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Methode des zeitgesteuerten Auswendiglernens

verfaßt von Andreas Jorde

1. Das Gedächtnis

Die wichtigste Aufgabe des Gedächtnisses ist das Vergessen. Wir würden verrückt (wirklich!), wenn wir uns an alles erinnern würden, was wir wahrnehmen. Das Gedächtnis schottet sich in drei Stufen ab:
  1. UKZG - Das Ultrakurzzeitgedächtnis ist vergleichbar mit Wellen auf dem Teich: Ein Sinneseindruck ruft die Schwingungen hervor, und nach ungefähr 20 Sekunden sind die Wellen verebbt; die Information ist verloren.
  2. KZG - Das Kurzzeitgedächtnis speichert die Information in einem "weichen" Molekül, es kann z.B. mit einer Kartoffel für den Kartoffeldruck verglichen werden. Nach ungefähr 30 Minuten ist es "verschrumpelt" und die Information verloren.
  3. LZG - Im Langzeitgedächtnis geht nichts mehr verloren, ein "festes" Molekül beinhaltet die Information; es kann aber verschüttet und durch andere, "wichtigere" Informationen überlagert werden. Sie ist noch da, wir "finden sie nur nicht".
Man merkt sich sofort, was für den Alltag wichtig ist. Bilder und Geschichten kann man sich leichter merken als Silben und Wörter. Gezielt und absichtlich kann man eine Information ins LZG bringen, indem man sich bewußt erinnert, kurz bevor sie vergessen ist. Das Gedächtnis begreift dann, daß sie wichtig ist, und setzt sie in die nächste Gedächtnisstufe: "Die Welle formt einen Druckstock, der Druckstock druckt direkt ins Hirn."

Aber auch im Langzeitgedächtnis kann man den Zugriff und damit das langfristige Erinnern gezielt ermöglichen, indem man in größer werdenden Zeitabständen wiederholt. Sinnvoll ist eine Verdoppelung der Abstände: 1 Tag, 2 Tage, 4 Tage, 8 Tage, 16 Tage - Schluß!

2. Gedichte auswendig lernen

Gedichte und Balladen lassen sich mit dem zeitgesteuerten Lernen in unglaublich schnell ins Gedächtnis bringen. Man muß nur etwas Gefühl für die Zeiten der Gedächtnisstufen entwickeln und mit voller Konzentration zu Werke gehen.
Es ist wirklich verblüffend, wie sicher das Wiedergeben klappt. Wenn man eine Zeile vergessen hat, kann es entweder zu lange gedauert haben oder die Konzentration ist nicht groß genug. Aber insgesamt verblüfft das zeitgesteuerte Lernen so sehr, daß einige meiner Schüler von einem "Wundermittel" gesprochen haben, als wir im Chor gesprochen und still auf Kommando wiederholt haben.

3. Vokabellernen aus dem Buch

Wer gut Vokabel lernen kann, hält sich meist automatisch an die Zeiten der Gedächtnisstufe:

Man liest eine Vokabel und wiederholt sie im Kopf (sie ist im UKZG). Wer dies zu lange, z.B. mit 10 Vokabeln hintereinander macht, hat die ersten schon vergessen (UKZG: 20 Sekunden). Man beschränkt sich aus Erfahrung auf vier bis sechs Vokabeln, bevor man diese mit abgedeckter Übersetzung wiederholt. Dann prägt man sich die nächsten vier bis sechs Vokabeln ein. Ist man mit allen zu lernenden Vokabeln durch, hat man sie alle im KZG (30 Minuten). So systematisch geht das auch schnell - 25 Vokabeln sind in 5 Minuten im KZG!

Manche fragen sich dann eine viertel Stunde lang "kreuz und quer" ab - es ist aber nicht sicher, ob man sie dann in zwei Stunden noch weiß. Viel wirksamer (und weniger Arbeit!) ist es, jetzt zehn Minuten Pause zu machen (Eieruhr!) und dann alle noch einmal zu wiederholen (3 Minuten!). Der Trick ist, daß man sie nach der Pause noch weiß, das Gedächtnis sich aber anstrengen muß, um sie zu erinnern. Dadurch hält es die Information für wichtig und setzt sie in die nächste Gedächtnisstufe, ins LZG. Dann weiß man sie garantiert auch noch am nächsten Tag!

4. Aufgabe der Lernkartei

Wer gut Vokabeln lernen kann und nur für die nächste Arbeit lernt, der braucht keine Lernkartei.

Wer aber in der Oberstufe einen großen Wortschatz und gute Noten haben will oder wer für sich und seine Sprachkenntnisse lernt, der sollte die Lernkartei benutzen. Mit ihr wird die Vokabel oder eine andere Information in größer werdenden Zeitabständen wiederholt und gezielt im LZG verankert. Dadurch kann man sich auf Jahre hinaus sicher an die Vokabel oder an die Information erinnern.

Die Lernkartei ist ein Karteikasten mit fünf Fächern, die jeweils doppelt so groß sind wie das vorhergehende: 1 cm, 2 cm, 4 cm, 8 cm, 16 cm, sie ist also ein 31 cm langer Karteikasten. Gedacht ist daran, daß es dabei doppelt so lange dauert, bis ein Fach voll ist, und dann dieses wiederholt wird. Das Problem dabei ist, daß man nicht immer gleichmäßig viele Karten lernt oder wiederholt; man müßte eigentlich auf jede Karte ein Datum schreiben und dies bei jedem Wiederholen erneuern. Es geht aber auch etwas weniger genau, indem man abschätzt, wie lange die Karten schon in dem Fach liegen.

5. Arbeiten mit der Lernkartei

Auf die Vorderseite der Karteikarte kommt immer die Frage, auf die Rückseite die Antwort.

Bei Vokabeln: Vorderseite - deutsches Wort, Rückseite - Übersetzung.

Für Geschichte: Vorderseite: Wann wurde Karl der Große gekrönt? Rückseite: im Jahr 800.

Für Rechtschreibung: Vorderseite: ? (= bitte diktieren); Rückseite: ein Wort, das man falsch hatte.

Das sorgfältige Beschriften (!) der Karteikarten genügt oft schon, um die Karte am nächsten Tag noch zu kennen (das Lernen aus dem Buch wird überflüssig, man schaut noch mal durch die neuen Karten).

Beim Karteikasten ist das kleinste Fach das Fach 1, und man stellt den Karteikasten so, daß Fach 1 vorne und das größte Fach, das Fach 5, hinten ist.

Siehe dazu auch die Neuigkeiten zu den Lerntipps und die Neuigkeiten zum Lernen!


Quelle: http://ourworld.compuserve.com/homepages/W_Schmid/lernen.htm