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THOMAS KRAMAR

Von Händen zu Zunge und Lippen: Die Ursprünge unserer Grammatik

Sprache und Gestik sind eng verwandt - vielleicht ist sogar der aufrechte Gang ein Nebenprodukt der Sprachentwicklung. Von Gebärden und Genen, Gehirn und Grammatik: Neues über die kommunikativen Wurzeln des Homo sapiens.

Also, mit der linken Hand müsse er den Hörer halten, erklärte in der Frühzeit der Telephonie ein Mann seinem alten Vater, und mit der rechten Hand tüchtig kurbeln. Der so Belehrte soll wenig begeistert reagiert haben: "Und womit red' ich dann?" Dieser Witz wurde durch die technische Entwicklung bald obsolet - und heute zählt es zu den heiteren Begleiterscheinungen des Handywesens, daß man in der Straßenbahn öfters Menschen sieht, die beim Telephonieren eben auch eine Hand zum "Reden" frei haben.

Für den neuseeländischen Forscher Michael Corballis bedeuten solche Beobachtungen eine Bestätigung seiner These. Diese sagt: Gestik und Sprache sind evolutionär eng verwandt. Mehr noch: Die Vorstufe unserer Sprache bestand weniger aus äffischen Lauten als aus Gesten. Eine Gestensprache, so Corballis, war deshalb von Vorteil, weil sie eben stumm war und damit sowohl Räubern und Feinden als auch Beutetieren weniger Chancen ließ. Solches händische Sprechen könnte sogar zur Entwicklung des aufrechten Ganges beigetragen haben.

Auch Blinde kennen Gesten

Erst später, so Corballis, habe das gesprochene Wort diese manuelle Kommunikation überlagert. Die Sprache hat jedenfalls bis heute die Gestik nicht völlig verdrängt - sie gleitet auf der Oberfläche einer mimetischen Kultur", sagt laut New Scientist (8. 4., S. 32) der US-Psychologe Merlin Donald.' Und ihr Vokabular ist auch bei nicht wegen Gehörlosigkeit auf gestische Kommunikation angewiesenen Menschen erstaunlich flexibel: Man denke nur daran, wie elegant Philosophen neuerdings Zitate mit in die Luft gemalten Anführungszeichen begleiten.

Doch die Tradition der Gebärden sitzt tiefer in uns. Untersuchungen von Psychologen um Susan Goldin-Meadow an der University of Chicago ergaben, daß selbst Blindgeborene Gesten verwenden. So begleiten sie eine Erzählung darüber, daß jemand einem Mitmenschen Gift in sein Getränk schüttet, mit genau derselben Geste (Kippen der ein fiktives Gefäß umschließenden Hand) wie Sehende.

Für die nahe Verwandtschaft von Sprache und Gestik spricht auch die Hirnphysiologie. Beim Menschen sind ja vor allem zwei Areale im Gehirn spezifisch für die Sprache wichtig: das Broca-Zentrum im linken Stirnlappen und das Wernicke-Zentrum im linken Scheitellappen. Das Wernicke-Areal ist,. grob gesprochen, für die Bedeutung von Lauten und Wörtern zuständig, das Broca-Areal für die Syntax, also den Aufbau von Sätzen. Und es gibt experimentelle Befunde dafür, daß bei Affen dem Broca-Zentrum analoge Neuronen genau dann aktiv sind, wenn die Affen auf Gestik eines Artgenossen antworten.

So sei im Broca-Areal prinzipiell die Fähigkeit angesiedelt, zeitlich strukturierte Abläufe zu verstehen, meint etwa der deutsche Neurobiologe Gerhard Roth. Diese Fähigkeit sei im Lauf der Menschwerdung auf Lautäußerungen ausgedehnt worden: "Für die Umwidmung des Broca-Zentrums mußten nur einige Fasern auf das motorische Zentrum projiziert werden, das die Muskeln in Mund und Kehlkopf aktiviert." Doch noch bei heutigen Menschen ist das Broca-Zentrum auch dann aktiv, wenn sie "nur" gestikulieren, ja sogar, wenn sie kompliziertere Werkzeuge benutzen.

Die Entwicklung des Broca-Areal als Syntax-Zentrum setzt bei Menschen etwa im Lebensalter von zwei bis zweieinhalb Jahren ein. Auch davor können Kinder schon etliches sägen, aber die Fähigkeit, komplexe, syntaktisch korrekte Sätze zu bilden, entwickelt sich erst dann - und zwar rasant. Allen Gerüchten - etwa über die angeblich so intelligenten Delphine -zum Trotz: Diese Fähigkeit ist ein Monopol des Menschen. Das sei auch das Problem der Forscher, stellte der US-Anthropologe Matt Carthill einmal fest, "daß es auf diesem Planeten nur eine Art mit Sprache gibt. Wir haben nur einen Datenpunkt."

So steht auch überhaupt nicht fest, seit wann Menschen Sprache in unserem Sinn kennen. Die Schädelforscher können mit zwei Indizien dienen: erstens die nötige Gehirnkapazität (wenig signifikant), zweitens die für Menschen typische tiefe Lage des Kehlkopfs, die die Beweglichkeit der Zunge und damit erst die Bildung von Konsonanten ermöglicht, zu der Affen nicht fähig sind. Beides war vor zirka 150.000 Jahren gegeben.

Aber: Sprachzentrum auch bei Menschenaffen

Eines der Zentren im Gehirn, das für unsere Sprachfähigkeit verantwortlich ist, ist das Broca-Areal im linken Stirnlappen in der Nähe der Schläfe: Dort "sitzt" unsere Fähigkeit, die Sprache zu strukturieren, zur Grammatik und Syntax. US-Forscher konnten nun zeigen, daß auch bei Menschenaffen (Schimpansen, Bonobos, Gorillas) dieses Areal asymmetrisch ist, nämlich auf der linken Seite deutlich stärker ausgebildet. Das spricht für die Theorie, daß das Broca-Areal ursprünglich für die Koordination von Gestik zuständig war und erst allmählich mit der Produktion von Lauten zur Verständigung ~gekoppelt wurde. Menschenaffen gestikulieren auch dann stärker mit der (von der linken Hirnhälfte gesteuerten) rechten Hand, wenn sie dazu Laute von sich geben. (Nature, 414, S. 505).

Wie sprachen Neandertaler?

Doch die Verhaltensweisen, b von denen wir glauben, daß sie mit Sprache einhergehen - längerfristige Planung, soziale Organisation, Symbolik, Kunstsinn, regional differenzierte I Werkzeuge -, scheinen erst vor 40.000 Jahren voll entwickelt gewesen zu sein - beim Homo sapiens. Daß dessen vor etwa 30.000 Jahren ausgestorbener Konkurrent in Europa, der Neandertaler, über eine Sprache mit Syntax verfügte, glaubt nur eine Minderheit von Forschern.

Mit diesem Datierungsproblem eng verwandt ist eine andere Frage: Welche Gene beeinflussen die Sprachfähigkeit? Daß die Sprache zumindest zum Teil genetisch determiniert sein muß, ist unumstritten, ob man wie der Linguisten-Altmeister Noam Chomsky an eine "Universalgrammatik" glauben will oder nicht. Auch wer mit dem Anthropologen Terrence Deacon die Sprache als "Virus" sehen will, der die Gehirne infiziert, um sich zu vermehren, wird zugeben müssen, daß das menschliche Gehirn offensichtlich ein ganz besonderer Wirt für diese Infektion ist. Besser gesagt wird - denn unter "Sprach-Genen" muß man sich Gene vorstellen, die die Entwicklung des Gehirns eines Individuums - etwa die erwähnte Neuorientierung des Broca-Areals - steuern. Solche Gene müssen uns von unseren nächsten lebenden Verwandten, den Schimpansen unterscheiden, auch das ist klar. Doch es ist ein gutes Beispiel dafür, wie lächerlich die Schlagzeilen von einer "Entschlüsselung" des menschlichen Genoms waren, daß man solche Gene noch lange nicht identifizieren kann.

Tappen nach Sprach-Genen

Einige Gene, die mit der Sprache zu tun haben, dürften auf dem Chromosom 11 liegen: Das zeigt das Williams-Syndrom, das durch eine Veränderung ebendort verursacht wird. Betroffene reden zwar viel und gern und sind sehr kommunikativ und herzlich; mit dem Inhalt des Gesprochenen hapert es aber. Ein anderer Gendefekt, der die Sprache beeinträchtigt und vor allem große Probleme mit der Grammatik verursacht, liegt auf dem Chromosom 7. Doch die Oxford-Genetiker, die diese Fälle von "specific language impairment" erforschten, Sprachen zwar bereits vom Spch-1-Gen (von speech), sie können dieses aber bis heute nur ungefähr lokalisieren.

Noch schwieriger ist es, zu ergründen, wann in der Evolution sich Mutationen ereignet haben, durch die diese Gene aus ihren offenbar noch nicht so potenten - Vorgänger-Genen entstanden. An ihrem selektiven Vorteil jedenfalls ist kaum zu zweifeln. "Universal, erblich, schnell von Kindern erworben und gut zur Kommunikation komplexer: Information geeignet, ist die Sprache offensichtlich eine Adaption, die es unseren Vorfahren erlaubte, Wissen zu teilen und Vereinbarungen zu verhandeln, und die die technologischen und demographischen Explosionen entzündete, die dazu führten, daß unsere Art vor Jahrtausenden den Planeten überschwemmte." Das schreibt Steven Pinker, trotz seiner offensichtlich bisweilen siegenden Liebe für lange Sätze laut dem Wissenschaftsautor Matt Ridley "der erste Linguist, der in der Lage ist, lesbare Texte zu schreiben" über die jüngste Arbeit des aus Wien stammenden mathematischen Biologen Martin Nowak in Nature (404, S. 495).

Nowak hat gemeinsam mit zwei Kollegen ein spieltheoretisches Modell verwendet, um die Entstehung einer Syntax zu ergründen. Seine Frage: Wann ist es von Vorteil, die Schilderung von Ereignissen aus einzelnen Wörtern, aus Satzteilen zusammenzusetzen, anstatt das gesamte Ereignis in ein Wort zu fassen? Man muß dafür zwar weniger Wörter lernen, allerdings grammatische Regeln, etwa eine fixe Satzstellung beherzigen. Die Antwort klingt recht einleuchtend: Die Mühe zahlt sich aus, wenn die Umgebung - also die Menge an potentiellen Subjekten, Prädikaten und Objekten, Attributen, Zeit- und Ortsangaben und so weiter reichhaltig genug ist. "Diese Zunahme der Anzahl relevanter Themen", schreiben Nowak und Mitarbeiter, "wurde wahrscheinlich durch Veränderungen der sozialen Struktur und der Interaktion der menschlichen Vorfahren, die syntaktische Kommunikation entwickelten, bedingt."

So hat nicht nur die Sprache eine evolutionäre Basis, sondern sie hat auch umgekehrt die weitere Evolution beeinflußt. "Ein soziales Umfeld, in dem es Sprache gibt, ist etwas völlig anderes als ein Umfeld ohne Sprache", schreibt Richard Dawkins: "Der Selektionsdruck auf die Gene wird nie mehr der gleiche sein." Ob und inwieweit dies auch schon für eine gestische Vorläuferform der Sprache gilt, ist eine offene, spannende Frage.


Quelle: Die Presse - Spectrum vom 29. April 2000.