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Niels Boeing, Richard von Heusinger, Robert von Heusinger, Knut Stahrenberg, Justin Stauber, Karsten Strege

Grundfragen wissenschaftlicher Erkenntnis

Wissen und Erkenntnis - subjektiv vs objektiv

Im Bewußtsein unserer philosophischen Naivität haben wir Arbeitsdefinitionen von Wissen und Erkenntnis formuliert.

Danach verstehen wir Wissen als durch sinnliche Wahrnehmung erlangte Information - Erfahrung - und durch Denkakte verschiedenster Art zu neuer Information, zu einer Erwartung verknüpfte Erfahrungen, die in einem Träger - dem Bewußtsein, dem Unterbewußtsein, dem Gedächtnis - gespeichert sind. Die Verknüpfung stellt den Akt der Erkenntnis oder des Lernens dar, je nachdem, ob sie aus dem Subjekt heraus oder von der Umwelt initiiert wurde (eine unscharfe Unterscheidung, die aber im weiteren Verlauf keine Rolle spielt).

Erkenntnis ist intersubjektiv, wenn sie nach einer allgemein anerkannten oder zumindest verständlichen Methoden erlangt wurde. Sonst bleibt sie subjektiv. Eine strikte Trennung zwischen Wissen und Erfahrung läßt sich außer im frühen Säuglingsalter nicht aufrechterhalten, da Erfahrung immer durch vorhandenes Wissen beeinflußt wird.

Arten der Erkenntnis

Der Erkenntnisakt, die Verknüpfung vorhandener Informationen zu neuen, kann auf verschiedene Arten zustande kommen:

Die Dominanz wissenschaftlicher Erkenntnis unter den Erkenntnisarten

Das Szientismusproblem

Es ist unbestreitbar, daß Meditation, Intuition, geschweige denn Offenbarung im westlichen Kulturkreis nicht als ernstzunehmende Erkenntnisarten angesehen, sondern vielmehr belächelt werden. Erkenntnis ist gleichbedeutend mit wissenschaftlicher Erkenntnis. Wie dieses wissenschaftliche Erkenntnisunternehmen sein soll, ist von Karl Popper maßgeblich formuliert worden, zum ersten Mal in "Logik der Forschung" (1934). Imre Lakatos hat versucht, den eigentlich normativen Popperschen Ansatz mit der wissenschaftlichen Realität in Einklang zu bringen (vgl. Imre Lakatos "Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme").

Dies beantwortet jedoch nicht die drängende Frage, wie sich wissenschaftliche Erkenntnis zur Ethik, zur Moral, zu Problemen des menschlichen Alltags und der Gesellschaft verhält. Diese Frage bildet letztlich den Kern des Szientismusstreits, der seit Ende des letzten Jahrhunderts auf verschiedenen Feldern ausgetragen wird.

Im weiteren Sinne fallen darunter (nach Hans Lenk: "Zwischen Wissenschaftstheorie und Sozialwissenschaft", S. 91 ff):

Die eigentliche Szientismusthese im engeren Sinne existiert in verschiedenen Formulierungen:

Unter den wissenschaftlichen Methoden läßt sich, wohl im Zuge des Szientismus, eine wachsende Dominanz der logisch-analytischen Methode der Naturwissenschaften konstatieren. Die Philosophen der Frankfurter Schule haben dies lautstark beklagt und stattdessen die Dialektik propagiert. Zu recht haben sie auf die Defizite einer alles erfassenden Formalisierung und die Unterwerfung unter die Logik sowie auf den Zusammenhang zwischen logisch-analytischer Methode und Machtstrukturen hingewiesen.

Als unvorhergesehene Wendung im Streit um die beste Methode wissenschaftlicher Erkenntnis, möglicherweise sogar hinsichtlich der verschiedenen Erkenntnisarten, könnte sich allerdings die Bedeutung der Quantenmechanik (die nach wie vor unklar ist, oder besser unklar gelassen wird) erweisen. Sie legt nämlich einen Einfluß des messenden Subjekts auf das physikalische Geschehen, die Begrenztheit der Geltung der Kausalität und den Einbruch der Statistik in die Sphäre eherner, deterministischer Naturgesetze nahe. Diese Elemente scheinen das szientistische Anliegen zu untergraben, in den Sozialwissenschaften nach dem Beispiel der Naturwissenschaften Gesetze zu formulieren, die eine sichere Entscheidungsgrundlage für gesellschaftliche Probleme liefern und alle normativen Momente überflüssig machen.

Wie kann man gegen die Dominanz der logisch-analytischen Methode argumentieren? Die Auseinandersetzung muß dabei auf zwei Ebenen ablaufen: zum einen eben die Defizite der Methode selbst angehen, zum anderen aber die Beschränktheit wissenschaftlicher Erkenntnis, sei sie nun logisch-analytisch, dialektisch oder sonst was, im Verhältnis zu anderen Erkenntnisarten (z.B. den oben genannten) aufzeigen.

Der logisch-analytischen Methode läßt sich entgegenhalten, daß ihre Anwendung selbst eine normative Setzung ist, daß in der Formalisierung versteckte Wertungen einfließen, die auf einem vorgegebenen Wertesystem und Weltbild beruhen (Richtungsstreit der Logik-Schulen). Dies betrifft vor allem den Teil des Szientismusstreits, der sich mit der Möglichkeit einer normativen Wissenschaft befaßt. Außerdem ist die Reduzierung des Menschen auf ein Objekt, das durch formalisierte Parameter vollständig beschrieben und kontrolliert werden kann, äußerst fragwürdig, wenngleich sie für die Methode absolut notwendig ist, da Subjekte in ihr keine Rolle spielen können. Ist aber der Mensch nicht ein Subjekt, das in seinem alltäglichen Leben ständig zwischen Alternativen abwägt, Entscheidung trifft und dadurch in seinen Lebenszusammenhang eingreift, ein Akteur, nicht ausschließlich Gegenstand quasi-naturgesetzlicher Abläufe?

Wissenschaftliche Erkenntnis und Macht

Die Vermutung liegt nahe, daß die wissenschaftliche Erkenntnis unter den Erkenntnisarten und die logisch-analytische Methode unter den Methoden wissenschaftlicher Erkenntnis nicht zufällig zu dieser Dominanz gelangt sind. Gerade die logisch-analytische Methode scheint dem kapitalistisch-industriellen Zeitalter immanent zu sein. Sie ermöglicht große Effizienz beim Erkenntniszuwachs und führt zu einer schnellen Ausdifferenzierung in Spezialdisziplinen, analog der Entwicklung des Wirtschaftssystems, vor allem der Produktion. Sie ist in der Lage, Herrschaftswissen für die Mächtigen des Industriezeitalters zu produzieren, technisch verwertbares Wissen. Den Zwang zur Quantifizierung finden wir auch im Kapitalismus in Gestalt des Preises, der allein alles wirtschaftliche Geschehen regeln soll, wieder.

Gibt es Argumente aus der Geschichte, die für diese Vermutung sprechen? Im Mittelalter gab es keine strikte Trennung zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften, und wegen des im wesentlichen nichtempirischen Charakters der damaligen Wissenschaften hatte das Messen, also das Quantifizieren keine zentrale Bedeutung. Die Wissenschaft war Adel und Klerus vorbehalten und brachte Wissen hervor, das ihre Macht legitimieren konnte. Und diese beruhte nicht zuerst auf wirtschaftlichen Bedingungen, sondern auf solchen Konstrukten wie dem Gottesgnadentum. Technisch verwertbares Wissen stand in einem mehr oder weniger theokratischen Staat nicht im Vordergrund.

Der Aufstieg des Bürgertums in den freien Städten, den neuen Handelszentren, seit der Renaissance fällt nicht zufällig mit der Aufklärung und der Entwicklung der modernen Naturwisschenschaften zusammen. Die Gründung von Universitäten in den Städten, in denen sich ein reiches, selbstbewußtes Bürgertum formierte, erweist sich so als Machtpolitik. Die kommende Elite fördert ein neues Weltbild.

Etablieren sich neue Machtstrukturen und neue Paradigmen von Wissenschaftlichkeit, von relevanter Erkenntnis gleichzeitig und unabhängig voneinander, quasi als Trend, der in der Luft liegt, oder bedingt eines von beiden das jeweils andere? Die kopernikanische Revolution (16. Jh.) fand zumindest lange vor der ersten großen bürgerlichen Revolution (1789) statt.

Wie ist in diesem Zusammenhang der eben angedeutete Paradigmenwechsel im physikalischen Weltbild im 20. Jh., für den neben der Quantenmechanik auch die Relativitätstheorie und die noch junge Chaostheorie stehen, zu bewerten? Sind diese Theorien mit ihrer noch nicht voll erfaßten Bedeutung Indikatoren einer bevorstehenden Umwälzung von Machtstrukturen? Welche gesellschaftliche Gruppe entspräche dem?

Bisher läßt sich allerdings keine Lobby des neuen Paradigmas ausmachen. Vielmehr scheint der Paradigmenwechsel den kapitalistischen Status Quo nicht angetastet zu haben. Die Mächtigen konnten die neuen Theorien sogar machtsteigernd einsetzen, in Form von Kernwaffen und Kernkraft.

Konsequenzen

Die Geschlossenheit der logisch-analytischen Methode bietet ihrem Absolutsanspruch eine hervorragende Plattform. Die Anwendung der Logik auf die formalisierte Abbildung der Wirklichkeit läßt sich nicht angreifen, sie ist selbstkonsistent, nur die Formalisierung selbst ist angreifbar. Diese ist nur möglich bei Abstraktion von individuellen Inhalten des konkreten Problems. Interessanterweise zeigt die Chaostheorie, das die Individualität eines Problems in Gestalt ihrer Randbedingungen erhebliche Auswirkungen auf das Endergebnis haben kann, und daß der Schluß von geringen Ursachen auf geringe Effekt nicht immer gilt. Wer die Formalisierung jedoch vornimmt und beherrscht, kann Macht ausüben. Dies ist ein Punkt, an dem Kritik ansetzen kann, an dem überhaupt mögliche andere Erkenntnis unterdrückt werden kann.

Zwei Alternativen kommen uns in den Sinn:

Die Ablehnung der logisch-analytischen Methode und des mit ihr verbundenen Leistungsprinzips des kapitalistischen Systems und der Übergang zum Lustprinzip (Marcuse) als Grundlage des Handelns und Erkennens.

Eine ganzheitliche, qualititiv ausgerichtete Erkenntnisart, wie wir sie in den asiatischen Philosophien und Wissenschaften finden, wird etabliert. Versuche dazu sind im Westen seit den späten 50er Jahren feststellbar.

Wie wollen wir jedoch die hier ebenfalls lauernde Vereinfachung der Dinge und Einseitigkeit des Erkenntnisprozesses vermeiden? Die Betonung eines qualitativen Elements scheint aber unvermeidlich, da es Wissen individualisieren und einen Mißbrauch von Wissen als Herrschaftswissen, was bei quantifiziertem Wissen einfach ist, zumindest erschweren würde.

Versuch eines Gegenentwurfs: Der umfassend-qualitative Ansatz zur Erkenntnis

Grundidee des Ansatzes

Ein dem Menschen angemessenes Erkenntnissystem sollte in der Lage sein, das Lebenssystem des Menschen so zu erforschen und verstehen, daß alle Komponenten, die dieses Lebenssystem bestimmen, und ihr Zusammenspiel berücksichtigt werden.

Das gegenwärtige Erkenntnissystem ist jedoch geprägt von der Dominanz und Einseitigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis im allgemeinen und der logisch-analytischen Methode wissenschaftlicher Erkenntnis im besonderen sowie von der Zersplitterung in wissenschaftliche Teildisziplinen, die nicht mehr oder nur unter Schwierigkeiten miteinander kommunizieren können. Es ist offensichtlich nicht in der Lage, den oben formulierten Anspruch zu erfüllen. Antworten auf drängende Probleme der Zivilisation, auf Probleme des einzelnen Menschen in der Gesellschaft kann es nicht liefern. Antworten auf Sinnfragen sind schon von vorneherein ausgeblendet, da Sinn nicht Gegenstand von Erkenntnis = wissenschaftlicher Erkenntnis im heutigen Sinne sein kann, obwohl das moderne, naturwissenschaftlich begründete Weltbild den Anspruch erhebt, alle relevanten Fragen beantworten zu können - was wiederum bedeutet, daß alle Sinnfragen irrelevant sind.

Der "umfassend-qualitative" Ansatz (eine schönere Bezeichnung ist uns bisher nicht eingefallen) betont nun, daß sämtliche Arten der Erkenntnis zum Verständnis des Lebenssystems des Menschen wichtig sind: wissenschaftliche Erkenntnis - durch Dialektik, Hermeneutik oder die logisch-analytische Methode -, Meditation, Intuition, aber auch Kunst, spirituelle Erfahrungen... Das Zusammenspiel der verschiedenen Erkenntnisarten, das ja durchaus vorhanden ist, wenn auch immer unter den Tisch gekehrt, könnte systematisiert werden, z.B. durch neue "interdisziplinäre Kommunikationsknoten", die die wissenschaftlichen Disziplinen untereinander und mit dem wirklichen Leben, in dem die anderen Erkenntnisarten ihren Platz haben, verbindet. Es ist nicht einzusehen, warum der tatsächliche Erkenntnisprozeß, in dem Intuition und Querverbindungen zu sachfremden Bereichen (z.B. Kunst im Verhältnis zu Physik) ständig auftreten, in einen erkenntnispsychologischen und einen erkenntnistheoretischen Teil gespalten wird (Popper). Warum wird der Erkenntnisprozeß nicht als ganzes betrachtet und verbessert? Da der erkenntnistheoretische Teil der Logik zugänglich ist, wird er kurzerhand zum eigentlich relevanten Teil des Prozesses erklärt.

Als Basis von Erkenntnis wird beim umfassend-qualitativen Ansatz nicht nur die theoretisch-begriffliche Tradition einer Disziplin akzeptiert, sondern zusätzlich auch ein Fundus aus Kunst, Mystik, alten Theorien, Ereignissen des Lebens etc. Umgekehrt sollen Auswirkungen neuer Erkenntnis auf andere Lebensbereiche und Disziplinen auch von den jeweiligen Forschern selbst berücksichtigt und bearbeitet werden. Mit einem Delegieren an "zuständige" Disziplinen (so der Darmstädter Informatik-Professor Encarnacao bei einer Diskussion zu den Auswirkungen von Virtueller Realität) allein ist es nicht mehr getan.

Dies hat natürlich Auswirkungen auf das wissenschaftliche Studium. Es reicht dann nicht mehr, im eigenen Fach methodisch und inhaltlich beschlagen zu sein. Der umfassend-qualitative Ansatz könnte z.B. durch ein einjähriges Studium Generale als 1. Phase eines jeden Studiums, oder durch die Verpflichtung, fachfremde Zusatzfächer oder wissenschaftstheoretische Vorlesungen zu belegen, unterstützt werden. Ein Blick auf die zur Zeit gängige Praxis an den Universitäten zeigt, daß die oben konstatierte Parallelität von logisch-analytischer Methode und kapitalistischem Wirtschaftssystem, nicht weit hergeholt ist. Im Zuge der Drittmittelforschung an Universitäten, die wegen der verschuldeten öffentlichen Haushalte immer mehr an Bedeutung gewinnt, werden quantifizierbare, verwertbare Ergebnisse des Wissenschaftsbetriebs bevorzugt.

Es geht bei dem umfassend-pluralen Ansatz nicht darum, die logisch-analytische Methode als solche, sondern ihre Dominanz zu überwinden. Alle wissenschaftlichen Disziplinen auf qualitative Methoden festnageln zu wollen, hieße einen umgekehrten Szientismus zu betreiben. Wie sehen qualitative Methoden wissenschaftlicher Erkenntnis aus? P. Feyerabend gibt in seinem Buch "Wider den Methodenzwang" das Beispiel der anthropologischen Feldforschung (S. 327f.). Deren Methode bei der Erforschung einer unbekannten Kultur besteht aus der Internalisierung von Verhaltensweisen und Beziehungen derart, daß diese jederzeit vom Forscher reproduziert werden können. Hierbei wird ausdrücklich von einem Vergleich mit Bekanntem und von einer logischen Rekonstruktion der Verhaltensweisen abgesehen. Dialektik und Hermeneutik lassen sich wohl ebenfalls unter qualitative Methoden fassen.

Eine offene Frage ist, wie qualitative Methoden in stark formaliserten, mathematisierten Disziplinen, aussehen könnten. Was sollen sie dort leisten? Gerade in den Naturwissenschaften wäre ein qualitativer Aspekt eine Bereicherung (den es übrigens Anfang des 19. Jh. einmal gab, vertreten durch Goethe, Schelling, Oerstedt und einige andere). In den mathematischen Sozialwissenschaften, etwa in den Wirtschaftswissenschaften, wäre eine Stärkung qualitativer Methoden bzw. Rehabilitierung, wo nötig, wünschenswert aus der Überzeugung heraus, daß der Mensch nicht vollständig auf formalisierte Parameter reduzierbar ist. Als Beispiel für eine qualitative, empirische Theorie in der VWL kann Mancur Olsons empirisch gewonnene "Logik kollektiven Handelns" dienen, die ohne eine mathematische Darstellung auskommt.

Das Problem der Meta-Ebene

Vertreter verschiedener Disziplinen und Lebensbereiche, die verschiedene Fachmethoden haben oder sich nicht-wissenschaftlicher Erkenntnisarten bedienen, können in einem "interdisziplinären Knotenteam" nur zusammenarbeiten, wenn sie gewisse Kriterien für eine interdisziplinäre Arbeit anerkennen. Dieser Kriterienkatalog des umfassend-qualitativen Ansatzes, die Meta-Ebene der verschiedenen Erkenntnisarten und Methoden, müßte auf jeden Fall enthalten:

Wissenschaftliche Erkenntnis, Politik und Gesellschaft

Dieser Abschnitt enthält enthält einige abschließende thesenartige Bemerkungen zum Verhältnis von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft.

 

Dabei waren:

Niels Boeing, Richard von Heusinger, Robert von Heusinger,, Knut Stahrenberg, Justin Stauber, Karsten Strege


Quelle: http://www.is-bremen.de/abiw/physik/py1396/erkenntnis.html (98-03-20)