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Hermeneutischer Zirkel

(von griech. hermeneuein, deuten, interpretieren, und kirkos, Kreis).

Er erklärt das Zusstandekommen höheren Verstehens aus dem elementaren Verstehen.

Wilhelm Dilthey Der hermeneutische Zirkel Die Entstehung der Hermeneutik
[Grafik: Benjamin Stangl 2009]

Der hermeneutische Prozeß bzw. Zirkel enthält ein Paradox: das, was verstanden werden soll, muß schon vorher irgendwie verstanden worden sein
Beispiel:
Theorie (Erziehungsreflexion, versucht die Praxis zu verstehen, geht aber gleichzeitig von ihr aus) und Praxis (Erziehungswirklichkeit).

Verstehen im hermeneutischen Sinn ist nicht geradlinig sondern zirkelförmig!

Wesentlich im Zusammenhang mit empirischen Methoden ist die Hermeneutik für die Hypothesenbildung. Ein Problem muß erst gesehen, erkannt und verstanden werden, der Sinn und die Bedeutung einer Situation muß erfaßt werden. Etwas ist nur problematisch im Hinblick auf bestimmte Normen, Werte und Zielvorstellungen, diese sind aber nur hermeneutisch zugänglich. Es muß ein bestimmtes Erkenntnis- und Veränderungsinteresse vorhanden sein! Bei der empirischen Überprüfung von Sachverhalten spielt die Hermeneutik eine wesentliche Rolle bei der Operationalisierung (qualitative Aussagen werden quantitfizierbar gemacht), aber auch die Interpretation von empirischen Resultaten ist ein hermeneutischer Vorgang.


Historisch betrachtet

1. In der klassischen Hermeneutik von ca. 1500-1800 entspricht der h. Z. dem Verhältnis zwischen der Bedeutungsganzheit eines Textes und einem Bedeutungsteil. Um den Sinn eines Textes als ganzen zu verstehen, muß man den Sinn seiner Teile verstehen - und umgekehrt. Ganzheit und Teil stehen damit zueinander in einem Zirkelverhältnis: Sie bedingen sich gegenseitig.

2. Bei Schleiermacher (sowie später bei den Historisten und bei Dilthey) erhält der h. Z. einen neuen Inhalt. Er bezieht sich auf das Verhältnis zwischen einem Teil des Bewußtseins- und Handlungslebens einer Person und der Ganzheit ihres Lebens, des sozialen Milieus oder der historischen Epoche.

3. Bei Heidegger und Gadamer besteht der h. Z. in dem Verhältnis zwischen der konkreten Teilauslegung von etwas und der Verstehensganzheit (dem Sinnhorizont), in dem sich die Auslegung immer schon befindet. Um ein bestimmtes Etwas zu verstehen, muß ich schon ein Vorverständnis des Zusammenhangs, in dem sich dieses Etwas befindet, mitbringen. Um von dem Zusammenhang ein Vorverständnis zu haben, muß ich einzelne seiner Teile (Momente) schon verstanden haben.

Literatur: H.-G. Gadamer: Wahrheit und Methode, 1960, S.250ff., 275ff.


©opyright Werner Stangl, Linz 1998.
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