SZ vom 11.04.2000 Wissenschaft
Die Dominanz
der Emotionen sorgt dafür, dass wir tun, was sich in unserer
gesamten Erfahrung bewährt hat / Von Gerhard Roth
Zum Beispiel begannen sie, bekannte Gefahren nicht mehr zu meiden, hohe Risiken einzugehen, sich rücksichtslos zu betragen und ganz allgemein unfähig zu sein, aus den Konsequenzen des eigenen Verhaltens zu lernen. Befragt waren diese Patienten zum Teil in der Lage, mit vernünftigen Worten ihr Fehlverhalten zu beschreiben. Es fehlte ihnen nicht die Einsicht, sondern das Vermögen, diese Einsicht in die Tat umzusetzen. Dasjenige, was seit zweitausend Jahren viele Philosophen (etwa die Stoiker der Antike und Immanuel Kant) von sich und ihren Mitmenschen gefordert hatten, nämlich sich an die Vernunft zu halten und die Gefühle zu unterdrücken, endete ironischerweise in unvernünftigem Verhalten. Es reifte die Einsicht, dass die höheren kognitiven Leistungen nichts vermögen ohne Emotionen.
Es ist in den letzten Jahren gelungen, diejenigen Gehirnzentren, die mit Gefühlen zu tun haben, und ihre Funktion, besonders ihren Einfluss auf Vorgänge in der Großhirnrinde, genauer zu identifizieren. Wie bei allen anderen komplexeren Hirnfunktionen wird auch unser Gefühlshaushalt von vielen Zentren kontrolliert, die über große Teile des Gehirns verteilt sind und zusammen das limbische System" ausmachen.
Für das Negative in unserem Leben, das mit der Ausbildung von Furcht und Angst verbunden ist, ist vornehmlich der Mandelkern, die Amygdala, zuständig, für das Positive, Beglückende und Lustvolle hingegen sind es vor allem Strukturen, die ventrales tegmentales Areal und Nucleus accumbens heißen. Letztere sind nicht zufällig auch der Ort der Wirkung von Drogen. Allerdings ist umstritten, ob und inwieweit diese Strukturen tatsächlich der Speicherort von Gefühlen sind oder eher die Orte, an denen die Verknüpfung zwischen Ereignissen und bestimmten Gefühlen codiert ist und die den Zugriff auf anderenorts niedergelegte emotionale Gedächtnisinhalte regeln. Die Arbeitsteilung zwischen diesen Zentren mag auch nicht so scharf sein wie von manchen Emotionsneurobiologen zuweilen dargestellt; beide signalisieren nämlich auch generell den Neuigkeitswert und in diesem Zusammenhang die Bedeutsamkeit von Ereignissen.
Klar dagegen scheint zu sein, dass die Details des leid- und lustvollen Geschehens nicht in das emotionale Gedächtnis eingehen, sondern im sogenannten deklarativen, bewusst abrufbaren Gedächtnissystem gespeichert werden. Wichtigster Organisator dieses Gedächtnissystems ist die Hippocampus-Formation, die für das episodische Gedächtnis (was wann wo wie geschah") zuständig ist; bloßes Faktenwissen wird demgegenüber von der den Hippocampus umgebenden Rinde (dem entorhinalen, parahippocampalen und perirhinalen Cortex) organisiert. Die Inhalte des deklarativen Gedächtnisses sind in unterschiedlichsten Teilen der Großhirnrinde niedergelegt, und zwar je nach Inhalt sortiert. Das bedeutet: Das visuelle Gedächtnis ist in den Rindenarealen lokalisiert, die für das Sehen zuständig sind, wobei es wieder ein spezielles Gedächtnis für Farben, Bewegungsweisen, Gesichter in den für die Verarbeitung dieser visuellen Reize zuständigen Arealen gibt.
Sind wir nun mit einer Situation konfrontiert, die in irgendeiner Weise für uns wichtig ist, dann wird unser limbisches System danach abgefragt, ob es nicht irgendwelche Vorerfahrung mit derselben oder einer ähnlichen Situation gibt, und ob die damaligen Geschehnisse positiv oder negativ ausgegangen sind. Falls ja, erleben wir die Antwort als Gefühle, indem entsprechende limbische Zentren Informationen in die Großhirnrinde senden. Gegebenenfalls erinnern wir uns auch an bestimmte Details, die dann die Hippocampus-Formation hinzugibt.
Die genannten limbischen Zentren sind Teil eines allgemeinen Bewertungssystems in unserem Gehirn, das alles, was durch uns und mit uns geschieht, danach bewertet, ob es gut/vorteilhaft/lustvoll war und entsprechend wiederholt werden sollte, oder schlecht/nachteilig/schmerzhaft und entsprechend zu meiden ist. Ohne dieses Bewertungssystem, das alle Wirbeltiere in sich tragen, wären wir völlig überlebensunfähig, denn es sorgt dafür, dass unser Gehirn alle bewussten und unbewussten Handlungsentscheidungen immer im Lichte vergangener Erfahrung trifft.
Dieses System beginnt seine Arbeit bereits im Mutterleib und setzt sie verstärkt in den ersten Wochen, Monaten und Jahren unseres Lebens fort, &endash; in einer Zeit also, in der die für uns wichtigsten Dinge passieren. In dieser Weise formt sich das, was man Charakter oder Persönlichkeit nennt, sehr früh und weitestgehend vorbewusst und wird zunehmend resistent gegen spätere Erfahrungen. Das Ich, welches sich in seinen typisch menschlichen Erscheinungsformen erst vom dritten oder gar vierten Lebensjahr an zu entwickeln beginnt, wird in diese limbische" Persönlichkeit hineingestellt und von ihr getragen. Das bedeutet nicht, dass unser Charakter bereits mit drei Jahren völlig festgelegt ist, aber der Aufwand, ihn zu ändern, wird mit zunehmendem Alter größer; im Erwachsenenalter erfordert es emotionale Revolutionen" ( etwa die berühmten Lebenskrisen oder eine stark fordernde neue Partnerschaft), damit sich an unserer Persönlichkeit noch etwas ändert.
Dies steht in krassem Gegensatz zu der lebenslang anhaltenden Fähigkeit, sich neues Wissen oder neue Fähigkeiten anzueignen, was sich in nichtlimbischen Zentren unseres Gehirns, vor allem in der Großhirnrinde vollzieht. Entsprechend scheinen Lernvorgänge in den subcorticalen limbischen Zentren anderer Natur zu sein als in den corticalen; erstere vollziehen sich langsamer als letztere und haben eine langsamere Vergessenskurve. Manche Forscher gehen in diesem Zusammenhang davon aus, dass die subcorticalen Zentren, vor allem die Amygdala, überhaupt nicht vergessen" können und dass die Großhirnrinde die dort gespeicherten &endash; meist negativen - Erfahrungen nur übertünchen", aber nicht löschen kann. Diese Annahme muss allerdings durch weitere Untersuchungen überprüft werden.
Wozu haben wir überhaupt eine bewusstseinsfähige Großhirnrinde, wenn doch alles subcortical" und damit unbewusst entschieden wird? Die Antwort hierauf lautet: Der bewusstseinsfähige Cortex wird immer dann eingeschaltet, wenn es darum geht, Geschehnisse in größeren Details wahrzunehmen und zu speichern. Das betrifft insbesondere komplexe Zeitstrukturen. Diese können subcorticale Sinneszentren nicht besonders gut wahrnehmen. Ferner, wenn viele und insbesondere verschiedenartige Gedächtnisinhalte zusammengefügt werden sollen. Auch das ist subcortical schwierig. Und wenn es um komplexe Handlungsplanung in neuartigen Situationen geht. Hier liegen subcortical die größten Defizite vor. Man kann die Großhirnrinde durchaus als einen besonders großen, leistungsstarken Rechner ansehen, der vom Gehirn dann eingesetzt wird, wenn es mit Dingen und Problemen konfrontiert ist, für die es keine fertigen Rezepte parat hat. In unserer komplexen sozialen Umgebung ist das häufig der Fall, und dies scheint der Grund zu sein, weshalb unser Gehirn über viele Stunden unseres Tages unser Bewusstsein eingeschaltet lässt.
Das letzte Wort hat das limbische System. Diese Dominanz der Emotion gegenüber der Vernunft ist biologisch sinnvoll, denn sie sorgt dafür, dass wir dasjenige tun, was sich in unserer gesamten Erfahrung bewährt hat, und das lassen, was sich nicht bewährt hat. Gefühle sind sozusagen diese Gesamterfahrung in konzentrierter Form; sie könnte in entsprechenden Details niemals bewusst repräsentiert werden.
Viele Psychotherapeuten und insbesondere Psychoanalytiker stehen der hier vorgestellten strengen Parallelität oder gar Identifizierung von psychischen Vorgängen und Hirnfunktionen nach wie vor ablehnend gegenüber. Sie betonen dabei eine fundamentale Verschiedenheit der Erforschung psychischer Vorgänge einerseits und neurobiologischer Strukturen und Funktionen andererseits, ganz im Einklang mit dem klassischen Gegensatz von geisteswissenschaftlicher Hermeneutik und naturwissenschaftlicher Analytik. Entsprechend sehen sie einen grundlegenden Gegensatz zwischen einer Behandlung, die auf dem therapeutischen Gespräch beruht, und der Verabreichung von Psychopharmaka. Die moderne Hirnforschung geht hingegen davon aus, dass Worte über das Hörsystem und seine Verbindungen zum limbischen System genauso auf dieses System eingreifen können wie Psychopharmaka.
Dies ist die leicht veränderte Fassung eines Vortrags, den Professor Dr. Dr. Gerhard Roth, Neurologe an der Universität Bremen und Rektor des Hanse-Wissenschaftskollegs, anlässlich der Psychotherapiewoche in Lindau gehalten hat.
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/aktuell/?section=wissen&myTM=full&id=955390503.33273&myTime=20000411122254
Von kreisenden Gedanken Sicher kennen Sie das auch von sich selbst: Da gibt es etwas in unserem Leben, was uns Sorgen bereitet - vielleicht ist unser Kind krank, wir fuerchten, unseren Job zu verlieren oder es kriselt in der Partnerschaft. Und mit diesen Sorgen befassen wir uns. Wir denken ueber die Situation nach, denken Loesungsmoeglichkeiten durch, versuchen, zu einer Entscheidung zu kommen, was zu tun ist. So denken wir vielleicht eine halbe Stunde lang intensivst nach. Schoen und gut - aber dann koennen wir nicht mehr aufhoeren! Aus der halben Stunde Gruebeln werden zwei Stunden, ein halber Tag. Wir gehen mit den Gedanken an unser Problem ins Bett und schlafen erst spaet ein. Am naechsten Morgen denken wir weiter - ganz automatisch. Und so koennen wir sehr, sehr viel Zeit damit verbringen, ueber ein Problem nachzudenken und uns Sorgen darueber machen. In der Regel kommt bei all der Gruebelei wenig Neues heraus. Wir denken meist immer die selben Gedanken und drehen uns im Kreis. Das kostet viel Kraft und buendelt unsere Energien im Ist-Zustand. Und selbst wenn wir soweit sind, das zu erkennen, heisst das noch lange nicht, dass wir es schaffen, mit unserem Kreislauf-Gruebeln aufzuhoeren. Es scheint, als wuerde in unserem Gehirn ganz automatisch immer dieselbe Platte ablaufen. Stopp! Genau hier ist der springende Punkt: Unsere Gruebelei ist eben nichts, was von allein passiert, so sehr uns das auch immer so vorkommen mag. Wir sind es selbst, die jeden einzelnen dieser Gedanken denken - wir und niemand sonst. Achten Sie einmal darauf, wie Sie sich selbst immer wieder die entscheidenden Stichworte gleichsam selbst zufluestern, wie z.B. "...aber, wenn doch..." oder "... es koennte aber auch sein, dass..." Genau damit halten wir unser Gedankenkarussell am Laufen. Wie viel Zeit und Kraft koennten wir alle sparen, wenn wir damit beginnen, unsere Gedankenteufelskreise zu unterbrechen! Das klappt vielleicht nicht auf Anhieb, aber es ist einen Versuch wert. Hilfreich ist es z.B., unsere Gedanken einmal systematisch aufzuschreiben - dann koennen wir, wenn wir mit der naechsten Gedankenrunde beginnen, einfach einen Blick auf das Blatt Papier werfen. Dort steht schon alles geschrieben - und so wird die naechste Gedankenrunde extrem verkuerzt. Achten Sie also ab sofort ganz bewusst darauf, wann Sie in Ihre eigenen Gedankenschleifen geraten. Erkenntnis ist hier schon ein erster und wesentlicher Schritt, den Prozess zu durchbrechen. Quelle: Zeit zu leben - Newsletter 15. Juni 2001 - Nr. 132