Bildungstheoretische Didaktik
Modell der Unterrichtsvorbereitung
- Ausgang: vorgegebener Rahmenlehrplan, Stundenplan
etc.
- 1. Schritt: Didaktische Analyse (= wichtigster Schritt
der Unterrichtsvorbereitung)
- 2. Schritt: Methodische Vorbereitung
Didaktische Analyse
Konkretisierung des Bildungsgehalts anhand fünf didaktischer
Grundfragen, die in wechselseitiger Abhängigkeit stehen:
- Welchen größeren bzw. welchen allgemeinen Sinn-
oder Sachzusammenhang vertritt und erschließt dieser
Inhalt?
- Welches Urphänomen oder Grundprinzip, welches Gesetz,
Kriterium, Problem, welche Methode, Technik oder Haltung
lässt sich in der Auseinandersetzung mit ihm
"exemplarisch" erfassen?
- Wofür soll das geplante Thema exemplarisch,
repräsentativ, typisch sein?
- Wo lässt sich das an diesem Thema zu Gewinnende als
Ganzes oder in einzelen Elementen - Einsichten, Vorstellungen,
Wertbegriffen, Arbeitsmethoden, Techniken - später als
Moment fruchtbar machen?
- Welche Bedeutung hat der betreffende Inhalt bzw. die an
diesem Thema zu gewinnende Erfahrung, Erkenntnis, Fähigkeit
oder Fertigkeit bereits im geistigen Leben der Kinder meiner
Klasse, welche Bedeutung sollte er - vom pädagogischen
Gesichtspunkt aus gesehen - darin haben?
- Ist das geplante Thema bereits in der Klasse durch Fragen
aufgeworfen worden?
- Ist das Thema diesen Kindern (einigen, allen) aus der
außerschulischen Erfahrung bekannt oder nicht?
- Spielt es eine lebendige Rolle im außerschulischen
oder im schulischen Leben dieser Kinder?
- Muss also die auf dieses Thema gerichtete Ausgangs- oder
Zugangs-Fragestellung erst geweckt werden - vielleicht durch
Erschütterung scheinbarer Selbstverständlichkeiten -,
oder kann sie als lebendig vorausgesetzt werden? (Z. B.
Fahrrad, Auto; Obstbäume; Ritterleben; Zinsrechnung;
Stilform des Briefes; dagegen: Induktionsstrom; Kreislauf des
Wassers; Gewerkschaftsbewegung; Multiplikation und Division von
Brüchen bzw. durch sie; Zeichensetzung bei der
wörtlichen Rede.)
- Von welchen Aspekten aus haben die Schüer bereits
Zugang zum Thema, welche sind ihnen noch fremd? (Beim Thema
"Vögel unserer Heimat" etwa:
- Die Kinder kennen vielleicht Vögel als Sänger,
als Kirschen- und Körnerdiebe; der wirtschaftliche Nutzen
der Vögel für den Menschen ist ihnen u. U. noch nicht
bewusst.)
- Worin liegt die Bedeutung des Themas für die Zukunft
der Kinder?
- Hat dieser Inhalt eine lebendige Stellung im geistigen
Leben der Jugendlichen und Erwachsenen, in das die Kinder
hineinwachsen sollen, oder lässt sich begründen,
daß er sie erhalten wird oder erhalten müsste?
- Ist dieser Inhalt ein echtes Element einer (im guten Sinne
verstandenen) Allgemeinbildung, oder stellt er einen
verfrühten Vorgriff auf irgendeine Spezialausbildung -
etwa eine Berufslehre - vor? (Im letzten Falle müsste man
auf ihn verzichten.)
- Ist der Zukunftsbezug dieses Inhaltes den Kindern bereits
bewusst, kann er ihnen eröffnet werden, oder ist er so
schwer einsehbar, dass er den Kindern einstweilen noch
verborgen bleiben und zunächst allein durch den Erzieher
verantwortet werden muss?
- Welches ist die Struktur des (durch die Fragen I und II und
III in die spezifisch pädagogische Sicht gerückten)
Inhaltes?
- Welches sind die einzelnen Momente des Inhaltes als eines
Sinnzusammenhanges?
- In welchem Zusammenhang stehen diese einzelnen
Momente?
- Ist der betreffende Inhalt geschichtet? hat er verschiedene
Sinn- und Bedeutungsschichten?
- In welchem größeren sachlichen Zusammenhang
steht dieser Inhalt? Was muß sachlich vorausgegangen
sein?
- Welche Eigentümlichkeiten des Inhaltes werden den
Kindern den Zugang zur Sache vermutlich schwer machen?
- Was hat als notwendiger, festzuhaltender Wissensbesitz
("Mindestwissen") zu gelten, wenn der im Vorangegangenen
bestimmte Bildungsinhalt als angeeignet, als "lebendiger",
"arbeitender" geistiger Besitz gelten soll?
- Welches sind die besonderen Fälle, Phänomene,
Situationen, Versuche, in oder an denen die Struktur des
jeweiligen Inhaltes den Kindern dieser Bildungsstufe, dieser
Klasse interessant, fragwürdig, zugänglich, begreiflich,
"anschaulich" werden kann?
- Welche Sachverhalte, Phänomene, Situationen, Versuche,
Kontroversen usw., m. a. W.: "Anschauungen" sind geeignet, die
auf das Wesen des jeweiligen Inhaltes, auf seine Struktur
gerichtete Fragestellung in den Kindern zu erwecken, jene
Fragestellung, die gleichsam den Motor des Unterrichtsverlaufes
darstellen muss?
- Welche Anschauungen, Hinweise, Situationen, Beobachtungen,
Erzählungen, Versuche, Modelle usw. sind geeignet, den
Kindern dazu zu verhelfen, möglichst selbständig die
auf das Wesentliche der Sache, des Problems gerichtete
Fragestellung zu beantworten?
- Welche Situationen und Aufgaben sind geeignet, das am
exemplarischen Beispiel, am elementaren "Fall" erfasste Prinzip
einer Sache, die Struktur eines Inhaltes fruchtbar werden, in
der Anwendung sich bewähren und damit üben (-
immanent wiederholen -) zu lassen?
Methodische Vorbereitung
Die Eigenart des zweiten Vorbereitungsschritte, der methodischen
Planung, kann hier nicht mehr ausführlich erörtert werden.
Diese Vorbereitungsphase muss sich unseres Erachtens vor allem auf
folgende vier Fragenkreise konzentrieren:
- Die Gliederung des Unterrichts in Abschnitte oder Phasen oder
Stufen.
- Die Wahl der Unterrichts-, Arbeits-, Spiel-, übungs-,
Wiederholungsformen.
- Der Einsatz von Hilfsmitteln (Lehr- und Lern- bzw.
Arbeitsmittel).
- Die Sicherung der organisatorischen Voraussetzungen des
Unterrichts.
Natürlich werden dem Praktiker schon im Zuge der didaktischen
Analyse immer methodische Einfälle kommen. Totzdem kann die
methodische Vorbereitung, die ja dann den Grundriss der
tatsächlichen Unterrichtsgestaltung darstellt, im Zusammenhang
eigentlich erst nach der didaktischen Analyse durchgeführt
werden. Das ist gerade auch deshalb wesentlich, weil der oben
dargelegte Grundriss didaktischer Fragen in seinem Aufbau durchaus
nicht identisch ist mit der zeitlichen Reihenfolge der methodischen
Unterrichtsschritte.
Siehe dazu:
Quellen:
Klafki, Wolfgang (1958). Didaktische Analyse als Kern der
Unterrichtsvorbereitung". Die Deutsche Schule, S. 450 - 471.
Klafki, Wolfgang (1962). Didaktische Analyse als Kern der
Unterrichtsvorbereitung". In H. Roth und A. Blumenthal (Hrsg.),
Auswahl Reihe A, Heft 1 - Grundlegende Aufsätze aus der
Zeitschrift "Die Deutsche Schule": Didaktische Analyse (S. 5 - 34),
Hannover: Schroedel
Klafki, Wolfgang (1963). Studien zur Bildungstheorie und Didaktik.
Durch ein kritisches Vorwort ergänzte Auflage 1975, Weinheim und
Basel: Beltz, darin enthalten: Fünfte Studie: Didaktische
Analyse als Kern der Unterrichtsvorbereitung" (1958), S. 126 -
153.
http://members.tripod.de/FrankGemkow/klafkibd.htm
©opyright Werner Stangl,
Linz 1997.
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