fünf Wichtige Theoretiker: Hebb, Bruner

Typ V: Das Lernen multipler Diskriminationen

Definition: Lernen, zwischen hochgradig ähnlichen Reizinputs zu unterscheiden. Das Lemen von Diskriminationen ist -.. im wesentlichen eine Sache der Bildung einer Reihe verschiedener Ketten" (Gagne, 1965, S. 115).

Beispiel: Das Erlernen einer fremden Sprache schließt das Lernen von verbalen Ketten in dieser Sprache ein. Da diese Ketten schon in der Muttersprache vorhanden sind, müssen Lernende zwischen diesen beiden diskriminieren.

Wichtige Theoretiker: Bruner, Skinner und Hebb

Typ VI: Begriffslernen

Definition: Begriffslemen ist das Gegenteil von Diskriminationslemen. Es umfaßt das Ordnen von Dingen zu Klassen und das Reagieren auf Klassen als Ganze.

Beispiel: Ein Kind lemt, daß ein englischer Setter ein Hund ist. Es sieht eine Katze und sagt: "Wauwau". Es hat ein "Wauwau"-Konzept entwickelt, wenn auch ein falsches.

Wichtige Theoretiker: Hebb, Bruner, Skinner und Piaget.

Typ VII: Regellernen

Definition: "Eine Regel ist eine erschlossene Fähigkeit, die das Individuum befähigt, auf eine Klasse von Reizsituationen mit einer Klasse von Leistungen zu reagieren" (1970, S. 191).

Beispiel: Eine einfache Regel wird durch die Aussage "Psychologie macht Spaß" exemplifiziert. Diese Regel zu verstehen, schließt das Verstehen des Konzepts "Psychologie" und des Konzepts "Spaß" ein. Manche Studenten und Studentinnen verstehen weder ... noch ...

Wichtige Theoretiker: Bruner, Piaget

Typ VIII: Problemlösen

Definition: Die Anwendung von Regeln bringt "Regeln höherer Ordnung" hervor. Das ist das unausweichliche Ergebnis der Anwendung von Regeln auf Probleme.

Beispiel: Es soll ein Dorabotur gefangen werden - einelementares Problem.

Vier Regeln können bei der Lösung dieses einfachen Problems angewandt werden:

1. Doraboturen mögen Schrapse
2. Schrapse wachsen in 2-Fuß-tiefen Höhlen
3. Doraboturen haben Schwänze, die immer mindestens 3 Fuß lang sind.
4. Doraboturen sind harmlos.

Die Lösung kann in Form einer Regel höherer Ordnung ausgedrückt werden: Doraboturen können an ihren Schwänzen aus Schraps-Höhlen herausgezogen werden.

Wichtige Theoretiker: Bruner, Piaget.


Quelle: http://www.lrz-muenchen.de/~xristophoros/lernarten.doc (00-03-10)


 ©opyright Werner Stangl, Linz 1997.
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